Projekt Hercules
©98 by Bjoern Konarski
Exklusiv im Runner's Place
Billige Drinks, billige Tische, billige Tänzerinnen, billige Stühle...
Die Bar, die sich ironischerweise "Paradies" nannte, wurde
wahrscheinlich von einem Schotten betrieben. Wie ich bereits erwähnte,
war das Etablissement, in dem ich mich befand, nicht gerade eine
schnieke Konzernbar. Die Luft war rauchig, fast genauso wie die Stimme
der Sängerin, die sich bei dem Versuch, irgendeinen Schlager aus den
letzten zwanzig Jahren vor sich hinzuträllern, vermutlich die
Stimmbänder verbog. Durch das schummerige Halbdunkel der ( zum großen
Teil defekten ) Beleuchtung konnte man die wenigen Gäste kaum erkennen.
Was ich sehen konnte, waren drei Chipheads, die an einem Tisch mir
gegenüber saßen und vermutlich so sehr auf BTL waren, daß sie vermutlich
sogar eine Ratte gegessen hätten, hätte man ihnen eine vorgesetzt. Nun,
in Anbetracht der grauen, schleimigen Substanz, die einer des Trios mit
wachsender Begeisterung in sich hineinschaufelte, war ich mir nicht
mehr ganz so sicher, ob dies nicht schon jemand ausprobiert hatte.
Nicht, daß ich etwa ungeduldig wurde, aber meine Verabredung, auf die
ich hier wartete, war nunmal eine Stunde überfällig, wie mir ein Blick
auf eine alte Zwölf-Stunden-Zeiger-Uhr verriet.
Ich beschloß, noch eine halbe Stunde zu warten, ehe ich mich in mein
Appartement zurückbeamen würde, um dort ein heißes Bad zu genießen,
vorrausgesetzt, das Wasser würde die Freundlichkeit haben, sich für mich
zu erwärmen.
Die Uhr zeigte noch eine letzte Gnadenfrist von etwa drei Minuten, als
ein kleiner, untersetzter Mann mit einem so perfekten " Küß mich, ich
heiße Johnson " - Outfit hereinkam, daß ich fast erwartet hätte, am
Revers seines gnadenlos gut sitzenden Smokings ein Konzern-Logo zu
entdecken. Für alle, die mich jetzt für verrückt halten, der Kerl trug wirklich
einen Smoking! Noch während ich mir Gedanken machte, wie er
hierhergekommen war, ohne ausgeraubt und mit blutiger Nase in der Gosse
zu liegen, begann er, zu sprechen: " Guten Tag, Mr. Galen. Mein Name ist
Johnson, und ich glaube, wir haben etwas zu besprechen." " Ja, das ist
möglich. Aber genug mit Höflichkeitsfloskeln, sie haben schon genug Zeit
verloren." Ich wählte absichtlich das Wort >sie< statt
>wir< , um meinem Gegenüber klarzumachen, daß mir die zeitliche
Verzögerung gar nicht behagte. Falls er den Wink verstand, reagierte er
nicht darauf, sondern kam tatsächlich zur Sache. Er setzte sich und
begann: " Ich habe einen kleinen Auftrag für sie. Es geht um einen Chip,
den ich - den meine Vorgesetzten gerne wieder in ihrem Besitz hätten.
Die Bezahlung ist gut, 300 Nuyen pro Tag, 500 bei Erfolg, Zusatzprämie
von 1000, wenn sie uns den Dieb bringen, der den Chip gestohlen hat. Ich
brauche wohl nicht zu erwähnen, daß der Chip Dateien von höchster
Brisanz enthält, und das meine Klienten Diskretion erwarten, oder? " Der
letzte Satz klang eher wie eine Feststellung als eine Frage, und das
bedeutete, daß er mich für einen abgebrühten Profi hielt, was mir sehr
schmeichelte
( Hey, ich bin schließlich auch nur ein Mensch. ) " Bis wann soll ich
den Chip denn wo wieder abliefern? " Die Frage war sowohl als solche als
auch als Bestätigung gedacht. " Wenn sie den Chip in ihren Besitz
gebracht haben, rufen sie die Nummer auf diesem Chip an. Er enthält
ebenfalls ein Spesenkonto und einige Hinweise über den Verbleib des
Chips. Die Daten sollten bis zum 20. April in ihrem Besitz sein,
ansonsten könnte dies unangenehme Folgen für meine Klienten haben;- und
was das bedeutet, muß ich ihnen nicht erst erklären..." Nein, das mußte
er wirklich nicht, ich konnte es mir lebhaft ( Achtung: Wortspiel )
vorstellen, was dann passieren würde...
Das Wasser besaß die Freundlichkeit, mir ein heißes Bad zu gewähren. Es
war jetzt über den Daumen gepeilt zwei Stunden her, daß ich mit meinem
Johnson geplaudert hatte, und nach unserem Gespräch, das nicht nur um
Geschäft ging, fühlte ich mich, als ob ich drei Wochen Training mit dem
New Yorker Footballteam hinter mir hätte, allerdings in der undankbaren
Rolle des Balles...
Nun, da ich mich von einem Taxi hatte nach Hause fahren lassen, das ich
meinem Auftraggeber sicherlich in Rechnung stellen würde, war das Bad
ein ungefährer Vergleich zum echten Paradies.
Ich hatte mir gerade vorgenommen, in der Wanne zu übernachten, als es an
der Tür klingelte. Mißmutig und verstimmt über das so abrupte
beendendete Bad zog ich mir meinen Bademantel, der neben mir auf einem
billigen Plastikhocker lag, den ich bestimmt schon seit drei Jahren
wegwerfen wollte, über, während ich ein müdes " Ja, ja, ich komme ja
gleich! " in Richtung Eingangstür schickte. Nachdem ich mich zur Tür
geschleppt und diese geöffnet hatte, erblickte ich ein Gesicht, das ich
lange nicht mehr gesehen hatte: das einer alten Freundin. Mein Gesicht
heiterte sich fast augenblicklich auf, als ich die große, schlanke
Gestalt und das dazu gehörende, gut gebräunte Gesicht sah. Mein Gott, es
war fast zwei Jahre her, daß ich Stephanie gesehen hatte, und sie hatte
sich nicht verändert: Sie trug ihr brünettes, bis fast zu den Hüften
reichendes Haar immer noch offen, aber ich wußte, während eines Runs
konnte sie ihre Mähne mit wenigen Handgriffen zu einem kleinen, strengen
Knoten binden. Auch ihre Rundungen saßen noch da, wo ich sie in
Erinnerung hatte, und auch ihr Gesicht hatte sich, abgesehen von ein
paar Lachfältchen, kaum verändert. Die grünen Augen, von denen ich immer
dachte, sie wären auf Cyberware zurückzuführen ( Irrtum, Chummers, sie
waren genauso echt wie meine ), strahlten mir fröhlich, jung und
unbeschwert entgegen. Dann ließ sie ihre etwas schräg klingende Stimme
zu Wort kommen: " Hoi, Ricky! Es ist lange her, daß wir uns gesehen
haben. Warte, es war... der 3. August ´54, oder? " Meine Überraschung
war nicht zu übersehen, als ich ihr antwortete: " Ich weiß es nicht,
aber es kommt ungefähr hin. Komm doch rein, ich bin sicher, ich habe
hier irgendwo noch echten Scotch rumstehen, dem wir zu Leibe rücken
könnten, während..." " Später, ich bin momentan ziemlich müde, und wenn
du irgendwo noch einen Schlafplatz mit meinem Namen hast, wäre ich nicht
abgeneigt, dein Angebot morgen in Anspruch zu nehmen.", unterbrach sie
mich, bevor ich zu ende reden konnte.
Wir konnten nicht mehr viel besprechen, denn Steph war wirklich müde. Da
ich nichts weiter zu tun hatte, stöpselte ich mich in mein teuer vom
Mund abgespartes Fuchi-Cyber6 ein, dessen ebenso teure Erweiterungen ich
mir ebenso vom Mund abgespart hatte wie das Deck selbst, um mir den von
meinem Johnson erhaltenen Chip anzusehn. Er enthielt, neben dem
erwähnten Spesenkonto, einige Hinweise, die mir bei meiner Suche echt
behilflich sein konnten. Zum Beispiel waren ein paar digitale Aufnahmen,
wenn auch recht unscharfe, wie die Begleitdatei hinzufügte, von dem
Dieb oder den Dieben gemacht worden. Ich überging sieh fürs erste und
wandte mich einer weiteren, nicht minder interessanten Datei mit dem
interessanten Namen HEHLER.TXT. Sie enthielt eine Anzahl möglicher
Kontakte, über die der Chip abgestoßen werden könnte, fein säuberlich
nach Wahrscheinlichkeit geordnet ( irgendein armes Schwein von
Datenbeschaffer mußte seinen Urlaub dafür geopfert haben... ( wenn es
nicht, wie zu erwarten, von einem Smartframe bearbeitet wurde)).
Darunter befanden sich auch, ebenfalls wie zu erwarten, einige Megakons,
die, wie zu erwarten, ziemlich weit oben auf der Liste standen. Ein
paar andere, nicht so interessante Dateien, überflog ich nur schnell und
legte mich danach ebenfalls schlafen. Morgen würde ich mir die gesamten
Dateien noch einmal ansehen, genauer Überarbeiten und sehen, wo ich
anfangen sollte.
Mein tiefer Schlaf wurde mit einem lauten Nieser unterbrochen, der von
einer Feder in meiner Nase herrührte. Stephanie hatte nicht vergessen,
was die beste Methode war, Rick Galen, Langschläfer von Weltruf,
garantiert und in sekundenschnelle wach und einsatzbereit zu haben: jene
besagt Feder, die lästigerweise noch immer in meiner Nase steckte.
Mühsam und unwillig öffnete ich meine verklebten Augen und sah in Stephs
strahlendes Gesicht, dessen schadenfrohes Grinsen einen gewissen Grad
an Mordlust in mir weckte. " Aufgewacht, du Penner!", sagte dieses
ekelhaft fröhliche und ausgeschlafene Gesicht vor mir. Alles, was
ich als Antwort herausbrachte, war ein dumpfes Grummeln, gefolgt von
einer demostrativen Wendung meines Körpers auf die Seite. Steph,
verflucht soll sie sein für diese Untat, reagierte darauf, indem sie
sich entfernte, wie ich an ihren Schritten hören konnte. Dann hörte ich
wieder ihre Schritte, diesmal näherkommend, und ich hörte irgendetwas
plätschern, so wie Wasser... Wasser!!?? Sie würde doch nicht....
Doch, sie würde. Mit einem lauten klatschen landete ein Schwall kalten
Wassers in meinem Nacken, auf meinem Oberkörper und auf meinem Kopf, und
das Wasser schien damit noch nicht zufrieden zu sein, nein, bestimmt
nicht, denn meine Decke begann auch langsam, die Feuchtigkeit
einzusaugen...
Jedenfalls war ich Millisekunden nach dieser Sturmflutkatastrophe in
meinem selbstpersönlichen Bett hellwach und hatte mich, wild fluchend,
in eine halb sitzende, halb liegende Position gebracht, die es mir
erlaubte, eine sich vor Lachen auf dem Boden zusammengekrümmte Gestalt
zu sehen,
die in Anfällen wilden Gegackers wie in einem epileptischen Anfall fröhlich vor sich hinzuckte:
Stephanie.
Nachdem ich geduscht und Stephanie sich wieder halbwegs beruhigt hatte,
saßen wir beide am Frühstückstisch zusammen und plauderten über alte
Zeiten, den letzten gemeinsamen Run vor zwei Jahren und worüber man
sonst noch redet, wenn man sich zwei Jahre nicht gesehen hatte.
Steph erzählte mir, sie wäre seit unserer letzten Begegnung viel
herumgekommen, und sie hätte, sie sprach es mit einem sehr mühsam
unterdrückten Grinsen aus, auch mal bei den Niagarafällen
vorbeigesehen, was sie mir dann auch lang und breit erklärte. Mit jedem
Wort über das Wasser, das es dort gab, wurde ihr Grinsen ein kleines
bißchen breiter, bis sie fast ihre Ohren verschluckt hätte.
Nach dem reichlichen Frühstück beschloß Stephanie, etwas bummeln zu
gehen, sie wolle noch einige Läden in der Fifth Avenue abklappern. Trotz
einiger Überfälle in letzter Zeit waren es immer noch die besten,
angesagtesten ( und damit teuersten ) Läden der Stadt, und zu die
zahlreichen Mode- und Schmuckboutiquen hatten sich im laufe der Zeit
auch ein paar kleinere Geschäfte mit hochkarätiger Hard- und Software (
sogar zu einem erschwinglichen Preis ) gesellt, die selbst ich schon
ein- zweimal von innen gesehen hatte, den dort wurde, trotz
Sicherheitsteams, Polizei, ständigen Überprüfungen etcetera, etcetera,
drekcetera ( für Hannes: Ich weiß, ich weiß!!! ), auch mit Waren
gehandelt, die sich, laut irgendeiner Polizeibroschüre, " außerhalb der
legalen Zone bewegten ", oder einfacher ausgedrückt: heiße, teilweise
sogar novaheiße Waren. Natürlich unter dem Tresen, denn man wollte ja
die Kunden nicht vertreiben...
Ich für meinen Teil stöpselte mich mit einem tiefen Seufzer in das Deck,
das auf dem Tisch vor mir stand, ein, um ein bißchen in dem "
Gratispaket " von meinem Johnson herumzuschnüffeln. Ich durchforstete
gerade zum x-ten male eine Datei über mögliche Verdächtige und sammelte
Informationen aus den ( halb- ) öffentlichen Datenbanken über sie, als
mir die Datei mit der Aufnahme der oder des Täters ( ich hatte aus den
Informationen immer noch nicht ersehen können, wieviele es, verdammt
noch mal, gewesen sind ) , die ich mir gestern erspart hatte, plötzlich
wieder einfiel. Sie würde mir sicherlich helfen, den Verdächtigenkreis
erheblich zu verringern ( oder zu vergrößern, wie mir eine kleine,
hämische Stimme in meinem Hinterkopf soeben mitteilte... ).
Also dann, Kamera ab. Ich startete die Datei und hatte augenblicklich
das Gefühl, zwei Meter größer und sehr kurzsichtig zu sein...
Ich war, offensichtlich, an der Decke befestigt worden, denn ich sah
einen Flur mit kahlen Wänden, vermutlich in irgendeinem Labor, aus einem
sehr merkwürdigen Blickwinkel ( merkwürdig, wenn man kein Troll war ).
Die Tür am Ende des Flures schwang auf, und eine komplett in schwarz
gekleidete Gestalt huschte herein, schloß die Tür und schien die Kamera
entdeckt zu haben, denn sie hob einen Gegenstand, vermutlich eine
Pistole, die mit einem Schalldämpfer versehen war, zielte und ich sah
nette Sternchen, die über einen netten Himmel tanzten und dabei so nett
waren, ein oder zwei Sekunden später aufzuhören und der normalen
Metamorphik der Matrix meines Decks platz zu machen. Oberflächlich
betrachtet, brachte mir die Aufnahme herzlich wenig, denn die Person war
nicht so nett gewesen, mir länger als etwa einen halben bis einviertel
Augenblick lang zuzuwenden, und die Auflösung der Kamera schien nicht
besonders zu sein ( Scheiß Sparsamkeit! ). Trotzdem ließ ich die
Aufnahme noch einmal von vorne beginnen und stoppte an der Stelle, an
der mir die Gestalt so nett in die Kamera blickte. Das Ergebnis würde
ich wahrscheinlich durch drei- bis vier Millionen Filter jagen müssen,
um etwas brauchbares zu bekommen, und das Problem war, daß ich derzeit
kein solches Programm besaß und auch nicht den leisesten Schimmer hatte,
wie ich ein solches Programm schreiben sollte ( Bin ich Filmtechniker?
). Mit einem weiteren Seufzer stöpselte ich mich aus und beschloß, ein
paar Bekanntschaften in der Fifth Avenue aufzufrischen.
Die Wolkenkratzer von New York hatten sich in den letzten zwanzig bis
dreißig Jahren kaum verändert, außer, daß sie noch größer geworden
waren. Auch in anderer Hinsicht hatte sich N. Y. nicht verändert: Slums
blieben Slums, breiteten sich regelmäßig aus und wurden ebenso
regelmäßig von Lone Star wieder zurückgetrieben, die Wall Street war
jetzt nicht mehr nur die Straße, in der die Börde war, sie war
die Börse, denn die gesamte Straße wurde, nachdem die Konzerne immer
wichtiger geworden waren, in ein einziges, riesiges Börsenhaus
umgewandelt ( manche nannten es auch " die Goblinisierung der Börse " ).
Ebenso hatte sich die 5th Ave. kaum verändert: immer noch Wolkenkratzer
und Läden, wohin das Auge auch immer schweifen mochte.
Ich öffnete die Tür zu einem kleinen Laden, der in seinem Schaufenster
einige längst antiquierte Personal Computer aus den letzten fünfzig
Jahren zu billigstpreisen anbot, " komplett mit Kohlenschaufel, hähä! ",
hatte der Besitzer des Ladens mir einmal gesagt. Im inneren des Ladens
war es, trotz des nebelig - schwülen Klimas der letzten drei Tage in
New York, angenehm Kühl, wofür ein großer Deckenventilator rechnung
trug. Das kleine Geschäft war einfach, fast spartanisch eingerichtet,
und die Beleuchtung war auf ein minimum reduziert worden, was mich
wünschen ließ, die Cyberaugen mit Lichtverstärkung zu besitzen, die
übrigen Kunden offenbar hatten, und in einigen an die Wand geschraubten
Regalen standen verschiedenste Cyberdecks in verschiedensten Preis- und
Leistungsklassen. Sie waren für mich nie interessant gewesen, da sie
alle legal und alle gekennzeichnet waren, was sie in der Matrix, zum
Ärger der Decker, der sie Benutzten, laut und deutlich hinausposaunten,
wenn man ihnen die Kennzeichnung nicht irgendwie abzwicken konnte.
Statt dessen steuert ich auf den hinteren Teil des Ladens zu, wo der
Tresen stand. Hinter diesem Tresen stand ein großer, breitschultriger
Ork, an dessen Schläfen das Chrom von zwei Chip- und zwei Datenbuchsen
funkelte. Er hob den Kopf, um den neuen Kunden, mich, zu begutachten,
und nachdem er mich als der erkannt hatte, der ich war, verwandelten
sich seine massigen Gesichtszüge in ein wirklich breites Grinsen,
bei dem Stephanie vor Neid erblassen würde. " Salve, Chummer! Lange
nichts von dir gehört. Alles in Ordnung bei dir?" " Alles bestens, aber
ich brauche deine Hilfe mit einer Digi - Aufnahme. " antwortete ich
Jesse, dem Besitzer und Hauptaktionär dieses Ladens
( Was Wunder, der Laden ist nicht einmal an der Börse. )." Ist von einer
Kamera, schwarzweiß, mit einer Auflösung, wie sie wirklich nur
Billigstkameras haben, die irgendwann mal ´runtergefallen sind. Und da
sollst du mir in Gesicht identifizierbar machen. Bezahlung bei Erfolg. "
Der Ork schien sichtlich verwirrt, als er antwortete: " Hey, Chummer,
immer langsam mit den jungen Pferden. Keine Zeit mehr für ´nen kleinen
Plausch unter Freunden? Brauchst du vielleicht noch irgendetwas anderes?
Neue Utilities, Chips oder sowas? Ich hab gerade ´ne neue Lieferung
hinten im Lager. Und was die Aufnahme angeht, wo ist der Chip? " Ich war
einmal mehr überrascht, wie schnell ein Mensch ein Thema wechseln
konnte, aber ich reichte ihm dennoch den Chip mit der Frage: " Bis wann
hast du die Aufnahme optimiert?" " Keine Ahnung, kommt drauf an, wie
schlecht die Aufnahme ist. Kann zwischen zwei und drei Tagen dauern,
weil ich noch ein Optimierungsprogramm besorgen muß."
" Gut. Danke daß du die Sache übernimmst, ich kenne niemand anders, an
den ich mich wenden könnte. Ich komme übermorgen noch einmal vorbei.
Mach´s gut! " " Mach´s besser! ", konterte der Ork, als ich den Laden
verließ. Der Teil mit dem " Ich kenne keinen anderen " war schlichtweg
gelogen. Ich hatte noch andere Connections, die den Job genauso gut,
wenn nicht besser, machen könnten, aber Jesse ist erstens am billigsten,
zweitens wollte ich den Kontakt mit ihm nich verlieren, drittens war er
der Billigste, den ich kannte, und da ich nun wahrhaftig kein Goldesel
bin, sollte ich mir diese billige, vertrauensvolle und überaus
preiswerte Connection doch erhalten. Ich schlenderte langsam die 5th
Ave. hinunter auf ein wartendes Taxi zu, das einzige, das momentan
anwesend war. Kurz bevor ich an meinem gelben, fahrbaren Ziel ankam,
hastete ein anderer Kunde in Anzug und Krawatte auf das Taxi zu, riß die
Tür auf und verschwand im Taxi, das sich, kurz nachdem sich die
Hintertür geschlossen hatte, mit wahrhaft quitschenden Reifen aus dem
Staub machte. Verdammt, ich war zu erst dagewesen, dachte ich, und
während ich meinen Konkurrenten im Geiste mit äußerst originellen und
klangvollen Schimpfnamen bedachte, auf die früher meine Lehrer hörten,
bogen aus der gleichen Seitengasse wie der Taxiklau zwei weitere, wie
aus dem Ei gepellt aussehende Gestalten in vollem Galopp in die 5th Ave.
ein, gerade noch rechtzeitig, um mitzukriegen, wie sich das Taxi in den
Verkehr einfädelte und abdampfte. Scheinbar enttäuscht wandten sich die
beiden wandelnen Kleiderschränken in meine Richtung, und in mir kam
langsam Panik auf. Was, wenn die beiden bei mir ihren Frust ablassen
wollten? Die Laternenpfähle sahen allesamt so aus, als ob einer der
beiden sie im vorbeigehen aus der Straße pflücken könnte, um mit mir
eine Partie Baseball zu spielen, wobei er meinen Kopf sicherlich nicht
als Schiedsrichter benutzen würde. Und gleichzeitig hatte ich das
Gefühl, die beiden zu kennen, nein, kennen zu müssen. Kennen sie dieses Gefühl, wenn man im Trid einen Schauspieler sieht, den man kennt, man aber bloß nicht mehr weiß, woher?
Ich kam nicht mehr dazu, meine Gedanken zu Ende zu führen, denn jetzt
begann gerade der linke der Kleiderschränke, mit ziemlich verrosteten
Angeln seine Türen zu bewegen: " Wir haben einige Anhaltspunkte und
einen Namen für ihren Fall. Bitte folgen sie uns. " Noch während ich mir
eine bejahende Antwort herausquetschte, ging mir eine komplette
Flutlichtanlage auf. Die beiden Kerle hatte ich gerade erst vor kurzem
gesehen, und zwar im " Paradies ". Sie waren die Gorillas meines Mr.
Johnson. Sie hatten sich recht weit von uns aufgehalten, so daß ich sie
kaum zur Kenntnis genommen hatte. Und diese kleine, private Einladung,
die so überraschend kam, war sie geplant? Nein, das ist höchst
unwahrscheinlich, dachte ich mir, sie konnten unmöglich wissen, wohin
ich gehe. Selbst wenn sie einen Peilsender bei mir auf Urlaub geschickt
hatten, waren sie doch keine Hellseher
( Hoffte ich zumindest ). Wir gingen zu einem großen schwarzen
Mitsubishi Nightsky, der am Ende der kleinen Seitengasse parkte. Um die
Frage, wieso die Herren King und Kong dem Herrn Flüchtling nicht einfach
nachgefahren sind, im Keim zu ersticken: Weil die Gasse zu schmal ist,
deswegen. Die Türen öffneten sich geräuschlos, als Kong eine
Kontaktfläche an der Tür berührte, und er gab mir mit einer Geste zu
verstehen, einzusteigen. In der Hoffnung, nicht denselben Abgang zu
machen wie mein Vorgänger, kletterte ich in die Luxuswohnung auf Rädern.
Im Inneren erwartete mich ein sichtlich überraschter Johnson, der seine
Züge aber Zehntelsekunden später wieder zu einer höflichen, aber
eindeutig künstlichen Maske umgemodelt hatte. Ich schenkte ihm gerade
mein bestes
" Hallo, wenn du mir nichts tust, tu ich dir auch nichts- " Lächeln, als King die Stimme erhob:
" Mr. J. , wir fanden Mr. Galen vorhin zufällig auf der Straße, und wir
dachten uns, sie würden ihn gerne sehen. " Die Lippen in dem aalglatten
Gesicht von Mr. J. , dessen Kopf schon wieder auf dem frisch gestärkten
Kragen eines sündhaft teuren Smokings saß, formten eine ebenso kurze wie
prägnante Antwort: " Richtig gedacht. Danke. " Die beiden Schoßhunde
verbeugten sich leicht, um dann die Tür zu schließen und dann vermutlich
in das vordere Abteil einzusteigen, das durch eine schalldichte,
getönte Scheibe aus Plexiglas von der Passagierkabine abgetrennt wurde (
Man legt ja schließlich Wert auf intimität, oder? ). " Guten Tag, Mr.
Galen, wie sie sicher schon bemerkt haben werden, haben wir neue
Informationen in Bezug auf ihren Fall. Ich hätte sie ihnen sowieso
zukommen lassen, aber da sie ja zufällig hier vorbeikamen, kann ich sie
ihnen auch so mitteilen. ", begann mein Gegenüber, während der Motor des
Nightsky aufmiaute ( Zu leise, um brüllen zu sagen, denn der Wagen
schnurrte wie eine Katze ). Der Wagen rollte an, als Mr. J. begann,
mich aufzuklären: " Wie ich schon sagte, wir haben neue Anhaltspunkte.
Wir können den Täterrahmen extrem einengen, da uns ein Informant
mitteilte, er kenne die betreffende Person, welche sich an unserem
Eigentum vergriffen hat. Leider wollte er eine recht hohe Summe für den
Namen, und er forderte ein privates Treffen zur Übergabe, um
sicherzugehen, daß er das Geld auch erhält. Nun ist das Treffen heute
Abend, und ich würde vorschlagen, sie begeben sich an meiner statt zu
dem Treffen, und übergeben das Geld. Ich muß mich derweil um
Geschäftliches kümmern. "
Ich hörte seinem Vortrag ruhig zu, und er endete, als der Wagen vor
meiner Wohnung hielt. Rasch schob er mir noch den Kredstab zu, den ich
dem Informanten geben sollte, bevor ich ausstieg. In Gedanken fragte ich
mich, wie Johnson meine Adresse herausgefunden hatte, aber als ich
gerade die Treppe erklimmte, kam ich zu dem Entschluß, daß die Mittel
und Wege der Konzerne unergründlich sind, und ich verschwendete keine
Gedanken mehr daran.
Der Verkehr hatte um diese späte Abendstunde abgenommen, so daß dies zu
einer der wenigen Gelegenheiten wurde, meinen kleinen Jackrabbit
spazieren zu fahren, was sonst aufgrund des dichten Verkehrs unmöglich
wäre. Ich hielt ein paar Blocks entfernt von dem Treffpunkt, einer Bar
mit dem bezeichnenden Namen " Barney´s Bar ", bei dem, bei genauerer
Betrachtung der Geschäfte, die hier getätigt wurden, noch ein " &
Bordell " angehängt werden müßte. Das schäbige Gebäude wurde von ein
paar längst defekten Straßenlaternen eingerahmt, und auf der gesamten
Straße lag jede menge Unrat, und die Ratten hatten hier Hochkonjunktur,
und ich wette das Gebiß meiner Großmutter, Gott hab sie selig, daß ich
bei einer von ihnen ein alten Kronkorken auf dem Kopf gesehen habe, was
ihr das Aussehen einer Kronentragenden Königin gab. Nach einem kleinen
Fußballspiel, bei dem ausnahmsweise mal die Ratten als Bälle herhalten
mußten, gelangte ich zu einer bemerkenswert neu aussehenden Tür, die zum
Ausgleich in einem derart häßlichen Gelb gestrichen war, daß ich mich
unwillkürlich fragte, ob es sich hier nicht um Öko - Farbe handelte, die
leicht aus gewissen Abfallprodukten gewonnen werden kann. Ich öffnete
die Tür, und trat hindurch, wobei ich mir irgendetwas
unidentifizierbares an meinem Duster abwischte, das an der Türklinke
gewesen ist, und
so aussah, als wäre es wieder ein Abfallprodukt menschlicher Art, und
auch ungefähr so roch. Ich setzte mich an einen Tisch, und nach zwei
oder drei Augenblicken kam die junge, knapp bekleidete Bedienung
angeflitzt und fragte mich höflich nach meiner Bestellung. Ich bestellte
ein Bier, und wunderte mich über das Lokal, während ich meinen Blick
schweifen ließ. Es sah von außen zwar schäbig und baufällig aus, aber
das wurde im Inneren des Gebäudes sehr gut vertuscht, denn ich hatte
trotz des besoffenen Penners am Nachbartisch eher das Gefühl, in einem
gehobenen Lokal zu sein denn als in irgendeiner Kneipe. Zudem kam auch
noch die Bedienung, die unüblicherweise freundlich und ausgesprochen
schnell war, und in Gedanken entschuldigte ich mich für die Bezeichnung
als Bordell. Meine Gedanken wurden nach der rekordverdächtigen Zeit von
nur zwei Minuten von der Kellnerin unterbrochen, die mir ein dunkles
Bier mit einer mächtigen Schaumkrone servierte, wobei sie mir ein
Lächeln schenkte, das - auch unüblicherweise - echt zu sein schien. Ich
bedankte mich und nahm einen tiefen Zug von dem Bier, an dem ich sofort
gefallen fand. Nun suchte ich gezielt nach meinem Informanten, den ich
an einer weißen Rose erkennen sollte ( Ehrlich Chummers, ich hab
geglaubt, mein Johnson spinnt oder hat aus versehen eine
Partnersuchanzeige zitiert, als er mir das erzählte, und ich mußte mir
die nächsten zehn Minuten lang mächtig das Lachen verkneifen, ebenso wie
Steph, die ich zu Hause noch kurz getroffen hatte. )
Aus einem Bier wurden zwei, und ich bestellte gerade Nummer Drei, als
ein Mann mit einer weißen Kunstrose am Revers in die Bar trat. Er setzte
sich an die Bar, und ich wies die Kellnerin an, dem Manne ein Bier auf
meine Rechnung zu bringen.
Cica fünf Minuten später sah ich den Mann ein großes Bier
entgegennehmen, und die Kellnerin deutete auf meinen Tisch, worauf der
Mann sich umdrehte, sein Bier von der Theke nahm und zu mir kam. Der
große, dürr wirkende Mittvierziger, dessen nußbraunes Haar bereits erste
graue Strähnen zeigte, setzte sich an meinen Tisch, während er mich
recht verdattert ansah, als wüßte er nicht recht, was er tun sollte.
Schließlich aber setzte er sich dann doch, und begann sein Anliegen
vorzutragen, während er das Bierglas in seinen Händen anstarrte: " Sie
hat mich also versetzt, und sie sind sicherlich hier, um mich zu
vertrösten. Aber das brauchen sie nicht. Wenn Doris mich nicht will,
dann soll sie es mir selber sagen. " Beim letzten Satz hatte er die
Stimme erhoben, um energischer zu klingen, was ihm aber ob seiner recht
geknickten Haltung nicht so recht gelingen wollte. Nun war ich an der
Reihe, blöd aus der Wäsche zu gucken. Noch während ich den Mund auf und
zu klappte, um etwas - irgendetwas - zu sagen, dämmerte mir
langsam, daß es durchaus auch andere Männer mit weißen Rosen am Revers
gibt, zum Beispiel Singles, die sich in einer Bar verabredet hatten und
ein Erkennungsmerkmal brauchten, und ich hatte mal wieder den
Hauptgewinn gezogen, daß ich das Glück besaß, ausgerechnet den falschen
Mr. Artificial Whiterose auszusuchen.
" Es tut mir sehr leid, aber ich glaube, hier liegt ein Irrtum vor, ",
sagte eine sehr feminine Stimme hinter mir, während sich das Gesicht
meines Gegenübers sichtlich aufhellte, " ich bin gekommen. Und zwar
wegen ihnen beiden. " Ich fand jetzt auch soweit meine Fassung wieder,
die ich irgendwann in den letzten zwei Minuten verloren hatte, um mich
umzudrehen. Hinter mir stand eine schlanke, attraktive Frau in einem
enganliegenden blauen Kleid, das höchstens bis zu den Knien ging und
einen ungemeinen Blickfang darstellte. Ihr feuerrotes Haar trug sie lang
und offen, so daß es ihr locker über die Schultern fiel und einen
starken Kontrast zu dem Blau ihres Kleides abgab. Ihr Gesicht war
offensichtlich nicht geschminkt, und wenn, dann so dezent, daß man es
vermutlich mit einer chemischen Analyse suchen mußte. Sie setzte sich zu
uns an den Tisch, und ich konnte nun eine weiße Kunstrose neben dem
Ausschnitt ihres Kleides sehen. Zum zweitenmal an diesem Tag verlor ich
die Fassung, und diesmal verlieh ich diesem Umstand Ausdruck, indem
meine Kinnlade langsam in Richtung Tisch trudelte. Die Belustigung, die
die Frau darüber zu empfinden schien, spielte, für jeden sichtbar, um
ihre Mundwinkel, weshalb ich mich entschloß, meinen Kiefer wieder
hochzuklappen, und statt dessen nur belämmert zu gucken, und meine
Fassung, nun schon zum zweiten mal innerhalb kurzer Zeit, vom Boden
aufzusammeln. Aber trotz allem dämmerte es langsam in meinem
Denkapparat. Mein Informant; meine Informantin, hatte das Angenehme mit
dem Gewinnbringenden verbunden, und deshalb ein Erkennungsmerkmal für
zwei Dates benutzt.
Nun saß sie mir gegenüber, und begann, nachdem sie ihren Liebhaber
vertröstet und wieder an die Bar gesetzt hatte, mir zu erzählen, was ich
wissen wollte. " Guten Tag, Mister... ", setzte sie an, und neigte
fragend ihren Kopf leicht zur Seite. " Galen. Rick Galen. Angenehm, ihre
Bekanntschaft zu machen, Miss... ", setzte ich das Spielchen fort. "
Whiterose. Doris Whiterose."
Was für ein Zufall aber auch! lachte ich zynisch in mich hinein. Ich wette, die Rose gehört zu ihrer Grundausstattung.
" Ein ungewöhnlicher Name für jemanden, der gar nicht nach Indianer
aussieht. Woher stammt er?" " Mein Ururgroßvater war Indianer, und aus
dieser Zeit konnte sich dieser Name retten. Aber wir sind nicht hier, um
den Ursprung meines Namens zu diskutieren, sondern um eines Geschäftes
halber. Ich hoffe, sie haben ihren Teil der Vereinbarung bei sich? " Ich
fischte den Kredstab meines Johnsons heraus und legte ihn auf den
Tisch, wo er von flinken Fingern in eine kleine Handtasche befördert
wurde. " Gut. Dann hören sie mir zu: derjenige, nachdem sie suchen, in
den Schatten hört er auf den Namen " Shadowdancer ". Mehr weiß ich
nicht. Und nun entschuldigen sie mich, ich habe noch andere Termine
einzuhalten. " Ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war, war sie auch
wieder verschwunden. Ich hielt mich nicht lange damit auf, nach ihr zu
suchen, sondern begab mich zum Ausgang, um nach Hause zu fahren, und
mich anschließend aufs Ohr zu hauen.
Es war schon eine lange Nacht gewesen, und ich hatte mir nach den Schocks dieses Abends die Ruhe
redlich verdient ( fand ich jedenfalls ).
Ich öffnete gerade die Tür, als Stephanie gerade, nur mit einem Handtuch
bekleidet, aus dem Bad kam. Sie blickte nur kurz auf, um mich zu
begrüßen, um dann schnell im Schlafzimmer zu verschwinden, das ich ihr -
als echter Gentleman - als Schlafplatz angeboten hatte. Ich mußte mich
derweil mit der Couch begnügen, deren häufiges Benutzen sich langsam
auch auf den Sitz- ,und vor allen Dingen auf den Schlafkomfort
auswirkte, denn einge der Sprungfedern waren dringend
erneuerungsbedürftig. Ich ging in die Küche, um mir etwas aus dem
Kühlschrank zu holen, aus dem sich ein notdürftiges Abendbrot
zusammenschustern ließ. Als ich die Kühlschranktür öffnete, erlebte ich
die dritte Überraschung an diesem Abend, diesmal angenehmer Natur:
Stephanie hatte eingekauft! Mein sonst sehr ärmlich gefüllter
Kühlschrank war jetzt bis in die kleinste Ecke mit Nahrung aller Art und
Qualität ausgestattet, vom Soyburger bis hin zu echtem Roastbeef, das
ich normalerweise immer nur zu festlichen Anlässen einkaufte. Während
ich mit meiner Fassung rang
- Was allmählich zu Gewohnheit wurde -, trat meine Retterin des
Abendessens in die Küche ein, diesmal in einem sehr extravagant
aussehendem, schwarzen Abendkleid, zu dem sie Ohrringe trug, die so
aussahen, als ob sie mein Cyberdeck verkauft hätte. Nach einem
anerkennendem Pfiff setzte ich zu einer Mischung aus Lob und Dank an: "
Sie sehen klasse aus in diesem Kleid, Miss Carlston.
Haben sie heute noch irgendetwas vor? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja,
mit wem?" Mit einem Lächeln, das auf hundert Meter Eisberge vernichtet
hätte, entgegnete sie: " Ja, ich habe noch etwas vor heute Abend, und
zwar feiern." " Feiern? Was denn? Mit wem denn? Wo denn?" Mein
Fragebombardement wurde mit einem weiteren Lächeln und einer Antwort
belohnt: " Erstens: Den besten Auftrag, den ich seit langem ausgeführt
habe, zweitens: mit dir, drittens: im Salad Bowl. "
Ich hasse Überraschungen! Spätestens jetzt wurde mir klar, das ich den
Nächsten, der mich Überrascht, erschießen mußte. Überraschungen haben so
etwas an sich, was einem seine eigene Hilflosigkeit vor Augen führt,
und dafür hasse ich sie, verdammt noch mal! Nicht, das mir die Einladung
nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil, das Salad Bowl war mein
absolutes Lieblingsrestaurant, und ich werde gerne eingeladen. Aber nach
all den Überraschungen an diesem Tag war ich echt nicht mehr in
Stimmung für Überraschungen. Trotzdem antwortete ich: " In Ordnung, ich
komme, wenn ich mich umgezogen habe. " " Dann beeil dich, ich habe für
zehn Uhr einen Tisch bestellt."
Beeilen war untertrieben. Ich flog unter die Dusche, zog meine Sachen
an, und nach zirka fünf Minuten saßen wir schon im Wagen, und Steph ließ
es sich nicht nehmen, selber zu fahren.
Zwnazig Minuten trafen wir in dem Lakal ein. Es war nicht unbedingt das
vornehmste Lokal, aber auch nicht eine Spelunke der Art, wie sie meine
Kunden und Informanten vorzuziehen pflegen. Das Salad Bowl war ein
kleines, gepflegtes Lokal in der Innenstadt New Yorks, das, meiner
Meinung nach, das beste Gulasch der ganzen Stadt servierte. Es wurde
immer in einer großen Gulaschkanone zubereitet, die, für alle sichtbar,
mitten im Raum stand, und dort wurde auch gekocht. Mir lief von dem
Duft, der mir in die Nase stieg, als wir uns der breiten Flügeltür aus
Kunstholz nährten, das Wasser im Mund zusammen, was Steph zu bemerken
schien, den sie raunte mir, indem sie mir sanft den Ellbogen in die
Rippen stieß, ich solle doch bitte das Sabbern sein lassen. Ich hatte
das Restaurant auch schon einige Male als Treffpunkt benutzt, so hatte
ich es auch entdeckt. Ich war zu einem Treffen bestellt worden, das hier
stattfinden sollte, und mir hat es so gut gefallen, daß ich es mir
gleich als Lieblingsrestaurant auserkoren hatte.
Im inneren des großen, geschmackvoll eingerichteten Raumes angekommen,
steuerte Steph sofort auf den smart gekleideten Mittvierziger zu, der an
einem kleinen Tresen am Eingang saß. Höflich fragte sie nach einer
Reservierung für Carlston, und nachdem er auf seinem Compblock, der in
den Tresen eingelassen war, eine entsprechende Notiz gefunden hatte,
führte er uns zu einem kleinen Zweiertisch in einer Ecke des Lokals,
direkt neben einem der Fenster, durch die man die Terasse des
Restaurants sehen konnte. Momentan war sie ob der Jahreszeit
geschlossen, aber im Sommer konnte man herrlich draußen sitzen und
essen. Wenige Minuten, nachdem wir uns gesetzt hatten, kam auch schon
ein junger Ober in schwarzem Smoking angeflitzt, um uns die Karten zu
bringen und uns nach unseren Getränkewünschen fragte. Ich bestellte mir,
ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, ein Glas Wasser, den der
erhebliche Bierkonsum bei, oder besser: vor meinem Treffen hatte meinen
Alkoholspiegel etwas ansteigen lassen, und ich mochte es nicht
besonders, nachts betrunken zu sein, den Nachts sind nicht nur alle
Katzen grau, sondern auch alle Diebe und sonstige Gangster hellwach.
Stephanie bestellte ein Glas Weißwein, und nachdem der Ober von dannen
geeilt war, um uns die bestellten Getränke zu bringen, schlugen wir
beide die Speisekarte auf, und obwohl ich der Verlockung mit ganzer
Kraft widerstehen mußte, wählte ich nicht das Gulasch, sondern die
Forelle blau, und meine Wahl wurde auch von meiner Begleiterin mit
Zustimmung aufgenommen, die allerdings zwischen der Forelle und den
gefüllten Paprikas hin- und herschwankte. Während wir auf unser Essen
warteten, kamen wir wieder auf alte Zeiten und solche Sachen zu
sprechen.
" Was war das eigentlich für ein Run, den du so groß feiern willst,
Steph? Er muß wirklich viel Nuyen gebracht haben, damit du mich in
dieses Restaurant einladen konntest. Hattet ihr verluste, oder war das
ganze einfach nur unheimlich riskant?" " Weder noch, es war sogar sehr
einfach, nur ein kleiner Datendiebstahl. Bei wem, das verrate ich dir
natürlich nicht, Berufsgeheimnis, verstehst du? Auf jeden Fall war er
fünfstellig ertragreich, und für den Job hätte ich normalerweise
vierstellige Summen genommen, aber mein Johnson bestand darauf, und er
war dabei so charmant, daß ich es ihm einfach nicht abschlagen konnte.
Hach, was für ein Mann!" Beim letzten Satz verdrehte sie bewußt
übertrieben die Augen und legte den Kopf auf die Seite. Dann fuhr sie
fort: " Aber genug von mir geplaudert, was machst du gerade? Einer
untreuen Ehefrau nachspioniern? Oder gar ihrem Ehemann? Oder ihrem
Schwager?" " Deine Witze waren auch schon einmal besser, aber weder das
eine noch das andere und das letzte schon gar nicht. Nein, es geht
vielmehr um Wiederbeschaffung.
Mein Johnson scheint großes Interesse daran zu haben, er macht sich
sogar selbst die Hände schmutzig, und das will was heißen." In diesem
Augenblick wurde ich von einem betörenden Geruch abgelenkt, der von den
Tellern ausging, die einer der Kellner in unsere Richtung trug. Auf eben
jenen lag nämlich das, was wir in der nächsten Dreiviertelstunde mit
großem Genuß und unter gefräßigem Schweigen konsumierten. Nachdem wir
gesättigt waren, beschloßen wir, uns wieder auf den Heimweg zu machen,
was ich aufgrund immer häufiger werdenden Gähnanfälle meinerseits sehr
begrüßte.
An diesem Tag wurde ich nicht auf die feucht-fröhliche Art vom Vortag geweckt.
Trotzdem wäre ich im nachhinein dankbar dafür gewesen, von einem
Wasserschwall geweckt worden zu sein. Das Erste, das ich hörte, war ein
lauter Knall, als ob jemand heftig mit einem Lineal auf einen Tisch
schlagen würde. Sofort war ich wach und tastete unter meinem Kopfkissen
nach meinem Manhunter, der sich auch dort befand. Ich zog die Waffe
unter dem Kissen hervor und legte den Sicherungshebel um, als ich einen
spitzen Schrei aus der Richtung des Schlafzimmers hörte. Stephanie! Ich
sprang auf und versuchte so leise wie möglich zur Schlafzimmertür zu
gelangen. Dort angekommen, lugte ich vorsichtig, die Waffe im Anschlag,
um die Ecke. Ich sah Stephanie, die verzweifelt versuchte, sich in einer
Nische zwischen Wand und Einbauregal einem circa zwei Meter großen
Eindringling zu entziehen, der mit seinen gewaltigen Pranken nach ihr
griff. Ich sah Panik in ihren Augen, und erkannte, daß sie ihm nicht
mehr lange Widerstand würde leisten können.
Der fremde hatte mir den Rücken zugewandt und schien mich nicht zu
bemerken. Ich legte den Manhunter an und legte meinen Finger auf den
Abzug, wodurch ein roter Punkt auf dem Hinterkopf des Riesen erschien.
Entschloßen drückte ich zweimal kurz hintereinander ab. Zwei
panzerbrechende Geschoße schlugen dicht beieinander in den Kopf des
Mannes ein, und er brach während einer Drehung, die Zehntelsekunden zu
spät kam, zusammen. Langsam senkte ich die Pistole und sah Stephanie,
die immer noch in Panik zu sein schien. Aber sie schien sich langsam von
dem Schock zu erholen, da sie über die Leiche hinwegstieg und mir
entgegeneilte. Ich schloß sie in die Arme, ganz nach alter Rittermanier,
und sie brach in Tränen aus, was ich bei ihr sonst noch nie erlebt
hatte. Ich war immer der Meinung gewesen, daß Stephanie einfach zu
eiskalt sein konnte - und es auch teilweise war - um über einen solchen
Vorfall in Tränen auszubrechen, jedenfalls nicht ohne einen verdammt
guten Grund, und der fiel mir nun beim besten Willen nicht ein, so daß
ich es auf Schock und Unausgeschlafenheit schob.
Steph erholte sich schnell, und daraufhin stellte ich sie logischerwise
zur Rede, wobei sich meine Fragen hauptsächlich darauf bezogen, warum
Leute in meine Wohnung einbrechen und eine derart eiskalte Lady wie
Stephanie dazu brachten, sich schluchzend an mich - ausgerechnet an mich,
wo ich ja nun wahrlich kein Beschützertyp bin, - zu kuscheln, als ob
ich ihr Lieblingsteddy wäre. Im Laufe ihres Geständnisses klappte mein
Unterkiefer immer weiter nach unten, und Stephanie sollte allen Göttern,
die ihr gerade zuhörten, danken, daß ich heute schon jemanden erschoßen
hatte - ich hätte es sonst nämlich sofort nachgeholt. Der Grund für
meine unkontrollierte Kinnlade war der, daß eine rotäugige Stephanie mir
gerade erzählte, daß ihr letzter Run, den wir am vorigen Abend ja so
groß gefeiert hatten und der ja auch ach so einträglich gewesen war,
gegen einen mittelgroßen Kon mit dem hübschen Namen Tinkerbell &
Anderson Inc. gegangen war. Sie sollte in ein seattler Labor von TAI
eindringen und eine Akte - keine Datei, eine richtige Akte aus Papier -
beschaffen, die
den Namen " GenO5" trug. Was in dieser Akte stand, konnte sie nicht
sagen, denn es sei alles "wissenschaftlicher Forschungsquatsch" gewesen,
aus dem sie nichts ersehen konnte. Nur eines sei ihr aufgefallen: Die
ominöse Akte trug den Titel "Projekt Hercules". Ich speicherte den Namen
für später ab, während Stephanie weiterredete. Als sie in das Labor
eingedrungen ist, sei angeblich alles glatt gelaufen, ohne Beweise oder
Spuren und anderen Kram, der einem die Laune verderben könnte. Sie ging
rein, ohne bemerkt zu werden, und kam auch genauso wieder hinaus. Als
sie dann schließlich die Akte am vereinbarten Treffpunkt an ihren
Johnson - er hatte sich originellerweise
" Smith" getauft -, hatte dieser ihr mit erheblichen Nachdruck
eingebleut, daß TAI außerordentlich ärgerlich sein würde, wenn sie
herausfänden, wer die Akte gestohlen hat. Sehr ungemütlich, wie
Stephanie nochmals betonte. Sie war daraufhin ersteinmal für ungefähr
eine Woche abgetaucht.
Was ihr aber auch nichts genützt hatte. Immer, wenn sie über die Straße
ging, fühlte sie sich verfolgt und beobachtet. Ihr Gefühl war durchaus
korrekt gewesen, insgesamt dreimal hatte man ihr schon derartige
Kopfgeldjäger, wie einer in meinem Schlafzimmer vor sich hinblutete, ins
Haus geschickt, woraufhin sie beschloß, für eine Weile zu mir zu
kommen, um hier sicherer zu sein.
Dies alles lag jetzt, vom Einbruch gerechnet, ungefähr einen Monat zurück, meinte sie. Ungefähr der
Zeitpunkt, an dem auch mein Chip, der, den ich suchen sollte, gestohlen
worden war.Meine Kehle wurde staubtrocken, und ich hatte
Schwierigkeiten, die folgenden Worte herauszupressen: " Dein... dein
Straßenname, er ist doch nicht... du bist doch nicht... Shadowdancer?"
To be continued...
Bjoern Konarski
©98
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