Garvis Chamäleon
von Furimande
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Garvis Todorowski stieg aus dem gelben Wagen und stolzierte mit seinem
Werkzeugkoffer festen Schrittes auf das Wachhäuschen zu.
Der Typ hinter der Glasscheibe bemerkte ihn erst, als er energisch gegen
die Makroplastscheibe klopfte.
Der Wachmann aktivierte die Gegensprechanlage.
"Parkdeck 32", maulte Garvis. "Wo isn das?"
"Können sie sich ausweisen?", fragte der Wachmann lediglich.
Garvis seufzte genervt und zog eine Karte aus der Brusttasche. Die
kleine Karte zeichnete ihn als Techniker der vom Konzern angestellten
Wartungsdienst aus. "Mach hinne, Kumpel. Meine Alte wartet zu hause mit
dem Essen auf mich!"
Der Wachmann nahm die Karte entgegen und überprüfte sie genau. Garvis
wurde nervös. Er schluckt es nicht, bemerkte er. Die Körperhaltung des
Wachmanns zeigte das ganz deutlich. "Mir wurde kein Vorfall gemeldet,
und auch nicht die Ankunft eines Technikers." Der Wachmann aktivierte
eine Telekomleitung und verband sich mit dem Wartungsdienst.
Also gut, Plan B.
Verwirrung wirbelte durch seine Augen. "Das Scheiß Ding spinnt mal
wieder. Ich bekomme kein Freizeichen."
Garvis lächelte spöttisch. "Deswegen bin ich ja da Kumpel." Der Wachmann
war immer noch skeptisch.
"Hör mal.", jammerte Garvis. "Wenn Du denkst, ich sei irgend ein Punk,
der sich hier was unter den Nagel reißen will:
Meinen Ausweis hast Du. Und wenn es Dich beruhigt, kannst Du mich
durchsuchen, so ka? Ich will nur meinen Job erledigen und dann nach
hause zu einem Kühlen Bier!"
Garvis stellte sich ein wenig weiter von dem Wachhaus weg und streckte
die Arme aus der Kasten stand noch immer vor der Makroplastscheibe.
"Das ist nicht nötig.", stammelte der Wachmann. "Ich werde einfach
jemanden rufen, um die Sache...."
"Kumpel, willst Du wegen solch einer Lappalie niemanden aus dem Bett
rufen?", merkte Garvis an. Er holte seinen Dienstausweis und die
Auftragspapiere aus der Tasche und legte ihn auf den Werkzeugkoffer.
"Ist ja Vorbildlich, daß Du Deinen Job so ernst nimmst, aber das tue ich
auch. Überprüf mich einfach und dann laß mich meine Arbeit erledigen.
Dann komme ich hier schnell weg."
Der übereifrige Wachmann stutzte. Jemand, der so versessen darauf war,
überprüft zu werden, konnte kein Einbrecher sein. Erst recht kein
Shadowrunner. Vielleicht lag hier wirklich nur ein Irrtum vor und man
hatte vergessen, ihm den Wartungsauftrag mitzuteilen. Er seufzte und
öffnete die Tür des Wachhauses.
Garvis stellte sich neben seinem Koffer und streckt die Hände sichtbar
von seinem Körper weg. Nichts in seiner Haltung deutete auf etwas
merkwürdiges hin.
Der Wachmann hielt seine Hand an dem Kolben seiner Walther, mit der
anderen griff er nach dem Ausweis und den Papieren, nicht ohne den Blick
von dem Techniker zu lassen.
Die Papiere schienen in Ordnung. Der Typ kam von dem Wartungsteam, daß
mit dem Konzern unter Vertrag stand, arbeitete dort schon seit einigen
Jahren.
Der Wachmann deutete Garvis, sich umzudrehen. Er klopfte ihn gründlich
ab ertastete einen schweren Gegenstand in der rechten Tasche des
Overalls. Als er es herausholte, entpuppte es sich als ein
Multifunktionswerkzeug.
Garvis drehte sich wieder um und der Wachmann gab ihm das Gerät wieder
zurück.
"Nichts für ungut, Kumpel.", sagte er, jetzt schon ein wenig
freundlicher. "Aber es ist mein Job."
"Mach ruhig.", lächelte Garvis. "Nicht, daß Du wegen mir Ärger
bekommst."
Der Wachmann bückte sich und öffnete den Werkzeugkoffer, um den Inhalt
zu überprüfen. Als er die Lade aufklappte, brach die Kapsel auf und das
Betäubungsgas strömte ihm entgegen.
Ohne einen Laut brach der Wachmann über dem Koffer zusammen. Garvis
lächelte. Der Trick zog noch jedesmal.
Er schleifte den Wachmann zurück in das Häuschen, setzte ihn auf den
Stuhl und legte seinen Kopf und seine Arme auf die Konsole.
"Schlafen während der Arbeit.", murmelte der falsche Techniker
entrüstet. "Das wird Ärger geben, Kumpel."
Er nahm die Schlüssel des Wachmanns an sich und verschloß das Häuschen
von außen. Dann zerstörte er das Schloß.
Dem Werkzeugkoffer entnahm er seine Narcojet und verstaute ihn in seinem
Overall. Ab jetzt würde es schwieriger werden.
Garvis ging zu dem Fahrstuhl und wartete, bis dieser zu ihm runter kam.
Mit einem fast unhörbaren zischen öffnete sich der Lift und er trat in
die Kabine. Wie beiläufig schaute er zu der versteckten Kamera. Die
Dinger waren immer an der gleichen Stelle angebracht.
Und der Tote Winkel war immer an der Konsole. Zumindest bei diesem
Standardmodell. Er verstand nicht, warum einige Konzerne dies nicht
änderten, aber im Moment war er froh darüber.
Er trat zur Konsole und öffnete das Paneel.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er ein kleines Gerät und verband es mit
den Kontrollen. Sehr gut, kein Alarm ausgelöst. Dann sollte das hier
auch nicht auffallen. Garvis verband die Klemmen mit den beiden
unscheinbaren Tafeln und trat zurück. Für einige Sekunden stellte er
sich wieder mitten in die Kabine, genau in den Erfassungsbereich der
Kamera und drückte auf den Knopf der kleinen Fernbedienung in seiner
Hand. Die Kamera würde jetzt dieses Bild von ihm speichern und immer
wieder abspielen. Außerdem würde es seinen langen Aufenthalt an der
Konsole löschen und ebenso überspielen. Ein kleines Geschenk von einer
Deckerin. Sie hatte ihm versichert, daß es hundertprozentig
funktionieren würde und Garvis hoffte, das dies auch der Fall ist.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er noch ein kleines Geschenk, das hatte
er von seinem Schieber bekommen und plazierte es neben der Tür im Toten
Winkel.
Mit einem sanften Ping signalisierte der Fahrstuhl, daß er auf Ebene 32
angekommen wäre und die Türen öffneten sich.
Garvis sah sich zwei gut gekleideten Wachoffizieren gegenüber, die ihn
fragend ansahen und in ihr Jackett griffen. Er legte das bestürzteste
und gehetzte Gesicht auf, das er konnte und rief atemlos. "Bitte! Hilfe,
dort unten sind Einbrecher!" Er stürzte panisch auf die Offiziere zu.
Einer fing ihn auf und mahnte ihn zur Ruhe. "Wovon reden sie? Wer sind
sie überhaupt?"
"Frank Mossberg, Technischer Wartungsdienst! Ich wurde geschickt, um auf
dem Parkdeck defekte Leitungen zu überprüfen, als sie kamen! Sie haben
auf mich geschossen!"
"Wer?", wollte der andere wissen.
"Ich weiß es doch nicht!", jammerte Garvis. "Ich wollte doch nur meinen
Job machen, als ich die Schüsse hörte! Der Wachmann wurde getroffen. Ich
glaube...er ist tot! Ich brauche Hilfe!"
"Wieso kommen sie damit zu uns? Wissen sie, wo sie sind?"
"Mann! Ich hab doch keine Ahnung! Ich stürmte in den offenen Lift und
drückte auf irgendeinen Knopf: Ich hab gehofft, irgend jemanden
anzutreffen! Ich hatte einfach Scheißangst!"
"Beruhigen sie sich.", sagte einer der Wachmänner. "Wir werden nach
unten fahren und uns das ansehen. Sie bleiben hier und warten auf meinen
Kollegen."
Der andere Wachmann griff sich an den Kragen. Dann hob er seine
Augenbraue. "Das Blöde Ding ist mal wieder gestört." Er wandte sich zu
seinem Kameraden. "Wir geben vom Fahrstuhl aus Alarm."
"Sie warten hier, genau hier.", ermahnte ihn der andere Offizier,
während beide in den Fahrstuhl stiegen.
Als einer der beiden zur Konsole ging, wurden seine Augen vor
Überraschung groß. Noch bevor er Garvis einen Blick zuwerfen konnte oder
seine Waffe ziehen, schloß sich die Kabinentür und verriegelte sich.
Garvis hörte das dumpfe Geräusch zweier auf den Boden fallenden Körper
und das klappern einer Waffe.
Er grinste. Gamma-Skopolamin ist in diesem Falle absolut zuverlässig.
Und NeTec sollte seine Sicherheit besser ausbilden. Sie waren keine
Sekunde mißtrauisch gewesen.
Garvis drückte auf den Türknopf des Fahrstuhls. Die Schiebetüren
öffneten sich erneut und gaben den Blick die beiden bewußtlose Wächter
frei, die neben seinem Werkzeugkasten auf dem Boden lagen. Er stelzte um
die beiden Wachen herum und hob den Kasten auf. "Tut mir leid, Jungs.",
sagte er und grinste. "Aber Dummheit sollte nun mal bestraft werden."
Er öffnete den Werkzeugkoffer und entnahm ihm ein kleines Modul, daß er
in das noch immer geöffnete Paneel der Liftsteuerung drückte. Ein
weiteres Geschenk von einem Deckerfreund. Das Licht erlosch
augenblicklich, nur um gleich wieder anzuspringen.
Garvis verließ die Kabine und die Türen verschlossen sich automatisch.
Die Etagenanzeige über der Kabine blinkte jetzt mit der Aufschrift
"Außer Betrieb" abwechselnd in den Sprachen Deutsch, Englisch und
Japanisch.
Dieser Teil seines Plans war bisher der unsicherste gewesen. Er wollte
ihn eigentlich anders lösen, weil der Trick mit dem Fahrstuhl zu viele
Unsicherheiten aufwies. Wären die Wächter nicht in die Kabine gegangen
oder nur einer von ihnen, hätte er sicher einen Weg gefunden, sie mit
der Narcojet zu betäuben. Aber die Synchronschleife der Videoüberwachung
war ein reiner Glücksfaktor gewesen. Die Tatsache, daß er hier noch
stand, war der einzige Beweis dafür, daß der Sicherheitsangestellte zum
richtigen Zeitpunkt weggeschaut hatte. Die Sicherheit von NeTec stand
allgemein in dem Ruf, nicht besonders herausfordernd zu sein. Das
Sicherheitspersonal war schlampig und besaß nicht viel Motivation, die
technischen Einrichtungen hingen dem Standart immer ein wenig hinterher.
Der einzige Grund, warum NeTec nicht von Shadowrunnern regelrecht
überflutet wurde, war der Grund, daß sich andere Konzerne nicht sehr für
NeTec interessierten. Sie hatten keine Projekte oder Produkte, die sie
auf dem Markt zu einem echten Konkurrenten machen würden, und keiner der
Großen Acht oder der anderen Konzerne, die einer der Acht werden
wollten, sah in NeTec einen starken Widersacher.
Das war vor zwei Wochen. Der Vorstand aus Seattle hatte einen neuen CEO
geschickt und mit ihm einen ganzen Stab von Personal, so daß die
Exekutive Ebene bis hin zu den Wissenschaftlern, Managern, Anwälten und
Finanzexperten komplett umstrukturiert wurde.
Irgendwas war im Busch und die anderen Konzerne witterten das mit den
Instinkten eines hungrigen Hais.
Genau aus diesem Grund hatte Yamatetsus Zweigstelle einen Maulwurf
eingeschleust, der über die neuen Veränderungen Bericht erstatten soll.
Ähnliche Gerüchte kursierten auch in den Schatten und dort war man in
der Regel ein wenig besser informiert. Die örtlichen Triaden wußten ganz
genau, worum es ging. Und sie würden Garvis eine unanständig hohe Summe
bezahlen, wenn er ihnen den Chip des Maulwurf bringen würde, auf dem
die neuen Projekte und die Gründe für den Personalwechsel festgehalten
sind.
Garvis war sich zuerst nicht sicher, ob er diesen Job wirklich annehmen
wollte. Sicher, die Summe, die für dafür ausstand, war mehr als
verlockend und er hätte Monatelang im Reichtum schwelgen können, ohne
einen neuen Job annehmen zu müssen, wenn er dieses Ding durchziehen
würde. Aber neue CEOs und neue Projekte bedeuten auch immer neue
Sicherheit. Und bessere...
Aber auch in diesem Fall waren die Triaden erstaunlich gut informiert.
Der interne Machtwechsel des NeTec-Konzerns in Hannover ging so schnell
von statten, daß man annehmen mußte, er wurde entweder von einem
größeren Konzern geschluckt oder NeTec versuchte, dies mit drastischen
Maßnahmen zu verhindern. Das war ein anderes Problem, dachte Garvis.
Wenn man keine ernsthafte Konkurrenz für die Megakons darstellte, hieß
das noch lange nicht, daß man Narrenfreiheit besaß. Es hieß eigentlich
nur, daß man über kurz oder lang von einem dieser Kons einverleibt
wurde.
Die Sicherheit von NeTec war noch immer im Hintertreffen. Die interne
Umstrukturierung brachte die üblichen Bürokratischen Einbußen mit sich,
und bis der neue CEO alles nach seinen Wünschen arrangiert haben würde,
war es noch eine lange Zeit. Und in dieser Zeit war die Sicherheit noch
schlampiger und somit verwundbarer als vorher. Die einzige
Lebensberechtigung, die der Konzern noch hatte, war die Tatsache, daß
dies ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis war. Schieber verkauften diese
Information für sehr hohes Geld und Shadowrunner standen trotz ihrer
Arbeitsweise nicht gerade in dem Ruf, die Katze im Sack zu kaufen.
Die Megakons versuchten die kursierenden Geschichten über NeTec
ebenfalls für sich zu behalten. Den Vorteil hatte der, der davon wußte
und zuerst zuschlug.
Und die Syndikate, sie wußten auch davon.
Was für ein Interesse die Chinesen an dem Konzern hatten oder was sie
sich von den Informationen versprachen, konnte sich Garvis nicht
zusammen reimen. Aber letztendlich war ihm das auch egal. Er stand mit
den Triade auf gutem Fuß, und wenn sie ihm einen solchen Job anboten -
viel, sehr viel Kohle bei minimalem Risiko - war das gleichbedeutend mit
eine Geschenk. Daß sie ihn aufgrund irgendeiner Streitigkeit abschieben
wollten, glaubte er kaum. Er hatte keine Streitigkeiten mit den
Chinesen, und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, so hätten sie ihn
kaum mit so einem Angebot auf Konzerngelände gelockt, um ihn
loszuwerden. Die Triaden hatten ihre eigenen Methoden. So oder so war
Garvis jetzt im Gebäude von NeTec, keine Hundert Meter entfernt von
einer Party, voll mit schönen, kühlen Frauen, schleimigen Execs, Hors
d´oeuvré, echtem Champagner und einem Chip, der wahrlich Gold wert war.
Ach was Gold - Platin! Oder besser, überlegte Garvis in kindischer
Vorfreude, soviel Wert wie Orichalkum!
Garvis entfernte die Nasenfilter und verstaute sie in seiner
Wunderkiste. Dann ging er in eine der Besenkammer.
Kleine Räume mit Reinigungsutensilien gab es auf jedem Stockwerk, ebenso
wie Toiletten. Und obgleich die allermeisten Leute beschwören würden,
auf der Chefetage gäbe es keine Überwachungskameras auf dem noblen
Örtchen, glaubte Garvis eher an das allgemeine Konzernmantra "Vertrauen
ist gut - Kontrolle ist besser!"
Auf jeden Fall, und das wußte er, wurden die Besenkammern nicht
überwacht.
Sein Werkzeugkasten hatte noch ein unteres Fach, getrennt von den
aufklappbaren Kammern oben. Es ließ sich komplett abschieben und
enthüllte Garvis einen teuren Anzug. Das Ding wurde speziell für ihn
angefertigt.
So lächerlich es auch klingen mag, aber die Garderobe war anfangs für
ihn ein echtes Problem gewesen.
In entsprechend angemessener Garderobe wäre er nicht in das Gebäude
gekommen, ohne dabei den meisten Kontrollen zu entgehen, also mußte er
sich im Gebäude umkleiden. Das Risiko, auf jemanden seiner Größe in der
Toilette zu warten und ihm die Kleidung abzunehmen, wollte er gar nicht
erst eingehen. Das klappt in den Trideos vielleicht immer, aber die
Zufälle und Probleme, die sich bei einer solchen Aktion aneinander
reihten, wurden im Drehbuch meist weggelassen.
Der Anzug war komprimiert worden, in einem speziellen Verfahren, damit
er in das untere Fach paßte. Er hatte ähnliches mal in einem uralten
Superhelden-Comic gesehen und hatte im nachhinein überlegt, daß so
etwas, bei dem heutigen Stand der modernen Textilien bis zu einem
gewissen Grad möglich sein sollte. Der Typ, der ihm den Anzug
angefertigt hatte, meinte, so etwas gäbe es, und der Zweireiher würde
sich von der anderen teuren Mode der Execs in nichts unterscheiden.
Außer im Material.
Sicher, der Stoff war absolut synthetisch. Keine Baumwolle, Seide oder
irgend etwas anderes. Aber der Anzug war dennoch genauso teuer gewesen,
als wäre er aus echter Spinnenseide. Das war der Preis dafür, daß Garvis
seine Garderobe verstecken konnte und sie nach dem Ankleiden immer noch
aussah wie von Zoé.
Garvis klappte den Werkzeugkoffer auf und holte einen Spiegel heraus. Er
war nicht sehr groß, mußte aber reichen.
Der Anzug saß perfekt, sah edel und unerschwinglich teuer aus und hatte
wie versprochen keine Falten. Als er die Kontaktlinsen einsetzte und die
sorgsam ausgewählten Tattoos auf seinen Hals und seine Stirn preßte,
war er ganz der schleimige, aufstrebende Exec nach der neuesten Mode.
Dem Koffer entnahm er noch eine kleine Fichetti, die Narcojet ließ er
zurück, sie war zu groß. Den Koffer auch. Wenn alles nach Plan lief, war
er in einer halben Stunde wieder aus dem Gebäude.
Garvis trat festen Schrittes auf den Flur, trug seinen Anzug und die
arroganteste Miene, der er mit seinen schauspielerischen Talent fähig
war und schritt in Richtung der beiden Doppeltüren, hinter der sein Geld
lag.
Vor der Tür stand noch zwei Wachen. Sie waren Besser gekleidet als die
beiden vor dem Fahrstuhl und schienen auch professioneller zu sein. Ihre
Körperhaltung, die ganze Sprache, die ihre subtilen Bewegungen
offenbarten, verriet ihm das.
Garvis beachtete die beiden nicht. Er ging an ihnen vorbei, auf die Tür
zu, als wären sie gar nicht da.
Die beiden ignorierten ihn ebenso.
Dann, bevor er die Tür aufstoßen konnte, hörte er, wie sich einer der
beiden zu ihm umdrehte. "Sir?"
Garvis blieb stehen und drehte sich mit deutlichem Ausdruck ungehaltenen
Empören um und starrte den Wächter nieder.
"Entschuldigen sie meine Aufdringlichkeit, Sir. Aber Waffen sind auf der
Veranstaltung nicht erlaubt."
"Wovon reden sie?", blaffte Garvis mit unveränderter Miene.
Der Wachmann war unschlüssig. Er konnte Garvis unmöglich nach Waffen
abtasten.
Aber er hatte die Fichetti unter dem Jackett erkannt. Unsicher zeigte er
auf die Stelle, wo sie sich befinden sollte und nickte Garvis zu. "Ihre
Waffe, Sir. Sie dürfen sie nicht mit hinein nehmen. Sie haben
wahrscheinlich vergessen, sie in ihrem Auto abzulegen. Kommt vor."
Garvis starrte den Mann an, als hätte er ihn gerade mit einem Sasquatsch
verglichen, dann sah er ungläubig an seinem Jackett herunter und
tastete nach der Waffe.
"Tatsächlich, murmelte er erstaunt. "Ich habe sie gar nicht bemerkt!"
Der Wachmann hatte seine Hand noch immer ausgestreckt und räusperte sich
höflich. "Würden sie mir bitte ihre Waffe aushändigen? Ich werde sie
für sie bis zum Ende der Feier aufbewahren."
Garvis versteifte sich. "Wie ist ihr Name.", befahl er dem Wachmann.
"Officer Martens. Richard Martens, Sir. Dienstnummer: NSD 2234
RM-8539.", antwortete der Mann folgsam. Schweißperlen tauchten auf
seiner Stirn auf.
"Martens, Mhmh.", sagte Garvis nur und durchbohrte den nervösen Wachmann
mit seinen Blicken. "Sie machen hier hervorragende Arbeit. Ich werde
sie wohl lobend erwähnen müssen.", lächelte er, als hätte er eben einen
besonders tollen Witz gemacht. "Machen sie weiter so, und sie sind bald
Leiter der Sicherheitsabteilung."
"D-danke, Sir...", entfuhr es dem Wachmann völlig verblüfft. Die Waffe
hätte er beinahe fallen lassen, die Garvis ihm in die Hand drückte. So
überrascht war er.
Der andere Wachmann drückte für ihn die Tür auf.
Garvis hätte am liebsten laut losgelacht. Einer der ältesten Tricks,
aber sie fallen alle darauf rein. Nimm eine Waffe mit, und verbirg sie
nicht. Wer es mit einer Waffe bis hierher schafft, muß ein Exec sein,
kein anderer würde soweit kommen. An Ausnahmen dachten sie nicht. Der
Officer würde jetzt nicht mehr an ihm zweifeln und versuchen, sein
Gesicht zu vergessen. Und das Lob. Das war immer gut. Mach sie nervös,
dann lobe sie. Anschließend kriechen sie hinter Dir her.
Die Party war nicht gerade ein Brüller, aber nichts anderes hatte er
erwartet. Ein Quintett auf einer kleinen Bühne spielte klassische
Stücke, Tische und Sitzgelegenheiten säumten die Wand rechts von ihm,
eifrige Bedienstete huschten zwischen den Anwesenden herum, nahmen leere
Gläser entgegen und tauschten sie gegen gefüllte und boten kleine
Leckerbissen an. Garvis dachte kurz darüber nach, daß die winzig kleinen
Häppchen auf einem Tablett zusammen mehr kosteten, als ein einfacher
Sararimann in einem Monat verdiente. Und man bräuchte Fünfzig solcher
Tabletts, um eine Familie satt zu kriegen. Die Welt der oberen
Zehntausend war eine verrückte, skurrile Welt. Er liebte sie!
Ohne hinzusehen nahm er ein Glas mit Champagner von dem Tablett eines
vorbeigehenden Bediensteten und gesellte sich zu einer kleinen Gruppe
Männer und Frauen, die anregende Gespräche über Aktien, ihre Kinder auf
der Universität und den exklusivsten Restaurants in der Stadt führten.
Garvis gleitete geschickt in das Gespräch mit ein. Die Gruppen, die er
abklapperte, akzeptierten ihn, die Männer waren höflich und gesprächig,
die Frauen charmant und flirteten subtil mit ihren prüfenden Blicken.
Garvis tat dies nicht sehr oft. Meistens schlug er sich auf Szeneparties
herum oder anderen Veranstaltungen gleicher Art. Die Feiern der Execs
betrat er seltener und er mußte sich zusammen nehmen, um nicht zu
übertreiben. Es wäre ein leichtes gewesen, die Menschen hier um den
Finger zu wickeln. Aber das wäre gleichbedeutend mit seiner Enttarnung
gewesen. Wenn sich zu sehr in den Mittelpunkt drängte, würde früher oder
später jemand erfahren wollen, wer er ist und in welcher Abteilung er
arbeitete. Und wenn die Leute anfingen, bei den falschen Personen Fragen
zu stellen, konnte es durchaus passieren, daß jemand auf ihn aufmerksam
wurde, der es nicht werden sollte.
Im Moment baute seine Strategie auf höfliche Konversation, kleinen
Flirts und der Tatsache, daß hier über zweihundert Leute versammelt
waren und die Hälfte von ihnen erst seit zwei Woche in Hannover lebte.
Garvis erkannte sein Ziel. Eine schlanke Elfe mit roten, fließenden
Haaren und einem grün schimmernden Kleid, daß sich perfekt an ihren
Körper schmiegte. Sie besaß Kurven, die jeden Mann zum flehen gebracht
hätten und so lange, wohlgeformte Beine, daß einige der Orbitalstationen
wohl gerade mit dem Gedanken rangen, ihre Umlaufbahn zu reduzieren...
Sie stand bei einer kleinen Gruppe und unterhielt sich mit einigen
Männern aus dem Vorstand. Garvis erkannte sie, weil er Fotos von ihnen
auf einer seiner Zeitschriften gesehen hatte.
Garvis blieb bei seiner Gruppe und beschränkte sich vorläufig darauf,
immer wieder zu ihr herüber zu schauen, bis sie seine Blicke erwiderte.
Dann hob er das Glas zu einem angedeutetem prosten und nahm einen
Schluck, ohne dabei den Blick von ihr zu nehmen. Erst, als er das Glas
wieder absetzte, wandte er sich wieder seinen Gesprächspartnern zu.
Von Zeit zur Zeit sah er zu ihr hinüber, und stellte fest, daß sie seine
Blicke erwiderte, darauf zu warten schien, ob er noch mal hinschaute.
Keiner der beiden machte Anstalten, auf den anderen zuzugehen, sie
beschränkten sich lediglich darauf, flüchtige, bedeutungsvolle Blicke
auszutauschen.
Irgendwann wandte sie sich von ihren Gesprächspartnern ab und ging zu
der riesigen, transparenten Panoramawand.
Ja! Jubelte Garvis innerlich. Der Charme eines Elfen, vermischt mit
seinen Talenten war einfach unschlagbar. Sie hatte angebissen.
Garvis entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern und folgte ihr
zur Fensterfront.
Die Elfe starrte auf die Lichter der Stadt hinunter und strich sich mit
dem Zeigefinger der rechten Hand gedankenverloren über das
Schlüsselbein.
"Wenn sie weiterhin mit so verträumten Augen auf die Nacht schauen,
werden sich die Hubschrauber verfliegen."
Sie drehte sich mit gespielter Überraschung zu ihm um. "Das dürfte nicht
der Fall sein.", lächelte sie sanft. "Wenn sie einen Mann neben mir
stehen sehen, drehen sie sicher enttäuscht ab."
Garvis erwiderte das Lächeln. "Vielleicht werden die Piloten
eifersüchtig und nehmen mich aufs Korn. Das gäbe eine Katastrophe."
"Für die Anwesenden oder für sie?"
"Für mich." Garvis nippte an seinem Champagner. "Es nähme mir die
Chance, die einzige bezaubernde Frau auf dieser Party kennen zu lernen."
"Dann sollten wir uns einen sicheren Platz suchen."
Garvis nickte. "Ich hoffte, sie würden das sagen."
Sie lächelte ihn amüsiert an und folgte seinem Arm, mit dem er galant
auf einer der kleinen Sitzgruppen zeigte.
Sie nahm in dem gemütlichen Sessel Platz und sofort war ein Bediensteter
da, um die Champagnergläser zu tauschen. Sie winkte ab, Garvis nahm
noch ein Glas. Heute konnte er sich Alkohol leisten. Für den Fall, daß
er hier viel trinken mußte, hatte er Medikamente genommen, die den
Rausch verhindern würden, zumindest für einige Zeit.
"In welcher Abteilung sind sie tätig?", fragte sie unverblümt. "Oder
kommen sie aus Seattle?"
Garvis zog ein übertrieben enttäuschtes Gesicht. "Ich komme zu einer
langweiligen Pflichtveranstaltung, treffe eine bezaubernde Frau, und das
erste, was sie mich fragt, sobald wir alleine sind, ist meine Arbeit.
Sie sehen mich betrübt." Er griff sich ans Herz. "Wollen wir wirklich
über Arbeit reden?"
Die Elfe lachte, diesmal sogar ein wenig natürlich. "Sie haben recht,
Entschuldigung."
"Betrachten sie mich als Mitarbeiter einer Sonderklasse, meine Stellung
wird normalerweise nicht erwähnt."
Ihr lachen brach abrupt ab. Doch sie fing sich einen Liedschlag später
wieder und beugte sich ein wenig über den Tisch, um Garvis ein wenig
näher zu sein.
Das gab ihm einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté frei und er
spürte, wie sein Kopf an der Datenbuchse klopfte. Schnell wandte er den
Blick von dieser angenehmen Landschaft ab und sah ihr in die Augen,
bevor seine Blicke zu aufdringlich wirken könnten.
"Worüber wollen wir den reden?"
Garvis lächelte ein wenig hilflos. "Ich würde zu gerne sagen, über uns.
Aber damit gehe ich den Dingen unangebracht Voraus. Außerdem wäre es
nicht in meiner Absicht, sie mit flachen Sprüchen zu langweilen."
"Ich glaube nicht, daß wir befürchten müssen, der Langeweile zu
erliegen." Ihre Hand schob sich über die Tischmitte.
Garvis mußte jetzt den nächsten Schritt machen. "Ich werde mein bestes
geben, diesen Abend für wenigstens zwei hier zu einem Erlebnis zu
machen.", lächelte er verschwörerisch und legte seine Hand auf die ihre.
"Sie müssen sich was einfallen lassen." Sie zog ihre Hand weg und
spielte die frostige Lady. "Ich habe sehr hohe Ansprüche."
Garvis spürte den Chip an seiner Handfläche.
Als er seine Stellung erwähnte mit dem Fingerzeig auf ihn als
Sonderposten war dies gleichzeitig ein Code. Er dankte im stillen den
Chinesen, daß sie sogar das herausgefunden hatten. Er fragte sich nicht,
wie sie das geschafft hatten. So war es um vieles leichter. Ansonsten
hätte er die wahre Kontaktperson abfangen müssen, die Elfe irgendwie
verführen und den Chip an sich nehmen, entweder, in dem er ihn stahl
oder seine Eroberung betäubte.
Garvis lächelte mutig und zog seine Hand weg. "Meine Teuerste, nicht
weniger als das würde ich wagen, ihnen zu bieten."
Sie stand auf. "Ich muß mich kurz entschuldigen. Ich hoffe doch, wenn
ich wiederkomme, sind sie noch da und bereit, ihr Wort unter Beweis zu
stellen."
Garvis nickte. "Ich werde warten."
Die Elfe verschwand in Richtung der Doppeltüren.
Garvis seufzte zufrieden. Was für ein Dilemma. Er hatte den Chip und
sollte sich schleunigst aus dem Staub machen. Andererseits wäre das
reizende Geschöpf mehr als Grund genug, noch eine weile zu bleiben und
zu sehen, was der Abend noch zu bieten hätte.
Sie war vermutlich ein Profi, was hieße, daß sie sich nicht auf ihn
einlassen würde, ganz gleich, ob sie es wollte oder nicht. Eine der
wichtigsten Regeln bei Maulwürfen und Spionen war, sich niemals mit
Kontaktpersonen einzulassen. Das hatte James Bond nie begriffen. Für
Garvis galt das gleiche. Seine Position war in dem Punkt noch
kritischer, weil er nicht der Kontaktmann war sondern, wenn man es
nüchtern betrachtete, ein Dieb.
Er stand auf und ging zu den Türen. Verschwinden, bevor der echte
Kontakt auftauchte. Das war derzeit die oberste Devise.
Als er sich umdrehte, sah er, wie einige Wachen den Raum betraten.
Martens war dabei noch einige andere und einer der Wachen, die
eigentlich betäubt im Fahrstuhl liegen sollten.
Ein kalter Schreck durchlief Garvis´ Körper, Das Gas sollte zwei Stunden
wirken. Wie konnte sich der Wachmann so schnell erholen?
Egal. Genau der Typ zeigte jetzt auf ihn und die Truppe setzte sich in
Bewegung.
Garvis umrundete die Truppen so langsam und hastlos, wie die Situation
es zuließ und ging durch den Bediensteteneingang in die Küche.
Ein weiterer Schock erfaßte ihn, als er bemerkte, daß die Küche
verlassen war.
Verlassen bis auf die Vier Wächter in Uniform, die in der Küche Stellung
bezogen hatten.
Aus einem Reflex heraus faßte sich Garvis an seine Tasche.
Einer der Wachen reagierte sofort. Seine Pistole hustete dumpf und ein
kleiner Bolzen traf Garvis an der rechten Schulter.
Die Elektrische Energie entlud sich schlagartig und brandete durch
seinen Brustkorb, seinen Kopf und seine Arme. Seine Beine wurden Gelee
und er brach in die Knie.
Die Schwärze der Ohnmacht umnebelte ihn, bevor er auf dem Boden
aufschlug.
Als Garvis zu sich kam, sah er zunächst gar nichts. Sein Kopf brüllte
vor schmerzen und er stöhnte leise.
Er wollte nach seinem Kopf greifen, aber das ging nicht. In erster Linie
aus dem Grund, daß seine Hände festgeschnallt waren. Wenigstens klärte
sich sein Blick ein wenig. Er trug keine Maske oder eine Augenbinde. Es
war nur einfach sehr dunkel, und der Elektroschock des Tasers von....er
wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war. Sein Zeitgefühl war ihm
vollkommen abhanden gekommen.
Er schaute auf seinen Arm. Es war immer noch dunkel, aber als Elf waren
seine Augen extrem lichtempfindlich. Einstiche konnte er keine sehen,
aber das hatte nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Wenn sie ihm etwas
gespritzt haben, dann könnten sie auch eine Injektionspistole benutz
haben und ihm Drogen - oder schlimmeres - in die Halsschlagader
geschossen haben.
Garvis saß auf einem metallenen Liegestuhl Beine, Oberschenkel und
Handgelenke waren mit Plastikriemen festgezurrt. Der Stuhl war
gepolstert und der Raum war warm. Alles in allem gar keine so schlechte
Behandlung für einen Shadowrunner. Er hatte schlimmeres gehört, aber das
konnte ja noch kommen.
Garvis verdrängte den Gedanken. Darüber sollte er im Moment nicht
nachdenken. Wichtiger war es, hier heraus zu kommen.
Im Geiste verfluchte er sich für seine Dummheit. Über einen Fluchtweg
hatte er sich nicht genug Gedanken gemacht.
Die Sache mit den Wächtern im Fahrstuhl war viel zu unsicher gewesen.
Nur den Fahrstuhl, die Feuertreppe und die Küche als Ausgang zu planen,
war kurzsichtig. Es war doch klar, daß sie ihn dort erwarten würden, für
den Fall, daß er aufflog. Nicht Professionell, Garvis, überhaupt nicht!
Er überlegte Fieberhaft. Seine Cybersporne waren so konstruiert, daß sie
knapp über dem Handgelenk austraten, der andere aus dem Ellbogen. Die
Lehne würde er kaum lösen können. Aber wenn es ihm gelang, seine Hand
ein wenig in den Plastikriemen zu schieben und den Sporn auszufahren,
könnte er den Riemen mit Sicherheit durchschneiden.
Er würde sich zwar selber die Hand aufschneiden, aber das ist eine
Option, die ihm besser gefiel als das, was der Konzern möglicherweise
mit ihm anstellen würde.
Garvis renkte den Daumen in die Handfläche und quetschte seine Hand
soweit wie es ging durch den Riemen.
Das mußte reichen, wenn er den Sporn jetzt langsam ausfahren würde,
könnte er den Riemen durchtrennen, ohne sich dabei die Hand in zwei
Hälften zu schneiden.
Doch der Sporn kam nicht aus seiner Öffnung. Statt dessen spürte er
einen stechenden Schmerz in der Schläfe, dort wo seine Datenbuchse saß.
Eine weibliche, für die Situation viel zu freundliche Stimme informierte
ihn darüber, daß seine Cyberware derzeit außer Funktion gesetzt worden
war.
Garvis seufzte. Diese Vorrichtung kannte er von den Flughäfen. Die
Sicherheit hatte ihn natürlich gründlich untersucht und ihm einen
Cyberblocker in die Datenbuchse gesetzt. Warum hatte er daran nicht
gedacht?
Er besaß nur die Sporne und die Datenbuchse, keine weiteren
Modifikationen. Aber die würden ihm im Moment sowieso nichts nützen.
Garvis hörte ein Surren aus der Ecke. Eine Kamera richtete sich auf ihn
und veränderte den Fokus. Das rote Licht neben dem Okular blinkte.
Mit einem zischen öffnete sich die Tür. Das Licht, das plötzlich hell in
den Raum flutete, blendete ihn. Er konnte nicht sehen, wer in der Tür
stand, nur undeutliche Schemen. Aber den Geräuschen nach kamen
wenigstens vier Menschen in die Zelle.
Jetzt wurde auch die Deckenbeleuchtung angeschaltet. Sie war ebenso
grell und Garvis brauchte noch einmal Zeit, sich an die Helligkeit zu
gewöhnen. In den letzten paar Minuten hatte sich die Liste der
Cyberware, die er sich wünschte, schlagartig erweitert. Zum Beispiel
Blitzkompensatoren wären jetzt schön und ein Injektor mit einem starken
Kopfschmerzmittel.
"Ist fixiert?", fragte eine Stimme, die es gewohnt schien, Befehle
ausgeführt zu sehen.
"Der Stuhl würde einen Troll halten.", antwortete eine andere, ruhige
Stimme. "Cyberware hat der Bursche nicht viel.
Und die konnten wir deaktivieren. Er ist gänzlich ungefährlich."
"Er ist ohne Probleme in einen hochgesicherten Raum eingedrungen, wo
über Hundert Angestellte feierten. Und sie erzählen mir, er wäre nicht
gefährlich?"
"Er hatte sicher Hilfe. Im Moment geht keine Gefahr von ihm aus. Wenn er
ein Attentäter wäre, dann säße er sicher nicht hier."
"Daß er kein Attentäter ist, weiß ich selber!", knurrte der Mann. "Wir
haben genug Daten über ihn, um zu wissen, was er ist und zu was er fähig
ist.", Die Stimme machte eine Pause. "Kann er uns hören?"
"Die Droge sollte längst nachgelassen haben. Er dürfte ziemliche
Kopfschmerzen haben und ist natürlich desorientiert. Aber sie können mit
ihm reden."
"Könnte ich gegen die Kopfschmerzen denn etwas bekommen?", meldete sich
Garvis zu Wort. "Die sind nämlich höllisch."
Keiner antwortete ihm. Dann sagte der Mann. "Geben sie ihm was. Ich
brauche ihn bei vollen Sinnen."
Garvis spürte eine warme Hand an seinem Hals und den feuchten Druck
eines Pflasters auf seiner Haut.
Es roch auf einmal nach Knoblauch und die Kopfschmerzen ließen fast
augenblicklich nach.
Ein SlapPatch mit DMSO, dachte Garvin. Der Kerl scheint keine Zeit
verlieren zu wollen.
Das Nachlassen seiner Kopfschmerzen hatte auch zur Folge, daß sein
Blickfeld sich endlich wieder klärte und seine Augen es zustande
brachten, die Lichtverhältnisse auszugleichen.
Aber was er sah, lies seinen Mut sinken. Es waren nicht die beiden
riesigen, schwer bewaffneten Wachen, die im Raum neben der Tür standen.
Es war auch nicht der Arzt, der im Gegensatz zu seiner sanften, ruhigen
Stimme einen grausamen, gefühlskalten Gesichtsausdruck besaß. Es war der
Exec, der jetzt vor ihm stand.
Michael Sterring Jr., der neue CEO von NeTec, direkt aus Seattle. Garvis
mußte sehr wichtig sein, oder was wirklich furchtbares getan haben, daß
der Mann sich persönlich mit ihm beschäftigte.
Sterring grinste wie ein Hai, als er auf dem Stuhl vor Garvis Platz nahm
und sich eine Platinum Select anzündete.
Garvis schaute auf das mit Silber verzierte Feuerzeug. "Sie würden mir
nicht zufällig eine abgeben?", fragte er Hoffnungsvoll. Der CEO grinste
noch immer und schüttelte unmerklich den Kopf, so als fände er die Bitte
von Garvis unglaublich.
"Was soll ich schon anstellen können? Ich bin gefesselt, meine Cyberware
deaktiviert, und sobald ich mit dem falschen Auge zwinkere, pusten mich
ihre Wachen gegen die nächste Wand."
Sterring grinste noch immer und tat ansonsten nichts. Dann gab er dem
Arzt einen kurzen Wink. "Die Linke."
Der Arzt zuckte mit den Schultern und trat hinter den Stuhl. Die Riemen
am rechten Arm lösten sich und verschwanden in der Lehne. Der CEO hielt
Garvis die Packung hin. Mit einem dankbaren Nicken nahm sich Garvis eine
Select. Der Arzt wühlte in seinen Taschen und holte ein Feuerzeug
hervor. Als er die Flamme unter Garvis Zigarette hielt, richteten die
beiden Wachen ihre MP´s auf ihn. Die Läufe schienen groß genug zu sein,
um Billardkugeln zu verschießen.
Garvis dankte dem Arzt und dieser entfernte sich wieder von dem Stuhl.
Der Exec begutachtete Garvis, während er einen tiefen Zug von der
Zigarette nahm.
Das war erstaunlich. Eigentlich rauchte er nicht. Er hatte sich dies nur
angewöhnt, um diverse Tarnungen annehmen zu können. Eigentlich war die
Bitte nach einer Zigarette nur ein Test. Hätte Sterring ihm die
Zigarette sofort gegeben, dann wäre es ein sicheres Zeichen dafür, daß
Garvis nicht mehr lange zu leben hatte, sobald das Verhör abgeschlossen
war.
Sein Zögern und die Tatsache, daß er ihm überhaupt eine Zigarette
gegeben hatte, war nicht nur ein Zeichen dafür, daß er für Garvis Charme
ebenso empfänglich war, sonder auch, daß er irgendwas von ihm wollte.
Sein Tod war es gewiß nicht. Dafür machten sie sich zuviel Mühe mit ihm.
Er fühlte sich jetzt ein wenig sicherer, sah einen Lichtschimmer, aus
der Situation doch noch heil heraus zu kommen.
"Garvis Todorowski", begann Sterring. "Geboren am zweiten April ´28 in
Hannover. Der einzige Sohn von Mareike und Sergej Todorowski. Beide am
6. Dezember ´42 bei einem Katastrophe auf einer Autobahn gestorben. Ihre
echte Haarfarbe ist schwarz und ihre natürliche Augenfarbe braun. Sie
haben keine besonderen Merkmale an ihrem Körper, von der Cyberware
einmal abgesehen. Sie waren fünfzehn, als sie aus dem Internat
ausbrachen und verschwanden. Sie lebten fortan auf der Straße und
verdienten ihr Geld mit Diebereien und Betrug aller Art. Zweimal wurden
sie wegen schweren Einbruchs festgenommen, aber die Anzeige wurde fallen
gelassen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte. Mittlerweile sind
sie ein professioneller Shadowrunner, der Aufträge für andere Konzerne
ausführt, eine bisher nicht nachgewiesene Verbindung zu den Triaden wird
vermutet."
Garvis hätte sich beinahe an dem Rauch seiner Zigarette verschluckt.
Woher zum Teufel hatte der Typ all die Informationen? Er hatte einer
Menge Leute einen Haufen Kohle und Gefälligkeiten bezahlt, damit seine
Identität praktisch aus den öffentlichen Dateien verschwand, und seine
gefälschte SIN war einer der besten, die man für Geld kriegen konnte.
Ganz zu schweigen von seinem Aussehen. Tausend Personen kannten ihn
unter Tausend verschiedenen Masken, und kaum eine war sein wahres Ich.
Das Haifischgrinsen des CEO wurde noch breiter. "Soll ich ihnen auch
noch den Namen ihrer großen Liebe sagen?"
"Nicht notwendig.", seufzte Garvis. Die Chancen, die er sich vorhin
erhofft hatte, verpufften vor ihm wie Quecksilber im Hochofen. Die
Zigarette schmeckte auf einmal fad. Wie lange saß er hier schon fest? Es
mußte die Konzerndecker Tage gedauert haben, all diese Informationen zu
bekommen.
"Wir haben sehr fähige, freiberufliche Spezialisten.", sagte Sterring in
einem Anflug von Telepathie. "Es war nicht weiter schwierig, eine Akte
von ihnen anzulegen."
"Ich frage mich nur, was sie sich davon versprechen.", entgegne Garvis.
"Was wollen sie von mir?"
Sterring beugte sich vor. "Wissen sie was, Todorowski, auf irgendeine
Weise bewundere ich sie. Bei Gelegenheit müssen sie mir erzählen, wie
sie im Alleingang soweit in das Gebäude vordringen konnten."
"War nicht weiter schwer.", knirschte Garvis. "Die Sicherheit hier ist
ein Witz."
"War sie.", winkte Sterring ab. "Als ich von Seattle hier her kam, war
sie eine Einladung für jedes Kriminelle Subjekt und für jeden anderen
Konzern. Sie war das erste, was ich von Grund auf neu organisierte."
Garvis´ Gedanken überschlugen sich. "Ach ja, ihre Information über
unsere Sicherheit.", grinste der CEO boshaft.
"Die waren natürlich veraltet. Im Moment steht der Konzern noch im Ruf,
am Rande seiner wirtschaftlichen Existenz zu stehen. Manchmal ist es
sehr nützlich, wenn man nicht wichtig oder interessant erscheint. Es
lockt vielleicht das eine oder andere leichtgläubige Individuum an, so
wie sie. Aber die stellen keine ernsthafte Bedrohung dar. Schließlich
haben wir sie ja erwischt."
"Danke, daß sie mich daran erinnern.", murmelte Garvis mißmutig.
"Ihr kleines Spielzeug, mit dem sie den Fahrstuhl manipuliert haben,
löste einen passiven Alarm in der Matrix aus.
Unsere Decker brauchten nicht lange, um die Ursache zu finden. Sie haben
sich diesmal ein wenig überschätzt."
Garvis nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
"Dennoch läßt sich nicht verleugnen, daß ihre Fähigkeiten der
Manipulation und der Verkleidung erstaunlich sind.
Sie hätten eine wunderbare Karriere als SimSinn-Star haben können, oder
besser noch, als Manager in einem Konzern.
Sie hätten jeden Verhandlungspartner über den Tisch gezogen."
Garvis begann zu schwitzen. Um so mehr Sterring erzählte und ihm
Komplimente machte, um so unbehaglicher wurde ihm. Der Typ war ein
Profi, ein Haifisch im Biz. Er ließ sich weder leicht umwickeln noch
sagte er irgendwas, ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.
"Sterring.", sagte Garvis müde. "Es freut mich ja, daß sie an meiner
Person und meinem Engagement soviel Freude finden. Aber was wollen sie
von mir? Ich sitze hier doch gewiß nicht, weil sie einen
Gesprächspartner brauchen oder weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer
Zeit! Also sagen sie mir, was Sache ist."
Sterrings Augen verfinsterten sich. "Sie schwingen große Worte für einen
Mann in ihrer Situation. An ihrer Stelle würde ich mich ein wenig
zurück halten. Sie töten zu lassen, wäre nicht weiter tragisch für mich.
Ich bin derjenige, der ihnen ein Angebot machen möchte. Wenn sie das
Gefühl haben, daß ich sie langweile - bitte, sagen sie es nur. Ich lasse
sie sehr gerne mit den Beiden da alleine." Er zeigte auf die Wachen,
die nach seiner Geste noch grimmiger dreinblickten und ihre Waffen
leicht anhoben.
"Überzeugendes Argument.", sagte Garvis. "Natürlich haben sie meine
volle Aufmerksamkeit. Und Zeit..."
Er schaute demonstrativ auf seine Fesseln. "...habe ich momentan genug.
Sie sprachen von einem Angebot?"
"Eines, daß sie nicht ausschlagen können."
"Wer hätte das gedacht.", murmelte Garvis. Seine Augen wurden groß und
er machte eine entschuldigende Geste mit der freien Hand, als sich der
Blick von Sterring wieder verengte. Was muß der Typ auch so gute Ohren
haben?
"Sie wissen nicht, wann sie aufhören müssen, oder?", fragte der CEO.
"Natürlich haben sie die Wahl. Die hat immer.
Interessant ist lediglich, welcher Alternative einem eher zuspricht."
"Natürlich. Wie lautet ihr Angebot?"
Sterring breitete die Arme aus, eine Geste, mit der er das gesamte
Gebäude einschloß. "Sie arbeiten für uns."
Garvis sah starr gerade aus, unfähig, irgendwas zu antworten. Die
Konsequenzen, die Vorteile, die Möglichkeiten schossen ihm in einem
berauschendem Wirbel durch den Kopf.
"Wozu brauchen sie mich?", fragte er mißtrauisch. "Spezialisten haben
sie doch sicher auf Abruf genug. Und wenn nicht, können sie in den
Schatten anheuern."
Der CEO verzog das Gesicht. "Agenten haben wir, das stimmt. Und der
Schattenmarkt bietet eine breite Auswahl.
Aber Leute wie sie sind selten. Sie haben Vorteile, die man nicht so
schnell findet. Ihre Fähigkeit, in nahezu jeder Umgebung zurecht zu
finden, auf Anhieb akzeptiert zu werden. Ihr Talent zur Verkleidung und
die Fähigkeit, die allermeisten Leute für sich zu gewinnen sind
unschätzbar. Der Nachteil an ihrer Person" Er deutete mit dem Finger
auf Garvis Gesicht. "ist ihre Loyalität. Ihr wankelmütiger Charakter.
Ich möchte sie deswegen auf der Gehaltsliste des Konzerns sehen, weil
wir sie dann besser kontrollieren können. Als Sonderaktivposten sind sie
längst nicht soviel wert. Nicht vertrauensvoll genug."
"Und sie meinen, sie könnten mich besser kontrollieren, wenn ich im
Konzern bin anstatt draußen?"
Sterring lachte laut auf. "Sie bekommen ein festes Gehalt, zudem auch
noch en angenehm hohes. Sie werden Berichte über ihre Missionen
schreiben müssen und Listen ausfüllen für alle Ausrüstung, die sie
benötigen. Und wenn ihnen das nicht Kontrolle genug ist. Wir haben
natürlich Gewebeproben von ihnen."
"Oh wie überaus fair.", stichelte Garvis. "Und natürlich werden sie
diese vernichten, falls ich Nein sage."
Der Exec schüttelte den Kopf. "Nein, denn das wird nicht notwendig sein.
Denn mein Angebot ist das einzige, was noch zwischen ihnen und dem Tod
steht."
Garvis schluckte. Sein Gesicht wurde kreidebleich und seine Ohren rot.
"Ist das die Alternative?"
"Was haben sie gedacht? Sie sind unbefugt und mit kriminellen Absichten
in unser Gelände eingedrungen. Wir können sie nicht einfach gehen
lassen, mit einem Händeschütteln und einer Einladung für das nächste
mal. Die Konzernbestimmungen sind diesbezüglich sehr direkt." Sterring
setzte eine mitfühlende Miene auf. "Ich tue es bestimmt nicht gerne,
aber es ist nun mal notwendig."
"Das glaube ich ihnen aufs Wort.", höhnte Garvis niedergeschlagen.
Der CEO sah ihn erwartungsvoll an. Jeder im Raum wartete auf seine
Antwort, obgleich zumindest Sterring wußte, wie Garvis sich entscheiden
würde. Er besaß eine ebenso gute Menschenkenntnis wie Garvis, und beide
wußten, wie dieser Deal ausgehen würde. Für Sterring war die Antwort nur
noch eine formelle Angelegenheit. Für Garvis leider auch.
Seine Platinum war herunter gebrannt und der Filter wurde langsam heiß.
Er schnippte die Zigarette weg und sah, nicht ohne geringe Befriedigung,
daß die beiden Wachen zusammen zuckten.
Nervöse, aufgepeppte Bündel. Welche Gefahr stellt er denn schon dar?
"Bekomme ich Spesen?", fragte Garvis schicksalsergeben.
Sterring lachte. "Sie werden es schon bald zu schätzen wissen, was es
bedeutet, für einen Konzern zu arbeiten." Er erhob sich und wollte die
Zelle verlassen, doch Garvis rief ihm hinterher. "Sterring! Eine Frage
habe ich noch."
Der CEO blieb stehen und drehte sich um.
"Warum?", fragte Garvis. "Warum überhaupt dieses Angebot? Ich meine, sie
bieten mir eine Chance und eine Menge Vorzüge, wenn man mal alles
andere beiseite läßt. Aber das bedeutet ebenso für sie, daß sie sich
jemanden in ihr Team holen, dem sie niemals hundertprozentig trauen
können, ganz gleich, welche Maßnahmen sie treffen. Es wäre viel
einfacher und unkomplizierter gewesen, mich zu erschießen und das
Problem damit zu den Akten zu legen. Sie können mir nicht erzählen, daß
sie niemanden in ihren Reihen haben, der nicht ähnliche Fähigkeiten wie
ich besitzt.
Warum also dieses großzügige Angebot? Doch bestimmt nicht aus
Nächstenliebe."
Sterring schüttelte enttäuscht den Kopf. "Sie sind wirklich undankbar.
Wie ich schon erklärt habe, Talente wie sie findet man selten. Sie
sparen Zeit und Geld. Natürlich sind sie noch ganz am Anfang, aber das
werden wir schnell ändern.
Aber ein anderer, ebenso wichtiger Grund ist, daß sie uns einen großen
Gefallen getan haben. Sie haben uns eine Chip mit geheimen Daten über
unsere Projekte übergeben und sie haben einen Spion in den eigenen
Reihen enttarnt. Mein Dank dafür ist mein Angebot. Sie sehen also, ich
bin kein schlechter Mensch."
Ach Du scheiße, der Chip! Garvis hatte ihn über all die Aufregung
vollkommen vergessen. Wenn die Triaden davon erfahren, wie werden sie
reagieren? Aber das war im Moment seine geringste Sorge.
"Der Spion - die Frau, was ist mit ihr geschehen?"
Der CEO sah ihn konsterniert an. "Was glauben sie denn? Sie lebt
natürlich nicht mehr." Er verließ den Raum, gefolgt vom Arzt. Die beiden
Wachen sahen ihn finster an, dann trat einer von den beiden auf ihn zu
und befreite ihm von den Fesseln. Garvis bewegte dabei keinen Muskel.
Der Wagen fuhr vor und hielt nahe der Telefonzelle. Garvis setzte seine
Brille auf. Der Fahrer nahm eine Taschenlampe in die Hand und schaltete
sie zweimal an und aus. Kein Mensch könnte das Licht sehen, wenn er
nicht ein spezielles Sichtgerät trägt, daß auch im UV-Spektrum empfängt.
Das war seine Fahrkarte. Garvis trat aus dem Schatten und ging zu der
Fahrertür und klopfte gegen die Scheibe.
Der Fahrer ließ das Fenster herunter. Die schwere Pistole, die er vorher
aus einem Halfter unter dem Armaturenbrett gezogen hatte, konnte Garvis
nicht sehen. Das war aber auch nicht nötig. Er wußte auch so, daß sie
auf ihn gerichtet war. Das Kaliber war groß genug, um die Tür zu
durchschlagen, seinen Körper und erst in der Telefonzelle hinter ihm
stecken zu bleiben, trotz des Schalldämpfers.
"Entschuldigen sie. Wie komme ich zurück zu der Innenstadt? Ich bin
Tourist und habe wohl die Orientierung verloren."
Der Fahrer sah ihn an. "Das ist aber ein weiter Weg. Wissen sie, wie sie
zum Universitätsviertel kommen?"
"Nein, tut mir leid, ich kenne mich hier überhaupt nicht aus. Vielleicht
könnten sie es mir auf der Karte zeigen?" Garvis hielt dem Fahrer einen
Stadtplan von Hannover hin. Die Seite C24-C25 war aufgeschlagen.
"Von hier aus finden sie nie zurück, da verlaufen sie sich nur. Steigen
sie ein, ich nehme sie ein Stück mit." Der Fahrer deutete auf die
Beifahrertür.
"Stop!", rief Garvis. Doch nichts geschah. Mehr aus einem Instinkt
heraus warf Garvis sich zur Seite.
Metall dröhnte, als eine Kugel die Wagentür durchschlug und durch die
Luft zischte, wo Augenblicke zuvor Garvis noch gestanden hatte.
Garvis griff in seinen Mantel und zog seine Pistole aus dem Halfter.
"Stop!", rief er noch einmal. Wieder blieb die erhoffte Wirkung aus. Der
Fahrer hatte mittlerweile das Fenster wieder hoch gelassen und donnerte
mit seinem Wagen auf Garvis los. Der gab einige Schüsse auf die
Fensterscheibe ab. Drei trafen den Fahrer, oder besser gesagt, hätten
ihn getroffen, wenn sie nicht von der Kugelsicheren Frontscheibe
abgeprallt wären. Garvis wollte sich aufrappeln und ausweichen, aber
dafür war es zu spät. Er hatte geschossen, und für weitere Aktionen
fehlte ihm die Zeit.
Bevor die Karosserie seinen Körper zerschmettern konnte, löste sie sich
in tausend Pixel auf, die sich in der Umgebung verflüchtigten wie
farbiger Staub in einem Herbststurm. Der Fahrer stand vor ihm auf der
Straße, die Waffe im Anschlag und zielte auf seinen Kopf. Garvis
glaubte, in einem schlechten Traum gelandet zu sein und glotzte
verdattert auf die Mündung.
"Also bitte!" rief Garvis außer sich. "Jetzt wird es abgefahren!"
Der Fahrer krümmte sich und hielt sich den Bauch vor lachen. "Stop.",
sagte er atemlos. "Ich kann nicht mehr."
Die Umgebung löste sich auf, ebenso wie der Fahrer und Garvis selbst.
Er griff nach dem Kabel in der Datenbuchse und riß es heraus. Dann stand
er wütend von seiner Liege auf und stampfte zu Kai.
"Was sollte dieser Drek?", bellte er ihn an. "Wieso hast Du meine
Kommandofunktionen ausgesetzt?"
Kai selber hielt sich nur mühsam aufrecht im Sessel. Vor lachen liefen
ihm die Tränen über das Gesicht.
"Du hättest Dein Gesicht sehen sollen!", heulte er. "Das wollte ich
schon lange mal machen!"
Garvis biß seine Zähne zusammen. "Aha. Und Ferris war natürlich
eingeweiht."
"Ja!", rief Kai und schüttelte sich vor lachen. Als er sich wieder
beruhigt hatte, stand er auf und klopfte Garvis auf die Schulter.
"Nimm's mir nicht übel. Das machen wir mit jedem neuen."
Die Tür des Simulationsraumes öffnete sich, und Andreas Hartmann trat
herein. "Meine Herren. Das ist unangebracht."
"Entschuldigen sie.", sagten Ferris und Kai wie aus einem Munde. Und sie
prusteten wieder los.
Garvis sah ungläubig auf Hartmann. Sein Mund war zu einem dünnen Strich
zusammen gepreßt, und Garvis würde ein Monatsgehalt darauf verwetten,
daß der Leiter der Sonderabteilung sich gerade auf die Zunge biß, um
nicht ebenfalls laut loszulachen. "Sie haben es ebenfalls gewußt!", rief
er.
"Es ist eine Art Ritual.", grinste Hartmann. "Machen sie sich nichts
draus."
"Ein Wagen hätte mich beinahe überfahren!", empörte sich Garvis. "Was
meinen sie mit 'Ich soll mir nichts draus machen'?"
Hartmann wurde schlagartig ernst. "Oh, das gehörte zur Simulation." Er
bedeutete dem Decker, die Simulationsaufnahmen abzuspielen. Einzelne
Bilder flackerten im Schnellverfahren über den Wandbildschirm.
"Sie haben alles wunderbar gemeistert. Ich muß sagen, die Schule der
Straße kann durchaus ihre Vorzüge haben.
Warum wollten sie die Simulation bei der Codeabfrage abbrechen?"
"Ferris hat mir den Stadtplan nicht zurückgegeben. Und umgeblättert hat
er auch nicht. Er hat den vereinbarten Code gebrochen, also ging ich
davon aus, daß es entweder nicht Ferris ist, oder er korrupt war."
Hartmann nickte. "Soweit ausgezeichnet. Und weiter."
"Wie weiter?", platzte es Garvis heraus. "Die Simulation wird an diesem
Punkt normalerweise beendet. Wieso lief sie diesmal weiter?"
"Haben sie ihre Order nicht gelesen? Wir haben die Trainingsprotokolle
geändert. Willkommen in Stufe acht.
Sie sollten ihre Hausaufgaben besser machen. Im wirklichen Leben können
sie nicht "Stop" sagen. Entweder handeln sie, oder sie sind tot.
Übrigens, das war eine ganz schlechte Idee, auf die Frontscheibe zu
schießen. Wie sind sie nur auf diese Idee gekommen?"
Garvis zuckte mit den Schultern. "Ich wollte den Fahrer erschießen. In
den Filmen klappt das immer."
Hartmann schüttelte verzweifelt den Kopf. "Sie können doch nicht ihr
Wissen aus billigen SimSinns übernehmen! Das kostet sie irgendwann mal
den Kopf!"
"Das war die einzige Bildung, die ich auf der Straße anfangs hatte. Und
bisher hat es immer gut funktioniert."
"Wie auch immer.", meinte Hartmann. "Gehen sie in der Regel lieber davon
aus, daß alle Fahrzeuge wenigstens kugelsichere Scheiben haben. Und
selbst wenn nicht; es ist nicht gesagt, daß ein Auto auch stehen bleibt,
wenn der Fahrer tot ist. Wenigstens das sollten sie wissen."
"Zugegeben.", meinte Garvis. "Aber die Sache mit "Ferris-aus-dem-Auto"
war trotzdem eine Scheiß Idee."
Hinter ihm fingen Kai und sein Trainingspartner wieder an zu lachen.
"Merken sie sich nur eins.", meinte Hartmann zum Abschluß. "Ab heute
sind die Kommandos außer Funktion. Die Simulationen enden nur noch, wenn
sie das Ziel erreicht haben, oder wenn sie tot sind. Aber so, wie es
bisher läuft, sollten sie sich keine Sorgen machen."
Das war ein Lob. "Danke, Chef. Und euch beide..." er drehte sich zu
Ferris und dem Decker um. "Das bekommt ihr wieder!"
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