Shadowrun - Runner's Place
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Garvis Chamäleon

von


Garvis Todorowski stieg aus dem gelben Wagen und stolzierte mit seinem Werkzeugkoffer festen Schrittes auf das Wachhäuschen zu.
Der Typ hinter der Glasscheibe bemerkte ihn erst, als er energisch gegen die Makroplastscheibe klopfte.
Der Wachmann aktivierte die Gegensprechanlage.
"Parkdeck 32", maulte Garvis. "Wo isn das?"
"Können sie sich ausweisen?", fragte der Wachmann lediglich.
Garvis seufzte genervt und zog eine Karte aus der Brusttasche. Die kleine Karte zeichnete ihn als Techniker der vom Konzern angestellten Wartungsdienst aus. "Mach hinne, Kumpel. Meine Alte wartet zu hause mit dem Essen auf mich!"
Der Wachmann nahm die Karte entgegen und überprüfte sie genau. Garvis wurde nervös. Er schluckt es nicht, bemerkte er. Die Körperhaltung des Wachmanns zeigte das ganz deutlich. "Mir wurde kein Vorfall gemeldet, und auch nicht die Ankunft eines Technikers." Der Wachmann aktivierte eine Telekomleitung und verband sich mit dem Wartungsdienst.
Also gut, Plan B.
Verwirrung wirbelte durch seine Augen. "Das Scheiß Ding spinnt mal wieder. Ich bekomme kein Freizeichen." Garvis lächelte spöttisch. "Deswegen bin ich ja da Kumpel." Der Wachmann war immer noch skeptisch.
"Hör mal.", jammerte Garvis. "Wenn Du denkst, ich sei irgend ein Punk, der sich hier was unter den Nagel reißen will:
Meinen Ausweis hast Du. Und wenn es Dich beruhigt, kannst Du mich durchsuchen, so ka? Ich will nur meinen Job erledigen und dann nach hause zu einem Kühlen Bier!"
Garvis stellte sich ein wenig weiter von dem Wachhaus weg und streckte die Arme aus der Kasten stand noch immer vor der Makroplastscheibe.
"Das ist nicht nötig.", stammelte der Wachmann. "Ich werde einfach jemanden rufen, um die Sache...."
"Kumpel, willst Du wegen solch einer Lappalie niemanden aus dem Bett rufen?", merkte Garvis an. Er holte seinen Dienstausweis und die Auftragspapiere aus der Tasche und legte ihn auf den Werkzeugkoffer. "Ist ja Vorbildlich, daß Du Deinen Job so ernst nimmst, aber das tue ich auch. Überprüf mich einfach und dann laß mich meine Arbeit erledigen. Dann komme ich hier schnell weg."
Der übereifrige Wachmann stutzte. Jemand, der so versessen darauf war, überprüft zu werden, konnte kein Einbrecher sein. Erst recht kein Shadowrunner. Vielleicht lag hier wirklich nur ein Irrtum vor und man hatte vergessen, ihm den Wartungsauftrag mitzuteilen. Er seufzte und öffnete die Tür des Wachhauses.
Garvis stellte sich neben seinem Koffer und streckt die Hände sichtbar von seinem Körper weg. Nichts in seiner Haltung deutete auf etwas merkwürdiges hin.
Der Wachmann hielt seine Hand an dem Kolben seiner Walther, mit der anderen griff er nach dem Ausweis und den Papieren, nicht ohne den Blick von dem Techniker zu lassen.
Die Papiere schienen in Ordnung. Der Typ kam von dem Wartungsteam, daß mit dem Konzern unter Vertrag stand, arbeitete dort schon seit einigen Jahren.
Der Wachmann deutete Garvis, sich umzudrehen. Er klopfte ihn gründlich ab ertastete einen schweren Gegenstand in der rechten Tasche des Overalls. Als er es herausholte, entpuppte es sich als ein Multifunktionswerkzeug.
Garvis drehte sich wieder um und der Wachmann gab ihm das Gerät wieder zurück.
"Nichts für ungut, Kumpel.", sagte er, jetzt schon ein wenig freundlicher. "Aber es ist mein Job."
"Mach ruhig.", lächelte Garvis. "Nicht, daß Du wegen mir Ärger bekommst."
Der Wachmann bückte sich und öffnete den Werkzeugkoffer, um den Inhalt zu überprüfen. Als er die Lade aufklappte, brach die Kapsel auf und das Betäubungsgas strömte ihm entgegen.
Ohne einen Laut brach der Wachmann über dem Koffer zusammen. Garvis lächelte. Der Trick zog noch jedesmal.
Er schleifte den Wachmann zurück in das Häuschen, setzte ihn auf den Stuhl und legte seinen Kopf und seine Arme auf die Konsole.
"Schlafen während der Arbeit.", murmelte der falsche Techniker entrüstet. "Das wird Ärger geben, Kumpel."
Er nahm die Schlüssel des Wachmanns an sich und verschloß das Häuschen von außen. Dann zerstörte er das Schloß.
Dem Werkzeugkoffer entnahm er seine Narcojet und verstaute ihn in seinem Overall. Ab jetzt würde es schwieriger werden.
Garvis ging zu dem Fahrstuhl und wartete, bis dieser zu ihm runter kam. Mit einem fast unhörbaren zischen öffnete sich der Lift und er trat in die Kabine. Wie beiläufig schaute er zu der versteckten Kamera. Die Dinger waren immer an der gleichen Stelle angebracht.
Und der Tote Winkel war immer an der Konsole. Zumindest bei diesem Standardmodell. Er verstand nicht, warum einige Konzerne dies nicht änderten, aber im Moment war er froh darüber.
Er trat zur Konsole und öffnete das Paneel.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er ein kleines Gerät und verband es mit den Kontrollen. Sehr gut, kein Alarm ausgelöst. Dann sollte das hier auch nicht auffallen. Garvis verband die Klemmen mit den beiden unscheinbaren Tafeln und trat zurück. Für einige Sekunden stellte er sich wieder mitten in die Kabine, genau in den Erfassungsbereich der Kamera und drückte auf den Knopf der kleinen Fernbedienung in seiner Hand. Die Kamera würde jetzt dieses Bild von ihm speichern und immer wieder abspielen. Außerdem würde es seinen langen Aufenthalt an der Konsole löschen und ebenso überspielen. Ein kleines Geschenk von einer Deckerin. Sie hatte ihm versichert, daß es hundertprozentig funktionieren würde und Garvis hoffte, das dies auch der Fall ist.
Aus seinem Werkzeugkasten holte er noch ein kleines Geschenk, das hatte er von seinem Schieber bekommen und plazierte es neben der Tür im Toten Winkel.
Mit einem sanften Ping signalisierte der Fahrstuhl, daß er auf Ebene 32 angekommen wäre und die Türen öffneten sich.
Garvis sah sich zwei gut gekleideten Wachoffizieren gegenüber, die ihn fragend ansahen und in ihr Jackett griffen. Er legte das bestürzteste und gehetzte Gesicht auf, das er konnte und rief atemlos. "Bitte! Hilfe, dort unten sind Einbrecher!" Er stürzte panisch auf die Offiziere zu. Einer fing ihn auf und mahnte ihn zur Ruhe. "Wovon reden sie? Wer sind sie überhaupt?"
"Frank Mossberg, Technischer Wartungsdienst! Ich wurde geschickt, um auf dem Parkdeck defekte Leitungen zu überprüfen, als sie kamen! Sie haben auf mich geschossen!"
"Wer?", wollte der andere wissen.
"Ich weiß es doch nicht!", jammerte Garvis. "Ich wollte doch nur meinen Job machen, als ich die Schüsse hörte! Der Wachmann wurde getroffen. Ich glaube...er ist tot! Ich brauche Hilfe!"
"Wieso kommen sie damit zu uns? Wissen sie, wo sie sind?"
"Mann! Ich hab doch keine Ahnung! Ich stürmte in den offenen Lift und drückte auf irgendeinen Knopf: Ich hab gehofft, irgend jemanden anzutreffen! Ich hatte einfach Scheißangst!"
"Beruhigen sie sich.", sagte einer der Wachmänner. "Wir werden nach unten fahren und uns das ansehen. Sie bleiben hier und warten auf meinen Kollegen."
Der andere Wachmann griff sich an den Kragen. Dann hob er seine Augenbraue. "Das Blöde Ding ist mal wieder gestört." Er wandte sich zu seinem Kameraden. "Wir geben vom Fahrstuhl aus Alarm."
"Sie warten hier, genau hier.", ermahnte ihn der andere Offizier, während beide in den Fahrstuhl stiegen.
Als einer der beiden zur Konsole ging, wurden seine Augen vor Überraschung groß. Noch bevor er Garvis einen Blick zuwerfen konnte oder seine Waffe ziehen, schloß sich die Kabinentür und verriegelte sich. Garvis hörte das dumpfe Geräusch zweier auf den Boden fallenden Körper und das klappern einer Waffe.
Er grinste. Gamma-Skopolamin ist in diesem Falle absolut zuverlässig. Und NeTec sollte seine Sicherheit besser ausbilden. Sie waren keine Sekunde mißtrauisch gewesen.
Garvis drückte auf den Türknopf des Fahrstuhls. Die Schiebetüren öffneten sich erneut und gaben den Blick die beiden bewußtlose Wächter frei, die neben seinem Werkzeugkasten auf dem Boden lagen. Er stelzte um die beiden Wachen herum und hob den Kasten auf. "Tut mir leid, Jungs.", sagte er und grinste. "Aber Dummheit sollte nun mal bestraft werden."
Er öffnete den Werkzeugkoffer und entnahm ihm ein kleines Modul, daß er in das noch immer geöffnete Paneel der Liftsteuerung drückte. Ein weiteres Geschenk von einem Deckerfreund. Das Licht erlosch augenblicklich, nur um gleich wieder anzuspringen.
Garvis verließ die Kabine und die Türen verschlossen sich automatisch. Die Etagenanzeige über der Kabine blinkte jetzt mit der Aufschrift "Außer Betrieb" abwechselnd in den Sprachen Deutsch, Englisch und Japanisch.
Dieser Teil seines Plans war bisher der unsicherste gewesen. Er wollte ihn eigentlich anders lösen, weil der Trick mit dem Fahrstuhl zu viele Unsicherheiten aufwies. Wären die Wächter nicht in die Kabine gegangen oder nur einer von ihnen, hätte er sicher einen Weg gefunden, sie mit der Narcojet zu betäuben. Aber die Synchronschleife der Videoüberwachung war ein reiner Glücksfaktor gewesen. Die Tatsache, daß er hier noch stand, war der einzige Beweis dafür, daß der Sicherheitsangestellte zum richtigen Zeitpunkt weggeschaut hatte. Die Sicherheit von NeTec stand allgemein in dem Ruf, nicht besonders herausfordernd zu sein. Das Sicherheitspersonal war schlampig und besaß nicht viel Motivation, die technischen Einrichtungen hingen dem Standart immer ein wenig hinterher. Der einzige Grund, warum NeTec nicht von Shadowrunnern regelrecht überflutet wurde, war der Grund, daß sich andere Konzerne nicht sehr für NeTec interessierten. Sie hatten keine Projekte oder Produkte, die sie auf dem Markt zu einem echten Konkurrenten machen würden, und keiner der Großen Acht oder der anderen Konzerne, die einer der Acht werden wollten, sah in NeTec einen starken Widersacher.
Das war vor zwei Wochen. Der Vorstand aus Seattle hatte einen neuen CEO geschickt und mit ihm einen ganzen Stab von Personal, so daß die Exekutive Ebene bis hin zu den Wissenschaftlern, Managern, Anwälten und Finanzexperten komplett umstrukturiert wurde.
Irgendwas war im Busch und die anderen Konzerne witterten das mit den Instinkten eines hungrigen Hais.
Genau aus diesem Grund hatte Yamatetsus Zweigstelle einen Maulwurf eingeschleust, der über die neuen Veränderungen Bericht erstatten soll.
Ähnliche Gerüchte kursierten auch in den Schatten und dort war man in der Regel ein wenig besser informiert. Die örtlichen Triaden wußten ganz genau, worum es ging. Und sie würden Garvis eine unanständig hohe Summe bezahlen, wenn er ihnen den Chip des Maulwurf bringen würde, auf dem die neuen Projekte und die Gründe für den Personalwechsel festgehalten sind.
Garvis war sich zuerst nicht sicher, ob er diesen Job wirklich annehmen wollte. Sicher, die Summe, die für dafür ausstand, war mehr als verlockend und er hätte Monatelang im Reichtum schwelgen können, ohne einen neuen Job annehmen zu müssen, wenn er dieses Ding durchziehen würde. Aber neue CEOs und neue Projekte bedeuten auch immer neue Sicherheit. Und bessere...
Aber auch in diesem Fall waren die Triaden erstaunlich gut informiert.
Der interne Machtwechsel des NeTec-Konzerns in Hannover ging so schnell von statten, daß man annehmen mußte, er wurde entweder von einem größeren Konzern geschluckt oder NeTec versuchte, dies mit drastischen Maßnahmen zu verhindern. Das war ein anderes Problem, dachte Garvis. Wenn man keine ernsthafte Konkurrenz für die Megakons darstellte, hieß das noch lange nicht, daß man Narrenfreiheit besaß. Es hieß eigentlich nur, daß man über kurz oder lang von einem dieser Kons einverleibt wurde.
Die Sicherheit von NeTec war noch immer im Hintertreffen. Die interne Umstrukturierung brachte die üblichen Bürokratischen Einbußen mit sich, und bis der neue CEO alles nach seinen Wünschen arrangiert haben würde, war es noch eine lange Zeit. Und in dieser Zeit war die Sicherheit noch schlampiger und somit verwundbarer als vorher. Die einzige Lebensberechtigung, die der Konzern noch hatte, war die Tatsache, daß dies ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis war. Schieber verkauften diese Information für sehr hohes Geld und Shadowrunner standen trotz ihrer Arbeitsweise nicht gerade in dem Ruf, die Katze im Sack zu kaufen.
Die Megakons versuchten die kursierenden Geschichten über NeTec ebenfalls für sich zu behalten. Den Vorteil hatte der, der davon wußte und zuerst zuschlug.
Und die Syndikate, sie wußten auch davon.
Was für ein Interesse die Chinesen an dem Konzern hatten oder was sie sich von den Informationen versprachen, konnte sich Garvis nicht zusammen reimen. Aber letztendlich war ihm das auch egal. Er stand mit den Triade auf gutem Fuß, und wenn sie ihm einen solchen Job anboten - viel, sehr viel Kohle bei minimalem Risiko - war das gleichbedeutend mit eine Geschenk. Daß sie ihn aufgrund irgendeiner Streitigkeit abschieben wollten, glaubte er kaum. Er hatte keine Streitigkeiten mit den Chinesen, und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, so hätten sie ihn kaum mit so einem Angebot auf Konzerngelände gelockt, um ihn loszuwerden. Die Triaden hatten ihre eigenen Methoden. So oder so war Garvis jetzt im Gebäude von NeTec, keine Hundert Meter entfernt von einer Party, voll mit schönen, kühlen Frauen, schleimigen Execs, Hors d´oeuvré, echtem Champagner und einem Chip, der wahrlich Gold wert war. Ach was Gold - Platin! Oder besser, überlegte Garvis in kindischer Vorfreude, soviel Wert wie Orichalkum!
Garvis entfernte die Nasenfilter und verstaute sie in seiner Wunderkiste. Dann ging er in eine der Besenkammer.
Kleine Räume mit Reinigungsutensilien gab es auf jedem Stockwerk, ebenso wie Toiletten. Und obgleich die allermeisten Leute beschwören würden, auf der Chefetage gäbe es keine Überwachungskameras auf dem noblen Örtchen, glaubte Garvis eher an das allgemeine Konzernmantra "Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser!"
Auf jeden Fall, und das wußte er, wurden die Besenkammern nicht überwacht.
Sein Werkzeugkasten hatte noch ein unteres Fach, getrennt von den aufklappbaren Kammern oben. Es ließ sich komplett abschieben und enthüllte Garvis einen teuren Anzug. Das Ding wurde speziell für ihn angefertigt.
So lächerlich es auch klingen mag, aber die Garderobe war anfangs für ihn ein echtes Problem gewesen.
In entsprechend angemessener Garderobe wäre er nicht in das Gebäude gekommen, ohne dabei den meisten Kontrollen zu entgehen, also mußte er sich im Gebäude umkleiden. Das Risiko, auf jemanden seiner Größe in der Toilette zu warten und ihm die Kleidung abzunehmen, wollte er gar nicht erst eingehen. Das klappt in den Trideos vielleicht immer, aber die Zufälle und Probleme, die sich bei einer solchen Aktion aneinander reihten, wurden im Drehbuch meist weggelassen. Der Anzug war komprimiert worden, in einem speziellen Verfahren, damit er in das untere Fach paßte. Er hatte ähnliches mal in einem uralten Superhelden-Comic gesehen und hatte im nachhinein überlegt, daß so etwas, bei dem heutigen Stand der modernen Textilien bis zu einem gewissen Grad möglich sein sollte. Der Typ, der ihm den Anzug angefertigt hatte, meinte, so etwas gäbe es, und der Zweireiher würde sich von der anderen teuren Mode der Execs in nichts unterscheiden. Außer im Material.
Sicher, der Stoff war absolut synthetisch. Keine Baumwolle, Seide oder irgend etwas anderes. Aber der Anzug war dennoch genauso teuer gewesen, als wäre er aus echter Spinnenseide. Das war der Preis dafür, daß Garvis seine Garderobe verstecken konnte und sie nach dem Ankleiden immer noch aussah wie von Zoé.
Garvis klappte den Werkzeugkoffer auf und holte einen Spiegel heraus. Er war nicht sehr groß, mußte aber reichen.
Der Anzug saß perfekt, sah edel und unerschwinglich teuer aus und hatte wie versprochen keine Falten. Als er die Kontaktlinsen einsetzte und die sorgsam ausgewählten Tattoos auf seinen Hals und seine Stirn preßte, war er ganz der schleimige, aufstrebende Exec nach der neuesten Mode.
Dem Koffer entnahm er noch eine kleine Fichetti, die Narcojet ließ er zurück, sie war zu groß. Den Koffer auch. Wenn alles nach Plan lief, war er in einer halben Stunde wieder aus dem Gebäude.
Garvis trat festen Schrittes auf den Flur, trug seinen Anzug und die arroganteste Miene, der er mit seinen schauspielerischen Talent fähig war und schritt in Richtung der beiden Doppeltüren, hinter der sein Geld lag.
Vor der Tür stand noch zwei Wachen. Sie waren Besser gekleidet als die beiden vor dem Fahrstuhl und schienen auch professioneller zu sein. Ihre Körperhaltung, die ganze Sprache, die ihre subtilen Bewegungen offenbarten, verriet ihm das.
Garvis beachtete die beiden nicht. Er ging an ihnen vorbei, auf die Tür zu, als wären sie gar nicht da.
Die beiden ignorierten ihn ebenso.
Dann, bevor er die Tür aufstoßen konnte, hörte er, wie sich einer der beiden zu ihm umdrehte. "Sir?"
Garvis blieb stehen und drehte sich mit deutlichem Ausdruck ungehaltenen Empören um und starrte den Wächter nieder.
"Entschuldigen sie meine Aufdringlichkeit, Sir. Aber Waffen sind auf der Veranstaltung nicht erlaubt."
"Wovon reden sie?", blaffte Garvis mit unveränderter Miene.
Der Wachmann war unschlüssig. Er konnte Garvis unmöglich nach Waffen abtasten.
Aber er hatte die Fichetti unter dem Jackett erkannt. Unsicher zeigte er auf die Stelle, wo sie sich befinden sollte und nickte Garvis zu. "Ihre Waffe, Sir. Sie dürfen sie nicht mit hinein nehmen. Sie haben wahrscheinlich vergessen, sie in ihrem Auto abzulegen. Kommt vor."
Garvis starrte den Mann an, als hätte er ihn gerade mit einem Sasquatsch verglichen, dann sah er ungläubig an seinem Jackett herunter und tastete nach der Waffe.
"Tatsächlich, murmelte er erstaunt. "Ich habe sie gar nicht bemerkt!"
Der Wachmann hatte seine Hand noch immer ausgestreckt und räusperte sich höflich. "Würden sie mir bitte ihre Waffe aushändigen? Ich werde sie für sie bis zum Ende der Feier aufbewahren."
Garvis versteifte sich. "Wie ist ihr Name.", befahl er dem Wachmann.
"Officer Martens. Richard Martens, Sir. Dienstnummer: NSD 2234 RM-8539.", antwortete der Mann folgsam. Schweißperlen tauchten auf seiner Stirn auf.
"Martens, Mhmh.", sagte Garvis nur und durchbohrte den nervösen Wachmann mit seinen Blicken. "Sie machen hier hervorragende Arbeit. Ich werde sie wohl lobend erwähnen müssen.", lächelte er, als hätte er eben einen besonders tollen Witz gemacht. "Machen sie weiter so, und sie sind bald Leiter der Sicherheitsabteilung."
"D-danke, Sir...", entfuhr es dem Wachmann völlig verblüfft. Die Waffe hätte er beinahe fallen lassen, die Garvis ihm in die Hand drückte. So überrascht war er.
Der andere Wachmann drückte für ihn die Tür auf.
Garvis hätte am liebsten laut losgelacht. Einer der ältesten Tricks, aber sie fallen alle darauf rein. Nimm eine Waffe mit, und verbirg sie nicht. Wer es mit einer Waffe bis hierher schafft, muß ein Exec sein, kein anderer würde soweit kommen. An Ausnahmen dachten sie nicht. Der Officer würde jetzt nicht mehr an ihm zweifeln und versuchen, sein Gesicht zu vergessen. Und das Lob. Das war immer gut. Mach sie nervös, dann lobe sie. Anschließend kriechen sie hinter Dir her.
Die Party war nicht gerade ein Brüller, aber nichts anderes hatte er erwartet. Ein Quintett auf einer kleinen Bühne spielte klassische Stücke, Tische und Sitzgelegenheiten säumten die Wand rechts von ihm, eifrige Bedienstete huschten zwischen den Anwesenden herum, nahmen leere Gläser entgegen und tauschten sie gegen gefüllte und boten kleine Leckerbissen an. Garvis dachte kurz darüber nach, daß die winzig kleinen Häppchen auf einem Tablett zusammen mehr kosteten, als ein einfacher Sararimann in einem Monat verdiente. Und man bräuchte Fünfzig solcher Tabletts, um eine Familie satt zu kriegen. Die Welt der oberen Zehntausend war eine verrückte, skurrile Welt. Er liebte sie!
Ohne hinzusehen nahm er ein Glas mit Champagner von dem Tablett eines vorbeigehenden Bediensteten und gesellte sich zu einer kleinen Gruppe Männer und Frauen, die anregende Gespräche über Aktien, ihre Kinder auf der Universität und den exklusivsten Restaurants in der Stadt führten.
Garvis gleitete geschickt in das Gespräch mit ein. Die Gruppen, die er abklapperte, akzeptierten ihn, die Männer waren höflich und gesprächig, die Frauen charmant und flirteten subtil mit ihren prüfenden Blicken.
Garvis tat dies nicht sehr oft. Meistens schlug er sich auf Szeneparties herum oder anderen Veranstaltungen gleicher Art. Die Feiern der Execs betrat er seltener und er mußte sich zusammen nehmen, um nicht zu übertreiben. Es wäre ein leichtes gewesen, die Menschen hier um den Finger zu wickeln. Aber das wäre gleichbedeutend mit seiner Enttarnung gewesen. Wenn sich zu sehr in den Mittelpunkt drängte, würde früher oder später jemand erfahren wollen, wer er ist und in welcher Abteilung er arbeitete. Und wenn die Leute anfingen, bei den falschen Personen Fragen zu stellen, konnte es durchaus passieren, daß jemand auf ihn aufmerksam wurde, der es nicht werden sollte.
Im Moment baute seine Strategie auf höfliche Konversation, kleinen Flirts und der Tatsache, daß hier über zweihundert Leute versammelt waren und die Hälfte von ihnen erst seit zwei Woche in Hannover lebte.
Garvis erkannte sein Ziel. Eine schlanke Elfe mit roten, fließenden Haaren und einem grün schimmernden Kleid, daß sich perfekt an ihren Körper schmiegte. Sie besaß Kurven, die jeden Mann zum flehen gebracht hätten und so lange, wohlgeformte Beine, daß einige der Orbitalstationen wohl gerade mit dem Gedanken rangen, ihre Umlaufbahn zu reduzieren...
Sie stand bei einer kleinen Gruppe und unterhielt sich mit einigen Männern aus dem Vorstand. Garvis erkannte sie, weil er Fotos von ihnen auf einer seiner Zeitschriften gesehen hatte.
Garvis blieb bei seiner Gruppe und beschränkte sich vorläufig darauf, immer wieder zu ihr herüber zu schauen, bis sie seine Blicke erwiderte.
Dann hob er das Glas zu einem angedeutetem prosten und nahm einen Schluck, ohne dabei den Blick von ihr zu nehmen. Erst, als er das Glas wieder absetzte, wandte er sich wieder seinen Gesprächspartnern zu.
Von Zeit zur Zeit sah er zu ihr hinüber, und stellte fest, daß sie seine Blicke erwiderte, darauf zu warten schien, ob er noch mal hinschaute.
Keiner der beiden machte Anstalten, auf den anderen zuzugehen, sie beschränkten sich lediglich darauf, flüchtige, bedeutungsvolle Blicke auszutauschen.
Irgendwann wandte sie sich von ihren Gesprächspartnern ab und ging zu der riesigen, transparenten Panoramawand.
Ja! Jubelte Garvis innerlich. Der Charme eines Elfen, vermischt mit seinen Talenten war einfach unschlagbar. Sie hatte angebissen.
Garvis entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern und folgte ihr zur Fensterfront.
Die Elfe starrte auf die Lichter der Stadt hinunter und strich sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand gedankenverloren über das Schlüsselbein.
"Wenn sie weiterhin mit so verträumten Augen auf die Nacht schauen, werden sich die Hubschrauber verfliegen."
Sie drehte sich mit gespielter Überraschung zu ihm um. "Das dürfte nicht der Fall sein.", lächelte sie sanft. "Wenn sie einen Mann neben mir stehen sehen, drehen sie sicher enttäuscht ab."
Garvis erwiderte das Lächeln. "Vielleicht werden die Piloten eifersüchtig und nehmen mich aufs Korn. Das gäbe eine Katastrophe."
"Für die Anwesenden oder für sie?"
"Für mich." Garvis nippte an seinem Champagner. "Es nähme mir die Chance, die einzige bezaubernde Frau auf dieser Party kennen zu lernen."
"Dann sollten wir uns einen sicheren Platz suchen."
Garvis nickte. "Ich hoffte, sie würden das sagen."
Sie lächelte ihn amüsiert an und folgte seinem Arm, mit dem er galant auf einer der kleinen Sitzgruppen zeigte.
Sie nahm in dem gemütlichen Sessel Platz und sofort war ein Bediensteter da, um die Champagnergläser zu tauschen. Sie winkte ab, Garvis nahm noch ein Glas. Heute konnte er sich Alkohol leisten. Für den Fall, daß er hier viel trinken mußte, hatte er Medikamente genommen, die den Rausch verhindern würden, zumindest für einige Zeit.
"In welcher Abteilung sind sie tätig?", fragte sie unverblümt. "Oder kommen sie aus Seattle?"
Garvis zog ein übertrieben enttäuschtes Gesicht. "Ich komme zu einer langweiligen Pflichtveranstaltung, treffe eine bezaubernde Frau, und das erste, was sie mich fragt, sobald wir alleine sind, ist meine Arbeit. Sie sehen mich betrübt." Er griff sich ans Herz. "Wollen wir wirklich über Arbeit reden?"
Die Elfe lachte, diesmal sogar ein wenig natürlich. "Sie haben recht, Entschuldigung."
"Betrachten sie mich als Mitarbeiter einer Sonderklasse, meine Stellung wird normalerweise nicht erwähnt."
Ihr lachen brach abrupt ab. Doch sie fing sich einen Liedschlag später wieder und beugte sich ein wenig über den Tisch, um Garvis ein wenig näher zu sein.
Das gab ihm einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté frei und er spürte, wie sein Kopf an der Datenbuchse klopfte. Schnell wandte er den Blick von dieser angenehmen Landschaft ab und sah ihr in die Augen, bevor seine Blicke zu aufdringlich wirken könnten.
"Worüber wollen wir den reden?"
Garvis lächelte ein wenig hilflos. "Ich würde zu gerne sagen, über uns. Aber damit gehe ich den Dingen unangebracht Voraus. Außerdem wäre es nicht in meiner Absicht, sie mit flachen Sprüchen zu langweilen."
"Ich glaube nicht, daß wir befürchten müssen, der Langeweile zu erliegen." Ihre Hand schob sich über die Tischmitte.
Garvis mußte jetzt den nächsten Schritt machen. "Ich werde mein bestes geben, diesen Abend für wenigstens zwei hier zu einem Erlebnis zu machen.", lächelte er verschwörerisch und legte seine Hand auf die ihre.
"Sie müssen sich was einfallen lassen." Sie zog ihre Hand weg und spielte die frostige Lady. "Ich habe sehr hohe Ansprüche."
Garvis spürte den Chip an seiner Handfläche.
Als er seine Stellung erwähnte mit dem Fingerzeig auf ihn als Sonderposten war dies gleichzeitig ein Code. Er dankte im stillen den Chinesen, daß sie sogar das herausgefunden hatten. Er fragte sich nicht, wie sie das geschafft hatten. So war es um vieles leichter. Ansonsten hätte er die wahre Kontaktperson abfangen müssen, die Elfe irgendwie verführen und den Chip an sich nehmen, entweder, in dem er ihn stahl oder seine Eroberung betäubte.
Garvis lächelte mutig und zog seine Hand weg. "Meine Teuerste, nicht weniger als das würde ich wagen, ihnen zu bieten."
Sie stand auf. "Ich muß mich kurz entschuldigen. Ich hoffe doch, wenn ich wiederkomme, sind sie noch da und bereit, ihr Wort unter Beweis zu stellen."
Garvis nickte. "Ich werde warten."
Die Elfe verschwand in Richtung der Doppeltüren.
Garvis seufzte zufrieden. Was für ein Dilemma. Er hatte den Chip und sollte sich schleunigst aus dem Staub machen. Andererseits wäre das reizende Geschöpf mehr als Grund genug, noch eine weile zu bleiben und zu sehen, was der Abend noch zu bieten hätte.
Sie war vermutlich ein Profi, was hieße, daß sie sich nicht auf ihn einlassen würde, ganz gleich, ob sie es wollte oder nicht. Eine der wichtigsten Regeln bei Maulwürfen und Spionen war, sich niemals mit Kontaktpersonen einzulassen. Das hatte James Bond nie begriffen. Für Garvis galt das gleiche. Seine Position war in dem Punkt noch kritischer, weil er nicht der Kontaktmann war sondern, wenn man es nüchtern betrachtete, ein Dieb.
Er stand auf und ging zu den Türen. Verschwinden, bevor der echte Kontakt auftauchte. Das war derzeit die oberste Devise.
Als er sich umdrehte, sah er, wie einige Wachen den Raum betraten. Martens war dabei noch einige andere und einer der Wachen, die eigentlich betäubt im Fahrstuhl liegen sollten.
Ein kalter Schreck durchlief Garvis´ Körper, Das Gas sollte zwei Stunden wirken. Wie konnte sich der Wachmann so schnell erholen?
Egal. Genau der Typ zeigte jetzt auf ihn und die Truppe setzte sich in Bewegung.
Garvis umrundete die Truppen so langsam und hastlos, wie die Situation es zuließ und ging durch den Bediensteteneingang in die Küche.
Ein weiterer Schock erfaßte ihn, als er bemerkte, daß die Küche verlassen war.
Verlassen bis auf die Vier Wächter in Uniform, die in der Küche Stellung bezogen hatten.
Aus einem Reflex heraus faßte sich Garvis an seine Tasche.
Einer der Wachen reagierte sofort. Seine Pistole hustete dumpf und ein kleiner Bolzen traf Garvis an der rechten Schulter.
Die Elektrische Energie entlud sich schlagartig und brandete durch seinen Brustkorb, seinen Kopf und seine Arme. Seine Beine wurden Gelee und er brach in die Knie.
Die Schwärze der Ohnmacht umnebelte ihn, bevor er auf dem Boden aufschlug.

Als Garvis zu sich kam, sah er zunächst gar nichts. Sein Kopf brüllte vor schmerzen und er stöhnte leise.
Er wollte nach seinem Kopf greifen, aber das ging nicht. In erster Linie aus dem Grund, daß seine Hände festgeschnallt waren. Wenigstens klärte sich sein Blick ein wenig. Er trug keine Maske oder eine Augenbinde. Es war nur einfach sehr dunkel, und der Elektroschock des Tasers von....er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war. Sein Zeitgefühl war ihm vollkommen abhanden gekommen.
Er schaute auf seinen Arm. Es war immer noch dunkel, aber als Elf waren seine Augen extrem lichtempfindlich. Einstiche konnte er keine sehen, aber das hatte nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Wenn sie ihm etwas gespritzt haben, dann könnten sie auch eine Injektionspistole benutz haben und ihm Drogen - oder schlimmeres - in die Halsschlagader geschossen haben.
Garvis saß auf einem metallenen Liegestuhl Beine, Oberschenkel und Handgelenke waren mit Plastikriemen festgezurrt. Der Stuhl war gepolstert und der Raum war warm. Alles in allem gar keine so schlechte Behandlung für einen Shadowrunner. Er hatte schlimmeres gehört, aber das konnte ja noch kommen.
Garvis verdrängte den Gedanken. Darüber sollte er im Moment nicht nachdenken. Wichtiger war es, hier heraus zu kommen.
Im Geiste verfluchte er sich für seine Dummheit. Über einen Fluchtweg hatte er sich nicht genug Gedanken gemacht.
Die Sache mit den Wächtern im Fahrstuhl war viel zu unsicher gewesen. Nur den Fahrstuhl, die Feuertreppe und die Küche als Ausgang zu planen, war kurzsichtig. Es war doch klar, daß sie ihn dort erwarten würden, für den Fall, daß er aufflog. Nicht Professionell, Garvis, überhaupt nicht!
Er überlegte Fieberhaft. Seine Cybersporne waren so konstruiert, daß sie knapp über dem Handgelenk austraten, der andere aus dem Ellbogen. Die Lehne würde er kaum lösen können. Aber wenn es ihm gelang, seine Hand ein wenig in den Plastikriemen zu schieben und den Sporn auszufahren, könnte er den Riemen mit Sicherheit durchschneiden.
Er würde sich zwar selber die Hand aufschneiden, aber das ist eine Option, die ihm besser gefiel als das, was der Konzern möglicherweise mit ihm anstellen würde.
Garvis renkte den Daumen in die Handfläche und quetschte seine Hand soweit wie es ging durch den Riemen.
Das mußte reichen, wenn er den Sporn jetzt langsam ausfahren würde, könnte er den Riemen durchtrennen, ohne sich dabei die Hand in zwei Hälften zu schneiden.
Doch der Sporn kam nicht aus seiner Öffnung. Statt dessen spürte er einen stechenden Schmerz in der Schläfe, dort wo seine Datenbuchse saß. Eine weibliche, für die Situation viel zu freundliche Stimme informierte ihn darüber, daß seine Cyberware derzeit außer Funktion gesetzt worden war.
Garvis seufzte. Diese Vorrichtung kannte er von den Flughäfen. Die Sicherheit hatte ihn natürlich gründlich untersucht und ihm einen Cyberblocker in die Datenbuchse gesetzt. Warum hatte er daran nicht gedacht?
Er besaß nur die Sporne und die Datenbuchse, keine weiteren Modifikationen. Aber die würden ihm im Moment sowieso nichts nützen.
Garvis hörte ein Surren aus der Ecke. Eine Kamera richtete sich auf ihn und veränderte den Fokus. Das rote Licht neben dem Okular blinkte.
Mit einem zischen öffnete sich die Tür. Das Licht, das plötzlich hell in den Raum flutete, blendete ihn. Er konnte nicht sehen, wer in der Tür stand, nur undeutliche Schemen. Aber den Geräuschen nach kamen wenigstens vier Menschen in die Zelle.
Jetzt wurde auch die Deckenbeleuchtung angeschaltet. Sie war ebenso grell und Garvis brauchte noch einmal Zeit, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. In den letzten paar Minuten hatte sich die Liste der Cyberware, die er sich wünschte, schlagartig erweitert. Zum Beispiel Blitzkompensatoren wären jetzt schön und ein Injektor mit einem starken Kopfschmerzmittel.
"Ist fixiert?", fragte eine Stimme, die es gewohnt schien, Befehle ausgeführt zu sehen.
"Der Stuhl würde einen Troll halten.", antwortete eine andere, ruhige Stimme. "Cyberware hat der Bursche nicht viel.
Und die konnten wir deaktivieren. Er ist gänzlich ungefährlich."
"Er ist ohne Probleme in einen hochgesicherten Raum eingedrungen, wo über Hundert Angestellte feierten. Und sie erzählen mir, er wäre nicht gefährlich?"
"Er hatte sicher Hilfe. Im Moment geht keine Gefahr von ihm aus. Wenn er ein Attentäter wäre, dann säße er sicher nicht hier."
"Daß er kein Attentäter ist, weiß ich selber!", knurrte der Mann. "Wir haben genug Daten über ihn, um zu wissen, was er ist und zu was er fähig ist.", Die Stimme machte eine Pause. "Kann er uns hören?"
"Die Droge sollte längst nachgelassen haben. Er dürfte ziemliche Kopfschmerzen haben und ist natürlich desorientiert. Aber sie können mit ihm reden."
"Könnte ich gegen die Kopfschmerzen denn etwas bekommen?", meldete sich Garvis zu Wort. "Die sind nämlich höllisch."
Keiner antwortete ihm. Dann sagte der Mann. "Geben sie ihm was. Ich brauche ihn bei vollen Sinnen."
Garvis spürte eine warme Hand an seinem Hals und den feuchten Druck eines Pflasters auf seiner Haut.
Es roch auf einmal nach Knoblauch und die Kopfschmerzen ließen fast augenblicklich nach.
Ein SlapPatch mit DMSO, dachte Garvin. Der Kerl scheint keine Zeit verlieren zu wollen.
Das Nachlassen seiner Kopfschmerzen hatte auch zur Folge, daß sein Blickfeld sich endlich wieder klärte und seine Augen es zustande brachten, die Lichtverhältnisse auszugleichen.
Aber was er sah, lies seinen Mut sinken. Es waren nicht die beiden riesigen, schwer bewaffneten Wachen, die im Raum neben der Tür standen. Es war auch nicht der Arzt, der im Gegensatz zu seiner sanften, ruhigen Stimme einen grausamen, gefühlskalten Gesichtsausdruck besaß. Es war der Exec, der jetzt vor ihm stand.
Michael Sterring Jr., der neue CEO von NeTec, direkt aus Seattle. Garvis mußte sehr wichtig sein, oder was wirklich furchtbares getan haben, daß der Mann sich persönlich mit ihm beschäftigte.
Sterring grinste wie ein Hai, als er auf dem Stuhl vor Garvis Platz nahm und sich eine Platinum Select anzündete.
Garvis schaute auf das mit Silber verzierte Feuerzeug. "Sie würden mir nicht zufällig eine abgeben?", fragte er Hoffnungsvoll. Der CEO grinste noch immer und schüttelte unmerklich den Kopf, so als fände er die Bitte von Garvis unglaublich.
"Was soll ich schon anstellen können? Ich bin gefesselt, meine Cyberware deaktiviert, und sobald ich mit dem falschen Auge zwinkere, pusten mich ihre Wachen gegen die nächste Wand."
Sterring grinste noch immer und tat ansonsten nichts. Dann gab er dem Arzt einen kurzen Wink. "Die Linke."
Der Arzt zuckte mit den Schultern und trat hinter den Stuhl. Die Riemen am rechten Arm lösten sich und verschwanden in der Lehne. Der CEO hielt Garvis die Packung hin. Mit einem dankbaren Nicken nahm sich Garvis eine Select. Der Arzt wühlte in seinen Taschen und holte ein Feuerzeug hervor. Als er die Flamme unter Garvis Zigarette hielt, richteten die beiden Wachen ihre MP´s auf ihn. Die Läufe schienen groß genug zu sein, um Billardkugeln zu verschießen.
Garvis dankte dem Arzt und dieser entfernte sich wieder von dem Stuhl.
Der Exec begutachtete Garvis, während er einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.
Das war erstaunlich. Eigentlich rauchte er nicht. Er hatte sich dies nur angewöhnt, um diverse Tarnungen annehmen zu können. Eigentlich war die Bitte nach einer Zigarette nur ein Test. Hätte Sterring ihm die Zigarette sofort gegeben, dann wäre es ein sicheres Zeichen dafür, daß Garvis nicht mehr lange zu leben hatte, sobald das Verhör abgeschlossen war.
Sein Zögern und die Tatsache, daß er ihm überhaupt eine Zigarette gegeben hatte, war nicht nur ein Zeichen dafür, daß er für Garvis Charme ebenso empfänglich war, sonder auch, daß er irgendwas von ihm wollte. Sein Tod war es gewiß nicht. Dafür machten sie sich zuviel Mühe mit ihm.
Er fühlte sich jetzt ein wenig sicherer, sah einen Lichtschimmer, aus der Situation doch noch heil heraus zu kommen.
"Garvis Todorowski", begann Sterring. "Geboren am zweiten April ´28 in Hannover. Der einzige Sohn von Mareike und Sergej Todorowski. Beide am 6. Dezember ´42 bei einem Katastrophe auf einer Autobahn gestorben. Ihre echte Haarfarbe ist schwarz und ihre natürliche Augenfarbe braun. Sie haben keine besonderen Merkmale an ihrem Körper, von der Cyberware einmal abgesehen. Sie waren fünfzehn, als sie aus dem Internat ausbrachen und verschwanden. Sie lebten fortan auf der Straße und verdienten ihr Geld mit Diebereien und Betrug aller Art. Zweimal wurden sie wegen schweren Einbruchs festgenommen, aber die Anzeige wurde fallen gelassen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte. Mittlerweile sind sie ein professioneller Shadowrunner, der Aufträge für andere Konzerne ausführt, eine bisher nicht nachgewiesene Verbindung zu den Triaden wird vermutet."
Garvis hätte sich beinahe an dem Rauch seiner Zigarette verschluckt. Woher zum Teufel hatte der Typ all die Informationen? Er hatte einer Menge Leute einen Haufen Kohle und Gefälligkeiten bezahlt, damit seine Identität praktisch aus den öffentlichen Dateien verschwand, und seine gefälschte SIN war einer der besten, die man für Geld kriegen konnte. Ganz zu schweigen von seinem Aussehen. Tausend Personen kannten ihn unter Tausend verschiedenen Masken, und kaum eine war sein wahres Ich.
Das Haifischgrinsen des CEO wurde noch breiter. "Soll ich ihnen auch noch den Namen ihrer großen Liebe sagen?"
"Nicht notwendig.", seufzte Garvis. Die Chancen, die er sich vorhin erhofft hatte, verpufften vor ihm wie Quecksilber im Hochofen. Die Zigarette schmeckte auf einmal fad. Wie lange saß er hier schon fest? Es mußte die Konzerndecker Tage gedauert haben, all diese Informationen zu bekommen.
"Wir haben sehr fähige, freiberufliche Spezialisten.", sagte Sterring in einem Anflug von Telepathie. "Es war nicht weiter schwierig, eine Akte von ihnen anzulegen."
"Ich frage mich nur, was sie sich davon versprechen.", entgegne Garvis. "Was wollen sie von mir?"
Sterring beugte sich vor. "Wissen sie was, Todorowski, auf irgendeine Weise bewundere ich sie. Bei Gelegenheit müssen sie mir erzählen, wie sie im Alleingang soweit in das Gebäude vordringen konnten."
"War nicht weiter schwer.", knirschte Garvis. "Die Sicherheit hier ist ein Witz."
"War sie.", winkte Sterring ab. "Als ich von Seattle hier her kam, war sie eine Einladung für jedes Kriminelle Subjekt und für jeden anderen Konzern. Sie war das erste, was ich von Grund auf neu organisierte."
Garvis´ Gedanken überschlugen sich. "Ach ja, ihre Information über unsere Sicherheit.", grinste der CEO boshaft.
"Die waren natürlich veraltet. Im Moment steht der Konzern noch im Ruf, am Rande seiner wirtschaftlichen Existenz zu stehen. Manchmal ist es sehr nützlich, wenn man nicht wichtig oder interessant erscheint. Es lockt vielleicht das eine oder andere leichtgläubige Individuum an, so wie sie. Aber die stellen keine ernsthafte Bedrohung dar. Schließlich haben wir sie ja erwischt."
"Danke, daß sie mich daran erinnern.", murmelte Garvis mißmutig.
"Ihr kleines Spielzeug, mit dem sie den Fahrstuhl manipuliert haben, löste einen passiven Alarm in der Matrix aus.
Unsere Decker brauchten nicht lange, um die Ursache zu finden. Sie haben sich diesmal ein wenig überschätzt."
Garvis nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
"Dennoch läßt sich nicht verleugnen, daß ihre Fähigkeiten der Manipulation und der Verkleidung erstaunlich sind.
Sie hätten eine wunderbare Karriere als SimSinn-Star haben können, oder besser noch, als Manager in einem Konzern.
Sie hätten jeden Verhandlungspartner über den Tisch gezogen."
Garvis begann zu schwitzen. Um so mehr Sterring erzählte und ihm Komplimente machte, um so unbehaglicher wurde ihm. Der Typ war ein Profi, ein Haifisch im Biz. Er ließ sich weder leicht umwickeln noch sagte er irgendwas, ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.
"Sterring.", sagte Garvis müde. "Es freut mich ja, daß sie an meiner Person und meinem Engagement soviel Freude finden. Aber was wollen sie von mir? Ich sitze hier doch gewiß nicht, weil sie einen Gesprächspartner brauchen oder weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Zeit! Also sagen sie mir, was Sache ist."
Sterrings Augen verfinsterten sich. "Sie schwingen große Worte für einen Mann in ihrer Situation. An ihrer Stelle würde ich mich ein wenig zurück halten. Sie töten zu lassen, wäre nicht weiter tragisch für mich. Ich bin derjenige, der ihnen ein Angebot machen möchte. Wenn sie das Gefühl haben, daß ich sie langweile - bitte, sagen sie es nur. Ich lasse sie sehr gerne mit den Beiden da alleine." Er zeigte auf die Wachen, die nach seiner Geste noch grimmiger dreinblickten und ihre Waffen leicht anhoben.
"Überzeugendes Argument.", sagte Garvis. "Natürlich haben sie meine volle Aufmerksamkeit. Und Zeit..."
Er schaute demonstrativ auf seine Fesseln. "...habe ich momentan genug. Sie sprachen von einem Angebot?"
"Eines, daß sie nicht ausschlagen können."
"Wer hätte das gedacht.", murmelte Garvis. Seine Augen wurden groß und er machte eine entschuldigende Geste mit der freien Hand, als sich der Blick von Sterring wieder verengte. Was muß der Typ auch so gute Ohren haben?
"Sie wissen nicht, wann sie aufhören müssen, oder?", fragte der CEO. "Natürlich haben sie die Wahl. Die hat immer.
Interessant ist lediglich, welcher Alternative einem eher zuspricht."
"Natürlich. Wie lautet ihr Angebot?"
Sterring breitete die Arme aus, eine Geste, mit der er das gesamte Gebäude einschloß. "Sie arbeiten für uns."
Garvis sah starr gerade aus, unfähig, irgendwas zu antworten. Die Konsequenzen, die Vorteile, die Möglichkeiten schossen ihm in einem berauschendem Wirbel durch den Kopf.
"Wozu brauchen sie mich?", fragte er mißtrauisch. "Spezialisten haben sie doch sicher auf Abruf genug. Und wenn nicht, können sie in den Schatten anheuern."
Der CEO verzog das Gesicht. "Agenten haben wir, das stimmt. Und der Schattenmarkt bietet eine breite Auswahl.
Aber Leute wie sie sind selten. Sie haben Vorteile, die man nicht so schnell findet. Ihre Fähigkeit, in nahezu jeder Umgebung zurecht zu finden, auf Anhieb akzeptiert zu werden. Ihr Talent zur Verkleidung und die Fähigkeit, die allermeisten Leute für sich zu gewinnen sind unschätzbar. Der Nachteil an ihrer Person" Er deutete mit dem Finger auf Garvis Gesicht. "ist ihre Loyalität. Ihr wankelmütiger Charakter. Ich möchte sie deswegen auf der Gehaltsliste des Konzerns sehen, weil wir sie dann besser kontrollieren können. Als Sonderaktivposten sind sie längst nicht soviel wert. Nicht vertrauensvoll genug."
"Und sie meinen, sie könnten mich besser kontrollieren, wenn ich im Konzern bin anstatt draußen?"
Sterring lachte laut auf. "Sie bekommen ein festes Gehalt, zudem auch noch en angenehm hohes. Sie werden Berichte über ihre Missionen schreiben müssen und Listen ausfüllen für alle Ausrüstung, die sie benötigen. Und wenn ihnen das nicht Kontrolle genug ist. Wir haben natürlich Gewebeproben von ihnen."
"Oh wie überaus fair.", stichelte Garvis. "Und natürlich werden sie diese vernichten, falls ich Nein sage."
Der Exec schüttelte den Kopf. "Nein, denn das wird nicht notwendig sein. Denn mein Angebot ist das einzige, was noch zwischen ihnen und dem Tod steht."
Garvis schluckte. Sein Gesicht wurde kreidebleich und seine Ohren rot. "Ist das die Alternative?"
"Was haben sie gedacht? Sie sind unbefugt und mit kriminellen Absichten in unser Gelände eingedrungen. Wir können sie nicht einfach gehen lassen, mit einem Händeschütteln und einer Einladung für das nächste mal. Die Konzernbestimmungen sind diesbezüglich sehr direkt." Sterring setzte eine mitfühlende Miene auf. "Ich tue es bestimmt nicht gerne, aber es ist nun mal notwendig."
"Das glaube ich ihnen aufs Wort.", höhnte Garvis niedergeschlagen.
Der CEO sah ihn erwartungsvoll an. Jeder im Raum wartete auf seine Antwort, obgleich zumindest Sterring wußte, wie Garvis sich entscheiden würde. Er besaß eine ebenso gute Menschenkenntnis wie Garvis, und beide wußten, wie dieser Deal ausgehen würde. Für Sterring war die Antwort nur noch eine formelle Angelegenheit. Für Garvis leider auch.
Seine Platinum war herunter gebrannt und der Filter wurde langsam heiß.
Er schnippte die Zigarette weg und sah, nicht ohne geringe Befriedigung, daß die beiden Wachen zusammen zuckten.
Nervöse, aufgepeppte Bündel. Welche Gefahr stellt er denn schon dar?
"Bekomme ich Spesen?", fragte Garvis schicksalsergeben.
Sterring lachte. "Sie werden es schon bald zu schätzen wissen, was es bedeutet, für einen Konzern zu arbeiten." Er erhob sich und wollte die Zelle verlassen, doch Garvis rief ihm hinterher. "Sterring! Eine Frage habe ich noch."
Der CEO blieb stehen und drehte sich um.
"Warum?", fragte Garvis. "Warum überhaupt dieses Angebot? Ich meine, sie bieten mir eine Chance und eine Menge Vorzüge, wenn man mal alles andere beiseite läßt. Aber das bedeutet ebenso für sie, daß sie sich jemanden in ihr Team holen, dem sie niemals hundertprozentig trauen können, ganz gleich, welche Maßnahmen sie treffen. Es wäre viel einfacher und unkomplizierter gewesen, mich zu erschießen und das Problem damit zu den Akten zu legen. Sie können mir nicht erzählen, daß sie niemanden in ihren Reihen haben, der nicht ähnliche Fähigkeiten wie ich besitzt.
Warum also dieses großzügige Angebot? Doch bestimmt nicht aus Nächstenliebe."
Sterring schüttelte enttäuscht den Kopf. "Sie sind wirklich undankbar. Wie ich schon erklärt habe, Talente wie sie findet man selten. Sie sparen Zeit und Geld. Natürlich sind sie noch ganz am Anfang, aber das werden wir schnell ändern.
Aber ein anderer, ebenso wichtiger Grund ist, daß sie uns einen großen Gefallen getan haben. Sie haben uns eine Chip mit geheimen Daten über unsere Projekte übergeben und sie haben einen Spion in den eigenen Reihen enttarnt. Mein Dank dafür ist mein Angebot. Sie sehen also, ich bin kein schlechter Mensch."
Ach Du scheiße, der Chip! Garvis hatte ihn über all die Aufregung vollkommen vergessen. Wenn die Triaden davon erfahren, wie werden sie reagieren? Aber das war im Moment seine geringste Sorge.
"Der Spion - die Frau, was ist mit ihr geschehen?"
Der CEO sah ihn konsterniert an. "Was glauben sie denn? Sie lebt natürlich nicht mehr." Er verließ den Raum, gefolgt vom Arzt. Die beiden Wachen sahen ihn finster an, dann trat einer von den beiden auf ihn zu und befreite ihm von den Fesseln. Garvis bewegte dabei keinen Muskel.

Der Wagen fuhr vor und hielt nahe der Telefonzelle. Garvis setzte seine Brille auf. Der Fahrer nahm eine Taschenlampe in die Hand und schaltete sie zweimal an und aus. Kein Mensch könnte das Licht sehen, wenn er nicht ein spezielles Sichtgerät trägt, daß auch im UV-Spektrum empfängt.
Das war seine Fahrkarte. Garvis trat aus dem Schatten und ging zu der Fahrertür und klopfte gegen die Scheibe.
Der Fahrer ließ das Fenster herunter. Die schwere Pistole, die er vorher aus einem Halfter unter dem Armaturenbrett gezogen hatte, konnte Garvis nicht sehen. Das war aber auch nicht nötig. Er wußte auch so, daß sie auf ihn gerichtet war. Das Kaliber war groß genug, um die Tür zu durchschlagen, seinen Körper und erst in der Telefonzelle hinter ihm stecken zu bleiben, trotz des Schalldämpfers.
"Entschuldigen sie. Wie komme ich zurück zu der Innenstadt? Ich bin Tourist und habe wohl die Orientierung verloren."
Der Fahrer sah ihn an. "Das ist aber ein weiter Weg. Wissen sie, wie sie zum Universitätsviertel kommen?"
"Nein, tut mir leid, ich kenne mich hier überhaupt nicht aus. Vielleicht könnten sie es mir auf der Karte zeigen?" Garvis hielt dem Fahrer einen Stadtplan von Hannover hin. Die Seite C24-C25 war aufgeschlagen.
"Von hier aus finden sie nie zurück, da verlaufen sie sich nur. Steigen sie ein, ich nehme sie ein Stück mit." Der Fahrer deutete auf die Beifahrertür.
"Stop!", rief Garvis. Doch nichts geschah. Mehr aus einem Instinkt heraus warf Garvis sich zur Seite.
Metall dröhnte, als eine Kugel die Wagentür durchschlug und durch die Luft zischte, wo Augenblicke zuvor Garvis noch gestanden hatte.
Garvis griff in seinen Mantel und zog seine Pistole aus dem Halfter. "Stop!", rief er noch einmal. Wieder blieb die erhoffte Wirkung aus. Der Fahrer hatte mittlerweile das Fenster wieder hoch gelassen und donnerte mit seinem Wagen auf Garvis los. Der gab einige Schüsse auf die Fensterscheibe ab. Drei trafen den Fahrer, oder besser gesagt, hätten ihn getroffen, wenn sie nicht von der Kugelsicheren Frontscheibe abgeprallt wären. Garvis wollte sich aufrappeln und ausweichen, aber dafür war es zu spät. Er hatte geschossen, und für weitere Aktionen fehlte ihm die Zeit.
Bevor die Karosserie seinen Körper zerschmettern konnte, löste sie sich in tausend Pixel auf, die sich in der Umgebung verflüchtigten wie farbiger Staub in einem Herbststurm. Der Fahrer stand vor ihm auf der Straße, die Waffe im Anschlag und zielte auf seinen Kopf. Garvis glaubte, in einem schlechten Traum gelandet zu sein und glotzte verdattert auf die Mündung.
"Also bitte!" rief Garvis außer sich. "Jetzt wird es abgefahren!"
Der Fahrer krümmte sich und hielt sich den Bauch vor lachen. "Stop.", sagte er atemlos. "Ich kann nicht mehr."
Die Umgebung löste sich auf, ebenso wie der Fahrer und Garvis selbst.
Er griff nach dem Kabel in der Datenbuchse und riß es heraus. Dann stand er wütend von seiner Liege auf und stampfte zu Kai.
"Was sollte dieser Drek?", bellte er ihn an. "Wieso hast Du meine Kommandofunktionen ausgesetzt?"
Kai selber hielt sich nur mühsam aufrecht im Sessel. Vor lachen liefen ihm die Tränen über das Gesicht.
"Du hättest Dein Gesicht sehen sollen!", heulte er. "Das wollte ich schon lange mal machen!"
Garvis biß seine Zähne zusammen. "Aha. Und Ferris war natürlich eingeweiht."
"Ja!", rief Kai und schüttelte sich vor lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, stand er auf und klopfte Garvis auf die Schulter. "Nimm's mir nicht übel. Das machen wir mit jedem neuen."
Die Tür des Simulationsraumes öffnete sich, und Andreas Hartmann trat herein. "Meine Herren. Das ist unangebracht."
"Entschuldigen sie.", sagten Ferris und Kai wie aus einem Munde. Und sie prusteten wieder los.
Garvis sah ungläubig auf Hartmann. Sein Mund war zu einem dünnen Strich zusammen gepreßt, und Garvis würde ein Monatsgehalt darauf verwetten, daß der Leiter der Sonderabteilung sich gerade auf die Zunge biß, um nicht ebenfalls laut loszulachen. "Sie haben es ebenfalls gewußt!", rief er.
"Es ist eine Art Ritual.", grinste Hartmann. "Machen sie sich nichts draus."
"Ein Wagen hätte mich beinahe überfahren!", empörte sich Garvis. "Was meinen sie mit 'Ich soll mir nichts draus machen'?"
Hartmann wurde schlagartig ernst. "Oh, das gehörte zur Simulation." Er bedeutete dem Decker, die Simulationsaufnahmen abzuspielen. Einzelne Bilder flackerten im Schnellverfahren über den Wandbildschirm.
"Sie haben alles wunderbar gemeistert. Ich muß sagen, die Schule der Straße kann durchaus ihre Vorzüge haben.
Warum wollten sie die Simulation bei der Codeabfrage abbrechen?"
"Ferris hat mir den Stadtplan nicht zurückgegeben. Und umgeblättert hat er auch nicht. Er hat den vereinbarten Code gebrochen, also ging ich davon aus, daß es entweder nicht Ferris ist, oder er korrupt war."
Hartmann nickte. "Soweit ausgezeichnet. Und weiter."
"Wie weiter?", platzte es Garvis heraus. "Die Simulation wird an diesem Punkt normalerweise beendet. Wieso lief sie diesmal weiter?"
"Haben sie ihre Order nicht gelesen? Wir haben die Trainingsprotokolle geändert. Willkommen in Stufe acht.
Sie sollten ihre Hausaufgaben besser machen. Im wirklichen Leben können sie nicht "Stop" sagen. Entweder handeln sie, oder sie sind tot. Übrigens, das war eine ganz schlechte Idee, auf die Frontscheibe zu schießen. Wie sind sie nur auf diese Idee gekommen?"
Garvis zuckte mit den Schultern. "Ich wollte den Fahrer erschießen. In den Filmen klappt das immer."
Hartmann schüttelte verzweifelt den Kopf. "Sie können doch nicht ihr Wissen aus billigen SimSinns übernehmen! Das kostet sie irgendwann mal den Kopf!"
"Das war die einzige Bildung, die ich auf der Straße anfangs hatte. Und bisher hat es immer gut funktioniert."
"Wie auch immer.", meinte Hartmann. "Gehen sie in der Regel lieber davon aus, daß alle Fahrzeuge wenigstens kugelsichere Scheiben haben. Und selbst wenn nicht; es ist nicht gesagt, daß ein Auto auch stehen bleibt, wenn der Fahrer tot ist. Wenigstens das sollten sie wissen."
"Zugegeben.", meinte Garvis. "Aber die Sache mit "Ferris-aus-dem-Auto" war trotzdem eine Scheiß Idee."
Hinter ihm fingen Kai und sein Trainingspartner wieder an zu lachen.
"Merken sie sich nur eins.", meinte Hartmann zum Abschluß. "Ab heute sind die Kommandos außer Funktion. Die Simulationen enden nur noch, wenn sie das Ziel erreicht haben, oder wenn sie tot sind. Aber so, wie es bisher läuft, sollten sie sich keine Sorgen machen."
Das war ein Lob. "Danke, Chef. Und euch beide..." er drehte sich zu Ferris und dem Decker um. "Das bekommt ihr wieder!"

"Der Konzern heißt NeTec", sagte Johnson zu den Runnern. "Der Auftrag ist ziemlich einfach. Ihr sollt rein, die Data holen und wieder raus. Wenn ihr drinnen seid..."
"Wo genau ist denn die Paydata?", wollte Scrap wissen. "Ich meine, solch wichtigen Informationen sind ja nicht in jedem Terminal gespeichert. Wenn wir sehr weit hinein müssen, dann wird es doch sicher gefährlich"
Der Johnson seufzte. "Wenn sie mich ausreden lassen würden....", entgegnete er genervt. "Die Daten sind derzeit in einem Terminal gespeichert, zu dem ihr ziemlich einfach Zugang bekommen könnt. Die Abteilung für Produktverwaltung und Ressourcenkontrolle ist in der zweiten Kellerebene. Weitere Informationen sind auf dem Chip. Wenn ihr..."
"Finden wir dort alle Daten? Ich meine, wenn dort nur die Projektdaten verwaltet werden, dann, so frage ich mich, werden wir dort auch die Forschungs- und Entwicklungsdaten finden, frage ich mich."
"Herrgott!", fluchte Johnson. "Das ist im Moment nicht wichtig! Ihr sollt nur die derzeitigen Daten der Produktentwicklung besorgen! Alles weitere regelt sich...."
"Dann interessieren sie sich nicht für die Forschung? Ich dachte, daß ist sehr viel wichtiger und interessanter für einen Konzern"
"Scrap, bitte.", ermahnte Fiber ihn. "Laß den Herrn doch erst mal ausreden." Der Führer der Runnergruppe, ein Decker, schenkte der Messerklaue einen finsteren Blick. Der neue störte schon die ganze Zeit die Verhandlungen. Wenn der Preis nicht schon festgelegt wäre, hätte er ihn kurzerhand aus dem Lokal geschmissen.
"Ist ja schon gut.", murmelte Scrap. "Ich wollte ja nur wissen..."
Kylie legte ihm die Hand auf den Arm. "Nachher, Süßer. Erstmal der Job." Die Messerklaue hatte einigen Einfluß auf den Decker, wohl der einzige Grund, warum er noch dabei war. Der und die Tatsache, daß er bisher in der Lage war, jedes Schloß zu knacken. Außerdem konnte er sich überall reinschummeln. Seine Fähigkeiten, andere Personen zu umwickeln, waren mitunter beängstigend. Fiber war überzeugt von ihm, Kylie hatte sich in ihn verknallt und Groove, der Rigger mochte ihn, weil er sich ständig seine Schwärmereien über Motoren und Waffen anhörte. Einzig Bullet, der schwervercyberte Ork schien nicht auf seine Redefähigkeiten hereinzufallen. Das lag wohl daran, daß der Samurai dermaßen viel Chrom mit sich herumschleppte, daß er kaum noch in der Lage schien, soziale Verbindungen aufzubauen.
Der Johnson schien am Ende mit seinen Nerven. Scrap unterbrach ihn ständig mit seinen Fragen. Aber die Runnergruppe hatte einen guten Ruf. Außerdem war sie die einzige, die diesen Job zu dem Preis machen wollte. Das Gerücht mit der niedrigen Sicherheit hatte einen herben Knacks auf der Straße bekommen. Mehrere Runner wurden von diversen Konzernen angeheuert, um bei NeTec einzubrechen. Und bisher hatte keiner Erfolg gehabt.
Für den Johnson war diese Gruppe eine große Hoffnung. Scrap, der Neuzugang behauptete, Zugang zu dem Konzern bekommen zu können. Angeblich hatte er Pläne von der Gebäudesicherheit, von einem alten Chummer, der selber mal einen Run gegen NeTec gemacht hatte.
"Wie auch immer,", fuhr der Johnson fort. "Alle Daten, die sie mir besorgen müssen, sollten in diesem Terminal liegen. Ihr Decker sollte keine Probleme haben, sie zu finden und herunter zu laden. Wie schon erwähnt, ist die Sicherheit derzeit minimal. Meinen Informationen nach geht dort derzeit ein massiver Personalwechsel von statten und aus diesem Grunde herrscht dort in vielen Bereichen Ja WAS IST DENN!?"
Scrap hatte die ganze Zeit mit seinem Arm gewedelt, um die Aufmerksamkeit des Johnsons zu bekommen.
"Von was für einem Konzern sind sie eigentlich? Keiner will einfach nur den Produktplan und die Ressourcenbilanz.
Sollen wir nicht doch die eine oder andere Blaupause beschaffen?"
Bullet grunzte und fuhr seine Sporne aus. Fibers Lippen waren nur noch ein dünner Strich. Er biß sich auf die Lippen, um nicht irgendwas unüberlegtes zu Scrap zu sagen. Es reichte, wenn einer hier die Professionalität unterminierte. Kylie lächelte nur verliebt.
"Das hat sie doch überhaupt nicht zu interessieren!", schnappte der Johnson. "Ihr sollt doch nur..." "Na, so ein toller Konzern könnt ihr ja nicht sein. Anscheinend habt ihr keine Ahnung, was ihr wollt. Wir machen den Job, OK. Und wir besorgen auch die Daten. Aber wenn ihr nachher im Drek wühlt, weil ihr nichts damit anfangen könnt, dann gebt nicht uns die Schuld."
"Wie bitte?", entfuhr es dem Johnson empört. "Yama...Mein Konzern ist einer der Marktführer! Wie können sie es wagen, unsere Methoden und Fähigkeiten in Frage zu stellen?! Wir wissen ganz genau, was wir wollen und was wir brauchen! Ihr Job ist es lediglich, uns das zu besorgen. Und dafür werden sie gut bezahlt!"
"Yamtetsu?", grinste Scrap und pfiff durch die Zähne. "Okay, Boß, sie haben gewonnen. Tut mir leid, wenn ich sie irgendwie beleidigt habe."
Das war's, dachte Fiber. Der Johnson wird gehen, und wir haben keinen Auftrag mehr. Scrap ist ein toter Mann.
Der Johnson wurde rot. "Das habe ich nie gesagt."
"Aber fast."
"Also gut.", knirschte der Auftraggeber. "Ich lege noch mal 2000 Ecu pro Kopf drauf. Im Voraus. Aber dafür vergessen sie das, was ich eben gesagt habe. Und bitte!", flehte er, als Scrap wieder seinen Mund öffnete, um eine weitere Anmerkung zu bringen. "Keine weiteren Fragen mehr von ihnen. Stellen sie sich nicht dümmer, als sie sind!"
"Ist gebongt.", meinte Scrap grinsend. "Ich weiß, was wir holen sollen. Hab aber keinen Schimmer, für wen, So Ka?"
Der Johnson lächelte fast wehleidig. "Dann wäre das ja geklärt. Alles weitere, was sie wissen müssen , finden sie auf dem Chip." Dann stand er auf und legte vier Kredstäbe auf den Tisch. "Hier ist der Vorschuß. Die Blauen enthalten den Zuschlag für eure...Diskretion". Er drehte sich um und verließ eilig das Lokal.
Scrap grinste immer noch und lehnte sich zurück. Kylie streichelte seinen Oberschenkel.
Fiber starrte mit einem Auge durch seine Finger. "So blamiert haben wir uns vor einem Auftraggeber noch nie.", stöhnte er. "Was bei allem Ice von Fuchi ist nur heute los mit Dir? Wenn das die Runde macht, bekommen wir nie mehr einen Run!"
Scrap winkte ab. "Niemand wird was erfahren. Denkst du, der Johnson wird herum spazieren und jedem erzählen, wie er die Kontrolle über die Verhandlung verloren hat? Daß er in einem unbedachten Moment verraten hat, von welchem Konzern er kommt?"
"Das war echt Drek, was Du da abgezogen hast!", knurrte der Ork und kratzte mit seinem Sporn Späne aus dem Tisch.
"Was habt ihr eigentlich?", entgegnete Scrap und schaute betrübt drein. "Wir wissen, wer uns beauftragt hat. So was kann immer nützlich sein. Und einen Bonus habe ich auch noch rausgeholt."
"Zugegeben,", meinte Fiber, "Das war nicht schlecht. Aber dennoch will ich so etwas nie wieder erleben."
"Keine Sorge, Chummer. Normalerweise ist das nicht meine Art. Nur der Johnson war kein Profi. Neu in seinem Job.
Ich hab gewußt, wenn ich ihn nur aus dem Konzept bringe, dann wird das eine oder andere Gute für uns herausspringen."
"Beachtliche Menschenkenntnis.", meinte Fiber bewundernd. "Dennoch. Ich führe die Verhandlungen. Und egal, wie das heute ausgegangen ist, das war das letzte mal! Noch einmal so einen Ausrutscher, ganz gleich, was Du über unseren Kontakt denkst oder nicht, und Du bist raus aus der Gruppe! So Ka?"
"Hab's vernommen.", antwortete Scrap und salutierte. Der Ork fuhr seine Sporne wieder ein.

Kylie fuhr ihre Minikamera wieder ein. Sie besaß ein Schädelimplantat, daß sie befähigte, eine winzige Kamera an einer zwanzig Zentimeter langen Teleskopantenne auszufahren. "Ich liebe es, wenn Du das machst!", raunte Scrap in sein Kehlkopfmikro. Kylie schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab: Nicht jetzt! "Zwei Wachen vor dem Eingang, einer hinter der Konsole. Den müssen wir zuerst ausschalten."
Bullet nickte grunzend und hob seine Scorpion. Fiber faßte ihm auf den Arm. "Wir betäuben sie.", meinte er. "Keine Toten, wenn es sich vermeiden läßt."
"Da ist Gelmuni drin!", knurrte der Sammie. Fiber rollte mit den Augen. "Netter Joke. Nimm Deine Squirt. Heute wird keiner gegeekt, wenn es nicht unbedingt notwendig ist."
Scrap atmete insgeheim erleichtert aus. Bisher waren sie, nicht ohne seine Kenntnisse von dem Gebäude und seinem Redetalent, bis hier her gekommen, ohne jemanden zu töten. Die Wachen, die sie überlistet hatten, lagen im ganzen Gebäude verteilt in irgendwelchen Verstecken, friedlich im Narcojetschlaf schlummernd. Scrap hatte die Gruppe davon überzeugt, daß dieser weg der bessere wäre. Die Sicherheit war eh nicht sonderlich hoch und das Risiko wurde somit nicht größer. Einzig Bullet war damit nicht einverstanden gewesen. Vermutlich sah er für sich den Spaß an der Sache abhanden gehen. Aber er hörte auf Fiber, und der war mit der Idee einverstanden. Also fügte sich der schießwütige Ork, Wie auch jetzt. Mürrisch steckte er seine MP weg und zog seine Ares Squirt. Kylie zählte stumm mit den Fingern.
Eins, zwei... Bei Drei fielen Bullet, Scrap und Kylie um die Ecke. Der Ork war der schnellste und sprang mitten in den Flur. Kylie wirbelte lediglich um die Ecke und Scrap legte sich auf den Boden und zielte in den Flur. Alle Drei Schüsse fielen gleichzeitig und trafen lautlos die Wachen. Bevor jemand die Bedrohung registrieren, fielen die Wachen auch schon betäubt auf den Flur.
Scrap stand wieder auf und ging zu der Konsole. Kylie gab Fiber das Zeichen und er schloß zu den anderen auf.
"Bisher war es einfach. Hoffen wir, daß es so bleibt."
Scrap sah sich die Kontrollen an. Er runzelte die Stirn und wandte sich dann dem betäubten Wachmann zu.
"Kommst Du mit der Türsicherung nicht klar?", fragte Kylie.
"Doch schon.", antwortete Scrap. "Nur ist sie mit einem Code gesichert. Wenn ich sie unautorisiert öffne, löse ich einen Alarm aus."
"Laß mich mal ran.", meinte Fiber. "Ich decke einfach hinein."
Scrap durchsuchte die Wache und stand wieder auf. Zwischen Zeige- und Mittelfinger hielt er eine Paßkarte. "Nicht notwendig.", grinste er, "Der Wächter hat eine Notfallauthorisierung. Wir können die Tür ganz konventionell öffnen."
"Das löst doch auch Alarm aus.", bemerkte Fiber. "Wenigstens passiven."
Scrap zuckte mit den Schultern. "Das wird nur in dem Protokoll vermerkt. Bis die das überprüfen, sind wir schon längst wieder in unserer Stammkneipe."
"Woher hast Du eigentlich soviel Ahnung von der Sicherheit hier?", wollte Bullet wissen.
"Ein Chummer von mir ist hier auch mal eingestiegen. Außerdem bin ich in Gebäude eingebrochen, seit ich laufen kann." Bullet zuckte mit den Schultern und bleckte seine Hauer, gab sich aber mit der Antwort zufrieden.
Scrap steckte die Paßkarte in den Schlitz und drückte auf den Knopf für die Notfallentriegelung. "Sonst gäbe es eine Akustische Warnung. Den Rest müssen wir von Hand machen."
Bullet und Kylie gingen zu der schweren Plastiglastür und schoben sie mit vereinten Kräften per Hand auf.
Als der Spalt breit genug war, daß der Ork hindurch passen würde, schlüpfte Fiber hindurch, gefolgt von Kylie und Bullet.
Der Raum war ein Arbeitsfeld mit vielen kleinen Nischen. In jedem stand ein kleiner Tisch und ein Terminal. Am Ende des Raumes war das Büro. Kylie starrte mißmutig auf das Magschloß. "Noch eine Tür."
"Das spielt keine Rolle.", meinte Fiber und zeigte auf die Arbeitsnischen. "Die Terminals sind sicher mit der internen Matrix verbunden. Ich kann von hieraus in das System decken."
Bullet rümpfte die Nase. "Irgendwas stimmt hier nicht."
"Wie meinst Du das?", fragte Kylie.
"Sieh Dich Doch mal um." Er schwenkte mit dem Arm über den Raum. "Mein Vater hat mal in so einem Büro gearbeitet. Er hatte meine Bilder immer mitgenommen und an die Wände seiner Nische geklebt. Aber ich sehe hier nirgendwo persönliche Dinge von den Angestellten."
Kylie sah sich um. Dann zuckte sie die Schultern. "Der Johnson sprach doch von einer massiven Umstrukturierung des Personals. Vielleicht sind die Büros erst gebaut worden."
Der Ork rümpfte die Nase. "So riecht es hier aber nicht."
"Dann sind sie halt ausgeräumt worden und noch nicht neu besetzt!", winkte Kylie ärgerlich ab. "Solche Büros gibt es in diesem Konzern doch hunderte. Mach Dich doch deswegen nicht verrückt."
"Ich finde, er hat recht.", warf Scrap ein. "Das hier ist die Produktverwaltung und Ressourcenkontrolle. Das die nicht besetzt ist, ist schon ein wenig merkwürdig..."
"Meine Güte!", fluchte Kylie. "Vielleicht haben sie die erst mal verlegt. Leute, das ist ein Konzern! Mit einer Bürokratie so schwerfällig wie ein Behemoth. Wir sind hier, um uns ein paar Daten zu holen und bisher konnten wir froh sein, daß wir nur wenigen Wachen begegnet sind. Und ihr macht euch krank wegen einem leeren Büro!"
"Irgendwas stimmt nicht.", bemerkte Fiber plötzlich. Er war über seinem Deck gebeugt und das Glasfaserkabel lugte aus seiner Buchse in der Schläfe.
"Noch einer.", seufzte Kylie.
"Der Knoten ist leer.", fuhr der Decker fort.
Scrap ging zu Fiber und schaute ihm über die Schulter. Das Deck besaß keinen Bildschirm, er konnte nicht sehen, was der Decker gerade tat. "Was meinst Du mit leer?"
"Wie ich es sagte: Er ist leer. Keine Daten, keine SlaveNods, nicht einmal Peripheriegeräte!"
"Vielleicht ist das Terminal irgendwie hinüber"
Fiber schüttelte den Kopf. "Unsinn! Das hätte ich gemerkt. Nein, das ist irgendwas anderes. Wüßte ich es nicht besser, dann würde ich sagen, daß hier ist ein Phantom-Host."
"Ein Was?"
"Ein Phantom-Host.", wiederholte Fiber. "Eine Art virtueller Computer. Eine Simulation, die eine Maske des eigentlichen Systems darstellt und all ihre Funktionen kopiert. Solche Täuschungen richten viele Megakons ein, um Einbrüchen von Deckern vorzubeugen."
Scrap runzelte die Stirn. "Kannst Du versuchen, diesen Phantom-Host zu umgehen und in das richtige System eindringen?"
Fiber schüttelte abermals den Kopf. "Du verstehst nicht. Phantom-Hosts werden von den Konzernen eingerichtet, um Deckern das eindringen von außen zu verhindern. Ich bin hier im Konzern. Wenn es einen Phantom-Host gäbe, würde ich ihn als das, was er ist in der Matrix sehen können, ihn unter Umständen sogar manipulieren."
"Das heißt?...."
"Das heißt, daß das System entweder tatsächlich leer ist, was ich für ebenso unwahrscheinlich halte, oder daß wir es tatsächlich mit einem virtuellen Computer zu tun haben. Und das bedeutet..."
..."Das man uns erwartet hat!" Scraps Augen weiteten sich.
"Schlaue Bürschchen!", brummte eine Stimme. Die Runner wirbelten herum. Aus den hinteren Nischen strömten auf einmal schwerbewaffnete Wachen. Die Gruppe war augenblicklich umzingelt. Der Kommandant der Wachen trat hinter den Reihen hervor. "Nur nicht schlau genug. Ihr hättet verschwinden sollen, als ihr den Drek gerochen habt. Jetzt ist es zu spät." Der Kommandant überlegte kurz und grinste dann breit. "Naja, ich habe gelogen. Eigentlich hattet ihr überhaupt keine Chance. Für euch war es zu spät, seit ihr einen Fuß auf unser Gelände gesetzt habt."
"Sie lügen schon wieder.", rief Fiber dem Kommandanten zu. "Sonst hätten sie uns niemals so weit kommen lassen."
"Das stimmt nicht ganz.", meinte der Kommandant. "Wir wollten nur einen Hinterhalt legen. Einen sicheren. Außerdem brauchten wir ein wenig Zeit, um euren Rigger festzusetzen." Er drehte sich zu seinen Wachen um. "Feuer."
Narcojets fauchten und Drei Runner gingen zu Boden. Scrap sah zu seinen betäubten Kollegen hinunter. "Hat keinen Sinn, sie zu verhören.", meinte er. "Sie wissen nicht mehr als ich."
"Sie wissen eine Menge von den Dingen, die in den Schatten erzählt werden.", erwiderte Kommandant Ferris und zeigte auf die betäubten Shadowrunner. "Und davon weißt Du nicht soviel wie die da."
Scrap alias Garvis lächelte verschwörerisch. "Ein wenig mehr Zeit, und ich hätte auch das heraus bekommen. Übrigens, als Kommandant machst Du Dich sehr gut."
Ferris sah an seiner Uniform herunter. "Das wollte ich schon immer mal spielen."
"Wenn Du fleißig weiter übst, wirst Du vielleicht mal fast so gut wie ich."
Der Kommandant lachte. "Nein Danke. Ich bin Kontaktmann, kein Chamäleon. Das überlasse ich Dir. Stimmt es eigentlich, daß Du herausbekommen hast, wer die Gruppe geschickt hat?"
Garvis nickte. "Natürlich. Ich mußte zu ein wenig drastischen Mitteln greifen. Die Shadowrunner waren ziemlich sauer auf mich. Hast Du den Bericht gelesen?"
"Hartmann wollte mir den vollständigen noch nicht aushändigen. Er sprach nur von Deiner Guten Arbeit, wollte mir aber keine Einzelheiten nennen. Nur soviel für den Hinterhalt."
"Ist ja auch egal. Wundert mich sowieso, warum ich im eigenen Konzern eine Kontaktperson brauche,"
"Hartmann meinte, es wäre sicherer so.", antwortete Ferris. "Er traut den Wachen nicht, sagt sie schießen auf alles, was ihnen komisch vorkommt. Und es wäre doch schade, wenn Du aus versehen erschossen wirst, nur weil einer der Wachen einen nervösen Zeigefinger hat und Dein Foto nicht bekommen hat." Einige der Soldaten drehten sich zu ihrem falschen Kommandanten um und schauten ihn mürrisch an, sagten aber nichts.
Garvis Augen verengten sich. "Das klingt mir irgendwie sehr nach "Unfall". Wollte man mich aus dem Weg schaffen?"
Ferris lachte wieder laut auf. "Du spinnst. Wenn man Dich umbringen wollte, dann hätte man das schon längst getan. Und wenn man Dir hier nicht so sehr vertrauen würde, dann wüßtest Du das auch schon längst. Entweder auf Deinem Kündigungsschreiben, in der Arrestzelle oder durch eine Neun Millimeter Migräne.
Nein, Garvis, Hartmanns Maßnahmen waren aus echter Sorge. Er geht ungern ein Risiko ein. Und glaube mir, nach dieser Mission wird kaum noch jemand an Dir zweifeln."

"Cyberware?"
Hartmann rollte die Augen. "Sie wissen schon, Chrom und Chips, die in den Körper implantiert werden, um ihn..."
Garvis unterbrach seinen Chef mit einer abwehrenden Geste. "Ich weiß, was Cyberware ist. Ich habe sowas selber. Nur was hat das mit mir zu tun? Wozu brauche ich davon noch mehr? Ich bin kein Leibwächter oder Cybersoldat. Ich bin Agent. Meine Waffe ist mein Charme, nicht mein Colt."
"Sie sind nicht auf den neuesten Stand.", schmunzelte Hartmann. "Man kann alles verbessern. Sie sind das, was wir allgemein hin ein "Chamäleon" nennen. Ihre Fähigkeiten in diesem Gebiet sind in der Tat erstaunlich, nur nicht flexibel genug. Deswegen kommen sie übermorgen in die Klinik und bekommen das eine oder andere eingepflanzt. Haben sie ein Problem mit Cyberware?"
"Nein, das ist es nicht.", beteuerte Garvis. "Ich wundere mich nur. Ich meine, ich bin jetzt knapp ein Jahr beim Konzern, und ich wundere mich, daß man mir jetzt schon so sehr vertraut, daß man mir Cyberware schenken will."
Hartmann sah ihn ungläubig an. Dann lachte er. "Garvis Todorowski. Konzerne verschenken nichts. Sie machen Investitionen. Sie sind Konzerneigentum. Man tut ihnen damit nicht in dem Sinne ein Gefallen, man will eine wertvolle Investition nur verbessern, noch leistungsfähiger machen. Hauptsächlich ist es Headware"
"Klingt ja angenehm..."
"Ist es, mein Freund."; versicherte Hartmann ihm und reichte ihm die Orderfolie. Garvis nahm sie entgegen und studierte sie mit nachdenklichem Blick. Seine Augen weiteten sich, als er die Kybernetischen Modifikationen sah, die ihm implantiert werden soll. "Headware, sagten sie?" Er hielt die Orderfolie hoch und zeigte auf die Liste.
"Neue Augen, Videoverbindung, Irismodifikationen, Wissenssoftverbindung, und haufenweise Fingertipbehältnisse! Warum nehmen sie mir nicht gleich die ganze Hand ab und machen eine neue ran?"
Hartmann sah seinen Agenten an. "Sie wissen nicht, was ein Fingerkuppelbehälter ist, oder?"
"Natürlich weiß ich das."; entgegnete Garvis. "Zumindest kann ich es mir vorstellen. Sie sägen mir die Fingerkuppen ab und setzen welche auf Plastik auf, die man abschrauben kann!"
Wieder lachte Hartmann. "Wo haben sie denn das gesehen? Sie sollten nicht so viele dieser SimSinns sehen, die solche Schauermärchen verbreiten. Nein, es ist ganz anders. Ich kenne die technischen Einzelheiten natürlich nicht, aber Ihre Finger werden sich danach immer noch so anfühlen wie zuvor. Sie werden nichts an Bewegungsfreiheit oder Fingerfertigkeit einbüßen. Sie werden auch ihren Tastsinn behalten. Tatsächlich lassen sich die Fingerkuppen an der Spitze öffnen. Die Ektomyelinkanäle da drin können Chips, Wanzen und ähnliches aufnehmen. Sie sehen also, kein Grund zur Besorgnis. Niemand will sie verstümmeln. Wir entfernen sogar ihre Narbe auf dem Unterarm."
Garvis tastete sich unwillkürlich über den rechten Arm.
Als er noch öfter für die Triaden gearbeitet hatte, war er zu deren Straßendoc gegangen und hatte sich zwei Sporne einsetzen lassen. Einen vorne, der über dem Handgelenk ausfahrbar war und einer hinten am Ellenbogen. Es war eine Art Bezahlung für einen seiner Dienste. Nur war der Straßendoc eher ein zweitklassiger Vertreter seiner Zunft. Er hinterließ eine häßliche lange Narbe auf dem Unterarm, die Garvis seit jeher störte. Nicht, weil sie groß war und unschön, sondern weil sie ein wiedererkennbares Merkmal war.
Garvis hatte bisher nie die Gelegenheit gehabt, sie entfernen zu lassen. Den Straßendocs traute er zu, daß sie es noch schlimmer machen würden und in ein Krankenhaus konnte er natürlich nicht gehen.
Er sah noch mal auf die Orderfolie. "Das mit dem Stimmenmodulator klingt gut.", grinste er. "Ich könnte unter ihrem Namen bei Sterring anrufen und eine Gehaltserhöhung erwirken."
Hartmann winkte ab. "Sie bekommen genug Geld. Außerdem ist Sterring kein Dummkopf. Seine Telekomanlage läßt sich nicht so leicht täuschen."

"Haben sie noch irgendwelche Schmerzen?", fragte Dr. Tahakashi.
Garvis schüttelte den Kopf. "Schon lange nicht mehr. Allerdings erscheint mir immer noch alles so dunkel"
Der Arzt nickte. "Als Elf sind sie es gewohnt, ihre Umgebung aufgrund der natürlichen Funktion ihrer Augen alles im helleren Licht zu sehen. Das kommt von der lichtverstärkenden Fähigkeit ihrer organischen Augen. Die haben sie nun ja nicht mehr. Der Effekt müßte aber in ein oder zwei Monaten nachlassen. Wenn sie wollen, kann ich ihnen Medikamente geben, die ihre Wahrnehmung ein wenig lichtempfindlicher macht."
Garvis schüttelte den Kopf. "Nicht notwendig, das geht schon. Außerdem muß ich schon genug Medikamente wegen der Cyberware schlucken. Ich bin froh, wenn ich die nicht mehr nehmen muß."
Tahakashi lächelte dünn. "Nur noch einige Wochen. Fahren sie bitte die Nadel aus."
Garvis streckte seinen rechten Zeigefinger aus und eine spitze, lange Nadel von etwa Drei Zentimeter Länge trat hervor.
Der Arzt nickte und tippte irgendwas in seine Pad. Die Nadel hatte Anfangs einige Probleme bereitet. Wo die Oberflächenstruktur der künstlichen Haut nur mit dem körpereigenen neuralen Netz verbunden werden mußte, hatte die Nadel einige Probleme bereitet. Sie mußte kybernetisch steuerbar sein; das Ausfahren der Nadel, das Aktivieren der Giftdrüse und einige andere Einzelheiten. Anfangs funktionierte die Nadel nicht und verursachte Garvis schmerzen in seinem mittleren Zeigefingerglied. Auf der Sporn ließ sich nicht mehr ausfahren und der willentliche Versuch verursachte ebenfalls Schmerzen. Das Ärzteteam wollte die Sporne entfernen, aber Garvis wehrte sich dagegen. Es hatte dem Team einige Mühe gekostet, den Fehler zu finden und ihn zu beheben, aber jetzt schien es keine Probleme mehr zu geben.
"Sie haben eine ungewöhnliche Konfiguration der Cyberware.", meinte der Arzt zu ihm. "Diese Anordnung der Sporne habe ich bisher noch nie gesehen."
"In den Schatten sieht das ein wenig anders aus.", meinte Garvis. "Einige Sammies haben sich die Sporne so anordnen lassen, um Gegner erledigen zu können, die von hinten kommen. Das kann lebensrettend sein."
"Interessante und kreative Methode."
Garvis zuckte mit den Schultern. "Ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte von einigen "Kollegen" gehört, daß sie sich ihre Sporne so haben implantieren lassen. Ich hielt das für sinnvoll, den ich komme meist nahe an meine Zielobjekte an."
"Aha, daher auch die Idee mit der Giftnadel?"
Der Arzt tippte mit seinem Stift auf Garvis Finger. Dieses Stück Cyberware stand nicht auf der Orderfolie, aber da Garvis ein gewisses Mitspracherecht bei der Wahl der Modifikationen hatte - nicht, weil er so ein netter Kerl war, sondern weil er am ehesten wußte, was er benötigte - entschied er sich zu all den anderen Fingertipentwürfe auch für eine Giftnadel mit einem starken Betäubungsgift.
"Genau.", sagte er zu dem Arzt. "Jemanden auf die Schulter zu klopfen oder ihm am Arm zu berühren, ist eine ganz normale Geste. Zumindest wird sie bei mir oft zugelassen. Und wenn man in einer Gefahrensituation schon so nahe am Gegner ist, kann das die letzte Chance sein, die man hat." Garvis zog die Nadel wieder ein.
Der Arzt nickte "Interessant. Muß ich mir merken. Zum nächsten Test. Setzen sie einen Peilsender auf das Gerät dort."
Garvis schüttelte den Kopf und lächelte. "Geben sie mir das Peilgerät." Der Arzt hob eine Augenbraue, ging aber zu dem Tisch und griff nach dem Peilgerät. Als er es Garvis reichen wollte, stutzte er und blieb stehen. "Ich habe ein Signal.", sagte er verwundert. "Und es bewegt sich!"
Der Elf nickte. "Ihre Assistentin. Ich hab die Wanzen vorhin ausprobiert. Haften wunderbar. Und sie hat nichts mitbekommen. Keine Geräusche, keine Probleme."
Der Arzt warf Garvis einen vieldeutigen Blick zu und notierte wieder etwas auf seinem Datenbrett. "Ich will gar nicht wissen, wo sie die hingeklebt haben. Wurden sie über den Auswurf und die verbleibende Anzahl der Wanzen informiert?"
"Über alles.", nickte Garvis. "Wie viele noch da sind, ob Wanze oder Peilsender und daß er nach dem Auswurf aktiviert wurde. Allerdings bekam ich die Information sowohl auf das Display als auch direkt ins Gedächtnis. Das ist ein wenig verwirrend."
Tahakashi sah auf. "Inwiefern? Die kybernetische Verbindung sieht eine visuelle wie auch eine sensuelle Information vor."
"Ja, aber sie kommen nicht synchron."
"Hm. Bekommen sie zuerst die visuelle oder die sensuelle Information, oder ist es jeweils unterschiedlich."
"Mal so, mal so.", sagte Garvis.
Der Arzt vermerkte das auf seinem Pad und nickte. "Das hatten wir erwartet. Ein geringfügiges Problem, das wir schnell beheben können. Testen wir aber vorerst die anderen Funktionen. Nehmen sie bitte folgenden Satz auf, den ich ihnen gleich vorsagen werde."
Garvis nickte und aktivierte seinen Audiorekorder.
"Yamtetsu Tahakashi, Sicherheitslevel AA7, Passcode. Sumimasen, Wahisazuka Tonosan, Arigato. Bitte bringen sie mir einen Tee."
Garvis schaltete den Audiorekorder aus. "Was sollte das?", fragte er.
"Haben sie alles im Speicher?"
"Ja schon, aber..."
"Der letzte Satz ist unwichtig.", erklärte der Arzt. "Ich möchte nur testen, ob sie die Stimme zuschneiden können. Spielen sie meinen Satz im Memory ab und streichen sie alles ab "Arigato.". Dann sprechen sie in den Analyzer."
Garvis rief die Aufnahme aus dem implantierten Speicher und löschte den Rest. Es gelang ihm nicht auf Anhieb, weil er zuerst nicht wußte, wie er die Löschfunktion seines internen Speichers selektiv aktivieren sollte. Er rief die Sicherheitskopie auf und versuchte es noch mal. "Ich glaube, jetzt hab ich es. Warum eigentlich Japanisch?"
"Das soll die Fähigkeit für die verschiedenen Klangfolgen testen. Wenn das Interface nicht richtig arbeitet, dann können sie diverse Klangunterschiede in den Stimmen nicht korrekt wiedergeben. Wenn sie daß in anderen Sprachen versuchen, mag das sogar einem menschlichen Gehör auffallen. Sprechen sie nun in das Gerät. Es ist auf meine Stimme geeicht, Sicherheitsstufe 8."
Garvis beugte sich zu dem Mikrofon vor, aber statt hinein zu sprechen, schaute er nur ratlos auf das Gerät. "Wie aktiviere ich das Playback? Muß ich selber sprechen oder einfach nur den Speicher aktivieren? Kann ich mich verplappern?"
Tahakashi lächelte und schüttelte den Kopf. "Das Playbackmuster wird durch ihre Stimmbänder aktiviert, wenn sie den Speicher anwählen. Tun sie einfach so, als wollen sie reden und greifen sie auf das Memory zurück, den Rest übernimmt die Cyberware."
Garvis beugte sich abermals vor und sprach in das Mikrofon. "Yamtetsu Tahakashi, Sicherheitslevel AA7, Passcode. Sumimasen, Wahisazuka Tonosan, Arigato." Es war seltsam, sich selber mit einer fremden Stimme reden zu hören, und noch seltsamer, wenn der Eigentümer dieser Stimme neben ihm stand und alles mit wissenschaftlichem Interesse beobachtete. Der Analyzer piepte kurz und ein grünes Licht blinkte auf.
"Sehr gut.", freute sich der Arzt. "Und nun laden sie diesen Chip. Es ist ein Linguachip, Japanisch." Tahakashi gab ihm einen kleinen Wissenssoftchip in die Hand, den Garvis sich gehorsam in die Chipbuchse knapp unter seinem Ohr steckte. Seine Augen blickten kurzzeitig ins Leere und bewegten sich leicht hin und her, so als würde er eine Erinnerung aufrufen oder träumen. Er sah den Doktor verwirrt an und grinste. "Guten Morgen, haben sie verstanden, werter Herr, Danke?"
Tahakashi sah verlegen auf sein Datenpad. "Das sollte nur ein Testsatz sein!", erklärte er. "Er mußte nicht unbedingt Sinn ergeben."
Garvis unterdrückte ein Lachen. "Schlaue Idee, mir einen Japanisch-Linguachip zu geben."
"Machen wir weiter.", räusperte sich der Arzt. "Imitieren sie meine Stimme und rufen sie meine Assistentin, auf japanisch."
Garvis aktivierte den Stimmenmodulator. Der allerdings erforderte ein wenig mehr Feingefühl. Er konnte zwar die Stimmlage des Doktors perfekt imitieren, zumindest für das menschliche Ohr, und auch die Sprache beherrschte er perfekt, aber seine Persönliche Betonung und Redeweise nachzuahmen erforderte ein wenig schauspielerisches Talent.
Garvis rief und die Assistentin kam herein gelaufen. Der Arzt bedachte Garvis abermals mit einem tadelnden Blick, als der Peilsender piepste und der Punkt auf dem Display sich dem Zentrum näherte.
"Was gibt es, Doktor?", fragte sie höflich, als sie in den Raum kam und wandte sich automatisch zu Tahakashi.
"Alles in Ordnung, das war nur ein Test. Sie können wieder an ihre Arbeit gehen.", sagte Garvis, immer noch mit der Stimme des Doktors. Die Assistentin drehte sich völlig irritiert zu dem Elfen um. Sie wußte natürlich, welche Implantate er bekommen hatte, aber war nicht darauf vorbereitet, diese auch als Testobjekt in Aktion zu erleben. Garvis grinste.
"Gehen sie ruhig.", meinte Tahakashi und nickte. Als sie sich, immer noch verwirrt umdrehte und das Zimmer verlassen wollte, tippte Garvis schnell und unmerklich an ihren Po. Wenn sie es mitbekommen hatte, dann reagierte sie zumindest nicht darauf.
Der Elf betrachtete seinen linken Zeigefinger und wiegte zufrieden den Kopf. "Jetzt war es wieder synchron.", sagte er zu dem Arzt. "Der Einwurfmechanismus funktioniert wunderbar."
Tahakashi notierte abermals etwas auf seinem Datenpad, nahm dann ein Glasfaserkabel, daß an einer Diagnose und Kontrolleinheit angeschlossen war und steckte es Garvis in die Datenbuchse.
Alles, was der Elf in seinem Sichtfeld sah, wurde auf dem Bildschirm wiedergegeben. Retinauhr, Datendisplay, alles funktionierte einwandfrei. "Nehmen sie bitte eine kurze Sequenz auf."
Garvis aktivierte die Videokameras in seinen Augen.
"Mhm.", murmelte der Arzt. "Wechseln sie bitte die Augenfarben, rot, blau und schwarz, bitte." Er drückte eine Tastenfolge auf der Konsole und das Bild, daß die Videoeinheit aufnahm, wurde auf dem Bildschirm gezeigt.
Ein Testbalken am unteren Rand zeigte an, daß es keine Farbverschiebungen in den Aufnahmen gab.
"Wunderbar.", freute sich der Doktor und drückte wieder einige Tasten.
"Hey!", rief Garvis. "Was machen sie da? Mein Speicher ist leer!"
Tahakashi nickte. "Ich habe ihn eben gelöscht."
Der Elf sah ihn finster an. "Das hätte ich auch selber machen können. Ich mag es nicht, wenn man in meinem Kopf herumpfuscht. Sie trauen mir wohl nicht, oder?"
"Nicht besonders. Aber das spielt keine Rolle, es ist eine Standardprozedur."
"Wie beruhigend. Was für Standardprozeduren gibt es noch, die ihnen oder anderen erlauben, in meinem Kopf herumzuspielen?"
Der Arzt lächelte konspirativ. "Das wollen sie gar nicht wissen."

Garvis Todorowski nippte an seinem Tee und sah sich die Umgebung an. Der Ort war ein Drecksloch. Die alte Lagerhalle diente den meisten Kids nach Anbruch der Nacht als Partyzone, tagsüber lagen hier ein paar Junkies rum und erholten sich von ihrem letzten BTL-Trip. Einige von ihnen zuckten unter heftigen Krämpfen und stöhnten.
Die Lagerhalle war zu einer Seite hin offen, die Wand dort wurde schon vor Ewigkeiten entfernt. Auf der Gegenüberliegenden Seite gab es zwei große Rolltore und einige kleinere Türen. Daß das Gebilde noch stand, war ein Wunder. "Was machen wir hier eigentlich?", fragte Ferris. "In diesem Loch gibt es nichts. Wir laufen höchstens in Gefahr, beim Einsturz dieser Halle umzukommen."
"Er hat recht.", stimmte Garvis zu. "Hartmann, raus mit der Sprache: Was tun wir hier?"
Andreas Hartmann goß sich ein wenig Tee in seinen Becher und schraubte die Thermoskanne wieder zu. "Wir warten hier auf euer Rendezvous.", antwortete er trocken.
Garvis und Ferris starrten ihn an wie zwei Fische. "Ein Rendezvous?", wiederholte Ferris lahm.
"Das ist wirklich sehr nett von ihnen, Chef.", meinte Garvis. "Aber normalerweise suche ich mir meine Bekanntschaften selber. Auf Hilfe war ich bisher noch nie angewiesen. Trotzdem, nette Geste."
Hartmann lächelte grimmig. "Sie wird ihre Kontaktperson für den nächsten Auftrag sein. Sie sind hier, um sie persönlich kennen zu lernen. Ferris, sie werden wie immer den Boten machen und Garvis bei Missionsende rausholen."
"Ich verstehe das nicht.", merkte Ferris an. "Das ist doch nicht die übliche Vorgehensweise."
"Was meinen sie."
"Ich meine die Kontaktperson. Es ist viel zu gefährlich, sie hier zu treffen. Wenn sie überwacht wird. Warum hat sie uns nicht auf dem üblichen Wege kontaktiert?"
"Das hat sie.", antwortete Hartmann. "Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, sie beide persönlich zu treffen."
"Trotzdem ziemlich ungewöhnlich.", meinte Garvis. "Gehört sie zum Konzern?"
"Nein. Sie ist ein Maulwurf von einem anderen, größeren Konzern. Es ist eine Art Gemeinschaftsprojekt, ein gegenseitiger Vertrag, der auch Spionage und Informationsaustausch beinhaltet."
"Bin ich deswegen dabei?", wollte Garvis wissen.
Hartmann nickte. "Jede beteiligte Partei hat einen Agenten dabei. Die Gründe dafür muß ich wohl nicht erklären."
Garvis horchte auf. "Wie viele Agenten werden denn dann dabei sein? Ich habe keine Lust, erst mal heraus zu finden, wer Spion ist und wer Mitarbeiter, nur um später festzustellen, daß kein Mensch beim Zielobjekt das ist, was er ist, sondern alles nur Agenten!"
Hartmann lachte tonlos. "Erstaunlicher Humor. Und eine absurde Vorstellung. Es sind nur Zwei Konzerne beteiligt. Mehr kann ich allerdings nicht dazu sagen."
"Diese Zusammenarbeit,", überlegte Ferris. "Der persönliche Kontakt. Das alles deutet doch auf viel mehr hin. NeTec scheint sehr viel größere Ziele anzustreben. Was ist da wirklich im Busch?"
"Wie gesagt, mehr kann ich darüber nicht erzählen. Und bevor sie beide mich mit weiteren Fragen löchern, ich kenne auch nicht alle Fakten. Das ist aber auch nicht wichtig. Sie haben ihre Aufgaben und damit sollte alles weitere geklärt sein."
Ferris wollte dennoch etwas erwidern, wurde aber unterbrochen, als eine große, dunkelhaarige Frau auf sie zutrat.
Sie war gekleidet wie die allermeisten Menschen in der Lagerhalle, viel Synthleder und viel Dreck. Einzig ihre manikürten Hände und ihre gut gepflegte Haut verrieten sie als Besucherin und nicht als Zugehörige des Abschaums.
"Sie haben nicht zufällig ein wenig Kaffe für eine durchgefrorene Frau?"
"Mit Kaffe kann ich nicht dienen."; meinte Hartmann, "Aber wie wäre es mit etwas Tee?"
Sie sah enttäuscht auf die Thermoskanne. "Ist er wenigstens gesüßt?"
"Leider auch nicht. Aber ich habe Zucker dabei, und Milch."
"Dann nehme ich beides dazu.", antwortete sie und lächelte Garvis und Ferris an, während Hartmann die Thermoskanne öffnete. "Freut mich, sie kennenzulernen."
"Woher wußten sie, wohin sie gehen müssen? Hier sind viele Menschen.", platze es Garvis statt einer Begrüßung heraus. Ferris sagte nichts. Er starrte die Konzernschnalle mit offenem Mund an.
"Ja, und die Hälfte von ihnen liegt im Drek. Ich habe sie einfach wiedererkannt."
Garvis Kopf ruckte zu Hartmann herum. "Sie haben ihr Fotos von uns übermittelt?"
Hartmann sagte nichts, sondern füllte den Becher mit Tee und reichte ihn der Frau.
"Sind sie nicht ganz bei Trost? Das Treffen an sich hielt ich ja schon für gefährlich. Aber sie brechen heute ja ziemlich jedes Protokoll! Was soll der Mist?"
"Es reicht.", sagte Hartmann scharf und schraubte die Thermoskanne zu. Er gab sie der Frau, die sie in ihrer Tasche verstaute. "Sie befolgen hier nur ihre Befehle. Diesen Ton können sie sich sparen. Ansonsten ziehe ich sie von der Mission ab."
"Das würden sie sowieso nicht tun.", erwiderte Garvis und lächelte grimmig. "Ich wurde Monate darauf vorbereitet. Jemand neuen einzuarbeiten würde zuviel Zeit kosten und wenn ich alles zusammenreime, was ich bisher gehört und erlebt habe, dann haben wir diese Zeit nicht."
Hartmann zuckte mit den Achseln. "Es gibt andere Möglichkeiten für mich. Am besten machen sie erst mal einen Spaziergang mit ihrer neuen Freundin."
"Kann ich mitkommen?", platze es aus Ferris heraus, der seine Sprache wiedergefunden hatte.
"Nein.", Hartmann schüttelte den Kopf und griff nach dem Arm des Boten. "Wir beide haben auch noch einiges für die Mission zu besprechen."
Die Frau hakte sich bei Garvis ein und führte ihn aus der Lagerhalle raus. "Ich kenne ihr Bild, aber ihren Namen nicht."
"Sind Namen denn nicht egal?", seufzte Garvis resigniert.
"Ich heiße für sie Leila Tullman.", sagte sie unbeirrt. "Und werde mit ihnen in der gleichen Abteilung arbeiten. Wir werden ein Paar, das soll den Informationsaustausch unauffälliger gestalten. Sie werden sehen, es wird ihnen bei Fuchi gefallen."

Was für eine Dumme Idee!
Garvis fluchte auf Andreas Hartmann, der ihn diesen Job aufgebrummt hatte. Er fluchte auf den Konzerngiganten Fuchi, weil er in seiner Arkologie saß. Und er fluchte auf Leila Tullman, die diese Dumme Idee mit dem Paar hatte!
Von wegen "es gestaltet den Informationsaustausch leichter"! Das einzige, was das leichter gestaltete, war der Austausch von Körperflüssigkeiten. Nun, zumindest das war nicht schlecht. Aber er war ein neuer im Konzern. Auch wenn das System seine ID als Mitarbeiter geschluckt hatte - wobei er sich immer noch fragte, wie die das geschafft hatten, Fuchis Matrix war die tödlichste die es gab - so hatten ihn seine Mitarbeiter als Neuen erkannt und ihn mißtrauisch beäugt, als er mit Leila zusammen kam.
Danach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der interne Nachrichtendienst die beiden belauschte.
Garvis konnte nicht sagen, ob die was heraus bekommen hatten und was sie alles wußten. Aber er hatte nicht vor, lange genug hier zu bleiben um das heraus zu finden. Auf ein neues Jobangebot bei einem Konzern konnte er kaum hoffen.
Hastig packte er seine Sachen zusammen, die SIN, die Waffen und die Chips, die er vorher noch herunter geladen hatte.
Wenn er hier wegging, dann wollte er es nicht mit leeren Händen tun.
Dumm war nur, daß er Ferris von hier aus nicht anrufen konnte. Die Gefahr einer Entdeckung war viel zu groß.
Als er gerade den Reißverschluß seiner Tasche zuzog, stürmte Leila herein.
"Ich muß mit Dir reden!", sagte sie atemlos.
Er drehte sich zu ihr um und musterte sie kalt. "Dazu ist jetzt kaum die Zeit."
Sie starrte ihn an, sah die Tasche, die er sich umhängte und die ID in der Hand. "Du gehst?"
"Was denkst Du?", sagte er. "Wir sind aufgeflogen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Sicherheit hier an die Tür klopft. Und wenn Du schlau bist, dann kommst Du mit."
"Du gibst mir die Schuld dafür, oder?"
Garvis ging zur Tür. "Ist das jetzt noch wichtig? Der Plan war von Anfang an schlecht. Und, ganz ehrlich gesagt: Ja, ich gebe Dir die Schuld. Ich weiß nicht, wo Du Deinen Job gelernt hast oder wie das bei euch läuft. Aber Du hast so ziemlich alle Regeln mißachtet, die es gibt. Das fing schon mit der Kontaktaufnahme an." Er öffnete die Tür und schaute auf den Flur.
"Wie gesagt, komm mit oder laß es. Ist Dein Leben. Ich gebe Dir Zehn Minuten. Vor dem Einkaufszentrum, den Wagen kennst Du ja. Wenn Du nicht da bist, bin ich weg."
Garvis ließ die Tür offen, als er auf den Gang lief und zu den Aufzügen hastete.
Er rief den Fahrstuhl, wartete aber nicht, bis er kam, sondern nahm die Treppe. In dieser Arkologie waren die Aufzüge mit Drucksensoren versehen. Der Computer der Anlage registrierte, wie viele Personen wo einstiegen und wo sie ausstiegen und die Protokolle wurden gespeichert. Außerdem konnte der Lift seine ID erfassen. Aber die brauchte er noch, um an den Ausgangskontrollen vorbei zu kommen.
Im Parkdeck angekommen schlich er sich zu seinem Wagen und warf die Tasche unter den Beifahrersitz. Die Walther Secura verstaute er in dem Halfter, der unter dem Armaturenbrett angebracht war, die Narcojet steckte er in den Hosenbund.
Dann ging er zu dem kleinen Wachhaus und klopfte dort gegen die Scheibe. Der Wächter dahinter schaute von seinem Buch auf. "Hoi, Karl. Ich muß noch schnell war besorgen, bin in einer Stunde zurück. Trägst Du mich bitte ein?"
Karl lächelte, als er Garvis sah und drückte auf einen Knopf auf seiner Konsole. "Hey, Tony.", schnarrte es aus dem Lautsprecher in der Plastiglasscheibe. "Kein Problem. Schieb die Karte rüber. Übrigens, danke für das Buch. Ist echt klasse! Ich bin bald durch damit, dann kannst Du es wiederhaben."
Garvis winkte ab. "Laß Dir Zeit. Ich hab's sowieso schon zweimal gelesen. Wenn Du möchtest, besorg ich Dir noch ein anderes von dem Autor."
Der Wachmann lächelte und nahm die ID-Karte durch den Schlitz in der Scheibe entgegen. "Bist echt in Ordnung, Tony. Sind nicht alle so wie Du."
Garvis lächelte schüchtern. Karl, der Wachmann für das Parkdeck war ein Bücherwurm. Nicht die interaktiven Lesechips oder die Trideo-Dokus, sondern die alten, auf Papier gedruckten Bücher. Er gab den größten Teil seines spärlichen Gehalts für diese Antiquitäten aus. Garvis alias Tony Henderich war in der FE-Abteilung für die Bilanzen und Güterkontrolle tätig und hatte damit eine relativ hohe Stellung inne, zusammen mit Leila Tullman. Er hatte, wenn er länger arbeitete, Karl dabei gesehen, wie er während seiner Schicht die alten Schinken las. Vor einiger Zeit hatte er ihm alte Bücher geliehen, die er, wie er sagte, bei einem Antiquitätenladen für Bücher erstanden hatte. Karl war unglaublich dankbar gewesen ob dieser Geste. Als einfacher Angestellter der Sicherheit war er es nicht gewohnt, daß ihn Execs so freundlich behandelten, ihm sogar gestatteten, so unverbindlich mit ihm zu reden oder gar ihre Bücher liehen. Es kann nie schaden, auch an solchen Stellen Freunde zu haben...
Karls Gesicht wurde von einem rotleuchtenden Licht in einen dämonischen Schatten getaucht. Seine gerunzelte Stirn verstärkte den Eindruck noch. "Das ist seltsam.", meinte er zu Garvis. "Die ID ist ungültig."
"Was?"
"Hier steht es," meinte Karl und zeigte auf den Monitor. Garvis konnte den Monitor nicht sehen und Karl durfte ihm den Bildschirm normalerweise nicht zeigen. Aber das rötliche Leuchten sagte alles.
"Das kann nicht sein.", meinte Garvis betroffen. "Da muß ein Fehler vorliegen."
"Bestimmt.", überlegte Karl. "Die Daten sagen, daß die ID vor zwei Stunden gesperrt wurde und Du das Gebäude nicht verlassen darfst."
"Verdammt.", murmelte Garvis. Das lief schlechter als gedacht. Das die Sicherheit so schnell reagieren würde, damit hatte er nicht gerechnet. Wenn auch alles andere ein bürokratischer Alptraum war, die interne Sicherheit funktionierte einwandfrei.
Karl zog die Karte aus dem Scanner, der Monitor erlosch augenblicklich. "Sicher haben die hellen Köpfe in der Forschung mal wieder am Computer herum gepfuscht." Er reichte die ID an Garvis zurück. "Ich werde mal anrufen und nach dem Rechten fragen, ist sicher gleich geklärt."
"Nein!", rief Garvis und streckte die Hand aus. "Das ist nicht notwendig, Karl. Mach Dir deswegen keinen Kopf. Ich werde das persönlich klären und einigen Leuten den Kopf waschen. Kannst Du mich erst mal so raus lassen?"
Karl schüttelte den Kopf. "Tut mir Leid, Mister, ich muß sie leider festnehmen." Garvis blieb das Herz stehen, bis Karl plötzlich loslachte. "War nur ein Scherz, Tony. Klar lasse ich Dich erst mal raus. Dann mußt Du aber nachher ein gutes Wort für mich einlegen. Die da Oben möchten nachher sicher wissen, warum ich das nicht gemeldet habe."
Garvis winkte ab. "Ich regele das schon. Du bekommst deswegen keinen Ärger."
Karl hob den Daumen und grinste. "Bist´n echter Kumpel."
"Ist Doch Ehrensache.", lächelte Garvis warm und ging kopfschüttelnd zu seinem Auto manche Leute haben einen unangebrachten Humor.
Auf halbem Wege blieb er stehen, drehte sich wieder um und fluchte dabei. Warum tat er das? Er brachte sich damit nur unnötig in Gefahr. Scheiß auf Loyalität. Sie hatte es eigentlich nicht verdient.
Er klopfte abermals gegen die Scheibe und Karl schaute verwundert auf. "Ich hab völlig vergessen zu erwähnen, daß ich meine Kollegin erwarte. Könntest Du sie bitte raus lassen, falls sie hier auftauchen sollte? Ich warte draußen mit dem Wagen auf sie."
Karl grinste bis über beide Ohren. "Klar Doch. Alles klar. Braucht ihr wirklich nur eine Stunde?"
Garvis verstand erst nicht. Dann fiel ihm ein, daß seine "Affäre" zu Leila den meisten bekannt war.
"Naja, sagen wir lieber Zwei Stunden.", antwortete er und beugte sich ein wenig vor. "Ich lege gern nach, weißt Du"
Karl lachte dreckig. "N´echter Feger, was? Egal, meine Lippen sind versiegelt."
Garvis nickte dankbar und hastete zurück zu seinem Wagen.
Als er den Motor anließ und zum Rolltor fuhr, piepte der Scanner an der Schranke. Garvis Herz schlug bis zum Hals.
Aber es gab kein Alarm. Statt dessen öffnete sich das Tor und die Schranke hob sich. Danke Karl, murmelte Garvis im Geiste, ich hoffe, Du bekommst wegen Deiner Leichtgläubigkeit nicht allzu großen Ärger.
Er fuhr langsam an und hielt sich auch außerhalb des Geländes noch an die Richtgeschwindigkeit, mit leichter Überhöhung. Ein Auto, daß sich zu dieser Zeit an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt war ebenso verdächtig wie eines, daß zu schnell oder zu langsam fuhr.
Am Ende der breiten Einfahrtsstraße, die das Ende des Fuchigeländes markierte und direkt neben dem Einkaufszentrum mündete, standen zwei Sicherheitsbeamten von Fuchi, in leichter Panzerung gekleidet, jeder ein chromfarbenes Sturmgewehr geschultert und Helmen, auf denen das Fuchi-Logo prangte. Garvis beachtete die beiden nicht. Er kannte sie nicht und alles andere wäre auffällig gewesen.
Er fuhr um die Einfahrt des Einkaufszentrum herum, aus dem Sichtbereich der beiden Wachen und hielt dort an. Leila hatte noch Drei Minuten. Er glaubte nicht, daß sie es schaffen würde.
Tatsächlich kam sie, keine Minute vor Ablauf der Frist, um die Ecke gelaufen. In der einen Hand hatte sie eine Tasche, in der anderen eine Waffe.
Garvis blinkte kurz mit den Scheinwerfern. Damit machte er für jeden hier auf sich Aufmerksam, aber jetzt war keine Zeit für Heimlichkeiten. Hinter ihr her lief einer der beiden Wachen, das Sturmgewehr im Anschlag und wild rufend.
Garvis öffnete beide Türen und zog die Secura aus dem Halfter. Er ging hinter der Fahrertür in Deckung und nahm die Wache ins Visier. Was mache ich hier eigentlich, fragte er sich. Ich riskiere mein Leben für diese Dilettantin und das des Wachmanns auch.
Wenn ich es nicht tue, wird sie dafür erschossen, ging es ihm durch den Kopf. Er war kein Mörder, so oder so, war er es nicht.
Die Wache blieb stehen und legte das Gewehr für einen sicheren Schuß an. Garvis zog den Abzug durch, gleichzeitig mit dem Sicherheitsbeamten. Drei Schuß trafen ihn an der Schulter, auf der Brust und am Oberarm. Die Wache viel nach hinten und feuerte eine Salve in die Luft. Garvis sah mit Erleichterung, daß die gepanzerte Gestalt sich auf dem Boden noch regte und versuchte, sich auf die Seite zu rollen um wieder auf die Beine zu kommen. Auf diese Entfernung konnte er den leichten Sicheheitspanzer der Wache nicht durchdringen, sie aber mit der Trefferwucht wenigstens betäuben.
Garvis schaute zu Leila. Sie lief nicht mehr, sondern stolperte mehr zu dem Wagen. Ihre Tasche hatte sie fallen gelassen und hielt sich mit der Hand ihre Seite.
Sie kam schwer atmend beim Wagen an und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. "Nichts wie weg hier.", keuchte sie.
Garvis schwang sich auf den Fahrersitz und fuhr mit quietschenden Reifen an. Die Türen fielen durch die Beschleunigung zu. Er fuhr an der Wache vorbei, die sich mittlerweile wieder aufgerappelt hatte und mit dem Gewehr ungezielte Salven dem Auto hinterher jagte.
Erst, als sie weit genug von der Fuchi Arkologie entfernt waren, programmierte Garvis einen Kurs ein und überließ dem Spatzenhirn das Fahren. Er drehte sich zu Leila um. Sie blutete stark.
"Schmerzt es sehr?", fragte er, während er unter dem Rücksitz das Medikit hervor holte.
Sie keuchte, als sie versuchte, unter ihrem schmerzverzerrten Gesicht zu lachen. "Ist kaum zu spüren."
Garvis sagte nichts weiter. Er entnahm dem Kit ein Messer und schnitt Leilas Lederjacke auf.
Wenn er der Wunde zu nahe kam oder das Leder zu straff zog, biß sie die Zähne zusammen und stöhnte vor Schmerzen. Er nahm ein Neoskopolaminpflaster aus dem Koffer und wollte ihn ihr auf den Nacken kleben, aber sie hielt kraftlos seinen Arm fest.
"Nein.", hauchte sie mühsam. "Ich will bei Bewußtsein bleiben. Ich brauche klare Sinne, wenn wir hier raus kommen wollen."
Garvis wollte was gemeines erwidern. An ihren klaren Sinnen hatte er schon gezweifelt, als er sie das erste mal in dem Lagerhaus getroffen hatte. Aber er unterdrückte seinen Ärger.
"Du brauchst ein Krankenhaus und Drei Liter Blut.", sagte er statt dessen. "In Deinem Zustand bist Du keine Hilfe mehr.
Ich schaffe uns beide hier raus." Damit klebte er ihr das Pflaster auf den Nacken. Nur wenige Augenblicke später beruhigte sich ihre Atmung ein wenig und ihr Blick wurde leicht glasig.
Garvis tupfte das Blut mit einem Tuch ab und versuchte, die Wunde mit einem Spray zu versiegeln, damit die Blutung wenigstens ein wenig gestillt wird. Ein Druckpflaster klebte er ihr auf den Rücken - die Kugel war ein glatter Durchschuß. Sie schrie trotz des Neoskopolamins beinahe auf, als er sie drehte, um an den Rücken zu kommen.
"Ich kann Dich hier nicht versorgen.", sagte er zu ihr. "Ferris wird uns so schnell nicht holen können. Ich habe ihm die Daten über unseren Zielort geschickt. Wir können nur auf das beste hoffen."
Er schloß die Sonden des Medikits an Leilas Haut an und gab die Informationen ein, die der Computer verlangte.
Garvis atmete erleichtert auf, als das Medikit ihm meldete, daß sie keine inneren Blutungen hatte. Die Kugel war oberhalb der Hüfte eingedrungen und hatte den Muskel glatt durchschlagen. Leila hatte einiges an Blut verloren, würde es aber schaffen. Sie mußte nur bei Bewußtsein bleiben, bis sie abgeholt wurden.
Garvis drückte auf den Knopf zur Bestätigung der Diagnose und der Medikit pumpte seinen Cocktail von Medikamenten in Leilas Körper. Stimulanzien waren auch dabei. Sie würde also wach bleiben.
Der Autopilot piepte und hielt den Wagen an. Sie waren angekommen.
So behutsam es ging, hob er Leila aus dem Auto. Sie versuchte ihn wegzuschubsen mit der Begründung, sie konnte selber gehen. Aber sie hielt sich nur mühsam auf den Beinen, größtenteils wegen der Energetika, die das Medikit in ihre Venen gepumpt hatte. Garvis legte sie auf den Boden und ging zurück zum Wagen. Er nahm sein Tasche und die Waffen heraus, auch das Medikit. Vielleicht brauchten sie es später noch einmal.
Dann löste er die Handbremse und schob den Wagen in die Leine und wartete, bis er blubbernd versunken war.
Wehmütig schaute er hinterher. Das war ein brandneuer Saab Dynamit 776TI, mattschwarz und mit allen Extras.
Naja, dachte Garvis, er war von Fuchi und den hätte er bestimmt nicht behalten können.
Aus seiner Tasche holte er sein Diebeswerkzeug und den Magschloßknacker - für alle Fälle - und ging zu dem dunkelblauen Ford Americar, der neben einigen anderen Autos auf dem Parkstreifen stand.
Zu seinem Glück hatte das Auto kein ausgeklügeltes Diebstahlsystem, nicht mal elektronische Sicherheitsmaßnahmen.
Er knackte das Auto und brachte Leila zum Beifahrersitz. "Machen wir die Schweine fertig!", röchelte sie.
Garvis sah sie erstaunt an. Was hatte das Medikit ihr nur alles in den Körper gepumpt? "Wir machen nichts dergleichen.", sagte er zu ihr. "Wir fahren zu einem ruhigen, sicheren Ort und warten auf Ferris.
"Will kämpfen.", brabbelte sie.
"Du hast schon genug Schaden angerichtet." Meinte Garvis ärgerlich. "Gib Ruhe und bleibe einfach wach, OK?"
Danach war sie still und sank auf dem Beifahrersitz zusammen.
Garvis schloß den Wagen kurz und fuhr los. Der weg war nicht sehr weit, aber er fuhr einen kleinen Umweg, nur um sicher zu gehen.
Die kleine Kneipe, bei der sie ankamen, gehörte nicht zu seinen Stammlokalen, aber im Moment war das nur von Vorteil. Er parkte den Wagen um die Ecke und ging zu Krunsch, dem Türsteher. Der Troll nickte ihm zu und ging in das Lokal, nachdem Garvis ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Ein wenig später kam er wieder hinaus und überreichte Garvis einen Schlüssel.
Der Elf lief zurück zum Wagen und fuhr in um das Lokal herum. Hinten war ein kleiner Hof und die Lieferanteneinfahrt. Außerdem war dort ein kleines Hinterzimmer. Mann konnte es auch durch die Bar erreichen, aber er lief ungern mit einer angeschossenen Frau durch eine gut besuchte Kneipe. In dem Zimmer erwartete ihn schon Jann, der Besitzer der Kneipe. "Hoi, Chummer. In welchen Drek hast Du Dich diesmal geritten?"
Garvis zeigte auf Leila, die sich auf unsicheren Beinen zu dem kleinen Bett schleppte und sich dann, eine Hand noch immer auf die Wunde gepreßt, vorsichtig auf das Bett legte. "Sie ist schuld an der Sache. Ich versuche nur, unser beider Leben zu retten."
Jann wiegte den Kopf und musterte die schwarzhaarige Frau. Üppig gebaut, volle Lippen und dunkle Augen. Sein Typ, wäre sie nicht eine Konzernschnalle. "Knall sie ab.", meinte er trocken, "Dann bist Du den Ärger los. Ich ruf auch Marek an und laß ihn die Leiche entsorgen."
Garvis schüttelte den Kopf. "Ich fahr erst mal den Wagen weg. Bin in Zehn Minuten wieder da. Wenn Du meinst, es wäre klüger, dann erledige sie von mir aus."
"Geht klar, Chummer.", grinste der Ork und schielte auf die Schreckensbleiche Frau. "Garvis...", stammelte sie.
Der Ork schritt auf Leila zu und lachte schallend. "Ist nur´n Scherz, Schnalle. Niemand wird in meinem Lokal gegeekt.
Erst recht nicht, wenn sie Freunde von meinem Kumpel hier sind."
Leila entspannte sich und warf Garvis einen wütenden Blick zu.
"Hat jemand für mich angerufen?", fragte er, ohne auf Leila einzugehen.
Der Ork schüttelte den Kopf. "Niemand, Omae. Erwartest Du denn einen Anruf?"
Garvis fluchte. "Eigentlich schon. Müßte in der nächsten Stunde kommen."
"Ich werde Dich benachrichtigen, wenn was für Dich kommt.", sagte Jann. "Aber das nächste mal sag mir vorher Bescheid, wenn Du meine Nummer weitergibst, So Ka?"
"Hab ich nicht, Chummer. Du kennst ihn."
Der Ork zeigte seine flache Hand. "Sahne. Bring' den Wagen weg, ich kümmere mich derzeit um Deine Freundin hier."
"Danke. Ich schulde Dir was."
Jann winkte ab. "De Nada. Ich bin noch in Deiner Schuld, Omae. Und das vergesse ich nicht."

"Garvis?"
Der Elf nahm einen Schluck von seiner NukeCoke und sah zu Leila herüber. "Meinst Du, ich bin wirklich Schuld daran, daß wir aufgeflogen sind?"
"Natürlich.", entgegnete er trocken und würgte den letzten Bissen seines Soyburgers hinunter. Es war kaum vorstellbar, daß er diese Dinger früher so gern gegessen hatte. Das Konzernleben machte ihn weich und gemütlich.
"Warum?"
Garvis stand auf und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Seine Cola nahm er mit.
"Hatte ich das nicht schon gesagt? Da wäre zum einem das Treffen. So was macht man nicht. Steht in jedem Protokoll. Selbst, als ich noch auf der Straße gearbeitet habe, kannte ich meine Kontakte erst, wenn ich sie das erste mal getroffen habe. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Sachen sich einige Schieber und die Syndikate einfallen lassen, nur um Dir die Informationen zu übermitteln, die Du dafür brauchst. Da könnten einige Konzerne noch was von lernen."
"Du hast es doch sicher Hartmann erzählt und es dem allgemeinen Protokoll zugefügt."
Garvis schüttelte energisch den Kopf. "Ich bin doch nicht blöd. Dann gäbe es in den Schatten bald gar keine Geheimnisse mehr. Abgesehen davon habe ich nicht vor, ewig bei dem Laden zu bleiben. Aber das bleibt unter uns." Leila nickte und blinzelte. "Was noch?"
"Was meinst Du?"
"Was habe ich noch falsch gemacht?"
"Die Idee mit dem Paar. Das hätte Hartmann auch wissen müssen. Affären unter Angestellten, auch in der gleichen Abteilung sind immer ein Grund für die interne Sicherheit, ein Auge darauf zu werfen. Und besonders dann, wenn die beiden neue Angestellte sind. Fuchi ist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Renraku und die Azzies sind vielleicht noch die einzigen anderen Megakons, die dermaßen Paranoid sind. Du hättest Dich mehr mit der Konzernpolitik befassen sollen. Fuchi wird von drei verschiedenen Parteien geleitet, und die führen ständig einen kalten Krieg gegeneinander. Das sind Dinge, die man bedenken muß, wenn man solch eine Mission startet. Aber ich glaube mittlerweile, daß das ganze von Deinem Konzern ausging und Hartmann die Hände gebunden waren. Er hätte all das niemals zugelassen. Glücklich schien er mir mit der ganzen Sache sowieso nicht zu sein.
Die Tatsache ist, daß Du uns beide in jeder Beziehung immer wieder exponiert hast. Ich hatte alle Hände voll zu tun, alles zu verschleiern, aber Du hast mir mit Deinen unbedachten Aktionen immer wieder die Hände gebunden."
Leila schwieg dazu. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt sich die Hand noch immer auf die Wunde. Bei all den Chemikalien, die in ihrem Körper rotierten, müßte sie eigentlich keine Schmerzen mehr haben. Aber der Blutverlust hatte sie ziemlich geschwächt.
"Erzähl mir, wie es vor dem Konzern war.", flüsterte sie.
Garvis stellte die Coke auf den Tisch und rückte mit dem Stuhl näher. "Wie bitte?"
"Wie bist Du zu dem Konzern gekommen? Was hast Du vorher gemacht?", wiederholte Leila. "Du bist ein Elf. Ich kenne Deine Akte, Deine beiden Eltern waren Menschen. Wie bist Du zu dem geworden, was Du bist?" Sie öffnete die Augen und sah ihn an.
Er starrte irritiert in ihr Gesicht. "Warum interessiert Dich das gerade jetzt?", fragte er ungläubig. "Von der Tatsache mal abgesehen, daß ich nicht wüßte, was Dich das angeht."
"Meine beiden Eltern waren Elfen.", erklärte Leila. "Sie haben mich weggegeben, als ich noch ein Baby war. Sie wollten nach Tir Tairngire auswandern, als dieses große Umsiedlungsprogramm gestartet wurde und waren der Ansicht, daß ein Norm-Kind für sie ein Nachteil oder ein Hindernis sein könnte." Das Wort "Hindernis spuckte sie regelrecht aus. "Ich wuchs in einem Kinderheim auf und hatte das Glück, von einer Familie adoptiert zu werden, die zu dem Konzern gehört, für den ich jetzt arbeite. Du scheinst mir kein Mensch zu sein, der vom Rassenhaß sonderlich betroffen war, obwohl Du auf der Straße gelebt hast." Leila schloß die Augen und atmete flach. "Ich schlaf hier gleich ein. Die ganzen Drogen hauen mich echt nieder. Erzähl mir einfach was von Dir, damit ich wach bleibe."
"Was für ein Grund.", murmelte Garvis.

Elfen haben es längst nicht so schwer wie die anderen Metamenschen. Meine Eltern waren beide Norms.
Sie arbeiteten für einen Medienkonzern und der Druck war entsprechend groß, als man dort erfuhr, daß ihr einziges Kind ein Elf war. Zwar hatte man dort nicht generell was gegen Metas, aber es war wichtig, ein perfektes Image vor der Öffentlichkeit zu wahren.
Meine Eltern liebten mich und blieben stur. Ich denke, es lag letztendlich daran, daß sie für den Konzern so wertvolle Gesichter waren. Beide waren Starreporter. Mein Vater in den Nachrichtensendungen und meine Mutter war Reporterin vor Ort. Sie schickten mich auf eine allgemeine Schule. Metamenschen gab es dort nicht viele, aber wenn, dann waren die Klassen gemischt. Ich war früher furchtbar dünn und meine Ohren wurden immer sehr schnell rot, wenn ich verlegen wurde. Das brachte mir einige Spitznamen ein. Aber ich habe immer darüber gelacht. Mir viel es nie schwer, die Sympathien der anderen für mich zu gewinnen, das war schon früher so. In meiner Klasse mochte mich jeder. Von den Jungs mal abgesehen, die waren ziemlich eifersüchtig, weil ich bei den Mädchen so gut ankam.
Meine Eltern hatten einen Unfall. Auf einer Schnellstraße nach Münster hatten sich einige Gangs um einen dieser automatischen Schwertransporter geprügelt und es kam zu einem Feuergefecht. Ein unglücklicher Schuß traf das Cockpit und legte irgendwie das Spatzenhirn lahm. Der Robolaster raste über die Leitplanke auf die Gegenspur. Fünfundzwanzig Menschen kamen dabei um, darunter auch meine Eltern.
Danach kam ich in ein Internat.
Mein einziger Verwandter, der noch lebte, war mein Onkel. Irgend so ein hohes Tier bei einer japanischen Fluggesellschaft. Er hatte keine Lust, sich mit einem Metamenschlichen Kind abzuplagen. Er zahlte einem Internat eine hohe Summe im Voraus, damit sie mich dort annahmen und er seine Sorgen mit mir los war.
Das Internat war schrecklich. Die Klassen wurden nach Metarassen getrennt. Wir hatten nur wenig Kontakt zu den anderen. Norms und Metas durften sich auch auf dem Pausenhof nicht treffen.
Ich hatte meine Schwierigkeiten, mich dort anzupassen, nicht weil ich es nicht konnte, sondern weil ich es nicht wollte.
Nach einer Affäre mit einer der Lehrerinnen wollte man mich eigentlich rauswerfen. Aber man hatte das Geld meines Onkels und das war anscheinend nicht wenig. Also begnügte man sich lediglich mit Disziplinarmaßnahmen und der Kündigung der Lehrerin.
Ich hatte irgendwann einfach die Nase voll und haute ab. Ich glaube, die waren dort alle froh darüber. Mein Onkel würde sich dort sowieso nicht melden, um sich nach mir zu erkundigen.
Von da an lebte ich auf der Straße.
Es mag komisch klingen. Viele Menschen sind verbittert und würden ihre Gliedmaßen dafür hergeben, um aus den Schatten heraus zu kommen, aber mir gefiel es dort. Ich war gerade mal sechzehn, konnte dort aber machen, was ich wollte. Die Freiheit, glaube ich, war es die mich daran so reizte. Ich war mein eigener Herr und niemand konnte mir sagen, was ich zu tun hatte und was nicht.
Mein Talent, sich überall zurecht zu finden und mit jedem klar zu kommen, war wie Magie. Ich kam mit den Triaden in Kontakt und mit einigen anderen Schieberringen. Zuerst machte ich kleine Einbrüche und Diebstahl, später, als ich mehr und mehr für einige Syndikate und Schieber arbeitete, war ich als Kurier und Schmuggler tätig.
Ich glaube, ich kenne jeden Fleck in Nord- und Mitteldeutschland und jeden Grenzsoldaten mit Namen.
Ich hatte nie Probleme, Arbeit zu finden. Ich kam in Gebäude rein, ohne viel Technik benutzen zu müssen und ich kam aus Ärger raus, ohne eine Knarre zu ziehen. Das sprach sich natürlich herum. Einige Schieber vermittelten mich an Johnsons und ich machte kleinere Aufträge für Konzerne. Besonders für Spionage oder Sabotage wurde ich gerne engagiert. Aber meistens arbeitete ich für die Triaden oder für irgendwelche Schieber. Das beste an diesem Leben war, daß ich mir die Jobs aussuchen konnte und den Preis selber bestimmen.
Dann wollte ich das Ding bei NeTec durchziehen. Hätte mir eine Menge Ecu eingebracht, aber es ging gründlich in die Hose. Ich wurde entdeckt und festgenommen.
Anscheinend war ich dort auch kein unbeschriebenes Blatt mehr, denn man bot mir an, für den Konzern zu arbeiten. Ein Angebot, daß ich derzeit kaum ausschlagen konnte, wenn Du verstehst, was ich meine.
Es hat seine Vorteile. Ich bekomme ein unverschämtes Gehalt, Spesen noch dazu, alles, was ich an Ausrüstung benötige, eine nette Wohnung und ein Auto.
Nur die ganzen Vorschriften und Protokolle nerven mich. Wenn ich Dinge auf meine Art erledigen will, bekomme ich manchmal eins auf die Finger, ganz gleich, ob das Ergebnis gut war. Und dann sind da natürlich auch die Jobs, die man nicht machen will. Aber das kann ich mir kaum aussuchen.
Letztendlich tendiere ich zu der Meinung, daß es auf den Straßen besser war. Zumindest für mich.
Rassenprobleme? Die hatte ich tatsächlich nicht. Oder zumindest kaum. Es gab einige Gangs, die Elfen nicht ausstehen konnten und viele Konzerne halten sich lieber an Norms. Die Tiraden sind da ein wenig toleranter, aber wahrscheinlich nur, weil ich nicht zu ihnen gehöre, sondern eher ein freier Mitarbeiter bin.
Ich sehe ziemlich gut aus, sogar für einen Elf. Das ist mir durchaus bewußt. Und das alleine ist schon ein Vorteil für sich. Aber meine Fähigkeiten, sich bei jedem einzuschleimen und sich überall wie zu hause zu fühlen, machen mich wohl zu dem, was ich bin. Probleme hatte ich eigentlich nie.

Garvis sah zu Leila. Sie lächelte schwach und die Augen waren halb geöffnet. "Nette Geschichte.", sagte sie lediglich.
"Wenn sie mal wahr ist."
Er zuckte mit den Schultern. "Du wolltest, daß ich sie erzähle. Warum sollte ich lügen? Ist Dein Ding, ob du sie glaubst oder nicht."
"Ich glaube sie." Leila richtete sich ein wenig auf. Sie verzog dabei das Gesicht.
"Brauchst Du noch ein Patch?", fragte Garvis.
Sie schüttelte den Kopf. "Noch mehr Drogen und ich hebe ab. Deine Eltern..."
"Was ist mit denen?"
Leila sah ihn an. "Vermißt Du sie?"
Garvis zuckte mit den Schultern. "Manchmal. Seltsamerweise oft dann, wenn ich die Nachrichten sehe. Aber das ist lange her. Sie hatten eine stärkere Bindung zu mir als ich zu ihnen, obwohl sie mich geliebt haben."
"Ist das nicht ein generelles Problem?"
"Mit den Eltern? Weiß ich nicht. Viele Familien, die ich kenne...."
Leila unterbrach ihn. "Ich meinte das mit der Bindung zu anderen Menschen. Garvis, Du bist das, was man umgangssprachlich ein Chamäleon nennt. Du kannst alles sein und jeder. Ob Du eine Frau liebst oder einen Mann, ob Elfe oder Orkfrau. Wenn Du was erreichen willst, kannst Du jeden glauben machen, daß die Person Dir was wert ist."
"Willst Du damit sagen, daß ich zu wahren Gefühlen nicht fähig bin?", raunte Garvis. "Das ist Schwachsinn!"
"Wie war es mit mir?", wollte Leila wissen. "Als ich Dir sagte, daß wir ein Paar werden, hast Du weder gezögert noch warst Du jemals abweisend zu mir. Manchmal war ich mir wirklich nicht sicher, ob Du Dich nicht in mich verliebt hast."
"Vielleicht war es so.", stellte Garvis in den Raum. "Ist das wichtig? Für uns beide war klar, daß wir uns nach dem Auftrag wohl niemals wiedersehen werden. Was für Gefühle ich entwickle oder wie ich welche rüberbringe, ist alleine wichtig für das Ziel. Dessen waren wir uns beide klar."
"Genau das meinte ich ja. Du bist ein so guter Schauspieler, daß man Dir Deine Rolle auf jeden Fall abnimmt.
Die Frage ist ja nicht nur, wie weit man Deinen Gefühlen traut oder wie sehr man sich auf Dich einläßt, wenn man das über Dich weiß, weil man sich nie sicher sein kann, ob es echt ist oder nur eine Rolle, die Du perfekt spielst.
Aber Schauspieler leben sich in ihre Rolle ein. Es gibt sogar manchmal welche, die aus ihrer Rolle nicht mehr herauskommen, weil sie ihnen anhaftet und weil sie selber glauben, sie wären der, den sie spielen. Denk nur an Conan, den Orkbarbar. Der ist zum Schluß auch abgetickt. Du kannst mir nicht erzählen, daß Du Dich niemals gefragt hast, ob das, was Du empfindest oder was Du vorgibst zu sein, echt ist oder nur gespielt.
Verlierst Du nie den Überblick? Hast Du dich noch nie in irgendwelche Gefühle hineingesteigert, die eigentlich gar nicht da waren?"
Garvis winkte ab. "Meinst Du, das passiert anderen Menschen nicht? Sieh mal, meine Fähigkeit begründet sich nicht nur in der Tatsache, daß ich nicht nur jeder sein kann, der ich sein will und jeden Menschen Gefühle so echt rüberbringen kann, daß mir vollends vertraut, sondern auch, daß ich mir immer bewußt bin, wann ich eine Rolle spiele und wann nicht. Wenn Du denkst, ich weiß nicht mehr, wer ich wirklich bin, dann hast Du Dich geirrt.
Es gibt eine Menge Menschen, denen ich nichts vorspiele. Die Gefühle sind echt und das wissen die auch. So was nennt man Freunde."
Leila sah ihn durchdringend an. Garvis bemerkte ärgerlich, wie seine Ohren rot wurden.
Sie legte sich wieder hin und verschränkte die eine Hand hinter ihrem Kopf, die andere legte sie fast schon in Gewohnheit auf ihre Wunde. "Wie war es bei uns?"
"Was meinst Du damit? Es war ein Auftrag."
"Hat es Dir keine Freude gemacht, mit mir zu schlafen? Hast Du nichts für mich empfunden?"
"Wie war es denn bei Dir? Ich könnte das ebenso fragen."
"Vielleicht....vielleicht hatte ich solche Probleme, unsere Tarnung zu bewahren, weil ich meine Gefühle nicht spielen konnte.", flüsterte sie heiser.