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Shadowrun since 1995

Garvis Chamäleon

von Furimande

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Garvis Todorowski stieg aus dem gelben Wagen und stolzierte mit seinem Werkzeugkoffer festen Schrittes auf das Wachhäuschen zu.
Der Typ hinter der Glasscheibe bemerkte ihn erst, als er energisch gegen die Makroplastscheibe klopfte.
Der Wachmann aktivierte die Gegensprechanlage.
"Parkdeck 32", maulte Garvis. "Wo isn das?"
"Können sie sich ausweisen?", fragte der Wachmann lediglich.
Garvis seufzte genervt und zog eine Karte aus der Brusttasche. Die kleine Karte zeichnete ihn als Techniker der vom Konzern angestellten Wartungsdienst aus. "Mach hinne, Kumpel. Meine Alte wartet zu hause mit dem Essen auf mich!"
Der Wachmann nahm die Karte entgegen und überprüfte sie genau. Garvis wurde nervös. Er schluckt es nicht, bemerkte er. Die Körperhaltung des Wachmanns zeigte das ganz deutlich. "Mir wurde kein Vorfall gemeldet, und auch nicht die Ankunft eines Technikers." Der Wachmann aktivierte eine Telekomleitung und verband sich mit dem Wartungsdienst.
Also gut, Plan B.
Verwirrung wirbelte durch seine Augen. "Das Scheiß Ding spinnt mal wieder. Ich bekomme kein Freizeichen." Garvis lächelte spöttisch. "Deswegen bin ich ja da Kumpel." Der Wachmann war immer noch skeptisch.
"Hör mal.", jammerte Garvis. "Wenn Du denkst, ich sei irgend ein Punk, der sich hier was unter den Nagel reißen will:
Meinen Ausweis hast Du. Und wenn es Dich beruhigt, kannst Du mich durchsuchen, so ka? Ich will nur meinen Job erledigen und dann nach hause zu einem Kühlen Bier!"
Garvis stellte sich ein wenig weiter von dem Wachhaus weg und streckte die Arme aus der Kasten stand noch immer vor der Makroplastscheibe.
"Das ist nicht nötig.", stammelte der Wachmann. "Ich werde einfach jemanden rufen, um die Sache...."
"Kumpel, willst Du wegen solch einer Lappalie niemanden aus dem Bett rufen?", merkte Garvis an. Er holte seinen Dienstausweis und die Auftragspapiere aus der Tasche und legte ihn auf den Werkzeugkoffer. "Ist ja Vorbildlich, daß Du Deinen Job so ernst nimmst, aber das tue ich auch. Überprüf mich einfach und dann laß mich meine Arbeit erledigen. Dann komme ich hier schnell weg."
Der übereifrige Wachmann stutzte. Jemand, der so versessen darauf war, überprüft zu werden, konnte kein Einbrecher sein. Erst recht kein Shadowrunner. Vielleicht lag hier wirklich nur ein Irrtum vor und man hatte vergessen, ihm den Wartungsauftrag mitzuteilen. Er seufzte und öffnete die Tür des Wachhauses.
Garvis stellte sich neben seinem Koffer und streckt die Hände sichtbar von seinem Körper weg. Nichts in seiner Haltung deutete auf etwas merkwürdiges hin.
Der Wachmann hielt seine Hand an dem Kolben seiner Walther, mit der anderen griff er nach dem Ausweis und den Papieren, nicht ohne den Blick von dem Techniker zu lassen.
Die Papiere schienen in Ordnung. Der Typ kam von dem Wartungsteam, daß mit dem Konzern unter Vertrag stand, arbeitete dort schon seit einigen Jahren.
Der Wachmann deutete Garvis, sich umzudrehen. Er klopfte ihn gründlich ab ertastete einen schweren Gegenstand in der rechten Tasche des Overalls. Als er es herausholte, entpuppte es sich als ein Multifunktionswerkzeug.
Garvis drehte sich wieder um und der Wachmann gab ihm das Gerät wieder zurück.
"Nichts für ungut, Kumpel.", sagte er, jetzt schon ein wenig freundlicher. "Aber es ist mein Job."
"Mach ruhig.", lächelte Garvis. "Nicht, daß Du wegen mir Ärger bekommst."
Der Wachmann bückte sich und öffnete den Werkzeugkoffer, um den Inhalt zu überprüfen. Als er die Lade aufklappte, brach die Kapsel auf und das Betäubungsgas strömte ihm entgegen.
Ohne einen Laut brach der Wachmann über dem Koffer zusammen. Garvis lächelte. Der Trick zog noch jedesmal.
Er schleifte den Wachmann zurück in das Häuschen, setzte ihn auf den Stuhl und legte seinen Kopf und seine Arme auf die Konsole.
"Schlafen während der Arbeit.", murmelte der falsche Techniker entrüstet. "Das wird Ärger geben, Kumpel."
Er nahm die Schlüssel des Wachmanns an sich und verschloß das Häuschen von außen. Dann zerstörte er das Schloß.
Dem Werkzeugkoffer entnahm er seine Narcojet und verstaute ihn in seinem Overall. Ab jetzt würde es schwieriger werden.
Garvis ging zu dem Fahrstuhl und wartete, bis dieser zu ihm runter kam. Mit einem fast unhörbaren zischen öffnete sich der Lift und er trat in die Kabine. Wie beiläufig schaute er zu der versteckten Kamera. Die Dinger waren immer an der gleichen Stelle angebracht.
Und der Tote Winkel war immer an der Konsole. Zumindest bei diesem Standardmodell. Er verstand nicht, warum einige Konzerne dies nicht änderten, aber im Moment war er froh darüber.
Er trat zur Konsole und öffnete das Paneel.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er ein kleines Gerät und verband es mit den Kontrollen. Sehr gut, kein Alarm ausgelöst. Dann sollte das hier auch nicht auffallen. Garvis verband die Klemmen mit den beiden unscheinbaren Tafeln und trat zurück. Für einige Sekunden stellte er sich wieder mitten in die Kabine, genau in den Erfassungsbereich der Kamera und drückte auf den Knopf der kleinen Fernbedienung in seiner Hand. Die Kamera würde jetzt dieses Bild von ihm speichern und immer wieder abspielen. Außerdem würde es seinen langen Aufenthalt an der Konsole löschen und ebenso überspielen. Ein kleines Geschenk von einer Deckerin. Sie hatte ihm versichert, daß es hundertprozentig funktionieren würde und Garvis hoffte, das dies auch der Fall ist.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er noch ein kleines Geschenk, das hatte er von seinem Schieber bekommen und plazierte es neben der Tür im Toten Winkel.
Mit einem sanften Ping signalisierte der Fahrstuhl, daß er auf Ebene 32 angekommen wäre und die Türen öffneten sich.
Garvis sah sich zwei gut gekleideten Wachoffizieren gegenüber, die ihn fragend ansahen und in ihr Jackett griffen. Er legte das bestürzteste und gehetzte Gesicht auf, das er konnte und rief atemlos. "Bitte! Hilfe, dort unten sind Einbrecher!" Er stürzte panisch auf die Offiziere zu. Einer fing ihn auf und mahnte ihn zur Ruhe. "Wovon reden sie? Wer sind sie überhaupt?"
"Frank Mossberg, Technischer Wartungsdienst! Ich wurde geschickt, um auf dem Parkdeck defekte Leitungen zu überprüfen, als sie kamen! Sie haben auf mich geschossen!"
"Wer?", wollte der andere wissen.
"Ich weiß es doch nicht!", jammerte Garvis. "Ich wollte doch nur meinen Job machen, als ich die Schüsse hörte! Der Wachmann wurde getroffen. Ich glaube...er ist tot! Ich brauche Hilfe!"
"Wieso kommen sie damit zu uns? Wissen sie, wo sie sind?"
"Mann! Ich hab doch keine Ahnung! Ich stürmte in den offenen Lift und drückte auf irgendeinen Knopf: Ich hab gehofft, irgend jemanden anzutreffen! Ich hatte einfach Scheißangst!"
"Beruhigen sie sich.", sagte einer der Wachmänner. "Wir werden nach unten fahren und uns das ansehen. Sie bleiben hier und warten auf meinen Kollegen."
Der andere Wachmann griff sich an den Kragen. Dann hob er seine Augenbraue. "Das Blöde Ding ist mal wieder gestört." Er wandte sich zu seinem Kameraden. "Wir geben vom Fahrstuhl aus Alarm."
"Sie warten hier, genau hier.", ermahnte ihn der andere Offizier, während beide in den Fahrstuhl stiegen.
Als einer der beiden zur Konsole ging, wurden seine Augen vor Überraschung groß. Noch bevor er Garvis einen Blick zuwerfen konnte oder seine Waffe ziehen, schloß sich die Kabinentür und verriegelte sich. Garvis hörte das dumpfe Geräusch zweier auf den Boden fallenden Körper und das klappern einer Waffe.
Er grinste. Gamma-Skopolamin ist in diesem Falle absolut zuverlässig. Und NeTec sollte seine Sicherheit besser ausbilden. Sie waren keine Sekunde mißtrauisch gewesen.
Garvis drückte auf den Türknopf des Fahrstuhls. Die Schiebetüren öffneten sich erneut und gaben den Blick die beiden bewußtlose Wächter frei, die neben seinem Werkzeugkasten auf dem Boden lagen. Er stelzte um die beiden Wachen herum und hob den Kasten auf. "Tut mir leid, Jungs.", sagte er und grinste. "Aber Dummheit sollte nun mal bestraft werden."
Er öffnete den Werkzeugkoffer und entnahm ihm ein kleines Modul, daß er in das noch immer geöffnete Paneel der Liftsteuerung drückte. Ein weiteres Geschenk von einem Deckerfreund. Das Licht erlosch augenblicklich, nur um gleich wieder anzuspringen.
Garvis verließ die Kabine und die Türen verschlossen sich automatisch. Die Etagenanzeige über der Kabine blinkte jetzt mit der Aufschrift "Außer Betrieb" abwechselnd in den Sprachen Deutsch, Englisch und Japanisch.
Dieser Teil seines Plans war bisher der unsicherste gewesen. Er wollte ihn eigentlich anders lösen, weil der Trick mit dem Fahrstuhl zu viele Unsicherheiten aufwies. Wären die Wächter nicht in die Kabine gegangen oder nur einer von ihnen, hätte er sicher einen Weg gefunden, sie mit der Narcojet zu betäuben. Aber die Synchronschleife der Videoüberwachung war ein reiner Glücksfaktor gewesen. Die Tatsache, daß er hier noch stand, war der einzige Beweis dafür, daß der Sicherheitsangestellte zum richtigen Zeitpunkt weggeschaut hatte. Die Sicherheit von NeTec stand allgemein in dem Ruf, nicht besonders herausfordernd zu sein. Das Sicherheitspersonal war schlampig und besaß nicht viel Motivation, die technischen Einrichtungen hingen dem Standart immer ein wenig hinterher. Der einzige Grund, warum NeTec nicht von Shadowrunnern regelrecht überflutet wurde, war der Grund, daß sich andere Konzerne nicht sehr für NeTec interessierten. Sie hatten keine Projekte oder Produkte, die sie auf dem Markt zu einem echten Konkurrenten machen würden, und keiner der Großen Acht oder der anderen Konzerne, die einer der Acht werden wollten, sah in NeTec einen starken Widersacher.
Das war vor zwei Wochen. Der Vorstand aus Seattle hatte einen neuen CEO geschickt und mit ihm einen ganzen Stab von Personal, so daß die Exekutive Ebene bis hin zu den Wissenschaftlern, Managern, Anwälten und Finanzexperten komplett umstrukturiert wurde.
Irgendwas war im Busch und die anderen Konzerne witterten das mit den Instinkten eines hungrigen Hais.
Genau aus diesem Grund hatte Yamatetsus Zweigstelle einen Maulwurf eingeschleust, der über die neuen Veränderungen Bericht erstatten soll.
Ähnliche Gerüchte kursierten auch in den Schatten und dort war man in der Regel ein wenig besser informiert. Die örtlichen Triaden wußten ganz genau, worum es ging. Und sie würden Garvis eine unanständig hohe Summe bezahlen, wenn er ihnen den Chip des Maulwurf bringen würde, auf dem die neuen Projekte und die Gründe für den Personalwechsel festgehalten sind.
Garvis war sich zuerst nicht sicher, ob er diesen Job wirklich annehmen wollte. Sicher, die Summe, die für dafür ausstand, war mehr als verlockend und er hätte Monatelang im Reichtum schwelgen können, ohne einen neuen Job annehmen zu müssen, wenn er dieses Ding durchziehen würde. Aber neue CEOs und neue Projekte bedeuten auch immer neue Sicherheit. Und bessere...
Aber auch in diesem Fall waren die Triaden erstaunlich gut informiert.
Der interne Machtwechsel des NeTec-Konzerns in Hannover ging so schnell von statten, daß man annehmen mußte, er wurde entweder von einem größeren Konzern geschluckt oder NeTec versuchte, dies mit drastischen Maßnahmen zu verhindern. Das war ein anderes Problem, dachte Garvis. Wenn man keine ernsthafte Konkurrenz für die Megakons darstellte, hieß das noch lange nicht, daß man Narrenfreiheit besaß. Es hieß eigentlich nur, daß man über kurz oder lang von einem dieser Kons einverleibt wurde.
Die Sicherheit von NeTec war noch immer im Hintertreffen. Die interne Umstrukturierung brachte die üblichen Bürokratischen Einbußen mit sich, und bis der neue CEO alles nach seinen Wünschen arrangiert haben würde, war es noch eine lange Zeit. Und in dieser Zeit war die Sicherheit noch schlampiger und somit verwundbarer als vorher. Die einzige Lebensberechtigung, die der Konzern noch hatte, war die Tatsache, daß dies ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis war. Schieber verkauften diese Information für sehr hohes Geld und Shadowrunner standen trotz ihrer Arbeitsweise nicht gerade in dem Ruf, die Katze im Sack zu kaufen.
Die Megakons versuchten die kursierenden Geschichten über NeTec ebenfalls für sich zu behalten. Den Vorteil hatte der, der davon wußte und zuerst zuschlug.
Und die Syndikate, sie wußten auch davon.
Was für ein Interesse die Chinesen an dem Konzern hatten oder was sie sich von den Informationen versprachen, konnte sich Garvis nicht zusammen reimen. Aber letztendlich war ihm das auch egal. Er stand mit den Triade auf gutem Fuß, und wenn sie ihm einen solchen Job anboten - viel, sehr viel Kohle bei minimalem Risiko - war das gleichbedeutend mit eine Geschenk. Daß sie ihn aufgrund irgendeiner Streitigkeit abschieben wollten, glaubte er kaum. Er hatte keine Streitigkeiten mit den Chinesen, und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, so hätten sie ihn kaum mit so einem Angebot auf Konzerngelände gelockt, um ihn loszuwerden. Die Triaden hatten ihre eigenen Methoden. So oder so war Garvis jetzt im Gebäude von NeTec, keine Hundert Meter entfernt von einer Party, voll mit schönen, kühlen Frauen, schleimigen Execs, Hors d´oeuvré, echtem Champagner und einem Chip, der wahrlich Gold wert war. Ach was Gold - Platin! Oder besser, überlegte Garvis in kindischer Vorfreude, soviel Wert wie Orichalkum!
Garvis entfernte die Nasenfilter und verstaute sie in seiner Wunderkiste. Dann ging er in eine der Besenkammer.
Kleine Räume mit Reinigungsutensilien gab es auf jedem Stockwerk, ebenso wie Toiletten. Und obgleich die allermeisten Leute beschwören würden, auf der Chefetage gäbe es keine Überwachungskameras auf dem noblen Örtchen, glaubte Garvis eher an das allgemeine Konzernmantra "Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser!"
Auf jeden Fall, und das wußte er, wurden die Besenkammern nicht überwacht.
Sein Werkzeugkasten hatte noch ein unteres Fach, getrennt von den aufklappbaren Kammern oben. Es ließ sich komplett abschieben und enthüllte Garvis einen teuren Anzug. Das Ding wurde speziell für ihn angefertigt.
So lächerlich es auch klingen mag, aber die Garderobe war anfangs für ihn ein echtes Problem gewesen.
In entsprechend angemessener Garderobe wäre er nicht in das Gebäude gekommen, ohne dabei den meisten Kontrollen zu entgehen, also mußte er sich im Gebäude umkleiden. Das Risiko, auf jemanden seiner Größe in der Toilette zu warten und ihm die Kleidung abzunehmen, wollte er gar nicht erst eingehen. Das klappt in den Trideos vielleicht immer, aber die Zufälle und Probleme, die sich bei einer solchen Aktion aneinander reihten, wurden im Drehbuch meist weggelassen. Der Anzug war komprimiert worden, in einem speziellen Verfahren, damit er in das untere Fach paßte. Er hatte ähnliches mal in einem uralten Superhelden-Comic gesehen und hatte im nachhinein überlegt, daß so etwas, bei dem heutigen Stand der modernen Textilien bis zu einem gewissen Grad möglich sein sollte. Der Typ, der ihm den Anzug angefertigt hatte, meinte, so etwas gäbe es, und der Zweireiher würde sich von der anderen teuren Mode der Execs in nichts unterscheiden. Außer im Material.
Sicher, der Stoff war absolut synthetisch. Keine Baumwolle, Seide oder irgend etwas anderes. Aber der Anzug war dennoch genauso teuer gewesen, als wäre er aus echter Spinnenseide. Das war der Preis dafür, daß Garvis seine Garderobe verstecken konnte und sie nach dem Ankleiden immer noch aussah wie von Zoé.
Garvis klappte den Werkzeugkoffer auf und holte einen Spiegel heraus. Er war nicht sehr groß, mußte aber reichen.
Der Anzug saß perfekt, sah edel und unerschwinglich teuer aus und hatte wie versprochen keine Falten. Als er die Kontaktlinsen einsetzte und die sorgsam ausgewählten Tattoos auf seinen Hals und seine Stirn preßte, war er ganz der schleimige, aufstrebende Exec nach der neuesten Mode.
Dem Koffer entnahm er noch eine kleine Fichetti, die Narcojet ließ er zurück, sie war zu groß. Den Koffer auch. Wenn alles nach Plan lief, war er in einer halben Stunde wieder aus dem Gebäude.
Garvis trat festen Schrittes auf den Flur, trug seinen Anzug und die arroganteste Miene, der er mit seinen schauspielerischen Talent fähig war und schritt in Richtung der beiden Doppeltüren, hinter der sein Geld lag.
Vor der Tür stand noch zwei Wachen. Sie waren Besser gekleidet als die beiden vor dem Fahrstuhl und schienen auch professioneller zu sein. Ihre Körperhaltung, die ganze Sprache, die ihre subtilen Bewegungen offenbarten, verriet ihm das.
Garvis beachtete die beiden nicht. Er ging an ihnen vorbei, auf die Tür zu, als wären sie gar nicht da.
Die beiden ignorierten ihn ebenso.
Dann, bevor er die Tür aufstoßen konnte, hörte er, wie sich einer der beiden zu ihm umdrehte. "Sir?"
Garvis blieb stehen und drehte sich mit deutlichem Ausdruck ungehaltenen Empören um und starrte den Wächter nieder.
"Entschuldigen sie meine Aufdringlichkeit, Sir. Aber Waffen sind auf der Veranstaltung nicht erlaubt."
"Wovon reden sie?", blaffte Garvis mit unveränderter Miene.
Der Wachmann war unschlüssig. Er konnte Garvis unmöglich nach Waffen abtasten.
Aber er hatte die Fichetti unter dem Jackett erkannt. Unsicher zeigte er auf die Stelle, wo sie sich befinden sollte und nickte Garvis zu. "Ihre Waffe, Sir. Sie dürfen sie nicht mit hinein nehmen. Sie haben wahrscheinlich vergessen, sie in ihrem Auto abzulegen. Kommt vor."
Garvis starrte den Mann an, als hätte er ihn gerade mit einem Sasquatsch verglichen, dann sah er ungläubig an seinem Jackett herunter und tastete nach der Waffe.
"Tatsächlich, murmelte er erstaunt. "Ich habe sie gar nicht bemerkt!"
Der Wachmann hatte seine Hand noch immer ausgestreckt und räusperte sich höflich. "Würden sie mir bitte ihre Waffe aushändigen? Ich werde sie für sie bis zum Ende der Feier aufbewahren."
Garvis versteifte sich. "Wie ist ihr Name.", befahl er dem Wachmann.
"Officer Martens. Richard Martens, Sir. Dienstnummer: NSD 2234 RM-8539.", antwortete der Mann folgsam. Schweißperlen tauchten auf seiner Stirn auf.
"Martens, Mhmh.", sagte Garvis nur und durchbohrte den nervösen Wachmann mit seinen Blicken. "Sie machen hier hervorragende Arbeit. Ich werde sie wohl lobend erwähnen müssen.", lächelte er, als hätte er eben einen besonders tollen Witz gemacht. "Machen sie weiter so, und sie sind bald Leiter der Sicherheitsabteilung."
"D-danke, Sir...", entfuhr es dem Wachmann völlig verblüfft. Die Waffe hätte er beinahe fallen lassen, die Garvis ihm in die Hand drückte. So überrascht war er.
Der andere Wachmann drückte für ihn die Tür auf.
Garvis hätte am liebsten laut losgelacht. Einer der ältesten Tricks, aber sie fallen alle darauf rein. Nimm eine Waffe mit, und verbirg sie nicht. Wer es mit einer Waffe bis hierher schafft, muß ein Exec sein, kein anderer würde soweit kommen. An Ausnahmen dachten sie nicht. Der Officer würde jetzt nicht mehr an ihm zweifeln und versuchen, sein Gesicht zu vergessen. Und das Lob. Das war immer gut. Mach sie nervös, dann lobe sie. Anschließend kriechen sie hinter Dir her.
Die Party war nicht gerade ein Brüller, aber nichts anderes hatte er erwartet. Ein Quintett auf einer kleinen Bühne spielte klassische Stücke, Tische und Sitzgelegenheiten säumten die Wand rechts von ihm, eifrige Bedienstete huschten zwischen den Anwesenden herum, nahmen leere Gläser entgegen und tauschten sie gegen gefüllte und boten kleine Leckerbissen an. Garvis dachte kurz darüber nach, daß die winzig kleinen Häppchen auf einem Tablett zusammen mehr kosteten, als ein einfacher Sararimann in einem Monat verdiente. Und man bräuchte Fünfzig solcher Tabletts, um eine Familie satt zu kriegen. Die Welt der oberen Zehntausend war eine verrückte, skurrile Welt. Er liebte sie!
Ohne hinzusehen nahm er ein Glas mit Champagner von dem Tablett eines vorbeigehenden Bediensteten und gesellte sich zu einer kleinen Gruppe Männer und Frauen, die anregende Gespräche über Aktien, ihre Kinder auf der Universität und den exklusivsten Restaurants in der Stadt führten.
Garvis gleitete geschickt in das Gespräch mit ein. Die Gruppen, die er abklapperte, akzeptierten ihn, die Männer waren höflich und gesprächig, die Frauen charmant und flirteten subtil mit ihren prüfenden Blicken.
Garvis tat dies nicht sehr oft. Meistens schlug er sich auf Szeneparties herum oder anderen Veranstaltungen gleicher Art. Die Feiern der Execs betrat er seltener und er mußte sich zusammen nehmen, um nicht zu übertreiben. Es wäre ein leichtes gewesen, die Menschen hier um den Finger zu wickeln. Aber das wäre gleichbedeutend mit seiner Enttarnung gewesen. Wenn sich zu sehr in den Mittelpunkt drängte, würde früher oder später jemand erfahren wollen, wer er ist und in welcher Abteilung er arbeitete. Und wenn die Leute anfingen, bei den falschen Personen Fragen zu stellen, konnte es durchaus passieren, daß jemand auf ihn aufmerksam wurde, der es nicht werden sollte.
Im Moment baute seine Strategie auf höfliche Konversation, kleinen Flirts und der Tatsache, daß hier über zweihundert Leute versammelt waren und die Hälfte von ihnen erst seit zwei Woche in Hannover lebte.
Garvis erkannte sein Ziel. Eine schlanke Elfe mit roten, fließenden Haaren und einem grün schimmernden Kleid, daß sich perfekt an ihren Körper schmiegte. Sie besaß Kurven, die jeden Mann zum flehen gebracht hätten und so lange, wohlgeformte Beine, daß einige der Orbitalstationen wohl gerade mit dem Gedanken rangen, ihre Umlaufbahn zu reduzieren...
Sie stand bei einer kleinen Gruppe und unterhielt sich mit einigen Männern aus dem Vorstand. Garvis erkannte sie, weil er Fotos von ihnen auf einer seiner Zeitschriften gesehen hatte.
Garvis blieb bei seiner Gruppe und beschränkte sich vorläufig darauf, immer wieder zu ihr herüber zu schauen, bis sie seine Blicke erwiderte.
Dann hob er das Glas zu einem angedeutetem prosten und nahm einen Schluck, ohne dabei den Blick von ihr zu nehmen. Erst, als er das Glas wieder absetzte, wandte er sich wieder seinen Gesprächspartnern zu.
Von Zeit zur Zeit sah er zu ihr hinüber, und stellte fest, daß sie seine Blicke erwiderte, darauf zu warten schien, ob er noch mal hinschaute.
Keiner der beiden machte Anstalten, auf den anderen zuzugehen, sie beschränkten sich lediglich darauf, flüchtige, bedeutungsvolle Blicke auszutauschen.
Irgendwann wandte sie sich von ihren Gesprächspartnern ab und ging zu der riesigen, transparenten Panoramawand.
Ja! Jubelte Garvis innerlich. Der Charme eines Elfen, vermischt mit seinen Talenten war einfach unschlagbar. Sie hatte angebissen.
Garvis entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern und folgte ihr zur Fensterfront.
Die Elfe starrte auf die Lichter der Stadt hinunter und strich sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand gedankenverloren über das Schlüsselbein.
"Wenn sie weiterhin mit so verträumten Augen auf die Nacht schauen, werden sich die Hubschrauber verfliegen."
Sie drehte sich mit gespielter Überraschung zu ihm um. "Das dürfte nicht der Fall sein.", lächelte sie sanft. "Wenn sie einen Mann neben mir stehen sehen, drehen sie sicher enttäuscht ab."
Garvis erwiderte das Lächeln. "Vielleicht werden die Piloten eifersüchtig und nehmen mich aufs Korn. Das gäbe eine Katastrophe."
"Für die Anwesenden oder für sie?"
"Für mich." Garvis nippte an seinem Champagner. "Es nähme mir die Chance, die einzige bezaubernde Frau auf dieser Party kennen zu lernen."
"Dann sollten wir uns einen sicheren Platz suchen."
Garvis nickte. "Ich hoffte, sie würden das sagen."
Sie lächelte ihn amüsiert an und folgte seinem Arm, mit dem er galant auf einer der kleinen Sitzgruppen zeigte.
Sie nahm in dem gemütlichen Sessel Platz und sofort war ein Bediensteter da, um die Champagnergläser zu tauschen. Sie winkte ab, Garvis nahm noch ein Glas. Heute konnte er sich Alkohol leisten. Für den Fall, daß er hier viel trinken mußte, hatte er Medikamente genommen, die den Rausch verhindern würden, zumindest für einige Zeit.
"In welcher Abteilung sind sie tätig?", fragte sie unverblümt. "Oder kommen sie aus Seattle?"
Garvis zog ein übertrieben enttäuschtes Gesicht. "Ich komme zu einer langweiligen Pflichtveranstaltung, treffe eine bezaubernde Frau, und das erste, was sie mich fragt, sobald wir alleine sind, ist meine Arbeit. Sie sehen mich betrübt." Er griff sich ans Herz. "Wollen wir wirklich über Arbeit reden?"
Die Elfe lachte, diesmal sogar ein wenig natürlich. "Sie haben recht, Entschuldigung."
"Betrachten sie mich als Mitarbeiter einer Sonderklasse, meine Stellung wird normalerweise nicht erwähnt."
Ihr lachen brach abrupt ab. Doch sie fing sich einen Liedschlag später wieder und beugte sich ein wenig über den Tisch, um Garvis ein wenig näher zu sein.
Das gab ihm einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté frei und er spürte, wie sein Kopf an der Datenbuchse klopfte. Schnell wandte er den Blick von dieser angenehmen Landschaft ab und sah ihr in die Augen, bevor seine Blicke zu aufdringlich wirken könnten.
"Worüber wollen wir den reden?"
Garvis lächelte ein wenig hilflos. "Ich würde zu gerne sagen, über uns. Aber damit gehe ich den Dingen unangebracht Voraus. Außerdem wäre es nicht in meiner Absicht, sie mit flachen Sprüchen zu langweilen."
"Ich glaube nicht, daß wir befürchten müssen, der Langeweile zu erliegen." Ihre Hand schob sich über die Tischmitte.
Garvis mußte jetzt den nächsten Schritt machen. "Ich werde mein bestes geben, diesen Abend für wenigstens zwei hier zu einem Erlebnis zu machen.", lächelte er verschwörerisch und legte seine Hand auf die ihre.
"Sie müssen sich was einfallen lassen." Sie zog ihre Hand weg und spielte die frostige Lady. "Ich habe sehr hohe Ansprüche."
Garvis spürte den Chip an seiner Handfläche.
Als er seine Stellung erwähnte mit dem Fingerzeig auf ihn als Sonderposten war dies gleichzeitig ein Code. Er dankte im stillen den Chinesen, daß sie sogar das herausgefunden hatten. Er fragte sich nicht, wie sie das geschafft hatten. So war es um vieles leichter. Ansonsten hätte er die wahre Kontaktperson abfangen müssen, die Elfe irgendwie verführen und den Chip an sich nehmen, entweder, in dem er ihn stahl oder seine Eroberung betäubte.
Garvis lächelte mutig und zog seine Hand weg. "Meine Teuerste, nicht weniger als das würde ich wagen, ihnen zu bieten."
Sie stand auf. "Ich muß mich kurz entschuldigen. Ich hoffe doch, wenn ich wiederkomme, sind sie noch da und bereit, ihr Wort unter Beweis zu stellen."
Garvis nickte. "Ich werde warten."
Die Elfe verschwand in Richtung der Doppeltüren.
Garvis seufzte zufrieden. Was für ein Dilemma. Er hatte den Chip und sollte sich schleunigst aus dem Staub machen. Andererseits wäre das reizende Geschöpf mehr als Grund genug, noch eine weile zu bleiben und zu sehen, was der Abend noch zu bieten hätte.
Sie war vermutlich ein Profi, was hieße, daß sie sich nicht auf ihn einlassen würde, ganz gleich, ob sie es wollte oder nicht. Eine der wichtigsten Regeln bei Maulwürfen und Spionen war, sich niemals mit Kontaktpersonen einzulassen. Das hatte James Bond nie begriffen. Für Garvis galt das gleiche. Seine Position war in dem Punkt noch kritischer, weil er nicht der Kontaktmann war sondern, wenn man es nüchtern betrachtete, ein Dieb.
Er stand auf und ging zu den Türen. Verschwinden, bevor der echte Kontakt auftauchte. Das war derzeit die oberste Devise.
Als er sich umdrehte, sah er, wie einige Wachen den Raum betraten. Martens war dabei noch einige andere und einer der Wachen, die eigentlich betäubt im Fahrstuhl liegen sollten.
Ein kalter Schreck durchlief Garvis´ Körper, Das Gas sollte zwei Stunden wirken. Wie konnte sich der Wachmann so schnell erholen?
Egal. Genau der Typ zeigte jetzt auf ihn und die Truppe setzte sich in Bewegung.
Garvis umrundete die Truppen so langsam und hastlos, wie die Situation es zuließ und ging durch den Bediensteteneingang in die Küche.
Ein weiterer Schock erfaßte ihn, als er bemerkte, daß die Küche verlassen war.
Verlassen bis auf die Vier Wächter in Uniform, die in der Küche Stellung bezogen hatten.
Aus einem Reflex heraus faßte sich Garvis an seine Tasche.
Einer der Wachen reagierte sofort. Seine Pistole hustete dumpf und ein kleiner Bolzen traf Garvis an der rechten Schulter.
Die Elektrische Energie entlud sich schlagartig und brandete durch seinen Brustkorb, seinen Kopf und seine Arme. Seine Beine wurden Gelee und er brach in die Knie.
Die Schwärze der Ohnmacht umnebelte ihn, bevor er auf dem Boden aufschlug.

Als Garvis zu sich kam, sah er zunächst gar nichts. Sein Kopf brüllte vor schmerzen und er stöhnte leise.
Er wollte nach seinem Kopf greifen, aber das ging nicht. In erster Linie aus dem Grund, daß seine Hände festgeschnallt waren. Wenigstens klärte sich sein Blick ein wenig. Er trug keine Maske oder eine Augenbinde. Es war nur einfach sehr dunkel, und der Elektroschock des Tasers von....er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war. Sein Zeitgefühl war ihm vollkommen abhanden gekommen.
Er schaute auf seinen Arm. Es war immer noch dunkel, aber als Elf waren seine Augen extrem lichtempfindlich. Einstiche konnte er keine sehen, aber das hatte nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Wenn sie ihm etwas gespritzt haben, dann könnten sie auch eine Injektionspistole benutz haben und ihm Drogen - oder schlimmeres - in die Halsschlagader geschossen haben.
Garvis saß auf einem metallenen Liegestuhl Beine, Oberschenkel und Handgelenke waren mit Plastikriemen festgezurrt. Der Stuhl war gepolstert und der Raum war warm. Alles in allem gar keine so schlechte Behandlung für einen Shadowrunner. Er hatte schlimmeres gehört, aber das konnte ja noch kommen.
Garvis verdrängte den Gedanken. Darüber sollte er im Moment nicht nachdenken. Wichtiger war es, hier heraus zu kommen.
Im Geiste verfluchte er sich für seine Dummheit. Über einen Fluchtweg hatte er sich nicht genug Gedanken gemacht.
Die Sache mit den Wächtern im Fahrstuhl war viel zu unsicher gewesen. Nur den Fahrstuhl, die Feuertreppe und die Küche als Ausgang zu planen, war kurzsichtig. Es war doch klar, daß sie ihn dort erwarten würden, für den Fall, daß er aufflog. Nicht Professionell, Garvis, überhaupt nicht!
Er überlegte Fieberhaft. Seine Cybersporne waren so konstruiert, daß sie knapp über dem Handgelenk austraten, der andere aus dem Ellbogen. Die Lehne würde er kaum lösen können. Aber wenn es ihm gelang, seine Hand ein wenig in den Plastikriemen zu schieben und den Sporn auszufahren, könnte er den Riemen mit Sicherheit durchschneiden.
Er würde sich zwar selber die Hand aufschneiden, aber das ist eine Option, die ihm besser gefiel als das, was der Konzern möglicherweise mit ihm anstellen würde.
Garvis renkte den Daumen in die Handfläche und quetschte seine Hand soweit wie es ging durch den Riemen.
Das mußte reichen, wenn er den Sporn jetzt langsam ausfahren würde, könnte er den Riemen durchtrennen, ohne sich dabei die Hand in zwei Hälften zu schneiden.
Doch der Sporn kam nicht aus seiner Öffnung. Statt dessen spürte er einen stechenden Schmerz in der Schläfe, dort wo seine Datenbuchse saß. Eine weibliche, für die Situation viel zu freundliche Stimme informierte ihn darüber, daß seine Cyberware derzeit außer Funktion gesetzt worden war.
Garvis seufzte. Diese Vorrichtung kannte er von den Flughäfen. Die Sicherheit hatte ihn natürlich gründlich untersucht und ihm einen Cyberblocker in die Datenbuchse gesetzt. Warum hatte er daran nicht gedacht?
Er besaß nur die Sporne und die Datenbuchse, keine weiteren Modifikationen. Aber die würden ihm im Moment sowieso nichts nützen.
Garvis hörte ein Surren aus der Ecke. Eine Kamera richtete sich auf ihn und veränderte den Fokus. Das rote Licht neben dem Okular blinkte.
Mit einem zischen öffnete sich die Tür. Das Licht, das plötzlich hell in den Raum flutete, blendete ihn. Er konnte nicht sehen, wer in der Tür stand, nur undeutliche Schemen. Aber den Geräuschen nach kamen wenigstens vier Menschen in die Zelle.
Jetzt wurde auch die Deckenbeleuchtung angeschaltet. Sie war ebenso grell und Garvis brauchte noch einmal Zeit, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. In den letzten paar Minuten hatte sich die Liste der Cyberware, die er sich wünschte, schlagartig erweitert. Zum Beispiel Blitzkompensatoren wären jetzt schön und ein Injektor mit einem starken Kopfschmerzmittel.
"Ist fixiert?", fragte eine Stimme, die es gewohnt schien, Befehle ausgeführt zu sehen.
"Der Stuhl würde einen Troll halten.", antwortete eine andere, ruhige Stimme. "Cyberware hat der Bursche nicht viel.
Und die konnten wir deaktivieren. Er ist gänzlich ungefährlich."
"Er ist ohne Probleme in einen hochgesicherten Raum eingedrungen, wo über Hundert Angestellte feierten. Und sie erzählen mir, er wäre nicht gefährlich?"
"Er hatte sicher Hilfe. Im Moment geht keine Gefahr von ihm aus. Wenn er ein Attentäter wäre, dann säße er sicher nicht hier."
"Daß er kein Attentäter ist, weiß ich selber!", knurrte der Mann. "Wir haben genug Daten über ihn, um zu wissen, was er ist und zu was er fähig ist.", Die Stimme machte eine Pause. "Kann er uns hören?"
"Die Droge sollte längst nachgelassen haben. Er dürfte ziemliche Kopfschmerzen haben und ist natürlich desorientiert. Aber sie können mit ihm reden."
"Könnte ich gegen die Kopfschmerzen denn etwas bekommen?", meldete sich Garvis zu Wort. "Die sind nämlich höllisch."
Keiner antwortete ihm. Dann sagte der Mann. "Geben sie ihm was. Ich brauche ihn bei vollen Sinnen."
Garvis spürte eine warme Hand an seinem Hals und den feuchten Druck eines Pflasters auf seiner Haut.
Es roch auf einmal nach Knoblauch und die Kopfschmerzen ließen fast augenblicklich nach.
Ein SlapPatch mit DMSO, dachte Garvin. Der Kerl scheint keine Zeit verlieren zu wollen.
Das Nachlassen seiner Kopfschmerzen hatte auch zur Folge, daß sein Blickfeld sich endlich wieder klärte und seine Augen es zustande brachten, die Lichtverhältnisse auszugleichen.
Aber was er sah, lies seinen Mut sinken. Es waren nicht die beiden riesigen, schwer bewaffneten Wachen, die im Raum neben der Tür standen. Es war auch nicht der Arzt, der im Gegensatz zu seiner sanften, ruhigen Stimme einen grausamen, gefühlskalten Gesichtsausdruck besaß. Es war der Exec, der jetzt vor ihm stand.
Michael Sterring Jr., der neue CEO von NeTec, direkt aus Seattle. Garvis mußte sehr wichtig sein, oder was wirklich furchtbares getan haben, daß der Mann sich persönlich mit ihm beschäftigte.
Sterring grinste wie ein Hai, als er auf dem Stuhl vor Garvis Platz nahm und sich eine Platinum Select anzündete.
Garvis schaute auf das mit Silber verzierte Feuerzeug. "Sie würden mir nicht zufällig eine abgeben?", fragte er Hoffnungsvoll. Der CEO grinste noch immer und schüttelte unmerklich den Kopf, so als fände er die Bitte von Garvis unglaublich.
"Was soll ich schon anstellen können? Ich bin gefesselt, meine Cyberware deaktiviert, und sobald ich mit dem falschen Auge zwinkere, pusten mich ihre Wachen gegen die nächste Wand."
Sterring grinste noch immer und tat ansonsten nichts. Dann gab er dem Arzt einen kurzen Wink. "Die Linke."
Der Arzt zuckte mit den Schultern und trat hinter den Stuhl. Die Riemen am rechten Arm lösten sich und verschwanden in der Lehne. Der CEO hielt Garvis die Packung hin. Mit einem dankbaren Nicken nahm sich Garvis eine Select. Der Arzt wühlte in seinen Taschen und holte ein Feuerzeug hervor. Als er die Flamme unter Garvis Zigarette hielt, richteten die beiden Wachen ihre MP´s auf ihn. Die Läufe schienen groß genug zu sein, um Billardkugeln zu verschießen.
Garvis dankte dem Arzt und dieser entfernte sich wieder von dem Stuhl.
Der Exec begutachtete Garvis, während er einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.
Das war erstaunlich. Eigentlich rauchte er nicht. Er hatte sich dies nur angewöhnt, um diverse Tarnungen annehmen zu können. Eigentlich war die Bitte nach einer Zigarette nur ein Test. Hätte Sterring ihm die Zigarette sofort gegeben, dann wäre es ein sicheres Zeichen dafür, daß Garvis nicht mehr lange zu leben hatte, sobald das Verhör abgeschlossen war.
Sein Zögern und die Tatsache, daß er ihm überhaupt eine Zigarette gegeben hatte, war nicht nur ein Zeichen dafür, daß er für Garvis Charme ebenso empfänglich war, sonder auch, daß er irgendwas von ihm wollte. Sein Tod war es gewiß nicht. Dafür machten sie sich zuviel Mühe mit ihm.
Er fühlte sich jetzt ein wenig sicherer, sah einen Lichtschimmer, aus der Situation doch noch heil heraus zu kommen.
"Garvis Todorowski", begann Sterring. "Geboren am zweiten April ´28 in Hannover. Der einzige Sohn von Mareike und Sergej Todorowski. Beide am 6. Dezember ´42 bei einem Katastrophe auf einer Autobahn gestorben. Ihre echte Haarfarbe ist schwarz und ihre natürliche Augenfarbe braun. Sie haben keine besonderen Merkmale an ihrem Körper, von der Cyberware einmal abgesehen. Sie waren fünfzehn, als sie aus dem Internat ausbrachen und verschwanden. Sie lebten fortan auf der Straße und verdienten ihr Geld mit Diebereien und Betrug aller Art. Zweimal wurden sie wegen schweren Einbruchs festgenommen, aber die Anzeige wurde fallen gelassen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte. Mittlerweile sind sie ein professioneller Shadowrunner, der Aufträge für andere Konzerne ausführt, eine bisher nicht nachgewiesene Verbindung zu den Triaden wird vermutet."
Garvis hätte sich beinahe an dem Rauch seiner Zigarette verschluckt. Woher zum Teufel hatte der Typ all die Informationen? Er hatte einer Menge Leute einen Haufen Kohle und Gefälligkeiten bezahlt, damit seine Identität praktisch aus den öffentlichen Dateien verschwand, und seine gefälschte SIN war einer der besten, die man für Geld kriegen konnte. Ganz zu schweigen von seinem Aussehen. Tausend Personen kannten ihn unter Tausend verschiedenen Masken, und kaum eine war sein wahres Ich.
Das Haifischgrinsen des CEO wurde noch breiter. "Soll ich ihnen auch noch den Namen ihrer großen Liebe sagen?"
"Nicht notwendig.", seufzte Garvis. Die Chancen, die er sich vorhin erhofft hatte, verpufften vor ihm wie Quecksilber im Hochofen. Die Zigarette schmeckte auf einmal fad. Wie lange saß er hier schon fest? Es mußte die Konzerndecker Tage gedauert haben, all diese Informationen zu bekommen.
"Wir haben sehr fähige, freiberufliche Spezialisten.", sagte Sterring in einem Anflug von Telepathie. "Es war nicht weiter schwierig, eine Akte von ihnen anzulegen."
"Ich frage mich nur, was sie sich davon versprechen.", entgegne Garvis. "Was wollen sie von mir?"
Sterring beugte sich vor. "Wissen sie was, Todorowski, auf irgendeine Weise bewundere ich sie. Bei Gelegenheit müssen sie mir erzählen, wie sie im Alleingang soweit in das Gebäude vordringen konnten."
"War nicht weiter schwer.", knirschte Garvis. "Die Sicherheit hier ist ein Witz."
"War sie.", winkte Sterring ab. "Als ich von Seattle hier her kam, war sie eine Einladung für jedes Kriminelle Subjekt und für jeden anderen Konzern. Sie war das erste, was ich von Grund auf neu organisierte."
Garvis´ Gedanken überschlugen sich. "Ach ja, ihre Information über unsere Sicherheit.", grinste der CEO boshaft.
"Die waren natürlich veraltet. Im Moment steht der Konzern noch im Ruf, am Rande seiner wirtschaftlichen Existenz zu stehen. Manchmal ist es sehr nützlich, wenn man nicht wichtig oder interessant erscheint. Es lockt vielleicht das eine oder andere leichtgläubige Individuum an, so wie sie. Aber die stellen keine ernsthafte Bedrohung dar. Schließlich haben wir sie ja erwischt."
"Danke, daß sie mich daran erinnern.", murmelte Garvis mißmutig.
"Ihr kleines Spielzeug, mit dem sie den Fahrstuhl manipuliert haben, löste einen passiven Alarm in der Matrix aus.
Unsere Decker brauchten nicht lange, um die Ursache zu finden. Sie haben sich diesmal ein wenig überschätzt."
Garvis nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
"Dennoch läßt sich nicht verleugnen, daß ihre Fähigkeiten der Manipulation und der Verkleidung erstaunlich sind.
Sie hätten eine wunderbare Karriere als SimSinn-Star haben können, oder besser noch, als Manager in einem Konzern.
Sie hätten jeden Verhandlungspartner über den Tisch gezogen."
Garvis begann zu schwitzen. Um so mehr Sterring erzählte und ihm Komplimente machte, um so unbehaglicher wurde ihm. Der Typ war ein Profi, ein Haifisch im Biz. Er ließ sich weder leicht umwickeln noch sagte er irgendwas, ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.
"Sterring.", sagte Garvis müde. "Es freut mich ja, daß sie an meiner Person und meinem Engagement soviel Freude finden. Aber was wollen sie von mir? Ich sitze hier doch gewiß nicht, weil sie einen Gesprächspartner brauchen oder weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Zeit! Also sagen sie mir, was Sache ist."
Sterrings Augen verfinsterten sich. "Sie schwingen große Worte für einen Mann in ihrer Situation. An ihrer Stelle würde ich mich ein wenig zurück halten. Sie töten zu lassen, wäre nicht weiter tragisch für mich. Ich bin derjenige, der ihnen ein Angebot machen möchte. Wenn sie das Gefühl haben, daß ich sie langweile - bitte, sagen sie es nur. Ich lasse sie sehr gerne mit den Beiden da alleine." Er zeigte auf die Wachen, die nach seiner Geste noch grimmiger dreinblickten und ihre Waffen leicht anhoben.
"Überzeugendes Argument.", sagte Garvis. "Natürlich haben sie meine volle Aufmerksamkeit. Und Zeit..."
Er schaute demonstrativ auf seine Fesseln. "...habe ich momentan genug. Sie sprachen von einem Angebot?"
"Eines, daß sie nicht ausschlagen können."
"Wer hätte das gedacht.", murmelte Garvis. Seine Augen wurden groß und er machte eine entschuldigende Geste mit der freien Hand, als sich der Blick von Sterring wieder verengte. Was muß der Typ auch so gute Ohren haben?
"Sie wissen nicht, wann sie aufhören müssen, oder?", fragte der CEO. "Natürlich haben sie die Wahl. Die hat immer.
Interessant ist lediglich, welcher Alternative einem eher zuspricht."
"Natürlich. Wie lautet ihr Angebot?"
Sterring breitete die Arme aus, eine Geste, mit der er das gesamte Gebäude einschloß. "Sie arbeiten für uns."
Garvis sah starr gerade aus, unfähig, irgendwas zu antworten. Die Konsequenzen, die Vorteile, die Möglichkeiten schossen ihm in einem berauschendem Wirbel durch den Kopf.
"Wozu brauchen sie mich?", fragte er mißtrauisch. "Spezialisten haben sie doch sicher auf Abruf genug. Und wenn nicht, können sie in den Schatten anheuern."
Der CEO verzog das Gesicht. "Agenten haben wir, das stimmt. Und der Schattenmarkt bietet eine breite Auswahl.
Aber Leute wie sie sind selten. Sie haben Vorteile, die man nicht so schnell findet. Ihre Fähigkeit, in nahezu jeder Umgebung zurecht zu finden, auf Anhieb akzeptiert zu werden. Ihr Talent zur Verkleidung und die Fähigkeit, die allermeisten Leute für sich zu gewinnen sind unschätzbar. Der Nachteil an ihrer Person" Er deutete mit dem Finger auf Garvis Gesicht. "ist ihre Loyalität. Ihr wankelmütiger Charakter. Ich möchte sie deswegen auf der Gehaltsliste des Konzerns sehen, weil wir sie dann besser kontrollieren können. Als Sonderaktivposten sind sie längst nicht soviel wert. Nicht vertrauensvoll genug."
"Und sie meinen, sie könnten mich besser kontrollieren, wenn ich im Konzern bin anstatt draußen?"
Sterring lachte laut auf. "Sie bekommen ein festes Gehalt, zudem auch noch en angenehm hohes. Sie werden Berichte über ihre Missionen schreiben müssen und Listen ausfüllen für alle Ausrüstung, die sie benötigen. Und wenn ihnen das nicht Kontrolle genug ist. Wir haben natürlich Gewebeproben von ihnen."
"Oh wie überaus fair.", stichelte Garvis. "Und natürlich werden sie diese vernichten, falls ich Nein sage."
Der Exec schüttelte den Kopf. "Nein, denn das wird nicht notwendig sein. Denn mein Angebot ist das einzige, was noch zwischen ihnen und dem Tod steht."
Garvis schluckte. Sein Gesicht wurde kreidebleich und seine Ohren rot. "Ist das die Alternative?"
"Was haben sie gedacht? Sie sind unbefugt und mit kriminellen Absichten in unser Gelände eingedrungen. Wir können sie nicht einfach gehen lassen, mit einem Händeschütteln und einer Einladung für das nächste mal. Die Konzernbestimmungen sind diesbezüglich sehr direkt." Sterring setzte eine mitfühlende Miene auf. "Ich tue es bestimmt nicht gerne, aber es ist nun mal notwendig."
"Das glaube ich ihnen aufs Wort.", höhnte Garvis niedergeschlagen.
Der CEO sah ihn erwartungsvoll an. Jeder im Raum wartete auf seine Antwort, obgleich zumindest Sterring wußte, wie Garvis sich entscheiden würde. Er besaß eine ebenso gute Menschenkenntnis wie Garvis, und beide wußten, wie dieser Deal ausgehen würde. Für Sterring war die Antwort nur noch eine formelle Angelegenheit. Für Garvis leider auch.
Seine Platinum war herunter gebrannt und der Filter wurde langsam heiß.
Er schnippte die Zigarette weg und sah, nicht ohne geringe Befriedigung, daß die beiden Wachen zusammen zuckten.
Nervöse, aufgepeppte Bündel. Welche Gefahr stellt er denn schon dar?
"Bekomme ich Spesen?", fragte Garvis schicksalsergeben.
Sterring lachte. "Sie werden es schon bald zu schätzen wissen, was es bedeutet, für einen Konzern zu arbeiten." Er erhob sich und wollte die Zelle verlassen, doch Garvis rief ihm hinterher. "Sterring! Eine Frage habe ich noch."
Der CEO blieb stehen und drehte sich um.
"Warum?", fragte Garvis. "Warum überhaupt dieses Angebot? Ich meine, sie bieten mir eine Chance und eine Menge Vorzüge, wenn man mal alles andere beiseite läßt. Aber das bedeutet ebenso für sie, daß sie sich jemanden in ihr Team holen, dem sie niemals hundertprozentig trauen können, ganz gleich, welche Maßnahmen sie treffen. Es wäre viel einfacher und unkomplizierter gewesen, mich zu erschießen und das Problem damit zu den Akten zu legen. Sie können mir nicht erzählen, daß sie niemanden in ihren Reihen haben, der nicht ähnliche Fähigkeiten wie ich besitzt.
Warum also dieses großzügige Angebot? Doch bestimmt nicht aus Nächstenliebe."
Sterring schüttelte enttäuscht den Kopf. "Sie sind wirklich undankbar. Wie ich schon erklärt habe, Talente wie sie findet man selten. Sie sparen Zeit und Geld. Natürlich sind sie noch ganz am Anfang, aber das werden wir schnell ändern.
Aber ein anderer, ebenso wichtiger Grund ist, daß sie uns einen großen Gefallen getan haben. Sie haben uns eine Chip mit geheimen Daten über unsere Projekte übergeben und sie haben einen Spion in den eigenen Reihen enttarnt. Mein Dank dafür ist mein Angebot. Sie sehen also, ich bin kein schlechter Mensch."
Ach Du scheiße, der Chip! Garvis hatte ihn über all die Aufregung vollkommen vergessen. Wenn die Triaden davon erfahren, wie werden sie reagieren? Aber das war im Moment seine geringste Sorge.
"Der Spion - die Frau, was ist mit ihr geschehen?"
Der CEO sah ihn konsterniert an. "Was glauben sie denn? Sie lebt natürlich nicht mehr." Er verließ den Raum, gefolgt vom Arzt. Die beiden Wachen sahen ihn finster an, dann trat einer von den beiden auf ihn zu und befreite ihm von den Fesseln. Garvis bewegte dabei keinen Muskel.

Der Wagen fuhr vor und hielt nahe der Telefonzelle. Garvis setzte seine Brille auf. Der Fahrer nahm eine Taschenlampe in die Hand und schaltete sie zweimal an und aus. Kein Mensch könnte das Licht sehen, wenn er nicht ein spezielles Sichtgerät trägt, daß auch im UV-Spektrum empfängt.
Das war seine Fahrkarte. Garvis trat aus dem Schatten und ging zu der Fahrertür und klopfte gegen die Scheibe.
Der Fahrer ließ das Fenster herunter. Die schwere Pistole, die er vorher aus einem Halfter unter dem Armaturenbrett gezogen hatte, konnte Garvis nicht sehen. Das war aber auch nicht nötig. Er wußte auch so, daß sie auf ihn gerichtet war. Das Kaliber war groß genug, um die Tür zu durchschlagen, seinen Körper und erst in der Telefonzelle hinter ihm stecken zu bleiben, trotz des Schalldämpfers.
"Entschuldigen sie. Wie komme ich zurück zu der Innenstadt? Ich bin Tourist und habe wohl die Orientierung verloren."
Der Fahrer sah ihn an. "Das ist aber ein weiter Weg. Wissen sie, wie sie zum Universitätsviertel kommen?"
"Nein, tut mir leid, ich kenne mich hier überhaupt nicht aus. Vielleicht könnten sie es mir auf der Karte zeigen?" Garvis hielt dem Fahrer einen Stadtplan von Hannover hin. Die Seite C24-C25 war aufgeschlagen.
"Von hier aus finden sie nie zurück, da verlaufen sie sich nur. Steigen sie ein, ich nehme sie ein Stück mit." Der Fahrer deutete auf die Beifahrertür.
"Stop!", rief Garvis. Doch nichts geschah. Mehr aus einem Instinkt heraus warf Garvis sich zur Seite.
Metall dröhnte, als eine Kugel die Wagentür durchschlug und durch die Luft zischte, wo Augenblicke zuvor Garvis noch gestanden hatte.
Garvis griff in seinen Mantel und zog seine Pistole aus dem Halfter. "Stop!", rief er noch einmal. Wieder blieb die erhoffte Wirkung aus. Der Fahrer hatte mittlerweile das Fenster wieder hoch gelassen und donnerte mit seinem Wagen auf Garvis los. Der gab einige Schüsse auf die Fensterscheibe ab. Drei trafen den Fahrer, oder besser gesagt, hätten ihn getroffen, wenn sie nicht von der Kugelsicheren Frontscheibe abgeprallt wären. Garvis wollte sich aufrappeln und ausweichen, aber dafür war es zu spät. Er hatte geschossen, und für weitere Aktionen fehlte ihm die Zeit.
Bevor die Karosserie seinen Körper zerschmettern konnte, löste sie sich in tausend Pixel auf, die sich in der Umgebung verflüchtigten wie farbiger Staub in einem Herbststurm. Der Fahrer stand vor ihm auf der Straße, die Waffe im Anschlag und zielte auf seinen Kopf. Garvis glaubte, in einem schlechten Traum gelandet zu sein und glotzte verdattert auf die Mündung.
"Also bitte!" rief Garvis außer sich. "Jetzt wird es abgefahren!"
Der Fahrer krümmte sich und hielt sich den Bauch vor lachen. "Stop.", sagte er atemlos. "Ich kann nicht mehr."
Die Umgebung löste sich auf, ebenso wie der Fahrer und Garvis selbst.
Er griff nach dem Kabel in der Datenbuchse und riß es heraus. Dann stand er wütend von seiner Liege auf und stampfte zu Kai.
"Was sollte dieser Drek?", bellte er ihn an. "Wieso hast Du meine Kommandofunktionen ausgesetzt?"
Kai selber hielt sich nur mühsam aufrecht im Sessel. Vor lachen liefen ihm die Tränen über das Gesicht.
"Du hättest Dein Gesicht sehen sollen!", heulte er. "Das wollte ich schon lange mal machen!"
Garvis biß seine Zähne zusammen. "Aha. Und Ferris war natürlich eingeweiht."
"Ja!", rief Kai und schüttelte sich vor lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, stand er auf und klopfte Garvis auf die Schulter. "Nimm's mir nicht übel. Das machen wir mit jedem neuen."
Die Tür des Simulationsraumes öffnete sich, und Andreas Hartmann trat herein. "Meine Herren. Das ist unangebracht."
"Entschuldigen sie.", sagten Ferris und Kai wie aus einem Munde. Und sie prusteten wieder los.
Garvis sah ungläubig auf Hartmann. Sein Mund war zu einem dünnen Strich zusammen gepreßt, und Garvis würde ein Monatsgehalt darauf verwetten, daß der Leiter der Sonderabteilung sich gerade auf die Zunge biß, um nicht ebenfalls laut loszulachen. "Sie haben es ebenfalls gewußt!", rief er.
"Es ist eine Art Ritual.", grinste Hartmann. "Machen sie sich nichts draus."
"Ein Wagen hätte mich beinahe überfahren!", empörte sich Garvis. "Was meinen sie mit 'Ich soll mir nichts draus machen'?"
Hartmann wurde schlagartig ernst. "Oh, das gehörte zur Simulation." Er bedeutete dem Decker, die Simulationsaufnahmen abzuspielen. Einzelne Bilder flackerten im Schnellverfahren über den Wandbildschirm.
"Sie haben alles wunderbar gemeistert. Ich muß sagen, die Schule der Straße kann durchaus ihre Vorzüge haben.
Warum wollten sie die Simulation bei der Codeabfrage abbrechen?"
"Ferris hat mir den Stadtplan nicht zurückgegeben. Und umgeblättert hat er auch nicht. Er hat den vereinbarten Code gebrochen, also ging ich davon aus, daß es entweder nicht Ferris ist, oder er korrupt war."
Hartmann nickte. "Soweit ausgezeichnet. Und weiter."
"Wie weiter?", platzte es Garvis heraus. "Die Simulation wird an diesem Punkt normalerweise beendet. Wieso lief sie diesmal weiter?"
"Haben sie ihre Order nicht gelesen? Wir haben die Trainingsprotokolle geändert. Willkommen in Stufe acht.
Sie sollten ihre Hausaufgaben besser machen. Im wirklichen Leben können sie nicht "Stop" sagen. Entweder handeln sie, oder sie sind tot. Übrigens, das war eine ganz schlechte Idee, auf die Frontscheibe zu schießen. Wie sind sie nur auf diese Idee gekommen?"
Garvis zuckte mit den Schultern. "Ich wollte den Fahrer erschießen. In den Filmen klappt das immer."
Hartmann schüttelte verzweifelt den Kopf. "Sie können doch nicht ihr Wissen aus billigen SimSinns übernehmen! Das kostet sie irgendwann mal den Kopf!"
"Das war die einzige Bildung, die ich auf der Straße anfangs hatte. Und bisher hat es immer gut funktioniert."
"Wie auch immer.", meinte Hartmann. "Gehen sie in der Regel lieber davon aus, daß alle Fahrzeuge wenigstens kugelsichere Scheiben haben. Und selbst wenn nicht; es ist nicht gesagt, daß ein Auto auch stehen bleibt, wenn der Fahrer tot ist. Wenigstens das sollten sie wissen."
"Zugegeben.", meinte Garvis. "Aber die Sache mit "Ferris-aus-dem-Auto" war trotzdem eine Scheiß Idee."
Hinter ihm fingen Kai und sein Trainingspartner wieder an zu lachen.
"Merken sie sich nur eins.", meinte Hartmann zum Abschluß. "Ab heute sind die Kommandos außer Funktion. Die Simulationen enden nur noch, wenn sie das Ziel erreicht haben, oder wenn sie tot sind. Aber so, wie es bisher läuft, sollten sie sich keine Sorgen machen."
Das war ein Lob. "Danke, Chef. Und euch beide..." er drehte sich zu Ferris und dem Decker um. "Das bekommt ihr wieder!"

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