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Konzept XXL

 

Kaltes Neonlicht spiegelt sich auf weißen Kacheln wieder und leuchtet jede Ecke des drei auf zwei Meter großen Raumes aus. Die Luft riecht schwach nach Desinfektionsmitteln und abgesehen von dem leisen Summen und Piepen der Maschinen ist es ruhig. Der Mann liegt auf einer Liege in der Mitte des Raumes. Er ist nackt und nur das langsamen Heben und Senken seines Brustkorbes zeigt an, dass er lebendig ist. Seine Augen sind geschlossen und seine Gesichtszüge entspannt. Der Mann ist fast zwei Meter groß, seine hellblonden Haare fast bis auf die Kopfhaut kurzgeschoren. Seine Muskeln zu wohlgeformt, zu modellgetreu um echt sein zu können. Die frisch genähten Schusswunden in Schulter, Armen und Beinen heben sich leicht rot glänzend von der gebräunten Haut ab und reihen sich ein in die Unzahl anderer kleinerer und größerer Narben. Elektroden, Kabel und Kanülen führen von seinem Körper zu den piependen, summenden Maschinen an der Wand. Ein feiner hoher Ton erklingt und ein Gefäß mit purpurner durchsichtiger Flüssigkeit beginnt sich leise gurgelnd zu entleeren. Die Flüssigkeit läuft durch die Kanüle und verschwindet in seinem Arm...


..."Angeschossen. Ich bin angeschossen worden. Nicht das erste und wohl auch nicht das letzte mal. Aber es ist nichts wichtiges, nichts teures getroffen worden. Seltsam, dass mich das so kalt lässt. Das erste mal hatte ich Angst. Ich kann mich daran erinnern wie es war Angst zu haben. Heute ist alles anders. Heute weiß ich was das grelle Licht zu bedeuten hat, dass durch meine Lieder scheint. Es blendet mich nicht und es ist nicht das erste mal, dass ich es sehe. Es gibt nur einen Ort mit solchem Licht. Nur Krankenhäuser beleuchten Zimmer in denen man erwacht auf diese Art und Weise. Ich werde bald wach sein. Wie bin ich hier her gekommen oder warum ist es so normal, so gewöhnlich für mich hier zu sein? Ich bin angeschossen worden. Warum stört mich das nicht mehr?
Ich spüre wie das Gefühl in meinen Körper zurückkehrt. Wenn auch nur dort wo mein Körper noch mein Körper ist. Der Rest fühlt sich immer noch kalt an. Fühlt es sich nicht immer so an? Bemerke ich es sonst nur nicht mehr? Will ich es nicht mehr bemerken? Bemerken wie substanzlos mein Körper geworden ist. Wie viel ich schon wegschneiden, abschneiden lassen habe. Ein kümmerlicher Rest Mensch, gefangen in einem kleinen bisschen Rest Fleisch, umgeben von tödlich effektiven Stahl. Wann wurde aus dem maschinell verbesserten Menschen eine restmenschliche Maschine? Wo war die Grenze?
Seltsam, solche Gedanken habe ich nicht mehr. Solche Dinge denke ich nicht mehr. Ich sehne mich auch nicht mehr nach der sanften Berührung eines anderen Menschens. Könnte eine solche Berührung mich überhaupt noch erreichen? Könnte sie die Dermalpanzerung durchdringen? Die vielen Schichten aus Kunststoffen und Chrom? Könnte sie Leben, Wärme, in Drähte, Schläuche und Motoren bringen? Wie lange ist es her, dass jemand mit mir gesprochen hat? Und könnte ich es überhaupt noch hören, es noch wahrnehmen? Jedes Geräusch kann registriert werden. Jedes kann verstärkt, gefiltert und aufgezeichnet werden. Aber kann ich noch hören? Meine Augen nehmen Infrarot und Wärme wahr. Sie können den kleinsten funken Licht verwenden um die Nacht zum Tag zu machen. Aber kann ich noch sehen? Wann habe ich mich das letzte mal alleine gefühlt? Wie lange bin ich schon alleine? Wollte ich nicht so sein? So hart. Man muss hart sein wenn man aufwächst wie ich aufgewachsen bin. Auf den Straßen sind deine Eingeweide weit mehr wert als dein Leben. Deine Innereien kann man verkaufen. Dein Leben kannst du nur selbst verkaufen. So teuer wie möglich. Wenn sich ein kleines Kind weinend und hungrig hinter Mülltonnen versteckt, zugesehen hat wie andere, andere Kinder, bei lebendigem Leib ausgeschlachtet werden, alles entrissen bekommen was an ihnen wertvoll gewesen ist und es ihr Blut frei über die Straßen rinnen sieht, dann will es nicht mehr zu den Schwachen gehören. Wenn es die Polizei ist, die deine Freunde tötet, dann weißt du, dass du dir nur selbst helfen kannst. All das schmerzt mich nicht mehr. Es ist nur Erinnerung an Schmerz. Ich bin unerreichbar für den Schmerz. Ich bin nur noch eine Erinnerung. War es das was ich wollte? Ich weiß, dass dieser Moment des mir selbst bewusst seins flüchtig ist. Ich bin wach und ein Gedanke, ein Befehl, dann setze ich mich in Bewegung. Elektrische Impulse werden ausgesandt, laufen durch Drähte, befehlen mir. Unaufhaltsam, doch mit welchem Ziel? Einen Moment noch will ich still liegen...


...Der Mann öffnet die Augen. Einen Moment sieht er starr und ohne zu blinzeln in das helle Neonlicht. Dann spannen sich die Muskeln und mit einer fließenden Bewegung setzt er sich auf. Langsam zieht er die Schläuche aus seinem Körper und löst die Elektroden von seiner Haut. Die Maschinen piepsen in kurzem Protest auf und verstummen. Wie um einen unangenehmen Gedanken zu vertreiben schüttelt der Mann leicht den Kopf und beginnt zu lächeln. Es ist kein warmes Lächeln. Der Mann streckt sich und greift nach einem hellgrünen Umhang der auf einem kleinen Schemel neben seinem Bett liegt. Nachdem er sich angezogen hat geht er mit ruhigen gleichmäßigen Schritten zur Tür. Jeder Schritt ist exakt so groß wie der Vorhergehende. Er drückt einen kleinen roten Knopf um den Arzt zu rufen, steht vollkommen ruhig da und wartet. Es wird Zeit, dass er wieder nach draußen kommt. Es gilt eine Rechnung zu begleichen. Niemand schießt auf diesen Mann und kommt einfach so davon. Immer noch lächelnd steht der Mann an der Tür. Seine Augen haben noch nicht ein einziges mal geblinzelt.



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