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Valentine

von
 
 
Sie sind in der Arkologie geboren?", fragte Winter.
Der Junge Mann nickte nur.
Die Frage war rhetorischer Natur. Alle Angaben, die der Personalchef wissen mußte, leuchteten vor ihm auf dem Display, daß im Schreibtisch eingelassen war.
Herr Winter, der Personalchef für die Abteilung Personalschutz, betrachtete den jungen Mann eingehend.
"Herr Valentine,", sagte Winter und hob den Kopf. "Sie waren schon im Sicherheitsbereich tätig?". Wieder ein nicken.
Die Augenbrauen huschten nach oben und der Blick des Personalchefs bekam etwas nachdenkliches.
Der Neue, der ihm geschickt wurde, entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen. Er war zu schmächtig. Zwar groß und ein wenig athletisch sogar, aber er machte den Eindruck, bei dem Knall einer Waffe das Weite zu suchen, geschweige denn eine eigene zu führen.
In seinen Akten allerdings stand, daß er eine Ausbildung an der Waffe genossen hatte.
Winter war immer der Meinung gewesen, daß ein Bodyguard ein großer breiter Mann sein sollte, mit der Konstitution eines Bären, der Kraft eines Trolls und den Sinnen eines hungrigen Tigers.
Nur gab es solche Anwerber eher selten. Zumindest, wenn man die perfekte Kombination aus den drei Attributen suchte.
Auf der Straße vielleicht, liefen solche Exemplare herum. Aber diese standen auf der anderen Seite und waren die Subjekte, vor denen Winters Abteilung versuchte, ihre kostbaren Mitarbeiter zu schützen.
Außerdem war der Vorstand nach den tragischen Vorfällen im letzten Jahr der Meinung, daß die Mitarbeiter des Personenschutzes ein etwas subtileres Erscheinungsbild haben sollten, um nicht gleich als das erkannt zu werden, was sie sind. Es hat sich herausgestellt, daß die engagierten Profikiller trotz der übertriebenen Maßnahmen zum Personalschutz auch deswegen so oft erfolgreich waren, weil es ihnen schnell gelang, festzustellen, wer zum Personalschutz gehört, und sie dann zu umgehen oder, wenn nötig, im Vorfeld zu eliminieren. Im letzten Jahr wurden zwei Hochrangige Wissenschaftler auf einer Konferenz samt ihren Bodyguards getötet. Neben einigen Millionen Nuyen und viel Zeit im Forschungs- und Entwicklungsprogramm hätte das Winter beinahe seine Stellung gekostet.
Vor einigen Monaten wurde deswegen ein besonderes Schulungsprogramm aufgestellt, daß Personal aus der Sicherheitsabteilung weiterbilden sollte. Auch sollte vermehrt magisches Personal eingesetzt werden, sogar in den unteren Ebenen. Die aktiven Übergriffe anderer Konzerne durch Shadowrunner ist in den Endphasen der Produktentwicklung besonders immens, stärker noch als in den vorangegangenen Jahren. Deswegen sah sich der Konzern gezwungen, seine Sicherheitsmaßnahmen entsprechend anzupassen.
"Was hat sie dazu bewegt, zum Personenschutz zu wechseln?", fragte Winter.
Steve Valentine zuckte mit den Schultern. "Der Sicherheitsdienst bietet weder große Anforderungen noch Aufstiegsmöglichkeiten. Ich denke, ich habe hier die Chancen, meine Fähigkeiten besser zur Geltung zu bringen."
"Sie sehen also das ganze auch als eine Art Karrieresprungbrett?"
Valentine schüttelte den Kopf. "Nein, so nicht.", erklärte er. "Mir liegt das Wohl der zu beschützenden Person ebenso sehr am Herzen. Ich habe gern mit Menschen zu tun und glaube, für diese Aufgabe gut geeignet zu sein."
"Aha.", nickte Winter und schaute auf die Unterlagen, die auf dem Display flimmerten. Die Testwerte der letzten Eignungsprüfung waren in der Tat nicht schlecht. Steve Valentine scheint ein gutes Auffassungs- und Reaktionsvermögen zu besitzen. Seine Schützenwerte waren ebenfalls sehr gut.
Und, was Winter besonders auffiel: Valentine war höflich, wußte sich in Gegenwart hoher Gesellschaft zu benehmen und konnte sich angenehm im Hintergrund halten.
Trotzdem waren die Werte in seinem Psychoprofil nicht sehr hoch. Die Erklärung ergab sich in der Randbemerkung, daß Valentine Probleme hatte, sich in einem Team einzufügen. Er galt als Einzelgänger und war zurückhaltend und still. Zwar arbeitete er immer mit seinen Teamgefährten zusammen und man konnte sich auf ihn verlassen, aber er schien keinen richtigen Anschluß zu finden. Von selbst ging er selten auf seine Gefährten zu, trotz ihrer Bemühen um seine Person. Aber gerade das waren wohl auch die Gründe, warum man ihn für das Förderungsprogramm vorgesehen hatte: Unauffällig, Zurückhaltend, dennoch höflich und mit Vorzeigequalitäten.
Winter kam zu dem Entschluß, diesem Jungen Mann eine Chance zu geben.
"Also gut, Herr Valentine.", sagte er schließlich und schaltete das Display aus. "Ich werde sie in den nächsten Tagen benachrichtigen."
Steve nickte. "Vielen Dank."
Beide standen auf. Winter reichte ihm die Hand.
"Einen schönen Tag noch."
"Ja, ihnen auch. Danke nochmals."
Steve Valentine verließ das Büro.
Winter schaute ihm durch die Glastür nach und schüttelte den Kopf. Er hatte noch immer seine Zweifel.

Die schwere Limousine hielt mitten in der Fußgängerzone.
Francis stieg zuerst aus und schaute sich in der Menge um. Dankbar registrierte er, daß die Polizeitruppen der Knight Errants die Menge mit Erfolg zurückhielten. Schranken, Barrikaden und grimmig dreinschauende Wachen in ihren furchteinflößenden Rüstungen standen mit dem Gesicht zu der johlenden Masse und hoben jedesmal drohend die Schockstäbe, wenn sich jemand den Absperrungen zu sehr näherte.
Das Aufgebot an Sicherheitskräften war riesig. Es schien nicht so, als würde es der Menschenmenge gelingen können, sich durch die Barrikaden zu drängen. Mitsuhama hat wieder mal keine Kosten gescheut.
Außerdem war die Vorliebe des Konzerns, sich mit übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen in der Öffentlichkeit zu präsentieren, weitgehend bekannt.
Wie beiläufig berührte Francis sein Revers und aktivierte somit den Microtransceiver.
"Bericht.", forderte er kurz und lächelte weiterhin in die Gesichter der unzähligen Reporter mit ihren Portacams.
Eine Stimme knackte in seinem Ohr. "Die Dächer sind sicher." Das war Joan.
"Auf meiner Seite auch.", meldete Vogners Stimme.
Auch Flieder und Grace bestätigten, daß keine Ungewöhnlichen Aktivitäten in der näheren Umgebung stattfanden.
Francis nickte. "Ihr könnt. Steve", flüsterte er mit seinem aufgesetzten Schmalzlächeln.
Im Wagen bestätigte Steve Valentine die Nachricht mit einem Nicken und wandte sich zu Juliet, dem Jungen Star des Abends.
Ihre Augen leuchteten blau in dem matten Licht der Limousine und ihre roten, glänzenden Lippen umspielte ein verzücktes Lächeln, ein Zeichen auf die Vorfreude über das bevorstehende Mengenbad. Valentine fiel es schwer, sich der Wirkung ihrer Jugendlichen Schönheit zu entziehen. Sie war gerade mal Achtzehn, aber körperlich schon voll entwickelt. Ihr makelloser Körper wurde noch keiner einzigen kosmetischen Verbesserung unterzogen. Genau das machte ihren Reiz aus und genau das war mit der Grund für ihren großen Erfolg.
Steve schüttelte die Gedanken ab und dachte mit einem kalten Gefühl im Magen an seine bevorstehende Aufgabe. Es ist mitunter das Schwierigste, einen Star durch die Massen enthusiastischer Fans zu geleiten. Hier konnte einfach alles passieren!
Das Schlimmste war, wenn die fanatische Menge sich durch die Reihen brach und auf ihr Idol zustürmten. Die Häufigkeit dieser Vorfälle schlugen in der Statistik sogar die Anschläge der psychopathischen Attentäter. Und um es den Bodyguards ja nicht zu einfach zu machen, rissen die Stars meist aus und pflegten die recht ungesunde Art, sich zu weit aus dem Schutzkreis der Wächter zu begeben und die Hände der grölenden Fans zu ergreifen.
Juliet Onassis war so ein Mädchen. Sie hatte sich noch nicht an den plötzlichen Erfolg gewöhnt, die ihr die Produktion der Simsinnserie beschert hatte.
Mitsuhama besaß eine Anzahl von Tochtergesellschaften, die Simsinnserien produzierten und war damit eine der führenden Größen in der Unterhaltungsbranche.
Das neuste Kind von MegaMedia war ein Remake der Serie "Party of Five" aus den späten Neunzigern. Die Produzenten hatten die Idee, das Konzept der Story in die Neuzeit der sechsten Welt zu übertragen. Entgegen der meisten Erwartungen, die Kritiker in Familien- und Jugendserien setzten, schlug der Pilotfilm ein wie eine Kobaltbombe.
Ein Grund für den großen Erfolg war Juliet Onassis, der Jungstar der Serie.
Sie war der Liebling der älteren Zuschauer, das Idol der weiblichen Fans und der Traum aller männlichen pupertierenden Jugendlichen und ihrer Väter, die sich die Serie anschauten.
Valentine konnte sich nur allzu gut vorstellen, warum.
Juliet war einfach entzückend. Sie besaß diese Art von perfektem Körper, für den viele Mädchen in ihrem Alter morden würden und sie hatte eine Art zu lächeln, das die meisten Männer auf dem Planeten wohl dazu veranlaßt hätte, im Kreis zu laufen, sich die Kleider vom Leib zu reißen und den Mond anzuheulen. Und sie war von ihrem Wesen her so natürlich.
Kritiker und Klatschspalten zerrissen sich die Mäuler über diverse Gerüchte, ob und welche Art von Kosmetischen Operationen Juliet sich unterzogen hatte, und wie alt sie wohl wirklich sei.
Daten über ihre Krankenblätter und Personalien wurden von Deckern zu Höchstpreisen an Reporter verkauft.
Juliet Onassis konnte mit dem Erfolg nicht viel anfangen. Sie genoß die Aufmerksamkeit und den Lebensstandard, den er mit sich brachte. Und die frohe und ungebundene Natur ihres Wesens sorgte dafür, daß sie nicht überschnappte.
Aber gerade deswegen kam es vor, daß sie auf Veranstaltungen ausriß und sich ihren Fans zu weit näherte.
Steve seufzte und schüttelte sich, als er daran dachte, was ihm bevorstand.
Er wandte sich Juliet zu und lächelte sie an. "Es geht los.", sagte er mit freundlicher Stimme.
"Toll!", freute sie sich und zeigte ihre weißen Zähne. Ihre Augen bekamen einen feuchten, überschwenglichen Glanz und lösten dieses Stechen in Steve aus.
Versucht, sie nicht zu berühren, beugte er sich über sie und öffnete die Tür der Limousine.
Juliet trat heraus und nahm dankbar lächelnd die Hand von Francis entgegen, der ihr aus dem Wagen half.
Das Geschrei der Menge steigerte sich.
Dann kam Steve heraus und gesellte sich auf die andere Seite von Juliet. Er schenkte der Menge und den Reportern das gleiche schmalzige Lächeln wie sein Kollege Francis.
Juliet Gesicht leuchtete, als sie der heulenden Menge zuwinkte. Aus einer Laune heraus und zum stummen entsetzen der beiden Bodyguards hakte sie sich bei Steve und Francis ein.
Beide bemühten sich krampfhaft, ihre stereotypischen Mienen beizubehalten und gingen mit Juliet zum Eingang des CCH-Saals.
Francis seufzte und Steve konnte ihm nachfühlen. Juliet wußte genau, daß sie damit den Reportern eine Menge Anlaß für Klatsch und Tratsch gab, aber sie ahnte nicht, daß sie damit auch Ärger für Steve und seinen Kollegen einbrachte. Er hatte schon einmal versucht, ihr das klar zu machen, aber Juliet schien das einfach nicht zu verstehen.
Plötzlich knallte ein Schuß in der Menge.
Das war das Zeichen für allgemeine Panik. Während sich ein Teil der Massen zum Ursprung des Geräusches drehten, nutze der andere Teil die Verwirrung dazu, näher an ihren Star zu kommen.
Die Truppen von Knight Errants gingen mit präziser und rücksichtsloser Gewalt gegen die entfesselte Masse vor. Jeder, der versuchte, über die Barrikaden zu klettern, wurde mit dem Schockstab betäubt oder einfach niedergeknüppelt. Aber die Menge war nun endgültig außer Kontrolle.
Von der Mitte her schoben die Menschen nach vorne. Wer in der ersten Reihe stand, hatte keine Chance. Man wurde einfach zu den Wachen hingeschoben, die mittlerweile mit Gelgeschossen in die Menge feuerten und Subsonic einsetzten. Das stoppte zwar den Mob nicht, aber er wurde wesentlich langsamer und kontrollierbarer.
Francis und Valentine schauten sich gehetzt um. Instinktiv hatte sein Kollege den jungen Star auf den Boden gedrückt und lag nun halb über ihr, Valentine war ebenfalls in die Hocke gegangen, beide registrierten nur am Rande, daß sie mittlerweile ihre Waffen in der Hand hielten.
"Verdammt!", brüllte er in seinen Transceiver. "Was zur Hölle ist los?!!"
"Ich habe nichts gesehen!", knarrte Joans Stimme. "Flieder läßt gerade eine Drohne los.
Gleich haben wir ein Bild vom Epizentrum."
Vogner meldete sich "Es kam aus der Menge. Die Straßen sind frei. Auch niemand auf den Dächern."
Valentine schaute besorgt in die brodelnde Menge. Die Wächter hatten sichtlich Probleme, die anstürmenden Massen weiterhin unter Kontrolle zu halten. Sie schoben sich einfach über die bewußtlosen und zu Tode getrampelten Menschen aus der ersten Reihe.
"Wir müssen hier weg.", sagte Francis zu Valentine.
Beide standen auf und nahmen die völlig verwirrte Juliet wieder in ihre Mitte. Als sie sich umwandten und auf die Limousine zuliefen, nahm Valentine eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Sie wirbelten herum und hoben ihre Waffen.
Es waren zwei der Knight Errants die auf sie zugelaufen kamen.
"Was machen sie hier!", brüllte Francis die beiden Wachen an. "Halten sie
die Massen fern, Verdammt!!"
Die Wachen reagierten nicht.
Irgendwas in Valentine schlug Alarm.
Zu Spät.
Einer der Knight Errants hatte seine Colt Cobra schon im Anschlag und zog durch.
Francis wurde von der Salve voll erfaßt und zuckte in einem auf absurde Weise lächerlich wirkendem Tanz, als die Kugeln aus nächster Nähe trafen, ihn und seinen Körperpanzer zerfetzten.
Juliet schrie, während die Colt direkt neben ihr Feuer spuckte und sie vom stürzenden Francis mit zu Boden gerissen wurde.
Diese Handlung rettete ihr das Leben. Der zweite Knight schoß ebenfalls, auf Juliet, doch die Salve fegte knapp über ihrem Kopf weg.
Valentine konnte die Gesichter hinter den verspiegelten Visieren nicht sehen, doch der Ärger der Wache war deutlich zu spüren.
Die erste Wache wandte sich ihm zu und zielte mit der Colt auf seine Brust.
Noch bevor Valentine irgend etwas denken oder tun konnte, bohrte sich mit einem lauten "klack" eine Kugel in den Helm der Wache. Sein Kopf darin platze wie ein Ballon. Blut spritze an die Visierinnenseite und auf den Kragen, während der Knight Errant langsam und noch immer mit der MP im Anschlag in die Knie brach und vornüber kippte.
"Für Francis, Du Arschloch!!", knurrte Vogners Stimme aus dem Transceiver in Valentines Ohr.
Die Zweite Wache, abgelenkt durch den Tod seines Kumpels, wandte sich jetzt Valentine zu und legte an. Valentine hatte seine Waffe jedoch schon längst im Anschlag. Er drückte ab.
Nichts passierte.
Völlig perplex starrte er auf seine Hand.
Aber da war keine Hand. Knapp hinter dem Ellbogen verschwand sein Unterarm in einem undeutlichen Farbgeflirre. Langsam schoben sich tausend Schatten aus ebenso vielen Farben über die Stelle, wo sein Arm mitsamt der Waffe sein sollte und manifestierten sich zu einem undeutlichen Schatten.
Die Wache lies sich davon nicht irritieren. Sie schien den Vorfall entweder nicht zu bemerken oder ignorierte sie mit dem Wahnsinn eines Märtyrers.
Die Colt Cobra spie eine Flammenzunge und Valentine spürte den dumpfen Druck unzähliger Projektile, die seinen Körperpanzer zerfetzten und in seinem Brustkorb einschlugen.
"Simulation abbrechen!!", dröhnte eine Stimme in seinem Kopf.
Das Bild von der Wache sowie die Straße und der Menschenmenge verblaßten zu grau und splitterten in unzählige Polygone, während sie immer weiter an Substanz verloren und sich schließlich ganz auflösten.
Für einen kurzen Augenblick schwebte Steve Valentine im absoluten Dunkel.
Dann nahmen seine Sinne ihre Arbeit wieder auf und er konnte die Umgebung um ihn herum mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen.
An der Hauptkonsole des Simulators stöpselte sich Herold Meyer aus und warf das Kabel auf das Kontrollpult.
"Hey!", protestierte Slash gegen den groben Umgang mit der Empfindlichen Technik. Das brachte Meyers Wut erst richtig zum Ausbruch.
"Was war das denn wieder für eine Scheiße!!", brüllte er den Computerexperten an. "Ich dachte, sie hätten den Fehler letztes mal behoben?! Jetzt können wir uns die gesamte Wertung wieder mal in den Arsch schieben!!"
Der Decker saß ruhig da und wischte sich imaginäre Tropfen aus dem Gesicht. Meyer ging darauf nicht ein.
"Da gab es letztes mal nichts zu beheben.", warf Slash ein. "Weil es keinen Fehler gab."
Winter trat an die Konsole heran und legte Meyer eine Hand auf die Schulter. Der beruhigte sich ein wenig, funkelte aber den Decker weiterhin wütend an.
"Herr Takashi,", sprach Winter. "Was meinen sie damit, wenn sie sagen, daß es keinen Fehler gab?"
"Genau das, was ich damit sagte: Es gab keinen Fehler." Antwortete der Decker, immer noch völlig gelassen. "Zumindest keinen, den ich finden konnte."
Winter hob den Kopf und sah den Decker an, als würde er etwas begreifen, was er schon lange versuchte zu verstehen.
"Ah, da kommen wir der Sache doch schon näher." Er schob sich an Herold Meyer vorbei und stellte sich vor den Decker. "Sie schließen damit natürlich aus, daß sie einen möglichen Fehler übersehen hätten."
"Jip.", antwortet er schlicht.
Meyer und Winter wechselten einen Blick.
Takashi stand auf. "Sehen sie es so, meine Herren:", erklärte er.
Als dieses Phänomen beim ersten mal auftrat, hatte ich das System komplett durchgecheckt. Sogar mehrmals. Als ich nichts gefunden hatte, rief ich unsere Experten für die Hardware an. Die nahmen das System vollständig auseinander, wie sie sich sicher noch erinnern können."
Die beiden Herren vom Personalschutz nickten pflichtbewußt. Wegen dieser Maßnahme konnten einige Tage keine Simulationen durchgeführt werden, Meyer hatte sich darüber ziemlich aufgeregt. Aber das tat er generell sehr oft.
"Als auch die nichts fanden", fuhr Tanaka fort, "Hatte ich die gesamten Systemdateien gelöscht und aus dem Hauptspeicher neu überspielt. Da sie die Auswertung als ungültig betrachteten, sah ich darin kein Problem. Sie können es auch so sehen:", schloß der Decker ab und tätschelte dabei die Konsole, "Sie haben vor sich ein praktisch neues System."
Meyer fing an zu blinzeln. Bevor er sich in einem neuen Wutausbruch ergießen konnte, fragte Winter:
"Wie kommt es dann zu dieser Störung?"
Der Decker breitete die Arme aus: "Ich weiß es nicht!", gab er zu. "Sie hören es sicher nicht gerne, aber so etwas ist eigentlich unmöglich. Deswegen auch meine extremen Bemühungen, den Fehler zu finden. Um ganz ehrlich zu sein, ein solches Phänomen ist mir noch nie untergekommen. Und das gleiche sagten mir auch die Experten aus der Technik. Zuerst hielten die mich für verrückt, als ich ihnen davon erzählte."
"Und sie haben wirklich keine Erklärung dafür?", hackte Meyer ungeduldig nach.
Slash zuckte mit den Schultern. "Wie ich schon sagte. Es war nichts zu finden. Eine so gravierende Störung in einer Simulation muß eine erkennbare Spur im Programm hinterlassen. Zumindest im Protokoll. Aber da ist nichts." Er wandte sich zur Konsole um und drückte einige Tasten. Zwei Bildschirme begannen, Zahlenkolonnen aufzulisten. "Da ist heute nichts und da war auch letztes mal nichts zu sehen."
Meyer schaute mit wachsender Verwirrung auf die Monitore. Er verstand nichts von alledem. Winter
überlegte. "Können sie uns die Gehirnmeßwertkurven aus dem Biofeedbackprotokoll zeigen?"
Takashi nickte. "Sicher." Er setzte sich wieder in seinen großen Stuhl und stöpselte sich ein.
Mittlerweile waren Francis, Valentine und auch die anderen aus ihren Isolationskammern gekommen und schlichen sich zu der Konsole. Francis und Valentine schwankte noch immer ein wenig. Obwohl die Signalstärke durch einen Filter lief und man keinen geistigen oder körperlichen Schaden nehmen konnte, war der Schock, den man bekam, wenn man in der virtuellen Konsistenz der Simulation erschossen wurde, recht unangenehm. Man könnte auch dies ändern, um den Trainingspersonen diese Erfahrung zu ersparen, aber man war zu der Ansicht gekommen, daß auf diese Weise der Ansporn und der Lerneffekt größer war. ähnlich der pavlovschen Methode.
Winter schaute nur kurz zu den Leibwächtern hoch. An seiner Miene war nicht zu erkennen, ob er enttäuscht, erbost oder vielleicht sogar zufrieden war mit dem Ergebnis. Sein Blick blieb auf Steve Valentine hängen, und dieser fühlte sich auf einmal sehr mulmig. Irgendwie kam er sich schuldig vor. Auch deswegen, weil es schon zum zweiten mal zu einem Abbruch kam.
Meyer richtete sich ebenfalls von der Konsole auf und holte tief Luft, um seine Gruppe zusammen zu stauchen.
"Nicht jetzt.", stoppte Winter ihn. Er wandte sich wieder den Monitoren zu und winkte Steve zu sich und dem Decker herüber. "Valentine, schauen sie sich das bitte einmal an."
Wie ein Schulkind, daß aufgefordert wurde, einen Schaden zu begutachten, den er selber ausgeheckt hatte, schlich er zu den Monitoren und schaute Winter und Slash über die Schulter.
"Ist das seine Messwertkurve?", fragte Winter den Decker.
Slash nickte.
"Schneiden sie bitte den Bereich aus, der zum Zeitpunkt aufgenommen wurde, als Valentine mit seiner Waffe auf den Attentäter schießen wollte. Vergleichen sie ihn mit den Meßwerten seiner Kollegen in ähnlichen Situationen und aus früheren Simulationen."
"Dafür muß ich die Ausschnitte in die Medizinischen Labors schicken.", wandte Slash ein. "Ich kann die Kurven hier nicht so ohne weiteres vergleichen."
"Wieso das denn nicht?", fragte Meyer ungeduldig.
"Weil ich kein Neuroanalytiker bin.", gab der Decker kühl zurück. Man konnte spüren, daß ihm die unruhige Art von Meyer langsam auf die Nerven ging.
"Ich bin ein Decker. Meine Kenntnisse über Gehirnwellen beschränken sich lediglich darauf, wie in etwa ein Alphawellenmuster aussieht, wenn die
ICCS-Schleifen durchbrennen oder das ASIST-Feedback überladen wird. Aber ich bin kein Wissenschaftler. Es gehört schon ein wenig mehr dazu, Gehirnwellenmuster auszuwerten und zu vergleichen."
Meyer schaute den Decker von oben an, so wie ein Vater seinen Mustersohn ansehen würde, wenn der plötzlich erzählt, daß er die Klasse wiederholen müsse.
"Senden sie die Daten gleich zum Labor.", forderte Winter. "Mit einer Priorität A-Nachricht und meinem Namen darunter. Wenn die Ärger machen, sagen sie ihnen, daß sie sich bei mir melden sollen."
Der Decker grinste. "Sie sind der Boß!"
Winter wandte sich zu seinen Schützlingen um. "In einer Stunde gibt es eine Nachbesprechung im Einsatzraum. Wir werden die Ergebnisse durchgehen, bis zu dem Punkt, wo die Simulation abgebrochen werden mußte. Beeilt euch."
Während der Decker sich in seinem Computer vertiefte, verließen Winter und Meyer den Raum, ließen die Leibwächter allein mit sich zurück.
Ratlos standen sie dort in ihren Mitsuhama Trainingsanzügen und schauten sich fragend an.
"War das jetzt gut oder schlecht?", fragte Grace.
"Na, ich wurde erschossen.", klagte Francis. "Das ist keinesfalls gut."
"Ich wurde auch erschossen.", warf Steve ein.
"Ja, aber Du hättest geschossen,", entgegnete Francis, "wenn der Simulator nicht abgestürzt wäre."
"Nachdem ich eine Ewigkeit neben Deiner Leiche stand. Außerdem hätte mich die eine Wache schon lange vorher erledigt, wenn Vogner nicht geschossen hätte."
Der Scharfschütze schaute betrübt und vorwurfsvoll auf Steve. "Danke, daß Du mich daran erinnerst. Deswegen kriege ich sicher auch noch einigen Ärger."
Steve schaute ihn verständnislos an. "Du hast mein Leben gerettet!", warf er ein. "Und damit wahrscheinlich auch das der Schutzperson!"
Vogner schüttelte den Kopf. "Ich hatte meine Befehle. Die besagten, daß ich einen mir zugeordneten Bereich im Auge zu behalten. Egal was passiert. Es sei denn, ich bekomme andere Befehle. Mann Steve! Das ist ein Grundsatz! Das sollte ich Dir eigentlich nicht sagen müssen!"
"Selbst, wenn Du damit die Mission rettest?", fragte Steve nach.
Vogner schüttelte den Kopf. "Das hätte auch anders laufen können. Im schlimmsten Falle wäre ich tot, und der Attentäter hätte freie Bahn."
"War da nicht auch noch Rache?", fragte Joan "Du hast noch etwas in den Transceiver gebrüllt, nachdem Du den Attentäter erledigt hattest."
" "Für Francis, Du Arschloch!" .", erinnerte sich Steve.
Vogner schaute verlegen auf den Boden. "Diese verdammten Simulatoren sind einfach zu realistisch.", fluchte er leise.
"Dann haben sie ihren Sinn erfüllt.", sah Francis ein. "Wir haben uns verleiten lassen.
Das war in keiner Weise professionell."
Die anderen nickten zustimmend.

"Das war in keiner Weise professionell!", brüllte Meyer die kleine Gruppe an. "Ihr habt euch verleiten lassen!"
Jeder hatte tausend Einwände, aber keiner traute sich, sie vorzubringen. Letztendlich war jeder von ihnen zum Schluß gekommen, daß sie Fehler gemacht hatten. Und zwar genau in der Weise, wie ihnen Meyer gerade vorwarf. Das war ihnen schon klar, als sie im Simulatorraum standen, und sie schämten sich dafür.
Viele von ihnen kamen aus dem Bereich Allgemeine Sicherheit, jeder von ihnen wollte in den Personalschutz gehoben werden, weil jeder von ihnen sich für ein Profi hielt, oder zumindest für jemanden, der es besser konnte als die anderen.
Und heute hatte jeder von ihnen unter Beweis gestellt, daß dem nicht so ist.
Das beschämte sie.
Die Brüllerei von Meyer machte es auf seltsame Weise ein wenig besser. Es war so, als würden sie eine Standpauke für etwas bekommen, von dem sie genau wußten, daß sie es verpatzt hatten. Sie nickten an den passenden Stellen, und schauten zur rechten Zeit betreten auf den Boden. Und wenn die "Standpauke" vorbei ist, würde man ihnen vergeben haben. Und nächstes mal würden sie es besser machen.
Dummerweise war da noch Winter.

Herold Meyer war früher ebenfalls bei der Allgemeinen Sicherheit gewesen. Er war aber schon vor Jahren in den Personenschutz befördert worden. Zusammen mit Winter war er der Leiter der neuen Gruppe des Personenschutz, die man "Guardian Angels" nannte.
Das gesamte Projekt lief unter der Bezeichnung "Heimdall" und beinhaltete weitreichende Reformationen in der Sicherheit von Mitsuhama.
Es war ein Pilotprojekt, ins Leben gerufen von Tanaka Musaru, dem Vorsitzenden für Konzernsicherheit von Mitsuhama Hamburg. Wenn das Projekt erfolgreich lief, standen die Chancen nicht schlecht, daß irgendwann alle Zweigstellen von Mitsuhama sowie die Hauptfiliale dem Beispiel von Musaru folgten.
Tanaka war zurecht stolz auf sein Kind: Die Erlaubnis, das Projekt durchzuführen kam von ganz oben.
"Heimdall" bestand aus vielen Posten und Zweigen.
Einer davon waren die "Guardian Angels", sie bestand aus sechs Gruppen zu jeweils fünf Mitgliedern.
Die eigentliche Mitgliederzahl schwankte, da das Auswahlverfahren noch nicht ganz ausgereift war und man sich noch nicht sicher war, welche Zahl an Mitgliedern die sinnvollste war.
Fabian Winter hatte die dankbare Position als Leitender Chef des Personenschutz bekommen und war der Leiter der "Guardian Angels".
Er teilte sich diese Aufgabe zusammen mit Herold Meyer, der sozusagen der "Captain" und der Trainer der kleinen Gruppe war, die er gerade zusammen stauchte.
Zwar neigte er dazu, ungeduldig und aufbrausend zu wirken und es schien ihm eine besondere Freude zu bereiten, andere Menschen mit seinem gefürchteten Organ anzubrüllen, bis diese nicht mehr wußten, wie ihr Name war, aber er wußte, worauf es ankam.
Er konnte auch freundlich sein, ein Kamerad oder ein Freund. So wirkungsvoll, wie er seine Schützlinge herunterputzte, ebensogut konnte er einen aufbauen und Mut machen.
Das wichtigste daran war jedoch, daß er dies nie ohne Grund tat.
Er lobte keine Leistungen, die nicht vollbracht wurden und er bestrafte niemanden, der es nicht verdient hatte. Er tat beides gleichermaßen mit Leidenschaft, aber so mußte man ihn nehmen.
Schaut euch diesen alten Hasen genau an, und hört ihm zu, hatte Winter zu ihnen allen gesagt, von ihm könnt ihr einiges lernen.
Wer sich daran hielt und wer mit seiner Impulsivität zurechtkam, hatte eine gute Zeit bei ihm.
Steve Valentine hatte zumindest mit dem letzten Punkt einige Probleme.
Er selber war eher ein stiller Typ und mochte es nicht, wenn man ihm so ohne weiteres zu nahe kam. Für ihn lag die Kraft in der Ruhe. Man konnte alles lösen und klären, wenn man sich die Dinge gelassen und objektiv betrachtete. Es sah selten einen Sinn darin, sich gegenseitig oder jemand anderen anzubrüllen. Damit erreichte man nur, daß sich der andere bedroht fühlte und steigerte so die Aggressionen.
Die Art von Winter sagte ihm mehr zu. Sie war schneidender und die Wahrheit seiner Aussagen und seine Argumente schienen ein größeres und manchmal auch schwereres Gewicht zu haben.
Er machte wenig Umschweife und Steve fand diese Art effektiver.
Slash, der Decker, sein richtiger Name war Hiro Takashi, überlegte Steve, war ebenfalls ein gelassener und ruhiger Mensch. Wenn er ein Problem sah, ging er ruhig und bedacht an die Sache heran. Niemals regte er sich auf oder verlor die Nerven. Und er sah darin immer eine Herausforderung, die er mit Eifer begegnete.
Der Decker hatte sich eine hohe und gute Position innerhalb des Konzerns erarbeitet und genoß eine Menge Sonderprivilegien. Soweit Steve es mitbekommen hatte, war er einer der Besten.
Zumindest machte es Slash nichts aus, dies von sich zu behaupten, und bis jetzt schien niemand Gelegenheit gehabt zu haben, das Gegenteil zu beweisen.
Diese beiden Menschen, Winter und den Decker Slash, fand Steve sehr sympathisch.
Meyer war mit seiner Standpauke zu Ende und jetzt lies er Winter den Vortritt.
Der stellte sich vor versammelter Mannschaft hin und nahm sich die Zeit, jeden einzelnen eingehend zu betrachten. Man bekam den Eindruck, er würde jeden von ihnen abschätzen und mit den Testergebnissen aus der vorangegangenen Simulation vergleichen.
Und das Gefühl war weitaus unangenehmer als die Brüllerei von Meyer. jeder hatte sich irgendwie darauf eingestellt, daß jetzt die allgemeine Bestrafung vorbei sei und man nun in aller Ruhe darüber sprechen konnte, wie man es demnächst besser machte.
Winter zeigte allen deutlich, daß dies nicht die Vorgehensweise bei den "Guardian Angels" war.
Und er zeigte das, ohne ein zu Wort sagen.
Die Mitglieder der Gruppe rutschten nervös auf ihren Stühlen herum oder musterten mit übertriebenen Interesse die Trideowand.
"Meine Herren, soeben habe ich die Auswertung aus den Labors bekommen.", begann Winter endlich. "Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Simulation abstürzte kann man die Ergebnisse als unverfälscht und gültig betrachten. Das ist schlecht für sie. Denn sie haben Mist gebaut.
Und wer hier Mist baut, ist normalerweise tot.
In ihrem Falle sind dann auch einige weitere Personen tot, deren Überleben von höherer Bedeutung ist als ihr eigenes."
Winter ging während seiner Rede vor der Gruppe auf und ab. Beim letzten Satz war er zu Slash gegangen und legte ihm beiläufig die Hand auf die Schulter.
Der Decker wohnte jeder Gruppenbesprechung bei und galt auch als festes Mitglied der "Guardian Angels". Auf das Zeichen von Winter hin nickte er und aktivierte die Trideowand.
Eine Aufzeichnung von dem Einsatz begann. Man sah die Limousine, die gerade anhielt, man sah, wie Francis ausstieg und in die Menge lächelte, man sah Joan, Vogner, Grace und Flieder, wie sie auf den Dächern lagen. Der Mitschnitt der Simulation zeigte in einzelnen Fenstern jedes einzelne Mitglied aus der Gruppe bei seiner Arbeit.
"Das Dumme ist,", fuhr Winter fort, "daß sie direkt für das Leben dieser Personen verantwortlich sind. Der Konzern ist nicht sonderlich erbaut darüber, wenn die Spezialisten, die er mühsam unter Aufwand von viel Zeit und Geld herangezüchtet hat, durch ihre eigene Unfähigkeit das zeitliche segnen, aber richtig wütend wird er erst, wenn dabei die Personen ihr Leben lassen, die sich Nicht so einfach ersetzen lassen.
Stoppen sie hier."
Der Decker tat wie ihm geheißen und hielt die Simulationsaufzeichnung an.
Es war der Zeitpunkt kurz nach dem Schuß aus der Menge kam. Das Bild, auf dem Valentine und Francis mit gezogenen Waffen neben Juliet hockten, wurde in der Mitte zentriert.
"Seit dem Schuß sind etwa 22 Sekunden vergangen.", kommentierte Winter.
"Woher kam jetzt eigentlich der Schuß?", warf Vogner dazwischen.
Winter schaute ihn verständnislos an. "Ist das Nicht egal?", stellte er die Gegenfrage.
Vogner zog irritiert die Augenbrauen hoch. "Nein. Natürlich nicht. Ich muß doch den Täter finden können, notfalls auch auf akustischem Wege."
"Da war aber kein Täter.", klärte Winter ihn auf. Das gesamte Team beugte sich vor und schaute nun ebenso irritiert aus der Wäsche wie der Scharfschütze.
"Ihnen allen sollte es eigentlich schon lange in den Sinn gekommen sein, daß dieser Schuß nur eine Ablenkung war.", fuhr Winter fort. "Mögliche Ursachen: Ein Punk mit einer Gaspistole, den man eine 20Ecu-Note in die Hand gedrückt hat und eine Uhr. Ein kleiner Sprengsatz, am Vortag plaziert, oder Magie."
Meyer seufzte und rieb sich den Nasenrücken.
"Wie dem auch sei:", fuhr Winter fort. "Allen Anschein nach hat die Ablenkung ihre Wirkung erzielt.
Zurück zum eigentlichen Punkt.
Wir sind immer noch beim Zeitindex 22 sec nach dem "Schuß".
Francis, Valentine."
Die beiden Leibwächter setzten sich ruckartig auf und sahen Winter an.
Der zeigte auf das Standbild hinter sich, ohne den Blick von den beiden Leibwächtern zu wenden.
"Was machen sie da eigentlich?", fragte er.
Francis schaute Valentine an. Steve zuckte die Schultern. Er verstand die Frage ebensowenig.
"Wir beobachteten die Menge, um nach etwaigen Tätern Ausschau zu halten.", antwortete Francis. "Außerdem wollten wir sehen, ob sich die Menge beruhigt oder die Situation eskaliert."
Wieder seufzte Meyer.
"Die Situation war schon längst eskaliert. Der Schuß war gefallen und ein potentieller Attentäter war in unmittelbarer Nähe zu vermuten. In der gesamten Geschichte der Menschheit ist es noch nie passiert, daß eine Menge sich einfach wieder beruhigt hat. Eher wird vom Gegenteil berichtet.
Der nächste Fluchtpunkt sowie die nächste geschützte Einheit lag fünfzehn Meter hinter ihnen:
Die Limousine.
Sie beiden standen noch weitere 76 Sekunden am gleichen Fleck mit der Schutzperson.
Sie hätten sofort nach dem Schuß zur Limousine rennen sollen. Deshalb frage ich noch mal:
Was machen sie da? Warten sie darauf, daß sich der Attentäter zu erkennen gibt?"
Valentine und Francis schwiegen betreten.
"Ich denke, sie brauchen nicht mehr zu antworten.", sagte Winter. "Takashi, bitte fahren sie fort bis zum Zeitindex 2.13 nach dem Schuß."
Der Decker sandte einen mentalen Befehl über die Leitung und alle Bilder liefen weiter bis zum gewünschten Zeitpunkt um dort wieder einzufrieren.
Francis rieb sich unbewußt mit der Hand über den Brustkorb. Die Szene, die jetzt als Standbild in der Tridwand schien, war die, wo Francis von der falschen Wache erschossen wurde.
"Keiner von ihnen beiden hat nach hinten gedeckt, wo die Menge war. Obwohl von dort der Schuß kam. Sie beide wurden von den Attentätern überrascht.
Francis, statt ihm Befehle entgegen zu brüllen, hätten sie mit ihrer Waffe eindeutigerer Signale geben sollen. Im Zweifelsfalle hätten sie gleich schießen müssen. Sie haben zwar richtig erkannt, daß die beiden Wachen dort nichts zu suchen hatten, aber sie haben falsch reagiert. Sie ebenfalls, Valentine.
Vor allem waren sie zu langsam." Winter unterbrach sich und schaute kurz auf seine Unterlagen. Dann sah er Francis an. "Eine Frage, und ich will, daß sie ehrlich antworten: Als sie von der Wucht der Projektile zu Boden stürzten, griffen sie nach der Schutzperson. Würden sie behaupten, daß war eine bewußte Handlung oder eine unkontrollierte Reaktion?"
Francis schaute unsicher in der Gruppe herum. Dann sah er zu Winter, der seinen Blick fing und eine Antwort erwartete "Ich...ich denke schon.", gab Francis zu.
"Und warum taten sie das?"
"Ich wollte versuchen, die Schutzperson aus der Gefahrenzone zu reißen."
Winter nickte. "Die Trideoauswertungen und die Feedbackanalysen besagen das gleiche.
Das war bis jetzt der einzig positive Punkt in der ganzen Aktion." Winter trat ein Schritt zurück und nickte dem Decker zu.
Der Tridschirm verdunkelte sich. Der Leiter der "Guardian Angels" wandte sich der gesamten Gruppe zu.
"Alles andere war mehr als miserabel. Valentine, sie standen wie ein Ölgötze vor der Wache, die sie und die Zielperson mit einer Automatischen Waffe bedrohte. Vogner, ihr Racheakt hatte zwar was Gutes bewirkt, aber sie können davon ausgehen, daß das eine Ausnahmesituation war. Beim nächsten mal kann dadurch die gesamte Aktion fehlschlagen.
Sie alle haben heute ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie man so etwas auf keinen Fall machen sollte. Sie waren alle zu langsam, zu träge. Keine Cyberware der Welt könnte das beheben: Das Problem liegt in ihrem Denken. Sie müssen lernen, mit allem zu rechen; jeder könnte der Attentäter sein. Auch ihr bester Kumpel oder das kleine Mädchen auf den Schultern ihres Vaters.
Sie müssen lernen, einen Attentäter zu erkennen, an der Art, wie er sich bewegt, wie er sich gibt.
Und sie müssen das schnell lernen. Wäre das nicht erst ihr zweiter Einsatz, wären sie jetzt Arbeitslos.
Denken sie daran: Die Herren von ganz oben schauen uns auf die Finger. Wenn die sehen, wie Dumm wir uns anstellen, wird das Projekt abgebrochen.
Sie können jetzt gehen. Einen schönen Tag noch.
Valentine, würden sie bitte noch bleiben?"
Mit leisem Gemurmel und gesenkten Köpfen verließ die Truppe den Raum.
Valentine blieb verunsichert sitzen, bis der Raum leer war.
Winter und Meyer setzten sich zu ihn an den gebogenen Tisch. Slash hielt sich diskret im Hintergrund und rollte das Glasfaserkabel auf, daß er sich zuerst aus der Datenbuchse, dann aus der Tridkonsole
gestöpselt hatte.
"Es geht um den Fehler in dem Simulationsprogramm.", klärte Winter auf. "Meine Frage an sie ist:
Was war ihre letzte Handlung, als das Programm ihr Persona-Icon zerstückelte?"
"Ich hatte abgedrückt.", antwortete Valentine.
Meyer und Winter sahen sich an. Meyer, so schien es, wirkte irgendwie ein wenig erleichtert oder zufrieden.
"Die vergleichenden Diagnosen aus der Neuroabteilung ergaben einen ähnlichen Schluß.", informierte Winter. "Die Muster stimmten mit denen andere Aufzeichnungen von ihnen und ihren Teamkollegen überein. Die Frage war nur für das Protokoll und für die Prüfung des Wahrheitsgehalts. Leider geben die Programmcodes keinerlei Auskunft darüber, ob die virtuelle Darstellung eben das projizieren wollte. Das wäre bei der Auswertung kein Problem gewesen, wenn die Wache darauf reagiert hätte.
Das war nicht der Fall."
"Es ist ganz so,", übernahm Meyer das Gespräch, "als ob das Programm gar nicht zur Kenntnis nehmen wollte, daß sie geschossen haben. Und das ist schon das zweite mal.
Waren sie früher schon mal mit einem Trampnetz in einer Matrix oder einer Simulation?"
Valentine nickte. Die Ausbildung der Sicherheitskräfte bei Mitsuhama wurde größtenteils über solche Simulationen geführt. Auch wenn die Anlage bei den allgemeinen Sicherheitspersonal längst nicht so modern war.
"Gab es da früher schon mal solche Probleme?", fragte Meyer.
Valentine schüttelte den Kopf. "Aber die Simulatoren waren längst nicht so gut, so realistisch.
Kann es vielleicht daran liegen, daß ich keine Datenbuchse besitze?"
Außer Joan und ihm hatte jeder in der Gruppe eine Datenbuchse. Flieder, der Rigger besaß sogar mehrere.
Winter verneinte "Das spielt keine Rolle, wie uns die Experten aus der Neuro zu erklären versuchten. Sie sind der Meinung, daß es auch nichts helfen würde, wenn sie eine besäßen.
Ihre Vermutung ist eher andersherum; die Probleme könnten mit einer Datenbuchse noch stärker ausgeprägt werden."
"Was ist eigentlich das Problem?", fragte Valentine nach.
"Das wissen unsere Spezialisten nicht so genau.", gab Winter zu. "Sie vermuteten zuerst eine neurologische Störung, aber den Verdacht verwarfen sie, nachdem sie ihre Gehirnwellenmuster aus der Simulationsaufzeichnung untersuchten.
Zur Zeit vermuten sie einen genetischen Defekt. Sollte so etwas noch einmal auftreten, würden sie gerne einige Tests mit ihnen machen.
Aber sie sagen, eine solche genetische Inkompatibilität tritt so selten auf, daß man sie vernachlässigen kann. Sie denken auch, daß dies nicht mehr passieren wird."
Winter packte seine Unterlagen zusammen und nickte Meyer zu.
Beide standen auf. "Sie können gehen, Valentine.", sagte Meyer. "Ruhen sie sich aus und seien sie morgen fit und pünktlich zum Training."

Es passierte kein weiteres mal mehr, daß das Programm bei Steve abstürzte.
Zusammen mit den anderen Mitgliedern der Truppe absolvierte er das Training nach drei Monaten erfolgreich.
Die Kommission von der Hauptfiliale in Japan zeigte sich sehr zufrieden mit dem Projekt und den Ergebnissen und bewilligte weiterhin die Mittel für das kostspielige Unternehmen.
Die "Guardian Angels" wurden für ihren ersten echten Einsatz vorbereitet.

Valentine, Francis, Vogner und Joan saßen in der Kantine und sahen sich mit gemischten Gefühlen ihre Orderfolien an.
" 'Operativer Eingriff zur Implantation kybernetischer Modifikationen.' ", las Joan laut vor. Sie klang nicht begeistert.
Francis lächelte. "Cyberware. Das macht uns schneller, besser, stärker!" Ihm gefiel die Vorstellung sichtlich.
"Damit gehören wir wohl zum Spitzenpersonal.", folgerte Vogner. "So eine Ehre wird nicht jedem zuteil. Der Konzern investiert nur in Dingen, die ihm sinnvoll und lukrativ erscheinen."
"Ich weiß nicht.", entgegnete Joan mißmutig ein. "Es gefällt mir nicht, so etwas in meinem Körper zu haben. Und daß ich keine Wahl habe, stört mich auch."
"Du hast Doch eine Wahl!", warf Francis ein und grinste.
"Ja, ich kann kündigen.", knurrte sie. "Und den Rest meines Lebens eine Toilettentür bewachen!!"
"So ein bißchen Chrom im Körper schadet nicht.", beruhigte Francis. "Du spürst es nicht. Und glaub mir: Die Vorteile, die es mit sich bringt, werden Dir gefallen!"
Joan wiegte ihren Kopf, immer noch nicht überzeugt. "Ich habe gehört, daß man Persönlichkeitsveränderungen erlebt, wenn man seinen Körper mit diesem Zeug vollstopft.
Denkt nur mal an die Berichte über die Shadowrunner! Das sind doch absolute Psychopathen!!"
Vogner lachte und winkte ab. "Das sind ja auch Dummköpfe! Was die bekommen und sich leisten können, liegt bei uns doch schon im Museum. Viele von denen holen sich ihre Cyberware von den Typen, die sie vorher gekillt haben. Alles billige und veraltete Schwarzmarktware, der Abfall der Konzerne. Außerdem sind die bis zur Halskrause mit dem Zeug vollgestopft. Wenn Du nur noch aus Stahl und Plastik bestehst, ist es doch klar, daß Du Deine Persönlichkeit verlierst!
Das kann Dir hier nicht passieren, Joan! Schau...", Vogner hielt seine Handflächen hoch. Mann konnte Stellen an der Haut sehen, die deutlich dunkler waren als der Rest. Sie bildeten ein Dreieck in der Innenhandfläche und kleine Flecken auf den Ballen unter den Fingern. "Das ist eine sogenannte Smartgunverbindung. Neurokontakte, die über die Haut laufen. Zusammen mit einer entsprechenden Waffe treffe ich die Beine einer Fliege, wenn sie auf dem Mond herumspaziert. Das, und die Datenbuchse,", er tippte sich an die Stirn, wo der silbrig glänzende Anschluß prangte, "...hab ich mir verpassen lassen, als das Förderungsprogramm für Scharfschützen lief. Hat mich einiges gekostet, aber der Konzern hat etwas dazu beigesteuert. Und würdest Du sagen, daß ich ein Psychopath bin?
Ich sage Dir, der MCT stellt die beste Cyberware her, die es auf dem ganzen Globus zu finden gibt. Und Du bekommst es umsonst!"
Joan schaute noch immer unschlüssig auf ihre Folie. Die Namen der dort aufgelisteten Modifikationen verunsicherten sie. Und das dort keine Erläuterungen zu den Sachen stand, machte sie fast mißtrauisch.
Sie wandte sich an Vogner, der sich damit noch am Besten auszukennen schien.
"Was ein Data-I/O-port ist, kann ich mir ja noch vorstellen.", begann sie und zeigte auf die Datenbuchse auf Vogners Stirn.
"Und jetzt weiß ich auch, was ein Subdermales Smartguninterface ist. Das ist die Smartgunverbindung, wie an Deinen Händen, richtig?"
"Richtig."
"Aber was ist ein Blitzkompensator? Das steht hier unter der Erweiterung der Optischen Sinnesorgane!"
"Das sorgt dafür, daß Du noch immer was sehen kannst, wenn Dir jemand mit seinem Halogenscheinwerfer ins Gesicht leuchtet. Eine Art vollautomatische Sonnenbrille, die in Deinen Augen steckt."
"Aha. So was ähnliches wie die Restlichtverstärkung?"
Vogner schüttelte den Kopf. "Das ist das genaue Gegenteil. Damit kannst Du auch die Typen im Schatten sehen, wenn sie sich dort verstecken."
"Und die verstärkten Reflexe?"
"Hey, die soll ich auch bekommen!", rief Francis dazwischen. "Das ist eine Erweiterung Deiner Nervenbahnen, macht Dich schnell wie ein Puma."
"Übertreib nicht.", höhnte Vogner. "Es gibt da noch die Reflexbooster. Daneben siehst Du aus wie eine Slowmotion-Aufnahme. Das wollen sie mir verpassen." Er starrte auf sein Blatt. "Mann, das muß ein heftiges Zeug sein! Hier steht, daß die Operation tatsächlich über Zwei Tage geht! Ein echter Bottich-Job!"
Vogner schien das auf seltsame Weise zu faszinieren, ja sogar zu begeistern.
Joans Zuversicht, die sich durch die verlockenden Beschreibungen ihrer beiden Kollegen gerade ein wenig gehoben hatten, sank mit der letzten Aussage wieder ein wenig.
"Was meinen die mit Biopolymerer Muskelverstärkung?", fragte sie deswegen.
Vogner schaute sie nur unwissend an. "Davon habe ich noch nie gehört! Was soll das sein? Steht das da?"
Joan rollte die Augen. "Wenn ich es vorlese, wird es da wohl stehen!"
"Das ist so etwas wie Kunstmuskeln. Nur auf biologischer Basis.", erläuterte Francis. "Es ist wesentlich natürlicher und besser zu vertragen und steht in keiner Weise der technischen Variante nach. Das ist das neueste aus der Bioware."
Vogner und Joan schauten erstaunt zu Francis, der nach der Erklärung stolz an seinem Soykaff nippte.
"Woher weißt Du soviel darüber Bescheid?", fragte Vogner in offener Bewunderung.
Francis lächelte in künstlicher Verlegenheit. "Ich glaube, ich bin ein kleiner Fetischist, was Cyberware angeht. Dummerweise ist das eine teure Vorliebe. Aber in diesem Job hat man fast die Freie Wahl.
Na ja, und natürlich habe ich alles aufgeschnappt, was es über Cyberware und Bioware zu lesen gab."
"Hm,", gab Joan als geistreiches Kommentar. "Dann kannst Du mir sicher noch zwei weitere Dinge erklären:
Dieses interne Commlink Interface mit zwei Kanälen, was genau ist das?"
"So etwas wie ein Funkgerät in Deinem Kopf.", antwortete Francis und stellte seinen Soykaff auf dem Tisch ab. "Stell es Dir vor wie Telepathie. Du kannst Dich mit jemanden unterhalten, ohne ein Wort zu sagen, oder daß jemand anderes was hören kann. Du formulierst alles in Gedanken, so als wolltest Du sprechen und leitest es an die Schaltkreise Deines Commlinks weiter. Das bekommen wir alle eingepflanzt. So sollen wir immer in Verbindung bleiben, egal was passiert."
"Wow,", keuchte Joan. Sie war mittlerweile hin und her gerissen von all den Implantaten. Zwar erschreckte sie nach wie vor, was der Konzern mit ihr vorhatte und der Gedanke, was aus ihr dann werden würde, beängstigte sie, aber sie konnte sich dennoch der Faszination und den absehbaren Vorteilen der Verbesserungen nicht entziehen.
Ihr fiel ein, daß sie oft Geschäftsmänner gesehen hat, die, während sie an ihrem Palmtop arbeiteten, plötzlich mit ihrem Kopf nach vorne nickten und zu schlafen schienen, nur um wenige Minuten später wieder an ihrem Computer weiter zu tippen. Sie hatte von internen Telefonen gehört und dessen Popularität bei Managern.
Und auch viele der professionellen Gesellschafterinnen bestanden, ebenso wie die allermeisten Simsinnstars, größtenteils aus irgendwelchen Implantaten, die sie in übersinnliche Sexgöttinnen verwandeln sollten. Cybermodifikationen schienen etwas alltägliches zu sein. Schließlich hatte ja auch fast jeder eine Datenbuchse. Bisher hatte sich Joan von solchen Dingen immer ferngehalten. Sie wußte nie sehr viel darüber und ihr Körper schien ihr für solche Dinge immer zu kostbar.
Jetzt war es wohl an der Zeit, diese Einstellung zu überdenken.
"Ich werde schneller und stärker sein als meine männlichen Kollegen...", sinnierte sie begeistert.
"Yeah, und keiner kann es sehen!", grinste Francis, "Das wird Dich unwiderstehlich machen." Er blinzelte ihr zu: "Ich stehe auf "starke" Frauen!"
Joan schaute ihm verschwörerisch in die Augen und lächelte. "Wenn Du mich besiegst, kannst Du es ja mal mit mir versuchen.."
Francis Grinsen wuchs verschämt in die Breite. Er lehnte sich zurück, seine Augen in die von Joan versenkt und nippte an seinem Soykaff.
Joan wandte sich zu Valentine um und stützte sich mit ihrem Ellbogen auf seiner Stuhllehne ab.
Sie lächelte ihn an: "Was ist mit Dir, Steve, unserem großen Skeptiker. Was wollen sie Dir verpassen?"
Valentine war die ganze Zeit über still gewesen und hatte sich, während die anderen sich der Vorfreude über den Luxus hochmoderner kybernetischer Errungenschaften es 21.ten Jahrhunderts frönten, besorgt auf seine Orderfolie konzentriert.
Joans Mißtrauen gegenüber Cyberware beruhte größtenteils auf Unwissenheit und den haarsträubenden Geschichten über Shadowrunner.
Valentine konnte seine Angst nicht so leicht ablegen. Im Gegensatz zu seiner Kollegin hatte er sich über das Thema Mensch und Technik ausführlich beschäftigt, anstatt es zu ignorieren. In seinem Gewerbe konnte man sich nicht sicher sein, ob dieser Kelch an einem vorüber gehen würde. Die meisten Angestellten aus dem Bereich der Konzernsicherheit hatten wenig Probleme damit. Sie waren entweder froh oder erleichtert darüber. Es zeigte ihnen, daß der Konzern ein besonderes Vertrauen in sie legte. Außerdem gab es ihnen eine bessere Chance zum Überleben, wenn Shadowrunner in den Konzern einbrachen, die einzige Bedrohung, vor der jeder wirklich zitterte.
Valentine gehörte zu denen, die eher eine Abneigung gegen Cyberware hegten.
Er war der Meinung, das trotz allem die Technologie noch nicht ganz ausgereift war und das die Verschmelzung von Mensch und Maschine immer noch Probleme und Gefahren beherbergte, die man nicht so ohne weiteres überschauen konnte. Es war eine Verunreinigung des Körpers.
Wenn man Cyberware benötigte, um seine Fähigkeiten und Vorteile gegenüber anderen zu erhöhen, so dachte Valentine, kann etwas nicht richtig sein, dann hat man versagt.
Dummerweise gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die nicht irgendeinen Teil von sich gegen ein Stück Chrom und Silizium getauscht haben. Damit war der Grundstein für einen perversen und abstrusen Wettbewerb gelegt, der immer größere und unberechenbarere Dimensionen annahm.
Valentine war zwar bereit, sich solchen Modifikationen zu unterziehen, um in seinem Geschäft zu bleiben, und am Leben. Aber das hieß noch lange nicht daß es ihm gefallen mußte.
Er seufzte und warf einen letzten Blick auf die Folien.
Soviel, wie er mitbekommen hatte, bekamen alle zum größten Teil die gleiche Cyberware:
Jeder bekam eine interne Funkeinheit, um ständig ohne Komplikationen in Kontakt bleiben zu können, jeder wurde an den Augen modifiziert und jeder bekam eine Smartlinkverbindung. Valentine fand diese Aufteilung durchaus logisch.
Und jeder sollte eine Datenbuchse bekommen. Damit wollte man wahrscheinlich die nervigen und langen Prozeduren loswerden, die ein Trampnetz oder jede andere Dateninformationsübertragung mit sich brachte. Valentine vermutete aber, daß der Konzern auch noch etwas einpflanzte, von dem keiner von ihnen etwas wußte. Eine Art Protokolleinheit.
Als Bodyguards würden sie ständig in der Nähe irgendeines hochrangigen Wissenschaftlers sein oder rund um die Uhr ein wichtiges Vorstandsmitglied beschützen. Dabei wäre es unvermeidlich, daß sie das eine oder andere mitbekommen, daß sie nicht wissen sollten.
Dann könnten die Männer ganz oben immer dann, wenn sie es für nötig halten, die Daten ohne großen technischen oder magischen Aufwand abrufen und gegebenenfalls löschen. Valentine zweifelte auch nicht, daß ihnen ein Stück Headware implantiert wurde, daß bei Gefahrensituationen die Geschehnisse aufzeichnete, damit man sie später nachvollziehen könne. Er fragte sich nur, warum es den anderen noch nicht in den Sinn gekommen war.
Vielleicht war dem ja so und es war ihnen egal. Letztendlich konnte er auch nichts dagegen tun und das löste eine Resignation aus, die sich in dem für ihn typischen Gleichmut zeigte.
Valentine sah von seinen Unterlagen auf und schaute zu Joan, die ihn Guter Dinge und erwartungsvoll ansah.
"Wir bekommen eh alle das gleiche eingepflanzt.", sagte er desinteressiert.
Joan zog eine Schnute. "So kannst Du das nun auch nicht sagen.", sagte sie. "Warum bekommt unser Scharfschütze Hans zum Beispiel Reflexbooster, während wir nur die Lightversion bekommen?" Sie sah ihn herausfordernd an.
"Hans ist unser Scharfschütze.", antwortete Steve. "Er sitzt auf den Dächern und betrachtet die Welt um uns herum durch ein Zielfernrohr. Sobald irgend etwas schiefgeht, ist er der Mann der Stunde. Er muß als erster reagieren und folglich als erster schießen. Von seiner Reaktion hängt sehr viel ab. Deswegen ist es wichtig, daß er der schnellste von uns ist."
Joan sah Valentine erstaunt an und drehte sich dann zu Francis und Vogner um. Beide nickten anerkennend mit dem Kopf.
Joan zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder zu Valentine um: "Dann sag mir doch, Du Schlaumeier, warum bekommt keiner außer mir diese biologische Muskelverstärkung?"
"Du bist die einzige Frau in unserem Team.", begann Steve. "Und Du bist im direkten Einsatz beteiligt. Man muß damit rechnen, daß es auch zu Nahkämpfen kommt. Man will damit einen natürlichen Nachteil ausgleichen. Aus dem gleichen Grund werden Frauen auch unterschätzt, besonders, wenn man ihnen ihre Fähigkeiten nicht ansieht. Man will sich auf diese Weise einen Vorteil sichern. Deswegen auch die biologische Methode. Sie ist wenigstens so effektiv wie die herkömmliche Methode mit den Kunstmuskeln auf Myomerbasis, aber man kann sie äußerlich nicht erkennen."
Joan richtete sich auf und sah Steve mit großen Augen an. Francis pfiff leise durch die Zähne. "Sieh mal einer an:", sagte er erstaunt. "Unser Stiller ist ein heimlicher Experte!"
"Ich habe hier und da ein wenig gelesen.", wehrte Valentine ab.
"Hätte trotzdem nicht gedacht, daß Du so Bescheid weißt mit diesen Dingen.", staunte Vogner.
"Wären nicht schlecht, wenn das alle von uns wären.", gab Steve zurück, während er Joan anschaute aufstand und den Raum verließ.
Seine fast volle Tasse Tee ließ er lauwarm zurück, genauso wie seine sprachlosen Kollegen.

Der Mann in dem lächerlich aussehenden sterilen Schutzkleidung betrat den OP und hob die Hände, damit seine assistierende Schwester ihm die Handschuhe überziehen konnte.
Während sie das tat, wandte er sich zu dem versammelten Team von Biotechnikern, Chirurgen und Cybertechnikern: "Guten Tag, meine Damen und Herren: Mein Name ist Baltimore, Harald Baltimore. Einige von ihnen kennen mich noch vom letzten Monat.
Es gab einige Komplikationen mit dem Flug von Mordikai. Irgendeine Schlechtwetterfront oder so in der Nähe von Frankreich. Deswegen trifft mein Kollege erst morgen ein. Ich soll ihn solange vertreten.
Wir fangen deswegen heute mit dem Interface für die optischen und motorischen Systeme des Patienten an und setzen morgen die entsprechende Hardware ein. Mein Kollege Mordikai kann dann Übermorgen die restlichen Interfacesysteme implantieren und die restliche Headware einsetzen.
Fräulein Winkler, würden sie bitte den Resonator holen? Dann können wir auch anfangen.
Ist der Patient schon anästhesiert? Gut! beginnen wir mit den übrigen Vorbereitungen; wir haben einen engen Zeitplan!"...

Valentine erlebte die Narkose auf eine ganz besondere Weise. Da er solch eine schreckliche Angst vor der Operation hatte, war Joan vorher bei ihm gewesen und hatte ihm Mut gemacht und ihm die Hand gehalten. Um ihn zu beruhigen hatte sie ihm erzählt, wie sie einmal im Dienst angeschossen wurde und wie sie die Operation erlebt hatte, die unter Vollnarkose lief.
"Du bekommst gar nichts mit.", beruhigte sie ihn. "Du siehst nur, wie jemand an den Kontrollen herumfummelt, und schon befindest Du Dich im Traumland. Das nächste, was Du mitbekommst, ist, wie Du mit schrecklich schweren Gliedern in Deinem Bett aufwachst. natürlich hat man dann noch ein wenig Schmerzen, aber da ist sofort eine Schwester da, die Dir irgend etwas spritzt.
Und glaub mir, nach einer Dosis Neoskopolamin würdest Du mit einem Grinsen auf dem Gesicht mit ansehen, wie jemand Dein Bein absägt. Tatsächlich bekommst Du nicht viel mit. Die meiste Zeit ist alles Dunkel um Dich."
Valentine stellte gerade fest, daß die Erlebnisse von seiner Kollegin nicht der Wahrheit entsprechen, oder sie einfach andere Erinnerungen an ihr Erlebnis hat.
Als ihm die Narkose verabreicht wurde und er sich der bevorstehenden Operation bewußt wurde, war das fast wie ein Schock. Es schien ihm fast so, als würde die Angst, die er bis jetzt unterdrückt hatte, mehr oder weniger, ihren Weg gefunden haben.
Er spürte förmlich, wie sich seine Seele vom Körper löste. Auf einmal stand er neben sich und konnte die Ärzte sehen, wie sie um ihn herum standen und ihm Injektionen gaben, während man ein schweres und unförmiges Gerät über sein Kopf schob.
Jetzt sterbe ich, dachte Valentine. Ich sterbe an dem Schock, und es ist noch nicht einmal etwas passiert.
Irgendwo hatte er gelesen, daß einem alles gleichgültig und sogar fröhlich vorkommen soll, wenn man stirbt. Außerdem soll man einen Tunnel sehen und an seinem Ende ein Licht.
Valentine sah nirgendwo einen Tunnel. Und gleichgültig oder fröhlich war er auch nicht.
Er hatte immer noch schreckliche Angst. Außerdem sahen die Ärzte so komisch aus. Sie schienen von innen heraus rötlich zu glühen. Eine Aura aus Farben schien sie zu umgeben.
Gefühle. Valentine hatte die seltsame Eingebung, die Gefühle der Personen empfinden zu können, die sich an seinem Körper zu schaffen machten. Die Ärzte strahlten eine routinierte Gleichgültigkeit aus. Lediglich zwei der Schwestern waren ein wenig nervös.
Was ihm noch auffiel waren die schwarzen Flecken im Kopf der Spezialisten und teilweise auch im Körper. Er konnte sich darauf keinen Reim machen. Aber das Schwarz hatte die gleiche Intensität wie das der technischen Geräte, die den OP ausfüllten.
Vielleicht waren die Ärzte krank.
Valentine tat den Gedanken als eine hirnrissige Illusion seiner Narkose ab, wie alles erlebte. Es wäre schon seltsam gewesen, wenn alle Chirurgen auf einmal von einer Hirnkrankheit befallen wären.
Nach einer Zeit, die ihm wie eine kleine Ewigkeit vorkam, spürte er das fast schmerzhafte sehnsüchtige Verlangen, in seinen Körper zurückzukehren. Bevor er dem Verlangen zwangsweise nachgab, sah er, spürte er, wie die Ärzte in aufkeimender Panik zu den Monitoren stürzten und an den Kontrollen rumspielten. Mit den Farben der Besorgnis in der Aura beugten sich die Schwestern über seinen Körper, während er wieder in ihn zurückfuhr und in seliger Dunkelheit versank.
Solche und ähnliche Erlebnisse hatte er derer mehrere Male. Jedesmal glaubte er mit ansehen zu können, wie die Ärzte seinen Körper mit ihren Instrumenten vergewaltigten. Sicher war er sich nie. All die seltsamen Farben und das komische Licht weckten in ihm den Gedanken an einen unangenehmen und aus Angst geborenen Alptraum, mit denen er die Schrecken seiner Operation durchlebte.

Winter eilte zum OP. Auf halbem Wege traf er Meyer, den er von seiner Sekretärin hatte benachrichtigen lassen. Als er in seinem Büro heute morgen ankam und in seinem persönlichen Ordner die eMail des Ärzteteams las, wollte er dort zuerst anrufen, aber Dr. Baltimore kam ihm zuvor. Am Telefon erzählte er etwas von Komplikationen unerklärlicher Art.
Winter hatte sich sofort auf den Weg gemacht und seiner Sekretärin aufgetragen, Meyer zu informieren. Die Situation im OP klang ernst, und es ist in seiner Laufbahn, soweit er sich erinnerte, niemals zu Problemen gekommen, wenn irgendwelchen Personen kybernetische Implantate eingesetzt wurden.
"Wissen sie schon näheres?", fragte Meyer seinen Kollegen.
Winter schüttelte den Kopf. "Nichts, was ihnen etwas erklären würde. Dr. Baltimore erzählte nur von irgendwelchen Komplikationen, die er sich nicht erklären kann und von ständigen Zusammenbruch des Patienten auf dem Operationstisch."
Meyer runzelte die Stirn. "Wie kann denn so etwas passieren?", wunderte er sich. "Was soll dem Jungen denn eingepflanzt werden?"
"Das Übliche.", erklärte Winter seinem Kollegen:" Smartgunverbindung, Blitzkompensator und Teleaugen. Die elektronische Variante."
Meyers Stirn legte sich wieder in Falten. "Das klingt doch alles ganz harmlos. Kommt da noch mehr hinzu?"
"Eigentlich schon. Aber durch die Komplikationen wurde die Operiation abgebrochen. Sie halten ihn weiterhin anästhesiert und unter Beobachtung.
"Was kann der Grund für die Komplikationen sein?"
Winter zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht. Dr. Baltimore ist ein Experte seines Faches. Eben das stimmt mich ja auch so besorgt. Wenn er schon beunruhigt ist, muß es was ernstes sein."
Meyer dachte nach. "Es geht doch um Valentine, oder?"
Winter nickte.
"Valentine.", brummte Meyer und schüttelte den Kopf. "Der Junge macht nur Sorgen. Ist es nicht seltsam, daß er mit der Technik auf so schlechtem Fuß steht?"
"Ähnliche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht.", gab Winter zu und seufzte.

"Ich kann es mir nicht erklären.", begann Dr. Baltimore. Er wirkte leicht verzweifelt, fast verärgert. Sein Ruf als Experte war etwas, worauf er mit Recht stolz war. Normalerweise führte er Operationen durch, in denen kybernetische Implantate eingesetzt werden, die als heikel gelten und er wurde auch gerufen, wenn es Komplikationen gab. Denn im Normalfall wußte er mit jedem Problem fertig zu werden. Diese Operation war eigentlich unter seiner Würde und er tat es einem Kollegen zuliebe. Und nun das!
"Wir hatten den Patienten anästhesiert und wollten gerade die Kulturen injizieren, als die ersten Komplikationen auftraten.
Der Patient wurde auf einmal Komatös und seine Werte sanken allesamt fast auf Null."
"Was war der Grund dafür?", wollte Winter wissen.
Baltimore hob hilflos die Hände. "Wir wissen es nicht! Es passiert spontan und unwillkürlich. Und wir konnten ihn nie stabilisieren."
"Wie geht es ihm jetzt?", fragte Meyer und schaute an Baltimore vorbei zu der Plexwand, hinter der sich der Operationssaal befand und wo die Ärzte sich um den Patienten kümmerten.
"Es geht ihm gut.", antwortete Baltimore. Er hob die Hände, um die Fragen abzuwehren, die auf seine Aussage unweigerlich kommen mußten. "Ich weiß,", sagte er "es klingt seltsam und widersprüchlich. Aber in diesem komatösen Zustand, in den er wie willkürlich fällt, ist nicht so lebensbedrohlich, wie wir am Anfang annahmen.
Als wir herausfanden, daß es uns nicht gelang, den Patienten aus seinem Koma zu holen, unterbrachen wir die Operation und nahmen Untersuchungen vor.
Dieses Koma ist wie eine Art Scheintot. Alle Lebenszeichen sind zwar vorhanden, aber nur minimal. Und der Patient hat sich bis jetzt aus jedem dieser, sagen wir mal Anfälle, erholt."
"Jedem?", rief Meyer erschrocken. "Heißt das, er hatte mehrere?!"
"Wie viele "Anfälle" gab es denn bisher?", fragte Winter.
"Während der ganzen Operation? Etwa vier."
"Und wie lange dauerten sie"
Baltimore überlegte. "Unterschiedlich. Der erste war etwa eine Stunde lang, die folgenden sehr viel kürzer, nur Augenblicke. Der letzte war der längste, er dauerte über Fünf Stunden an."
Winter wollte noch eine Frage stellen, aber da ging die Tür auf.
Ein schlanker, fast hagerer Mann kam herein stolziert und betrachtete alle Anwesenden eingehend, aber mit einem kühlen und arroganten Blick, wie wohl ein König seinen Hofstaat betrachten würde.
Ein Magier, dachte Winter und leichte Abneigung wallte in ihm hoch. Er hatte nichts gegen Magie oder magisch begabte Personen. Normalerweise waren sie ein unschätzbare Bereicherung beim Personenschutz. Aber Winter hatte selten einen Magier getroffen, der nicht seine Arroganz wie eine Aura mit sich herumtrug und seine Geringschätzung für Normalsterbliche offenkundig zur Schau trug. Er mochte solche Menschen generell nicht. Und es schien, daß Magie solche Eigenarten bei Menschen wie eine Begleiterscheinung verfolgte.
Winter schaute zu Meyer, dessen Augen unter den zusammengekniffenen Lidern blitzten.
Er wußte, daß auch sein Kollege es überhaupt nicht leiden konnte, wenn jemand eine Haltung zutage legte, mit der er anderen Menschen einen Respekt abverlangte, den sie eigentlich nicht verdienten. Der Magier trug einen ähnlichen Anzug wie die Wissenschaftler in den Labors, aber er trug hier und da Schmuckstücke wie Amulette oder Ohrringe und Armreife.
Das Abzeichen, daß über seiner rechten Brust in den Kittel gestickt war, zeichnete ihn als medizinischen Wissenschaftler der magischen Forschungsgruppe aus.
Baltimore muß wirklich sehr verzweifelt sein, dachte Winter.
Ohne die beiden Leiter der Personenschutzgruppe eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Magier auf Dr. Baltimore zu und baute sich vor ihm auf.
"Einen Schönen Tag.", schmalzte er. "Sie sind Herr Baltimore?"
"Ja, guten Tag. Ihr Name ist?...."
"Theodor Formella. Warum haben sie nach mir schicken lassen?"
Meyer räusperte sich hörbar, der Magier schien das nicht zu hören.
Schicken lassen, dachte Meyer, wer redet denn noch so?!
"Wir haben hier einige Komplikationen mit einem Patienten.", erklärte Baltimore ohne weiter Umschweife. "Er hat in unregelmäßigen Abständen immer wieder Anfälle, die ihn in eine Art Scheintot fallen lassen. Abgesehen von der Tatsache, daß die Lebenswerte des Patienten in den Keller fallen, scheint ansonsten paradoxer Weise alles in Ordnung zu sein. Er erholt sich jedesmal selbständig wieder."
Der Magier legte urplötzlich seine Arrogante Haltung ab und hörte interessiert zu.
"Welchem Tätigkeitsbereich geht der Patient nach?", fragte er Winter und seinen Kollegen. Er machte sich nicht die Mühe, sich zu den beiden umzudrehen.
"Personenschutz; Leibwache.", antwortete Winter. "Er hat gerade die Ausbildung abgeschlossen."
Der Magier schaute nachdenklich auf den Boden.
"Sagen sie: Wann trat der erste Anfall auf?", wandte er sich an Baltimore
"Etwa fünf Minuten nach der Narkose. Wir wollten gerade die Nanitenkulturen injizieren."
"Hatten sie die schon verabreicht, als der erste Anfall auftrat oder wollten sie gerade?", hakte der Magier nach.
"Wie ich schon sagte!", wiederholte der Docktor. "Wir wollten sie gerade spritzen, als der erste Anfall kam."
"Aha,", sagte der Magier. "Und wie viele Anfälle hatte der Patient bisher?"
"Vier."
"Alle während der Narkose?"
"Ja. Alle"
"Und wie lang dauerte der längste Anfall?"
"Über Fünf Stunden.", antwortete Baltimore pflichtbewußt. "Haben sie einen Verdacht?"
Der Magier fixierte den Spezialisten. "Ja, den habe ich. Sie haben ihn doch auch.", gab er zurück.
Dr. Baltimore nickte. "Deswegen habe ich sie rufen lassen. Ich konnte mir keinen Reim auf diese Anfälle machen. Es gab eigentlich nur eine Erklärung, die mir einfiel, die so ein Phänomen hervorrufen könnte. Aber das ist eigentlich ausgeschlossen."
"Da stimme ich ihnen zu.", sagte der Magier. "Sollte es sich allerdings anderes herausstellen, wäre das eine große Schlamperei!"
Hinter den beiden knurrte Meyer genervt. "Kann jemand von ihnen uns einfache Weltliche freundlicherweise aufklären?", rief er ungeduldig in die Runde.
Der Magier drehte sich langsam zu ihm um und schaute ihn mit diesem Blick der Geringschätzung an. "Wurden bei dem Patienten...."
"Steve Valentine.", warf Winter dazwischen.
"...wurden bei Steve Valentine die üblichen Tests durchgeführt, um magische Aktivitäten festzustellen?!"
"Natürlich!", erklärte Meyer beleidigt. "Er wurde in der Arkologie geboren. Er hat den Test wie jeder andere aus seiner Klasse mit sechzehn gemacht. Steht alles in seinen Akten."
"Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, daß einige Konzernangehörige sich dem Test entzogen haben."
"Herr Formella!", sprach Winter ihn an. Der Magier wandte sich zu dem Personalleiter. Sein Blick drückte Empörung über diese Rüde Unterbrechung aus. "In meiner Truppe gibt es einige magische Mitglieder, wie sie sicher wissen. Jedes Mitglied wird auf seine Fähigkeiten hin getestet. Wenn jemand auch nur den Hauch eines magischen Talents besäße, wüßten wir das.
Außerdem wäre es irgendeinem der Magier in der Gruppe sicher schon aufgefallen, wenn Valentine aktiv wäre."
"Kann es denn nicht sein, daß der operative Schock seine Fähigkeiten geweckt hat?", fragte Meyer.
Formella schüttelte energisch den Kopf. "Das meinte ich vorhin, als ich unmöglich sagte.
Es passiert ungeheuer selten, daß bei einem Menschen die magischen Fähigkeiten erst so spät erwachen. Nach allem was wir bisher über Magie wissen, ist es in seinem Alter eigentlich schon zu spät. Daher der Verdacht, daß seine Begabung einfach übersehen wurde."
Meyer schaute den Magier wütend an "Unterstellen sie uns etwa Schlampigkeit?!", explodierte er.
Formella sah den "Captain" an.
"Ja.", sagte er knapp und mit einem Tonfall, als wäre er überrascht, daß diese Frage überhaupt gestellt wurde. "Eine andere Möglichkeit gäbe es ja nicht."
"Wieso nicht?", warf Winter ein.
Der Magier seufzte entnervt. "Das habe ich doch eben schon erklärt. Weil es nicht sein kann, daß bei einem Menschen die magische Begabung so spät erwacht."
"Sie haben gesagt, so gut wie nie. Das schließt Ausnahmefälle ja nicht aus."
"Hören sie:", erklärte der Magier geduldig, wie bei einem Kind, das ständig mit klugen Fragen nervt.
"Die Fälle, wo so etwas passiert, können sie in der Fachliteratur nachschlagen. Dort sind solche "Ausnahmeerscheinungen" nach Datum und Name festgehalten.
So selten passiert es, daß man es in Büchern erwähnt. Man kann also wirklich schon fast sagen, daß so etwas einfach nicht passiert!"
Winter drehte den Kopf leicht zur Seite und kniff die Augen zusammen, als würde er nach etwas lauschen. "ich höre immer noch "fast" in ihrem Satzgefüge...."
Bevor der Magier zu einer verbalen Gegenattacke ausholen konnte, ging Baltimore dazwischen.
"Meine Herren!", bat er zur Ruhe. "So wird das nichts. Herr Formella, ich habe sie holen lassen, um einen etwaigen Verdacht nicht nur zu bestätigen, sondern vielleicht auch zu beseitigen. Es muß ja nicht gleich Schlampigkeit sein oder ein Sonderfall. Es könnte doch auch andere Ursachen haben. Was, wenn er ein Adept ist und sich seine Begabung immer in Streßsituationen zeigt oder bei einem sehr intimen Kontakt mit der Technik. Oder ein anderes Phänomen, Geister oder was weiß ich.
Herr Formella, sie sind der Experte. Um herauszufinden oder auszuschließen, ob es ein magisches Phänomen ist; darum habe ich sie her gebeten!"
Der Magier schaute in die still gewordene Runde. Tatsächlich, und zum erstenmal, seit er in diesem Raum war, schien er so etwas wie Beschämung zu zeigen. Eine Regung, die Winter überraschte und die er bei Formella nie vermutet hätte.
"Nun,", räusperte sich der Magier. "dann sollten wir uns den Patienten mal genauer ansehen."

Es war nicht viel, was Formella tun konnte. Genauer gesagt mußte er das auch nicht. Als er Steve Valentine askennte, sprang ihm seine Aura förmlich entgegen.
Es bestand kein Zweifel darin, daß Valentine ein magisches Potential besaß, ein sehr starkes sogar.
Theodor Formella war ein sehr geschickter und mächtiger Magier. Wenn er die Aura von Valentine betrachtete, die kräftigen Farben der Magischen Energien, die durch seinen Körper flossen, war er sich bewußt, daß vor ihm ein Talent lag, daß man fördern mußte. Valentine hatte alles, was man brauchte, um ein Vollmagier zu werden. Zumindest die arkanen Voraussetzungen.
Es gab nur ein Problem, das dem Jungen Mann auf dem Operationstisch vielleicht zu schaffen machen würde.
Sein zu spät entdecktes Talent.
Mit Erleichterung stellte Formella fest, daß man die vorgesehenen kybernetischen Modifikationen nicht implantiert hatte. Er würde nicht viele Einbußen haben, aber die wenigen würde er merken.
Ihm war dennoch schleierhaft, warum bei Valentine das Talent so spät zu Tage trat.
Formella trat aus dem OP heraus und befreite sich von dem sterilen Kleiderüberzug.
"Das ging ja schnell.", stichelte Meyer. Der Magier ignorierte ihn.
Winter und Dr. Baltimore traten an ihn heran.
"Und?", fragten der Docktor und Winter unisono.
Theodor Formella durchquerte den Raum, lies die anderen brennend vor Neugierde hinter sich stehen und nahm sich aus dem Wasserspender etwas zu trinken.
"Der Junge Mann, der da bei ihnen auf dem OP-Tisch liegt, besitzt eindeutig ein magisches Potential. Eins von besonderer Stärke."
"Was?", fragte Baltimore ungläubig. "Wie kann denn das?..."
"Es ist keinesfalls unsere Schuld, daß...", donnerte Meyer gleich los, aber Formella bremste ihn mit einer müden Handbewegung. "Ist es auch nicht.", bestätigte er.
Meyer traute seinen Ohren nicht. "Was haben sie gesagt?", fragte er verwirrt.
"Niemand kann was dafür. Ich kann es selber nicht glauben und es fällt mir sogar schwer, das zu sagen, aber sein Talent ist wohl eben erst erwacht.
Ich sollte vielleicht den einen oder anderen Verlag anrufen."
"Warum sind sie so schnell bereit, ihre Meinung von vorhin zu widerrufen?", fragte Winter.
"Bin ich gar nicht.", konterte der Magier. "Ich irre mich höchst selten und zudem noch sehr ungern. Und wenn sie wüßten, wie selten so ein Vorfall ist...
Aber es gibt keine andere Lösung.
Mit eine solch starken Aura würde er jedem Magier auffallen, an dem er zufällig vorbeiläuft. Ganz zu schweigen von all den Wachgeistern, die hier patrouillieren!"
"Was wird jetzt weiter passieren?", fragte Meyer.
"Ich werde einen Bericht schreiben müssen. Sie ebenfalls."
"Das übernehme ich.", sagte Winter.
"Gut. Diese werden wir dem Vorsitzenden des Projekts vorlegen müssen. Er wird alles weitere in die Wege leiten, um Valentines Begabung für den Konzern zu fördern und nutzbar zu machen."
"Warum traten seine Fähigkeiten erst so spät auf.", wollte Baltimore wissen.
Der Magier zuckte nur die Schultern. "Wenn ich das wüßte.
Geweckt wurden sie sicherlich durch den operativen Schock.
Winter fiel etwas ein. "Bei den Simulationen für das Leibwächtertraining gab es zweimal eine Störung. Ohne ersichtlichen Grund war das Programm nicht in der Lage, ein Gliedmaß von Valentine zu generieren. Kann das daran gelegen haben, daß sich da schon die magischen Energien in seinem Körper zeigten?"
Formella wiegte den Kopf. "Kann sein. Aber das wäre zu vage. Jetzt, wo wir es wissen. Aber der Grund der Störung hätte auch eine andere Ursache haben können."
Winter lächelte. "Eigentlich hatten wir bei der Art von Störung ähnliche Probleme wie hier bei der Operation."
Formella mußte auch lächeln. "Es ist nur schade, daß sich Seine Begabung so spät zeigt.
Wir können nur hoffen, daß sein Intellekt wach genug ist, um dieses Defizit halbwegs auszugleichen."

Valentine lag in seinem Bett und las die diversen technischen Informationsbroschüren über die Cyberware, die seinen Kollegen implantiert wurde und die ihm hätte implantiert werden sollen. Eigentlich schielte er nur deswegen auf die Zeilen, um sich abzulenken. Das allermeiste über diese Implantate wußte er mittlerweile. Und er war froh, daß dieser Kelch an ihm vorüber gegangen war.
Und der Grund für diese Tatsache war es, die ihn beschäftigte.
Er war ein Magier. Dieser neue Aspekt seines Lebens beschäftigte ihn immens.
Einerseits beängstigte ihn die Vorstellung, daß durch seinen Körper Energien strömten, über die man nur wenig wußte und die nur schwer zu beherrschen waren.
Andererseits faszinierten ihn die Möglichkeiten, die sich damit für ihn ergaben.
Von Magiern hatte jeder schon gehört. Sie waren der geringste Teil der Bevölkerung, fast auserwählt. Er hatte einmal von einem Kollegen berichtet bekommen, wie zwei Magier seine Truppe unterstützt hatten, als Shadowrunner versuchten, in die Arkologie einzubrechen. Es klang so phantastisch und unwirklich, wie es wohl auch war, aber alle die dabei gewesen sind, waren schwer beeindruckt. Dies gab ihm eine vage Ahnung von der Macht, zu der er fähig sein würde.
Dann war da noch der Astralraum. Seit der Operation war es für ihn nicht mehr weiter schwer gewesen, sich Astral zu projizieren.
Es war sehr reizvoll, immer wieder auf die astrale Sicht zu wechseln oder im Krankenhaus herumzugeistern, ohne wirklich sein Bett zu verlassen.
Es klopfte am Türrahmen.
Joan stand da. "Darf ich rein kommen?", fragte sie.
"Aber natürlich.", sagte er und winkte sie herein.
Sie selber trug einen Trainingsanzug und Hausschuhe. Ihre neue Datenbuchse glänzte frisch poliert und die Haut drum herum war noch rosa und leicht angeschwollen.
Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ans Bett.
"Was machst Du nur für Sachen?", fragte sie mit liebevollem Vorwurf. "Man hört ja nur das schlimmste."
Valentine grinste. "Es geht mir eigentlich wunderbar! Meine Wunden sind schon gut verheilt!"
"Kunststück.", winkte Joan grimmig ab. "Dir hat man ja gar nichts eingesetzt. Sie haben Dir die Schläuche aus dem Leib gezogen und Dich ins Aufwachzimmer geschoben, mit einem Blumenstrauß auf dem Tisch."
"Wo sind eigentlich die anderen?", fiel es Valentine ein.
"Francis Operationen wurden erst heute beendet. Er liegt noch im Aufwachzimmer und gibt sich seinen Schmerzen hin. Vogner schwebt noch im Bottich. Seine Nerven werden immer noch verdrahtet. Grace und Flieder sind schon wieder draußen, sie wollten uns aber heute besuchen."
"Und wie geht es Dir?"
Joan wiegte den Kopf. "Ich habe noch ein wenig Schmerzen. Es ist unangenehm, die Augen zu bewegen und ich muß mich an diese Dinger erst gewöhnen. Deswegen bewege ich mich auch so steif, wenn ich zur Seite schaue.
Außerdem ist mein Bild ist in der höchsten Vergrößerung etwas körnig. Die Ärzte sagten mir, daß das normal ist und so bleiben wird. Stimmt das?"
"Leider ja.", erklärte Valentine. "Es gibt zwei verschieden Arten von Cyberware, die Dir einen Teleskopblick verschaffen können. Die eine ist die optische Methode, die mit Hilfe von hochpräzise geschliffenen Linsen erreicht wird. Das Bild bleibt bis zum Schluß scharf, aber Du siehst aus wie ein Fisch mit Kontaktlinsen. Die andere Methode beruht auf Chips auf Deiner Retina, die das Bild von Deinem Auge rastern und elektronisch vergrößern. Von außen nicht zu sehen, aber das Bild wird in der höchsten Auflösung etwas körnig. Und diese hat man uns verpaßt. Ich denke mal, all das geschah aus der Idee heraus, uns mit Cyberware auszustatten, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Von außen läßt sich nicht erkennen, ob Deine Augen modifiziert wurden oder nicht. Du hast sogar Deine Augenfarbe behalten!"
"Das soll uns einen Vorteil geben?", wunderte sie sich.
"Ja sicher!," erklärte Steve. "Wenn man sehen kann, was alles in Dir steckt, schätzt man Dich als so gefährlich ein, wie Du bist. Man fährt dann grobe Geschütze auf, um zuerst Dich zu beseitigen, um dann an die Zielperson heran zu kommen. So aber wird es schwer sein, Dich als Bedrohung einzuordnen."
"Kann man denn die Cyberware nicht anders erkennen?"
"Natürlich kann man das. Jeder normale Metalldetektor spielt verrückt, wenn Du daran vorbeigehst.
Und Magier. Sie können die Stellen in Deinem Körper sehen, wo das Chrom sitzt."
Joan rümpfte die Nase und sah Steve spitz an. "Du weißt das jetzt wohl aus eigener Erfahrung!?"
Das war nicht unbedingt positiv gemeint. Ihr Tonfall lies da keine Zweifel zu. Abgesehen von dem allgemeinen Mißtrauen, den man Magiern entgegenbrachte, war da noch ein Problem, daß es Joan schwer machte, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, daß Steve Valentine jetzt ebenfalls zu der Minderheit der Menschen gehörte, denen sich die Welt der arkanen Mysterien öffnete. Und sie machte keinen Hehl daraus, daß es sie störte.
"Steve. Ich weiß, daß Du das kannst.", fuhr sie ihn an. "Aber ich warne Dich: Wenn Du mich jemals mit Deinem Magierblick anschaust..."
"Askennen.", erklärte Steve.
"Wie auch immer!", donnerte sie "Solltest Du das jemals tun, und ich bekomme das heraus, breche ich Dir alle Knochen in Deinem Leib!!"
"Du wurdest doch schon zig Male von Magiern askennt, allein bei Routineüberprüfungen nach den Einsätzen!", wandte Steve ein
"Das gefiel mir ebensowenig!! Außerdem ist das noch etwas anderes! Die kannte ich nicht. Ich will einfach nicht, daß Du so etwas intimes von mir kennst!"
"Herrje, wenn es Dir so wichtig ist...".
"Ist es mir.", sagte Joan mit dem Tonfall, der keine weitere Diskussion zulassen würde. Ihr Blick wurde wieder einige Nuancen weicher. "Wie geht es jetzt eigentlich mit Dir weiter?", fragte sie.
"Ich werde nächste Woche einem Konzernmagier unterstellt, der mich ausbilden wird. Wahrscheinlich bleibe ich aber den "Guardian Angels" unterstellt. Die brauchen noch Magier. Und da ich die Ausbildung schon durchlaufen habe, bin ich in der engeren Wahl."
"Wie lange wird denn Deine Ausbildung dauern?"
Steve zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Das kommt wohl ganz darauf an, wie geschickt ich mich anstelle."
"Dann werden wir Dich ja gar nicht mehr sehen!"
"Die nächste Zeit wohl leider nicht. Aber ich kann ja mal vorbeikommen und sehen, was ihr so macht."
"Das ist wohl das mindeste!", sagte Joan wieder mit dem Unterton, der keinen Widerspruch duldete. Aber sie lächelte dabei. "Ich gehe mal zu Francis. Vielleicht ist er jetzt ein wenig besser drauf. Bis nachher!"
Sie verließ das Zimmer.
Steve lehnte sich zurück und schaute Joan mit einer Mischung von Unbehagen und Verwunderung nach.
Ihm war noch gar nicht in den Sinn gekommen, daß sich seine Freunde an seiner neuen Begabung stören könnten.
Es ärgerte ihn, daß er daran gar nicht gedacht hatte.
Schließlich hatte er bisher Magiern auch mißtraut. Und es gefiel ihm ja auch nicht, zu wissen, daß ein Magier ihn askennt, einfach, weil er in der Nähe war.

Java Inobbassa stand an der Tür, und sie sah aus wie jede andere. Steve wußte nicht, was er erwartet hatte, aber den allgemeinen Schilderungen nach waren Magier exzentrische, eigensinnige und meist auch eingebildete Personen. Und sie bekamen sehr viele Sonderrechte. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, daß an der Tür Sterne klebten oder Amulette hingen. Vielleicht auch Verzierungen. Oder ein Namensschild das mit "Hier wohnt der große..." begann.
Aber da war nur ein ganz normales Schild.
Steve wechselte in die astrale Wahrnehmung, sah aber nur eine Rote Wand, hinter der die Tür schimmerte.
Wohl eine Art magischer Schutz, dachte er. Nur wovor?
Auch egal.
Steve wollte klopfen, aber da ging schon die Tür auf. Das war etwas, womit er nicht gerechnet hatte.
Mit erhobener Faust stand er vor der Person, die die Tür geöffnet hatte.
Steve betrachtete die Person ebenso unverhohlen, wie sie es mit ihm tat.
Ein Riese von einem Mann. Braungebrannte Haut und dunkle Augen, die prüfend und mißbilligend Steve musterten. Er schätzte ihn auf etwas über fünfzig Jahre, auch wenn er etwas jünger von seinem Äußeren her aussah. Die Augen allerdings, die Steve so kritisch musterten, wirkten um sehr vieles älter. Der riesige Mann hatte kurze schwarze Haar und trug einen einfachen Pullover und eine weite Hose aus einem Stoff, den Steve nicht kannte, den er aber für irgend etwas natürliches hielt. Aus echten pflanzlichen Produkten und herzhaft teuer.
Muskeln, genug um einen Troll neidisch zu machen, spannten sich unter dem Pullover. Der Mann vor ihm sah eher aus wie ein Bauarbeiter denn wie ein Magier.
"Steve Valentine!", stellte der Mann fest.
"Das haben sie erkannt?", wunderte sich Steve.
Der Mann schüttelte den Kopf. "Aber ich habe Dich erwartet. Du bist übrigens zu Spät."
Steve schaute auf seine Uhr. "Bin ich nicht.", widersprach er. Der Mann runzelte die Stirn, als wäre er verärgert.
"Nicht?", fragte er und drehte sich zu seinem Zimmer um. "So ein Ärger! Dann geht die Uhr doch vor!"
Der Mann verschwand in der Wohnung, winkte aber Steve hinter sich her.
Steve folgte brav und wunderte sich, wieso die Uhr nachgehen konnte. Dann aber sah er das Büro und erlebte eine Überraschung.
Es sah genauso aus, wie in den Trids, die Steve gesehen hatte. Alles war aus dunklem Holz, der hohe Lehnstuhl, der massive Schreibtisch und die ganzen Regale voller Chips, Minidisks und Büchern. Echten Büchern!
Steve hatte in seinem Leben wenige Bücher gesehen. Und jetzt auf einmal so viele davon, und sie schienen alle älter zu sein als die letzten beiden Jahrhunderte.
An den Wänden hingen Plakate und Poster von Diagrammen, Tabellen und irgendwelchen Wesen, die Steve nie zuvor gesehen hatte. Einige sahen aus wie in den Trids. Und einige Truhen standen an den Wänden. Auf dem Schreibtisch stand ein Datenlesegerät und ein Telekomgerät.
Es wirkte eigentlich nicht wie ein Stilbruch, sondern gab dieser Atmosphäre des Zimmers noch mehr Behaglichkeit, die immer einher ging mit dem Geheimnisvollen. Im Gegensatz zu den anderen Büroräumen, die Steve gesehen hatte, war die Fensterfront hier ziemlich klein. Man schien sie nachträglich mit einer Holzverkleidung verändert zu haben.
Der Riese bückte sich vor einer riesigen, uralten Standuhr und öffnete den Kasten.
Erstaunt sah Steve, daß im inneren kein bißchen Tech zu sehen war. Statt dessen nur zwei feine Ketten mit zapfenförmigen Gewichten und ein Pendel. Das ist eine echte, antike Uhr, erkannte Steve, oder ein teurer Nachbau. Allerdings hatte sich der Magier darüber beschwert, daß sie nachging, also mußte es wohl eine echte sein.
Steve überlegte. Magier müssen sehr reich sein. In jedem Verhältnis.
"Setz Dich ruhig.", brummte der Riese dumpf aus dem Uhrenkasten. "Einfach da auf die Couch."
Steve sah sich um und entdeckte die alte, mit dunkelrotem Stoff bespannte Couch. Sie war unter Diagrammen, Büchern und haufenweise Hardcopies verborgen. Steve schob vorsichtig einige der Karten vorsichtig beiseite und setzte sich auf die Kante.
"Hast Du jemals vorher etwas mit Magie zu tun gehabt?", klang hohl die Stimme aus der Uhr.
"Ich habe nur einmal erzählt bekommen, wie zwei Magier bei einem größeren Einsatz unsere Truppen unterstützt hatten. Und sonst habe ich nur alle Folgen von "Die konischen Koven" gesehen."
"Oh Gott.", seufzte es im Uhrenkasten. Der Riese schob seinen Kopf aus der Uhr und drehte sich zu Steve um. "Darüber reden wir später noch einmal ausführlich." sagte er eindringlich und Steve nickte nur. Jetzt kam ihm seine Antwort selber dumm vor.
"Aber Du selber hast noch nie irgendwelchen Kontakt mit Magie gehabt?"
Steve schüttelte den Kopf. "Nicht, daß ich wüßte."
"Hm.", brummte der Magier nachdenklich. Dann drehte er sich um, schubste das Pendel an und schloß die Tür der Uhr.
Er stand auf und ging zu Steve. "Hilf mir mal." forderte er ihn auf und bückte sich zum Teppich.
Steve stand ebenfalls auf und griff nach dem anderen Ende. Zusammen legten sie einen großen, mit weißer Farbe auf den Boden gemalten Kreis frei, der mit sonderbaren Zeichen und Symbolen versehen war. Die meisten der Symbole waren außerhalb des Kreises an gekennzeichneten Stellen aufgemalt, einige wenige waren im Kreis an den Ecken diverser Diagramme angelegt.
Als der Kreis vollständig freigelegt war, zeigte der Magier in dessen Mitte. "Setz Dich.", forderte er Steve auf. Er sah den Magier erschrocken und unsicher an.
Der Riese seufzte und winkte. "Das ist ein hermetischer Kreis. Eine Art magische Antenne und Verstärker. Und auch eine Art Schutzkreis. Dir kann nicht passieren!"
"Ihr Wort in Gottes Gehörgang.", murmelte Steve und setzte sich, immer noch nicht völlig überzeugt, in den Kreis.
"Mach es Dir bequem.", empfahl ihm der Magier. "Und entspanne Dich. Das wird ein wenig dauern."
Dann nahm er einen Kristall aus einer der Truhen und setzte sich in den hohen Sessel.
Er atmete mehrere Male tief ein und aus und schloß dann die Augen.
Sein Kopf sank nach vorne auf seine Brust und der Kristall begann, schwach zu glühen.
Da Steve nicht wußte, wie er sich verhalten sollte, schloß er ebenfalls die Augen und entspannte sich.
Ohne es richtig zu bemerken, glitt er in den Astralraum über. Das überraschte ihn. Normalerweise kostete es ihn mehr Anstrengung.
Der Raum des Magiers sah so ganz anders aus als die meisten anderen, die Steve bisher astral betrachtet hatte. Das viele Holz leuchtete und gab dem Raum eine angenehme Farbe. Und die Bücher. Die Bücher hatten eine Ausstrahlung, die Steve nur schwer beschreiben konnte.
Und es gab Dinge, die richtig zu gleißen schienen. Objekte wie der Kristall. Steve entdeckte viele davon, mehr, als ihm am Anfang aufgefallen war, als er zum ersten mal in den Raum kam.
Und er sah den Magier. Eine große, machtvolle Gestalt, die im Raum schwebte.
Die Haare waren länger, der Körper schlanker, nicht ganz so muskulös und athletisch. Die Gestalt sah würdevoller und erhabener aus.
"Geh wieder zurück.", befahl ihm der Magier. "Du mußt in Deinem Körper bleiben. Sonst klappt das hier nicht."
Erschrocken fuhr Steve wieder zurück.
Viel blieb ihm danach nicht mehr zu tun. Es war sogar fast langweilig. Anfangs spürte er noch die Auswirkungen der magischen Energien, und wenn er in die astrale Sicht wechselte, sah er die wundervollen Farben, die gleich kleinen Wesen oder Tieren durch den Raum huschten und sich um ihn gruppierten, nur um sich ein wenig später aufzulösen. Aber das war schon nach kurzer Zeit vorbei, und auch das Gefühl der arkanen Energien war nicht mehr so aufregend.
Also begnügte er sich damit, einfach entspannt dazusitzen und abzuwarten.
Irgendwann, Steve konnte nicht sagen, wieviel Zeit vergangen war, aber wenn er der alten Standuhr glauben schenken konnte, waren ein wenig mehr als Eineinhalb Stunden vergangen, brach das Gefühl der Magie, wie sie durch den Raum strömte, ab und der Riese auf seinem Stuhl richtete sich seufzend auf.
Er legte den Kristall auf den Tisch, griff nach einem Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken.
"Leg bitte den Teppich wieder zurück an seinen Platz.", bat er Steve.
Er stand auf und erfüllte die Bitte, beobachtete dabei den Magier verstohlen aus den Augenwinkeln.
Erschöpft und ein wenig müde saß er auf seinem hohen Sessel und wartete, bis sich seine Kräfte wieder erholten.
Steve hatte sich wieder auf die Couch gesetzt, als der Magier aufstand. "Nun,", begann er. "Soweit ich das beurteilen kann, scheinen Deine Kräfte tatsächlich gerade erwacht zu sein. In der Tat erstaunlich! Vor allem, wenn man das Potential beachtet!"
"Was genau haben sie gemacht?", fragte Steve und schaute an sich herab.
"Dich geprüft. Auf Fremdeinflüsse von Magie.", antwortete Java. "Das die Kräfte bei einem Menschen so spät erwachen, ist sehr ungewöhnlich."
Steve rollte mit den Augen. "Das habe ich die letzten Tage ziemlich oft gehört."
"Kann ich mir vorstellen.", grinste Java. "Aber es scheint tatsächlich so zu sein. Ich konnte keine Spuren von Magie feststellen. Und glaube mir: Eine Magie, welche die Kräfte eines Magiers auf so lange Zeit hin unterdrückt, muß verdammt stark sein!"
"Werde ich jetzt eigentlich von ihnen unterrichtet?", fragte Steve, dem einfiel, warum er überhaupt hierher beordert wurde.
Java stemmte seine riesigen Fäuste in die Hüften und grinste breit über das ganze Gesicht.
"Ich muß wohl. Du wurdest mir zugewiesen. Abgesehen davon bekommt man nicht alle Tage einen Burschen mit solch einer Begabung."
Er drehte sich zum Regal um und kramte einige Discs und Chips heraus.
"Das ist Stoff für einige Monate.", sagte er zu Steve und reichte ihm Daten. "Das solltest Du gründlich lesen, damit Du weißt, worum es in der Magie überhaupt geht. Und noch etwas:
Vergiß bitte alles, was Du in irgendwelchen Serien über Magier und Schamanen gesehen hast!
Das ist bis auf einige Details völliger Unsinn!!"
Steve nickte gehorsam. Etwas in der Art hatte er sich schon gedacht.
"Ich werde dafür sorgen, daß Du einen Ausweiß für die Bibliothek bekommst.
Nächsten Monat beginnt dann Deine Ausbildung.", Java klopfte Steve auf die Schulter. "Verabschiede Dich schon mal von Deinem bisherigen Leben."
Steve, der gerade gehen wollte, hielt inne. "Was meinen sie damit?", fragte er alarmiert.
Java lachte wieder. "Ja denkst Du, für andere Dinge wirst Du noch Zeit haben?", Er schüttelte den Kopf "Magie ist kein Hobby, oder ein Studienfach. Magie ist eine Lebensweise! Zumindest für uns Auserwählte! Wenn Du die Daten liest, die ich Dir gegeben habe, wirst Du das schon feststellen.
Die Magie wird Dein Leben von Grund auf verändern. Und außerdem,", fügte er mit einem seltsamen Augenzwinkern hinzu. "Werde ich Dich wirklich hart dran nehmen!
Deine Gabe kommt spät, also haben wir viel zu tun!"
Steve schluckte. Er hätte es sich denken können.
Was soll's. Bisher hatte er sich jeder neuen Sache gestellt. Und Herausforderungen suchte er schon seit langem. Sonst hätte er sich auch nicht bei den Guardian Angels gemeldet.
Vielleicht bekam er doch noch eine Chance, aus seinem Leben etwas größeres zu machen!
"Ich werde mein Bestes geben.", versprach er seinem Meister.
Und seine geistige Formulierung über seinen neuen Lehrer wunderte ihn.

Java Inobbassa werkelte wieder an seiner Standuhr herum. Sie ging immer noch nach.
"Es fehlt eigentlich nur ein wenig Öl.", sagte eine Stimme aus Samt und Wasser. "Du kannst jedes synthetische Gleitmittel nehmen. Die Rollen für die Pendelgewichte gehen ein wenig schwer. Wenn Du sie ölst, wird die Uhr nicht mehr nachgehen."
Java setzte sich vor der Uhr hin und betrachtet seufzend das Innenleben.
"Als würdest Du Dich mit Uhren auskennen.", murmelte er.
Hinter ihm manifestierte sich eine Gestalt. Eine wunderschöne junge Frau, mit schulterlangen, blonden Haaren und einem Lächeln, daß selbst einen Drachen nicht kaltgelassen hätte.
Ihr Kleid sah aus, als wäre es dem Theaterfundus von Hamlet entwendet worden.
"Das war lange nach meiner Zeit, als Uhren erfunden wurden.", säuselte sie. "Es gibt vieles, von dem Du nicht weißt, daß ich es beherrsche."
"Genau das sind meine größten Sorgen.", entgegnete Java zynisch.
"Was hältst Du eigentlich von unserem neuen Schüler?"
"Ein wahres Geschenk!", lachte sie. "Nur sein Alter..."
"Ja, Es ist schon fast zu spät. Ich kann nicht sagen, wie sehr es ihn am Weiterkommen hindern wird, aber ich denke, es wird merkbar sein. Wenn man ihn von allen Aufgaben befreine würde und ich ihn eineige Jahre eunfach nur ausbilden könnte..." Java schloß den Uhrenkasten und stand auf. "Vielleicht sollte ich mit Musaru reden."
"Er wird es nicht gestatten.", sagte die Junge Frau.
"Das ist ja das schlimme.", seufzte Java. "Du hast höchstwahrscheinlich recht. Musaru würde mich mit dem Argument abschmettern, daß magische Talente mit solch einem Potential nicht in irgendwelchen Büchereien verrotten sollen und daß er wieder als Bodyguard arbeiten wird. Ich kann mir das Gespräch eigentlich sparen."
Java sah auf. "Glaubst Du, daß er es trotzdem zu einem großen Magier bringen kann?"
Die schöne Gestalt zuckte mit den Schultern und löste sich wieder auf.

Es klopfte.
Steve Valentine beeilte sich, zur Tür zu kommen und sie zu öffnen. Er kannte nur eine Person, die nicht die Klingel benutzte. Damals, als beide noch bei ihren Eltern wohnten, kam sie auch immer in sein Zimmer und klopfte vorher an den Türrahmen.
Er öffnete die Tür und vor ihm stand eine schlanke hochgewachsene junge Frau. Ihr blonden Haare reichten ihr knapp unter das Kinn und waren somit ebenso lang wie die von Steve. Zwei Datenbuchsen glänzten im Matten Licht der Flurbeleuchtung an ihrer hohen Stirn
Viel frappierender waren die Ähnlichkeiten bei den Augen und bei der Nase. Die hatten sie beide von ihrer Mutter geerbt, eine schmale, gerade Nase, die die Wangenknochen bei ihr betonten.
Im Gegensatz zu Steve wirkte dieses Merkmal bei ihr nicht so arrogant, sondern einfach nur schön.
"Bruderherz!", rief sie aus und fiel Steve um den Hals. "Was hört man von Dir nur für Sachen!
Und warum meldest Du Dich nicht bei Deiner Schwester? Du weißt doch, daß ich mir immer gleich Sorgen mache!"
Steve schlang seine Arme um seine Schwester und versuchte gleichzeitig, unter dem herzhaften Druck ihrer Umarmung ein wenig Luft zu bekommen.
"Ich hatte viel um die Ohren. Aber ich wollte mich sowieso bei Dir melden!"
Sie löste sich ein wenig von ihm, ohne ihn jedoch loszulassen und schaute ihn mit übertrieben gespielter Kränkung in die Augen: "Wann?"
"Demnächst. Bald. Eigentlich wollte ich es schon heute tun."
"Sicher.", sagte sie spöttisch und lächelte schief. "Und irgendwann in den nächsten zehn Jahren, wenn Du als Obermagier an der Seite des Vorstandes sitzt, lese ich über Dich im Bulletin. Das nennst Du dann "ich habe mich bei Dir gemeldet"!"
"Suzanne...", seufzte er und setzte zu Gegenargumenten an. Aber es hatte keinen Sinn. In dieser Laune würde sie ihm alles im Munde herumdrehen und er wäre der undankbare, herzlose Bruder, der seine Arme Schwester im unklaren gelassen hat, so daß sie sich all die Jahre in Sorge grämt. Das Spiel zog sie jedesmal durch, wenn er sich längere Zeit mal nicht meldete. Zu ihrer Entschuldigung fiel ihm ein, daß eigentlich immer sie es war, die sich bei ihm meldete, obgleich ihre Arbeit sehr viel unerwartete und flexiblere Arbeitszeiten abverlangte.
"Woher weißt Du eigentlich von meiner neuen Situation?", viel ihm ein. "Du hast Doch nicht meine Daten durchgesehen?"
Suzanne drehte sich um und lachte, während sie in der Küche verschwand. "Das habe ich gar nicht nötig! Hiro hat mir alles erzählt! Willst Du Tee? Ich habe echten mitgebracht! Oder lieber Champagner? Zur Feier des Tages!"
"Hagebutte?", fragte Steve hoffnungsvoll.
"Ich weiß doch, was Du magst!", lachte sie aus der Küche.
"Zuerst den Tee.", bat er in Gedanken versunken.
Hiro. Meinte sie etwa Hiro Takashi?
"Slash?", rief er ihr zu. "Meinst Du etwa den Decker aus meiner Abteilung?"
Suzanne kam aus der Küche. "Er ist Computerexperte und Datenbeschaffer.", rügte sie milde. "Decker, so nennt man die Leute in den Straßen, die unsere Systeme ständig stören. Oder willst Du mich auch als Decker bezeichnen?"
Steve hob abwehrend die Hände. "Wenn dann Deckerin. Sag mal, Du kennst Slash?"
Wieder dieses Lächeln. "Ich war eine Zeitlang mit ihm zusammen, als wir noch in der selben Abteilung arbeiteten. Wir haben immer noch einen guten Draht zueinander."
Steves Augen weiteten sich. "Du warst mit Hiro zusammen?! Das wußte ich gar nicht!"
"Da sieht man mal wieder, wie Du Dich um Deine Schwester kümmerst."
"Er hat mir gar nichts davon erzählt!"
"Er wußte nicht, wie wir zueinander stehen.", erklärte Suzanne. "Deine Schweigsamkeit und daß Du nicht auf ihn zugegangen bist, ließ ihn denken, wir würden uns nicht verstehen oder so. Als er in Deine Abteilung kam, wußte er sofort, wer Du bist und dachte, Du wüßtest es auch von ihm. Dein Verhalten verunsicherte ihn. Und er ist zu höflich, um sich so ohne weiteres in fremde Familienangelegenheiten einzumischen."
"Er war immer sehr nett zu mir.", fiel es Steve ein.
"Er kann Dich halt gut leiden. Es gibt ja auch keinen Grund, weswegen nicht."
"Freut mich zu hören.", murmelt Steve erleichtert. Aus der Küche drang ein Piepsen.
"Hast Du Irgendwo noch etwas Gebäck zum Tee?", fragte Suzanne, während sie wieder in die Küche eilte.
"Im Oberen Fach, glaube ich.", rief Steve ihr hinterher. "Ansonsten in der Tiefkühltruhe, so ein Mikrowellenzeugs."
"Bäh!", scholl es aus der Küche. "Das schmeckt doch widerlich! Hat Dir keiner gesagt, daß Magier auf ihre Ernährung achten müssen?"
Steve zog die Augenbrauen zusammen. "Noch bin ich keiner!"
"Deswegen wirst Du mir jetzt alles in Ruhe erzählen", lächelte Suzanne und stellte den Tee und den Teller mit dem Gebäck auf dem Tisch ab.

Zwei Tage später fing die Lehre von Steve Valentine an.
Java war ein geduldiger, aber strenger Lehrer. Er war gnädig, wenn Steve die Grundlagen mal nicht so schnell lernte, aber er verzieh es nicht wenn man Fehler machte. "Ein Magier darf sich nicht erlauben, schlampig zu sein.", wiederholte er immer. "Es gibt Dinge in der Magie, die man nicht erklären kann, geschweige denn kontrollieren. Ein Fehler, und das beste, was Dir passieren kann, ist, daß Du stirbst. Deswegen ist es ungemein wichtig, daß Du sorgfältig und fast schon penibel die Formeln lernst! Laß Dir Zeit, wenn Du etwas nicht gleich verstehst, aber mach keine Fehler!"
Ein anderer Grund war wohl auch, daß seinem Lehrer die Themen vorgegeben waren. Das war eine Sache, die Java zutiefst ärgerte. Bei "Kampfmagiern", so wie der Konzern es nannte, ließ man den Ausbildern wenig Freiheiten. Der Lehrplan und die Themen wurden meist vorgegeben, und des weiteren mußte der Schüler Lehrveranstaltungen der Universität des Konzerns besuchen. Dennoch ließ Steve es sich nicht nehmen, bei Fragen oder ungeklärten Themen zu seinem Meister zu gehen und ihn um Rat zu fragen. Die Wissensfülle seines Mentors war schier unergründlich und Steve fragte sich oft, warum er überhaupt zur Universität gehen sollte. Sicher, Java hatte in vielen Dingen seine eigene Meinung und seine eigene Vorstellung, aber er war dem Konzern gegenüber loyal genug, sein Wissen objektiv und unparteiisch zu übermitteln, so daß sein Lehrling alle Möglichkeiten bekam, sich selbst zu entfalten. Steve schätze diese Eigenschaften sehr. Er bemerkte, daß er seinem doch recht strengen Mentor eine Menge Sympathien entgegenbrachte.
Steve fiel auf, daß die Sprüche, die ihm beigebracht wurden, stark darauf zugeschnitten waren, Menschenleben zu beschützen oder zu retten und eventuelle Feinde zu stoppen, zu töten oder sogar zu verhören. Sprüche, so fand Steve, waren recht leicht zu lernen. Es gab in der hermetischen Bibliothek der Universität eine immens große Anzahl von Disks und Chips, in denen die entsprechenden Formeln festgehalten waren. Steve lernte sie, und Java half ihm bei der richtigen Ausführung. Dennoch, so kam Steve zum Entschluß, war Spruchzauberei keine sonderlich große Herausforderung. Sein Mentor erklärte ihm, daß er ja auch genügend Hilfe hatte und da er Steve einige besonders kraftvolle Zauber unter Zuhilfenahme von Fetischen vermittelte, waren die Fortschritte von Steve kein besonderes Zeichen seiner Begabung.
Die zeigte sich erst, als Java ihm beibrachte, wie man Geister beschwörte.
Watcher, kleine Hilfsgeister, waren die erste Übung, die Steve zu bewältigen hatte. Und das tat er gut, wenn man die Zeit betrachtete, in der er die nötigen Grundlagen lernte.
Elementare zu beschwören war schon weitaus schwieriger und aufwendiger. Es brachte Steve an die Grenzen seiner geistigen Belastbarkeit, als er das erste mal mit seinem Meister über sechs Stunden hinweg in einem Kreis saß, um sie herum nur Rauch und Dunst, bis dann tatsächlich die vage Gestalt eines Elementars entstand. Dieser versuchte sogleich, sich dem Einfluß von Steve zu entziehen und hätte es auch beinahe geschafft, wäre da nicht sein Lehrer gewesen, der die ganze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen, der Beschwörung beiwohnte.
Und noch jemand war anwesend, der Steve mit seinen Kräften unterstützte und ihm das lernen manchmal erleichterte.
Zuerst dachte Steve, es wären die Auswirkungen der geistigen Anstrengungen, aber dann zeigte sich die Gestalt eines abends das erste mal vollständig und verwickelte ihn in ein langes, unterhaltsames Gespräch über Magie, Liebe und die Renaissance, von der Steve so gut wie keine Ahnung hatte.
Diesen Teil der Geschichte fand er schon in der Schule langweilig. Allerdings hatte die wunderschöne Frau in ihren altmodischen Kleidern eine Art, längst vergangene Dinge so lebendig zu erzählen, als wären sie gestern erst passiert. Nach diesen Gesprächen verschwand sie immer wieder. Steve sah gar nicht, wie sie den Raum verließ und oft glaubte er, einfach nur geträumt zu haben.
Irgendwann berichtete er seinem Mentor davon, der ihn daraufhin erstaunt ansah, schließlich lauthals lachte und Steve dann erklärte, daß es sich bei dieser Erscheinung um eine Anima handelte, ein freier Geist, der Java ziemlich oft besuchte und auch manchmal mit ihm forschte.
Es war ihm schleierhaft, wie sie jedesmal durch die magische Sicherheit kam und noch mehr erstaunte es ihn, als er erfuhr, daß dieser Geist sogar Aktien von dem Konzern besaß, aber Steve gewöhnte sich an die schöne junge Dame, genoß ihre Besuche und langen Gespräche, und einmal dachte er sogar, daß er sich absurder Weise ein wenig in sie verliebt hätte. Diesen Gedanken verdrängte er aber schnell wieder, weil er die Vorstellung unheimlich fand, sich in ein Wesen zu verlieben, daß hauptsächlich im Astralraum lebt, auch wenn dieser Vorstellung etwas seltsam romantisches anhaftete.
Java schien das Interesse, das die Anima in seinen neuen Lehrling legte, nicht zu stören. Es schien ihn sogar ein wenig zu amüsieren.
Steve genoß die Zeit bei Java, seinem strengen Lehrer und seiner seltsamen geisterhaften Freundin.
Für ihn war es die schönste und aufregendste Zeit, auch wenn sie oft sehr anstrengend war.
Irgendwann begann er wieder, die Tridserie "Die konischen Koven" zu sehen, obwohl er sich oft über die unlogischen und an der Haaren herbeigezogenen Darstellungen aufregte, in welcher Weise Magie den Zuschauern nähergebracht wurde und die Personen, die sie ausübten. Es erstaunte ihn jedesmal, wie der Magier und sein schamanistischer Freund es fertigbrachten, den ganzen Tag über mit Sprüchen um sich zu werfen und des Nachts auch noch ein reges Liebesleben zu führen. Es gab Tage, da übte Steve nur für Stunden mit seinem Meister an einer Beschwörung und fiel danach völlig erschöpft in sein Bett. Der einzige Trost, den die so populäre Serie bot, war die Unterhaltsamkeit in dem ständigen Streit des Schamanen und des Magiers. Und sie war von allen Serien noch die realistischste.
Er konnte sogar Java dazu begeistern, mit ihm diese Serie zu sehen, wenn sie mal wieder einen ganzen Tag lang irgendwelche Rituale vollzogen hatten und nach Entspannung suchten. Zwar stöhnte sein Mentor über die Darstellung der Magie und derer, die sie ausübten, aber er konnte ebenso über den ewigen Streit des Schamanen und des Magiers lachen wie Steve. In solchen Momenten fiel ihm auf, daß sich sein Verhältnis zu Java stark verändert hatte. Anfangs war er schüchtern gewesen; die Strenge seines Meisters lies ihn oft zurückschrecken. Aber Java merkte das schnell und ermutigte Steve durch Freundlichkeit und Humor im Unterricht, da er befürchtete, das Potential seines Schülers zu blockieren, wenn dieser zu sehr verschreckt wurde. Ebenso wie die Lehrmethode änderte sich auch die Beziehung zu den beiden. Sie wurde inniger und fester; Java sah in Steve nicht nur einen Schüler, den man nur einmal im Leben bekommt und dessen Talent man nicht so ohne weiteres verloren gehen lassen durfte. Er sah in Steve auch einen Sohn, den er nie gehabt hat und Steve sah in Java bald einen Vater, den er gerne gehabt hätte.
Zusammen mit dem Geist, der sie manchmal besuchte, waren sie schon fast wie eine Familie.
Diese Zeit kam Steve manchmal wie ein Traum vor. Es erinnerte ihn bizarrer Weise an seine eigene Familie, wo seine Mutter tot war und sein Vater verschwunden. Das Äquivalent dazu war nun Java, sein Lehrer, und Butterblume, die Anima. Manchmal schmerzte ihn das schrecklich schöne Verhältnis und in jeder anderen Situation hätte er sich von alledem distanziert. Aber die Umgebung bei seinen Lehren und die Beziehungen gaben ihm etwas seltsam vertrautes und geborgenes, daß er den Gedanken, all dies einmal zu missen, noch viel schmerzhafter fand.
Doch durch sein Studium und seinem Enthusiasmus, den Steve in die Magie legte, zahlte er aber einen anderen Preis, dessen wahren Wert er noch nicht abschätzen konnte.
Er vernachlässigte seine Schwester, das einzige Mitglied, daß aus seiner kleinen Familie noch geblieben war. Zuerst noch tat es ihm leid und er schämte sich, daß er nicht wie versprochen sich mehr um seine Schwester kümmerte, zumal ihm auffiel, daß sie sehr stolz auf ihn war und daß sie sich wirklich um ihn sorgte. Aber später nahmen ihn seine arkanen Studien so sehr ein, daß er sich noch weniger um sie kümmern konnte und weniger Gedanken daran verschwendete.
Suzanne akzeptierte es stillschweigend und nahm sich vor, ihren Bruder erst einmal in Ruhe zu lassen und ein längeres Gespräch erst mit ihm zu führen, wenn seine Studien nicht mehr so einnehmend für sein Leben waren. Und sie hoffte auch, daß dies wirklich eintreffen würde.
Steve verlor auch den Kontakt zu seiner alten Einheit. Lediglich Francis und der Decker bemühten sich um ihn und berichteten ihn über die Geschehnisse und Veränderungen in der Gruppe.
Dies und die Tatsache, daß er nun ein Magier war, sorgten dafür, daß er von seiner Alten Gruppe wie ein Fremder behandelt wurde, als er seinen Eignungstest als magische Leibwache in der Sicherheit ablegte und wieder in die Einheit der "Guardian Angels" zugeteilt wurde.

Steve Valentine war schon immer als zurückhaltend bekannt gewesen. Aber seine geringen Bemühungen, mit den anderen im Kontakt zu bleiben, hat die meisten seiner Kollegen auf persönlicher Ebene enttäuscht.
Dann war er auch noch Magier, und solchen Käuzen gegenüber war man nun mal mißtrauisch.
Steve selber hatte seine Veränderung natürlich nicht bemerkt, aber sein Selbstvertrauen war um ein vielfaches gestiegen, ebenso wie seine Exzentrik und auch seine Arroganz. Es machte ihm nicht mehr so viele Sorgen, wenn er Menschen verletzt hatte, indem er sie vernachlässigte, und er bildete sich tatsächlich eine Menge auf seine Fähigkeiten ein.
Aus einer Art Gewohnheit heraus hatte er jeden sofort askennt, als er den Raum betrat.
Und ohne auf die Blicke oder die Körpersprache der anderen zu achten, setzte er sich an den Tisch zu seinen alten