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von
Sie sind in der Arkologie geboren?", fragte Winter.
Der Junge Mann nickte nur.
Die Frage war rhetorischer Natur. Alle Angaben, die der Personalchef wissen mußte, leuchteten vor ihm auf dem Display, daß im Schreibtisch eingelassen war.
Herr Winter, der Personalchef für die Abteilung Personalschutz, betrachtete den jungen Mann eingehend.
"Herr Valentine,", sagte Winter und hob den Kopf. "Sie waren schon im Sicherheitsbereich tätig?". Wieder ein nicken.
Die Augenbrauen huschten nach oben und der Blick des Personalchefs bekam etwas nachdenkliches.
Der Neue, der ihm geschickt wurde, entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen. Er war zu schmächtig. Zwar groß und ein wenig athletisch sogar, aber er machte den Eindruck, bei dem Knall einer Waffe das Weite zu suchen, geschweige denn eine eigene zu führen.
In seinen Akten allerdings stand, daß er eine Ausbildung an der Waffe genossen hatte.
Winter war immer der Meinung gewesen, daß ein Bodyguard ein großer breiter Mann sein sollte, mit der Konstitution eines Bären, der Kraft eines Trolls und den Sinnen eines hungrigen Tigers.
Nur gab es solche Anwerber eher selten. Zumindest, wenn man die perfekte Kombination aus den drei Attributen suchte.
Auf der Straße vielleicht, liefen solche Exemplare herum. Aber diese standen auf der anderen Seite und waren die Subjekte, vor denen Winters Abteilung versuchte, ihre kostbaren Mitarbeiter zu schützen.
Außerdem war der Vorstand nach den tragischen Vorfällen im letzten Jahr der Meinung, daß die Mitarbeiter des Personenschutzes ein etwas subtileres Erscheinungsbild haben sollten, um nicht gleich als das erkannt zu werden, was sie sind. Es hat sich herausgestellt, daß die engagierten Profikiller trotz der übertriebenen Maßnahmen zum Personalschutz auch deswegen so oft erfolgreich waren, weil es ihnen schnell gelang, festzustellen, wer zum Personalschutz gehört, und sie dann zu umgehen oder, wenn nötig, im Vorfeld zu eliminieren. Im letzten Jahr wurden zwei Hochrangige Wissenschaftler auf einer Konferenz samt ihren Bodyguards getötet. Neben einigen Millionen Nuyen und viel Zeit im Forschungs- und Entwicklungsprogramm hätte das Winter beinahe seine Stellung gekostet.
Vor einigen Monaten wurde deswegen ein besonderes Schulungsprogramm aufgestellt, daß Personal aus der Sicherheitsabteilung weiterbilden sollte. Auch sollte vermehrt magisches Personal eingesetzt werden, sogar in den unteren Ebenen. Die aktiven Übergriffe anderer Konzerne durch Shadowrunner ist in den Endphasen der Produktentwicklung besonders immens, stärker noch als in den vorangegangenen Jahren. Deswegen sah sich der Konzern gezwungen, seine Sicherheitsmaßnahmen entsprechend anzupassen.
"Was hat sie dazu bewegt, zum Personenschutz zu wechseln?", fragte Winter.
Steve Valentine zuckte mit den Schultern. "Der Sicherheitsdienst bietet weder große Anforderungen noch Aufstiegsmöglichkeiten. Ich denke, ich habe hier die Chancen, meine Fähigkeiten besser zur Geltung zu bringen."
"Sie sehen also das ganze auch als eine Art Karrieresprungbrett?"
Valentine schüttelte den Kopf. "Nein, so nicht.", erklärte er. "Mir liegt das Wohl der zu beschützenden Person ebenso sehr am Herzen. Ich habe gern mit Menschen zu tun und glaube, für diese Aufgabe gut geeignet zu sein."
"Aha.", nickte Winter und schaute auf die Unterlagen, die auf dem Display flimmerten. Die Testwerte der letzten Eignungsprüfung waren in der Tat nicht schlecht. Steve Valentine scheint ein gutes Auffassungs- und Reaktionsvermögen zu besitzen. Seine Schützenwerte waren ebenfalls sehr gut.
Und, was Winter besonders auffiel: Valentine war höflich, wußte sich in Gegenwart hoher Gesellschaft zu benehmen und konnte sich angenehm im Hintergrund halten.
Trotzdem waren die Werte in seinem Psychoprofil nicht sehr hoch. Die Erklärung ergab sich in der Randbemerkung, daß Valentine Probleme hatte, sich in einem Team einzufügen. Er galt als Einzelgänger und war zurückhaltend und still. Zwar arbeitete er immer mit seinen Teamgefährten zusammen und man konnte sich auf ihn verlassen, aber er schien keinen richtigen Anschluß zu finden. Von selbst ging er selten auf seine Gefährten zu, trotz ihrer Bemühen um seine Person. Aber gerade das waren wohl auch die Gründe, warum man ihn für das Förderungsprogramm vorgesehen hatte: Unauffällig, Zurückhaltend, dennoch höflich und mit Vorzeigequalitäten.
Winter kam zu dem Entschluß, diesem Jungen Mann eine Chance zu geben.
"Also gut, Herr Valentine.", sagte er schließlich und schaltete das Display aus. "Ich werde sie in den nächsten Tagen benachrichtigen."
Steve nickte. "Vielen Dank."
Beide standen auf. Winter reichte ihm die Hand.
"Einen schönen Tag noch."
"Ja, ihnen auch. Danke nochmals."
Steve Valentine verließ das Büro.
Winter schaute ihm durch die Glastür nach und schüttelte den Kopf. Er hatte noch immer seine Zweifel.
Die schwere Limousine hielt mitten in der Fußgängerzone.
Francis stieg zuerst aus und schaute sich in der Menge um. Dankbar registrierte er, daß die Polizeitruppen der Knight Errants die Menge mit Erfolg zurückhielten. Schranken, Barrikaden und grimmig dreinschauende Wachen in ihren furchteinflößenden Rüstungen standen mit dem Gesicht zu der johlenden Masse und hoben jedesmal drohend die Schockstäbe, wenn sich jemand den Absperrungen zu sehr näherte.
Das Aufgebot an Sicherheitskräften war riesig. Es schien nicht so, als würde es der Menschenmenge gelingen können, sich durch die Barrikaden zu drängen. Mitsuhama hat wieder mal keine Kosten gescheut.
Außerdem war die Vorliebe des Konzerns, sich mit übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen in der Öffentlichkeit zu präsentieren, weitgehend bekannt.
Wie beiläufig berührte Francis sein Revers und aktivierte somit den Microtransceiver.
"Bericht.", forderte er kurz und lächelte weiterhin in die Gesichter der unzähligen Reporter mit ihren Portacams.
Eine Stimme knackte in seinem Ohr. "Die Dächer sind sicher." Das war Joan.
"Auf meiner Seite auch.", meldete Vogners Stimme.
Auch Flieder und Grace bestätigten, daß keine Ungewöhnlichen Aktivitäten in der näheren Umgebung stattfanden.
Francis nickte. "Ihr könnt. Steve", flüsterte er mit seinem aufgesetzten Schmalzlächeln.
Im Wagen bestätigte Steve Valentine die Nachricht mit einem Nicken und wandte sich zu Juliet, dem Jungen Star des Abends.
Ihre Augen leuchteten blau in dem matten Licht der Limousine und ihre roten, glänzenden Lippen umspielte ein verzücktes Lächeln, ein Zeichen auf die Vorfreude über das bevorstehende Mengenbad. Valentine fiel es schwer, sich der Wirkung ihrer Jugendlichen Schönheit zu entziehen. Sie war gerade mal Achtzehn, aber körperlich schon voll entwickelt. Ihr makelloser Körper wurde noch keiner einzigen kosmetischen Verbesserung unterzogen. Genau das machte ihren Reiz aus und genau das war mit der Grund für ihren großen Erfolg.
Steve schüttelte die Gedanken ab und dachte mit einem kalten Gefühl im Magen an seine bevorstehende Aufgabe. Es ist mitunter das Schwierigste, einen Star durch die Massen enthusiastischer Fans zu geleiten. Hier konnte einfach alles passieren!
Das Schlimmste war, wenn die fanatische Menge sich durch die Reihen brach und auf ihr Idol zustürmten. Die Häufigkeit dieser Vorfälle schlugen in der Statistik sogar die Anschläge der psychopathischen Attentäter. Und um es den Bodyguards ja nicht zu einfach zu machen, rissen die Stars meist aus und pflegten die recht ungesunde Art, sich zu weit aus dem Schutzkreis der Wächter zu begeben und die Hände der grölenden Fans zu ergreifen.
Juliet Onassis war so ein Mädchen. Sie hatte sich noch nicht an den plötzlichen Erfolg gewöhnt, die ihr die Produktion der Simsinnserie beschert hatte.
Mitsuhama besaß eine Anzahl von Tochtergesellschaften, die Simsinnserien produzierten und war damit eine der führenden Größen in der Unterhaltungsbranche.
Das neuste Kind von MegaMedia war ein Remake der Serie "Party of Five" aus den späten Neunzigern. Die Produzenten hatten die Idee, das Konzept der Story in die Neuzeit der sechsten Welt zu übertragen. Entgegen der meisten Erwartungen, die Kritiker in Familien- und Jugendserien setzten, schlug der Pilotfilm ein wie eine Kobaltbombe.
Ein Grund für den großen Erfolg war Juliet Onassis, der Jungstar der Serie.
Sie war der Liebling der älteren Zuschauer, das Idol der weiblichen Fans und der Traum aller männlichen pupertierenden Jugendlichen und ihrer Väter, die sich die Serie anschauten.
Valentine konnte sich nur allzu gut vorstellen, warum.
Juliet war einfach entzückend. Sie besaß diese Art von perfektem Körper, für den viele Mädchen in ihrem Alter morden würden und sie hatte eine Art zu lächeln, das die meisten Männer auf dem Planeten wohl dazu veranlaßt hätte, im Kreis zu laufen, sich die Kleider vom Leib zu reißen und den Mond anzuheulen. Und sie war von ihrem Wesen her so natürlich.
Kritiker und Klatschspalten zerrissen sich die Mäuler über diverse Gerüchte, ob und welche Art von Kosmetischen Operationen Juliet sich unterzogen hatte, und wie alt sie wohl wirklich sei.
Daten über ihre Krankenblätter und Personalien wurden von Deckern zu Höchstpreisen an Reporter verkauft.
Juliet Onassis konnte mit dem Erfolg nicht viel anfangen. Sie genoß die Aufmerksamkeit und den Lebensstandard, den er mit sich brachte. Und die frohe und ungebundene Natur ihres Wesens sorgte dafür, daß sie nicht überschnappte.
Aber gerade deswegen kam es vor, daß sie auf Veranstaltungen ausriß und sich ihren Fans zu weit näherte.
Steve seufzte und schüttelte sich, als er daran dachte, was ihm bevorstand.
Er wandte sich Juliet zu und lächelte sie an. "Es geht los.", sagte er mit freundlicher Stimme.
"Toll!", freute sie sich und zeigte ihre weißen Zähne. Ihre Augen bekamen einen feuchten, überschwenglichen Glanz und lösten dieses Stechen in Steve aus.
Versucht, sie nicht zu berühren, beugte er sich über sie und öffnete die Tür der Limousine.
Juliet trat heraus und nahm dankbar lächelnd die Hand von Francis entgegen, der ihr aus dem Wagen half.
Das Geschrei der Menge steigerte sich.
Dann kam Steve heraus und gesellte sich auf die andere Seite von Juliet. Er schenkte der Menge und den Reportern das gleiche schmalzige Lächeln wie sein Kollege Francis.
Juliet Gesicht leuchtete, als sie der heulenden Menge zuwinkte. Aus einer Laune heraus und zum stummen entsetzen der beiden Bodyguards hakte sie sich bei Steve und Francis ein.
Beide bemühten sich krampfhaft, ihre stereotypischen Mienen beizubehalten und gingen mit Juliet zum Eingang des CCH-Saals.
Francis seufzte und Steve konnte ihm nachfühlen. Juliet wußte genau, daß sie damit den Reportern eine Menge Anlaß für Klatsch und Tratsch gab, aber sie ahnte nicht, daß sie damit auch Ärger für Steve und seinen Kollegen einbrachte. Er hatte schon einmal versucht, ihr das klar zu machen, aber Juliet schien das einfach nicht zu verstehen.
Plötzlich knallte ein Schuß in der Menge.
Das war das Zeichen für allgemeine Panik. Während sich ein Teil der Massen zum Ursprung des Geräusches drehten, nutze der andere Teil die Verwirrung dazu, näher an ihren Star zu kommen.
Die Truppen von Knight Errants gingen mit präziser und rücksichtsloser Gewalt gegen die entfesselte Masse vor. Jeder, der versuchte, über die Barrikaden zu klettern, wurde mit dem Schockstab betäubt oder einfach niedergeknüppelt. Aber die Menge war nun endgültig außer Kontrolle.
Von der Mitte her schoben die Menschen nach vorne. Wer in der ersten Reihe stand, hatte keine Chance. Man wurde einfach zu den Wachen hingeschoben, die mittlerweile mit Gelgeschossen in die Menge feuerten und Subsonic einsetzten. Das stoppte zwar den Mob nicht, aber er wurde wesentlich langsamer und kontrollierbarer.
Francis und Valentine schauten sich gehetzt um. Instinktiv hatte sein Kollege den jungen Star auf den Boden gedrückt und lag nun halb über ihr, Valentine war ebenfalls in die Hocke gegangen, beide registrierten nur am Rande, daß sie mittlerweile ihre Waffen in der Hand hielten.
"Verdammt!", brüllte er in seinen Transceiver. "Was zur Hölle ist los?!!"
"Ich habe nichts gesehen!", knarrte Joans Stimme. "Flieder läßt gerade eine Drohne los.
Gleich haben wir ein Bild vom Epizentrum."
Vogner meldete sich "Es kam aus der Menge. Die Straßen sind frei. Auch niemand auf den Dächern."
Valentine schaute besorgt in die brodelnde Menge. Die Wächter hatten sichtlich Probleme, die anstürmenden Massen weiterhin unter Kontrolle zu halten. Sie schoben sich einfach über die bewußtlosen und zu Tode getrampelten Menschen aus der ersten Reihe.
"Wir müssen hier weg.", sagte Francis zu Valentine.
Beide standen auf und nahmen die völlig verwirrte Juliet wieder in ihre Mitte. Als sie sich umwandten und auf die Limousine zuliefen, nahm Valentine eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Sie wirbelten herum und hoben ihre Waffen.
Es waren zwei der Knight Errants die auf sie zugelaufen kamen.
"Was machen sie hier!", brüllte Francis die beiden Wachen an. "Halten sie
die Massen fern, Verdammt!!"
Die Wachen reagierten nicht.
Irgendwas in Valentine schlug Alarm.
Zu Spät.
Einer der Knight Errants hatte seine Colt Cobra schon im Anschlag und zog durch.
Francis wurde von der Salve voll erfaßt und zuckte in einem auf absurde Weise lächerlich wirkendem Tanz, als die Kugeln aus nächster Nähe trafen, ihn und seinen Körperpanzer zerfetzten.
Juliet schrie, während die Colt direkt neben ihr Feuer spuckte und sie vom stürzenden Francis mit zu Boden gerissen wurde.
Diese Handlung rettete ihr das Leben. Der zweite Knight schoß ebenfalls, auf Juliet, doch die Salve fegte knapp über ihrem Kopf weg.
Valentine konnte die Gesichter hinter den verspiegelten Visieren nicht sehen, doch der Ärger der Wache war deutlich zu spüren.
Die erste Wache wandte sich ihm zu und zielte mit der Colt auf seine Brust.
Noch bevor Valentine irgend etwas denken oder tun konnte, bohrte sich mit einem lauten "klack" eine Kugel in den Helm der Wache. Sein Kopf darin platze wie ein Ballon. Blut spritze an die Visierinnenseite und auf den Kragen, während der Knight Errant langsam und noch immer mit der MP im Anschlag in die Knie brach und vornüber kippte.
"Für Francis, Du Arschloch!!", knurrte Vogners Stimme aus dem Transceiver in Valentines Ohr.
Die Zweite Wache, abgelenkt durch den Tod seines Kumpels, wandte sich jetzt Valentine zu und legte an. Valentine hatte seine Waffe jedoch schon längst im Anschlag. Er drückte ab.
Nichts passierte.
Völlig perplex starrte er auf seine Hand.
Aber da war keine Hand. Knapp hinter dem Ellbogen verschwand sein Unterarm in einem undeutlichen Farbgeflirre. Langsam schoben sich tausend Schatten aus ebenso vielen Farben über die Stelle, wo sein Arm mitsamt der Waffe sein sollte und manifestierten sich zu einem undeutlichen Schatten.
Die Wache lies sich davon nicht irritieren. Sie schien den Vorfall entweder nicht zu bemerken oder ignorierte sie mit dem Wahnsinn eines Märtyrers.
Die Colt Cobra spie eine Flammenzunge und Valentine spürte den dumpfen Druck unzähliger Projektile, die seinen Körperpanzer zerfetzten und in seinem Brustkorb einschlugen.
"Simulation abbrechen!!", dröhnte eine Stimme in seinem Kopf.
Das Bild von der Wache sowie die Straße und der Menschenmenge verblaßten zu grau und splitterten in unzählige Polygone, während sie immer weiter an Substanz verloren und sich schließlich ganz auflösten.
Für einen kurzen Augenblick schwebte Steve Valentine im absoluten Dunkel.
Dann nahmen seine Sinne ihre Arbeit wieder auf und er konnte die Umgebung um ihn herum mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen.
An der Hauptkonsole des Simulators stöpselte sich Herold Meyer aus und warf das Kabel auf das Kontrollpult.
"Hey!", protestierte Slash gegen den groben Umgang mit der Empfindlichen Technik. Das brachte Meyers Wut erst richtig zum Ausbruch.
"Was war das denn wieder für eine Scheiße!!", brüllte er den Computerexperten an. "Ich dachte, sie hätten den Fehler letztes mal behoben?! Jetzt können wir uns die gesamte Wertung wieder mal in den Arsch schieben!!"
Der Decker saß ruhig da und wischte sich imaginäre Tropfen aus dem Gesicht. Meyer ging darauf nicht ein.
"Da gab es letztes mal nichts zu beheben.", warf Slash ein. "Weil es keinen Fehler gab."
Winter trat an die Konsole heran und legte Meyer eine Hand auf die Schulter. Der beruhigte sich ein wenig, funkelte aber den Decker weiterhin wütend an.
"Herr Takashi,", sprach Winter. "Was meinen sie damit, wenn sie sagen, daß es keinen Fehler gab?"
"Genau das, was ich damit sagte: Es gab keinen Fehler." Antwortete der Decker, immer noch völlig gelassen. "Zumindest keinen, den ich finden konnte."
Winter hob den Kopf und sah den Decker an, als würde er etwas begreifen, was er schon lange versuchte zu verstehen.
"Ah, da kommen wir der Sache doch schon näher." Er schob sich an Herold Meyer vorbei und stellte sich vor den Decker. "Sie schließen damit natürlich aus, daß sie einen möglichen Fehler übersehen hätten."
"Jip.", antwortet er schlicht.
Meyer und Winter wechselten einen Blick.
Takashi stand auf. "Sehen sie es so, meine Herren:", erklärte er.
Als dieses Phänomen beim ersten mal auftrat, hatte ich das System komplett durchgecheckt. Sogar mehrmals. Als ich nichts gefunden hatte, rief ich unsere Experten für die Hardware an. Die nahmen das System vollständig auseinander, wie sie sich sicher noch erinnern können."
Die beiden Herren vom Personalschutz nickten pflichtbewußt. Wegen dieser Maßnahme konnten einige Tage keine Simulationen durchgeführt werden, Meyer hatte sich darüber ziemlich aufgeregt. Aber das tat er generell sehr oft.
"Als auch die nichts fanden", fuhr Tanaka fort, "Hatte ich die gesamten Systemdateien gelöscht und aus dem Hauptspeicher neu überspielt. Da sie die Auswertung als ungültig betrachteten, sah ich darin kein Problem. Sie können es auch so sehen:", schloß der Decker ab und tätschelte dabei die Konsole, "Sie haben vor sich ein praktisch neues System."
Meyer fing an zu blinzeln. Bevor er sich in einem neuen Wutausbruch ergießen konnte, fragte Winter:
"Wie kommt es dann zu dieser Störung?"
Der Decker breitete die Arme aus: "Ich weiß es nicht!", gab er zu. "Sie hören es sicher nicht gerne, aber so etwas ist eigentlich unmöglich. Deswegen auch meine extremen Bemühungen, den Fehler zu finden. Um ganz ehrlich zu sein, ein solches Phänomen ist mir noch nie untergekommen. Und das gleiche sagten mir auch die Experten aus der Technik. Zuerst hielten die mich für verrückt, als ich ihnen davon erzählte."
"Und sie haben wirklich keine Erklärung dafür?", hackte Meyer ungeduldig nach.
Slash zuckte mit den Schultern. "Wie ich schon sagte. Es war nichts zu finden. Eine so gravierende Störung in einer Simulation muß eine erkennbare Spur im Programm hinterlassen. Zumindest im Protokoll. Aber da ist nichts." Er wandte sich zur Konsole um und drückte einige Tasten. Zwei Bildschirme begannen, Zahlenkolonnen aufzulisten. "Da ist heute nichts und da war auch letztes mal nichts zu sehen."
Meyer schaute mit wachsender Verwirrung auf die Monitore. Er verstand nichts von alledem. Winter
überlegte. "Können sie uns die Gehirnmeßwertkurven aus dem Biofeedbackprotokoll zeigen?"
Takashi nickte. "Sicher." Er setzte sich wieder in seinen großen Stuhl und stöpselte sich ein.
Mittlerweile waren Francis, Valentine und auch die anderen aus ihren Isolationskammern gekommen und schlichen sich zu der Konsole. Francis und Valentine schwankte noch immer ein wenig. Obwohl die Signalstärke durch einen Filter lief und man keinen geistigen oder körperlichen Schaden nehmen konnte, war der Schock, den man bekam, wenn man in der virtuellen Konsistenz der Simulation erschossen wurde, recht unangenehm. Man könnte auch dies ändern, um den Trainingspersonen diese Erfahrung zu ersparen, aber man war zu der Ansicht gekommen, daß auf diese Weise der Ansporn und der Lerneffekt größer war. ähnlich der pavlovschen Methode.
Winter schaute nur kurz zu den Leibwächtern hoch. An seiner Miene war nicht zu erkennen, ob er enttäuscht, erbost oder vielleicht sogar zufrieden war mit dem Ergebnis. Sein Blick blieb auf Steve Valentine hängen, und dieser fühlte sich auf einmal sehr mulmig. Irgendwie kam er sich schuldig vor. Auch deswegen, weil es schon zum zweiten mal zu einem Abbruch kam.
Meyer richtete sich ebenfalls von der Konsole auf und holte tief Luft, um seine Gruppe zusammen zu stauchen.
"Nicht jetzt.", stoppte Winter ihn. Er wandte sich wieder den Monitoren zu und winkte Steve zu sich und dem Decker herüber. "Valentine, schauen sie sich das bitte einmal an."
Wie ein Schulkind, daß aufgefordert wurde, einen Schaden zu begutachten, den er selber ausgeheckt hatte, schlich er zu den Monitoren und schaute Winter und Slash über die Schulter.
"Ist das seine Messwertkurve?", fragte Winter den Decker.
Slash nickte.
"Schneiden sie bitte den Bereich aus, der zum Zeitpunkt aufgenommen wurde, als Valentine mit seiner Waffe auf den Attentäter schießen wollte. Vergleichen sie ihn mit den Meßwerten seiner Kollegen in ähnlichen Situationen und aus früheren Simulationen."
"Dafür muß ich die Ausschnitte in die Medizinischen Labors schicken.", wandte Slash ein. "Ich kann die Kurven hier nicht so ohne weiteres vergleichen."
"Wieso das denn nicht?", fragte Meyer ungeduldig.
"Weil ich kein Neuroanalytiker bin.", gab der Decker kühl zurück. Man konnte spüren, daß ihm die unruhige Art von Meyer langsam auf die Nerven ging.
"Ich bin ein Decker. Meine Kenntnisse über Gehirnwellen beschränken sich lediglich darauf, wie in etwa ein Alphawellenmuster aussieht, wenn die
ICCS-Schleifen durchbrennen oder das ASIST-Feedback überladen wird. Aber ich bin kein Wissenschaftler. Es gehört schon ein wenig mehr dazu, Gehirnwellenmuster auszuwerten und zu vergleichen."
Meyer schaute den Decker von oben an, so wie ein Vater seinen Mustersohn ansehen würde, wenn der plötzlich erzählt, daß er die Klasse wiederholen müsse.
"Senden sie die Daten gleich zum Labor.", forderte Winter. "Mit einer Priorität A-Nachricht und meinem Namen darunter. Wenn die Ärger machen, sagen sie ihnen, daß sie sich bei mir melden sollen."
Der Decker grinste. "Sie sind der Boß!"
Winter wandte sich zu seinen Schützlingen um. "In einer Stunde gibt es eine Nachbesprechung im Einsatzraum. Wir werden die Ergebnisse durchgehen, bis zu dem Punkt, wo die Simulation abgebrochen werden mußte. Beeilt euch."
Während der Decker sich in seinem Computer vertiefte, verließen Winter und Meyer den Raum, ließen die Leibwächter allein mit sich zurück.
Ratlos standen sie dort in ihren Mitsuhama Trainingsanzügen und schauten sich fragend an.
"War das jetzt gut oder schlecht?", fragte Grace.
"Na, ich wurde erschossen.", klagte Francis. "Das ist keinesfalls gut."
"Ich wurde auch erschossen.", warf Steve ein.
"Ja, aber Du hättest geschossen,", entgegnete Francis, "wenn der Simulator nicht abgestürzt wäre."
"Nachdem ich eine Ewigkeit neben Deiner Leiche stand. Außerdem hätte mich die eine Wache schon lange vorher erledigt, wenn Vogner nicht geschossen hätte."
Der Scharfschütze schaute betrübt und vorwurfsvoll auf Steve. "Danke, daß Du mich daran erinnerst. Deswegen kriege ich sicher auch noch einigen Ärger."
Steve schaute ihn verständnislos an. "Du hast mein Leben gerettet!", warf er ein. "Und damit wahrscheinlich auch das der Schutzperson!"
Vogner schüttelte den Kopf. "Ich hatte meine Befehle. Die besagten, daß ich einen mir zugeordneten Bereich im Auge zu behalten. Egal was passiert. Es sei denn, ich bekomme andere Befehle. Mann Steve! Das ist ein Grundsatz! Das sollte ich Dir eigentlich nicht sagen müssen!"
"Selbst, wenn Du damit die Mission rettest?", fragte Steve nach.
Vogner schüttelte den Kopf. "Das hätte auch anders laufen können. Im schlimmsten Falle wäre ich tot, und der Attentäter hätte freie Bahn."
"War da nicht auch noch Rache?", fragte Joan "Du hast noch etwas in den Transceiver gebrüllt, nachdem Du den Attentäter erledigt hattest."
" "Für Francis, Du Arschloch!" .", erinnerte sich Steve.
Vogner schaute verlegen auf den Boden. "Diese verdammten Simulatoren sind einfach zu realistisch.", fluchte er leise.
"Dann haben sie ihren Sinn erfüllt.", sah Francis ein. "Wir haben uns verleiten lassen.
Das war in keiner Weise professionell."
Die anderen nickten zustimmend.
"Das war in keiner Weise professionell!", brüllte Meyer die kleine Gruppe an. "Ihr habt euch verleiten lassen!"
Jeder hatte tausend Einwände, aber keiner traute sich, sie vorzubringen. Letztendlich war jeder von ihnen zum Schluß gekommen, daß sie Fehler gemacht hatten. Und zwar genau in der Weise, wie ihnen Meyer gerade vorwarf. Das war ihnen schon klar, als sie im Simulatorraum standen, und sie schämten sich dafür.
Viele von ihnen kamen aus dem Bereich Allgemeine Sicherheit, jeder von ihnen wollte in den Personalschutz gehoben werden, weil jeder von ihnen sich für ein Profi hielt, oder zumindest für jemanden, der es besser konnte als die anderen.
Und heute hatte jeder von ihnen unter Beweis gestellt, daß dem nicht so ist.
Das beschämte sie.
Die Brüllerei von Meyer machte es auf seltsame Weise ein wenig besser. Es war so, als würden sie eine Standpauke für etwas bekommen, von dem sie genau wußten, daß sie es verpatzt hatten. Sie nickten an den passenden Stellen, und schauten zur rechten Zeit betreten auf den Boden. Und wenn die "Standpauke" vorbei ist, würde man ihnen vergeben haben. Und nächstes mal würden sie es besser machen.
Dummerweise war da noch Winter.
Herold Meyer war früher ebenfalls bei der Allgemeinen Sicherheit gewesen. Er war aber schon vor Jahren in den Personenschutz befördert worden. Zusammen mit Winter war er der Leiter der neuen Gruppe des Personenschutz, die man "Guardian Angels" nannte.
Das gesamte Projekt lief unter der Bezeichnung "Heimdall" und beinhaltete weitreichende Reformationen in der Sicherheit von Mitsuhama.
Es war ein Pilotprojekt, ins Leben gerufen von Tanaka Musaru, dem Vorsitzenden für Konzernsicherheit von Mitsuhama Hamburg. Wenn das Projekt erfolgreich lief, standen die Chancen nicht schlecht, daß irgendwann alle Zweigstellen von Mitsuhama sowie die Hauptfiliale dem Beispiel von Musaru folgten.
Tanaka war zurecht stolz auf sein Kind: Die Erlaubnis, das Projekt durchzuführen kam von ganz oben.
"Heimdall" bestand aus vielen Posten und Zweigen.
Einer davon waren die "Guardian Angels", sie bestand aus sechs Gruppen zu jeweils fünf Mitgliedern.
Die eigentliche Mitgliederzahl schwankte, da das Auswahlverfahren noch nicht ganz ausgereift war und man sich noch nicht sicher war, welche Zahl an Mitgliedern die sinnvollste war.
Fabian Winter hatte die dankbare Position als Leitender Chef des Personenschutz bekommen und war der Leiter der "Guardian Angels".
Er teilte sich diese Aufgabe zusammen mit Herold Meyer, der sozusagen der "Captain" und der Trainer der kleinen Gruppe war, die er gerade zusammen stauchte.
Zwar neigte er dazu, ungeduldig und aufbrausend zu wirken und es schien ihm eine besondere Freude zu bereiten, andere Menschen mit seinem gefürchteten Organ anzubrüllen, bis diese nicht mehr wußten, wie ihr Name war, aber er wußte, worauf es ankam.
Er konnte auch freundlich sein, ein Kamerad oder ein Freund. So wirkungsvoll, wie er seine Schützlinge herunterputzte, ebensogut konnte er einen aufbauen und Mut machen.
Das wichtigste daran war jedoch, daß er dies nie ohne Grund tat.
Er lobte keine Leistungen, die nicht vollbracht wurden und er bestrafte niemanden, der es nicht verdient hatte. Er tat beides gleichermaßen mit Leidenschaft, aber so mußte man ihn nehmen.
Schaut euch diesen alten Hasen genau an, und hört ihm zu, hatte Winter zu ihnen allen gesagt, von ihm könnt ihr einiges lernen.
Wer sich daran hielt und wer mit seiner Impulsivität zurechtkam, hatte eine gute Zeit bei ihm.
Steve Valentine hatte zumindest mit dem letzten Punkt einige Probleme.
Er selber war eher ein stiller Typ und mochte es nicht, wenn man ihm so ohne weiteres zu nahe kam. Für ihn lag die Kraft in der Ruhe. Man konnte alles lösen und klären, wenn man sich die Dinge gelassen und objektiv betrachtete. Es sah selten einen Sinn darin, sich gegenseitig oder jemand anderen anzubrüllen. Damit erreichte man nur, daß sich der andere bedroht fühlte und steigerte so die Aggressionen.
Die Art von Winter sagte ihm mehr zu. Sie war schneidender und die Wahrheit seiner Aussagen und seine Argumente schienen ein größeres und manchmal auch schwereres Gewicht zu haben.
Er machte wenig Umschweife und Steve fand diese Art effektiver.
Slash, der Decker, sein richtiger Name war Hiro Takashi, überlegte Steve, war ebenfalls ein gelassener und ruhiger Mensch. Wenn er ein Problem sah, ging er ruhig und bedacht an die Sache heran. Niemals regte er sich auf oder verlor die Nerven. Und er sah darin immer eine Herausforderung, die er mit Eifer begegnete.
Der Decker hatte sich eine hohe und gute Position innerhalb des Konzerns erarbeitet und genoß eine Menge Sonderprivilegien. Soweit Steve es mitbekommen hatte, war er einer der Besten.
Zumindest machte es Slash nichts aus, dies von sich zu behaupten, und bis jetzt schien niemand Gelegenheit gehabt zu haben, das Gegenteil zu beweisen.
Diese beiden Menschen, Winter und den Decker Slash, fand Steve sehr sympathisch.
Meyer war mit seiner Standpauke zu Ende und jetzt lies er Winter den Vortritt.
Der stellte sich vor versammelter Mannschaft hin und nahm sich die Zeit, jeden einzelnen eingehend zu betrachten. Man bekam den Eindruck, er würde jeden von ihnen abschätzen und mit den Testergebnissen aus der vorangegangenen Simulation vergleichen.
Und das Gefühl war weitaus unangenehmer als die Brüllerei von Meyer. jeder hatte sich irgendwie darauf eingestellt, daß jetzt die allgemeine Bestrafung vorbei sei und man nun in aller Ruhe darüber sprechen konnte, wie man es demnächst besser machte.
Winter zeigte allen deutlich, daß dies nicht die Vorgehensweise bei den "Guardian Angels" war.
Und er zeigte das, ohne ein zu Wort sagen.
Die Mitglieder der Gruppe rutschten nervös auf ihren Stühlen herum oder musterten mit übertriebenen Interesse die Trideowand.
"Meine Herren, soeben habe ich die Auswertung aus den Labors bekommen.", begann Winter endlich. "Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Simulation abstürzte kann man die Ergebnisse als unverfälscht und gültig betrachten. Das ist schlecht für sie. Denn sie haben Mist gebaut.
Und wer hier Mist baut, ist normalerweise tot.
In ihrem Falle sind dann auch einige weitere Personen tot, deren Überleben von höherer Bedeutung ist als ihr eigenes."
Winter ging während seiner Rede vor der Gruppe auf und ab. Beim letzten Satz war er zu Slash gegangen und legte ihm beiläufig die Hand auf die Schulter.
Der Decker wohnte jeder Gruppenbesprechung bei und galt auch als festes Mitglied der "Guardian Angels". Auf das Zeichen von Winter hin nickte er und aktivierte die Trideowand.
Eine Aufzeichnung von dem Einsatz begann. Man sah die Limousine, die gerade anhielt, man sah, wie Francis ausstieg und in die Menge lächelte, man sah Joan, Vogner, Grace und Flieder, wie sie auf den Dächern lagen. Der Mitschnitt der Simulation zeigte in einzelnen Fenstern jedes einzelne Mitglied aus der Gruppe bei seiner Arbeit.
"Das Dumme ist,", fuhr Winter fort, "daß sie direkt für das Leben dieser Personen verantwortlich sind. Der Konzern ist nicht sonderlich erbaut darüber, wenn die Spezialisten, die er mühsam unter Aufwand von viel Zeit und Geld herangezüchtet hat, durch ihre eigene Unfähigkeit das zeitliche segnen, aber richtig wütend wird er erst, wenn dabei die Personen ihr Leben lassen, die sich Nicht so einfach ersetzen lassen.
Stoppen sie hier."
Der Decker tat wie ihm geheißen und hielt die Simulationsaufzeichnung an.
Es war der Zeitpunkt kurz nach dem Schuß aus der Menge kam. Das Bild, auf dem Valentine und Francis mit gezogenen Waffen neben Juliet hockten, wurde in der Mitte zentriert.
"Seit dem Schuß sind etwa 22 Sekunden vergangen.", kommentierte Winter.
"Woher kam jetzt eigentlich der Schuß?", warf Vogner dazwischen.
Winter schaute ihn verständnislos an. "Ist das Nicht egal?", stellte er die Gegenfrage.
Vogner zog irritiert die Augenbrauen hoch. "Nein. Natürlich nicht. Ich muß doch den Täter finden können, notfalls auch auf akustischem Wege."
"Da war aber kein Täter.", klärte Winter ihn auf. Das gesamte Team beugte sich vor und schaute nun ebenso irritiert aus der Wäsche wie der Scharfschütze.
"Ihnen allen sollte es eigentlich schon lange in den Sinn gekommen sein, daß dieser Schuß nur eine Ablenkung war.", fuhr Winter fort. "Mögliche Ursachen: Ein Punk mit einer Gaspistole, den man eine 20Ecu-Note in die Hand gedrückt hat und eine Uhr. Ein kleiner Sprengsatz, am Vortag plaziert, oder Magie."
Meyer seufzte und rieb sich den Nasenrücken.
"Wie dem auch sei:", fuhr Winter fort. "Allen Anschein nach hat die Ablenkung ihre Wirkung erzielt.
Zurück zum eigentlichen Punkt.
Wir sind immer noch beim Zeitindex 22 sec nach dem "Schuß".
Francis, Valentine."
Die beiden Leibwächter setzten sich ruckartig auf und sahen Winter an.
Der zeigte auf das Standbild hinter sich, ohne den Blick von den beiden Leibwächtern zu wenden.
"Was machen sie da eigentlich?", fragte er.
Francis schaute Valentine an. Steve zuckte die Schultern. Er verstand die Frage ebensowenig.
"Wir beobachteten die Menge, um nach etwaigen Tätern Ausschau zu halten.", antwortete Francis. "Außerdem wollten wir sehen, ob sich die Menge beruhigt oder die Situation eskaliert."
Wieder seufzte Meyer.
"Die Situation war schon längst eskaliert. Der Schuß war gefallen und ein potentieller Attentäter war in unmittelbarer Nähe zu vermuten. In der gesamten Geschichte der Menschheit ist es noch nie passiert, daß eine Menge sich einfach wieder beruhigt hat. Eher wird vom Gegenteil berichtet.
Der nächste Fluchtpunkt sowie die nächste geschützte Einheit lag fünfzehn Meter hinter ihnen:
Die Limousine.
Sie beiden standen noch weitere 76 Sekunden am gleichen Fleck mit der Schutzperson.
Sie hätten sofort nach dem Schuß zur Limousine rennen sollen. Deshalb frage ich noch mal:
Was machen sie da? Warten sie darauf, daß sich der Attentäter zu erkennen gibt?"
Valentine und Francis schwiegen betreten.
"Ich denke, sie brauchen nicht mehr zu antworten.", sagte Winter. "Takashi, bitte fahren sie fort bis zum Zeitindex 2.13 nach dem Schuß."
Der Decker sandte einen mentalen Befehl über die Leitung und alle Bilder liefen weiter bis zum gewünschten Zeitpunkt um dort wieder einzufrieren.
Francis rieb sich unbewußt mit der Hand über den Brustkorb. Die Szene, die jetzt als Standbild in der Tridwand schien, war die, wo Francis von der falschen Wache erschossen wurde.
"Keiner von ihnen beiden hat nach hinten gedeckt, wo die Menge war. Obwohl von dort der Schuß kam. Sie beide wurden von den Attentätern überrascht.
Francis, statt ihm Befehle entgegen zu brüllen, hätten sie mit ihrer Waffe eindeutigerer Signale geben sollen. Im Zweifelsfalle hätten sie gleich schießen müssen. Sie haben zwar richtig erkannt, daß die beiden Wachen dort nichts zu suchen hatten, aber sie haben falsch reagiert. Sie ebenfalls, Valentine.
Vor allem waren sie zu langsam." Winter unterbrach sich und schaute kurz auf seine Unterlagen. Dann sah er Francis an. "Eine Frage, und ich will, daß sie ehrlich antworten: Als sie von der Wucht der Projektile zu Boden stürzten, griffen sie nach der Schutzperson. Würden sie behaupten, daß war eine bewußte Handlung oder eine unkontrollierte Reaktion?"
Francis schaute unsicher in der Gruppe herum. Dann sah er zu Winter, der seinen Blick fing und eine Antwort erwartete "Ich...ich denke schon.", gab Francis zu.
"Und warum taten sie das?"
"Ich wollte versuchen, die Schutzperson aus der Gefahrenzone zu reißen."
Winter nickte. "Die Trideoauswertungen und die Feedbackanalysen besagen das gleiche.
Das war bis jetzt der einzig positive Punkt in der ganzen Aktion." Winter trat ein Schritt zurück und nickte dem Decker zu.
Der Tridschirm verdunkelte sich. Der Leiter der "Guardian Angels" wandte sich der gesamten Gruppe zu.
"Alles andere war mehr als miserabel. Valentine, sie standen wie ein Ölgötze vor der Wache, die sie und die Zielperson mit einer Automatischen Waffe bedrohte. Vogner, ihr Racheakt hatte zwar was Gutes bewirkt, aber sie können davon ausgehen, daß das eine Ausnahmesituation war. Beim nächsten mal kann dadurch die gesamte Aktion fehlschlagen.
Sie alle haben heute ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie man so etwas auf keinen Fall machen sollte. Sie waren alle zu langsam, zu träge. Keine Cyberware der Welt könnte das beheben: Das Problem liegt in ihrem Denken. Sie müssen lernen, mit allem zu rechen; jeder könnte der Attentäter sein. Auch ihr bester Kumpel oder das kleine Mädchen auf den Schultern ihres Vaters.
Sie müssen lernen, einen Attentäter zu erkennen, an der Art, wie er sich bewegt, wie er sich gibt.
Und sie müssen das schnell lernen. Wäre das nicht erst ihr zweiter Einsatz, wären sie jetzt Arbeitslos.
Denken sie daran: Die Herren von ganz oben schauen uns auf die Finger. Wenn die sehen, wie Dumm wir uns anstellen, wird das Projekt abgebrochen.
Sie können jetzt gehen. Einen schönen Tag noch.
Valentine, würden sie bitte noch bleiben?"
Mit leisem Gemurmel und gesenkten Köpfen verließ die Truppe den Raum.
Valentine blieb verunsichert sitzen, bis der Raum leer war.
Winter und Meyer setzten sich zu ihn an den gebogenen Tisch. Slash hielt sich diskret im Hintergrund und rollte das Glasfaserkabel auf, daß er sich zuerst aus der Datenbuchse, dann aus der Tridkonsole
gestöpselt hatte.
"Es geht um den Fehler in dem Simulationsprogramm.", klärte Winter auf. "Meine Frage an sie ist:
Was war ihre letzte Handlung, als das Programm ihr Persona-Icon zerstückelte?"
"Ich hatte abgedrückt.", antwortete Valentine.
Meyer und Winter sahen sich an. Meyer, so schien es, wirkte irgendwie ein wenig erleichtert oder zufrieden.
"Die vergleichenden Diagnosen aus der Neuroabteilung ergaben einen ähnlichen Schluß.", informierte Winter. "Die Muster stimmten mit denen andere Aufzeichnungen von ihnen und ihren Teamkollegen überein. Die Frage war nur für das Protokoll und für die Prüfung des Wahrheitsgehalts. Leider geben die Programmcodes keinerlei Auskunft darüber, ob die virtuelle Darstellung eben das projizieren wollte. Das wäre bei der Auswertung kein Problem gewesen, wenn die Wache darauf reagiert hätte.
Das war nicht der Fall."
"Es ist ganz so,", übernahm Meyer das Gespräch, "als ob das Programm gar nicht zur Kenntnis nehmen wollte, daß sie geschossen haben. Und das ist schon das zweite mal.
Waren sie früher schon mal mit einem Trampnetz in einer Matrix oder einer Simulation?"
Valentine nickte. Die Ausbildung der Sicherheitskräfte bei Mitsuhama wurde größtenteils über solche Simulationen geführt. Auch wenn die Anlage bei den allgemeinen Sicherheitspersonal längst nicht so modern war.
"Gab es da früher schon mal solche Probleme?", fragte Meyer.
Valentine schüttelte den Kopf. "Aber die Simulatoren waren längst nicht so gut, so realistisch.
Kann es vielleicht daran liegen, daß ich keine Datenbuchse besitze?"
Außer Joan und ihm hatte jeder in der Gruppe eine Datenbuchse. Flieder, der Rigger besaß sogar mehrere.
Winter verneinte "Das spielt keine Rolle, wie uns die Experten aus der Neuro zu erklären versuchten. Sie sind der Meinung, daß es auch nichts helfen würde, wenn sie eine besäßen.
Ihre Vermutung ist eher andersherum; die Probleme könnten mit einer Datenbuchse noch stärker ausgeprägt werden."
"Was ist eigentlich das Problem?", fragte Valentine nach.
"Das wissen unsere Spezialisten nicht so genau.", gab Winter zu. "Sie vermuteten zuerst eine neurologische Störung, aber den Verdacht verwarfen sie, nachdem sie ihre Gehirnwellenmuster aus der Simulationsaufzeichnung untersuchten.
Zur Zeit vermuten sie einen genetischen Defekt. Sollte so etwas noch einmal auftreten, würden sie gerne einige Tests mit ihnen machen.
Aber sie sagen, eine solche genetische Inkompatibilität tritt so selten auf, daß man sie vernachlässigen kann. Sie denken auch, daß dies nicht mehr passieren wird."
Winter packte seine Unterlagen zusammen und nickte Meyer zu.
Beide standen auf. "Sie können gehen, Valentine.", sagte Meyer. "Ruhen sie sich aus und seien sie morgen fit und pünktlich zum Training."
Es passierte kein weiteres mal mehr, daß das Programm bei Steve abstürzte.
Zusammen mit den anderen Mitgliedern der Truppe absolvierte er das Training nach drei Monaten erfolgreich.
Die Kommission von der Hauptfiliale in Japan zeigte sich sehr zufrieden mit dem Projekt und den Ergebnissen und bewilligte weiterhin die Mittel für das kostspielige Unternehmen.
Die "Guardian Angels" wurden für ihren ersten echten Einsatz vorbereitet.
Valentine, Francis, Vogner und Joan saßen in der Kantine und sahen sich mit gemischten Gefühlen ihre Orderfolien an.
" 'Operativer Eingriff zur Implantation kybernetischer Modifikationen.' ", las Joan laut vor. Sie klang nicht begeistert.
Francis lächelte. "Cyberware. Das macht uns schneller, besser, stärker!" Ihm gefiel die Vorstellung sichtlich.
"Damit gehören wir wohl zum Spitzenpersonal.", folgerte Vogner. "So eine Ehre wird nicht jedem zuteil. Der Konzern investiert nur in Dingen, die ihm sinnvoll und lukrativ erscheinen."
"Ich weiß nicht.", entgegnete Joan mißmutig ein. "Es gefällt mir nicht, so etwas in meinem Körper zu haben. Und daß ich keine Wahl habe, stört mich auch."
"Du hast Doch eine Wahl!", warf Francis ein und grinste.
"Ja, ich kann kündigen.", knurrte sie. "Und den Rest meines Lebens eine Toilettentür bewachen!!"
"So ein bißchen Chrom im Körper schadet nicht.", beruhigte Francis. "Du spürst es nicht. Und glaub mir: Die Vorteile, die es mit sich bringt, werden Dir gefallen!"
Joan wiegte ihren Kopf, immer noch nicht überzeugt. "Ich habe gehört, daß man Persönlichkeitsveränderungen erlebt, wenn man seinen Körper mit diesem Zeug vollstopft.
Denkt nur mal an die Berichte über die Shadowrunner! Das sind doch absolute Psychopathen!!"
Vogner lachte und winkte ab. "Das sind ja auch Dummköpfe! Was die bekommen und sich leisten können, liegt bei uns doch schon im Museum. Viele von denen holen sich ihre Cyberware von den Typen, die sie vorher gekillt haben. Alles billige und veraltete Schwarzmarktware, der Abfall der Konzerne. Außerdem sind die bis zur Halskrause mit dem Zeug vollgestopft. Wenn Du nur noch aus Stahl und Plastik bestehst, ist es doch klar, daß Du Deine Persönlichkeit verlierst!
Das kann Dir hier nicht passieren, Joan! Schau...", Vogner hielt seine Handflächen hoch. Mann konnte Stellen an der Haut sehen, die deutlich dunkler waren als der Rest. Sie bildeten ein Dreieck in der Innenhandfläche und kleine Flecken auf den Ballen unter den Fingern. "Das ist eine sogenannte Smartgunverbindung. Neurokontakte, die über die Haut laufen. Zusammen mit einer entsprechenden Waffe treffe ich die Beine einer Fliege, wenn sie auf dem Mond herumspaziert. Das, und die Datenbuchse,", er tippte sich an die Stirn, wo der silbrig glänzende Anschluß prangte, "...hab ich mir verpassen lassen, als das Förderungsprogramm für Scharfschützen lief. Hat mich einiges gekostet, aber der Konzern hat etwas dazu beigesteuert. Und würdest Du sagen, daß ich ein Psychopath bin?
Ich sage Dir, der MCT stellt die beste Cyberware her, die es auf dem ganzen Globus zu finden gibt. Und Du bekommst es umsonst!"
Joan schaute noch immer unschlüssig auf ihre Folie. Die Namen der dort aufgelisteten Modifikationen verunsicherten sie. Und das dort keine Erläuterungen zu den Sachen stand, machte sie fast mißtrauisch.
Sie wandte sich an Vogner, der sich damit noch am Besten auszukennen schien.
"Was ein Data-I/O-port ist, kann ich mir ja noch vorstellen.", begann sie und zeigte auf die Datenbuchse auf Vogners Stirn.
"Und jetzt weiß ich auch, was ein Subdermales Smartguninterface ist. Das ist die Smartgunverbindung, wie an Deinen Händen, richtig?"
"Richtig."
"Aber was ist ein Blitzkompensator? Das steht hier unter der Erweiterung der Optischen Sinnesorgane!"
"Das sorgt dafür, daß Du noch immer was sehen kannst, wenn Dir jemand mit seinem Halogenscheinwerfer ins Gesicht leuchtet. Eine Art vollautomatische Sonnenbrille, die in Deinen Augen steckt."
"Aha. So was ähnliches wie die Restlichtverstärkung?"
Vogner schüttelte den Kopf. "Das ist das genaue Gegenteil. Damit kannst Du auch die Typen im Schatten sehen, wenn sie sich dort verstecken."
"Und die verstärkten Reflexe?"
"Hey, die soll ich auch bekommen!", rief Francis dazwischen. "Das ist eine Erweiterung Deiner Nervenbahnen, macht Dich schnell wie ein Puma."
"Übertreib nicht.", höhnte Vogner. "Es gibt da noch die Reflexbooster. Daneben siehst Du aus wie eine Slowmotion-Aufnahme. Das wollen sie mir verpassen." Er starrte auf sein Blatt. "Mann, das muß ein heftiges Zeug sein! Hier steht, daß die Operation tatsächlich über Zwei Tage geht! Ein echter Bottich-Job!"
Vogner schien das auf seltsame Weise zu faszinieren, ja sogar zu begeistern.
Joans Zuversicht, die sich durch die verlockenden Beschreibungen ihrer beiden Kollegen gerade ein wenig gehoben hatten, sank mit der letzten Aussage wieder ein wenig.
"Was meinen die mit Biopolymerer Muskelverstärkung?", fragte sie deswegen.
Vogner schaute sie nur unwissend an. "Davon habe ich noch nie gehört! Was soll das sein? Steht das da?"
Joan rollte die Augen. "Wenn ich es vorlese, wird es da wohl stehen!"
"Das ist so etwas wie Kunstmuskeln. Nur auf biologischer Basis.", erläuterte Francis. "Es ist wesentlich natürlicher und besser zu vertragen und steht in keiner Weise der technischen Variante nach. Das ist das neueste aus der Bioware."
Vogner und Joan schauten erstaunt zu Francis, der nach der Erklärung stolz an seinem Soykaff nippte.
"Woher weißt Du soviel darüber Bescheid?", fragte Vogner in offener Bewunderung.
Francis lächelte in künstlicher Verlegenheit. "Ich glaube, ich bin ein kleiner Fetischist, was Cyberware angeht. Dummerweise ist das eine teure Vorliebe. Aber in diesem Job hat man fast die Freie Wahl.
Na ja, und natürlich habe ich alles aufgeschnappt, was es über Cyberware und Bioware zu lesen gab."
"Hm,", gab Joan als geistreiches Kommentar. "Dann kannst Du mir sicher noch zwei weitere Dinge erklären:
Dieses interne Commlink Interface mit zwei Kanälen, was genau ist das?"
"So etwas wie ein Funkgerät in Deinem Kopf.", antwortete Francis und stellte seinen Soykaff auf dem Tisch ab. "Stell es Dir vor wie Telepathie. Du kannst Dich mit jemanden unterhalten, ohne ein Wort zu sagen, oder daß jemand anderes was hören kann. Du formulierst alles in Gedanken, so als wolltest Du sprechen und leitest es an die Schaltkreise Deines Commlinks weiter. Das bekommen wir alle eingepflanzt. So sollen wir immer in Verbindung bleiben, egal was passiert."
"Wow,", keuchte Joan. Sie war mittlerweile hin und her gerissen von all den Implantaten. Zwar erschreckte sie nach wie vor, was der Konzern mit ihr vorhatte und der Gedanke, was aus ihr dann werden würde, beängstigte sie, aber sie konnte sich dennoch der Faszination und den absehbaren Vorteilen der Verbesserungen nicht entziehen.
Ihr fiel ein, daß sie oft Geschäftsmänner gesehen hat, die, während sie an ihrem Palmtop arbeiteten, plötzlich mit ihrem Kopf nach vorne nickten und zu schlafen schienen, nur um wenige Minuten später wieder an ihrem Computer weiter zu tippen. Sie hatte von internen Telefonen gehört und dessen Popularität bei Managern.
Und auch viele der professionellen Gesellschafterinnen bestanden, ebenso wie die allermeisten Simsinnstars, größtenteils aus irgendwelchen Implantaten, die sie in übersinnliche Sexgöttinnen verwandeln sollten. Cybermodifikationen schienen etwas alltägliches zu sein. Schließlich hatte ja auch fast jeder eine Datenbuchse. Bisher hatte sich Joan von solchen Dingen immer ferngehalten. Sie wußte nie sehr viel darüber und ihr Körper schien ihr für solche Dinge immer zu kostbar.
Jetzt war es wohl an der Zeit, diese Einstellung zu überdenken.
"Ich werde schneller und stärker sein als meine männlichen Kollegen...", sinnierte sie begeistert.
"Yeah, und keiner kann es sehen!", grinste Francis, "Das wird Dich unwiderstehlich machen." Er blinzelte ihr zu: "Ich stehe auf "starke" Frauen!"
Joan schaute ihm verschwörerisch in die Augen und lächelte. "Wenn Du mich besiegst, kannst Du es ja mal mit mir versuchen.."
Francis Grinsen wuchs verschämt in die Breite. Er lehnte sich zurück, seine Augen in die von Joan versenkt und nippte an seinem Soykaff.
Joan wandte sich zu Valentine um und stützte sich mit ihrem Ellbogen auf seiner Stuhllehne ab.
Sie lächelte ihn an: "Was ist mit Dir, Steve, unserem großen Skeptiker. Was wollen sie Dir verpassen?"
Valentine war die ganze Zeit über still gewesen und hatte sich, während die anderen sich der Vorfreude über den Luxus hochmoderner kybernetischer Errungenschaften es 21.ten Jahrhunderts frönten, besorgt auf seine Orderfolie konzentriert.
Joans Mißtrauen gegenüber Cyberware beruhte größtenteils auf Unwissenheit und den haarsträubenden Geschichten über Shadowrunner.
Valentine konnte seine Angst nicht so leicht ablegen. Im Gegensatz zu seiner Kollegin hatte er sich über das Thema Mensch und Technik ausführlich beschäftigt, anstatt es zu ignorieren. In seinem Gewerbe konnte man sich nicht sicher sein, ob dieser Kelch an einem vorüber gehen würde. Die meisten Angestellten aus dem Bereich der Konzernsicherheit hatten wenig Probleme damit. Sie waren entweder froh oder erleichtert darüber. Es zeigte ihnen, daß der Konzern ein besonderes Vertrauen in sie legte. Außerdem gab es ihnen eine bessere Chance zum Überleben, wenn Shadowrunner in den Konzern einbrachen, die einzige Bedrohung, vor der jeder wirklich zitterte.
Valentine gehörte zu denen, die eher eine Abneigung gegen Cyberware hegten.
Er war der Meinung, das trotz allem die Technologie noch nicht ganz ausgereift war und das die Verschmelzung von Mensch und Maschine immer noch Probleme und Gefahren beherbergte, die man nicht so ohne weiteres überschauen konnte. Es war eine Verunreinigung des Körpers.
Wenn man Cyberware benötigte, um seine Fähigkeiten und Vorteile gegenüber anderen zu erhöhen, so dachte Valentine, kann etwas nicht richtig sein, dann hat man versagt.
Dummerweise gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die nicht irgendeinen Teil von sich gegen ein Stück Chrom und Silizium getauscht haben. Damit war der Grundstein für einen perversen und abstrusen Wettbewerb gelegt, der immer größere und unberechenbarere Dimensionen annahm.
Valentine war zwar bereit, sich solchen Modifikationen zu unterziehen, um in seinem Geschäft zu bleiben, und am Leben. Aber das hieß noch lange nicht daß es ihm gefallen mußte.
Er seufzte und warf einen letzten Blick auf die Folien.
Soviel, wie er mitbekommen hatte, bekamen alle zum größten Teil die gleiche Cyberware:
Jeder bekam eine interne Funkeinheit, um ständig ohne Komplikationen in Kontakt bleiben zu können, jeder wurde an den Augen modifiziert und jeder bekam eine Smartlinkverbindung. Valentine fand diese Aufteilung durchaus logisch.
Und jeder sollte eine Datenbuchse bekommen. Damit wollte man wahrscheinlich die nervigen und langen Prozeduren loswerden, die ein Trampnetz oder jede andere Dateninformationsübertragung mit sich brachte. Valentine vermutete aber, daß der Konzern auch noch etwas einpflanzte, von dem keiner von ihnen etwas wußte. Eine Art Protokolleinheit.
Als Bodyguards würden sie ständig in der Nähe irgendeines hochrangigen Wissenschaftlers sein oder rund um die Uhr ein wichtiges Vorstandsmitglied beschützen. Dabei wäre es unvermeidlich, daß sie das eine oder andere mitbekommen, daß sie nicht wissen sollten.
Dann könnten die Männer ganz oben immer dann, wenn sie es für nötig halten, die Daten ohne großen technischen oder magischen Aufwand abrufen und gegebenenfalls löschen. Valentine zweifelte auch nicht, daß ihnen ein Stück Headware implantiert wurde, daß bei Gefahrensituationen die Geschehnisse aufzeichnete, damit man sie später nachvollziehen könne. Er fragte sich nur, warum es den anderen noch nicht in den Sinn gekommen war.
Vielleicht war dem ja so und es war ihnen egal. Letztendlich konnte er auch nichts dagegen tun und das löste eine Resignation aus, die sich in dem für ihn typischen Gleichmut zeigte.
Valentine sah von seinen Unterlagen auf und schaute zu Joan, die ihn Guter Dinge und erwartungsvoll ansah.
"Wir bekommen eh alle das gleiche eingepflanzt.", sagte er desinteressiert.
Joan zog eine Schnute. "So kannst Du das nun auch nicht sagen.", sagte sie. "Warum bekommt unser Scharfschütze Hans zum Beispiel Reflexbooster, während wir nur die Lightversion bekommen?" Sie sah ihn herausfordernd an.
"Hans ist unser Scharfschütze.", antwortete Steve. "Er sitzt auf den Dächern und betrachtet die Welt um uns herum durch ein Zielfernrohr. Sobald irgend etwas schiefgeht, ist er der Mann der Stunde. Er muß als erster reagieren und folglich als erster schießen. Von seiner Reaktion hängt sehr viel ab. Deswegen ist es wichtig, daß er der schnellste von uns ist."
Joan sah Valentine erstaunt an und drehte sich dann zu Francis und Vogner um. Beide nickten anerkennend mit dem Kopf.
Joan zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder zu Valentine um: "Dann sag mir doch, Du Schlaumeier, warum bekommt keiner außer mir diese biologische Muskelverstärkung?"
"Du bist die einzige Frau in unserem Team.", begann Steve. "Und Du bist im direkten Einsatz beteiligt. Man muß damit rechnen, daß es auch zu Nahkämpfen kommt. Man will damit einen natürlichen Nachteil ausgleichen. Aus dem gleichen Grund werden Frauen auch unterschätzt, besonders, wenn man ihnen ihre Fähigkeiten nicht ansieht. Man will sich auf diese Weise einen Vorteil sichern. Deswegen auch die biologische Methode. Sie ist wenigstens so effektiv wie die herkömmliche Methode mit den Kunstmuskeln auf Myomerbasis, aber man kann sie äußerlich nicht erkennen."
Joan richtete sich auf und sah Steve mit großen Augen an. Francis pfiff leise durch die Zähne. "Sieh mal einer an:", sagte er erstaunt. "Unser Stiller ist ein heimlicher Experte!"
"Ich habe hier und da ein wenig gelesen.", wehrte Valentine ab.
"Hätte trotzdem nicht gedacht, daß Du so Bescheid weißt mit diesen Dingen.", staunte Vogner.
"Wären nicht schlecht, wenn das alle von uns wären.", gab Steve zurück, während er Joan anschaute aufstand und den Raum verließ.
Seine fast volle Tasse Tee ließ er lauwarm zurück, genauso wie seine sprachlosen Kollegen.
Der Mann in dem lächerlich aussehenden sterilen Schutzkleidung betrat den OP und hob die Hände, damit seine assistierende Schwester ihm die Handschuhe überziehen konnte.
Während sie das tat, wandte er sich zu dem versammelten Team von Biotechnikern, Chirurgen und Cybertechnikern: "Guten Tag, meine Damen und Herren: Mein Name ist Baltimore, Harald Baltimore. Einige von ihnen kennen mich noch vom letzten Monat.
Es gab einige Komplikationen mit dem Flug von Mordikai. Irgendeine Schlechtwetterfront oder so in der Nähe von Frankreich. Deswegen trifft mein Kollege erst morgen ein. Ich soll ihn solange vertreten.
Wir fangen deswegen heute mit dem Interface für die optischen und motorischen Systeme des Patienten an und setzen morgen die entsprechende Hardware ein. Mein Kollege Mordikai kann dann Übermorgen die restlichen Interfacesysteme implantieren und die restliche Headware einsetzen.
Fräulein Winkler, würden sie bitte den Resonator holen? Dann können wir auch anfangen.
Ist der Patient schon anästhesiert? Gut! beginnen wir mit den übrigen Vorbereitungen; wir haben einen engen Zeitplan!"...
Valentine erlebte die Narkose auf eine ganz besondere Weise. Da er solch eine schreckliche Angst vor der Operation hatte, war Joan vorher bei ihm gewesen und hatte ihm Mut gemacht und ihm die Hand gehalten. Um ihn zu beruhigen hatte sie ihm erzählt, wie sie einmal im Dienst angeschossen wurde und wie sie die Operation erlebt hatte, die unter Vollnarkose lief.
"Du bekommst gar nichts mit.", beruhigte sie ihn. "Du siehst nur, wie jemand an den Kontrollen herumfummelt, und schon befindest Du Dich im Traumland. Das nächste, was Du mitbekommst, ist, wie Du mit schrecklich schweren Gliedern in Deinem Bett aufwachst. natürlich hat man dann noch ein wenig Schmerzen, aber da ist sofort eine Schwester da, die Dir irgend etwas spritzt.
Und glaub mir, nach einer Dosis Neoskopolamin würdest Du mit einem Grinsen auf dem Gesicht mit ansehen, wie jemand Dein Bein absägt. Tatsächlich bekommst Du nicht viel mit. Die meiste Zeit ist alles Dunkel um Dich."
Valentine stellte gerade fest, daß die Erlebnisse von seiner Kollegin nicht der Wahrheit entsprechen, oder sie einfach andere Erinnerungen an ihr Erlebnis hat.
Als ihm die Narkose verabreicht wurde und er sich der bevorstehenden Operation bewußt wurde, war das fast wie ein Schock. Es schien ihm fast so, als würde die Angst, die er bis jetzt unterdrückt hatte, mehr oder weniger, ihren Weg gefunden haben.
Er spürte förmlich, wie sich seine Seele vom Körper löste. Auf einmal stand er neben sich und konnte die Ärzte sehen, wie sie um ihn herum standen und ihm Injektionen gaben, während man ein schweres und unförmiges Gerät über sein Kopf schob.
Jetzt sterbe ich, dachte Valentine. Ich sterbe an dem Schock, und es ist noch nicht einmal etwas passiert.
Irgendwo hatte er gelesen, daß einem alles gleichgültig und sogar fröhlich vorkommen soll, wenn man stirbt. Außerdem soll man einen Tunnel sehen und an seinem Ende ein Licht.
Valentine sah nirgendwo einen Tunnel. Und gleichgültig oder fröhlich war er auch nicht.
Er hatte immer noch schreckliche Angst. Außerdem sahen die Ärzte so komisch aus. Sie schienen von innen heraus rötlich zu glühen. Eine Aura aus Farben schien sie zu umgeben.
Gefühle. Valentine hatte die seltsame Eingebung, die Gefühle der Personen empfinden zu können, die sich an seinem Körper zu schaffen machten. Die Ärzte strahlten eine routinierte Gleichgültigkeit aus. Lediglich zwei der Schwestern waren ein wenig nervös.
Was ihm noch auffiel waren die schwarzen Flecken im Kopf der Spezialisten und teilweise auch im Körper. Er konnte sich darauf keinen Reim machen. Aber das Schwarz hatte die gleiche Intensität wie das der technischen Geräte, die den OP ausfüllten.
Vielleicht waren die Ärzte krank.
Valentine tat den Gedanken als eine hirnrissige Illusion seiner Narkose ab, wie alles erlebte. Es wäre schon seltsam gewesen, wenn alle Chirurgen auf einmal von einer Hirnkrankheit befallen wären.
Nach einer Zeit, die ihm wie eine kleine Ewigkeit vorkam, spürte er das fast schmerzhafte sehnsüchtige Verlangen, in seinen Körper zurückzukehren. Bevor er dem Verlangen zwangsweise nachgab, sah er, spürte er, wie die Ärzte in aufkeimender Panik zu den Monitoren stürzten und an den Kontrollen rumspielten. Mit den Farben der Besorgnis in der Aura beugten sich die Schwestern über seinen Körper, während er wieder in ihn zurückfuhr und in seliger Dunkelheit versank.
Solche und ähnliche Erlebnisse hatte er derer mehrere Male. Jedesmal glaubte er mit ansehen zu können, wie die Ärzte seinen Körper mit ihren Instrumenten vergewaltigten. Sicher war er sich nie. All die seltsamen Farben und das komische Licht weckten in ihm den Gedanken an einen unangenehmen und aus Angst geborenen Alptraum, mit denen er die Schrecken seiner Operation durchlebte.
Winter eilte zum OP. Auf halbem Wege traf er Meyer, den er von seiner Sekretärin hatte benachrichtigen lassen. Als er in seinem Büro heute morgen ankam und in seinem persönlichen Ordner die eMail des Ärzteteams las, wollte er dort zuerst anrufen, aber Dr. Baltimore kam ihm zuvor. Am Telefon erzählte er etwas von Komplikationen unerklärlicher Art.
Winter hatte sich sofort auf den Weg gemacht und seiner Sekretärin aufgetragen, Meyer zu informieren. Die Situation im OP klang ernst, und es ist in seiner Laufbahn, soweit er sich erinnerte, niemals zu Problemen gekommen, wenn irgendwelchen Personen kybernetische Implantate eingesetzt wurden.
"Wissen sie schon näheres?", fragte Meyer seinen Kollegen.
Winter schüttelte den Kopf. "Nichts, was ihnen etwas erklären würde. Dr. Baltimore erzählte nur von irgendwelchen Komplikationen, die er sich nicht erklären kann und von ständigen Zusammenbruch des Patienten auf dem Operationstisch."
Meyer runzelte die Stirn. "Wie kann denn so etwas passieren?", wunderte er sich. "Was soll dem Jungen denn eingepflanzt werden?"
"Das Übliche.", erklärte Winter seinem Kollegen:" Smartgunverbindung, Blitzkompensator und Teleaugen. Die elektronische Variante."
Meyers Stirn legte sich wieder in Falten. "Das klingt doch alles ganz harmlos. Kommt da noch mehr hinzu?"
"Eigentlich schon. Aber durch die Komplikationen wurde die Operiation abgebrochen. Sie halten ihn weiterhin anästhesiert und unter Beobachtung.
"Was kann der Grund für die Komplikationen sein?"
Winter zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht. Dr. Baltimore ist ein Experte seines Faches. Eben das stimmt mich ja auch so besorgt. Wenn er schon beunruhigt ist, muß es was ernstes sein."
Meyer dachte nach. "Es geht doch um Valentine, oder?"
Winter nickte.
"Valentine.", brummte Meyer und schüttelte den Kopf. "Der Junge macht nur Sorgen. Ist es nicht seltsam, daß er mit der Technik auf so schlechtem Fuß steht?"
"Ähnliche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht.", gab Winter zu und seufzte.
"Ich kann es mir nicht erklären.", begann Dr. Baltimore. Er wirkte leicht verzweifelt, fast verärgert. Sein Ruf als Experte war etwas, worauf er mit Recht stolz war. Normalerweise führte er Operationen durch, in denen kybernetische Implantate eingesetzt werden, die als heikel gelten und er wurde auch gerufen, wenn es Komplikationen gab. Denn im Normalfall wußte er mit jedem Problem fertig zu werden. Diese Operation war eigentlich unter seiner Würde und er tat es einem Kollegen zuliebe. Und nun das!
"Wir hatten den Patienten anästhesiert und wollten gerade die Kulturen injizieren, als die ersten Komplikationen auftraten.
Der Patient wurde auf einmal Komatös und seine Werte sanken allesamt fast auf Null."
"Was war der Grund dafür?", wollte Winter wissen.
Baltimore hob hilflos die Hände. "Wir wissen es nicht! Es passiert spontan und unwillkürlich. Und wir konnten ihn nie stabilisieren."
"Wie geht es ihm jetzt?", fragte Meyer und schaute an Baltimore vorbei zu der Plexwand, hinter der sich der Operationssaal befand und wo die Ärzte sich um den Patienten kümmerten.
"Es geht ihm gut.", antwortete Baltimore. Er hob die Hände, um die Fragen abzuwehren, die auf seine Aussage unweigerlich kommen mußten. "Ich weiß,", sagte er "es klingt seltsam und widersprüchlich. Aber in diesem komatösen Zustand, in den er wie willkürlich fällt, ist nicht so lebensbedrohlich, wie wir am Anfang annahmen.
Als wir herausfanden, daß es uns nicht gelang, den Patienten aus seinem Koma zu holen, unterbrachen wir die Operation und nahmen Untersuchungen vor.
Dieses Koma ist wie eine Art Scheintot. Alle Lebenszeichen sind zwar vorhanden, aber nur minimal. Und der Patient hat sich bis jetzt aus jedem dieser, sagen wir mal Anfälle, erholt."
"Jedem?", rief Meyer erschrocken. "Heißt das, er hatte mehrere?!"
"Wie viele "Anfälle" gab es denn bisher?", fragte Winter.
"Während der ganzen Operation? Etwa vier."
"Und wie lange dauerten sie"
Baltimore überlegte. "Unterschiedlich. Der erste war etwa eine Stunde lang, die folgenden sehr viel kürzer, nur Augenblicke. Der letzte war der längste, er dauerte über Fünf Stunden an."
Winter wollte noch eine Frage stellen, aber da ging die Tür auf.
Ein schlanker, fast hagerer Mann kam herein stolziert und betrachtete alle Anwesenden eingehend, aber mit einem kühlen und arroganten Blick, wie wohl ein König seinen Hofstaat betrachten würde.
Ein Magier, dachte Winter und leichte Abneigung wallte in ihm hoch. Er hatte nichts gegen Magie oder magisch begabte Personen. Normalerweise waren sie ein unschätzbare Bereicherung beim Personenschutz. Aber Winter hatte selten einen Magier getroffen, der nicht seine Arroganz wie eine Aura mit sich herumtrug und seine Geringschätzung für Normalsterbliche offenkundig zur Schau trug. Er mochte solche Menschen generell nicht. Und es schien, daß Magie solche Eigenarten bei Menschen wie eine Begleiterscheinung verfolgte.
Winter schaute zu Meyer, dessen Augen unter den zusammengekniffenen Lidern blitzten.
Er wußte, daß auch sein Kollege es überhaupt nicht leiden konnte, wenn jemand eine Haltung zutage legte, mit der er anderen Menschen einen Respekt abverlangte, den sie eigentlich nicht verdienten. Der Magier trug einen ähnlichen Anzug wie die Wissenschaftler in den Labors, aber er trug hier und da Schmuckstücke wie Amulette oder Ohrringe und Armreife.
Das Abzeichen, daß über seiner rechten Brust in den Kittel gestickt war, zeichnete ihn als medizinischen Wissenschaftler der magischen Forschungsgruppe aus.
Baltimore muß wirklich sehr verzweifelt sein, dachte Winter.
Ohne die beiden Leiter der Personenschutzgruppe eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Magier auf Dr. Baltimore zu und baute sich vor ihm auf.
"Einen Schönen Tag.", schmalzte er. "Sie sind Herr Baltimore?"
"Ja, guten Tag. Ihr Name ist?...."
"Theodor Formella. Warum haben sie nach mir schicken lassen?"
Meyer räusperte sich hörbar, der Magier schien das nicht zu hören.
Schicken lassen, dachte Meyer, wer redet denn noch so?!
"Wir haben hier einige Komplikationen mit einem Patienten.", erklärte Baltimore ohne weiter Umschweife. "Er hat in unregelmäßigen Abständen immer wieder Anfälle, die ihn in eine Art Scheintot fallen lassen. Abgesehen von der Tatsache, daß die Lebenswerte des Patienten in den Keller fallen, scheint ansonsten paradoxer Weise alles in Ordnung zu sein. Er erholt sich jedesmal selbständig wieder."
Der Magier legte urplötzlich seine Arrogante Haltung ab und hörte interessiert zu.
"Welchem Tätigkeitsbereich geht der Patient nach?", fragte er Winter und seinen Kollegen. Er machte sich nicht die Mühe, sich zu den beiden umzudrehen.
"Personenschutz; Leibwache.", antwortete Winter. "Er hat gerade die Ausbildung abgeschlossen."
Der Magier schaute nachdenklich auf den Boden.
"Sagen sie: Wann trat der erste Anfall auf?", wandte er sich an Baltimore
"Etwa fünf Minuten nach der Narkose. Wir wollten gerade die Nanitenkulturen injizieren."
"Hatten sie die schon verabreicht, als der erste Anfall auftrat oder wollten sie gerade?", hakte der Magier nach.
"Wie ich schon sagte!", wiederholte der Docktor. "Wir wollten sie gerade spritzen, als der erste Anfall kam."
"Aha,", sagte der Magier. "Und wie viele Anfälle hatte der Patient bisher?"
"Vier."
"Alle während der Narkose?"
"Ja. Alle"
"Und wie lang dauerte der längste Anfall?"
"Über Fünf Stunden.", antwortete Baltimore pflichtbewußt. "Haben sie einen Verdacht?"
Der Magier fixierte den Spezialisten. "Ja, den habe ich. Sie haben ihn doch auch.", gab er zurück.
Dr. Baltimore nickte. "Deswegen habe ich sie rufen lassen. Ich konnte mir keinen Reim auf diese Anfälle machen. Es gab eigentlich nur eine Erklärung, die mir einfiel, die so ein Phänomen hervorrufen könnte. Aber das ist eigentlich ausgeschlossen."
"Da stimme ich ihnen zu.", sagte der Magier. "Sollte es sich allerdings anderes herausstellen, wäre das eine große Schlamperei!"
Hinter den beiden knurrte Meyer genervt. "Kann jemand von ihnen uns einfache Weltliche freundlicherweise aufklären?", rief er ungeduldig in die Runde.
Der Magier drehte sich langsam zu ihm um und schaute ihn mit diesem Blick der Geringschätzung an. "Wurden bei dem Patienten...."
"Steve Valentine.", warf Winter dazwischen.
"...wurden bei Steve Valentine die üblichen Tests durchgeführt, um magische Aktivitäten festzustellen?!"
"Natürlich!", erklärte Meyer beleidigt. "Er wurde in der Arkologie geboren. Er hat den Test wie jeder andere aus seiner Klasse mit sechzehn gemacht. Steht alles in seinen Akten."
"Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, daß einige Konzernangehörige sich dem Test entzogen haben."
"Herr Formella!", sprach Winter ihn an. Der Magier wandte sich zu dem Personalleiter. Sein Blick drückte Empörung über diese Rüde Unterbrechung aus. "In meiner Truppe gibt es einige magische Mitglieder, wie sie sicher wissen. Jedes Mitglied wird auf seine Fähigkeiten hin getestet. Wenn jemand auch nur den Hauch eines magischen Talents besäße, wüßten wir das.
Außerdem wäre es irgendeinem der Magier in der Gruppe sicher schon aufgefallen, wenn Valentine aktiv wäre."
"Kann es denn nicht sein, daß der operative Schock seine Fähigkeiten geweckt hat?", fragte Meyer.
Formella schüttelte energisch den Kopf. "Das meinte ich vorhin, als ich unmöglich sagte.
Es passiert ungeheuer selten, daß bei einem Menschen die magischen Fähigkeiten erst so spät erwachen. Nach allem was wir bisher über Magie wissen, ist es in seinem Alter eigentlich schon zu spät. Daher der Verdacht, daß seine Begabung einfach übersehen wurde."
Meyer schaute den Magier wütend an "Unterstellen sie uns etwa Schlampigkeit?!", explodierte er.
Formella sah den "Captain" an.
"Ja.", sagte er knapp und mit einem Tonfall, als wäre er überrascht, daß diese Frage überhaupt gestellt wurde. "Eine andere Möglichkeit gäbe es ja nicht."
"Wieso nicht?", warf Winter ein.
Der Magier seufzte entnervt. "Das habe ich doch eben schon erklärt. Weil es nicht sein kann, daß bei einem Menschen die magische Begabung so spät erwacht."
"Sie haben gesagt, so gut wie nie. Das schließt Ausnahmefälle ja nicht aus."
"Hören sie:", erklärte der Magier geduldig, wie bei einem Kind, das ständig mit klugen Fragen nervt.
"Die Fälle, wo so etwas passiert, können sie in der Fachliteratur nachschlagen. Dort sind solche "Ausnahmeerscheinungen" nach Datum und Name festgehalten.
So selten passiert es, daß man es in Büchern erwähnt. Man kann also wirklich schon fast sagen, daß so etwas einfach nicht passiert!"
Winter drehte den Kopf leicht zur Seite und kniff die Augen zusammen, als würde er nach etwas lauschen. "ich höre immer noch "fast" in ihrem Satzgefüge...."
Bevor der Magier zu einer verbalen Gegenattacke ausholen konnte, ging Baltimore dazwischen.
"Meine Herren!", bat er zur Ruhe. "So wird das nichts. Herr Formella, ich habe sie holen lassen, um einen etwaigen Verdacht nicht nur zu bestätigen, sondern vielleicht auch zu beseitigen. Es muß ja nicht gleich Schlampigkeit sein oder ein Sonderfall. Es könnte doch auch andere Ursachen haben. Was, wenn er ein Adept ist und sich seine Begabung immer in Streßsituationen zeigt oder bei einem sehr intimen Kontakt mit der Technik. Oder ein anderes Phänomen, Geister oder was weiß ich.
Herr Formella, sie sind der Experte. Um herauszufinden oder auszuschließen, ob es ein magisches Phänomen ist; darum habe ich sie her gebeten!"
Der Magier schaute in die still gewordene Runde. Tatsächlich, und zum erstenmal, seit er in diesem Raum war, schien er so etwas wie Beschämung zu zeigen. Eine Regung, die Winter überraschte und die er bei Formella nie vermutet hätte.
"Nun,", räusperte sich der Magier. "dann sollten wir uns den Patienten mal genauer ansehen."
Es war nicht viel, was Formella tun konnte. Genauer gesagt mußte er das auch nicht. Als er Steve Valentine askennte, sprang ihm seine Aura förmlich entgegen.
Es bestand kein Zweifel darin, daß Valentine ein magisches Potential besaß, ein sehr starkes sogar.
Theodor Formella war ein sehr geschickter und mächtiger Magier. Wenn er die Aura von Valentine betrachtete, die kräftigen Farben der Magischen Energien, die durch seinen Körper flossen, war er sich bewußt, daß vor ihm ein Talent lag, daß man fördern mußte. Valentine hatte alles, was man brauchte, um ein Vollmagier zu werden. Zumindest die arkanen Voraussetzungen.
Es gab nur ein Problem, das dem Jungen Mann auf dem Operationstisch vielleicht zu schaffen machen würde.
Sein zu spät entdecktes Talent.
Mit Erleichterung stellte Formella fest, daß man die vorgesehenen kybernetischen Modifikationen nicht implantiert hatte. Er würde nicht viele Einbußen haben, aber die wenigen würde er merken.
Ihm war dennoch schleierhaft, warum bei Valentine das Talent so spät zu Tage trat.
Formella trat aus dem OP heraus und befreite sich von dem sterilen Kleiderüberzug.
"Das ging ja schnell.", stichelte Meyer. Der Magier ignorierte ihn.
Winter und Dr. Baltimore traten an ihn heran.
"Und?", fragten der Docktor und Winter unisono.
Theodor Formella durchquerte den Raum, lies die anderen brennend vor Neugierde hinter sich stehen und nahm sich aus dem Wasserspender etwas zu trinken.
"Der Junge Mann, der da bei ihnen auf dem OP-Tisch liegt, besitzt eindeutig ein magisches Potential. Eins von besonderer Stärke."
"Was?", fragte Baltimore ungläubig. "Wie kann denn das?..."
"Es ist keinesfalls unsere Schuld, daß...", donnerte Meyer gleich los, aber Formella bremste ihn mit einer müden Handbewegung. "Ist es auch nicht.", bestätigte er.
Meyer traute seinen Ohren nicht. "Was haben sie gesagt?", fragte er verwirrt.
"Niemand kann was dafür. Ich kann es selber nicht glauben und es fällt mir sogar schwer, das zu sagen, aber sein Talent ist wohl eben erst erwacht.
Ich sollte vielleicht den einen oder anderen Verlag anrufen."
"Warum sind sie so schnell bereit, ihre Meinung von vorhin zu widerrufen?", fragte Winter.
"Bin ich gar nicht.", konterte der Magier. "Ich irre mich höchst selten und zudem noch sehr ungern. Und wenn sie wüßten, wie selten so ein Vorfall ist...
Aber es gibt keine andere Lösung.
Mit eine solch starken Aura würde er jedem Magier auffallen, an dem er zufällig vorbeiläuft. Ganz zu schweigen von all den Wachgeistern, die hier patrouillieren!"
"Was wird jetzt weiter passieren?", fragte Meyer.
"Ich werde einen Bericht schreiben müssen. Sie ebenfalls."
"Das übernehme ich.", sagte Winter.
"Gut. Diese werden wir dem Vorsitzenden des Projekts vorlegen müssen. Er wird alles weitere in die Wege leiten, um Valentines Begabung für den Konzern zu fördern und nutzbar zu machen."
"Warum traten seine Fähigkeiten erst so spät auf.", wollte Baltimore wissen.
Der Magier zuckte nur die Schultern. "Wenn ich das wüßte.
Geweckt wurden sie sicherlich durch den operativen Schock.
Winter fiel etwas ein. "Bei den Simulationen für das Leibwächtertraining gab es zweimal eine Störung. Ohne ersichtlichen Grund war das Programm nicht in der Lage, ein Gliedmaß von Valentine zu generieren. Kann das daran gelegen haben, daß sich da schon die magischen Energien in seinem Körper zeigten?"
Formella wiegte den Kopf. "Kann sein. Aber das wäre zu vage. Jetzt, wo wir es wissen. Aber der Grund der Störung hätte auch eine andere Ursache haben können."
Winter lächelte. "Eigentlich hatten wir bei der Art von Störung ähnliche Probleme wie hier bei der Operation."
Formella mußte auch lächeln. "Es ist nur schade, daß sich Seine Begabung so spät zeigt.
Wir können nur hoffen, daß sein Intellekt wach genug ist, um dieses Defizit halbwegs auszugleichen."
Valentine lag in seinem Bett und las die diversen technischen Informationsbroschüren über die Cyberware, die seinen Kollegen implantiert wurde und die ihm hätte implantiert werden sollen. Eigentlich schielte er nur deswegen auf die Zeilen, um sich abzulenken. Das allermeiste über diese Implantate wußte er mittlerweile. Und er war froh, daß dieser Kelch an ihm vorüber gegangen war.
Und der Grund für diese Tatsache war es, die ihn beschäftigte.
Er war ein Magier. Dieser neue Aspekt seines Lebens beschäftigte ihn immens.
Einerseits beängstigte ihn die Vorstellung, daß durch seinen Körper Energien strömten, über die man nur wenig wußte und die nur schwer zu beherrschen waren.
Andererseits faszinierten ihn die Möglichkeiten, die sich damit für ihn ergaben.
Von Magiern hatte jeder schon gehört. Sie waren der geringste Teil der Bevölkerung, fast auserwählt. Er hatte einmal von einem Kollegen berichtet bekommen, wie zwei Magier seine Truppe unterstützt hatten, als Shadowrunner versuchten, in die Arkologie einzubrechen. Es klang so phantastisch und unwirklich, wie es wohl auch war, aber alle die dabei gewesen sind, waren schwer beeindruckt. Dies gab ihm eine vage Ahnung von der Macht, zu der er fähig sein würde.
Dann war da noch der Astralraum. Seit der Operation war es für ihn nicht mehr weiter schwer gewesen, sich Astral zu projizieren.
Es war sehr reizvoll, immer wieder auf die astrale Sicht zu wechseln oder im Krankenhaus herumzugeistern, ohne wirklich sein Bett zu verlassen.
Es klopfte am Türrahmen.
Joan stand da. "Darf ich rein kommen?", fragte sie.
"Aber natürlich.", sagte er und winkte sie herein.
Sie selber trug einen Trainingsanzug und Hausschuhe. Ihre neue Datenbuchse glänzte frisch poliert und die Haut drum herum war noch rosa und leicht angeschwollen.
Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ans Bett.
"Was machst Du nur für Sachen?", fragte sie mit liebevollem Vorwurf. "Man hört ja nur das schlimmste."
Valentine grinste. "Es geht mir eigentlich wunderbar! Meine Wunden sind schon gut verheilt!"
"Kunststück.", winkte Joan grimmig ab. "Dir hat man ja gar nichts eingesetzt. Sie haben Dir die Schläuche aus dem Leib gezogen und Dich ins Aufwachzimmer geschoben, mit einem Blumenstrauß auf dem Tisch."
"Wo sind eigentlich die anderen?", fiel es Valentine ein.
"Francis Operationen wurden erst heute beendet. Er liegt noch im Aufwachzimmer und gibt sich seinen Schmerzen hin. Vogner schwebt noch im Bottich. Seine Nerven werden immer noch verdrahtet. Grace und Flieder sind schon wieder draußen, sie wollten uns aber heute besuchen."
"Und wie geht es Dir?"
Joan wiegte den Kopf. "Ich habe noch ein wenig Schmerzen. Es ist unangenehm, die Augen zu bewegen und ich muß mich an diese Dinger erst gewöhnen. Deswegen bewege ich mich auch so steif, wenn ich zur Seite schaue.
Außerdem ist mein Bild ist in der höchsten Vergrößerung etwas körnig. Die Ärzte sagten mir, daß das normal ist und so bleiben wird. Stimmt das?"
"Leider ja.", erklärte Valentine. "Es gibt zwei verschieden Arten von Cyberware, die Dir einen Teleskopblick verschaffen können. Die eine ist die optische Methode, die mit Hilfe von hochpräzise geschliffenen Linsen erreicht wird. Das Bild bleibt bis zum Schluß scharf, aber Du siehst aus wie ein Fisch mit Kontaktlinsen. Die andere Methode beruht auf Chips auf Deiner Retina, die das Bild von Deinem Auge rastern und elektronisch vergrößern. Von außen nicht zu sehen, aber das Bild wird in der höchsten Auflösung etwas körnig. Und diese hat man uns verpaßt. Ich denke mal, all das geschah aus der Idee heraus, uns mit Cyberware auszustatten, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Von außen läßt sich nicht erkennen, ob Deine Augen modifiziert wurden oder nicht. Du hast sogar Deine Augenfarbe behalten!"
"Das soll uns einen Vorteil geben?", wunderte sie sich.
"Ja sicher!," erklärte Steve. "Wenn man sehen kann, was alles in Dir steckt, schätzt man Dich als so gefährlich ein, wie Du bist. Man fährt dann grobe Geschütze auf, um zuerst Dich zu beseitigen, um dann an die Zielperson heran zu kommen. So aber wird es schwer sein, Dich als Bedrohung einzuordnen."
"Kann man denn die Cyberware nicht anders erkennen?"
"Natürlich kann man das. Jeder normale Metalldetektor spielt verrückt, wenn Du daran vorbeigehst.
Und Magier. Sie können die Stellen in Deinem Körper sehen, wo das Chrom sitzt."
Joan rümpfte die Nase und sah Steve spitz an. "Du weißt das jetzt wohl aus eigener Erfahrung!?"
Das war nicht unbedingt positiv gemeint. Ihr Tonfall lies da keine Zweifel zu. Abgesehen von dem allgemeinen Mißtrauen, den man Magiern entgegenbrachte, war da noch ein Problem, daß es Joan schwer machte, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, daß Steve Valentine jetzt ebenfalls zu der Minderheit der Menschen gehörte, denen sich die Welt der arkanen Mysterien öffnete. Und sie machte keinen Hehl daraus, daß es sie störte.
"Steve. Ich weiß, daß Du das kannst.", fuhr sie ihn an. "Aber ich warne Dich: Wenn Du mich jemals mit Deinem Magierblick anschaust..."
"Askennen.", erklärte Steve.
"Wie auch immer!", donnerte sie "Solltest Du das jemals tun, und ich bekomme das heraus, breche ich Dir alle Knochen in Deinem Leib!!"
"Du wurdest doch schon zig Male von Magiern askennt, allein bei Routineüberprüfungen nach den Einsätzen!", wandte Steve ein
"Das gefiel mir ebensowenig!! Außerdem ist das noch etwas anderes! Die kannte ich nicht. Ich will einfach nicht, daß Du so etwas intimes von mir kennst!"
"Herrje, wenn es Dir so wichtig ist...".
"Ist es mir.", sagte Joan mit dem Tonfall, der keine weitere Diskussion zulassen würde. Ihr Blick wurde wieder einige Nuancen weicher. "Wie geht es jetzt eigentlich mit Dir weiter?", fragte sie.
"Ich werde nächste Woche einem Konzernmagier unterstellt, der mich ausbilden wird. Wahrscheinlich bleibe ich aber den "Guardian Angels" unterstellt. Die brauchen noch Magier. Und da ich die Ausbildung schon durchlaufen habe, bin ich in der engeren Wahl."
"Wie lange wird denn Deine Ausbildung dauern?"
Steve zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Das kommt wohl ganz darauf an, wie geschickt ich mich anstelle."
"Dann werden wir Dich ja gar nicht mehr sehen!"
"Die nächste Zeit wohl leider nicht. Aber ich kann ja mal vorbeikommen und sehen, was ihr so macht."
"Das ist wohl das mindeste!", sagte Joan wieder mit dem Unterton, der keinen Widerspruch duldete. Aber sie lächelte dabei. "Ich gehe mal zu Francis. Vielleicht ist er jetzt ein wenig besser drauf. Bis nachher!"
Sie verließ das Zimmer.
Steve lehnte sich zurück und schaute Joan mit einer Mischung von Unbehagen und Verwunderung nach.
Ihm war noch gar nicht in den Sinn gekommen, daß sich seine Freunde an seiner neuen Begabung stören könnten.
Es ärgerte ihn, daß er daran gar nicht gedacht hatte.
Schließlich hatte er bisher Magiern auch mißtraut. Und es gefiel ihm ja auch nicht, zu wissen, daß ein Magier ihn askennt, einfach, weil er in der Nähe war.
Java Inobbassa stand an der Tür, und sie sah aus wie jede andere. Steve wußte nicht, was er erwartet hatte, aber den allgemeinen Schilderungen nach waren Magier exzentrische, eigensinnige und meist auch eingebildete Personen. Und sie bekamen sehr viele Sonderrechte. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, daß an der Tür Sterne klebten oder Amulette hingen. Vielleicht auch Verzierungen. Oder ein Namensschild das mit "Hier wohnt der große..." begann.
Aber da war nur ein ganz normales Schild.
Steve wechselte in die astrale Wahrnehmung, sah aber nur eine Rote Wand, hinter der die Tür schimmerte.
Wohl eine Art magischer Schutz, dachte er. Nur wovor?
Auch egal.
Steve wollte klopfen, aber da ging schon die Tür auf. Das war etwas, womit er nicht gerechnet hatte.
Mit erhobener Faust stand er vor der Person, die die Tür geöffnet hatte.
Steve betrachtete die Person ebenso unverhohlen, wie sie es mit ihm tat.
Ein Riese von einem Mann. Braungebrannte Haut und dunkle Augen, die prüfend und mißbilligend Steve musterten. Er schätzte ihn auf etwas über fünfzig Jahre, auch wenn er etwas jünger von seinem Äußeren her aussah. Die Augen allerdings, die Steve so kritisch musterten, wirkten um sehr vieles älter. Der riesige Mann hatte kurze schwarze Haar und trug einen einfachen Pullover und eine weite Hose aus einem Stoff, den Steve nicht kannte, den er aber für irgend etwas natürliches hielt. Aus echten pflanzlichen Produkten und herzhaft teuer.
Muskeln, genug um einen Troll neidisch zu machen, spannten sich unter dem Pullover. Der Mann vor ihm sah eher aus wie ein Bauarbeiter denn wie ein Magier.
"Steve Valentine!", stellte der Mann fest.
"Das haben sie erkannt?", wunderte sich Steve.
Der Mann schüttelte den Kopf. "Aber ich habe Dich erwartet. Du bist übrigens zu Spät."
Steve schaute auf seine Uhr. "Bin ich nicht.", widersprach er. Der Mann runzelte die Stirn, als wäre er verärgert.
"Nicht?", fragte er und drehte sich zu seinem Zimmer um. "So ein Ärger! Dann geht die Uhr doch vor!"
Der Mann verschwand in der Wohnung, winkte aber Steve hinter sich her.
Steve folgte brav und wunderte sich, wieso die Uhr nachgehen konnte. Dann aber sah er das Büro und erlebte eine Überraschung.
Es sah genauso aus, wie in den Trids, die Steve gesehen hatte. Alles war aus dunklem Holz, der hohe Lehnstuhl, der massive Schreibtisch und die ganzen Regale voller Chips, Minidisks und Büchern. Echten Büchern!
Steve hatte in seinem Leben wenige Bücher gesehen. Und jetzt auf einmal so viele davon, und sie schienen alle älter zu sein als die letzten beiden Jahrhunderte.
An den Wänden hingen Plakate und Poster von Diagrammen, Tabellen und irgendwelchen Wesen, die Steve nie zuvor gesehen hatte. Einige sahen aus wie in den Trids. Und einige Truhen standen an den Wänden. Auf dem Schreibtisch stand ein Datenlesegerät und ein Telekomgerät.
Es wirkte eigentlich nicht wie ein Stilbruch, sondern gab dieser Atmosphäre des Zimmers noch mehr Behaglichkeit, die immer einher ging mit dem Geheimnisvollen. Im Gegensatz zu den anderen Büroräumen, die Steve gesehen hatte, war die Fensterfront hier ziemlich klein. Man schien sie nachträglich mit einer Holzverkleidung verändert zu haben.
Der Riese bückte sich vor einer riesigen, uralten Standuhr und öffnete den Kasten.
Erstaunt sah Steve, daß im inneren kein bißchen Tech zu sehen war. Statt dessen nur zwei feine Ketten mit zapfenförmigen Gewichten und ein Pendel. Das ist eine echte, antike Uhr, erkannte Steve, oder ein teurer Nachbau. Allerdings hatte sich der Magier darüber beschwert, daß sie nachging, also mußte es wohl eine echte sein.
Steve überlegte. Magier müssen sehr reich sein. In jedem Verhältnis.
"Setz Dich ruhig.", brummte der Riese dumpf aus dem Uhrenkasten. "Einfach da auf die Couch."
Steve sah sich um und entdeckte die alte, mit dunkelrotem Stoff bespannte Couch. Sie war unter Diagrammen, Büchern und haufenweise Hardcopies verborgen. Steve schob vorsichtig einige der Karten vorsichtig beiseite und setzte sich auf die Kante.
"Hast Du jemals vorher etwas mit Magie zu tun gehabt?", klang hohl die Stimme aus der Uhr.
"Ich habe nur einmal erzählt bekommen, wie zwei Magier bei einem größeren Einsatz unsere Truppen unterstützt hatten. Und sonst habe ich nur alle Folgen von "Die konischen Koven" gesehen."
"Oh Gott.", seufzte es im Uhrenkasten. Der Riese schob seinen Kopf aus der Uhr und drehte sich zu Steve um. "Darüber reden wir später noch einmal ausführlich." sagte er eindringlich und Steve nickte nur. Jetzt kam ihm seine Antwort selber dumm vor.
"Aber Du selber hast noch nie irgendwelchen Kontakt mit Magie gehabt?"
Steve schüttelte den Kopf. "Nicht, daß ich wüßte."
"Hm.", brummte der Magier nachdenklich. Dann drehte er sich um, schubste das Pendel an und schloß die Tür der Uhr.
Er stand auf und ging zu Steve. "Hilf mir mal." forderte er ihn auf und bückte sich zum Teppich.
Steve stand ebenfalls auf und griff nach dem anderen Ende. Zusammen legten sie einen großen, mit weißer Farbe auf den Boden gemalten Kreis frei, der mit sonderbaren Zeichen und Symbolen versehen war. Die meisten der Symbole waren außerhalb des Kreises an gekennzeichneten Stellen aufgemalt, einige wenige waren im Kreis an den Ecken diverser Diagramme angelegt.
Als der Kreis vollständig freigelegt war, zeigte der Magier in dessen Mitte. "Setz Dich.", forderte er Steve auf. Er sah den Magier erschrocken und unsicher an.
Der Riese seufzte und winkte. "Das ist ein hermetischer Kreis. Eine Art magische Antenne und Verstärker. Und auch eine Art Schutzkreis. Dir kann nicht passieren!"
"Ihr Wort in Gottes Gehörgang.", murmelte Steve und setzte sich, immer noch nicht völlig überzeugt, in den Kreis.
"Mach es Dir bequem.", empfahl ihm der Magier. "Und entspanne Dich. Das wird ein wenig dauern."
Dann nahm er einen Kristall aus einer der Truhen und setzte sich in den hohen Sessel.
Er atmete mehrere Male tief ein und aus und schloß dann die Augen.
Sein Kopf sank nach vorne auf seine Brust und der Kristall begann, schwach zu glühen.
Da Steve nicht wußte, wie er sich verhalten sollte, schloß er ebenfalls die Augen und entspannte sich.
Ohne es richtig zu bemerken, glitt er in den Astralraum über. Das überraschte ihn. Normalerweise kostete es ihn mehr Anstrengung.
Der Raum des Magiers sah so ganz anders aus als die meisten anderen, die Steve bisher astral betrachtet hatte. Das viele Holz leuchtete und gab dem Raum eine angenehme Farbe. Und die Bücher. Die Bücher hatten eine Ausstrahlung, die Steve nur schwer beschreiben konnte.
Und es gab Dinge, die richtig zu gleißen schienen. Objekte wie der Kristall. Steve entdeckte viele davon, mehr, als ihm am Anfang aufgefallen war, als er zum ersten mal in den Raum kam.
Und er sah den Magier. Eine große, machtvolle Gestalt, die im Raum schwebte.
Die Haare waren länger, der Körper schlanker, nicht ganz so muskulös und athletisch. Die Gestalt sah würdevoller und erhabener aus.
"Geh wieder zurück.", befahl ihm der Magier. "Du mußt in Deinem Körper bleiben. Sonst klappt das hier nicht."
Erschrocken fuhr Steve wieder zurück.
Viel blieb ihm danach nicht mehr zu tun. Es war sogar fast langweilig. Anfangs spürte er noch die Auswirkungen der magischen Energien, und wenn er in die astrale Sicht wechselte, sah er die wundervollen Farben, die gleich kleinen Wesen oder Tieren durch den Raum huschten und sich um ihn gruppierten, nur um sich ein wenig später aufzulösen. Aber das war schon nach kurzer Zeit vorbei, und auch das Gefühl der arkanen Energien war nicht mehr so aufregend.
Also begnügte er sich damit, einfach entspannt dazusitzen und abzuwarten.
Irgendwann, Steve konnte nicht sagen, wieviel Zeit vergangen war, aber wenn er der alten Standuhr glauben schenken konnte, waren ein wenig mehr als Eineinhalb Stunden vergangen, brach das Gefühl der Magie, wie sie durch den Raum strömte, ab und der Riese auf seinem Stuhl richtete sich seufzend auf.
Er legte den Kristall auf den Tisch, griff nach einem Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken.
"Leg bitte den Teppich wieder zurück an seinen Platz.", bat er Steve.
Er stand auf und erfüllte die Bitte, beobachtete dabei den Magier verstohlen aus den Augenwinkeln.
Erschöpft und ein wenig müde saß er auf seinem hohen Sessel und wartete, bis sich seine Kräfte wieder erholten.
Steve hatte sich wieder auf die Couch gesetzt, als der Magier aufstand. "Nun,", begann er. "Soweit ich das beurteilen kann, scheinen Deine Kräfte tatsächlich gerade erwacht zu sein. In der Tat erstaunlich! Vor allem, wenn man das Potential beachtet!"
"Was genau haben sie gemacht?", fragte Steve und schaute an sich herab.
"Dich geprüft. Auf Fremdeinflüsse von Magie.", antwortete Java. "Das die Kräfte bei einem Menschen so spät erwachen, ist sehr ungewöhnlich."
Steve rollte mit den Augen. "Das habe ich die letzten Tage ziemlich oft gehört."
"Kann ich mir vorstellen.", grinste Java. "Aber es scheint tatsächlich so zu sein. Ich konnte keine Spuren von Magie feststellen. Und glaube mir: Eine Magie, welche die Kräfte eines Magiers auf so lange Zeit hin unterdrückt, muß verdammt stark sein!"
"Werde ich jetzt eigentlich von ihnen unterrichtet?", fragte Steve, dem einfiel, warum er überhaupt hierher beordert wurde.
Java stemmte seine riesigen Fäuste in die Hüften und grinste breit über das ganze Gesicht.
"Ich muß wohl. Du wurdest mir zugewiesen. Abgesehen davon bekommt man nicht alle Tage einen Burschen mit solch einer Begabung."
Er drehte sich zum Regal um und kramte einige Discs und Chips heraus.
"Das ist Stoff für einige Monate.", sagte er zu Steve und reichte ihm Daten. "Das solltest Du gründlich lesen, damit Du weißt, worum es in der Magie überhaupt geht. Und noch etwas:
Vergiß bitte alles, was Du in irgendwelchen Serien über Magier und Schamanen gesehen hast!
Das ist bis auf einige Details völliger Unsinn!!"
Steve nickte gehorsam. Etwas in der Art hatte er sich schon gedacht.
"Ich werde dafür sorgen, daß Du einen Ausweiß für die Bibliothek bekommst.
Nächsten Monat beginnt dann Deine Ausbildung.", Java klopfte Steve auf die Schulter. "Verabschiede Dich schon mal von Deinem bisherigen Leben."
Steve, der gerade gehen wollte, hielt inne. "Was meinen sie damit?", fragte er alarmiert.
Java lachte wieder. "Ja denkst Du, für andere Dinge wirst Du noch Zeit haben?", Er schüttelte den Kopf "Magie ist kein Hobby, oder ein Studienfach. Magie ist eine Lebensweise! Zumindest für uns Auserwählte! Wenn Du die Daten liest, die ich Dir gegeben habe, wirst Du das schon feststellen.
Die Magie wird Dein Leben von Grund auf verändern. Und außerdem,", fügte er mit einem seltsamen Augenzwinkern hinzu. "Werde ich Dich wirklich hart dran nehmen!
Deine Gabe kommt spät, also haben wir viel zu tun!"
Steve schluckte. Er hätte es sich denken können.
Was soll's. Bisher hatte er sich jeder neuen Sache gestellt. Und Herausforderungen suchte er schon seit langem. Sonst hätte er sich auch nicht bei den Guardian Angels gemeldet.
Vielleicht bekam er doch noch eine Chance, aus seinem Leben etwas größeres zu machen!
"Ich werde mein Bestes geben.", versprach er seinem Meister.
Und seine geistige Formulierung über seinen neuen Lehrer wunderte ihn.
Java Inobbassa werkelte wieder an seiner Standuhr herum. Sie ging immer noch nach.
"Es fehlt eigentlich nur ein wenig Öl.", sagte eine Stimme aus Samt und Wasser. "Du kannst jedes synthetische Gleitmittel nehmen. Die Rollen für die Pendelgewichte gehen ein wenig schwer. Wenn Du sie ölst, wird die Uhr nicht mehr nachgehen."
Java setzte sich vor der Uhr hin und betrachtet seufzend das Innenleben.
"Als würdest Du Dich mit Uhren auskennen.", murmelte er.
Hinter ihm manifestierte sich eine Gestalt. Eine wunderschöne junge Frau, mit schulterlangen, blonden Haaren und einem Lächeln, daß selbst einen Drachen nicht kaltgelassen hätte.
Ihr Kleid sah aus, als wäre es dem Theaterfundus von Hamlet entwendet worden.
"Das war lange nach meiner Zeit, als Uhren erfunden wurden.", säuselte sie. "Es gibt vieles, von dem Du nicht weißt, daß ich es beherrsche."
"Genau das sind meine größten Sorgen.", entgegnete Java zynisch.
"Was hältst Du eigentlich von unserem neuen Schüler?"
"Ein wahres Geschenk!", lachte sie. "Nur sein Alter..."
"Ja, Es ist schon fast zu spät. Ich kann nicht sagen, wie sehr es ihn am Weiterkommen hindern wird, aber ich denke, es wird merkbar sein. Wenn man ihn von allen Aufgaben befreine würde und ich ihn eineige Jahre eunfach nur ausbilden könnte..." Java schloß den Uhrenkasten und stand auf. "Vielleicht sollte ich mit Musaru reden."
"Er wird es nicht gestatten.", sagte die Junge Frau.
"Das ist ja das schlimme.", seufzte Java. "Du hast höchstwahrscheinlich recht. Musaru würde mich mit dem Argument abschmettern, daß magische Talente mit solch einem Potential nicht in irgendwelchen Büchereien verrotten sollen und daß er wieder als Bodyguard arbeiten wird. Ich kann mir das Gespräch eigentlich sparen."
Java sah auf. "Glaubst Du, daß er es trotzdem zu einem großen Magier bringen kann?"
Die schöne Gestalt zuckte mit den Schultern und löste sich wieder auf.
Es klopfte.
Steve Valentine beeilte sich, zur Tür zu kommen und sie zu öffnen. Er kannte nur eine Person, die nicht die Klingel benutzte. Damals, als beide noch bei ihren Eltern wohnten, kam sie auch immer in sein Zimmer und klopfte vorher an den Türrahmen.
Er öffnete die Tür und vor ihm stand eine schlanke hochgewachsene junge Frau. Ihr blonden Haare reichten ihr knapp unter das Kinn und waren somit ebenso lang wie die von Steve. Zwei Datenbuchsen glänzten im Matten Licht der Flurbeleuchtung an ihrer hohen Stirn
Viel frappierender waren die Ähnlichkeiten bei den Augen und bei der Nase. Die hatten sie beide von ihrer Mutter geerbt, eine schmale, gerade Nase, die die Wangenknochen bei ihr betonten.
Im Gegensatz zu Steve wirkte dieses Merkmal bei ihr nicht so arrogant, sondern einfach nur schön.
"Bruderherz!", rief sie aus und fiel Steve um den Hals. "Was hört man von Dir nur für Sachen!
Und warum meldest Du Dich nicht bei Deiner Schwester? Du weißt doch, daß ich mir immer gleich Sorgen mache!"
Steve schlang seine Arme um seine Schwester und versuchte gleichzeitig, unter dem herzhaften Druck ihrer Umarmung ein wenig Luft zu bekommen.
"Ich hatte viel um die Ohren. Aber ich wollte mich sowieso bei Dir melden!"
Sie löste sich ein wenig von ihm, ohne ihn jedoch loszulassen und schaute ihn mit übertrieben gespielter Kränkung in die Augen: "Wann?"
"Demnächst. Bald. Eigentlich wollte ich es schon heute tun."
"Sicher.", sagte sie spöttisch und lächelte schief. "Und irgendwann in den nächsten zehn Jahren, wenn Du als Obermagier an der Seite des Vorstandes sitzt, lese ich über Dich im Bulletin. Das nennst Du dann "ich habe mich bei Dir gemeldet"!"
"Suzanne...", seufzte er und setzte zu Gegenargumenten an. Aber es hatte keinen Sinn. In dieser Laune würde sie ihm alles im Munde herumdrehen und er wäre der undankbare, herzlose Bruder, der seine Arme Schwester im unklaren gelassen hat, so daß sie sich all die Jahre in Sorge grämt. Das Spiel zog sie jedesmal durch, wenn er sich längere Zeit mal nicht meldete. Zu ihrer Entschuldigung fiel ihm ein, daß eigentlich immer sie es war, die sich bei ihm meldete, obgleich ihre Arbeit sehr viel unerwartete und flexiblere Arbeitszeiten abverlangte.
"Woher weißt Du eigentlich von meiner neuen Situation?", viel ihm ein. "Du hast Doch nicht meine Daten durchgesehen?"
Suzanne drehte sich um und lachte, während sie in der Küche verschwand. "Das habe ich gar nicht nötig! Hiro hat mir alles erzählt! Willst Du Tee? Ich habe echten mitgebracht! Oder lieber Champagner? Zur Feier des Tages!"
"Hagebutte?", fragte Steve hoffnungsvoll.
"Ich weiß doch, was Du magst!", lachte sie aus der Küche.
"Zuerst den Tee.", bat er in Gedanken versunken.
Hiro. Meinte sie etwa Hiro Takashi?
"Slash?", rief er ihr zu. "Meinst Du etwa den Decker aus meiner Abteilung?"
Suzanne kam aus der Küche. "Er ist Computerexperte und Datenbeschaffer.", rügte sie milde. "Decker, so nennt man die Leute in den Straßen, die unsere Systeme ständig stören. Oder willst Du mich auch als Decker bezeichnen?"
Steve hob abwehrend die Hände. "Wenn dann Deckerin. Sag mal, Du kennst Slash?"
Wieder dieses Lächeln. "Ich war eine Zeitlang mit ihm zusammen, als wir noch in der selben Abteilung arbeiteten. Wir haben immer noch einen guten Draht zueinander."
Steves Augen weiteten sich. "Du warst mit Hiro zusammen?! Das wußte ich gar nicht!"
"Da sieht man mal wieder, wie Du Dich um Deine Schwester kümmerst."
"Er hat mir gar nichts davon erzählt!"
"Er wußte nicht, wie wir zueinander stehen.", erklärte Suzanne. "Deine Schweigsamkeit und daß Du nicht auf ihn zugegangen bist, ließ ihn denken, wir würden uns nicht verstehen oder so. Als er in Deine Abteilung kam, wußte er sofort, wer Du bist und dachte, Du wüßtest es auch von ihm. Dein Verhalten verunsicherte ihn. Und er ist zu höflich, um sich so ohne weiteres in fremde Familienangelegenheiten einzumischen."
"Er war immer sehr nett zu mir.", fiel es Steve ein.
"Er kann Dich halt gut leiden. Es gibt ja auch keinen Grund, weswegen nicht."
"Freut mich zu hören.", murmelt Steve erleichtert. Aus der Küche drang ein Piepsen.
"Hast Du Irgendwo noch etwas Gebäck zum Tee?", fragte Suzanne, während sie wieder in die Küche eilte.
"Im Oberen Fach, glaube ich.", rief Steve ihr hinterher. "Ansonsten in der Tiefkühltruhe, so ein Mikrowellenzeugs."
"Bäh!", scholl es aus der Küche. "Das schmeckt doch widerlich! Hat Dir keiner gesagt, daß Magier auf ihre Ernährung achten müssen?"
Steve zog die Augenbrauen zusammen. "Noch bin ich keiner!"
"Deswegen wirst Du mir jetzt alles in Ruhe erzählen", lächelte Suzanne und stellte den Tee und den Teller mit dem Gebäck auf dem Tisch ab.
Zwei Tage später fing die Lehre von Steve Valentine an.
Java war ein geduldiger, aber strenger Lehrer. Er war gnädig, wenn Steve die Grundlagen mal nicht so schnell lernte, aber er verzieh es nicht wenn man Fehler machte. "Ein Magier darf sich nicht erlauben, schlampig zu sein.", wiederholte er immer. "Es gibt Dinge in der Magie, die man nicht erklären kann, geschweige denn kontrollieren. Ein Fehler, und das beste, was Dir passieren kann, ist, daß Du stirbst. Deswegen ist es ungemein wichtig, daß Du sorgfältig und fast schon penibel die Formeln lernst! Laß Dir Zeit, wenn Du etwas nicht gleich verstehst, aber mach keine Fehler!"
Ein anderer Grund war wohl auch, daß seinem Lehrer die Themen vorgegeben waren. Das war eine Sache, die Java zutiefst ärgerte. Bei "Kampfmagiern", so wie der Konzern es nannte, ließ man den Ausbildern wenig Freiheiten. Der Lehrplan und die Themen wurden meist vorgegeben, und des weiteren mußte der Schüler Lehrveranstaltungen der Universität des Konzerns besuchen. Dennoch ließ Steve es sich nicht nehmen, bei Fragen oder ungeklärten Themen zu seinem Meister zu gehen und ihn um Rat zu fragen. Die Wissensfülle seines Mentors war schier unergründlich und Steve fragte sich oft, warum er überhaupt zur Universität gehen sollte. Sicher, Java hatte in vielen Dingen seine eigene Meinung und seine eigene Vorstellung, aber er war dem Konzern gegenüber loyal genug, sein Wissen objektiv und unparteiisch zu übermitteln, so daß sein Lehrling alle Möglichkeiten bekam, sich selbst zu entfalten. Steve schätze diese Eigenschaften sehr. Er bemerkte, daß er seinem doch recht strengen Mentor eine Menge Sympathien entgegenbrachte.
Steve fiel auf, daß die Sprüche, die ihm beigebracht wurden, stark darauf zugeschnitten waren, Menschenleben zu beschützen oder zu retten und eventuelle Feinde zu stoppen, zu töten oder sogar zu verhören. Sprüche, so fand Steve, waren recht leicht zu lernen. Es gab in der hermetischen Bibliothek der Universität eine immens große Anzahl von Disks und Chips, in denen die entsprechenden Formeln festgehalten waren. Steve lernte sie, und Java half ihm bei der richtigen Ausführung. Dennoch, so kam Steve zum Entschluß, war Spruchzauberei keine sonderlich große Herausforderung. Sein Mentor erklärte ihm, daß er ja auch genügend Hilfe hatte und da er Steve einige besonders kraftvolle Zauber unter Zuhilfenahme von Fetischen vermittelte, waren die Fortschritte von Steve kein besonderes Zeichen seiner Begabung.
Die zeigte sich erst, als Java ihm beibrachte, wie man Geister beschwörte.
Watcher, kleine Hilfsgeister, waren die erste Übung, die Steve zu bewältigen hatte. Und das tat er gut, wenn man die Zeit betrachtete, in der er die nötigen Grundlagen lernte.
Elementare zu beschwören war schon weitaus schwieriger und aufwendiger. Es brachte Steve an die Grenzen seiner geistigen Belastbarkeit, als er das erste mal mit seinem Meister über sechs Stunden hinweg in einem Kreis saß, um sie herum nur Rauch und Dunst, bis dann tatsächlich die vage Gestalt eines Elementars entstand. Dieser versuchte sogleich, sich dem Einfluß von Steve zu entziehen und hätte es auch beinahe geschafft, wäre da nicht sein Lehrer gewesen, der die ganze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen, der Beschwörung beiwohnte.
Und noch jemand war anwesend, der Steve mit seinen Kräften unterstützte und ihm das lernen manchmal erleichterte.
Zuerst dachte Steve, es wären die Auswirkungen der geistigen Anstrengungen, aber dann zeigte sich die Gestalt eines abends das erste mal vollständig und verwickelte ihn in ein langes, unterhaltsames Gespräch über Magie, Liebe und die Renaissance, von der Steve so gut wie keine Ahnung hatte.
Diesen Teil der Geschichte fand er schon in der Schule langweilig. Allerdings hatte die wunderschöne Frau in ihren altmodischen Kleidern eine Art, längst vergangene Dinge so lebendig zu erzählen, als wären sie gestern erst passiert. Nach diesen Gesprächen verschwand sie immer wieder. Steve sah gar nicht, wie sie den Raum verließ und oft glaubte er, einfach nur geträumt zu haben.
Irgendwann berichtete er seinem Mentor davon, der ihn daraufhin erstaunt ansah, schließlich lauthals lachte und Steve dann erklärte, daß es sich bei dieser Erscheinung um eine Anima handelte, ein freier Geist, der Java ziemlich oft besuchte und auch manchmal mit ihm forschte.
Es war ihm schleierhaft, wie sie jedesmal durch die magische Sicherheit kam und noch mehr erstaunte es ihn, als er erfuhr, daß dieser Geist sogar Aktien von dem Konzern besaß, aber Steve gewöhnte sich an die schöne junge Dame, genoß ihre Besuche und langen Gespräche, und einmal dachte er sogar, daß er sich absurder Weise ein wenig in sie verliebt hätte. Diesen Gedanken verdrängte er aber schnell wieder, weil er die Vorstellung unheimlich fand, sich in ein Wesen zu verlieben, daß hauptsächlich im Astralraum lebt, auch wenn dieser Vorstellung etwas seltsam romantisches anhaftete.
Java schien das Interesse, das die Anima in seinen neuen Lehrling legte, nicht zu stören. Es schien ihn sogar ein wenig zu amüsieren.
Steve genoß die Zeit bei Java, seinem strengen Lehrer und seiner seltsamen geisterhaften Freundin.
Für ihn war es die schönste und aufregendste Zeit, auch wenn sie oft sehr anstrengend war.
Irgendwann begann er wieder, die Tridserie "Die konischen Koven" zu sehen, obwohl er sich oft über die unlogischen und an der Haaren herbeigezogenen Darstellungen aufregte, in welcher Weise Magie den Zuschauern nähergebracht wurde und die Personen, die sie ausübten. Es erstaunte ihn jedesmal, wie der Magier und sein schamanistischer Freund es fertigbrachten, den ganzen Tag über mit Sprüchen um sich zu werfen und des Nachts auch noch ein reges Liebesleben zu führen. Es gab Tage, da übte Steve nur für Stunden mit seinem Meister an einer Beschwörung und fiel danach völlig erschöpft in sein Bett. Der einzige Trost, den die so populäre Serie bot, war die Unterhaltsamkeit in dem ständigen Streit des Schamanen und des Magiers. Und sie war von allen Serien noch die realistischste.
Er konnte sogar Java dazu begeistern, mit ihm diese Serie zu sehen, wenn sie mal wieder einen ganzen Tag lang irgendwelche Rituale vollzogen hatten und nach Entspannung suchten. Zwar stöhnte sein Mentor über die Darstellung der Magie und derer, die sie ausübten, aber er konnte ebenso über den ewigen Streit des Schamanen und des Magiers lachen wie Steve. In solchen Momenten fiel ihm auf, daß sich sein Verhältnis zu Java stark verändert hatte. Anfangs war er schüchtern gewesen; die Strenge seines Meisters lies ihn oft zurückschrecken. Aber Java merkte das schnell und ermutigte Steve durch Freundlichkeit und Humor im Unterricht, da er befürchtete, das Potential seines Schülers zu blockieren, wenn dieser zu sehr verschreckt wurde. Ebenso wie die Lehrmethode änderte sich auch die Beziehung zu den beiden. Sie wurde inniger und fester; Java sah in Steve nicht nur einen Schüler, den man nur einmal im Leben bekommt und dessen Talent man nicht so ohne weiteres verloren gehen lassen durfte. Er sah in Steve auch einen Sohn, den er nie gehabt hat und Steve sah in Java bald einen Vater, den er gerne gehabt hätte.
Zusammen mit dem Geist, der sie manchmal besuchte, waren sie schon fast wie eine Familie.
Diese Zeit kam Steve manchmal wie ein Traum vor. Es erinnerte ihn bizarrer Weise an seine eigene Familie, wo seine Mutter tot war und sein Vater verschwunden. Das Äquivalent dazu war nun Java, sein Lehrer, und Butterblume, die Anima. Manchmal schmerzte ihn das schrecklich schöne Verhältnis und in jeder anderen Situation hätte er sich von alledem distanziert. Aber die Umgebung bei seinen Lehren und die Beziehungen gaben ihm etwas seltsam vertrautes und geborgenes, daß er den Gedanken, all dies einmal zu missen, noch viel schmerzhafter fand.
Doch durch sein Studium und seinem Enthusiasmus, den Steve in die Magie legte, zahlte er aber einen anderen Preis, dessen wahren Wert er noch nicht abschätzen konnte.
Er vernachlässigte seine Schwester, das einzige Mitglied, daß aus seiner kleinen Familie noch geblieben war. Zuerst noch tat es ihm leid und er schämte sich, daß er nicht wie versprochen sich mehr um seine Schwester kümmerte, zumal ihm auffiel, daß sie sehr stolz auf ihn war und daß sie sich wirklich um ihn sorgte. Aber später nahmen ihn seine arkanen Studien so sehr ein, daß er sich noch weniger um sie kümmern konnte und weniger Gedanken daran verschwendete.
Suzanne akzeptierte es stillschweigend und nahm sich vor, ihren Bruder erst einmal in Ruhe zu lassen und ein längeres Gespräch erst mit ihm zu führen, wenn seine Studien nicht mehr so einnehmend für sein Leben waren. Und sie hoffte auch, daß dies wirklich eintreffen würde.
Steve verlor auch den Kontakt zu seiner alten Einheit. Lediglich Francis und der Decker bemühten sich um ihn und berichteten ihn über die Geschehnisse und Veränderungen in der Gruppe.
Dies und die Tatsache, daß er nun ein Magier war, sorgten dafür, daß er von seiner Alten Gruppe wie ein Fremder behandelt wurde, als er seinen Eignungstest als magische Leibwache in der Sicherheit ablegte und wieder in die Einheit der "Guardian Angels" zugeteilt wurde.
Steve Valentine war schon immer als zurückhaltend bekannt gewesen. Aber seine geringen Bemühungen, mit den anderen im Kontakt zu bleiben, hat die meisten seiner Kollegen auf persönlicher Ebene enttäuscht.
Dann war er auch noch Magier, und solchen Käuzen gegenüber war man nun mal mißtrauisch.
Steve selber hatte seine Veränderung natürlich nicht bemerkt, aber sein Selbstvertrauen war um ein vielfaches gestiegen, ebenso wie seine Exzentrik und auch seine Arroganz. Es machte ihm nicht mehr so viele Sorgen, wenn er Menschen verletzt hatte, indem er sie vernachlässigte, und er bildete sich tatsächlich eine Menge auf seine Fähigkeiten ein.
Aus einer Art Gewohnheit heraus hatte er jeden sofort askennt, als er den Raum betrat.
Und ohne auf die Blicke oder die Körpersprache der anderen zu achten, setzte er sich an den Tisch zu seinen alten und neuen Kollegen.
Während Steve in seinen magischen Fähigkeiten unterrichtet wurden, waren die anderen schon im Einsatz gewesen und mußten die Leibwache für einen Exec mimen. Prompt nach dem zwölften "Einsatz" geriet die Einheit in einen Hinterhalt, den Shadowrunner gelegt hatten, um den Manager daran zu hindern, seinen Bestimmungsort - eine Vertragsunterzeichnung - zu erreichen.
Die "Guardian Angels" waren gut, aber gegen dieses Aufgebot von erstklassigen Shadowrunnern konnten sie wenig entgegensetzten. Zu ihrem Entsetzen stellten sie fest, daß die Gerüchte über die Straßensamurais bei weitem untertrieben und falsch waren. Es handelte sich nicht immer um psychopathische und geistig debile Chrommonster. Es waren oft auch intelligente und hochspezialisierte Teams, die neben dem Umgang mit den verschiedensten Waffen auch eine menge Ahnung von Strategie und Taktik hatten. So hatten diese Shadowrunner einige Straßengangs angeheuert und sie sogar dazu bewegen können, außerhalb ihres Gebietes zu operieren und für genug Ablenkung zu sorgen, um den "Guardian Angels" ihren Job wirklich schwer zu machen.
Bei diesem Einsatz kam der Manager und zwei der Teammitglieder ums Leben.
Joan Armanda Folliers war trotz ihrer umfangreichen Modifikationen nicht in der Lage, sich gegen zwei Shadowrunner zu behaupten, die sie mit Monofilamentschwertern und Spornen traktierten.
Grace Falkon wurde von einem Hochgeschwindigkeitsgeschoß zerfetzt, daß ein riesiger Troll aus einer Sturmkanone auf den gepanzerten Wagen abfeuerte. Ihr letzter Gedanke galt noch dem Unglauben darüber, eine so riesige Person mit einer ebenso großen Waffe zu sehen, bevor das Geschoß den Wagen, sie selbst und den Exec durchschlug.
Oliver Flieder, der Rigger der Gruppe wurde in Stücke gerissen, als es einem anderen Mitglied der Shadowrunner tatsächlich gelang, eine kleine fahrende Drohne, vollbepackt mit Plastiksprengstoff, an seinen Aufenthaltsort zu fahren und diese dort zu aktivieren.
Vogner und Francis überlebten schwerverletzt. Francis hatte sich auf einen kurzen Zweikampf mit einem Ki-Adepten eingelassen, der ihn gnädiger Weise am Leben lies, und Vogner, der auf dem Dach positioniert war wurde bewußtlos aufgefunden. Er hatte tiefe Kratzwunden auf dem Rücken, wie von einem Tiger oder Panther, und hatte schweren Blutverlust erlitten.
Die Gruppe wurde von jeder Schuldigkeit an dem Verlust des Konzernmitglieds freigesprochen, da die nachfolgenden Untersuchungen zweifelsfrei ergaben, daß es gegen ein Aufgebot so einer Gruppe von ungewöhnlichen Shadowrunnern keinen effektiven Schutz gegeben hätte.
Das war vor etwa zwei Jahren geschehen. Die Gruppe war danach wieder auf ihre alte Stärke aufgestockt worden. Das Training wurde neu konzipiert und verschärft, die Mitglieder weiter modifiziert und des weiteren wurden Maßnahmen ergriffen, um den Leibwächtern die Option zu geben, innerhalb kürzester Zeit größere Truppen mit militärischer Präsenz zur Unterstützung zu rufen. Dort sah man auch den Fehler. Auch wenn die "Guardian Angels" gegen die Shadowrunner hätten bestehen können, wäre die Lage weitaus weniger gefahrvoll gewesen, wenn man das Gebiet im Vorfeld gesichert hätte oder wenigstens Truppen zur Verfügung gehabt hätte, die sich mit den Straßengangs befaßt hätten.
Um der Gruppe selber einen weiteren großen Vorteil zu geben, sollte künftig wenigstens ein Magier dabei sein.
Francis und Slash, der Decker setzten sich zu Valentine und begrüßten ihn überschwenglich. Vogner hielt sich im Hintergrund und begnügte sich damit, Steve weiterhin mißtrauisch zu beobachten.
Als jedoch Francis die drei neuen Mitglieder zum Tisch winkte, kam auch Vogner dazu und setzte sich ebenfalls.
"Das ist Kaleb Botempi.", stellte Francis vor. Ein schlanker, athletischer Afrikaner streckte die Hand aus und zeigte eine Reihe strahlend weiße Zähne. "Freut mich, Dich in der Gruppe zu haben!
Wir können ein wenig Unterstützung immer gut gebrauchen."
Steve war von der Herzlichkeit des Afrikaners überrascht und schüttelte die ihm dargebotenen Hand. "Danke, ich werde mein Bestes geben!"
Francis zeigte auf einen kleinen, recht jungen Mann mit braunen Stoppelhaaren. Zwei Datenbuchsen glänzten im Licht der Leuchtstoffröhren an seiner Stirn und zwei weitere waren am Hals knapp hinter dem Ohr zu sehen. "Stefano Drake. Er ist unser Rigger." Stefano hob die Dose Cola, die er in der Hand hielt, so als würde er Steve zuprosten und nickte nur knapp. Unsicher winkte Steve zurück. "Er ist ein wenig wortkarg. Sagt immer nur das nötigste. Und das ist...", Frank deutete zu dem einzigen weiblichen Mitglied der Gruppe, " Sharlie Carmichael. Sie wird mit uns beiden die aktive Leibgarde bilden."
Valentine betrachtete die Frau eingehend. Wie bei all den anderen waren ihr die Modifikationen nicht anzusehen, von der Datenbuchse einmal abgesehen.
Sie hatte dunkles, langes Haar und eine schlanke Figur, mit den richtigen Krümmungen und Kurven an den richtigen Stellen. In ihrem Zweiteiler von Zo, die allgemeine Arbeitskleidung bei den Leibwächtern, sah sie weder männlich noch androgyn aus. Im Gegenteil. Steve fand diese Kombination überaus verführend und erotisch. Zudem lies der Zweiteiler genug von den Beinen frei um von jeglichen Zweifel dieser Art abzulenken. Der gesamte Eindruck wurde verstärkt, als er in ihr Gesicht sah. Die warmen, braunen Augen und das fröhliche, sanfte Lächeln ließ vergessen, daß sie eine professionelle Leibwächterin war, fähig, einen Menschen ohne Zögern zu töten wenn es die Situation verlangt und fähig, Jedem Mann hier im Raum mit nur einem Arm den Brustkorb zu zerquetschen oder ihm die Zigarette zu stehlen, einen Zug zu nehmen und sie wieder zurückzugeben, bevor derjenige es überhaupt registriert. Soviel Wärme, soviel Sonne im Lachen hatte Steve vorher nur bei zwei anderen Frauen fasziniert beobachtet, bei seiner Schwester und bei der Anima, die seinen Meister immer wieder besucht.
"Was?", fragte er plötzlich und schreckte aus seinen Gedanken, als er registrierte, daß sie ihm eine Frage gestellt hatte.
"Ihren Namen,", wiederholte sie freundlich. "Francis hatte ihn mal erwähnt, aber ich habe ihn leider wieder vergessen."
"Steve.", stammelte er. "Steve Valentine."
Sie streckte ihm ihre schlanke Hand hin. "Dann auf angenehme Zusammenarbeit, Steve."
Er ergriff ihre Hand und war fast enttäuscht, als er keinen Schlag spürte.
Joan hatte nicht so gut ausgesehen. Obwohl die meisten Bewerber auch nach den Gesichtspunkten ausgesucht wurden, wie weit sie in der Lage waren, sich in den höheren Ebenen der Konzernwelt zu bewegen, ohne das allgemeine Erscheinungsbild zu stören, waren nicht alle Mitglieder der "Guardian Angels" Topmodels. Da aber viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres sowie eine gute - und teure - Garderobe gelegt wurde, konnte man trotz allem behaupten, daß diese kleine Gruppe von Menschen ein ansehnlicher Haufen waren. Sie sahen nicht minder schick aus, wie die Personen, die sie begleiteten und beschützten, und genau das war es, womit man sich den entscheidenden Vorteil sichern wollte, um in der Öffentlichkeit mit einem Minimum an Gefahren aufzutreten.
"Nett, daß Du wieder dabei bist. Valentine.", brummte jemand neben ihm. Steve wandte sich zur Seite. Vogner stand neben ihm und hielt ihm die Hand hin.
Steve ergriff sie und schüttelte sie kurz. "Ich freue mich auch."
Dann ging Vogner wieder und setzte sich an seinen Platz von vorhin und unterhielt sich mit Kaleb.
Steve zuckte die Schultern und setzte sich ebenfalls hin.
Winter kam herein.
"Guten Morgen.", begrüßte er knapp. "Meyer ist heute leider verhindert, er hat einen Einsatz mit der neuen Gruppe, den er persönlich führen wollte.
Zuerst möchte ich Herrn Valentine begrüßen: Schön, daß sie wieder dabei sind.
Ich hoffe, sie sind voller Tatendrang und können es kaum erwarten, dem Konzern zu dienen." Winter sagte dies immer so trocken, daß man nicht genau wußte, ob es nun Sarkasmus sein sollte oder ob er nur das Konzernmantra herunter betete.
Aber darauf achtete im Moment sowieso keiner. Alle sahen zu Valentine. Eine persönliche Begrüßung in der Gruppe von Winter war so selten wie ein Hase als Gestaltwandler.
Da, es geht schon los, dachten einige. Er ist gerade erst hinzugekommen und genießt schon Sonderbehandlungen!
"Ich freue mich auf meine Arbeit.", gab Steve zurück und versuchte dabei, so wenig schleimig wie nur möglich zu wirken.
"Sie werden heute einer neuen Person unterstellt, die sie beschützen müssen:
Es handelt sich um Enoshi Tamuro, ein Vorstandsmitglied aus der F&E Abteilung für die Erstellung neuer Programme bei der Hardwareansteuerung neuester intelligenter Waffensysteme.
Sie werden bei der Schutzperson im Hause wohnen und dort gegebenenfalls auch der Familie von Tamuro Schutz gewähren. Sie werden von mir gleich alle die Chips bekommen, auf denen ihre Aufgabe und der Zusammenhang im einzelnen beschrieben wird. Außerdem stehen dort ein Haufen Daten über die Schutzperson, die sie am besten bis gestern so gut auswendig kenne, als wären es ihre eigene Lebensgeschichte."
Die Mitglieder der Gruppe stutzten und murmelten sich Fragen und Vermutungen zu.
"Warum so ein hoher Aufwand?", fragte Vogner als erster.
"Steht alles auf den Chips.", gab Winter knapp zurück. "Aber für die ganz neugierigen:
MCT hat in letzter Zeit einige Errungenschaften in der Erstellung von Programmen gemacht, die in diversen Hardwarebranchen durchaus für Erstaunen sorgen könnten.
Der Konzern möchte jetzt gerne den Markt mit den neuen Produkten besetzten und wünscht sich des weiteren auch gerne die Zusammenarbeit mit anderen Konzernen, um sich auf dem Weltmarkt den ersten Platz zu sichern.
Das hat zur Folge, daß unsere Schutzperson in den Kreisen gewinnsüchtiger Shadowrunner ebenso wie den Konzernen, die sich ein Bündnis mit MCT nicht leisten können, auf der roten Liste ganz oben steht, denn er wird alle künftigen Verhandlungen führen."
Das sorgte für Stille im Raum. Jeder hatte eine ungefähre Ahnung, was das zu bedeuten hatte, besonders die unter den Leibwächter, die bei dem Run vor zwei Jahren dabei waren und überlebt hatten.
"Unser Geheimdienst hat zu Ohren bekommen, daß diverse Schattenaktionen gegen Enoshi Tamuro geplant werden. Wir wissen leider nicht, welcher Konzern sich speziellsoviel Mühe gibt, aber uns ist zu Ohren gekommen, daß den einzelnen Schattenteams ein Haufen Geld geboten wurde.
Darunter auch die Explosiven, wie man sie auf der Straße nennt."
"Oh Mein Gott!", stöhnte Vogner und seine Hände begannen so zu zittern, daß er seinen Soykaff abstellen mußte.
Valentine schaute Francis fragend an, aber dessen Gesicht war auf einmal aschfahl geworden. Die Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammen gekniffen und in den Augen blitzte ein Gewitter aus Wut und Angst. Die Aura war in gleicher Weise aufgewühlt. Angst aus längst vergangenem Schrecken wirbelte in kaltblauen Farben durch seine Aura. Wut und Zorn mischte sich im tiefen Rot hinzu. Vogner zeigte ähnliche Reaktionen, nur war bei ihm die Angst viel größer.
Valentine wandte sich wieder nach vorne. "Es tut mir leid, aber ich habe wohl nicht alle Informationen.", fragte er Winter. "Die Explosiven; hieß so das Runnerteam, daß vor zwei Jahren an dem Vorfall beteiligt war?"
Winter antwortete nicht sofort. Er schaute in die Runde und legte dann seine Hardcopies auf den Tisch.
"Den einzigen, denen die Einzelheiten über den Vorfall und dem beteiligten Runnerteam bekannt sind, das sind die Personen, die als Leibwache an dem Tag dabei waren und überlebten. Der gesamte Fall war Verschlußsache. Auch die Daten über das Runnerteam wurden nur spärlich weitergegeben. Bisher wußten davon nur Francis, Vogner und Takashi, sowie Meyer, Tanaka Musaru und der Ausschuß.
Die Daten über die Runnerteams sind ebenfalls auf dem Chip.
Die beiden gefährlichsten und ernstzunehmensten sind die Explosiven und die Wrecking Crew.
Sollten sie jemals Kontakt mit einem dieser Teams bekommen, besonders mit dem Erstgenannten, würde ich es gerne sehen, und sicher nicht nur ich, wenn keiner der Mitglieder überlebt.
Ach und noch etwas, bevor sie ihren Dienst unter Tamuro antreten: Ich würde es begrüßen, wenn das Team noch ein oder zwei Simulationen zusammen mit Valentine durchgeht, um ihn in die Vorgehensweise der Gruppe neu einzugliedern.
Ich sehe sie Übermorgen wieder: Sie werden dann mit Enoshi Tamuro zusammentreffen und mit zu seinem Haus fahren werden.
Das wäre dann alles", schloß Winter und entließ die Gruppe.
"Adieu, Privatleben!", murmelte Kaleb zu Valentine, als sie alle zusammen den Raum verließen.
"Ich hoffe, daß Du Dein bestes geben wirst, um uns den Arsch zu decken!", sagte Vogner im vorbeigehen.
Zwei Tage später zogen die "Guardian Angels" bei Enoshi Tamuro ein.
Wie die meisten großen Anwesen hatte auch dieses angenehme Unterkünfte für die Bodyguards. Eine Art Bungalow, wo bis zu acht Personen in eigenen Schlafräumen übernachten konnten.
Die drei Badezimmer und den Essbereich mußten sie sich allerdings teilen.
Enoshi Tamuro stellte sich als höflicher und hilfsbereiter Mensch heraus. Die Leibwächter waren davon überrascht, obwohl sie sich später die Frage stellten, warum eigentlich. Schließlich war er auch nur ein Mensch, und er hatte Familie. Aber es lag wohl daran, so kamen sie kollektiv zur Übereinkunft, daß sie halt viele Execs kannten, die hart, unerbittlich und gemein waren. Viele hatten ein Herz, über das sich jedes Tiefkühlhaus freuen würde.
Allerdings hatte noch nie jemand von ihnen Enoshi bei seiner Arbeit gesehen. Und er stand im Ruf, ein gefürchteter Geschäftsmann zu sein, der im allgemeinen die Unterschriften der Vertragspartner bekam, die er wollte.
Jetzt in seinem Heim war er der fürsorgliche und liebende Vater, der sich rührend um seine beiden Kinder kümmerte. Selbst das Verhältnis zu seiner Frau schien zu stimmen. Liebe zwischen den Ehepartnern war nicht unbedingt der Normalfall bei den Execs. Noch etwas, das die "Guardian Angels" für sich revidieren mußten.
Tamuro zeigte Steve Valentine die zweite Garage, in der er seine Beschwörungen durchführen konnte. Zu Steves Überraschung standen dort auch die Utensilien bereit, die benötigt wurden, um die verschiedenen Elementare zu beschwören. Als Steve fragen wollte, woher er denn wüßte, was Steve benötigte, erklärte Enoshi, daß Java bei Winter angerufen hatte und peinlich genaue Instruktionen gegeben hatte, was geliefert werden soll und wieviel von den jeweiligen Zutaten.
Steve nutzte die Möglichkeit, einen unendlich großen Etat für eine Zaubermittel zu haben und beschwörte jeden Tag einen Watcher, der um das Haus patrouillierte, bis die Sonne wieder aufging.
Steve gab sich Mühe, in der reichlich vorhandenen Freizeit bei seinen Kollegen zu sein und die Freundschaft zu pflegen, aber die Beschwörung der Wachgeister nahm ihn ziemlich in Beschlag. Und auch die anderen magischen Schutzmaßnahmen waren nicht weniger aufwendig.
Einmal, als er ein Ritual zu ende brachte, und dem daraus hervorgegangenem Wächtergeist seine Befehle gab, bemerkte er, daß Sharlie die ganze Zeit im Garagentor stand.
Überrascht lächelte er. "Wie lange stehst Du schon da?"
Sie neigte den Kopf ein wenig. "Etwa eine Viertel Stunde.", schätzte sie. "Ich war vor einer Stunde schon einmal da.
Die anderen fragen sich, was Du eigentlich immer so lange in der Garage machst, aber keiner traute sich nachzuschauen. Sie befürchteten, Dich bei irgendwas zu stören und einen Geist oder etwas in der Art frei zu scheuchen." Sie zog eine Schnute, als würde sie diesen Gedanken belustigend und zugleich idiotisch finden. "Also bin ich losgegangen. Aber vor einer Stunde hast Du noch im Kreis gesessen wie eingeschlafen und hast Dich nicht gerührt.
Ich wollte nachher noch mal vorbeischauen, wußte aber nicht, wie lange so ein Ritual dauert. Und Dich dabei unterbrechen traute ich mich dann nun doch nicht."
Steve lächelte ein wenig erschöpft. "Ist auch gut so. Wenn auch nicht unbedingt für Dich, kann das für mich unter Umständen miese Folgen haben."
Sharlie lächelte. "Ich habe von Magie nur wenig Ahnung. Alles was ich weiß, kommt aus dieser Serie. "Die konischen Koven", oder so."
Steve mußte grinsen. "Die ist gut, nicht wahr?"
Sharlies Augen glänzten und sie nickte eifrig. "Der Magier ist einfach umwerfend"
"Nimm nicht alles für voll, was sie Dir in dieser Serien verkaufen.", knurrte Steve. "Die allermeisten Magier können ihre Magie nicht so ohne weiteres wirken. Und vor allem können sie danach nicht die ganze Nacht mit einer Frau...äh...zusammen sein."
Sharlie kicherte. "Vielleicht mußt Du auch nur ein wenig mehr üben."
Steve wurde rot.
Ein Wirbel aus Farben entstand plötzlich neben Sharlie und manifestierte sich zu einem zwanzigseitigen, roten Gebilde, aus dem zwei Fühler wuchsen und das die Umgebung mit leicht desolatem Blicken aus zwei großen Augen betrachtete.
Sharlies Augen weiteten sich erschrocken. Ihr Kiefer klappte herunter und sie schritt instinktiv einen Schritt zurück. In einer blitzschnellen Bewegung zog sie ihre Colt Manhunter und zielte hektisch auf das seltsame Gebilde.
Steve lachte. "Keine Bedrohung, Iko. Sie gehört doch dazu."
Sharlie schaute verwirrt auf den Magier, ebenso wie die Rote Facettenkugel.
"Darf ich vorstellen?", grinste Steve. "Das ist Iko."
Sharlie schaute noch immer mißtrauisch auf die Gestalt. "Iko ist ein Beobachter, ein "Watcher". Ich habe ihn erschaffen, damit er auf mich aufpaßt, während ich meine Beschwörungen durchführe. Leider ist er nicht besonders helle. Iko?!"
Die Kugel schwebte zu Steve hin und hüpfte vor ihm auf und ab.
"Meister?"
"Wie viele meiner Kameraden habe ich mitgebracht?"
Die Kugel pulsierte und die Augen bekamen einen leicht irritierten Eindruck.
"Zwei und Drei, Meister."
"Sehr gut!" lobte Steve. "Und an diese Person kannst Du Dich erinnern?"
Iko schaute verwirrt drein. Er schwebte wieder zu Sharlie, die ihre Waffe noch immer in der Hand hielt, aber nicht mehr auf den Watcher zielte. Iko schwebte um sie herum und betrachtete sie eingehend, so als versuche er sich an etwas zu erinnern. Nach kurzer Zeit schien er fast beschämt dreinzuschauen und verschwand.
Sharlie hatte sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Jetzt entspannte sie sich wieder und steckte die Pistole wieder zurück in den Halfter. "Ist er jetzt weg?", fragte sie verunsichert.
Steve schüttelte den Kopf. "Er hat sich nur wieder zurückgezogen, auf die ätherische Ebene. Es ist nicht sehr angenehm für ihn, sich zu manifestieren und kostet ihm einige Mühe."
"Verdammt!", fluchte Sharlie leise. "Das nächste mal warne mich! Ich hätte das Biest beinahe erschossen!"
"Da hättest Du nur mich oder die Wand hinter ihm getroffen. Auch wenn es so aussieht, ist er in unserer Welt nicht konsistent."
"Ist es nicht hinderlich oder sogar gefährlich, wenn ein Geist mit so einem beschränktem...Auffassungsvermögen mit uns die Arbeit macht?"
Steve wiegte den Kopf. "Er ist ein prima Wachhund und Bote. Man sollte ihn nicht unterschätzen.
Aber Du hast recht. Ich sollte ihn und die beiden anderen unseren Kollegen vorstellen."
Sharlie horchte auf. "Die beiden anderen?"
Steve grinste und machte eine theatralische Geste. Im Geiste rief er die beiden Elementare zu sich, eine Handlung, die absolut keiner Dramatik bedurfte. Neben Sharlie manifestierten sich plötzlich zwei Gestalten. Die eine schien aus dem Boden zu wachsen und sah aus wie ein Mensch, den man aus Lava geformt hatte. Seine Form schien sich nur mühsam zu halten und seine Gestalt war ständig in Bewegung. Die andere schien aus allen Richtungen gleichzeitig zusammenzufallen und war dabei immer deutlicher zu erkennen. Sie sah aus wie ein Frau, die vollständig in halbdurchsichtige Schleier gehüllt war, fast wie eine Mumie. Von Zeit zu Zeit lüfteten sich die Schleier, die ständig ruhelos umherwehten und zeigten, daß unter den Schleiern absolut nichts war.
"Das ist Vulcano, mein Feuerelementar", sagte Steve und deutete auf die Gestalt aus Lava. Sie blubberte und wandte sich Sharlie zu.
"Hallo, Sharlie.", begrüßte er.
Steve wandte sich der anderen Gestalt zu. "Diese Geheimnisvolle Frau nenne ich Rose. Sie ist ein Luftelementar."
"Ist mir eine Ehre.", grüßte Rose höflich.
Sharlie stand zwischen den beiden und wußte nicht, ob sie staunen oder weglaufen sollte. Als sich die beiden Gestalten neben ihr manifestierten, hätte sie sich beinahe ins Höschen gemacht.
"Freu...freut mich auch.", brachte sie endlich hervor. "Äh...Steve?"
Der Magier grinste. "Ja?"
"Wenn wir jetzt zu den anderen gehen und ihnen unsere neuen Mitarbeiter vorstellen, sollten wir ein kleinwenig behutsamer vorgehen.", keuchte sie. "Einige sind vielleicht weniger beherrscht als ich."
Vogner schaute konzentriert in den runden Plastikbecher und kratze geflissentlich die letzten Reste Pistazieneis mit dem Löffel heraus. "Einen Vorteil hat es, wenn man so ein hohes Tier in seinem Haus bewachen muß!", murmelte er mit vollem Mund. "Man wird bestens versorgt!"
Stefano nickte zustimmend. "Ich hab noch nie in meinem Leben echtes Erdbeereis gegessen! Drek: Ich hab noch nie echtes Obst gesehen!!"
Die Stimmung im Bungalow war mehr als ausgelassen. Gestern hatte Tamuro mit seiner Familie einen Ausflug in den Stadtpark gemacht. Die gesamt Gruppe der "Guardian Angels" war mit, gekleidet in legeren Sachen wie offene Hemden, Poloshirts, kurze Hosen und Turnschuhen, sozusagen, in "Zivil". Die Bodyguards haben ziemlich dämlich geguckt, als der Lieferant von Mitsuhama zum Anwesen von Tamuro kam und ihnen die Kleidung lieferte. Aber es war der Sinn der Sache, daß die Gruppe aussah, als wären sie alle eine große Familie.
Einige der "Guardian Angels" gingen getrennt von der Familie Tamuro zum Stadtpark und spielten die zufälligen Passanten. Spontan gesellten sich Sharlie und Steve zu einem Team. Vogner und Stefano sondierten als weitere "Statisten" die Umgebung. Die Überwachungsdrohne von dem Rigger war ein Flugzeugmodell, daß Stefano über den Park fliegen ließ.
Francis und Kaleb blieben unmittelbar bei der Familie und genossen deren Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Mittlerweile tat das jeder der Bodyguards. Enoshi hatte die Köchin angewiesen, für die "Guardian Angels" mit kochen zu lassen, und der Hausherr selber lud die Leibwächter manchmal zu sich ins Haupthaus ein. Zum einem, um sie besser kennen zu lernen, aber wohl auch, damit sich die Familie an sie gewöhnt und ihre Angst verliert, besonders die Kinder, denen die neuen Fremden nicht sonderlich behagten.
Und gestern waren sie im Park und spielten mit den Kindern und der Frau Badminton oder unterhielten sich mit Enoshi über Gott und die Welt oder ihren Beruf.
Einige von den "Guardian Angels", waren skeptisch: Die viel zu intime Nähe zu den Schutzpersonen könnte sie nachlässig werden lassen.
Besonders Steve, der eher als Einzelgänger galt, äußerte als erster seine Bedenken.
Gestern im Park jedoch, hatte er ganz andere Gedanken. Eigentlich war er viel zu abgelenkt, um seine Aufgabe noch sinnvoll erledigen zu können. Das hielten ihn die Kollegen noch am gleichen Tag vor, schon weil er derjenige war, der die lautesten Töne gespuckt hatte.
Stefano zeigte ihm die Aufnahme der Drohne, wie sie hoch über ihn und Sharlie schwebte, während die beiden ihre Rolle als turtelndes Liebespaar ein wenig zu ernst nahmen.
Letztendlich wurden sie nur damit aufgezogen und vielleicht war der eine oder andere nur neidisch, daß Steve "das tolle Weib aus unserer Mitte" abbekommen hatte, wie es Vogner gerne beschrieb.
Aber wie alle anderen wußten auch Steve und Sharlie, daß ihre neue, zaghafte Beziehung eine starke Behinderung in der Ausübung ihre Pflicht werden kann.
Keiner wußte, wie ihre Vorgesetzten das sehen würden, und vorsichtshalber löschte Stefano die Aufnahmen.
Aber jeder fürchtete, jetzt zwei Personen mehr zu haben, auf die es galt, ein wachsames Auge zu haben.
Suzanne drückte ihre Karte an das Erfassungsgerät und die Tür öffnete sich mit einem leisen Klicken. Wie jeden Tag ließ sie ihre Tasche im Hausflur liegen und ging als erstes zum Telekom und fragte die angekommenen Botschaften ab.
Sie jubelte fast laut, als sie sah, daß endlich eine Nachricht von Valentine dabei war. Zwar nur eine Mail mit einigen Bilddateien, aber viel besser als gar nichts.
Mein Gott, endlich, freute sie sich, ich befürchtete schon, er würde sich gar nicht mehr melden!
Die anderen Aufzeichnungen ignorierend rief sie zuerst den Brief von Valentine auf. Die beigefügten Bilder schaute sie sich zuerst an. Eins von Steve war dabei. Er trug seine Haare ein wenig länger als früher und trug Schmuck. Einen Ohrring und eine Halskette. Das war seltsam, da er früher nie so etwas getan hätte.
Dann war da ein Gruppenbild, betitelt mit der Bezeichnung "Die Guardian Angels, die beste Personenschutzgruppe von Mitsuhama :-)"
Und ein letztes Bild, auf dem eine recht attraktive Frau zu sehen war mit langen dunklen Haaren, die sie offen trug und braunen Augen, die gut zu ihrem warmen Lächeln paßten. Suzanne verglich das Bild mit dem Gruppenfoto. Die Frau war dort auch dabei, allerdings mit einem ernsteren Gesichtsausdruck und den Haaren zu einem strengen Zopf gebunden.
Sie rief die Botschaft ab.
Hi, Schwesterherz!
Endlich komme ich dazu, Dir ein Lebenszeichen von mir zu schicken. Nicht daß Du noch von mir denkst, ich wäre verschollen oder so. Sicher wirst Du Dich jetzt fragen, warum keine Zeit gefunden habe, Dir zu schreiben, wo der Job als Leibwächter doch auch viele Freie Stunden birgt. Nun, ich bin der Magier hier in der Truppe und daher zuständig für die magische Sicherheit. Ich bin fast ständig dabei, irgendwelche Geister zu beschwören oder ihre Lebensspanne zu verlängern. Ein anstrengender und langwieriger Prozeß, den ich Dir bei Gelegenheit genauer erklären werde. Aber wegen dieser anstrengenden Beschwörungen habe ich weniger Zeit, auch für die anderen in der Gruppe. Außerdem habe ich mein Telekom vergessen und traute mich eine ganze Weile nicht, Herrn Tamuro zu fragen, ob ich seine Anlage benutzen dürfte. ( Nimm von beidem etwas und siehe es als einen schlechten Versuch der Entschuldigung für meine Nachlässigkeit.)
Wie geht es Dir zur Zeit? Was macht Deine Arbeit? Hat Hiro Dich von mir gegrüßt? Er ist bei uns für die Sicherheit in der Matrix zuständig, deswegen bekommen wir, wenn überhaupt, nur sein elektronisches Konterfei zu Gesicht, ihn persönlich aber selten. Doch meist ist er in der Arkologie und steuert alles weitere von dort aus.
Mir selber geht es sehr gut. Das Leben als Magier bietet Einblicke, von denen ich früher nie zu Träumen gewagt hätte. Es ist schon erstaunlich: Ich habe das Gefühl, als hätte sich mir eine weitere Welt, ein anderes Universum geöffnet, zudem ich jetzt nach Belieben Zugang habe. Wenn ich mit diesem Auftrag fertig bin, werde ich Dich auf jeden Fall besuchen und Dir alles erzählen. Auch von Java und Butterblume.
Sicher ist Dir auf dem Bild von mir aufgefallen, daß ich meine Haar jetzt ein wenig länger trage. Als Magier hat man einige Sonderprivilegien, und die nutze ich in erster Linie aus, um die Kleiderordnung ein wenig zu beugen. Der Schmuck, den ich jetzt trage, gehört Nicht dazu: Ob Du es glaubst oder nicht, er ist wichtig für meine Magie. Aber das erzähle ich Dir alles in Ruhe, wenn ich Dich besuche.
Die Person, die wir beschützen sollen, ist unheimlich Nett und zuvorkommend. Wir alle haben schon fast ein schlechtes Gewissen dabei, daß er so Gastfreundlich zu uns ist. Der Bungalow, indem wir untergebracht sind, ist ziemlich komfortabel und was die Versorgung angeht, da haben wir absolut nichts zu klagen. Stell Dir vor, wir bekommen sogar echte Lebensmittel! Vor zwei Tagen waren wir im Stadtpark mit der Familie und sie haben gegrillt. und gestern haben wir Eis bekommen, echtes Eis mit echten Früchten!
Und ich bin verliebt!
Die Dame meines Herzens heißt Sharlie und ist wie ich Angehörige der "Guardian Angels". Meist arbeitet sie mit Francis und mir direkt bei der Schutzperson; wir drei sind sozusagen die "Babysitter". Man sieht es ihr nicht an, aber sie kann jedem anderen Mann aus der Gruppe ohne weiteres das Wasser reichen. Die anderen wissen das und haben auch Respekt vor ihr. Wohl weil sie merken, daß sie nicht nur gut aussieht, sondern auch kompetent ist! Mit ihrer herzlichen Art und ihrem Lachen erinnert sie mich manchmal an Dich.
Sharlie kam mit zwei anderen in die Gruppe als Ersatz für die drei anderen, die leider bei einem Einsatz ums Leben kamen. Ich fand sie schon von Anfang an Sympathisch, sah aber bisher keine Gelegenheit, sie näher kennenzulernen. Ich bin von allen hier noch am meisten beschäftigt und es ist bei unserem Gewerbe nicht so gerne gesehen, wenn man zu enge Bindungen zu seinen Kollegen oder zur Schutzperson hegt. Aber vorgestern im Park spielten sie und ich die zufälligen Passanten, und da hatten wir endlich mal Gelegenheit, uns näher kennenzulernen. Irgendwann muß es dann passiert sein. Ich gebe beschämend zu, daß ich an dem Tag wohl meine Aufgaben nicht so gut erledigen konnte, aber ich hatte meine Helfer, die mich unterstützten. Sharlie ist unheimlich zärtlich und warmherzig, eine Tatsache, die man manchmal vergißt, wenn sie sich voll ihrer Aufgabe widmet oder plötzlich ihre Waffe zieht. Aber sie kann auch ganz anders sein. Außerdem kann sie sehr gut mit den Menschen umgehen. Sie hat einen beruhigenden Einfluß auf die Familie von Tamuro. Für die ist die ganze Situation ein wenig ungewohnt und beängstigend, und Du kennst ja meine Art; ich finde nicht so schnell Kontakt zu Menschen, und Magier wecken im allgemeinen eher Mißtrauen. Selbst meine Kollegen schauen mich manchmal etwas seltsam von der Seite an, und meine "Geister" scheinen ihnen Unbehagen zu bereiten. Ich habe mich schon lange an meine neuen "Freunde" gewöhnt" und ich weiß ja besser als die anderen, wer oder was sie sind ( Obwohl daß eigentlich keiner je so genau weiß...).
Ich kann Dir ja mal kurz meine Kollegen beschreiben Slash kann ich getrost auslassen und Sharlie kennst Du ja jetzt auch von meinen Beschreibungen her und vom Foto. Auf dem Gruppenbild sieht sie ein wenig "gefährlicher" aus
(Diesen Ausdruck hatte sie selber gewählt, das macht sie mit Absicht. Sie befürchtet tatsächlich, daß man sie wegen ihrem guten Aussehen nicht ernst nimmt, aber glaub mir, keiner aus der Gruppe würde jemals in diese Verlegenheit kommen...)
Links von mir steht Samuel Francis, den ich vorhin schon kurz erwähnt hatte. Er ist mit mir zusammen die direkte Leibwache und zu dritt sind wir immer in unmittelbarer Nähe der Schutzperson. Francis betrachte ich als meinen besten Freund. Die Person neben Sharlie ist Hans Vogner, unser Scharfschütze. Rechts von ihm ist unser Rigger, Stefano Drake. Er scheint ganz nett zu sein, redet aber wenig. Er hat den beleidigend leichten Job, mit Flugzeugmodellen herum zu spielen oder die dicke Limousine zu fahren, wenn wir unterwegs sind. Rechts ganz außen steht Kaleb Bontempi. Er ist immer gut drauf und lacht viel. Er ist für Sharlie, Francis und mich die Verstärkung.
Ich war erstaunt, daß mich die Gruppe so gut aufnahm, als ich nach so langer Zeit wieder hinzukam. Lediglich Vogner schien sich ein wenig daran zu stören, aber Francis freute sich, daß ich wieder dabei war. Er und Slash waren die einzigen, zu denen ich noch halbwegs Kontakt hatte, als mich Java unterrichtete. Aber es waren eine ganze Menge neue in unserer Gruppe, und auch wenn das ein wenig makaber klingt, so denke ich, daß das zumindest für mich ganz gut war. So konnten wir uns alle halbwegs von Anfang an neu kennenlernen.
Ich mache jetzt Schluß; unser "Herr" hat heute noch ein Treffen mit anderen hohen Tieren und ich möchte seine Gastfreundschaft nicht zu sehr belasten.
Bis Bald,
Dein Steve!!
P.S.: Wenn Du mir schreiben willst, kannst Du das über das Telekom von Sharlie machen. Slash gibt Dir die Adresse. Du solltest ihn auf jeden Fall vorher benachrichtigen, wenn Du mir einen Brief schicken willst. Er sorgt dafür, daß die Nachrichten bei uns oder Dir ankommt, ohne daß sie jemand anderes zu Gesicht bekommt. Sonst hätte ich auch Nicht soviel intimes über Meine Gruppe oder unserer Schutzperson geschrieben!! Zu aller Vorsicht solltest Du diesen Brief auf einem Chip speichern, wenn Du ihn behalten willst, und ihn aus dem Speicher des Komgerätes löschen!
Um Punkt Vier landete der Hubschrauber im riesigen Garten des Anwesens. Mann konnte dem Gärtner schon vom weiten ansehen, daß ihm absolut mißfiel. Zum Glück war solch ein "Service" eher ungewöhnlich und kam nicht sehr häufig vor.
Francis saß vorne neben dem Piloten, Steve und Sharlie gesellten sich hinten zu Tamuro und seinem Sekretär. Der Rest blieb zum Schutz der Familie zurück.
Als der Hubschrauber abhob, versuchte Steve, den Blick aus dem Fenster zu vermeiden. Dummerweise bestand so ein Hubschrauber größtenteils aus Fenstern.
"Sie fliegen nicht gerne, oder?", fragte ihn Enoshi freundlich. Steve lächelte gezwungen und schüttelte den Kopf. "Das war mir schon immer unangenehm."
"Ist das in den heutigen Zeiten nicht sehr hinderlich?"
"Ich bin nie viel verreist.", antwortete Steve. "Und wenn, dann blieb ich meist auf dem Boden.
Sie glauben gar nicht, wie entspannend eine lange Zugfahrt sein kann"
Tamuro lachte. "Ich werde es mir für den nächsten Urlaub merken!"
"Ich fürchte, daß können wir nicht zulassen, Sir.", entgegnete Steve und spielte damit auf die Sicherheitsbestimmungen. Beide lachten und Steve entspannte sich ein wenig. Dann flog der Pilot eine Enge Kurve um das Anwesen und gewann gleichzeitig an Höhe. Tamuro schien das zu genießen, aber Steve kämpfte mit seinen Nerven.
Sharlie nahm seine Hand und lächelte ihn an. Sie schien ebenfalls zu bemerken, daß es ihm nicht behagte, zu fliegen. Steve lächelte zurück.
Wie seltsam, dachte er. Da beschwöre ich Geister und harte Männer machen sich in die Hosen, und jetzt hält mir meine Freundin die Hand, weil ich Angst vorm fliegen habe.
Außerdem wünschte er sich, er hätte den einen oder anderen Levitationszauber gelernt.
Steve wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Sharlie besorgt zu Francis und dem Piloten schaute.
Er drehte sich um und sah ebenfalls zu den beiden. Der Pilot horchte auf eine Stimme in seinem Kopf und übermittelte Francis die Informationen, die er bekam. Auf eine Bitte vom Piloten hin stöpselte sich Francis dann jedoch ein.
An Sharlies Haltung änderte sich unmerklich etwas. Sie hob den Kopf leicht an ihre Augen fokussierten ins Leere.
"Schalt Dein Commgerät ein!", sagte sie plötzlich zu Steve.
Ohne weiter Worte zu verlieren, nahm er den Mikrofonbügel aus seinem Anzug und stöpselte ihn sich ins Ohr. Mit einem kurzen Knacken aktivierte sich das Gerät und er hörte Francis Stimme.
"... Steve schon drin?"
"Ja, bin da!", antwortete er, bevor Sharlie es tun konnte. "Was ist eigentlich los?"
"Ein anderes Flugzeug folgt uns."
"Und?"
"Der Pilot wollte es sich vom Tower bestätigen lassen, da diese Route heute eigentlich frei sein sollte. Der Tower aber meldet keine anderen Flugzeuge in unserer Nähe. Sie schicken gerade zwei weitere Helikopter, die das aufklären sollen."
"Weiß der Pilot, schon, wer oder was uns folgt?"
"Ein weitere Hubschrauber, vom Typ Hughes Stallion. Keine sichtbare Bewaffnung, aber deutlich auf unserem Kurs."
Steve schaute in Sharlies besorgte Gesicht.
Mittlerweile hatten auch Enoshi und sein Sekretär bemerkt, daß etwas nicht stimmte und verlangten nach Aufklärung. "Wir werden verfolgt. Von einem anderen Helikopter.", informierte Sharlie.
"Francis, sag dem Piloten, daß er einige Minuten auf Kurs bleiben soll. Ich werde mir die Leute im Helikopter mal genauer ansehen."
Francis bestätigte.
Steve lehnte sich zurück, in eine möglichst bequeme Position und entspannte sich. Seine Astrale Gestalt löste sich von seinem Körper und glitt durch die Wand des Hubschraubers.
In der Luft bremste er und der Hubschrauber hinter ihm entfernte sich schnell. Ebenso schnell kam der andere Helikopter auf ihn zu.
Nur wenige Sekunden später befand er sich in der Pilotenkanzel.
Es waren nur drei Personen anwesend. Der Pilot hing in seinem Sitz, verbunden mit dünnen Kabeln, die zu der Konsole führten. Außer einer Menge Headware besaß er auch noch einige Cyberware im Körper. Die zweite Person war ein Cybermonster. Dunkle Stellen durchsetzten massiv seinen ganzen Körper und schwächten seine Aura. Steve vermutete verstärkte Reflexe, Muskelersatz und künstliche Knochen und was es sonst noch alles gab. Der Chromsammie hielt eine Waffe in der Hand, die Steve sogar im Astralraum seltsam vorkam. Sie hatte keinen Lauf und war mit einem Kabel an einen Kasten verbunden.
Der Typ hielt sich an der offenen Kabinentür fest und war mit einem Gurt gesichert.
Steve betrachtete die dritte Person. Im Gegensatz zu der vorherigen war ihre Aura hell und machtvoll. Und im gleichen Moment, wo Steve diese Person betrachtete, wandte sie sich zu ihm um und schaute ihn direkt an.
Ein Magier!
Steve fluchte.
Bevor der fremde Magier irgend etwas unternehmen konnte, ließ sich Steve durch den Kabinenboden fallen und flog zurück zum Helikopter, so schnell es ihm möglich war.
Zum Glück war das unheimlich schnell.
Steve fuhr in seinen Körper und "wachte" ruckartig auf. Enoshis Sekretär zuckte erschrocken zusammen.
"Sie haben einen Magier an Bord!", rief Steve durch das Commlink. Francis und der Pilot begriffen sofort. Er verdunkelte die Scheiben und veränderte den Kurs.
"Wer war noch an Bord?", fragte Francis.
"Der Rigger und so ein Chrommonster."
"Eine Messerklaue?", wunderte sich Sharlie. "Was will die an Bord eines Helikopters?"
Francis überlegte. "War die Kabinentür offen?"
Steve bestätigte. "Aber ich konnte die Waffe natürlich nicht identifizieren. Das einzige was ich sagen kann, ist, daß sie komisch aussah. Sie hatte keinen Lauf."
"Sie hatte keinen Lauf?", wiederholte der Pilot.
"Ja, genau!", gab Steve zurück. "Warum?"
Der Pilot antwortete nicht, sondern fluchte nur. Dann reduzierte er drastisch die Höhe. Instinktiv hielten sich die Insassen an irgend etwas fest. Steve wurde schlecht.
"Was ist los?", fragte Francis
"Das ist wahrscheinlich ein Lasermarker!", erklärter der Pilot. "Er wird normalerweise vom Militär dazu benutzt, Ziele anzustrahlen um lasergesteuerte Raketen ins Ziel zu lenken!"
Tamuro und sein Sekretär wurden blaß. Sharlies Augen weiteten sich entsetzt und Steves Magen versuchte sich in Akrobatik.
"Diese verrückten Spinner mit ihren Overkillmaßnahmen!", fluchte Francis. "Haben wir einen Rauchwerfer an Bord? Oder Staniolstreifen?"
Der Pilot lachte trocken. "Das ist eine Passagiermaschine." antwortete er. "Und kein Kampfhubschrauber."
Francis sah nach hinten. "Steve, kannst Du etwas unternehmen?"
"Bin schon dabei."
Nur einen Moment später materialisierte sich eine rotglühende Masse im verfolgenden Helikopterund stürtzte sich auf den Sammie und seine Kasten. In sekundenschnelle schmolz dieser zu einer formlosen Masse zusammen und die Kabine füllte sich mit Rauch und dem Geruch von verbrannten Fleisch.
Der Straßensamurai schrie. Der Helikopter blieb jedoch auf Kurs.
Und weitere Sekunden später spürte Steve dieses seltsame Gefühl in sich. Dieses Gefühl der Leere, daß man verspürt, wenn ein Geist sich von seinem Meister trennt. Steve keuchte.
"Was ist passiert?", fragte Sharlie.
"Ihr Magier ist gut.", antwortete er. "Er hat meinen Geist gebannt. Vulcano ist weg."
"Herrje."
"Aber ihren Marker hat er noch zerstören können."
Im gleichen Augenblick flog ein Objekt rasend schnell am Hubschrauber vorbei.
Die Kabine ruckte und ein häßliches, knallendes Geräusch ertönte vom Dach, gefolgt von einem rhythmischen klacken. Rauch erfüllte den Innenraum.
"Verdammt!" schrie Steve. "Das kann doch nicht wahr sein!!"
Sharlie starrte ihn angsterfüllt an. "Ich dachte, Du hast ihren Marker zerstört."
"Anscheinend einen Augenblick zu spät."
"Der Hauptrotor ist getroffen!", brüllte der Pilot. "Wir gehen runter!"
Der Helikopter sackte durch und Steve konnte durch die Fenster die Häuser der Stadt direkt vor sich sehen, als schaute er auf einen Stadtplan.
Die Insassen schrien. Steve realisierte, daß Enoshi und sein Sekretär bluteten.
Splitter vom zerstörten Rotorblatt waren durch das Dach geschossen und auf die Insassen geregnet.
Doch die beiden schienen ihre Verletzungen nicht wahrzunehmen, sie hatten viel zu viel Angst.
Sharlie war nicht getroffen worden. Aber wegen dem Ruck, als die Rakete traf, ist sie mit dem Kopf gegen die Kabinenwand geknallt und hatte das Bewußtsein verloren. Eine dünne Spur roten Blutes rann von ihrem Kopf an der Wand herunter.
"Sharlie!", schrie Steve. Die ganze Zeit über war er damit beschäftigt gewesen, die Ereignisse zu realisieren und sich magische Formeln ins Gedächtnis zu rufen. Jetzt überschwemmte ihn die Angst. Angst um Sharlie.
Unter Aufbringung all seiner Kräfte zwang Steve sich zur Ruhe. Er schloß seine Augen, versuchte zu ignorieren, daß der Helikopter trudelnd zu Boden stürzte. Er streckte die Hände aus, leitete die Energien des Astralraumes durch seinen Körper und band den Zauber in sie hinein, den er sich ins Gedächtnis rief.
Eine unsichtbare, kugelförmige Barriere wandte sich um den Helikopter und hüllte ihn vollständig ein.
Als der Zauber in seiner endgültigen Struktur stabil wurde, nahm Steve die Arme runter.
"Rose!", rief er laut.
"Ich bin da, Meister."
"Du mußt mir helfen!", rief er der durchscheinenden Gestalt zu.
"Was ist mit der Familie?", fragte sie.
"Im Moment ist das hier wichtiger!", knurrte Steve. "Wir müssen dem Piloten irgendwie helfen, die Maschine unter Kontrolle zu kriegen!"
"Das ist alles andere als leicht, Meister."
"Wir tun es zusammen!"
"Ich gehorche."
Zusammen mit dem Elementar wirkte Steve einen weiteren Zauber. Es fiel ihm immens schwer, in der strudelnden Maschine und unter Aufrechterhaltung eines weiteren Zaubers sich zu konzentrieren. Aber Rose half ihm und in gemeinsamer Arbeit schafften sie es, das trudeln der Maschine soweit zu verlangsamen, daß der Pilot mit seinen geriggten Reflexen eine Chance hatte, in der Stadt eine Notlandung hinzulegen, ohne die Häuser oder den Hubschrauber mitzureißen.
Der Pilot brachte die Maschine wieder in eine horizontale Lage und beendete die unkontrollierte Drehung. Die Straße, auf der er landen mußte, war stark befahren, doch die Fahrer der Autos hatten den Hubschrauber schon längst bemerkt und bremsten hektisch, so daß sich in einem unglaublichen Glücksfall ein freier Platz fand, wo der Helikopter zu Boden krachte.
Die Barriere von Steve sorgte dafür, daß sich keiner der Insassen weiter verletzte, aber die Belastung war zu stark und nach dem Aufprall löste sich die Barriere auf.
Steve war zu Tode erschöpft. Und auch Rose war so sehr geschwächt, daß sie sich in den Astralraum zurückzog und verschwand.
Steve legte noch einmal seine Hand auf Sharlie und ließ einen Heilzauber wirken. Ihre Platzwunde hörte auf zu bluten und ihr Bewußtsein kehrte zurück.
"Steve!", murmelte sie, verwirrt. "Was...?"
"Bring Tamuro hier raus.", unterbrach er. "Francis soll Dir helfen."
Dann wurde er selber bewußtlos.
Als er wieder zu sich kam, standen einige Sicherheitsbeamten von Knight Errant und Mitsuhama in der Nähe. Ein Sanitäter und ein Magier waren bei ihm, aber außer seiner Erschöpfung fehlte ihm nichts. Winter war da und stand an seiner Barre, zusammen mit Francis.
"Sind sie sich in der Lage, ihren Bericht abzugeben?"
Steve schaute auf. "Hier?"
"Nein. Das machen sie in der Zentrale.", gab Winter zurück. "Erzählen sie mir jetzt nur, was passiert ist. Francis' Perspektive war nicht die Beste."
Steve schluckte und begann zu berichten. "Wir wurden von einem anderen Helikopter verfolgt.
Ich askennte die Maschine in meiner Astralen Gestalt und bestätigte, daß es sich um ein Runnerteam handelte."
"Auf welchen Beobachtungen beruhte ihre Bestätigung?" unterbrach Winter.
"Außer dem Piloten war noch eine Person anwesend mit massiven kybernetischen Modifikationen und ein Magier.", erklärte Steve. "Die Kabinentür war offen und einer der Runner zielte mit einer Waffe auf uns, die der Pilot nach meinen Schilderungen als einen Lasermarkierer identifizierte.
Ich schickte meinen Elementargeist, um das Team zu stoppen und den Markierer zu zerstören.
Doch ich habe wohl zu spät reagiert. Eine Rakete war schon abgeschossen worden und verfehlte uns knapp, beschädigte aber den Hauptrotor. Dabei wurden Enoshi Tamuro und sein Sekretär verletzt, ebenso wir Sharlie...Carmichael.
Um den Pilot zu helfen, die Maschine unter Kontrolle zu bringen, rief ich meinen anderen Elementar zu Hilfe. Außerdem wirkte ich einen Schutzzauber, um die Insassen vor dem Aufprall zu schützen."
Winter nickte. "Als die Maschine mehr oder weniger landete, wirkten sie einen Heilzauber auf ihre Kollegin. Warum?"
"Sie hatte nur eine leichte Platzwunde am Kopf und ich wäre nach der Landung nicht mehr in der Lage gewesen, Tamuro und seinem Mitarbeiter zu helfen, den Helikopter zu verlassen, oder ihn zu beschützen."
"Woher wußten sie, wie stark die Verletzung bei Carmichael war?"
Steve stutzte. "Genau wußte ich es nicht, aber ich vermutete es, aufgrund der Auswirkungen, die ich sah. Mein Heilzauber bestätigte es mir im Nachhinein."
Winter nickte wieder und ging dann einfach weg.
Steve schaute ihm verstört hinterher.
Francis trat zu ihm hin und schaute ihn besorgt an.
"Ich hab nicht die ganze Show mitbekommen. Aber ich denke, Du hast unser aller Leben gerettet."
Steve wiegte den Kopf. "Schon gut. Was sollte ich sonst tun?"
Er drehte sich zu dem Wrack des Helikopters um. Dort standen noch einige andere Magier und untersuchten die Maschine auf Spuren von Magie.
Tamuro und sein Sekretär wurden gerade von Ärzten behandelt. Auch Sharlie wurde untersucht.
"Was ist mit Winter los?", fragte Steve.
"Was wird wohl mit ihm los sein?", fragte Francis trocken zurück. "Die Schutzperson, ein hochrangiger Exec, wurde beinahe umgebracht. Er muß sich vor den Leuten ganz oben Verantworten."
"Bei einem solchen Angriff ist man doch so gut wie Machtlos. Die Luftraumüberwachung geht doch nicht in seinen Bereich!"
"Das ist auch sein Glück an der Sache. Das ganze wird wohl keine Folgen für einen von uns haben. Aber dennoch ist er ein wenig angespannt. Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du als Leiter einer Sicherheitsgruppe von so einem Vorfall erfährst?"
Steve schaute auf den Boden. "Eigentlich meinte ich auch eine andere Sache."
Francis sah ihn fragend an.
"Seine letzten Fragen. Was hatten sie zu bedeuten?"
"Kannst Du Dir das nicht denken?"
Steve schaute hilflos auf Sharlie. Sie schenkte ihm einen kurzen Blick und ein flüchtiges Lächeln.
"Meinst Du, es wird deswegen Ärger geben?"
Francis zuckte mit den Schultern. "Enoshi hat sich wegen Deiner Reaktion auf Sharlies negativ geäußert. Und Winter hat mich nach der Art eurer Beziehung zueinander gefragt."
"Und was hast Du gesagt."
Francis schaute seinem Kollegen in die Augen. "All das, was auch noch vor einem Lügendetektor als Wahrheit durchgeht."
Steve schluckte.
"Was sonst hätte ich sagen sollen?", fügte Francis fast ärgerlich hinzu.
"Ist schon gut.", wehrte Steve ab. "Es ist schon richtig so.
Sollte es deswegen Ärger geben, dann werde ich das schon hinbekommen." Er sah noch einmal zum Helikopter hin, der umringt war von Sicherheitspersonal und Spezialisten. Ein Magier war auch dabei.
Ein großer Schwertransporter rollte gerade rückwärts an und schwenkte seinen Kran über das Wrack. Steve schauderte.
"Nie wieder in meinem Leben werde ich ein Flugzeug besteigen." sagte er zu Francis.
Der grinste mit ernster Miene. "Ein Magier, der auf dem Boden bleibt. Irgendwie ironisch."
Bis auf Steve waren alle Mitglieder der "Guardian Angels" wieder auf dem Anwesen von Enoshi Tamuro, zusammen mit dem Hausherrn selbst.
Steve wurde zurück zur Hauptzentrale beordert, da Winter seinen vollständigen Bericht mit ihm besprechen wollte.
Wie er da vor seinem Schreibtisch saß und Winter in seinen Unterlagen stöberte, erinnerte es ihn an den ersten Tag, als er hier saß und sich um die Aufnahme bei den "Guardian Angels" bewarb.
Mittlerweile hatte er sehr viel besseres Verhältnis zu Winter und er hatte sich durch seine Position und seine Arbeit einen gewissen Respekt und auch ein sehr viel besseres Selbstbewußtsein erworben. Dennoch war er so nervös wie am ersten Tag.
Winter sah von seinen Unterlagen auf und betrachtete Steve, während er sich zurücklehnte und ein Blatt in den Händen hielt.
"Die magischen Untersuchungen an dem Helikopter stimmen mit ihrem Bericht überein.", begann er. "Ebenso wie die bei Carmichael. Auch die ballistischen Untersuchungen der Trümmer und Splitter deuten auf einen Angriff mit einem gelenktem Geschoß hin."
"Das klingt fast so, als hätten sie mir nicht geglaubt."
Winter schüttelte den Kopf. "Es geht nur darum, was sie vielleicht ausgelassen haben. Oder hinzugefügt. Wenn nicht alle Berichte eine Übereinstimmung erzielen oder ein schlüssiges Gesamtbild ergeben, werden die Untersuchungen von vorne losgehen. Und das solange, bis endlich alles stimmt. Und raten sie mal, wo die losgehen."
"Bei mir und meinen Kollegen.", antwortete Steve.
Winter nickte. "Genau. Besonders bei ihnen. Sie sind den Berichten nach die Hauptperson.
Den Aussagen der Experten zufolge hat die Rakete nur deswegen den Helikopter verfehlt, weil das Signal vom Lasermarkierer unterbrochen wurde. Das war wohl ihr Verdienst. Einen Haupttreffer hätte niemand überlebt.
Den Absturz übrigens auch nicht, wenn sie nicht gehandelt hätten."
Steve lächelte ein wenig beschämt. Das klang ja sehr schmeichelhaft. Und gar nicht so negativ, wie er befürchtet hatte.
"Aus den Berichten geht aber auch hervor, daß ihre Hauptsorge ihrer Kollegin Sharlie Carmichael galt, und nicht Enoshi Tamuro."
Steve versuchte, jegliche Reaktion auf den Namen zu Unterdrücken. Es gelang ihm aber nicht vollständig.
"Es stimmt also.", sagte Winters fast traurig, als er sah, wie sich Steve bei der Nennung seiner Kollegin versteifte. Winter seufzte und legte das Blatt wieder auf den Schreibtisch zurück.
"Dann sagen sie mir bitte auch ehrlich, ob die magische Heilung von Carmichael im Sinne der Aufgabe zum Schutz von Enoshi Tamuro geschah oder ob sie es getan haben, weil sie um ihre Kollegin besorgt waren."
"Es geschah, weil ich besorgt war. Zu Tode erschrocken und besorgt, sie könnte..."
"Die Romantik interessiert mich nicht.", unterbrach Winter. Er beugte sich vor und stützte sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch ab. "Valentine: Es geht vielmehr darum, ob sie wegen ihrer Beziehung zu Carmichael ihrer Aufgabe noch gerecht werde können, oder ob sie eher zu einer Gefahr für ihre Kollegen und für Tamuro werden!
Ihm ist es durchaus aufgefallen, daß sie sich rührend um Carmichael gekümmert haben, obwohl er und sein Mitarbeiter verletzt waren, und er hat sich mißfallend darüber geäußert!"
Steve schluckte.
"Ich weiß nicht, warum, aber er hat sich diesbezüglich nur Meyer und mir gegenüber geäußert, so daß es noch keine offizielle Beschwerde gibt. Aber es wird einige geben, die Fragen stellen werden!
Vielleicht nicht jetzt, aber ganz gewiß bei einem nächsten Vorfall!"
"Einen nächsten Vorfall dieser Art wird es nicht geben." versicherte Steve.
Winter schaute ihn prüfend an. "Wirklich?" Er setzte sich wieder zurück in seinen Sessel.
"In vielen Berufen wird es nur ungern gesehen, wenn dort die Mitarbeiter eine zu enge Beziehung zueinander knüpfen. Aber in keinem Beruf ist es so kontraproduktiv und gefährlich wie beim Personenschutz. Ob es nun ein Kollege ist oder die Schutzperson, spielt keine Rolle. Es gibt unzählige Berichte davon, wie ein solches Verhältnis die Arbeit in einem Maße gestört hat, daß die eigentliche Aufgabe nicht mehr ausgeführt werden konnte.
Tatsächlich ist es sogar verboten. Und wenn irgend jemand auf den Gedanken kommt, daß das bei ihnen und Carmichael der Fall sein könnte, dann ist das harmloseste, was ihnen widerfahren wird, eine Versetzung in eine andere Einheit!
Sie bringen sich und auch mich in eine heikle Lage."
Steve schaute auf. "Warum haben sie dann nichts dagegen unternommen?", fragte er. "Vorher. Und jetzt, wo sie alles wissen. Sie sind mein direkter Vorgesetzter und außerdem derjenige, der sich letztendlich vor den Großen da oben verantworten muß. Sie haben es selber gesagt:
Ich bringe nicht nur mich, sondern auch sie in Verruf.
Warum decken sie mich? Das macht es nur schlimmer!"
Winter schaute Steve fast beleidigt an. "Sie sind ja dankbar." Er richtete sich in seinem Sessel auf und ordnete einige Unterlagen. "Gute Magier wachsen nicht auf den Bäumen. Und daß sie gut sind, haben sie ja heute bewiesen. Außerdem sprich Java mit höchsten Lob von ihnen." Er verstaute die Unterlagen in einer Mappe und legte diese in eine Schublade in seinem Schreibtisch.
"Der Grund jedoch, warum ich das Risiko eingehe, sie zurück zu ihrer alten Einheit zu schicken, ist ihre kühle Reaktion auf die Situation im Hubschrauber. Den Aussagen von Tamuro zufolge hatten sie sich erst um ihre Kollegin gekümmert, als das schlimmste überstanden war. Carmichael war schon vorher verletzt. Aber sie haben sich nicht darum gekümmert, sondern versucht, die Leben im Hubschrauber zu retten. Die Magier, die für die Untersuchung zuständig waren, haben mir erklärt, daß es eine menge Konzentration und Ruhe erfordert, in solch einer Situation noch Magie zu wirken. Also gehe ich nicht davon aus, daß dies eine Panikreaktion von ihnen war, um ihr Leben oder das von Carmichael zu retten.
Valentine. Sie sind ein guter Mitarbeiter und sie sind mit dem Team vertraut. Es wäre jetzt äußerst unpassend, einen neuen Magier in die Gruppe einzubringen.
Ich gebe ihnen und Carmichael die Möglichkeit, die Sache unter sich zu regeln. In ihrem Privatleben können sie machen, was sie wollen. Aber halten sie ihre Gefühlen aus der Arbeit raus.
Sollte ich nur den allerkleinsten Laut hören, egal von wem, daß sie das nicht in den Griff bekommen, werde ich sie oder Carmichael in eine andere Einheit versetzen."
Steve nickte und atmete auf. "Ich danke ihnen für diese Chance. Sie werden von mir oder von Carmichael nichts mehr aus dieser Richtung hören."
"Versprechen sie nicht zuviel." warnte ihn Winter. "So etwas ist sehr viel schwieriger zu regeln, als es auf den ersten Blick den Anschein hat."
Steve nickte und stand auf.
"Bevor sie gehen, sollte ich ihnen noch sagen, daß Enoshi Tamuro eine Entschuldigung erwartet. Er sieht die ganze Sache von der traditionellen Seite. Sie wissen schon, der Samuraikram und so. Aber er nimmt das alles sehr wichtig. Und japanische Traditionen spielen bei Mitsuhama nun mal eine große Rolle."
"Ich hatte sowieso vor, mit Tamuro zu reden, egal, wie die Sache ausgegangen wäre.", erwiderte Steve
Winter lächelte. "Machen sie mir keine Schande.", sagte er zu dem Magier, als dieser durch die Tür verschwand.
"Tamuro Sama erwartet sie bereits.", sagte der Bedienstete und zog die Tür beiseite. Doch bevor Steve eintreten konnte, hielt ihn der Diener zurück und deutete höflich auf seine Schuhe.
Steve räusperte sich und zog die Schuhe aus. Diese Hausregel vergaß er beschämender Weise immer wieder. Neben der Tür standen verschiedene Filzpantoffeln für Gäste. Steve suchte sich ein Paar aus, daß ihm paßte, schlüpfte hinein und trat in den Raum.
Das quadratische Zimmer war recht spartanisch eingerichtet. Es beinhaltete nur einen flachen Tisch, hinter dem Enoshi im Schneidersitz auf einer kleinen Matte saß. Links von ihm auf dem Tisch lagen einige Bögen Papier und ein Pinsel mit einer kleinen Tasse voll schwarzer Tusche.
Vor Tamuro stand eine Karaffe mit Reiswein. Zwei kleine Schalen standen daneben.
Enoshi war mit einem Kimono bekleidet, sein Arm war frei und lag in einer Schlinge. Neben ihm saß seine Frau, ebenfalls mit einem Kimono bekleidet. Ihre langen schwarzen Haare allerdings trug sie offen und sie flossen seidig über das Gewand. Steve fiel wieder auf, was für eine Schönheit sie war. Sie sah sehr viel jünger aus, als sie ihrem Alter nach aussehen dürfte. Steve rief sich die Akten in Erinnerung. Demnach war sie über fünfzig. Aber sie sah ungelogen fünfzehn Jahre jünger aus.
Wunder der kosmetischen Chirurgie und des Reichtums, dachte Steve bei sich.
Enoshi sah auf und gab seiner Frau einen Wink. "Hai.", säuselte sie leise, drückte noch einmal liebevoll seine Hand und verschwand dann lautlos aus dem Raum.
Steve stand unentschlossen vor dem Tisch.
"Setzen sie sich, Herr Valentine.", bat Tamuro.
Zögerlich kniete sich Steve auf die Matte vor dem Tisch. Er wurde das dumme Gefühl nicht los, das Ehepaar bei etwas gestört zu haben. Aber der Bedienstete sagte doch, daß Steve erwartet wurde.
Enoshis Aura zeigte keine Anzeichen davon, daß er ärgerlich war oder sich gestört fühlte.
Er sah Steve erwartungsvoll an.
"Ähm...Ich...Wie geht es ihrem Arm?", begann Steve. Er wußte nicht, wie er beginnen sollte, und er hatte auf einmal ziemliche Schuldgefühle.
"Ganz gut. Danke. Ich soll ihn ein oder zwei Tage still halten."
Steve nickte knapp und lächelte ein wenig. Dann wieder diese erwartungsvolle Stille.
Also gut, sagte er sich und holte tief Luft.
"Enoshi Sama, Ich...wegen dem Vorfall im Helikopter. Dort hatte ich meine Kollegin nach dem Absturz zuerst behandelt. Wissen sie, in den letzten Tagen hat sich zwischen ihr und mir etwas entwickelt. Ich war..."
"Die Menschen, die man liebt, sind das wichtigste.", unterbrach ihn Enoshi. "Familie ist das wichtigste. Die Familie und die Menschen, die man liebt, muß man um jeden Preis schützen.
Deswegen gibt es solche Menschen wie sie, Herr Valentine.
Leibwächter gibt es schon seit Jahrhunderten. Im Alten Japan haben die Samurai diese Aufgabe für ihren Herrn übernommen. Sie waren auf Leben und Tod ihrem Herrn verpflichtet. Versagen wurde nicht toleriert."
"Ich weiß.", sagte Steve und die Vorstellungen von dem Sebbuku-Ritual ging ihm durch den Kopf.
"Ich weiß auch, daß ein Samurai die Familie seines Herrn über seine eigene Familie stellen mußte."
Enoshi sah auf Steve und nickte andächtig.
"Herr Valentine. Ich kann ihr Handeln nachvollziehen und ich bin sicher kein Mensch ohne Herz."
Steve schüttelte den Kopf. Das war er nun wirklich nicht.
"Sie haben immerhin mein Leben gerettet. Und das in einer Situation, die mehr als nur heikel war.
Das rechne ich ihnen hoch an. Ihre Fähigkeiten sind bemerkenswert.
Aber es ist ihre Aufgabe. Sie unterstehen mir, zu meinem Schutz und dem meiner Familie.
Ich erwarte von meinen Mitarbeitern stets größten Einsatz und volle Hingabe zu ihrer Arbeit.
Generell erwarte ich von ihnen die gleiche Treue zu mir wie zu dem Konzern.
Normalerweise würde ich solch ein Verhalten wie heute Nachmittag nicht tolerieren.
Und zu dem Verhältnis mit ihrer Kollegin muß ich wohl nichts sagen."
Steve wurde es heiß und kalt. Er hätte sich denken können, daß Tamuro über die Bestimmungen und Regeln von Leibwächtern Bescheid wußte. Ein Mann in seiner Position war praktisch ständig von Menschen umgeben, denen er sein Leben anvertrauen mußte.
"Sie wissen aber auch, daß ich das nicht ganz so eng sehe. Aber um so mehr erwarte ich, daß man seine Aufgabe geflissentlich und unter voller Aufopferung gerecht wird.
Verraten sie mir noch eins: Sind sie zu mir gekommen, weil Winter es ihnen ausgerichtet hat, oder kamen sie von sich aus?"
"Ich wäre auf jeden Fall gekommen.", antwortete Steve. "Ich hätte nicht so ohne weiteres nicht mehr in diesem Haus arbeiten können, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe."
Enoshi nickte zufrieden. "So hat es mir Winter auch berichtet."
Ohne weiter Worte zu verlieren, nahm er die Karaffe und schwenkte sie ein wenig, um dann mit kurzen, geübten Bewegungen die Schalen zu füllen.
Nachdem er beide Schalen gefüllt hatte, gab er eine Steve, die andere nahm er selber und führte sie an die Lippen. Steve tat es ihm nach und trank, nach kurzem zögern, gleichzeitig mit Enoshi den warmen Reiswein in einem Zuge aus.
Enoshi setzte seine Schale ab und stellte sie zurück auf dem Tisch. Er nickte Steve kurz zu und lächelte dann ein wenig. "Gehen sie zurück an die Arbeit."
"Klasse Leistung.", sagte Vogner, als Steve den Bungalow betrat. Steve antwortete nicht und nahm sich stattdessen aus dem Kühlschrank eine Dose Mineralwasser.
Alle waren da. Auch Sharlie.
Steve sah in die stille Runde. Von den Vorfällen wußte mittlerweile jeder. Einige fanden den Aufwand darum viel zu immens, wie Kaleb zum Beispiel. Enoshi wurde gerettet, und Steve hatte alles gegeben. Und letztendlich war es Enoshi, der intimere Verbindungen unterstützte. Und Beziehungen zu der Schutzperson waren weitaus gefährlicher als zwischen den Kollegen.
Stefano war da anderer Meinung. Man muß seinen Kopf freihalten. Und das geht nicht, wenn man sich mit Gefühlen herumplagen muß. Emotionen sind fehl am Platze; sie stören nur und sind eine Gefahr für alle anderen. Er fand das Verhalten von Steve nicht gut.
All diese verschiedenen Meinungen hingen unausgesprochen im Raum. Und nachdem alle lang genug schweigend im Aufenthaltsraum saßen, daß es schon fast blöde wurde, wandte Francis sich an Steve: "Wie hat Enoshi reagiert?"
"Ich denke, er hat mir verziehen."
Francis nickte. "Warum auch nicht. Es ist letztendlich keine große Sache. Du hast richtig gehandelt."
"Einige sehen das aber nicht so.", erwiderte Steve mißmutig.
"Herrgott!", stöhnte Kaleb. "Enoshi lebt noch! Es klingt fast so, als hätte Du einen Schlimmen Fehler begangen."
"Hat er auch.", warf Vogner ein. "Die Beziehung zu einer Schutzperson oder zu einem Kollegen ist verboten.
Steve, als Du den Schutzzauber gewirkt hast: Hast Du es für Sharlie getan oder für Enoshi?"
Die Blicke aller Anwesenden richteten sich stumm auf den Magier.
"Was, wenn ich es für mich getan hätte?", gab Steve zurück. "In der Kabine hatten alle Todesangst. Auch ich. Du weißt, daß ich eine Flugangst habe, und mittlerweile will ich nie wieder einen Fuß in irgendein Fluggerät setzen.
Vielleicht kannst Du es nicht nachvollziehen, aber es ist nicht so einfach, einen Zauber zur wirken.
Es erfordert eine Menge Konzentration und Gelassenheit. Ein zu Boden trudelnder Helikopter ist da nicht gerade die ideale Umgebung. Wenn ich mir also die Zeit nehme und einen Zauber webe, für wen, denkst Du, mache ich ihn? Für mich? Für Enoshi? Für Sharlie?
Es war eine unvergleichbare Situation, und Du warst nicht dabei. Unterhalte Dich mit Francis, wenn Du wissen willst, wie das war. Er saß in der ersten Reihe. Und wenn Du es bringst, in solch einer Lage ruhig zu bleiben, dann reden wir weiter."
Steve leerte die Dose und warf sie in den Abfallentwerter. "Ich denke, ich kann nicht erwarten daß Du das verstehst. Oben auf den Dächern ist man ja weit genug entfernt vom Geschehen."
Er stand auf und ging in sein Zimmer.
In Vogner stieg der Zorn hoch und er wollte Steve hinterher stürzen, aber Francis hielt ihn zurück.
"Das meint er so.", beruhigte er ihn. "Denk mal, was er durchgemacht hat. Beinahe wäre er heute draufgegangen."
Sharlie lief an den beiden vorbei, in das Zimmer von Steve. Francis deutete mit dem Kopf
hinter ihr her. "Und das macht es auch nicht leichter. Er kann deswegen seinen Job verlieren. Und auch Sharlie.
Verlange kein Verständnis von ihm, wenn Du selber nicht in der Lage bist, es für ihn aufzubringen."
Steve drehte sich um, als Sharlie die Zimmertür schloß. Sie stürzte auf ihn zu und umarmte ihn heftig. Steve glaubte auf einmal, keine Luft mehr zu bekommen. Er hielt sie so fest er nur konnte.
"Ich hatte solche Angst gehabt.", schluchzte sie an seiner Brust.
"Was soll ich denn sagen!" Steve löste sich aus ihrer Umarmung und schaute ihr ins Gesicht. "Für einen kurzen Moment dachte ich, Du wärst tot, als Du bewußtlos in dem Helikopter gesessen hast."
Sharlie wandte den Blick ab. Sie setzte sich auf das Bett und zog Steve neben sich.
"Vogner hat recht.", sagte sie und schluckte. "Sie haben alle recht. Und außerdem ist es verboten.
Ich weiß nicht, wie es bei Dir ist, aber ich fürchte, daß ich meine Aufgabe nicht so unbefangen erledigen kann, wie es von uns verlangt wird."
Steve seufzte schwer. "Ich habe ihm gesagt, daß ich es kann.", entgegnete er. "Und daß ich es tun werde. Und er hat mir gesagt, daß ich so etwas nicht leichtfertig versprechen soll.
Jetzt merke ich langsam, daß er recht hat.
Im Helikopter... es war nicht so, daß ich nicht an Enoshis Leben gedacht habe. Aber im Nachhinein kann ich nicht sagen, für wen ich das getan habe. Es ist letztendlich auch egal.
Aber dennoch habe ich das Gefühl, Winter und Enoshi belogen zu haben." Er sah sie an.
Sein Blick brachte sie fast zum weinen.
Sharlie seufzte. "Dann hört das mit uns auf, bevor es richtig begonnen hat."
"Es hat keinen Sinn, wenn wir unsere Beziehung beenden.", warf er hastig ein. "Damit machen wir uns nur noch viel mehr Streß und lösen das eigentliche Problem nicht. Wir können versuchen, unsere Beziehung soweit zurückzustecken, daß wir uns bei der Arbeit nicht behindern."
Steve breitete hilflos die Arme aus. "Aber wie macht man das?"
"Entweder das,", erklärte Sharlie. "Oder einer von uns läßt sich versetzen."
Steve schüttelte den Kopf. "Das wirft kein gutes Bild auf uns. Nicht jetzt, wo die Sache noch so aktuell ist. Damit machen wir nur auf den Vorfall aufmerksam. Und außerdem wäre es auch nicht gut, wenn wir jemand neues in das Team einführen müßten, mitten in einem Auftrag."
"Damit hast Du wohl recht.", stimmte Sharlie zu. "Also versuchen wir es mit Willensstärke."
Steve nickte. "Hart, aber herzlich. Versuchen wir es."
Es ging etwa zwei Monate gut, bis Sharlie merkte, daß sie mit dem Druck doch nicht zurecht kam.
Steve ging es ein wenig besser. Er schien es besser zu verkraften, daß die Beziehung von der Arbeit eingesperrt wurde. Er hatte seine Magie und es fiel ihm generell leichter, zwischenmenschliche Beziehungen zu kappen. Besonders, wenn die Gefühle zu stark wurden und er seine seltsame unergründliche Angst bekam, dann zog er sich zurück.
Sharlie gelang das nicht so gut. Sie hatte ständig Angst, daß Steve etwas passieren könnte und fieberte jedem Ende des Einsatzes entgegen. Die Zeit, die die beiden miteinander verbrachten, wurde immer weniger. Und das schmerzte ihr.
Sie beantragte bei Winter ihre Versetzung.
Er genehmigte sie wortlos und sandte der Gruppe eine neue Mitarbeiterin.
Sharlie unterrichtete Steve erst von ihrer Versetzung, als schon alles geregelt war. Ebenso gefaßt, wie seine sonstigen Reaktionen ausfielen, reagierte er darauf. Sharlie mißdeutete dies als Desinteresse an der Beziehung.
Beide trennten sich voneinander. Vorerst, bis alles ruhiger werden würde und man mehr Zeit füreinander finden würde, um einen neuen Versuch zu starten. Wenn überhaupt.
Das neue Mitglied, daß der Gruppe zugeteilt wurde, hieß Jolanda Poremski.
Sie war nicht so "warm" wie Sharlie. Aber von ihrem Gemüt her paßte sie gut zu Kaleb. Und mit ihrer hellen Haut und den blonden Haaren bildete sie einen lustigen Kontrast zu ihm.
Die Verhandlungen mit Ares steuerten auf den Höhepunkt zu. Beide Konzerne hatten in monatelanger und gemeinsamer Arbeit ihre Produkte in den Labors hergestellt und getestet, und waren nun bereit, die Produktinformationen auszutauschen und mit der gemeinsamen Arbeit zu beginnen.
Enoshi Tamuro stand im Mittelpunkt des Geschehens, abgesehen von den Wissenschaftlern vielleicht. Aber er hatte die ganze Zeit über die Verhandlungen geführt, und er kannte das Projekt ebenso gut wie die leitenden Wissenschaftler.
Die Verhandlungen heute fanden im "Le Paque Bot²" statt, ein exklusives Restaurant in der Nähe des Thalia Theaters, und die Sicherheitsvorkehrungen liefen auf Hochtouren.
Francis und Kaleb saßen mit Jolanda in der Limousine. Steve war seit Stunden im Restaurant, askennte jeden Winkel, postierte seine Elementare und versuchte, den Watchern ihre Aufgaben zu erklären, und stimmte mit den Magier von Ares seine Schutzzauber ab.
Vogner saß auf irgendeinem Dach und Stefano überprüfte all seinen kleinen, fahrenden und schwebenden Spielzeuge. Bei allem was in der Luft schwebte, war es fast ein Wunder, daß die Drohnen nicht zusammenstießen.
Francis neigte seinen Kopf und aktivierte die Headware. "Steve, bist Du bald soweit?"
"Hier ist alles fertig.", antwortete Steve. "Ich komme gleich zu euch."
Jolanda schaute zu Francis. "Ich habe es gehört.", sagte sie, bevor Francis antworten konnte. "Ich bin froh, wenn das alles hier vorbei ist." Sie sah Tamuro an. "Das ist nicht gegen sie gerichtet."
Enoshi lächelte. "Ich denke ebenso wie sie.", gab er zurück. Jolanda durfte sich bei Enoshi solche Sprüche erlauben. Sie hatte sich sehr schnell in der Gruppe eingelebt und kam auf Anhieb mit der Familie zurecht. Sie war der Liebling der Kinder und, so tuschelten die Leibwächter, auch der von Enoshi Tamuro, obgleich er sie nie vor den anderen bevorzugte.
Francis und Jolanda schauten durch die verdunkelten Fenster. Steve kam gerade zur Limousine.
Jolanda nickte dem Chauffeur zu und der öffnete wortlos die Tür.
"Soweit ist alles in bester Ordnung.", sagte der Magier, als er in den Wagen stieg. "Gott persönlich käme hier nicht herein, wenn wir es nicht wollten."
"Sind die Herren von Ares schon da?", fragte Jolanda.
Steve nickte. "Soeben eingetroffen. Es kann also losgehen."
Die kleine Delegation stieg aus der Limousine und ging zum Restaurant. Die Verhandlungspartner von Ares waren schon dort und hatten an einem der größeren Tische Platz genommen. Natürlich waren keine weiteren Gäste da.
Die Begrüßung fiel nicht so förmlich aus, wie man sie von den hohen Leuten sonst gewohnt war. Aber Enoshi kannte die meisten von früheren Verhandlungen. Die Delegation setzte sich und jetzt begann der langweilige Teil der Arbeit. Die Verhandlung begann und würde wahrscheinlich zwei oder Drei Stunden dauern, das Essen nicht mitgerechnet.
Steve und seine Kollegen hatten jetzt nichts weiter zu tun, als im Restaurant herumzustehen und die Umgebung wachsam im Auge zu behalten. Besonders für Vogner war das schwierig. Stundenlang auf einem Dach herumzuliegen, ohne dabei einzuschlafen, ist schon eine harte Aufgabe.
Steve hatte wenigstens seine Geister. Und die Watcher, die die schreckliche Eigenart besitzen, ihre Aufträge ab und an zu vergessen. Voraussichtlicherweise kontrollierte Steve seine Watcher und lies sie ihre Befehle vergessen. Wie immer taten sie sich damit schwer, aber sie waren dennoch pflichtbewußt und versuchten alles, um ihren "Meister" zufrieden zu stellen.
Francis stand an einem Fenster und beobachtete die Umgebung draußenvor dem Restaurant. Jolanda stand in der Nähe der Verhandlungspartner und machte einfach eine gute Figur. Keiner von den Leibwächtern hörte zu, was sich die Hohen zu sagen hatten. In dem Beruf lernt man auch weghören.
Steve seufzte und schickte einen Watcher wieder auf seine Position zurück. Der Magier von Ares kam zu ihm herüber und lächelte mitfühlend.
"Ärger mit den Geistern?", fragte er.
Steve zuckte mit den Schultern. "Ich will nur sichergehen, daß sie nicht wimmernd in der Gegend herumhängen und sich fragen, was sie hier tun."
"Kenn ich.", grinste der Aresmagier. "Ich lasse manchmal meine Elementare zu ihnen gehen und sie nach ihrer Aufgabe fragen. Das weckt ihren Ehrgeiz."
Keine schlechte Idee, dachte Steve. Die Elementaren Geister schienen Watcher zu verachten und die Watcher gaben sich in der Regel eine menge Mühe, um zu beweisen, daß sie ihrem Meister ebenso würdig sind.
Francis kam vom Fenster zu ihnen herüber. "Ich gehe mal in die Küche und esse eine Kleinigkeit."
sagte er und hielt sich die Hand vor dem Bauch. "Langsam bekomme ich nämlich Hunger."
"Geht in Ordnung.", antwortete Steve. "Danach werde ich gehen."
Der Magier von Ares ging wieder zurück auf seinen Posten. Eigentlich war das eine Wand, an die er sich lehnte und die Augen schloß. Wahrscheinlich sondierte er das Restaurant mit seinen astralen Sinnen.
Francis brauchte nicht lange, um sein Essen herunterzuschlingen. Danach verschwand Steve in der Küche. "Paß auf den Troll auf.", sagte Francis zu ihm. "Er scheint der Küchenbulle zu sein und wird ein wenig mürrisch, wenn man sein Essen nicht würdigt."
Und das war nicht übertrieben. Ein riesiger Troll, der nahezu wie Gulliver in einem Puppenhaus wirkte, trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er einen speziellen Wunsch hatte. Als Steve nur sagte, irgendwas zu essen, schimpfte ihn der Troll einen Banausen und Stümper, bis Steve endlich nachgab und nach der Spezialität fragte.
Dann erst "trollte" sich der Koch zufrieden davon und tat ihm etwas zu essen auf.
Rein aus Gewohnheit askennte Steve die Küchentruppe. Drei Personen waren anwesend; zwei Kellner und der Koch. Der Troll stand mit dem Rücken zu ihm und schaffte an irgendwelchen Töpfen herum.
Einer der Kellner tat irgendwelche Getränke auf ein Tablett und der dritte rauchte.
So sieht das also hinter den Kulissen aus, dachte Steve. So ein exklusives Restaurant und in der Küche rauchen die Angestellten.
Keiner der Anwesenden besaß irgendeine Art von Cyberware. Nicht mal eine Datenbuchse. Seltsam, aber nicht unbedingt ungewöhnlich.
Steve konzentrierte sich wieder auf seine weltlichen Sinne und genoß das Essen. Es war wirklich vom allerfeinsten. Echte Lebensmittel und Zutaten, die kunstvoll zubereitet wurden. Es war eigentlich nur Roastbeef mit Remoulade und Bratkartoffeln, aber es schmeckte herrlich.
Steve nahm einen weiteren Bissen von dem zarten Fleisch, kaute genußvoll darauf herum und lehnte sich zurück. Der Trollkoch stand an einem Regal und suchte irgendwelche Lebensmittel. Von hinten sah man seine langen gefärbten Haare und seine großen, abstehenden Hörner.
Etwas irritierte Steve.
Hinter dem spitzen Ohr des Trolls funkelte etwas, aber Steve konnte sich nicht an Ohrschmuck erinnern.
Und beim Askennen war ihm auch nichts aufgefallen.
Steve kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die Stelle hinter dem Ohr, die ihn so irritierte.
Die Haare verbargen das meiste, aber als Steve konnte dennoch erkennen, was ihn so verwirrt hat.
Eine Datenbuchse!
Irgendwas in Steve schlug sofort Alarm.
Er hatte den Troll askennt, die Datenbuchse hätte ihm auffallen müssen.
Der einzige Grund, warum das nicht der Fall war, ist, daß der Troll seine Aura maskiert hatte, und nicht nur seine Aura. Aber warum sollte ein Koch seine Aura maskieren oder maskieren lassen.
Steve askennte den Kellner, der gerade hereinkam. Keine Cyberware. Ebenso wie der Troll.
Er lehnte sich zurück und betrachtete die Auren der beiden ganz genau, suchte nach irgendwelchen Spuren. Er fand aber keine.
Aber ihm fiel auf, daß die Auren der beiden angestellten erstaunliche Wiederholungen aufwiesen. Subtile, unscheinbare nur, aber dennoch vorhanden.
Er war sich nun sicher, daß die beiden Angestellten maskierte Auren besaßen.
"Ist alles in Ordnung?", fragte eine Stimme neben ihm plötzlich. Steve erschrak sichtlich.
Der dritte Kellner war an ihn herangetreten und schaute ihn mit höflicher Besorgnis an. Steve war so in seinen Überlegungen vertieft gewesen, daß er den Kellner gar nicht bemerkt hatte.
"Ist das essen vielleicht nicht gut?"
"Doch, Doch,", nickte Steve heftig. "Es ist sogar sehr gut. Ich hab nur geträumt."
Der Kellner bedachte Steve noch einmal mit einem seltsamen Blick, lächelte dann aber und ging zum Koch.
Steve schlang die letzten Bissen schnell herunter und machte, daß er aus der Küche kam.
"Ich glaube, der Magier ist mißtrauisch geworden.", sagte Mad Jack zum Troll. "Du mußt vorsichtiger sein."
"Kann gar nicht sein.", brummte der zurück. "Bei all unseren Maßnahmen würde selbst Gott nichts bemerken."
Der Kellner hob vom Boden ein Pflaster auf."Und was ist das da?", fragte er. Der Troll schaute erstaunt, dann ein wenig beschämt auf das Pflaster in Mad Jacks Hand.
Mit einem unschuldigen Grinsen, der sein gesamtes, furchteinflößendes Gebiß zeigte, nahm er das Pflaster dem Runner im Frack umständlich aus der Hand und klebte es sich wieder hinter das Ohr.
"Diese dummen Dinger halten auf meiner Haut nicht.", grollte er. "Das Problem habe ich immer. Liegt wohl an dieser Orthoskin."
Jack brummte nur mißbilligend. "Dann benutz' Klebstoff. Wenn der Magier die Datenbuchse gesehen hat, ist der Drek am dampfen."
"Das ist jetzt auch egal.", gab Thunder zurück. "Es geht sowieso gleich los."
Steve schlich zum Magier und winkte Francis unauffällig zu sich.
"Haben sie schon was gegessen?", fragte er den Magier.
Der schüttelte den Kopf. "Nein, noch keine Gelegenheit dazu."
"Dann haben sie den Koch nicht askennt?".
"Doch, gleich am Anfang.", antwortete er. "Wieso?"
"Steve, was ist los?", fragte Francis. "Du siehst aus, als hättest Du Gespenster gesehen."
"Kommt ungefähr hin.", entgegnete Steve. "Die Auren der Angestellten sind maskiert."
Der Magier sah ihn erschrocken an. "Machen sie keine Witze."
Francis hob seine Hand. "Ich markiere hier ungern den Schuljungen. Aber was genau bedeutet das, wenn jemand eine maskierte Aura hat?"
"Magier sind in der Lage, ihre Aura zu maskieren.", erklärte der Aresmagier. "Zumindest die ganz Guten."
"Auf diese Weise können sie ihre wahre Natur verbergen.", fuhr Steve fort. "Man kann nämlich an der Aura allerhand erkennen: Ob jemand magisch aktiv ist, oder nicht, ob jemand krank ist oder welche Gemütsverfassung er gerade hat. Man kann im Astralraum sogar Cyberware erkennen."
"Wenn man mit dieser Maskierung alles verbergen kann, wie hast Du das dann entdeckt?"
"Würde mich auch interessieren.", erklärte der Magier.
"Durch Zufall. Der Trollkoch hat eine Datenbuchse hinter dem linken Ohr. Das hätte man beim Askennen auf jeden Fall bemerken müssen.
Ich sah mir dann auch noch mal die Aura des Kellners an. Und dabei fiel mir auf, daß die Auren der Typen auf subtile Weise ähnlich sind."
Der Magier schaute Steve entsetzt an. "Das heißt ja, daß jemand die Auren der beiden manipuliert hat! Wer kann nur zu so etwas fähig sein?"
"Nur ein mächtiger Initiat."
"Aber niemand macht sich solche Mühe, um eine Datenbuchse zu verbergen.", sagte Francis besorgt. "Soll ich Alarm geben und die das Personal festnehmen lassen?"
Steve schüttelte den Kopf. "Das mache ich." Er wandte sich dem Magier zu. "Vielleicht können sie die Auren der Angestellten noch einmal überprüfen und entdecken ein wenig mehr als ich. Nur, um ganz sicher zu sein."
Der Magier nickte und wollte in die Küche gehen, aber Steve hielt ihn zurück. "Machen sie es von hier. Das fällt weniger auf."
"Auch wieder wahr.", antwortete er und setzte sich an einen Tisch.
Während er sich entspannte, bat er Francis, auf den Magier aufzupassen. Steve ging zu Jolanda, um sie informieren. Sie wollte ihn anlächeln, als er auf sie zuging, bemerkte aber seinen besorgten Gesichtsausdruck.
Der dumpfe Laut der Explosion lies ihn vor Schreck zusammenzucken. Nur Sekundenbruchteile später schlug die Wärme wie eine Welle über ihn hinweg. Er sah Jolandas entsetzte Gesicht und den Schock in den Augen der Execs, als er gegen deren Tisch knallte. Jolanda und alle anderen Leibwächter nahmen ihre Kampfhaltung ein und postierten sich vor ihren Schutzpersonen. Waffen, wie von Zauberhand gezogen, schweiften durch die Räume und suchten nach möglichen Bedrohungen. "Oh Mein Gott!", murmelte Jolanda, als sie den Grund für die Explosion sah. Einer der Execs, der es ebenfalls gesehen hat, übergab sich augenblicklich.
So schnell es seine Verwirrung zuließ, drehte er sich um und schaute auf die Stelle, von wo die Explosion gekommen war. Der Magier lag dort. Sein Körper, verbrannt und aufgerissen, zuckte noch im ersterbenden Todeskampf und vor Schmerzen. Es roch entsetzlich nach verbranntem Fleisch. Francis, der neben dem Magier gesessen hatte, war, wenn man so will, glücklicher davon gekommen. Er hatte nicht gelitten.
Im selben Moment, als die Kellner und der Troll aus der Küche stürmten, wirkte Steve seinen Zauber.
Der Troll trug ein Maschinengewehr in den Händen, auf seinem Rücken baumelte eine wahrhaft riesige Sturmkanone. Der Kellner war mit einem verdammten Sturmgewehr bewaffnet. Mittlerweile trug keiner mehr Dienstkleidung. Der Kellner trug einen langen Mantel und der Troll eine Lederjacke. Steve fragte sich noch, wieso sein Erkennungszauber nicht auf die Bedrohung reagiert hatte, als die beiden auch schon schossen. Der Troll und der Kellner deckten mit ihren Sturmgewehren den Raum ein. Die Leibwächter wurden von den Beinen gerissen und fielen zuckend zu Boden. Die Execs duckten sich instinktiv, aber der Zauber von Steve schütze sie. Die Kugeln prallten von einem unsichtbaren Schild ab, daß Steve, Enoshi und die Execs einhüllte. Glücklicherweise stand Jolanda hinter der Barriere und wurde von dem Kugelhagel verschont.
Steve fiel auf, wie erstaunlich gut die Attentäter ihr Feuer konzentrierten. Nur die Leibwächter wurden getroffen, in den Wänden hinter ihnen waren keine Einschläge. Und das Feuer verfehlte auch die ganzen Execs. Es konzentrierte sich nur auf Steve, Jolanda und auf Enoshi Tamuro.
Kein Zweifel, die Shadowrunner besaßen noch einen Haufen mehr Chrom als nur eine Datenbuchse. Aber das war nicht die Hauptsorge von Steve.
Er zog seine eigene Waffe und schoß auf den herannahenden Troll mit dem wahnsinnigen Grinsen.
Das ganze Magazin verschoß er in die Brust des Riesen, aber der wurde nicht einmal gestoppt, schien es kaum zur Kenntnis zu nehmen. Jolanda schoß ebenfalls, erzielte aber die gleiche Wirkung.
Das erstaunen ließ beide kurz innehalten. Der Typ war ein Monster.
Plötzlich zersplitterte die Scheibe, und der Troll taumelte zurück.
"Grüße aus dem Himmel.", knackte Vogners Stimme in Steves Ohr. Der Troll fing sich wieder und schaute wütend zur Kaputten Fensterfront. Blut sickerte aus einem kleinen Loch in seiner Jacke. Dort, wo sich vom Rücken aus gesehen das Herz befand.
Aber der Troll war zu stark gepanzert, als daß der Schuß hätte tödlich sein können. Und er war zu groß, als das Vogner ihm einen Kopfschuß hätte verpassen können.
Der Troll reagierte nicht auf den Scharfschützen. Statt dessen murmelte er etwas.
Einen Augenblick später erklang ein leises Zischen von draußen, gefolgt von einer Explosion, dort, wo Vogner auf dem Dach postiert war.
Ein kurzes Knacken in Steves Ohr zeugte davon, daß - was auch immer es war - Vogner getroffen hatte.
"Sie schießen mit verdammten Granaten!", schrie Stefano im Commlink. "Diese Wahnsinnigen schießen mit Granaten!" Dann ein wenig ruhiger: "Ich hetze die Drohnen auf den Typen!"
Steve bereitete einen Zauber vor, den mächtigsten, den er im Repetoir hatte. Bevor er ihn jedoch auf den Troll loslassen konnte, stürmte eine weitere Gestalt aus der Küche.
Es war ein Panther. Tatsächlich ein schwarzer, großer Panther, der auf allen Vieren in den Raum stürmte. Steve lies den Zauber los.
Doch er erreichte sein Ziel nicht. Der Zauber prallte gegen ein unsichtbares Hindernis vor dem Troll und seinem Partner mit dem Sturmgewehr, sprühte dort grüne und orangefarbene Funken und verpuffte wirkungslos.
Steves Mund wurde trocken. Aus einem inneren Gefühl heraus askennte er das Tier.
Deutlich strahlte ihm die Aura des Wesens entgegen.
Dieser Panther war nicht nur ein Gestaltwandler, sondern auch noch ein Schamane.
Ihm fiel auf, daß er mittlerweile auch die anderen askennen konnte. Ihre Maskierung war aufgehoben. Der Typ mit dem Sturmgewehr war ziemlich verchromt, wurde aber von dem Troll noch übertroffen, der im Astralraum kaum mehr war als ein schwarzer Schatten.
Jolanda sparte sich die Mühe, das Magazin zu wechseln und holte eine MP hervor. Steve hatte keine Zeit, sich zu wundern, wo sie diese Waffe die ganze Zeit versteckt hatte.
Der Panther sprang über den Tisch hinüber, warf die schreiende Leibwächterin zu Boden und wischte ihr mit der Vordertatze über das Gesicht. Schlagartig wurde sie still.
Steve konnte nicht sehen, was genau passiert war, da zwischen ihm und dem Geschehen der Tisch stand. Aber der Panther richtete sich wieder auf.
Seine Augen glühten kurz und fixierten Steve.
Ein Gefühl, als hätte jemand kaltes Gel in seinen Schädel gegossen, überflutete ihn und er spürte, wie die Barriere zusammenbrach.
"Nein!", schrie er und wollte einen neuen Zauber wirken. Aber der Typ mit dem Sturmgewehr stand plötzlich neben ihm.
"Ist nicht mehr Dein Bier.", sagte er trocken zum Magier. Er hatte plötzlich eine Ingram MP in der Hand, die mit einem kurzen, dumpfen Husten eine Salve mitten in seine Brust schleuderte.
Steve wurde von den Beinen gerissen. Mit einem hellen Quietschen entwich die Luft aus seinen Lungen. Der Schmerz war überwältigend und lähmten ihn.
Vage nahm er das feuchte, warme Gefühl der Nässe wahr, daß sich unter seinem Körperpanzer ausbreitete. Durch die vor Schmerz und Tränen halbblinden Augen sah er noch, wie Der Troll auf den vor Angst und Panik erstarrten Enoshi zustürmte, drei funkelnde Klingen ragten aus seinem Unterarm hervor.
Dann verdunkelte sich sein Blickfeld endgültig.
Steve erwachte, weil Schmerzen so dermaßen hämmernd wurden, daß sie ihn aus seiner Ohnmacht weckten. Durch seine halb geöffneten Lider sah er das gepolsterte Kabinendach und er hörte das dumpfe Stakkato von Rotorblättern im Takt seiner pochenden Kopfschmerzen. Hastig wandte er den Kopf zur Seite, zumindest wollte er das, stellte aber fest, daß er auf der Bahre festgeschnallt war und sich kaum bewegen konnte.
Steve bekam Panik. Trotz seiner Schmerzen und der Übelkeit würde er lieber zu Fuß ins Krankenhaus laufen, als mit dem Helikopter zu fliegen. Er versuchte, sich hastig von den Gurten zu befreien. Einige starke Hände drückten ihn auf die Bahre.
"Bleiben sie ruhig.", sagte eine dunkle Männerstimme. "Sie sind schwer verletzt."
"Nicht den Hubschrauber!", murmelte er. "Lassen sie mich raus."
"Es ist alles in Ordnung. ", beruhigte ihn die Stimme erneut. "Sie sind in keinem Hubschrauber."
Steve hielt inne und bewegte seine Augen. Diese kleine Bewegung honorierte er mit einem schmerzhaften Stich im Kopf. Er konnte aber den Ork in dem weißen Gewand sehen. Und durch den schmalen Rand des Fensters sah er, wie ein Helikopter sich gerade in den Himmel hievte.
Völlig erleichtert entspannte er sich wieder. "Er fängt wieder an zu bluten.", rief einer im Wagen. "Hol mir einer den verdammten Kasten, bevor er hier alles vollsaut! Und ich brauche noch ein paar Konserven.", dann ein wenig lauter. "Macht schnell, verdammt!"
"Hat jemand Winter gerufen?", fragte die tiefe Stimme von vorhin.
Irgend jemand von draußen antwortete mit einem Nein. "Dann ruf ihn doch endlich. Sag ihm, daß er wach ist."
Steve schloß die Augen, als sich die Decke zu drehen begann. Irgendein Gerät fing an zu piepsen.
"Laß es.", rief der Ork wieder. "Er ist schon wieder weg.
Machen wir, daß wir ins Krankenhaus kommen."
Als Steve ein weiteres mal zu sich kam, roch er den unangenehmen Duft der Desinfektionsmittel, wie sie im Krankenhaus verwendet wurden. Sein Mund war trocken und er hatte einen bitteren, metallischen Geschmack auf der Zunge.
Seine Brust tat längst nicht mehr so weh wie beim letzten mal und die Kopfschmerzen waren erträglich. aber er hatte Durst wie eine Kuh in der Wüste.
Als er versuchte, seine Lippen zu befeuchten, hielt ihm jemand einen Trinkhalm an den Mund.
Gierig saugte er daran.
"Wie fühlen sie sich?", fragte eine angenehme, weibliche Stimme. Er öffnete vorsichtig seine Augen. Das Zimmer war verdunkelt, er konnte nur die Silhouette einer Frau erkennen. Sie schien schulterlanges Haar zu tragen und war recht zierlich, soweit er das in dem Kittel erkennen konnte.
"Wie neugeboren.", sagte er heiser. Wenn er sprach, fühlte es sich an, als würden seine Stimmbänder wie Sandpapier aneinander reiben und machten jeden Versuch auf Humor zunichte.
"War es denn schlimm?", wollte er wissen.
Die Frau ging zu einem Stuhl in der Nähe seines Bettes und setzte sich. "Sie wurden mehrere Male in der Brust getroffen. Es war ziemlich kritisch. Sie können von Glück reden, daß sie einen Körperpanzer trugen und daß der Täter einen Schalldämpfer benutzte, sonst hätten wir nichts mehr tun können."
Steve nickte.
"Wie lange war ich eigentlich weg?"
"Sie haben nach der Operation zwei volle Tage geschlafen.", antwortete die Ärztin. "Zwischendurch waren sie einige male ganz kurz wach und haben nach Wasser verlangt oder nach ihren Kollegen gerufen. Sie erinnern sich nicht?"
Steve schüttelte den Kopf. "Nur an wirre Träume. Ich denke, ich war nicht ganz da, als ich aufwachte."
"Nein, sie waren noch im Delirium. Das ist aber weitgehend normal bei der Schwere ihrer Verletzungen."
"Jolanda!", fiel es Steve ein. "Ist sie noch..."
"Darüber sollten sie mit Winter reden.", schnitt die Ärztin ab. "Ich soll ihm Bescheid sagen, wenn sie in der Lage sind, sich mit ihm zu unterhalten."
"Bin ich das?", fragte Steve.
Die Ärztin zuckte mit den Schultern. "Das letzte O.K. hängt natürlich von ihnen ab. Meiner Diagnose zum Urteil sind sie soweit. Sie dürfen auf keinen Fall das Bett verlassen, und ich würde sie auch bitten, ihre magischen Fähigkeiten nicht zu benutzen. Aber es spricht nichts dagegen, wenn sie kurzen Besuch empfangen."
Steve kaute auf seiner Unterlippe. "Rufen sie ihn an."
Winter und Meyer waren keine zwanzig Minuten später da.
"Sie haben mächtiges Glück gehabt.", sagte Meyer zur Begrüßung. "Das hätte durchaus anders ausgehen können."
"Ich finde, in dieser Geschichte kann man überhaupt nicht von Glück reden.", brachte Steve hervor.
"Was ist mit Jolanda?"
"Sie lebt.", beruhigte Winter knapp. "Ihr Kiefer ist mehrmals gebrochen, und sie hat einige recht ansehnliche Narben im Gesicht, aber nichts, was man nicht wieder hinbekommt. Francis und Vogner sind leider tot."
"Ich weiß.", sagte Steve traurig.
Allerdings ist Stefano noch wohlauf. Er erlitt nur einen Auswurfschock, als seine Drohnen herunter geholt wurden. Kaleb hatte auch Glück gehabt. Er hatte versucht, den Runnern zu folgen, und dabei wurde sein Wagen in die Luft gesprengt, durch eine fahrende Drohne. Er wurde dabei aus dem Wagen geschleudert. Der einzige Grund, warum er noch lebt. Von dem Sicherheitspersonal von Ares hatte keiner soviel Glück. Die Shadowrunner sind unverhältnismäßig brutal vorgegangen."
Wissen sie eigentlich, mit wem sie es zu tun hatten?"
Steve nickte. "Ich erinnere mich an die Besprechung, als wir den Auftrag für Enoshi bekamen...."
Ein Stich durchfuhr ihn. Es war eigentlich überflüssig, danach zu fragen, aber um alle Zweifel zu beseitigen: "Tamuro?!"
Winter und Meyer sahen sich kurz an. Dann schüttelte Winter den Kopf.
"Er und sein Sekretär wurden getötet. Eine ziemlich häßliche Sache."
Steves Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepreßt. "Ich hatte alles getan, was ich nur konnte.", sprach er leise. "Hätte ich nur früher..."
"Es ist schon in Ordnung.", tröstete Meyer. "Wir wissen, was sie getan haben. Jolanda hat schon einen Bericht abgegeben. Ebenso wie die Manager von Ares, die anwesend waren.
Es war ein Sicherheitslücke, bei dem sie nichts tun konnten. Bei einem solch massiven Überfall hätte keiner etwas tun können. Die Shadowrunner hatten einfach Mittel und Möglichkeiten, bei der noch eine kleine Armee schlecht ausgesehen hätte."
"Die Untersuchungen des Tatorts sind schon abgeschlossen. Daher, und von den Berichten der anderen wissen wir, daß sie großartiges geleistet haben.
Es ist seltsam, daß nur Tamuro das einzige Ziel dieser Aktion war.
Ares hatte gleich nach dem Vorfall ein Statement abgegeben, in dem sie ihr Bedauern über die Situation ausdrücken und dementieren, daß sie nichts mit dem Übergriff der Shadowrunner zu tun hatten. Unsere Nachforschungen haben leider etwas anderes ergeben. Verschiedene Quellen berichten uns davon, daß Ares in letzter Zeit diverse Runnerteams angeworben hatte."
"Als wir ihnen das unter die Nase hielten, stritten sie natürlich ab und erklärten uns, daß dies zu ihren erweiterten Sicherheitsmaßnahmen gehörte.", fuhr Meyer fort. "Aber das klang nicht sehr überzeugend."
"Mitsuhama will nun aus dem Vertrag heraus.", erklärte Winter weiter. "Ares wehrt sich natürlich mit Händen und Füßen. Aber der Gerichtshof steht auf unserer Seite. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, aber das Gemeinsame Projekt ist Geschichte."
"Ist das nicht ein harter Schlag?", fragte Steve.
Winter wiegte den Kopf. "Fragt sich nur für wen. Beide Konzerne beginnen jetzt mit ihrem Wettlauf darum, wer das Produkt alleine fertig stellt und zuerst auf den Markt bringt. Es ist unnötig, zu erwähnen, daß beide Seiten versucht haben, die Fortschritte des anderen zu überwachen und in Erfahrung zu bringen. Dummerweise braucht Mitsuhama Ares mehr als umgekehrt."
Steve sank in seinem Bett zusammen. "Dann ist der Verlust von Enoshi Tamuro doppelt schlimm.
Der Konzern wird mir das Leben zur Hölle machen."
"Das ist nicht gesagt.", widersprach Winter. "Man ist von ihrem Einsatz recht angetan.
Außerdem steht schon eine neuer Projektleiter vor der Tür. Er verspricht dem Vorstand, die ganze Sache auch ohne Ares rechtzeitig über die Bühne zu bringen."
"Mit anderen Worten: Er wird der neue CEO für die Abteilung."
Meyer nickte fröhlich. "Du brauchst Dir also keine Sorgen zu machen, arbeitslos zu werden."
"Er hat recht.", stimmte Winter zu. "Sie dürfen es nicht so sehen, als hätten sie versagt."
Das letzte Wort traf Steve wie ein Peitschenhieb in eine offene Wunde. Es war genau das Wort, mit dem er seinen Einsatz bei der Aktion beschreiben würde. Bisher war er nur nicht dazu gekommen, sich darüber Gedanken zu machen. Aber ihn beschlich immer mehr das Gefühl, daß er mehr hätte tun können. Schließlich war er Magier.
"Ich denke, es wird alles gut werden.", sagte Winter, als hätte er seine Gedanken gelesen. "Sie haben ihre Arbeit getan, so gut es eben ging. Gegen den Magier und gegen die Feuerkraft hätte man nichts ausrichten können.
Es ist nicht das erste mal, daß wir auf die "Explosiven" treffen. Und wer hätte gedacht, daß jemand diese Psychopathen anheuert!?"
"Eigentlich muß man mit allem rechnen.", erwähnte Steve. "Das haben wir schließlich gelernt."
"Das ist richtig.", gab Winter zu. "Aber letztendlich kann man nicht alles mit einschließen. Wenn man mit solchen Leuten rechnet, muß man sich entweder auf einen Krieg vorbereiten oder das Treffen gar nicht erst stattfinden lassen. "
"Ich erzähle ihnen was.", begann Meyer. "Diese Gruppe ist der Schreck eines jeden Konzerns.
Aus irgendeiner schrecklichen Fügung des Schicksals heraus haben sich Fünf Wesen zusammengefunden; jeder in seinem Gebiet ein absoluter Spezialist. Und Jeder ein Psychopath, wie ihn der Teufel fürchtet. Sie scheinen endlose Ressourcen zu besitzen und Quellen, über die sie anscheinend alles bekommen, was sie brauchen oder haben wollen. Obwohl sie durchaus wählerisch sein könnten, nehmen sie jeden Run an, den man ihnen anbietet, aber am liebsten die, wo sie möglichst viel Terror und Zerstörung anrichten können. Es war mehr als nur ein Auftraggeber von ihrer Vorgehensweise abgestoßen und schockiert. Viele waren auch unzufrieden.
Es gibt einige Konzerne, die diese Gruppe speziell immer wieder anheuert, und es gibt sogar einige Konzerne, die ein hohes Kopfgeld auf diese Typen ausgesetzt hat. Und es werden immer mehr.
Es gibt eigentlich nur eine Gruppe von Shadowrunnern, die noch spezialisierter sind als "die Explosiven", und die nennt sich selbst "The Claw".
Die gehen aber weitaus subtiler und humaner vor. Momentan sind Gerüchte im Umlauf, daß sie den Auftrag bekommen haben, "die Explosiven" zu finden und zu erledigen."
Steve hörte sprachlos zu. Er hatte viel über Shadowrunner gehört. Es sind Profis, die meist gut ausgerüstet sind und Experten im Einbruch, Diebstahl, Attentaten und vielen anderen kriminellen Dingen. Meist waren sie den durchschnittlichen Sicherheitspersonal überlegen. Aber Steve hatte auch gehört, daß es bei entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen und Elitepersonal ein Runner keine Chance hatte, in einen Konzern einzudringen oder ein Attentat zu begehen.
Meyers Schilderungen und seine eigenen Erlebnisse fügten sich in seinem Kopf zu einem fast traumatischen Bild zusammen. Das waren keine Shadowrunner, das war eine Terrorgruppe.
"Hat Ares eigentlich auch ein Kopfgeld auf diese Gruppe ausgesetzt?", fragte Steve unvermittelt.
Meyer und Winter sahen einander an.
"Keine Ahnung.", sagte Winter. "Warum?"
"Nur so aus Neugierde.", antwortete Steve.
"Wenn sie wollen, kann ich das für sie in Erfahrung bringen.", bot Winter an. "Ach ja; fühlen sie sich in der Lage, ihren vollständigen Bericht abzugeben, wenn ich eine Sekretärin zu ihnen schicke?"
Steve nickte. "Ja, sicher."
Winter nickte Meyer zu und beide machten sich auf um zu gehen. "Das wäre dann erst mal alles.
Ich wünsche ihnen eine gute Besserung."
"Ja, ich auch.", fügte Meyer hinzu. "Werden sie schnell gesund, Junge."
Steve lächelte. "Ich werde mir Mühe geben."
Die beiden verabschiedeten sich und verließen das Zimmer.
Steve wollte sich zurücklehnen und ein wenig schlafen, als er hörte, daß noch jemand in sein Zimmer kam.
Er öffnete die Augen und setzte sich auf.
Sharlie kam an sein Bett. Sie sah schrecklich besorgt aus und ihre sonst so warmen Augen glänzten trübe unter zurückgehaltenen Tränen.
Sie umarmte ihn heftig. Er hörte, wie sie leise schluchzte.
"Mein Gott, Steve.", schluckte sie. "Ich hatte solch schreckliche Angst."
Steve war so perplex, daß er die Umarmung zuerst nicht erwiderte. Sharlie stutzte, und als sie seinen Verband berührte, schreckte sie zurück und lies ihn los. Unsicher tastete sie über seinen Arm, während sie sich mit der anderen den Mund hielt.
"Oh Gott. Entschuldige!", stammelte sie. "Ich habe das völlig übersehen. Ich war so in Sorge, daß ich das einfach vergessen habe. Ich hoffe, ich habe nicht..."
"Sharlie.", beruhigte Steve sie und hielt sie an den Schultern fest. "Sharlie. Schon gut. Du hast mir nicht wehgetan. Die Wunden sind schon längst verheilt."
Sie sah ihn verwundert an. "Wie das?"
"Der gleiche Trick wie bei Dir.", lächelte er. "Erinnerst Du Dich?"
Sie nickte. "Im Helikopter. Deine Magie?"
"Ja. Die Ärztin hat mir zwar verboten, Magie anzuwenden, aber ich konnte nicht widerstehen. Mir ging es soweit gut und ich hasse das Gefühl, hilflos und schwerverletzt in einem Bett zu liegen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, daß ich wieder Mauern einreißen könnte."
Sharlie lächelte ein wenig.
"Sag es aber nicht weiter.", bat er augenzwinkernd. "Ich will noch ein paar Tage Ruhe genießen können."
"Die hast Du auch verdient.", sagte sie. "Man hatte mir nur wenig gesagt. Ich habe Winter fast gedroht, mir doch endlich was zu erzählen, aber bis vor kurzem war alles noch Verschlußsache und Winter hat natürlich kein einziges Wort gesagt. Ich bin fast gestorben vor Sorge."
In Steves Brust bildete sich ein Knoten. Unter all dem Streß und dem Chaos der letzten Tage, war ihm gar nicht bewußt gewesen, daß er ihre Nähe so vermißt hatte. Im widerstrebte es ein wenig, das so zuzugeben, aber er war erschöpft und geschwächt und er sehnte sich so nach Trost.
"Sharlie.", sagte er mit brüchiger Stimme. "Francis ist tot! Und Vogner hat es auch erwischt.
Jolanda und ich haben nur überlebt, weil wir Glück hatten.
Ich hätte es nicht ertragen können, wenn Du dabeigewesen wärest und Dir ebenfalls etwas zugestoßen wäre."
"Ich weiß.", sagte Sharlie und umarmte ihn wieder, wenn auch ein wenig vorsichtig. "Ich weiß. Aber ich kann auch nicht sagen, wie ich reagiert hätte.
Das war doch genau der Grund, warum ich mich habe versetzten lassen."
"Das ist ein Teufelskreis.", sagte Steve niedergeschlagen. "In meiner Nähe kann ich Dich beschützen, gefährde aber meinen Auftragt. Und wenn Du woanders bist, dann könnte mich der Gedanke wahnsinnig machen, plötzlich von Deinem Tod zu erfahren."
Sie sah ihn erstaunt an. Ihre Lippen umspielte ein leichtes Lächeln.
"Soviel Gefühl habe ich schon lange nicht mehr von Dir gehört.", sagte sie überrascht. "Als wir uns getrennt hatten, wurde ich das Gefühl nicht los, daß Du damit wunderbar zurecht kamst."
Steve zuckte mit den Schultern. "Ich kann es vielleicht besser kompensieren oder verdrängen.
Vielleicht bin ich da ja ein wenig sonderlich, aber ich kann mit Gefühlen und Beziehungen nicht so gut umgehen. Meist halte ich mich von so etwas fern."
Sharlie grinste. "Man muß Dich also erst erschießen, damit Du weich wirst."
Steve lachte.
Sharlie wollte noch etwas sagen. Ihr brannte noch eine ganze Menge auf der Seele.
Aber in dem Moment kam wieder jemand in das Zimmer. Die blonde Frau sah ebenso besorgt und traurig aus, wie Sharlie anfangs, und es paßte ebensowenig zu ihrem fröhlichen Wesen.
Sharlie nickte ihm zu und stand vom Bett auf. "Wir sehen uns noch.", sagte sie , bevor sie ging.
Sie nickte der anderen Frau ermutigend zu, als diese an ihr vorbei eilte.
"Herrje, Steve, Du Idiot!", rief diese und umarmte ihn stürmisch. "Was machst Du nur für Sachen!?"
Steve versuchte, die Umarmung seiner Schwester ein wenig zu dämpfen, weil er keine Luft mehr bekam. "Sharlie hat irgendwo recht.", murmelte er. "Ich muß mich erst erschießen lassen, damit all die schönen Frauen zu mir kommen und sich mir an den Hals werfen.
Und warum vergessen alle, die mich umarmen, meinen Verband?"
Erschrocken und mit einem leisen Laut lies sie von ihm ab.
Steve grinste.
Jolanda war noch in ihrem komischen Fixierhelm geschnallt, der verhindern sollte, daß sie aus versehen ihren Kinn bewegte. Ihre Schwellungen im Gesicht waren weitgehend abgeklungen. Sie sah aber immer noch schrecklich aus mit den Ringen unter den Augen und den vier tiefen Kratzspuren auf der linken Wange.
Als Steve an ihr Bett trat, wandte sie ihren Kopf zu ihm und lächelte vage. Sprechen konnte sie nicht. Aber sie hatte ihre Headware und ein Commgerät lag auf dem Tisch.
Außerdem war sie in eine Art Terminal eingestöpselt.
Steve zog das Commgerät vor.
"Ich muß ja schrecklich aussehen, Deinem Gesichtsausdruck nach."
Steve lächelte milde und schüttelte den Kopf. "Du bist schön wie eh und je.
Werden die Kratzspuren noch behandelt?"
Jolanda versuchte zu nicken, der Kinnschutz hinderte sie aber daran. "Ja, wenn ich erst mal wieder vollauf bin, bekomme ich eine kosmetische Behandlung." Sie grinste und zuckte dabei zusammen. "Das ist auch ein Glück, sonst würden hier einige Knochen brechen."
"Ich glaube, Dir geht es schon ganz gut.", kommentierte Steve. Dann sah er sie ernst an. "Weißt Du noch, was passiert ist?"
Sie sah in traurig an. "Jeden einzelnen Augenblick. Das war eine Pleite auf der ganzen Linie."
Wieder dieser Stich.
"Wir tragen keine Schuld an dem Tod von Enoshi.", sagte Steve zu ihr. "Gegen diese Shadowrunner hatten wir nicht die leiseste Chance."
"Du bist kein guter Lügner.", antwortete sie. "Du glaubst Deine eigenen Worte nicht." Sie seufzte.
Wahrscheinlich machst Du Dir nicht weniger Vorwürfe als ich."
Steve schaute zu Boden und zuckte mit den Schultern. "Wir wissen beide, daß wir nichts tun konnten. Selbst wenn wir die Runner rechtzeitig entdeckt hätten."
"Es ist nur sehr schwierig, das für sich zu glauben.", gab sie zurück.
Steve nickte. "Der Psychologe hat mir gesagt, daß das völlig normal ist. In solch einer Situation ist das Gefühl der Ohnmacht besonders stark."
"Ich weiß.", unterbrach Jolanda ihn. "Bei mir war er auch schon. Er hat mir aber auch gesagt, daß ich wieder arbeiten kann, wenn ich bei ihm einige Sitzungen absolviert habe."
Steve verzog das Gesicht. "Ich weiß nicht.", gab er zu. "Wenn ich noch täglich auf die Couch muß, komme ich mir erst recht verrückt vor."
Jolanda sah ihn eingehend an. "Steve: Wußtest Du, daß das Personal im Restaurant die Shadowrunner waren?"
Steve wunderte sich. "Wieso diese Frage?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Du bist auf mich zugegangen, kurz bevor der ganze Drek passierte.
Ich hatte das Gefühl, daß Du mir etwas verdammt wichtiges mitteilen wolltest.
Und eben, als Du sagtest, daß wir nichts hätten tun können, selbst wenn wir die Runner rechtzeitig entdeckt hätten, tatest Du das mit diesem seltsamen Unterton."
Steve war erstaunt. "Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, Du liest meine Aura.
Ja, ich hatte eine ziemlich feste Vermutung. Als ich den Troll das erstemal askennte, erkannte ich keinerlei Cyberware. Aber in der Küche, als ich etwas aß, entdeckte ich hinter seinem Ohr durch Zufall die Datenbuchse."
Jolanda schaute ihn verwirrt an.
"Wenn man jemanden im Astralraum betrachtet, kann man neben seiner Aura auch all seine Cyberware erkennen. Der Grund, daß man es nicht kann, ist, daß die Person entweder keine hat, oder daß er seine Aura mit einem Zauber maskiert hat. Und warum sollte das jemand bei einer Datenbuchse machen?
Außerdem ist dazu mächtige Magie notwendig. Alles andere als gewöhnlich.
Deswegen bat ich auch den Magier der Ares Sicherheit, meine Vermutungen zu bestätigen."
"Was ist eigentlich mit ihm passiert?", fragte Jolanda.
"Das ist schwer zu erklären, wenn man kein Magier ist. Aber Du kannst es Dir so vorstellen, daß
der Schamane der Runner einen mächtigen Spruch durch die astrale Gestalt des Magiers geleitet hat. Wenn man sich astral projiziert, hat man stets eine Verbindung zu seinem Körper. Jeder Magier kann im Astralraum einen Zauberspruch auf einen anderen werfen, der sich dann an seinem weltlichen Körper entfaltet. Wenn es ein flächenwirksamer Zauberspruch ist, hat man das Ergebnis, wie bei uns im Restaurant."
Jolanda sah ihn an und schien es halbwegs verstanden zu haben. "Aber das heißt Doch, daß Magier eine potentielle Gefahr für ihr Team sind!"
Steve wiegte den Kopf. "Das muß nicht sein. Es kommt immer auf die Stärke des Zaubers an und natürlich auch auf den Magier. Man kann sich schützen."
Jolanda schien nicht sonderlich überzeugt. Das Erlebnis im Restaurant hat ihren Glauben an die Magie ein wenig erschüttert, um es vorsichtig auszudrücken.
Sie sah das Bild von Francis und dem Magier ebenso deutlich vor sich wie diesen riesigen Panther.
Das würde sich nicht so schnell heilen lassen wie ihr Gefühl, versagt zu haben.
Steve sah ihr den Konflikt an, und er wünschte, er könnte etwas dagegen tun.
Vielleicht ergab sich eine Chance, wenn sie wieder zusammen arbeiten.
Der Japaner in dem teuren Anzug und einer Frisur, die ihn noch schleimiger wirken lies, als das so schon der Fall war, gab seiner Sekretärin einen kaum sichtbaren Wink.
Das riesige Trideo wechselte das Bild. Die verschiedenen Blaupausen der Produkte verschwanden und machten einem Haufen Daten und Diagrammen Platz.
"Unseren ersten Versuchen nach liegt die Effizienz der Plattformen in gleicher Größe wie die unserer ehemaligen Vertragspartner.", erklärte der Japaner. "Mit den FE-Labors hier in Hamburg könnte mein Stab mit der Integration und der Produktion schon in einem Monat beginnen und somit die Produkte genauso früh auf den Markt bringen, wie ursprünglich geplant.
Wir hätten damit die volle Produktionspalette. Zwar auch die gesamten Entwicklungskosten, aber dafür auch die gesamten Einnahmen.
Wenn sie sich das Diagramm auf Seite Acht meiner Präsentation ansehen..."
Der Japaner gab den Leuten am Tisch eine kleine Pause, um in ihren Unterlagen nach den Informationen zu suchen. Gleichzeitig lies er die Daten auf der Tridwand erscheinen.
"...Wie sie erkennen können, liegt der Kostennutzeffekt deutlich höher als es im Vertrag der Fall war. Das sind zwar nur simulierte Bilanzen, aber die eigentliche Höhe der Einnahmen dürfte kaum unter zweiundzwanzig Prozent liegen, von den Neuen Daten ausgegangen. Selbst bei einem Verlust von weiteren fünf Prozent läge der Kostennutzenfaktor immer noch weiter oben als eigentlich gedacht."
Er lies die Zahlen auf die Anwesenden wirken. Die Gesichter der Leute um den rechteckigen Tisch herum wurden nur fahl von den kleinen Leselampen beleuchtet. Dennoch konnte er die positive Reaktion in ihnen erkennen.
"Wie sie sehen, brauchen wir das Projekt weder auf Eis zu legen, noch müssen wir es gänzlich aufgeben." schloß er seine Präsentation ab. "Wenn sie Positiv stimmen, sind wir noch vor Abschluß der Jahresbilanz in der Gewinnspanne."
Einer der Vorstandsmitglieder meldete sich.
Toryama bat ihn zu Wort. "Wann haben sie mit diesem Projekt begonnen?", fragte der ältere Mann am Tischende. "Und warum haben sie es getan?"
"Ich habe das Projekt zur gleichen Zeit begonnen, als auch Enoshi Tamuro sein Projekt gestartet hat. Tatsache ist sogar, daß ich ein wenig später mein Projekt in Angriff nahm.
Der Grundgedanke war, daß wir im Falle eines Ausstiegs aus dem Vertrag von Seiten Ares nicht mit einem teuren halbfertigen Produkt in den Labors dastehen. Es sollte eine Art Absicherung sein."
"Das klingt fast so, als hätten sie das Ende des Vertrags vorausgesehen.", warf ein anderes Mitglied ein. Der Unterton in seiner verhohlenen Frage war forsch und mißtrauend.
Toryama schenkte der Versammlung sein entwaffnendes Lächeln. "Meine Herren: In den heutigen Zeiten muß man auf gefasst sein."
Wieder wurde das Gemurmel der Zustimmung laut.
"Woher hatten sie die nötigen Daten für das Projekt?", fragte der ältere Mann von vorhin. "Als Ares mit uns gemeinsam das Unternehmen startete, waren sie ganz am Anfang. Unserer Labors konnten sich nicht so schnell auf den gleichen Stand bringen."
"Eine kleine Firma mit ihren eigenen Labors hatte an einer ähnlichen Sache gearbeitet.", erklärte Toryama. "Sie hatten erstaunliche Fortschritte gemacht. Aber am Ende waren sie aufgrund einiger Fehkalkulationen nicht mehr in der Lage, ihr Produkt an den Mann zu bringen.
Die Zweigstelle Mitsuhama Hannover hat die Firma übernommen und in dem Tochterzweig "Ruymiko Engineering" integriert. Das Projekt wurde an die Labors von Mitsuhama weitergeleitet und unter Aufsicht unserer Wissenschaftler zum Ende gebracht."
Toryama wartete geduldig, ob noch jemand Fragen stellen würde, aber jeder der anwesenden Vorstandsmitglieder schien genug Antworten auf ihre Fragen bekommen zu haben.
"Vielen Dank für ihre Präsentation, Herr Toryama.", sagte das Mitglied am Ende des Tisches. "Wir sollten dann über das Projekt abstimmen."
"Wir sollten im Geiste auch Enoshi Tamuro danken", warf Toryama noch ein. "Ohne ihn wäre all das nicht möglich gewesen."
Slash hielt die Aufzeichnung an. "Was für ein schleimiger Kriecher.", sagte er angewidert.
Steve saß neben ihm und betrachtete das Bild.
Das Videoprotokoll lies seinen Verdacht erhärten. Oder seine Paranoia überkochen. Eins von beiden und er wußte nicht genau, was davon zutraf. Im Moment wußte er eh nicht, woran er glauben sollte.
Als er, Jolanda und Kaleb aus dem Krankenhaus entlassen waren und der Psychologe sein O.K. gegeben hatte, erfuhren sie daß ihre Einheit aufgelöst werden sollte.
Jeder von ihnen wurde einer anderen Gruppe "Guardian Angels" zugeteilt. Sogar Slash, der Decker, wurde einer anderen Einheit zugewiesen.
Steve verstand diese Prozedur nicht, und daß auch Slash sich darüber aufregte, sagte ihm, daß er sich nicht völlig irren konnte.
Als er zu Winter ging, um ihn nach dem Grund dieser Maßnahme zu fragen, erklärte dieser ihm, daß es keine "Bestrafung" oder ähnliches sein sollte, sondern eine Anweisung von ganz oben war,
von Tanaka Musaru persönlich.
Winter wußte auch nicht mehr. Nur daß die Person, die jetzt unerwarteter Weise den Platz von Enoshi einnahm und das Projekt weiterführen wollte, seine eigenen Leibwächter aus dem alten Stab mitbrachte. Sie waren tatsächlich von der alten Garde. Große, breite Männer mit Modifikationen, die sie fast wie Cyborgs aussehen lies. Ein Magier war allerdings auch dabei.
Dies war nun wirklich ungewöhnlich.
Steve dachte, der Grund, warum das Projekt "Heimdall" und die "Guardian Angels" gegründet wurde, war, um subtilere Sicherheitsmaßnahmen mit größerer Effizienz zu integrieren.
Steve bekam keine Erklärung für seine Zweifel.
Aber Winter erzählte ihm etwas, das seine Paranoia noch eine Stufe höher schraubte.
Ares war einer der Konzerne, die ebenfalls ein Kopfgeld auf die Beseitigung der "Explosiven" ausgesetzt hatte. Somit war es den Mitarbeitern des Konzern strengstens verboten, irgendwelche Kontrakte mit dieser Shadowrungruppe zu schließen. Die Kontaktaufnahme und die Transaktionen wurden von einem extra dafür aufgestellten Management kontrolliert.
Ares hat "die Explosiven" also nicht angeheuert.
Trotzdem wollte jemand gezielt Enoshi Tamuro ausschalten und damit das Projekt zum erliegen bringen.
Oder jemand wollte aus dem Vertrag aus Ares heraus, ohne ihn dabei brechen zu müssen.
Dann allerdings konnte nur jemand von Mitsuhama diese Aktion geplant haben.
Das wäre eine ungeheuerliche Sache gewesen. Er hatte von seinem Verdacht nur Slash etwas erzählt und Java. Aber beide hielten ihn für Paranoid. Sie sagten ihm, daß er wohl den Vorfall im Restaurant noch nicht gänzlich überwunden hätte, und daß er langsam aufhören sollte, sich Vorwürfe zu machen.
Steve war verunsichert. Er konnte von sich selbst nicht sagen, ob er recht hatte oder nicht einfach übertrieb. Er verschwieg es sich selber, aber er wußte, daß er sich tatsächlich noch immer wegen seines "Versagens" quälte. Es fiel ihm nach wie vor schwer, zu einzusehen, daß er nichts hätte tun können.
Um sein Gewissen zu beruhigen, und wohl auch wegen Francis, ging er deswegen der Sache nach. Er wußte selbst nicht, warum er auf diesen Gedanken gekommen war, aber aus irgendeinem Grund fand er seine Folgerungen logisch.
Steve bat Slash, den neuen CEO zu überprüfen, der an die Stelle von Enoshi Tamuro getreten war.
Er hieß Kenichi Toryama und sein Versprechen, mit dem er sich beim Vorstand eingeschmeichelt hatte, war, das Projekt zu Ende zu führen, ohne irgendeinen Vertrag zu einem anderen Konzern.
Steve erschien es seltsam, daß Toryama so schnell vor der Tür stand um den neuen Posten zu übernehmen.
Auf seinen Wunsch hin erklärte sich Slash bereit, wen auch nur zögerlich, etwas über den Hintergrund von Toryama in Erfahrung zu bringen.
Die Ergebnisse dieser Suche machten Steve noch mißtrauischer.
Toryama war ein kleiner Manager aus der Produktentwicklung in der Hardwareabteilung für semiintelligente Waffenplattformen.
Als Enoshi Tamuro aus dem Leben schied, hatte der Vorstand eigentlich eine ganz andere Person als neuen CEO vorgesehen, einen gewissen Akira Masamune, der direkt aus Kyoto nach Hamburg kommen sollte. Toryama hatte es mehrere male versucht, aber es war ihm nicht gelungen, den Vorstand in den verschiedenen vorangegangenen Sitzungen von sich zu überzeugen.
Als jedoch Masamune bei einem Unfall kürzlich ums Leben kam und Tanaka Musaru hier in Hamburg seinen Einfluß spielen lies, bekam Toryama doch noch eine Chance.
In der letzten Sitzung präsentierte er dem Vorstand überraschend seine neuen Ergebnisse aus ebenso überraschenden Projekten.
Natürlich gab es viel Wirbel um den schnellen Aufstieg von Kenichi Toryama, aber den gab es bei solch einem massiven Machtwechsel immer. Letztendlich kümmerte sich keiner mehr darum und es interessierte auch keinen, wie seltsam die beiden plötzlichen Tode hochrangiger Konzernexecs waren. Ebensowenig interessierte sich jemand für die Beziehung zwischen Toryama und Musaru.
Slash hatte herausgefunden, daß die beiden schon seit längerem eng befreundet waren. Die Entfernung der beiden, da Musaru in Hamburg arbeitete und Toryama in einem Tochterzweig bei Hannover arbeitete, verschleierte diese Tatsache.
Als Slash diese Dinge hervorkramte, wurde er selber ein wenig Mißtrauisch.
Er lies sich von Steve überzeugen, noch tiefer zu graben.
Den Drek, den sie da hervor gruben, überzeugte sogar Java, daß an der Sache ein wenig mehr dran sein könnte.
Den Daten nach, für die Slash einige Nächte durchgemacht hatte und eine Menge Gefallen einlöste, hatte die Firma nie an einem Projekt gearbeitet, daß gleich oder ähnlich dem war, das bei Ares im Zuge der Zusammenarbeit lief.
Zwar hatte die kleine Firma Forschung und Entwicklungen in dem Bereich geführt, aber keine nennenswerten Errungenschaften hervorgebracht.
Erst als Toryama die Firma übernahm, tauchte das Projekt in den FE-LAbors von Mitsuhama auf.
Diese Daten flimmerten nun auf dem flachen Rutheniumschirm von Slashs Deck. Auf einem größeren Bildschirm eines Trideos war noch immer das Standbild vom Videoprotokoll der Vorstandssitzung zu sehen.
"Was hältst Du davon?", fragte Steve den Decker.
Der lehnte sich zurück und grübelte.
"Eine Menge seltsame Zufälle.", antwortete er schließlich. "Aber nichts davon würde als Beweis durchgehen."
Steve schaute den Decker entgeistert an "Wie Bitte?! Was ist mit den zwei Morden?"
"Mit einem Mord und einem Unfall.", korrigierte Slash. "Das wird kaum nachzuweisen sein. Wenn es ein Unfall war, wird es jetzt so in den Akten stehen, und niemand wird sich mehr die Mühe machen, zu überprüfen, ob dem tatsächlich so war."
"Was ist mit dem Runnerteam?", hakte Steve nach. "Die "Explosiven" haben doch sicher ihren Preis."
Slash schüttelte den Kopf. "Komm schon! Du denkst doch nicht allen Ernstes darüber nach, Toryama den Mord von Enoshi anzuhängen? Da kannst Du gleich Deine Sachen packen!
Und was die Ausgaben angeht, die sind sicher in den Kosten für die Übernahme des Konzerns verschwunden.
Wenn Du recht hast, und da an der Sache wirklich etwas dran ist, dann hat Toryama noch mehr unter den Teppich kehren lassen als das. Du kannst zum Beispiel sicher sein, daß in den Bilanzen und Projektaufzeichnungen der kleinen Firma, die er sich einverleibt, daß Projekt in jeder Einzelheit auftaucht."
"Woher hast Du eigentlich Deine Informationen?", wollte Steve wissen.
Slash sah ihn nur mit einem schmalen Lächeln an und zog mit seinem Zeigefinger sein Augenlid runter.
"War nur ein Versuch.", winkte Steve kleinlaut ab.
"Das ganze sieht nach einer astreinen Konzernintrige aus.", sagte Slash.
"Eben!", rief Steve und klatsche in die Hände. "Du siehst es also auch!"
Slash rieb sich mit Daumen und Zeigefinger an der Unterlippe. "Das ist es ja gerade. Man sieht es."
Steve sah Slash fragend an. "Was meinst Du damit?"
"Was ich gerade sagte.", antwortete Slash. "Man sieht es. Ein Blinder würde die Zusammenhänge sehen können. Zumindest nachdem ich alles ausgegraben habe.
Aber genau das macht mich so stutzig. Es gibt keinen Beweis, aber jede Menge seltsame Zusammenhänge. Wenn jemand eine, sagen wir mal halblegale Sache durchzieht, damit einem anderen Konzern Schaden zufügt und dem eigenen dafür einen Haufen Nuyen einbringt, bekommt er eine Beförderung. Wenn das alles innerhalb des Konzerns passiert, rollt bald sein Kopf.
Das heißt aber nicht, daß so etwas nicht weniger selten passiert. Gehe ruhig davon aus, daß die meisten hier ihr eigenes Ding kochen. Und viele von ihnen würden über wortwörtlich über Leichen gehen. Aber jeder, der sich an so eine Aktion wagt, wird peinlich genau darauf achten, daß später kein noch so leiser Verdacht auf ihn fällt.
Toryama ist entweder besonders blöd oder besonders raffiniert. Man kann ihm nichts nachweisen und entweder hat er seine Sache so gut gemacht, daß man ihm auch nie etwas nachweisen wird, oder er hat tatsächlich eine Weiße Weste."
"Das glaubst Du doch selber nicht!", sagte Steve geschockt.
Slash zuckte nur mit den Achseln. "Such es Dir aus. Wahrscheinlich hat er nicht damit gerechnet, daß überhaupt jemand auf sein kleines Spiel aufmerksam werden könnte. Nach außen hin ist alles Wasserdicht. Und er hat Musaru auf seiner Seite, ganz zu schweigen vom Vorstand.
Er ist also unantastbar."
Steve winkte ab. "Nicht, wenn wir tatsächlich etwas über ihn ausgraben.
Ganz so unverwundbar kann er nicht sein. Was glaubst Du warum wir alle in verschiedene Einheiten gesteckt wurden und er seine eigenen Leibwächter hat? Der Kerl wollte uns aus dem Weg haben."
"Steve!", bremste Slash. "Vergiß es. Du kommst an ihn nicht heran. Jetzt nicht mehr.
Es ist mir noch immer schleierhaft, wie Du überhaupt auf den Verdacht gekommen bist. Aber daß sich jetzt zufällig einige erstaunliche Zusammenhänge gefunden haben, ist noch lange kein Grund oder eine gute Basis, um eine Großoffensive zu starten.
Überleg' mal, was es Dir bringen würde:
Du hast noch Deinen alten Job, und den wirst Du auch nicht verlieren. Toryama würde mehr Wirbel damit veranstalten, wenn er alle, die bei dem Anschlag dabei waren, feuern lassen würde, als wenn er uns nur versetzen läßt.
Du hast mit ihm nichts zu tun und ihr werdet euch wohl auch niemals begegnen. Also warum etwas riskieren für nichts?"
"Was ist mit Enoshi und seiner Familie? Was ist mit Francis und den anderen?"
Slash stöhnte und rollte den Kopf. "Was soll das jetzt? Willst Du deren Tod rächen? Oder eine Art Wiedergutmachung für Enoshis Familie? Da gibt es nichts, was Du tun könntest.
Und auch, wenn Du den Satz in letzter Zeit oft genug gehört hast:
Du trägst keine Schuld an dem Tod von Enoshi Tamuro!"
Steve sah den Decker finster an.
"Du glaubst mir nicht."
Slash seufzte. "Nein. Das ist es nicht."
"Ach tatsächlich?" Steve stand auf und bedachte den Decker mit einem anklagenden Blick. "Ihr haltet mich doch alle für einen paranoiden Spinner, der sich seinen Versagerängsten ergibt!"
Slash wollte etwas erwidern, aber Steve lies ihn nicht zu Wort kommen.
"O.k. Ich gebe zu: Es fällt mir noch immer schwer, mit der Geschichte zurecht zu kommen. Aber wer von euch, außer denen, die dabei waren, kann das nachvollziehen?
Ich bin vielleicht noch ein wenig durch den Wind, aber ich denke nicht, daß ich meinen klaren Verstand eingebüßt habe! Es ist schon fast unverschämt, so etwas von jemanden vorgesetzt zu bekommen, der den größten Teil seines Lebens in einer virtuellen Welt verbringt!"
Steve drehte sich auf dem Absatz um und verließ aufgebracht den Raum.
Slash machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten.
Was sollte er auch noch sagen? In seinem momentanen Zustand wäre er für kein Argument mehr offen. Er konnte Steve irgendwo verstehen. Deswegen nahm er es ihm auch nicht krumm, daß er ihn in seiner Arbeit als Decker beleidigt hatte. Er wußte nicht, was in der Matrix wirklich abging, ebenso wenig wußte Slash über Magie Bescheid.
Steve würde sich schon wieder abkühlen, dann würde er noch einmal mit ihm reden.
Schließlich hatte er recht: Niemand kann nachempfinden, was Steve durchgemacht hatte.
Nur, um ihn ein wenig besser zu stimmen, stöpselte Slash sich noch einmal ein.
Toryama schaute aus dem riesigen Panoramafenster auf die Stadt hinunter, die in Dunkelheit und Dunst eingehüllt war. Ein Meer aus Lichtern in leuchtete ihm matt aus den Schluchten des Betonmonsters entgegen.
"Kannst Du den letzten Satz noch einmal wiederholen?", bat er seinen Freund.
"Gerne", erwiderte Musaru. "Er macht Probleme."
"Hab ich also Doch richtig verstanden.", murmelte Toryama vor sich hin.
"Steve Valentine heißt er?"
Musaru nickte langsam.
"Und er ist Leibwächter?"
"Bei den Guardian Angels.", ergänzte Musaru. "Außerdem ist er ein Magier. Ein guter noch dazu."
"Ach ja, ich erinnere mich." Toryama ging zu seinem Schreibtisch. "Er war der "Held" bei dem Attentat, wenn man das so sagen darf.
Wie kann er uns denn Probleme machen?"
Musaru zuckte mit den Schultern. "Meine Quellen sagen mir nur, daß er herumschnüffelt. Er hat natürlich nichts konkretes herausgefunden, hat aber einige recht interessante Verdächtigungen."
Er schaute seinen Freund scharf an. "Du warst Doch nicht unvorsichtig."
Toryama sah kurz auf. Dann lenkte er seinen Blick wieder zum Fenster und rieb sich nachdenklich am Kinn.
"Nein, natürlich nicht. Ich hab so ziemlich alles gemacht, was man machen konnte. Jeden Deiner Ratschläge habe ich peinlichst genau befolgt. Wenn etwas raus kommt, dann geht es nicht mit rechten Dingen zu."
"Mach lieber nicht solche Witze.", warnte ihn Musaru. "Ein Problem haben wir schon."
"Steve Valentine?" Toryama winkte ab. "Dann müssen wir ihn eben beseitigen.
Wir können uns es nicht leisten, daß jemand Lärm macht, egal wie leise er dabei letztendlich ist."
Musaru nickte zufrieden. "Schön, daß Dein Kampfgeist noch immer der gleiche ist.
Ich werde jemanden beauftragen, der sich darum kümmern soll."
Diese blöde Uhr war schon wieder stehengeblieben und Java war langsam ratlos.
Er hatte es mit Graphit probiert, sogar mit Schmieröl. Vielleicht war einer der Zahnräder kaputt oder einer der Achsen, die sie hielten war verbogen. Er würde sie gerne austauschen, aber er wüßte nicht, wo er sie herbekommen sollte. Er könnte sie natürlich nachmachen lassen, aber das wäre nicht Stilgerecht.
Java seufzte. Er kannte sich auch nicht so gut mit Mechanik aus. Obwohl es langsam besser wurde.
Er kniete sich wieder vor den Uhrenkasten und öffnete die schmale Glastür.
Als er das Pendel probeweise anschubste hörte er hinter sich eine weibliche Stimme:
"Java!", sprach sie ihn an. In ihr schwingte ein alarmierender Unterton mit.
Der Magier drehte sich hastig um. "Butterblume!". Sie sah besorgt aus. Das und ihr ungewöhnlicher Tonfall waren etwas, daß er so bei ihr noch nie erlebt hatte. Dieser Geist war sonst die Freude selbst, immer sorglos und ausgeglichen.
"Stimmt etwas nicht?"
"Es geht um Steve!", antwortete sie bestürzt. "Sie wollen ihn umbringen!"
Java sah sie irritiert an. "Steve umbringen? Warum?! Und wer sind sie?"
Der Geist lies sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder. "Sie: Das sind Tanaka Musaru und sein Freund Kenichi Toryama."
Java schüttelte ungläubig den Kopf. "Der neue CEO?"
Butterblume sah ihn scharf an.
Java wehrte mit einer energischen Geste ab. "Butterblume! Ich zweifle nicht an Deinen Worten!
Es klingt nur so unmöglich! Warum sollten die das tun?"
"Ich weiß es nicht!", sagte Butterblume aufgebracht. "Es hat mit einer großen Intrige zu tun. Die beiden haben einen Verrat begangen. Ihre Auren jedenfalls waren sehr niederträchtig.
Sie redeten von irgendwelchen Fehlern, die sie jetzt nicht machen dürften und davon daß Steve sterben muß, damit alles so bleibt, wie es jetzt ist!"
"Du hast sie belauscht!", stellte Java empört fest.
Butterblume sah ihn genervt an. "Das spielt doch jetzt keine Rolle!
Wichtiger ist, daß Du Steve hilfst!"
Java überlegte. "Meine Güte. Steve hatte also doch recht!" Er wandte sich
an Butterblume. "Wir sollten versuchen, die Sache für Steve aufzuklären. Du kannst doch sicher Die Beweise bringen!"
Die Anima schaute verwirrt drein. "Java! Was ist heute los mit Dir?
So durcheinander warst Du noch nie!
Wie soll ich denn die Beweise erbringen? Du weißt genauso gut wie ich, daß Beweise, die mit Hilfe von Magie oder mit Geistern erbracht wurde, vor Gericht keinen Bestand haben!
Und dann würde die Gefahr für Steve auch nicht gebannt sein: Im Gegenteil!
Abgesehen davon: Du hast doch immer versucht, mir klarzumachen, daß es sich nicht gehört, andere zu belauschen!"
Java faßte sich an die Stirn. "Verzeih, ich bin ein wenig zerstreut. Das kommt alles ein wenig...überraschend." Er stand auf und lief in seinem Zimmer herum. "Dennoch müssen wir Steve warnen."
"Das mußt Du machen.", sagte Butterblume.
"Wenn Du meinst.", gab er verwundert zurück. "Dann solltest Du versuchen, herauszufinden, was die beiden planen. So können wir das Vorhaben vielleicht verhindern."
"Ich kann nicht.", gab sie zurück.
Java sah sie verstört an. "Wie bitte?"
"Ich kann nicht.", wiederholte Butterblume.
"Aber wieso denn nicht?", fragte er fassungslos. "Es geht hier um Steves Leben!"
"Ich weiß.", antwortete der Geist traurig. "Aber ich kann nicht.
Frag nicht nach den Gründen. Du würdest sie nicht verstehen können."
Java öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, lies es dann aber doch.
Er kannte dieses Verhalten von Butterblume. Und er wußte, daß es tatsächlich keinen Sinn hatte, darüber zu reden oder zu fragen. Sie hatte sicher wichtige Gründe, wenn sie etwas höher setzte als das Leben von Steve.
Außerdem wäre es nicht sehr ratsam, einen Geist zu beschimpfen.
Also nickte er dem Geist emotionslos zu, als dieser verschwand.
Ein wenig genervt davon, in seinem Buch unterbrochen zu werden, ging Steve an die Tür, um nachzusehen, wer den Summer so energisch quälte.
Das Ergebnis war nicht sonderlich erbauend, zumindest im Augenblick.
"Ach, Du bist es.", grüßte Steve den Decker tonlos und ging zurück in sein Zimmer, während er die Tür für seinen Gast offen lies
"Steve, Ich weiß, daß Du noch sauer bist, wegen Der Sache vorh...."
"Wieso sollte ich sauer sein!", unterbrach ihn Steve. "Hier mordet sich ein verdammter Exec durch die eigenen Reihen, und trotz all der kristallklaren Zusammenhänge, die Du sogar selbst ausgegraben hast, betätschelt ihr mich mitleidig als paranoiden Spinner!"
"Steve!", rief Slash aufgebracht. "Dafür ist jetzt keine Zeit! Ich bin hier weil ich Dir was wichtiges zu berichten habe!"
"Was ist es denn diesmal?", fragte Steve sarkastisch. Er war noch immer streitlustig und hielt den Auftritt seines Freundes für einen billigen Versuch der Entschuldigung.
Slash sah Steve verwirrt an. "Was?", fragte er irritiert, rieb sich dann die Stirn und stöhnte:
"Steve. Laß doch diese Dumme Sache! Das können wir immer noch machen, wenn Du meinst, daß es Dir was bringt!
Ich habe etwas wichtiges herausgefunden. Und es betrifft Dich!"
Steve war auf einmal ganz Ohr. "Du hast weiter geforscht?", fragte er, fast fröhlich. "Dann habe ich wohl doch recht!"
Langsam wurde Slash wütend. Das passierte äußerst selten. "Hör zu, Verdammt! Es ging nie darum, ob Du recht hattest oder nicht!
Ich bin hier, weil man Dich umbringen will. Ich wollte Dich davor warnen. Aber wir können auch vorher Dein Kindisches Spiel weiter spielen, während uns die Zeit davon rennt!"
Der Magier stand auf einmal wie festgefroren da und sah Slash sprachlos an.
"Den Mittelteil noch mal.", bat er schließlich leise.
"Man will Dich umbringen.", wiederholte der Decker.
Steve setzte sich hin. "Wie hast Du das herausgefunden?"
Slash wollte antworten, aber Steve unterbrach ihn schnell mit einer Handbewegung. "Erzähl lieber alles von vorne."
"Also gut.", erwiderte Slash und setzte sich ebenfalls. "Als Du vorhin so wütend aus dem Raum gestampft bist, hatte ich noch ein wenig rumgestöbert. Eigentlich, um Dich zu beruhigen.
Ich setzte ein Smartframe auf Musarus Daten an, weil ich etwas mehr über seine Rolle in dem Spiel erfahren wollte. Ich will Dich nicht mit Details über meine Arbeit langweilen: Auf jeden Fall
habe ich eine extreme Manipulation der Daten in seiner Abteilung bemerkt. Es war nur reiner Zufall, daß ich darüber gestolpert bin und mir alles online anschauen konnte.
Er versuchte, einige Ausgaben zu kaschieren. Ich verfolgte den Transfer.
Heraus kam, daß er dabei war, einige professionelle Messerklauen anzuheuern. Und zwar ohne, daß der Konzern oder jemand anderes das mitbekommt. Wäre ich nicht gerade dabeigewesen, seine Daten durchzugehen, hätte ich es auch nie bemerkt.
Da ich wissen wollte, wen er jetzt auf seiner Liste hatte, habe ich einige Kontakte in den Schatten gebeten, sich für mich umzuhören.
Tatsächlich habe ich von einigen Straßensammies dann gehört, die den Auftrag angeboten bekommen haben.
Es geht um einen Magier der beseitigt werden soll, und die Beschreibung paßt ziemlich genau auf Dich. Und es soll aussehen wie ein Unfall."
Steve überlegte fieberhaft. "Weißt Du, ob sie ein Foto von mir haben?"
Slash nickte. "Davon gehe ich aus."
"Und konntest Du es besorgen?"
"Nein!", widersprach Slash. "Es hat mich schon eine Menge Mühe gekostet, überhaupt den ganzen anderen Drek heraus zu bekommen!"
"Dann kannst Du Dir also gar nicht sicher sein, ob es dabei um mich geht."
Slash wollte antworten, als der Summer wieder drängelnd brummte.
Steve bedeutete seinem Freund, zu warten und ging zur Tür.
"Java!", rief er überrascht. Er trat zur Seite, um seinen Meister herein zu lassen.
Der betrat hastig die Wohnung.
"Steve!", begann er ohne Umschweife. "Ich habe Dir etwas dringendes Mitzuteilen! Es geht darum...Hallo, Hiro.", unterbrach sich der riesige Magier selber, als er den Decker bemerkte. "Was machen sie denn hier?"
Der Decker stand auf, um Java zu begrüßen. "Gut, daß sie kommen! Ich hätte mich sonst sowieso noch bei ihnen gemeldet." Er holte kurz Luft. "Ich bin hier, weil man Steve umbringen will.
Ich habe das eher durch Zufall herausbekommen und wollte ihn warnen."
Javas Augen quollen fast aus den Höhlen. "Meine Güte! Deswegen bin ich auch gekommen?"
Steve sah seinen Mentor entgeistert an. "Wa...Du auch?" Er lies sich kraftlos in den Sessel fallen.
"Mein Gott. Woher weißt Du es denn?"
"Von Butterblume.", erklärte der Meister. "Sie hatte Musaru und Toryama belauscht, während sie ihre dunklen Pläne schmiedeten. Ich hatte immer versucht, sie davon abzubringen, Menschen zu belauschen. Im Moment bin ich ganz froh darüber, daß sie so Eigensinnig ist!"
Steve sah die beiden an. "Wie haben Die nur herausgefunden, daß ich herumschnüffele."
"Das wüßte ich auch ganz gerne.", gab der Decker zu und schluckte. "Wer weiß, wen die noch auf der Liste haben."
"Magie.", antwortete Java. "Es kann eigentlich nur durch Magie geschehen sein. Wahrscheinlich ein Geist oder ein Beobachter. Musaru und Toryama lassen wohl alle überwachen, die als Leibwächter bei dem Attentat dabei waren und überlebt haben.
Wäre es anders, dann wärest Du statt Steve das Opfer und hättest das auch erfahren. Das dem nicht so ist, läßt eigentlich nur den einen Schluß zu."
Slash nickte anerkennend. "Klingt logisch."
"Leider.", fügte Steve hinzu. Er sah den Decker an. "So war das nicht gemeint!", entschuldigte er sich hastig.
Der nickte nur und lächelte freundlich. "Schon in Ordnung."
"Eine Frage, Slash:", sagte Java. "Weißt Du zufällig, wer den Auftrag angenommen hat?"
"Ich weiß nur, daß es nicht die Explosiven sind.", beruhigte Slash.
Steve atmete sichtbar auf. "Das ist ja schon mal was.
Trotzdem: Was soll ich jetzt machen?" Er sah die beiden an. "Soll ich warten, bis die Attentäter kommen, um sie dann entsprechend zu empfangen, sofern mir das gelingen sollte.
Oder soll ich mich irgendwo verkriechen?"
Java und Slash warfen sich beide einen Blick zu, schauten dann wieder auf Steve. Java senkte den Kopf.
"Vielleicht kündigst Du.", schlug Slash vor.
Steve winkte abfällig. "Was für ein toller Vorschlag! Man kündigt doch nicht bei einem Konzern!
Und selbst wenn: Musaru würde mich jetzt nicht gehen lassen, mit all dem, was ich weiß!"
"So meinte ich das auch nicht.", erklärte Slash ruhig. "Weißt Du, was eine Extraktion ist?"
"Ja natürlich", sagte Steve beiläufig. Dann fiel bei ihm der Groschen. "Du meinst, ich sollte illegal zu einem anderen Konzern wechseln?"
Slash nickte. "Ich könnte was in die Wegen leiten. Und ich denke, Java hat auch noch die eine oder andere Verbindung zu einigen Konzernen."
"Aber ich will hier gar nicht weg!", entgegnete Steve. "Ich bin hier glücklich!"
Slash und sein Meister sahen ihn ernst an.
"Zumindest war ich es die meiste Zeit.", korrigierte Steve kleinlaut. "Es muß doch eine andere Möglichkeit geben. Außerdem stört es mich, vor Musaru klein beizugeben."
"Ich habe es Dir schon mal gesagt!", erwiderte Slash. "Musaru ist eine Nummer zu groß für Dich!
Es geht hier nicht um eine Machtprobe oder einen Wettkampf. Es geht hier um Dein Leben!"
Steve seufzte.
Was konnte er sonst noch tun? Die Alternativen waren nicht gerade zahlreich.
Und die, die er hatte, glänzten nicht gerade durch ihre Attraktivität.
Das war wohl normal, wenn man umgebracht werden sollte. Es machte ihn ungemein wütend, daß sein Leben von jemanden umgekrempelt wurde, der eigentlich selber für seine Taten büßen sollte.
Er konnte nichts dagegen tun, und Musaru würde damit durchkommen!
Er wandte sich an Java und den Decker. "Gebt mir ein oder zwei Tage!"
"Steve! Du hast keine Zeit!", protestierte Slash. "Jederzeit kann...."
Steve winkte ab. "Das weiß ich! Aber es ist keine einfache Entscheidung, auch, wenn mein Leben auf dem Spiel steht. Aber es ist immerhin mein Leben, um das es hier geht! Die zwei Tage werde ich eben sehr vorsichtig sein müssen.
Ich will nur diese beiden Tage. Vielleicht fällt mir noch etwas anderes ein."
"Er hat recht.", sagte Java. "Auch wenn es gefährlich ist. Wir können ja schon mal alles weitere in die Wege leiten." Er wandte sich zu Steve. "Diese zwei Tage. wenn Du keine andere Möglichkeit findest, dann kannst Du wenigstens gleich verschwinden.
Und diese zwei Tagen wohnst Du bei mir!"
"In Ordnung.", sagte Steve. "Danke, Java!"
Der Mentor schüttelte den Kopf. "Doch nicht dafür, mein Junge."
"Also gut.", unterbrach Slash. "Dann solltest Du jetzt einige Sachen einpacken und umsiedeln.
Java, wir sollten schon mal gehen: Wir haben noch viel zu tun!"
Der Magier nickte und ging mit Slash zur Tür. Bevor er die Wohnung verließ, drehte er sich noch mal zu Steve um. "In einer halben Stunde stehst Du vor meiner Tür!", befahl er.
"Ja, Meister!", gab Steve mit einem halbherzigen Lächeln zurück.
Dann gingen beide und Steve verschwand im Schlafzimmer, um seine Sachen zu packen.
Als er sich gerade mit der absurden Frage beschäftigte, wieviel Gepäck er auf seiner "Flucht" überhaupt mitnehmen sollte, meldete sich das Telekom.
Steve ging nicht ran. Er dachte, daß es vielleicht besser sein könnte, wenn keiner weiß, daß er Zuhause ist.
Nach dem vierten Klingeln schaltete sich die Mailbox ein. "Steve?! Ich bin's! Bitte heb ab, wenn Du da bist! Ich bin..."
Steve stürzte zum Telekom und haute auf die Meldetaste. Mit einem Piep aktivierte das Gerät die Audioverbindung. Das Videobild bestand nur aus einem hoffnungslosen Geflirre und einer Menge Schnee. "Suzanne! Ich bin dran!", rief er aufgeregt. "Was ist los?".
"Steve!", schluchzte sie erleichtert. "Gott sei dank, daß Du da bist. Du mußt mir helfen!"
"Wo bist Du? Was ist passiert?"
Sie schluchzte und klang sehr aufgebracht. "Ich bin hier in einer Telekomzelle.
Mein Auto ist stehengeblieben! Ich wollte den Unfalldienst anrufen, aber die haben nur ihre Nachrichtenbox aktiviert!
Dann kamen diese Leute. Ich bin weggelaufen, weiß aber nicht, ob sie noch hinter mir her sind.
Ich hab solche Angst!" wieder dieses Schluchzen. Steve wurde es heiß und kalt.
"Suzanne! Beruhige Dich doch erstmal. Kannst Du mir sagen, wo genau du bist?"
Er bekam keine Antwort.
Steve spürte, wie die Panik in ihm aufwallte. Als er schon ins Mikrophon brüllen wollte, hörte er sie schlucken. Dann ihre Stimme. "Ich bin in der Nähe Rothenburgsort. Die Straße heißt "Seitengasse". Da ist ein Tabakladen in der Nähe."
"Also gut", sagte er mit aller Ruhe, die er noch in seine Stimme legen konnte. "Du bleibst, wo Du bist! Versteck Dich in irgendeinem Hauseingang in der Nähe der Zelle. Aber bleib' ja nicht in der Zelle! Ich komme so schnell ich kann!
Und hab keine Angst!"
"Steve! Bitte beeile Dich!", schluchzte sie noch mal.
Er haute auf das Commgerät, daß sich mit einem protestierendem Piepsen deaktivierte.
Dann ging er fluchend in sein Schlafzimmer zurück, öffnete dort die Schublade der Kommode und entnahm ihr die Colt Manhunter und seine Fetische. Während er seine Wohnung verließ und zu der Tiefgarage herunterfuhr, legte er sich seine magischen Utensilien an und lud die Waffe durch.
Er hatte in der Eile seinen Schulterhalfter vergessen, also steckte er sie vorne in den Hosenbund.
Beim Wagen angekommen, mußte er den Code zweimal eingeben, so aufgeregt war er.
Suzanne ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Und sie war auch keine ängstliche Person.
Es mußte also schon etwas schlimmes sein, wenn sie so aufgebracht war.
Der Sicherheitsbeamte sah aus sein Häuschen, als Steve vor die Schranke fuhr.
"Guten Abend, Herr Valentine. So spät noch unterwegs?"
"Dafür ist jetzt keine Zeit!", sagte Steve ärgerlich. "Ich hab es eilig! Machen sie die Schranke hoch!"
Er bekam keine Antwort, aber die Schranke öffnete sich augenblicklich.
Steve beschleunigte so schnell, daß die Reifen durchdrehten und mit einem schrillen Quietschen zwei schwarze Spuren hinterließen.
Keine Zehn Minuten später war er an der von Suzanne beschriebenen Stelle. Er wurde wohl zweimal wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt und hatte wohl drei Ampeln überfahren. Aber das war ihm momentan ziemlich egal.
Rothenburgs Ort war einer der ganz üblen Gegenden. Er fragte sich, was Suzanne wohl hier wollte.
Vielleicht mußte sie auch nur die Gegend durchqueren.
Das spielte aber im Moment auch keine Rolle mehr.
Steve kannte die Namen nicht, wußte aber, daß zwei rivalisierende Gangs dieses Gebiet für sich beanspruchten. Es gab des öfteren kleinere und auch größere Auseinandersetzungen, wenn einer der Gangmitlgieder sich zu weit auf "feindliches" Gebiet wagte. Suzanne in solch einer Gegend zu wissen, ließ ihn schaudern.
Steve hielt an, blieb aber erst mal im Wagen und sah sich von dort aus um. Er sah die Telefonzelle und auch den Tabakladen, konnte aber Suzanne nirgendwo sehen.
Vielleicht hatte sie doch Panik bekommen und war einige Häuser weiter gegangen. Oder sie hatte sich in einem Hausflur versteckt. Sie kannte sein Auto nicht, also würde sie sich wohl zeigen, wenn sie ihn sehen würde.
Er wirkte einen Zauber, der ihn vor feindseligen Personen warnen sollte, die es vielleicht auf sein Geld, sein Auto oder etwas ganz anderes abgesehen haben.
Kaum hat sich der Zauber manifestiert, da spürte Steve eine Gefahr.
Er konnte nicht einordnen, was genau es war und von wo sie kam. Aber aus einem Instinkt heraus öffnete er die Wagentür und sprang heraus.
Die Entscheidung war die richtige.
Steve war kaum aus dem Wagen, als dieser hinter ihm explodierte.
Die Druckwelle schleuderte Steve gegen die Telefonzelle, wo er benommen liegenblieb.
Das Gefühl der Gefahr wurde wieder stärker. Diesmal konnte er die Richtung ausmachen.
Die Ecke an der Kreuzung.
Das Dach!
Steve wechselte kurz auf astrale Wahrnehmung. So konnte er die Gestalt genau ausmachen, mit ihrer Cyberware, die sich als dunkle, tote Flecken in der Aura abzeichneten. Er sah auch den klobigen Gegenstand in der Hand des Attentäters.
Keine Zweifel mehr.
Steve reagierte sofort.
Ein dumpfer Knall ertönte, als eine weitere Granate den Lauf verließ.
Die Granate knallte gegen die unsichtbare Barriere, die Steve vor dem Attentäter gezaubert hatte und detonierte dort.
Er konnte den gellenden Schrei hören, als die Explosion den Schützen erfaßte, seine Haut aufriß und ihn vom Dach schleuderte.
Steve schüttelte seine Benommenheit ab und lief vom brennenden Autowrack weg, der die unmittelbare Umgebung beleuchtete.
Er zog seine Waffe und versteckte sich hinter einem großen Müllcontainer. Von dort aus beobachtete er die Umgebung. Aber das brennende Auto hatte ihn geblendet und er konnte nicht viel erkennen.
Steve wechselte auf die Astralsicht.
Zwei weitere Personen konnte er ausmachen, jeder in einem anderen Hauseingang plaziert.
Ihre Auren waren dunkel und ihre Körper waren durchzogen von dunklen Flecken und Linien. Ihre Haltung war unverhohlen Feindlich. Und richtete sich gegen ihn.
Steve wußte, daß sie ihn gesehen haben mußten.
Warum taten sie dann nichts?
Er hatte keine Zeit mehr, sich deswegen weitere Gedanken zu machen. Denn plötzlich sah er, wie eine astrale Gestalt auf ihn zuschwebte.
Ein Schamane!
In dessen Hand wandte sich ein Zauber. Der Schamane hob seinen Arm und zeigte auf Steve. Der Zauber löste sich aus der Hand und zischte auf Steve zu.
Steve hob die Arme und wirkte eine andere Barriere.
Der Zauber brandete gegen die Barriere aus reinem Mana, krallte sich an ihr fest und versuchte, sie zu durchdringen.
Während Steve sich abmühte die Barriere zu halten, webte der Schamane einen weiteren Spruch.
Steve fluchte. Er konnte im Moment keinen weiteren Zauber abwehren, geschweige denn, einen eigenen sprechen!
Steve rief im Geiste den Namen seines Elementars.
Vulcano erschien.
Im Astralraum sah seine Gestalt noch viel eindrucksvoller aus.
Die Gestalt des Schamanen erschrak sichtlich.
Steve, flüsterte einen Befehl.
Der Feuerelementar nickte fröhlich und machte sich auf den Weg.
Er huschte am Astralen Abbild des Schamanen vorbei.
Der lies seinen Zauber fallen, drehte sich hastig um und versuchte, den Geist einzuholen.
Nur wenige Sekunden später hörte Steve Schreie. Der Spruch, der gegen seine Barriere flutete und noch immer versuchte, sich hindurch zu kämpfen, löste sich auf.
Die beiden Typen aus den Hauseingängen stürmten auf Steve zu.
Steve wechselte auf Normalsicht zurück und hob seine Waffe.
Die anderen beiden waren schneller.
Sehr viel schneller.
MP's knatterten los.
Steve blieb nichts anderes übrig, als sich hinter seinem Container zu kauern. Er zuckte jedesmal zusammen, wenn die Kugeln oder Querschläger zu nah an ihm vorbei pfiffen.
Steve wünschte, er hätte Rose ebenfalls beschworen, als er aus dem Krankenhaus kam. Aber er hatte schon genug Mühe gehabt, das Feuerelementar zu beschwören und ihn über die Tage hinweg zu behalten.
Und jetzt war er wieder der Erschöpfung nahe.
Er setzte alles auf einen letzten Zauber. Jetzt, wo der Schamane mit dem Feuerelementar beschäftigt war, konnte er nur hoffen, daß niemand sonst die Fähigkeit besaß, die Astrale Welt zu betrachten. Aber die beiden Messerklauen, die gerade auf ihn zustürmten, konnten es nicht, daß wußte Steve.
Er lies den Zauber los und stand auf.
Im selben Moment erreichten ihn die beiden Shadowrunner. Sie stürmten um den Container und schossen eine weitere Salve aus ihren MP's.
Dann erst bemerkten sie, daß ihr Ziel nicht mehr dort saß, wo es vorher noch gewesen war.
Verdutzt und verärgert starrten sie auf die Leere Stelle, die jetzt mit Einschußlöchern übersät war.
"Verdammter Drek.", flucht der größere von den beiden. "Wo ist er hin?"
"Im Container vielleicht?", schlug der andere vor.
"Schwachkopf! Das hätten wir doch gesehen!"
Steve mußte grinsen. Der Unsichtbarkeitszauber wirkte.
Steve stand neben ihnen und labte sich für einen kurzen Moment an den dummen Gesichtern der beiden Straßensamurais. Dann hob er seine Waffe und schoß.
Zweimal kurz hintereinander.
Zwei Schüsse trafen zwei Köpfe.
Der kleinere Runner wurde von den Beinen gerissen und knallte gegen den Container.
Der größere sackte einfach zu Boden und fiel hintenüber.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich Steve, daß er die beiden Runner hinterrücks abgeknallt hatte, als er unsichtbar war.
Andererseits verdienten sie es nicht anders. Sie waren Kriminelle, Mörder, und sie wollten ihn töten.
Ihr Vorteil war die Cyberware, die sie in sich trugen. Sein Vorteil war die Magie.
Steve ging unsichtbar weiter, folgte seinen Astralen Sinnen, bis er den Elementar fand.
Er war noch immer im Kampf mit dem Schamanen verwickelt.
Der Schamane sah nicht sehr glücklich aus. Das Feuerelementar hatte den Körper des Schamanen einen Augenblick früher erreicht als dieser selbst. Der Schamane war schwer angeschlagen, hielt sich aber immer noch.
Steve wollte dieses Geplänkel ohne weiteren Einsatz von Magie beenden und schoß.
Der Schamane sackte zusammen.
Vulcano schwebte zu seinem Meister.
"Danke.", sagte Steve. "Du hast mir gute Dienste geleistet."
"Ehrensache", sagte das Feuerelementar und verschwand.
Steve mußte lächeln.
Dann fiel ihm seine Schwester ein.
Er hatte sie nicht gefunden. Statt dessen haben drei - nein vier - Shadowrunner versucht, ihn zu töten. Er bekam das immer miesere Gefühl, daß er in eine Falle gelaufen war.
Nur was sollte er jetzt tun?
Steve überlegte kurz und machte sich auf den Weg.
Zwei Blocks weiter fand er eine Telefonzelle. Die Kamera und die Videoeinheit waren hinüber, also brauchte er sich darum nicht zu kümmern.
Er wählte eine Nummer. Ohne daß es auf der anderen Seite klingelte, hob jemand ab.
"Slash!", rief Steve. "Ich bin es."
Es klickte. Dann summte es. Die Leitung war unterbrochen.
Steve fluchte. Was war jetzt los? Hat jemand von Musarus Häschern abgenommen.
Was war mit Slash?
Steve erschrak, als das Telefon hinter ihm klingelte.
Zuerst wollte er gehen und nicht abheben, sah sich schon nach Heckenschützen auf den Dächern um. Dann siegte aber doch die Neugierde und er hob ab.
"Steve. Bist Du dran?"
"Ja. Ich bin es.", sagte er erleichtert. "Hallo, Slash. Was war denn eben los?"
"Ich mußte die Leitung sichern. Seit einer halben Stunde werden wir Drei abgehört. Was zur Hölle machst Du dort? Du solltest Die Arkologie doch nicht verlassen!
Wenn Dich die Sammies von Toryama erwischen!"
"Das haben sie schon."
"Oh Gott! Ist alles in Ordnung, Steve?"
"Soweit ja. Kannst Du für mich etwas überprüfen?"
"Was auch immer."
"Kannst Du Suzanne anrufen? Ich will wissen, ob sie da ist!"
"Einen Moment."
In der Leitung ertönte ein Summen, ganz weit entfernt. Dann eine Stimme.
Suzanne.
"Sie ist Zuhause", antwortete Slash. "Aber sie wird ebenfalls überwacht. Willst Du sie sprechen."
Steve wollte schon, überlegte es sich aber anders. "Besser nicht. Ich bringe sie nur in Gefahr.
"Man hat mich hierher gelockt, in dem man einen Anruf meiner Schwester vortäuschte.
Ich will gar nicht wissen, wie sie das geschafft haben."
"Wahrscheinlich über ihren Anrufbeantworter.", beruhigte Slash. "Du glaubst gar nicht, was ein guter Decker alles machen kann, ohne überhaupt jemanden unter die Augen zu treten."
"Das ermutigt mich nicht gerade.
Slash. Jemand muß mich abholen. Ich bin hier in einer ziemlich üblen Gegend, und mein Auto wurde zerstört."
"Das geht nicht.", antwortete der Decker.
"Was? Wieso nicht?"
"Wie ich schon sagte: Man überwacht Java und mich. Sogar Deine Schwester.
Toryama weiß längst, daß Du noch lebst. Wenn Du hierher zurückkommst, dann ist das glatter Selbstmord!"
"Warum dann diese Aktion von ihm? Er würde mich nicht so offensichtlich beseitigen!"
"Das denkst Du. Er kann es sich nicht leisten, Dich am Leben zu lassen. Erst recht nicht, wenn Du im Konzern herumläufst. Und ganz besonders jetzt nicht, wo Du auch noch überlebt hast!"
"Und was soll ich jetzt machen?", fragte Steve verzweifelt.
"Du mußt untertauchen. Versteck Dich in den Schatten. Such Dir irgendein billiges Hotel."
Steve schnaubte. "Ich soll mich unter die Shadowrunner mischen? Das ist ein ganz toller Plan!"
Am anderen Ende der Leitung hörte Steve ein seufzen. "Die Schatten sind doch nicht voll von Shadowrunnern! Du hast zu viele Trideos gesehen!
Glaube mir, wenn ich Dir sage, daß Du dort am sichersten bist! Keiner kümmert sich da um Dich oder um Deine Vergangenheit. Und Toryama wird kein Kopfgeld auf Dich aussetzten. Das wagt selbst er nicht."
"Und wie lange soll ich da bleiben? Einen Tag? Eine Woche? Ein Jahr? oder bis zum nächsten Schuß der mich trifft?"
"Es ist nicht ungefährlich. Das gebe ich zu. Aber Deine Überlebenschance ist dort noch die höchsten!"
Die Stimme des Deckers wurde ruhiger. "Steve. Im Moment kannst Du einfach nicht zurück.
Und wir können die Extraktion nicht durchziehen, wenn hier so viel los ist und uns jeder auf die Finger schaut. Ich habe selber in den Schatten einige Kontakte. Ich kann Dir helfen, dort eine Bleibe zu finden. Und ich kann Dir Dein Geld zukommen lassen.
Java und ich werden versuchen, Dir zu helfen, so gut es geht."
"Ich habe wohl keine andere Wahl.", seufzte Steve.
"Da hast Du leider Recht.", kommentierte Slash. "Kennst Du das "Joker"?"
Steve verneinte.
"Das ist eine kleine Bar in der Nähe Mundsburg. Geh dort hin und trink etwas. In einer Stunde melde ich mich in der Telefonzelle an der Ecke der Kneipe.
Bis dahin werde ich mit Java einen Weg gefunden haben, Dir materielle Hilfe zukommen zu lassen und Dir einige Kontakte zu vermitteln.
Hast Du Geld bei Dir?"
"Ich hab meinen Kredstick mit. Da sind noch Zweitausend Ecu drauf."
"Den kannst Du nicht mehr benutzen. So finden sie dich sofort."
"So ein Mist.", fluchte Steve. "Daran hatte ich im nicht gedacht!"
"Du hattest ja auch nicht damit gerechnet, in einen Hinterhalt zu geraten und auf der Straße zu landen.
Du mußt Dir einen beglaubigten Kredstab besorgen. Ich gebÌ Dir eine Adresse von einer, sagen wir mal "Bank", die solche Transaktionen gerne erledigt. Sie hat Tag und Nacht offen.
Du mußt nach "Carlo" fragen und sag ihnen, daß ich Dich geschickt habe. Dann dürftest Du keine Probleme bekommen.
Mach Dich jetzt auf den Weg. Die Verbindung steht schon viel zu lange!"
Steve wollte noch etwas sagen, aber der Decker hatte das Gespräch schon unterbrochen.
Alleine stand er in der Zelle und sah sich um.
Und auf einmal bekam er Angst.
Alleine war das richtige Wort. Sicher, Slash und Java wollten ihm helfen. Aber es würde schon eine ganze Menge Mühe kosten, zu den beiden Kontakt zu halten.
Es war ein seltsames Gefühl. Sein ganzes Leben lang hatte er Probleme gehabt mit der Nähe zu anderen Menschen. Er kam immer alleine zurecht und brauchte eigentlich niemanden.
Jetzt würde er am liebsten noch mal Slash anrufen. Oder Suzanne, oder Sharlie. Und sich bei irgend jemanden ausheulen.
ein Typisches Konzernkind, dachte er. Kaum alleine in der Welt, bekam er Angst.
Er mahnte sich selber, sich zusammen zu reißen und von hier zu verschwinden.
Für einen Magier wie er es war, sollte es kein Problem sein, mit jeder Situation zurecht zu kommen!
Steve verließ die Telefonzelle und machte sich auf den Weg zur Kneipe.
"Dein Bier, Süßer.", sagte das Junge Mädchen zu ihm und stellte sein Getränk auf den Tisch.
Steve sah zu der recht niedlichen Bedienung.
"Vielen Dank.", murmelte er. "Was bekommen sie?"
Sie lächelte. "Fünf für Dich." sie stellte das Transfergerät auf den Tisch. Steve steckte den Kredstab in den Schlitz und überwies Dreizehn. Als sie ihn mit großen Augen ansah, erklärte er. "Ich Trinke nachher noch eins. Der Rest ist für sie!"
"Nenn mich Linda.", säuselte sie und ging zurück zum Tresen.
Steve nippte gedankenverloren an seinem Bier, während er die Telefonzelle beobachtete.
Beinahe hätte er wieder alles ausgespuckt. Das Gesöff schmeckte scheußlich!
Lasch und bitter. Und man konnte die Geschmacksverstärker förmlich herausschmecken.
Er bereute, daß er ein Zweites bestellt hatte.
Steve sah auf seine Uhr.
erst eine Halbe Stunde vergangen.
Er konnte kaum abwarten, daß Slash wieder anrief.
Mehr um sich abzulenken als weil er durstig war, trank er sein Bier aus.
Linda kam wieder an seinen Tisch. "Möchtest Du jetzt Dein Zweites?"
Er schüttelte energisch den Kopf. "Nein Danke. Ich werde hier einfach noch eine Weile sitzen."
Sie wollte das Transfergerät auf den Tisch stellen, aber Steve winkte ab. "Behalt es."
Ihre Augen wurden noch größer als vorhin und ihr Lächeln noch eine Spur freundlicher.
"Vielen Dank!"
Steve lächelte zurück und nickte. Ihm fiel ein, daß er mit seinem Geld vielleicht ein wenig sparsamer sein sollte. Wer weiß, was noch alles passieren würde und wieviel Geld er braucht. Und ob es Slash schafft, ihm sein restliches Geld zu überbringen.
Aber auf ihn konnte man sich in der Regel verlassen.
Die Stunde war um. Steve verließ das "Joker" und ging zu der Telefonzelle hinüber.
Und dann passierte genau das, was er die ganze Zeit über befürchtet hatte.
Ein Ork kam ihm zuvor und ging in die Zelle.
"Entschuldigen sie. Ich erwarte einen dringenden Anruf.", erklärte Steve dem breitschultrigen Riesen mit dem derben Ausdruck im Gesicht.
"Verpiß Dich!", grunzte der Ork ihn an. "Das is meine Zelle. Such Dir 'ne andre!"
"Das geht nicht!", erwiderte Steve, allen Mut zusammennehmend. "Mein Anruf kommt an diese Zelle!"
Der Ork wurde wütend. Er zog ein riesiges Messer und hielt es Steve unter die Nase. "Mach Dich vom Acker!"
Steve zuckte zurück und schielte auf das Messer.
Er wußte nicht, was er tun sollte. Er wollte nur ungern Magie einsetzen. Er war noch ein wenig erschöpft von dem Geplänkel mit den Runnern. Aber vielleicht klappten auch einige herkömmliche Tricks.
Er trat einen Schritt zurück und zog seine eigene Waffe. Der Ork starrte mit unveränderter Miene auf die Colt Manhunter.
So ernst und bedrohlich wie er konnte sagte Steve: "Bitte. Es ist mir sehr wichtig. Der Anruf kann jede Sekunde kommen, und wenn ich ihn verpasse, habe ich wirklich Probleme! Wenn Du mich also für einige Minuten die Zelle benutzen lassen würdest, wären das für uns beide die beste Lösung."
Der Ork sah ihn finster an. Steve sah das zögern in seinen Augen und befürchtete, er würde angreifen. Steve wollte nicht schießen, und wenn der Ork das bemerkte, sah es übel aus.
Also doch Magie.
Steve konzentrierte sich kurz und band die Energien aus dem Astralraum zu einem kleinen, aber wirksamen Zauber.
Der Ork schaute auf einmal verwundert auf sein Messer und ließ es mit einem kleinen Schmerzenslaut fallen. Er rieb sich die Hand und starrte verdutzt auf das am Boden liegende Messer. Der Griff qualmte und roch nach verschmorten Plastik.
Der Ork sah wütend auf Steve. In seinen Augen spiegelte sich auch so etwas wie gesunde Angst wieder, jetzt, wo er wußte, woran er bei Steve wirklich war.
Das Telekom klingelte.
"Hör mal!", sagte Steve nun genervt. "Ich hatte heute einen wirklich schlechten Tag. Und wenn Du es willst, dann lasse ich Dich daran teilhaben!
Also?!"
Der Ork quetschte sich nach kurzem Zögern aus der Zelle und an Steve vorbei.
Steve atmete auf und stürzte in die Zelle. Er riß den Hörer von der Gabel.
"Slash?"
"In der Leitung.", antwortete der Decker. "Gab es Probleme?"
"Ja, ein wenig. Ich mache gerade meine ersten Schritte im Leben auf der Straße."
"Hört sich interessant an.
Folgendes: Wir haben nicht viel Zeit! Java und ich haben eine Möglichkeit gefunden, Dir Sachen zukommen zu lassen. Geld und ein Paket ist zu Dir unterwegs.
Java sagt, Du mußt es Dir bei einer alten Freundin von ihm abholen. Die Adresse hat der Typ mit den besten Karten. Sag ihm einfach meinen Namen. Dann gibt er Dir die Infos und die Adresse.
Wir werden Dir immer auf Diese Weise Nachrichten zukommen lassen. Und wenn Du das auch tun willst, dann wendest Du Dich an die erst Genannte Person oder an Javas Freundin.
Rufe uns niemals an! Hast Du verstanden? Wenn, dann tun wir das!"
"Ist klar."
"Gut. Ich muß aufhören! Viel Glück!"
"Halt! Warte Slash!...", rief Steve. Aber Die Verbindung war schon tot.
"Verdammt!" Er schlug gegen das Gerät.
Das war ja ein informatives Gespräch. Anscheinend nahm man seine beiden Freunde im Konzern hart in die Mangel. Das es Slash nicht gelungen zu sein schien, die Verbindung völlig abhörsicher zu halten, beunruhigte Steve.
Und er hatte keinen Schimmer, wo er jetzt die Adresse her bekommen sollte.
Was meinte Slash mit dem Satz: 'von dem Typ mit den besten Karten'?
Steve seufzte. Das beste war, noch mal zurück ins "Joker" zu gehen und etwa zu trinken, vielleicht auch was zu Essen. Über die ganze Aufregung hinweg hatte er seinen Hunger völlig vergessen und mittlerweile meldete er sich wieder.
Steve hob das Messer auf, daß der Ork hatte fallenlassen. Es war ein Monofilamentmesser, schnitt praktisch durch alles. Das könnte sicher noch nützlich sein.
Als er die Zelle verließ und vor dem "Joker" stand, hätte Steve sich am liebsten geohrfeigt vor Dummheit.
In großen, noch intakten Leuchtfolienlettern stand der Name der Kneipe über dem Eingang und der großen Fensterfront. Und neben den Lettern leuchteten zwei Karten: Ein As und schräg davor geschoben ein Joker.
"Hey, Süßer! Du bist ja schnell zurück!", begrüßte ihn Linda.
"Hatte Sehnsucht nach dem Bier.", gab Steve zurück und setzte sich an die Theke, sehr zum Leidwesen von Linda, die sich gerade der Vorfreude auf ein Trinkgeld entledigte.
Der Barkeeper kam zu Steve hinüber. "Was darf es denn sein?"
"Etwas, das meinen Hunger stillt, ohne mein Frühstück zu wecken. Und dazu eine Cola."
Der Barkeeper lachte. "Junge: hier ist alles vom feinsten!"
"Ich hab vorhin das homöopathische Bier probiert.", konterte Steve.
"Hey,", gab der Barkeeper beleidigt zurück. "Man muß auch von was leben. Und wenn es Dir Nicht schmeckt, kannst Du ja auch woanders hingehen."
"Nein, nein.", sagte Steve müde und rieb sich über das Gesicht. "Mir gefällt es hier. Und vielleicht gibt es ja auch etwas anderes zu trinken. Ich mochte Bier noch nie sehr gerne."
"Du kannst ja auch ein Wasser haben. Ich habe abgefülltes hier. Magier achten doch so auf ihre Gesundheit."
Steve sah alarmiert auf. "Wie kommen sie darauf, daß ich ein Magier bin?"
Der Barkeeper lachte wieder. Dann beugte er sich vor. "Du riechst praktisch nach Konzern.
Deine Kleidung, Dein Haarschnitt, Deine ganze Art. Und den Schmuck, den Du trägst, das tust Du sicher nicht aus Eitelkeit! Damit solltest Du vorsichtiger sein. Man könnte Dich davon befreien wollen, wenn Du es so offensichtlich trägst."
Steve sah an sich herunter. Der Barkeeper hatte recht. Es ist eigentlich ein Wunder, daß er in dieser Gegend nicht andauernd überfallen wurde.
"Dann brauche ich also noch neue Kleidung.", murmelte Steve leise.
"Hast vor, länger hier zu bleiben?"
"Ich muß wohl."
"Schon eine Bleibe?"
"Kann sein. Slash wollte mir eine Nachricht zukommen lassen."
Das Gesicht des Barkeepers fror ein. "Du kennst Slash?"
Steve nickte, während er an seinen Fetischen rumhantierte, um sie ein wenig zu verstecken.
"Slash? Den kleinen Rigger aus Irland?"
"Den kenne ich nicht.", antwortete Steve ruhig. "Aber den Decker aus Japan."
Der Barkeeper streckte seine Hand über die Theke. "Du mußt der Typ sein, der von Mitsuhama geflohen ist."
Steve schaute erschrocken auf. "Woher?...."
Der Barkeeper winkte gelassen ab. "Das hat mir Slash erzählt. Keine Angst. Ich muß schließlich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Du kannst mich Gustav nennen."
Steve nahm die ausgestreckte Hand. "Steve."
"Weiß ich.", antwortete Gustav.
Der Barkeeper griff unter die Theke und gab Steve einen Chip. "Im Hinterzimmer steht ein Lesegerät."
Steve dankte und ging in das Zimmer.
Es war ein wenig mehr als eine kleine Kammer. Ein Tisch und ein Stuhl, dahinter ein Bett. Der Tisch stand an der Wand und auf ihm stand eine Menge technischer Schnickschnack, über den sich sogar noch Slash gefreut hätte. Alleine das Lesegerät war erste Sahne.
Steve steckte den Chip ein.
Es war nur eine kurze Botschaft und eine Adresse auf ihm gespeichert. Er sollte zu dieser Straße fahren, wo eine gewisse Marrie einen Taliskrämerladen besaß. Dort sollte das Paket für ihn ankommen. Leider erst am nächsten Tag.
Steve eilte wieder aus dem Zimmer.
Auf seinem Platz an der Theke stand sein Essen und seine Cola.
Steve setzte sich und fragte Gustav: "Das vorhin mit der Bleibe: Du kennst nicht zufällig ein Hotel, wo man keine Fragen stellt?"
Gustav grinste. "Eines?"
In dem Laden roch es nach Kräutern, seltsamen Flüssigkeiten und Duftkerzen aller Art. Es gab eine Unzahl von Büchern, Schriftrollen, Teppichen und Farben, Als Steve den Raum askennte, sah er eine Unmenge an magischen Gegenständen, die alle in diversen Farben leuchteten, also hielt er sich mit seinen magischen Sinnen zurück. Ihm wurde schwindelig, wenn er alleine nur an den Gegenwert dachte.
Als Steve den Laden betreten hatte, war eine kleine Glocke ertönt. Aber seitdem hatte er keine Person gesehen. Eine Katze saß in der Ecke und würfelte mit einer Ratte zusammen auf einem winzigen Spielbrett.
Steve rieb sich die Augen.
Er hatte aus irgendeinem Grund in solch einem Laden eine Katze erwartet. Aber keine Ratte. Und erst recht keine, die mit einer Katze würfeln spielte!
Er askennte die beiden. Sie besaßen beide eine helle Aura, aufgeweckt und leicht magisch.
Beide sahen ihn desinteressiert an und würfelten dann weiter.
"Sie sind niedlich, nicht wahr?"
Steve drehte sich um. Hinter der Theke stand eine junge, wunderschöne Frau. Sie hatte braune, lange Haare, die, zu einem Bauernzopf geflochten, ihr bis zum Rücken reichten.
Sie trug ein recht altmodisches langes Kleid, daß ihre zierliche, aber wohlgeformte Gestalt betonte.
Sie sah ihn an und lächelte. Ihre grünen Augen strahlten förmlich.
Steve sah sich an ihrem Mund, an ihrer Stupsnase und an diesen unglaublichen Augen fest.
Meine Güte! Sie ist bezaubernd!!
Sie lächelte immer noch freundlich. "Wenn sie mich lange genug angestarrt haben, können sie mir ja sagen, was sie wollen."
Steve klappte den Mund zu und schüttelte beschämt den Kopf. "Entschuldigen sie. Ich wollte nicht...Ich hab bloß...Was sind das für Tiere?", fiel es ihm ein.
"Gefallen sie ihnen?", fragte die Ladenbesitzerin. "Ich finde sie unheimlich niedlich."
"Ja, ohne Zweifel.", antwortete Steve. "Aber was um alles in der Welt sind das für Tiere?!"
Die Taliskrämerin zuckte mit den Schultern. "Eine Katze und eine Ratte. Das sieht man doch. Sie sind mir irgendwann zugelaufen. Ich denke, das passiert in jedem Laden, der magische Utensilien verkauft. Besonders Katzen fühlen sich davon angezogen. Und Ratten findet man überall."
Steve nickte verwirrt. Wenn sie das so sagte, mußte es wohl stimmen. Wahrscheinlich gab es in den Schatten andauernd solche wundersamen Dinge, so daß man sich daran gewöhnte.
"Wir hatten so etwas nicht im Konzern.", sagte Steve fast neidisch.
"Bei welchem Konzern arbeiten sie denn?"
Steve sah sie mißtrauisch an. "Mitsuhama, warum?"
"Nur aus Neugierde. Bei wem waren sie in der Lehre?"
"In der Lehre?"
"Ja", sagte die Taliskrämerin. "Ihre magische Schulung!"
Steve stöhnte. "Warum sieht es mir jeder an der Nasenspitze an, daß ich ein Magier bin?"
Sie lachte. "Wer hier hereinkommt, sucht selten nach einem Liebestrank. Und einen Konzernmagier erkenne ich sofort: Diese Kleidung, die halbherzig versteckten Fetische..."
Steve seufzte. Ich muß wohl noch eine Menge lernen, dachte er.
"Und wer war nun ihr Lehrer?"
"Sie kennen ihn ja doch nicht.", gab Steve zurück.
Die Taliskrämerin lächelte verschwörerisch "Sie wären überrascht."
"Na gut." Steve gab sich einen Ruck. "Er heißt Java. ..."
"Java Inobbassa.", führte sie fort. "Ein Kerl wie ein Bodybuilder, denn ein Magier. Väterliches Gemüt und hat einen Geist als Freund, eine Anima, wenn ich mich recht erinnere. Sie mag den Namen Butterblume. Seine Art ist manchmal ein wenig impulsiv und er ist ein sehr strenger Lehrer.
Er ist ein Vollblutmagier; sein Mantra ist die Magie." Sie lächelte warm. "Wie geht es ihm?"
Steve sah sie perplex an. "Ah...äh...ich glaube, ihm geht es im Moment recht gut.
Du kennst ihn?"
Sie grinste. "Gehen wir also zum Du über.
Ja, ich kenne Java. Früher hat er oft hier Dinge gekauft, bevor er bei Mitsuhama Karriere machte.
Jetzt kommt er selten mal vorbei und fragt mich nach etwas obskurem, wenn er es nicht über den Konzern besorgen will, warum auch immer.
Und er hat mir von seinem "Spätzünder" erzählt."
"So spricht er über mich?", wunderte sich Steve.
"Damit spielt er nur auf den Zeitpunkt an, als Deine magischen Kräfte erwachten. Er ist ziemlich stolz auf Dich."
Steve kratze sich unsicher am Kopf. "Nun, ich denke, dann kennst Du wohl auch meinen Namen."
Sie strahlte ihn an und nickte fröhlich.
"Und ich habe ein Paket für Dich." Sie verließ die Theke und ging in den hinteren Teil des Ladens.
Steve sah sich ein wenig um. Die Katze miaute ärgerlich und die Ratte fegte gerade einige Gummibärchen zusammen, die als Einsatz im Pot lagen.
Einige der Bücher interessierten ihn. Da war etwas über die Wirkung von Liebeszaubern. Steve merkte sich das für später. Ein weiteres Buch handelte von Elementaren, Hütern und ihre erweiterten Aufgaben. Dann noch ein Buch mit dem höchst interessanten Titel "Die erste Prüfung: Dein Weg als Initiat."
Marrie kam zurück mit einem kleinen Paket. Es war nicht beschriftet.
Steve ging zur Theke und öffnete es.
Als erstes fielen ihm die beiden kleinen Kästchen auf.
Das eine trug das Symbol für Feuer, das andere für Luft. Sie enthielten Materialien für Elementare. Steve kannte sie, weil sie seinem Meister gehört hatten. Es mußte schon was bedeuten, daß Java die für ihn hergab. Als Steve sie herausholte, hörte er, wie Marrie staunten die Luft einsog.
"Du scheinst ihm ja wirklich was zu bedeuten, daß er Dir diese Kästchen schenkt."
Steve sah sie an. "Vielleicht eine Art Zeichen. Er sieht das wohl als Leihgabe und hofft, daß ich zurückkommen kann."
Marries Blick bekam etwas seltsames, aber Steve ging darauf nicht ein.
Im Päckchen war noch ein Feuerzeug, drei beglaubigte Kredstäbe und zwei Behälter mit Chips.
Das eine kannte Steve. Es war seine eigene Bibliothek, die er benutzte, um Elementare zu beschwören. Das andere enthielt nur zwei Chips.
Steve sah Marrie an. "Du hast nicht zufällig ein Lesegerät?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich hab eins, aber nicht hier."
Er seufzte. "Ich muß mir über kurz oder lang sowieso eines besorgen.
Marrie: wie lange ist Dein Laden noch offen?"
"Bis etwa elf. Du kannst die Sachen ruhig bei mir lassen."
"Vielen Dank.", sagte Steve. Er steckte sich die Chips in die Jackentasche und verließ den Laden.
Bevor er ging, rief er der Ratte noch zu: "Zieh die Katze nicht allzu sehr ab, sonst hast du bald keinen mehr, der mit Dir spielt."
Marrie hielt sich die Hand vor dem Mund und kicherte.
Als Steve aus dem Laden heraus war, lehnte er sich erst einmal gegen die Wand.
Diese Marrie!
Er konnte nicht sagen, was ihm an ihr gefiel, weil er es nicht genau wußte, oder weil er nicht wußte, wo er anfangen sollte, aufzuzählen.
Aber sie hatte ihn völlig verwirrt. Die ganze Situation im Laden kam ihm vor wie ein Traum.
Das, so dachte Steve, muß wahre Magie sein.
Etwa eine Stunde später saß er wieder bei Gustav im "Joker" und las die Chips in seinem neuen Lesegerät.
Neu war vielleicht ein wenig übertrieben. Er hatte es in einem kleinen Elektroladen gekauft, und es war auf jeden Fall gebraucht. Und es war auf jeden Fall zu teuer gewesen. Aber Steve hatte im Moment kaum die Möglichkeit, wählerisch zu sein.
Die beiden Chips enthielten Briefe von Slash und Java, sowie eine Datei mit Kontaktadressen, darunter auch noch mal die von Marrie und Gustav. Slash hatte sogar die Akte hinzugefügt, die
Mitsuhama von ihm angelegt hatte.
Das ging aber schnell, dachte er.
Aber dann fiel ihm ein, daß das ganze wohl schon von vornherein ein abgekartetes Spiel war.
Steve las mit Erleichterung, daß Meyer und Winter auf seiner Seite waren.
All das muß schlimmer sein, als es anfänglich aussah, wenn sogar Meyer und Winter die Hände gebunden waren, aber es schien, daß auch Musaru und Toryama ihre Grenzen hatten.
Steve deaktivierte das Lesegerät und schob es ein wenig von sich weg.
Auf einmal fühlte er sich mies.
Er vermißte seine Schwester, seine Freunde, obwohl er sie erst vor wenigen Stunden das letzte Mal gesehen hatte. Aber er wurde das miese Gefühl nicht los, daß er all die Leute für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde.
Mit einem Schlag kam ihm alles sehr trostlos und verloren vor.
Noch etwas fiel ihm siedendheiß ein. Es war kurz vor Elf.
Um sich bei dem Hausverwalter wegen einer Wohnung zu melden, war es jetzt zu spät.
Aber das Hotel würde es für diese Nacht auch nochmal tun.
Vorher würde er noch zu Marrie gehen und sie bitten, das Paket noch eine weile länger zu behalten.
Am nächsten Tag zog Steve in eine recht kleine Wohnung in einem Reihenhaus ein.
Yuri, ein dicker Ork mit gelben Hauern, gab ihm eine Wohnung, als er Slash's Namen erwähnte.
Er besorgte sich neue Kleidung und, über Gustavs ominösen Geschäfte auch einen Mantel und eine Lederjacke, die beide mit ballistischem Futter ausgekleidet waren. Der Barkeeper erklärte ihm, daß es das beste wäre, wenn er länger in den Schatten bleiben müßte.
Steve stimmte ihm nach einiger Zeit zu. Er stieß öfter mit Typen zusammen, die alles andere wollten, als ein nettes, abendfüllendes Gespräch. Er setzte seine Magie nicht allzu gerne ein, weil er nicht wollte, daß zu viele wußten, daß er ein Magier war. Er befürchtete, daß könnte andere Personen auf den Plan rufen, die ihm mehr entgegen zu werfen hatten. Außerdem könnte man ihn so eher finden, wenn auf den Straßen nach ihm gesuchen wurde.
Er verbrachte zweimal die Nacht auf dem Revier, weil ihn die Polizei nachts aufgegriffen hatte.
Er hatte seine SIN und seine Lizenz verbrannt, da sie für ihn mittlerweile zur Falle geworden waren. Man nahm ihm die Waffe ab und er war froh, daß er beide male seine Fetische nicht dabei hatte.
Weil er kein Metamensch war und seinem Aussehen nach sich noch immer von den meisten Leuten unterschied, ersparte man ihm die Prügel, die einigen seiner Zellengenossen zuteil wurden.
Dreimal lief er von der Polizei davon, weil er sich mit seiner neu besorgten Waffe die Aufmerksamkeit auf sich zog, also kaufte er über Gustav auch einen Schalldämpfer.
Ansonsten genügte es, wenn er manchmal den Straßenkontrollen ein paar Ecu zusteckte.
All das gab ihm das Gefühl, daß er immer tiefer in die Schatten abglitt. Zuerst dachte er noch, daß er sich von den Massen hervorheben könnte und sich einen gewissen Stil wahren könnte.
Aber Das Geld ging schnell zu neige, und wenn er sich abhob, fiel er auf.
Also kleidete er sich wie all die anderen und schraubte seinen Lebensstil herunter.
Dieser Sumpf frustete ihn.
Jeder Tag war gleich. Es passierte nichts und er fühlte sich irgendwie gefangen in den Schatten.
Einzig die Briefe, die er an Slash und seine Schwester schrieb, hielten sich aufrecht und die regelmäßigen Besuche bei der Taliskrämerin Marrie.
Ihre Wissensfülle schien noch größer zu sein als die von Java, obwohl sie nicht magisch begabt war. Ihr Laden besaß in etwa die gleiche Wissensfülle und Steve wurde nicht müde, sich dort umzusehen und die schreckliche Welt draußen zu lassen.
Einmal hatte er sogar Gummibärchen mitgebracht und versucht, mit der Katze und der Ratte würfeln zu spielen, aber die beiden hatten ziemlich schnell seinen ganzen Vorrat gewonnen und Steve versuchte es seitdem nicht wieder, brachte aber ab und an Gummibärchen mit.
Er verließ den Laden nur ungern. Immer, wenn er ging, erschien ihm die Welt draußen noch trister und grauer.
Ihm war längst klar, daß er sich in Marrie verliebt hatte.
Es war eine heimliche Liebe, die er sich nie traute, zu offenbaren. Er hatte das seltsam ungewisse Gefühl, daß sie seine Gefühle nicht erwidern würde. Sie schien manchmal sehr viel reifer und älter zu sein als er und sah doch jünger aus.
Die Situation tröstete ihn nicht gerade. Manchmal war es nicht sehr angenehm, im Laden vorbei zu schauen, obwohl sich das Verhältnis zu Marrie mittlerweile sehr gut entwickelte.
Steve verbrachte viel Zeit im "Joker", da er nichts mit dem Tag anzufangen wußte. Er freute sich auf jede Nachricht, die er von Suzanne oder Slash bekam. Auch Java schrieb ihm oft, fragte ihn nach seinen Fortschritten in der Magie, aber dazu brauchte Steve sich nicht zu äußern.
Er hatte seine Lehren eingestellt.
Enzo, der seltsame Magier, der Steve jetzt unterrichtete, sah ihn immer seltener.
Java ermahnte Steve immer wieder, sein Talent nicht zu vergeuden, aber Steve war viel zu unausgeglichen, um sich den magischen Studien zu widmen.
Da er Geld brauchte, um zu leben, wandte er sich an Gustav.
Der Barkeeper vermittelte ihn kleinere magische Jobs, die vor allem von Runnern in Anspruch genommen wurden. Das "Joker", so hatte Steve längst mitbekommen, war ein allgemeiner Treffpunkt von Shadowrunnern. Sogar die Unterhändler der Konzerne kamen hierher und schlossen die Kontrakte mit den Straßensamurais.
Steve hatte diese Tatsache am Anfang ziemlich nervös gemacht. Aber der Barkeeper erklärte ihm, daß er nirgendwo sicherer war. Die meisten Runner haßten die Konzerne und würden Steve nicht verraten, schon weil er ihnen half, aber auch, weil die meisten sich nicht in Angelegenheiten mischten, die sie nichts angingen.
Gustav hatte viele gute Kontakte zu der örtlichen Runnergemeinde. Sollte ein Schmidt kommen, der nach Steve suchen lassen wollte, würde man ihn warnen.
Steve hatte von dem Barkeeper sogar einen Raum gestellt bekommen, um Elementare zu beschwören. Die Runner, die ihn um Hilfe baten, wollten oft Geister zur Unterstützung haben oder Watcher als Kuriere.
Manche wollten auch einfach nur, daß Steve einen magischen Gegenstand askennte.
Er bekam dafür Geld genug, um davon zu leben und sich die magischen Utensilien zu leisten.
Steve hatte bisher keinen Run selber mitgemacht.
Die Erinnerungen an "die Explosiven" und die alten Gewohnheiten aus seinem Job ließen ihn seine Abneigung und sein Mißtrauen nicht so leicht vergessen. Außerdem hatte er immer versucht, sich aus den wirklich illegalen Geschehen heraus zu halten.
All das änderte sich mit einem unerwarteten Besuch.
"Noch eine Cola.", sagte Steve.
Gustav trat an die Theke. "Hast Du nicht schon genug für heute?", fragte er mit einem Grinsen.
Steve sah auf. "Sehr lustig. Du kannst Deine Witze heute lassen.
Ich bin nicht sonderlich gut drauf."
"Ist ja mal was neues."
Der Barkeeper seufzte. "So geht das nicht weiter, Steve! Du solltest etwas unternehmen! Vielleicht nimmst Du Deinen alten Job auf. Oder Unterrichtest selber Magie. Du solltest auch mal wieder mit einem schönen Mädchen ausgehen.
Frag doch endlich Marrie, ob sie mit Dir essen gehen will!"
"Ich weiß nicht..."
Gustav schüttelte den Kopf.
Diese Leier wiederholte sich immer öfter.
Der Kerl versumpfte noch, wenn das so weitergeht. Dabei hatte er noch Glück gehabt. Die meisten, die in den Schatten untertauchen, kommen nicht an so nette Leute wie er. Aber im Moment war Steve kaum in der Lage, das zu erkennen.
Der junge Magier legte das Geld für die Getränke auf den Tisch.
"Ich denke, ich gehe mal nach Hause."
"Tu das.", erwiderte der Barkeeper. "Schau mal morgen wieder vorbei. Ich denke, ich habe einen Job für Dich."
Steve nickte und stand auf.
Linda winkte ihm zu, als er ging. Er bemerkte es nicht.
Zuhause angekommen, nahm er sich eines der Bücher, daß er sich bei Marrie vor längerem gekauft hatte. Er blätterte darin herum, legte es aber bald wieder zur Seite.
"Sind Dir die magischen Lehren mittlerweile so zuwider?" klang eine helle Stimme hinter ihm.
Steve wäre beinahe aus seinen Sessel gesprungen und hätte seine Waffe gezogen.
Aber er erkannte die Stimme.
"Butterblume! Herrgott! Du hast mich zu Tode erschreckt!"
"War eigentlich auch meine Absicht." erklärte sie lächelnd. "Wie sonst sollte ich Deine Lethargie unterbrechen?"
Steve seufzte. "Du jetzt also auch."
Sie zog einen Schmollmund. "Hey, begrüßt man so einen Geist?" Sie ging zu ihm hinüber und setzte sich auf seinen Schoß. "Aber Du hast recht. Ich bin nur aus diesem Grund hier. Java ist sehr besorgt. Das Du Deine Lehren vernachlässigst, macht ihm zu schaffen. So ein Verhalten, sagt er, ist für einen Magier, wie Du einer bist, nicht normal."
Sie roch an ihm. "Hey, Du bist verliebt!"
Er sah sie schüchtern an. "Woran willst Du das merken?"
"Deine Aura.", kicherte sie. "Sie glüht förmlich vor Liebe!
Ist es Marrie?"
"Aber Nein!"
"Aber Doch!", lachte sie. "Java erzählt mir ständig, daß Du von ihr schreibst. Und sie ist doch wirklich eine wunderbare Frau!"
Butterblume sah ihm tief in die Augen. "Aber sie ist nicht der Grund, daß Du so durchhängst.
Zumindest nicht hauptsächlich."
"Ich weiß auch nicht, was es ist.", klagte Steve. "In letzter Zeit kann ich mich einfach nicht aufraffen."
"Das ist ein Loch.", erklärte Butterblume mütterlich. "Die Veränderungen, die Du erfahren hast, weil Du in die Schatten geflohen bist, machen Dir zu schaffen. Das passiert jedem, der seine Lebensumstände so drastisch verändern muß. Es ist fast wie ein Kulturschock.
Viele kommen aus so einem Tief nicht mehr heraus. Das sind die Leute, die Du in der Gosse siehst, betäubt von den Drogen oder Chips, oder schon Tod von ihrer Wirkung oder durch jemanden getötet, der noch verzweifelter ist.
So flüchten sich viele Menschen.
Andere suchen sich eine Aufgabe. Eine die ihnen sehr wichtig ist, oder eine, die ihren Talenten entspricht."
"Das ist beides doch dasselbe.", erwiderte Steve.
"Nicht unbedingt.", sagte Butterblume. "Es gibt eine Menge Leute, die haben Talent darin, andere zu töten. Es gefällt ihnen Nicht unbedingt, aber das können sie nun mal sehr gut.
Wie auch immer, Steve, Du hast etwas, daß Du gut kannst und was Dir Spaß macht.
Wenn Du aus Deinen eigenem Sumpf ausbrechen willst, solltest Du Dir eine Aufgabe suchen. Führe Deine Studien fort!
Das solltest Du für Dich tun. Und auch für Java.
Meinst Du nicht, daß Du Deinen Meister ziemlich schlecht behandelst?"
Steve sah verwundert auf. "Wieso denn das?"
Der Geist wiegte den Kopf. "Denk mal nach. Er hat eine Menge Mühe und Zeit in Dich investiert. Und eine Menge Hoffnung. Du kannst nun wirklich nicht sagen, daß es Dir bei ihm schlecht ging.
Oder hast Du Die Zeit bei uns nicht genossen?"
"Und wie.", seufzte Steve. "Ich vermisse sie."
Butterblume nickte. "Das tut Java auch. Und er ist auch enttäuscht von Dir."
Das traf.
Butterblumes Erklärungen weckten in Steve ein schlechtes Gewissen. Sein Verhältnis zu Java war bis zum Schluß wie zwischen Vater und Sohn gewesen. Ihn zu enttäuschen hätte Steve nie gewollt und das tat ihm leid. Außerdem ging ihm sein ständiges Selbstmitleid ziemlich auf die Nerven.
Ihm war alles recht, was ihn davon ablenken würde. Aber Magie erschien ihm in letzter Zeit so weit weg, so schwierig. Er hatte sie nicht oft benutzt.
Das stimmte nicht ganz, fiel es ihm ein. Er askennte immer noch rein instinktiv einen Raum, wenn er einen betrat. Und manchmal unternahm er astrale Reisen.
Butterblume nahm das Buch auf, daß Steve kurz zuvor gelesen hat und reichte es ihm. Es war das Buch über die Initiation.
"Bist Du denn gar nicht neugierig, wie weit Du kommen kannst?"
Steve sah das Buch an.
Es war Nicht leicht zu verstehen und versprach viel Arbeit.
Aber Er verspürte vage dieses angenehme Kribbeln, das man hat, wenn man sich einer Aufgabe stellte und nicht wußte, wohin sie einen führen konnte.
"Vielleicht sollte ich mal wieder bei Enzo vorbeischauen.", sagte er zu Butterblume.
Aber sie war schon wieder verschwunden.
"Hey, Steve, alter Chummer. Wie steht's bei Dir!?" Rico streckte beide Arme wie zur Begrüßung aus und deutete auf einen Platz neben sich. Blaze und Shannon waren auch dabei.
"Kommt ganz darauf an, wie Du die Frage meinst.", konterte Steve.
Die Runde lachte.
"Bestell Dir was zu trinken!", forderte Rico.
Der Magier überlegte. "Was ist das da, was Du trinkst?", fragte er Shannon.
Sie lächelte ihn verführerisch an. "Cider."
Seine Augen wurden groß. "Das haben die hier?" Er rief Gwen zu sich. "Das gleiche wie sie.
Warum habt ihr mir nie gesagt, daß ihr Cider habt?!"
"Du hast wohl nie gefragt.", antwortete Gwen schnippisch.
Steve schaute ihr doof hinterher und Shannon lachte.
"Ah...kommen wir zum Geschäftlichen."
Rico richtete sich auf und sein Gesicht wurde ernster. "Steve. Diesmal wollen wir Dich um ein wenig mehr bitten. Es springt dabei allerdings auch ein wenig mehr heraus."
"Was ist es denn diesmal?", fragte er. "Zwei Elementare? Oder ein verzauberter Gegenstand?"
"Nope.", gab Shannon zurück. "Diesmal wollen wir Deinen süßen Hintern bei uns haben."
Steve sah die Straßensamurai an. Er durfte ihre Andeutungen nicht so ernst nehmen. Sie machte so was gerne und bei jedem, weil sie gerne provozierte. Aber sie war mit Blaze, dem Rigger zusammen, und wenn man das nicht wußte, konnte das Ärger geben.
An dieses Verhältnis mußte man sich einfach gewöhnen.
Allerdings drehten sich seine Gedanken im Moment um etwas ganz anderes.
"Ich soll euch auf einen Run begleiten?!"
Die Runde nickte stumm.
"Ich weiß nicht." sagte er. "Das ist mir eigentlich ein Stufe zu hoch. Ein wenig zu gefährlich.
Ihr wißt doch: Ich bin nicht freiwillig hier!
Ich hatte eigentlich vor, mein Leben im stillen zu führen und abzuwarten.
Ich wollte kein Schwerverbrecher werden oder irgend etwas illegales machen."
Blaze und Rico sahen sich an.
"Steve", begann Rico. "Du bist illegal! Du hast keine SIN und Du trägst eine Waffe. Du mußt Polizisten bestechen, wenn Du die Nacht nicht im Gefängnis verbringen will. Und wenn irgend jemand herausfindet, wer Du wirklich bist, dann ist sowieso alles gelaufen!
Und warten? Worauf?
Deine Chance auf Rückkehr? Du wartest mittlerweile seit einem Jahr! Ich habe es noch nicht erlebt, daß jemand aus den Schatten zurück in einen Konzern geht."
"Daß Du Dich an diese Hoffnung klammerst, die ganze Zeit über, das ist der Grund für Deine Depressionen.", erklärte Blaze. "Du weißt es doch selber."
Steve sah in finster an. "Bist Du ein Hobbypsychologe oder was?
Wenn ihr versucht, mich auf diese Weise umzustimmen, können wir uns das Ganze sparen!
Ihr wollt meine Hilfe, und kaum deute ich an, daß ich keine Lust habe, werde ich von euch angemacht!"
Shannon legte Steve die Hand auf den Arm. "Er hat recht." sagte sie zu den anderen. "Das war nicht gerade nett." Sie wandte sich zu Steve.
"Ganz unrecht haben meine Kumpel aber auch nicht, Steve. Sie hätten es nur freundlicher sagen können."
Rico sah auf sein Getränk. "Es tut mir leid.
Aber wir brauchen Deine Hilfe dringend." Er sah wieder zu Steve. "Es ist keine allzu große Sache. Aber wir benötigen magische Präsenz."
"Habt ihr es mit einem Magier zu tun?", fragte Steve.
"Mehr mit einem Schamanen."
Steve wunderte sich. "Seit wann nehmt ihr Aufträge entgegen, in dem ihr gegen Magier antreten müßt? Bisher habt ihr doch immer versucht, solchen Dingen auszuweichen!"
"Man sagte uns, daß der Schamane keine so große Nummer sei. Und wir hatten auf Deine Hilfe gehofft. Diesmal gibt es ein wenig mehr als die normalen Prämie."
"Du bist zu gleichen Teilen dabei, wenn Du mitmachst."
Steve überlegte. "Wieviel?"
Die Runde sah sich an. "Viertausend wären schon drin.", sagte Rico.
"Habe ich Zeit, es mir zu überlegen?"
Shannon zog eine Miene. "Heute Abend geben wir unserem Schmidt Bescheid. Wenn Du einfach mit zum Treffen kommst, wäre das eine gute Antwort."
"Wenn nicht, müssen wir uns überlegen, ob wir den Auftrag annehmen oder nicht."
"Gut. Ich werde es mir überlegen." sagte Steve. Er nahm sein Glas und leerte es mit einem Zug.
"Aber erwartet mich lieber nicht."
Er stand auf und ging.
Die kleine Gruppe Shadowrunner sah ihm nach, als er die Kneipe verließ.
"Der kommt ganz bestimmt.", versicherte Shannon.
Harburg West war ein gutes Viertel, um dort Waren zu verschieben, die man von den Güterbahnhöfen entwendet hat.
Die Konzerne hatten dort einige Patrouillen eingerichtet. Aber das Gebiet war zu groß, um es effektiv zu überwachen. Da die meisten Güter Lebensmittel und Medikamente waren und sich die Verluste in einem Rahmen hielten, der alles andere als Schmerzhaft war, konzentrierten sich die Konzerne auf die Räuber, die sie mit ihren Maßnahmen erwischten.
In letzter Zeit allerdings hatte sich eine Gang dieses Viertels bemächtigt und traf verschiedene Konzerne empfindlich. Teure technische Geräte wurden entwendet und tauchten auf dem Schwarzmarkt auf.
Die Gang wurde bei ihren Übernahmen immer aggressiver und es gab des öfteren harte Feuergefechte und hohe Verluste, auch auf Seiten der Konzerne.
Die Firmen konnten sich weder die Kosten noch die Prestige leisten, die dabei entstanden.
Die Aufgabe des angeheuerten Runnerteams war einfach definiert.
Das Hauptquartier sollte ausgehoben werden. Der Anführer sollte auf jeden Fall sterben, ebenso wie sein Schamane. Und es sollte mit Brutalität und Härte vorgegangen werden. Die Gangmitglieder sollten wissen, daß der Spaß vorbei war.
Rico und seine Runner hatten noch einige Messerklauen organisiert, die Spaß an solcher Arbeit hatten. Während diese sich um den größten Teil der Gang kümmerten, nahmen sich Ricos Gruppe
den Anführer vor.
Das Spektakel war eindrucksvoll. Die Messerklauen sprengten Löcher in die Wände des Lagerhauses und sprangen durch die Fenster. Einige fuhren mit Motorrädern und Buggies durch die offenen Türen und feuerten aus allen Rohren.
Während die Mitglieder heillos durcheinander liefen, versuchte sich der Gangboss mit dem Schamanen abzusetzen.
Den Fluchtweg allerdings hatten Rico und Shannon abgeriegelt.
Der Gangboss und seine treuesten Anhänger sahen sich auf einmal einem Mann und einer Frau gegenüber, die mit Sturmgewehren aus sie zielten. Hinter ihnen stand ein Lieferwagen mit Suchscheinwerfern und einer Vindicator auf dem Dach.
Über all dem schwebte, durchscheinend und leuchtend, ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln und einem Schwert in der Hand. An seiner Seite loderte ein Vogel aus Feuer.
Schreiend griff der Schamane an.
Steve hatte gehofft, daß er das tun würde. Es war ihm irgendwie zuwider, einen Menschen so ohne weiteres kaltblütig zu töten.
Er gab dem Feuerelementar ein Zeichen und dieser stürzte sich auf den Schamanen.
Der Schamane wehrte sich vergebens. Steve unterstützte sein Elementar mit der eigenen Magie.
Ein Blitz aus reinem Mana schlug in den Schamanen ein und brachte ihn kreischend zu Fall, während das Elementar den Rest erledigte und den sterbenden Schamanen zu Asche und Knochen verbrannte.
Als der Gangboss das sah, flehte er die Runner um Gnade an.
Rico schoß.
Die versammelte Gruppe samt der anderen Mietgorillas saßen in einer Kneipe und feierten den letzten Auftrag mit echtem Bier.
Steve war bei Rico, Shannon und Blaze, konnte sich aber nicht sonderlich amüsieren.
Ihm kam die Party ziemlich makaber vor, so als würde man ein Massaker feiern.
Es fehlte nur noch, daß die rüden Messerklauen aus den Schädeln der gestorbenen Gangmitglieder tranken.
Blaze und Shannon kamen zu Steve hinüber. "Hey, Meister! Deine Show war echt eindrucksvoll!"
"Ja wirklich", pflichtete Shannon ihrem Lover bei. "Ich wußte gar nicht, was Du tatsächlich so drauf hast!"
"Vielen Dank.", murmelte Steve.
Die beiden Shadowrunner sahen sich an. "Was ist denn los?", fragte Blaze. "Steckt Dir der Run noch in den Knochen?"
Steve nickte. "Ich komme mir vor wie ein gemeiner Mörder. Das war ein echt dreckiger Job."
"Das hat man immer mal.", tröstete ihn Shannon. "Es ist nur selten heldenhaft, was man zu tun hat. Und an das töten muß man sich erst gewöhnen."
"Ich habe keine Probleme damit, jemanden zu töten. Aber jemanden zu töten oder jemanden zu ermorden sind zwei verschiedene Dinge!"
"Das bleibt jedem selbst zu überlassen! Man kommt nicht drum herum, auf einem Run jemanden zu töten. Irgendwann passiert das einfach mal. Aber man kann sich entscheiden, ob man Wetwork annimmt oder nicht."
"Es ist uns durchaus aufgefallen, daß Du gewartet hast, daß der Schamane Dich angreift, damit Du ihn aus "Notwehr" töten kannst.", erwiderte Blaze. "Man kann ein Shadowrunner sein und trotzdem human bleiben. Nicht alle von uns sind Psychopathen."
"Aber mit Sicherheit die meisten von euch!"
Shannon und Blaze sahen auf den Boden. "Da hast Du wohl recht. Den meisten hilft es wohl, das ganze durchzuziehen. Oder sie tun es, gerade weil sie Psychopathen sind."
"Meist kommt das auch durch die Cyberware.", erklärte Blaze. Um so mehr man in sich trägt, um so ausgeflippter wird man."
"Tatsache ist aber, daß die allermeisten es für Geld tun.", fügte Rico hinzu, der jetzt auch an den Tisch getreten war. "Man fragt nicht oder denkt nicht darüber nach, man tut es einfach. Und irgendwann stumpft man ab."
"Das kann mir nicht passieren.", sagte Steve.
Rico lachte. "Mann, für einen Magier bist Du schrecklich naiv!
Es ist schon passiert! Als was Du auch früher gearbeitet hast: Es hatte mit Kampf zu tun. Deine Bewegungen, Deine Art, zu reden und Dich zu Verhalten. Du gehörtest sicher zu irgendeiner Spezialtruppe. Und da wurde euch auch mit Sicherheit beigebracht, wie man auf potentielle gefahren schießt, ohne vorher viele Fragen zu stellen. Natürlich wurde euch auch eingetrichtert, daß es kein Mord ist, sondern eine reine Schutzmaßnahme."
Steve beäugte Rico mißtrauisch. "Du warst wohl selber früher mal in einem Konzern, oder?"
Rico sah ihn nur verschwörerisch an und grinste.
Der Magier seufzte und kippte sein Bier.
Er war jetzt in den Schatten und, wie die Runnergruppe schon richtig bemerkt hatten, hier kam er nicht so schnell wieder weg. Wenn er hier überleben wollte, dann mußte er wohl die eine oder andere Moralvorstellung über Bord werfen. Trotzdem würde er versuchen, seine Menschlichkeit niemals aufzugeben.
"Ach, übrigens:", sagte Rico, "Hier ist Dein Anteil!" Er griff in die Tasche seines Dusters und holte einen beglaubigten Kredstab heraus. Er legte ihn vor Steve auf den Tisch.
Steve nahm ihn auf und betrachtete ihn nachdenklich. "Danke."
Rico schüttelte den Kopf. "Ich sollte Danken. Dein Einsatz war echt beeindruckend."
"Trotzdem.", widersprach Steve. "Das ist ein Haufen Geld. Ich kann es im Moment echt gut gebrauchen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie teuer so ein Elementargeist sein kann."
Die Runner lachten.
"Auf jeden Fall habe ich vorher nicht soviel Geld in so kurzer Zeit gemacht."
"Wo das herkommt, gibt es noch mehr!", erklärte Rico. "Unser Beruf kann recht lukrativ sein. Besonders für Burschen wie Dich."
"Ja!", rief Shannon "Du bist jetzt ein echter Shadowrunner, wenn man so will!"
Steve mußte lächeln.
"Du solltest Dir einen Straßennamen zulegen."
"Genau.", sagte Blaze. "Steve zieht es nicht."
"Hast Du Dir schon einen überlegt?", fragte Rico.
Steve nickte und starrte in die erwartungsvollen Gesichter.
"Angel."
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