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Der Ältere Mann setzte seine Tasse ab, so heftig, daß die Untertasse einen Sprung bekam und der Soykaff über den Tisch verschüttet wurde. Dabei versuchte er, einen heftigen Hustenanfall zu unterdrücken, während er seinen Sohn aus hervorquellenden und tränenden Augen ansah.
Jann stöhnte innerlich. Für Außenstehende mochte diese Szene vielleicht dramatisch, ja sogar ernstlich erscheinen, aber er wußte es besser.
Sein Vater zog eine solche Show immer ab, wenn er mit irgendwelchen Bitten oder Wünschen ankam, die nicht dem Sinn der Familientraditionen entsprachen. Mal war es der verschluckte Soykaff, mal ein verstauchter Knöchel beim joggen oder ein zerbrochenes Schiffsmodell in einer seiner unzähligen Flaschen auf dem Regal im Wohnraum. Früher war Jann immer darauf reingefallen und hatte ein schlechtes Gewissen bekommen, was sein Vater schamlos ausgenutzt hatte, um ihm seine Pläne auszureden.
Mittlerweile verursachten diese schamlosen und peinlichen Mittel nur noch ein leichtes Übelkeitsgefühl.
Sein Vater schien sich langsam von seinem theatralischen Hustenanfall zu erholen. Jann wartete geduldig, unterdrückte ein zynisches Lächeln.
"Du willst was?!", würgte er mühsam hervor und wischte sich mit der Serviette einige Tropfen Soykaff aus dem Mundwinkel. Das machst Du gut, Papa!!
"Du hast mich schon verstanden.", antwortete Jann laut.
Der ältere Mann stand auf und schüttelte energisch den Kopf. "Das kommt nicht in Frage."
Jann seufzte und folgte seinem Vater in die Küche.
"Wieso denn nicht?"
"Das fragst Du noch?!" Er wirbelte zu seinem Sohn herum und funkelte ihn an. " Ich will, das etwas aus Dir wird!", gab er mit einer Mischung aus Ärger und Besorgnis zurück. " Ich will, daß Du Deinen Abschluß machst und es im Leben mal zu etwas bringst."
"Aber das kann ich doch auch auf diesem Weg! Wo ist denn das Problem?!"
"Das Problem ist, daß man beim Militär keine Karriere macht. Man wird vielleicht ein Held, aber auch nur auf den Fotos in der Gefallenenakte. Mein Sohn, Du hast zu viele Trideos gesehen."
"Das stimmt doch nicht!", erwiderte Jann gereizt. "Ich habe mir das genau überlegt:
Ich kann dort eine Ausbildung in Elektronik und Mechanik für Luftfahrzeuge beginnen und noch im gleichen Jahr parallel dazu die Flugschule besuchen! Die Ausbildung und Stipendien werden dort angeboten, wenn man sich für die nächsten zehn Jahre verpflichtet."
"Du hast schon eine Verpflichtung. Nämlich dem Konzern gegenüber, und natürlich gegenüber der Familie. Reich mir mal die Tassen."
Mißmutig reichte Jann seinem Vater das Geschirr und schaute ihm zu, wie er es in die Maschine ordnete. Ein echter Sararimann. "Ich bleibe doch im Konzern! Ich verstehe echt nicht, was so schlimm daran ist!"
Sein Vater richtete sich auf und schmiß die gesprungene Untertasse demonstrativ in den Abfallentwerter. "Fuchi mag keine Querschießer. Hier spielt Ehre und Pflichtbewußtsein noch eine Rolle. Was meinst Du wohl, wie meine Vorgesetzten darauf reagieren, wenn mein Sohn sich gegen den Vater stellt?"
"Ich stell mich doch nicht gegen Dich, verdammt!", schrie Jann seinen Vater an. "Was bist Du nur für ein Egoist!" Der ältere Mann sah seinen Sohn perplex an.
"Ist doch wahr! Du machst Dir doch nur Sorgen um Deine Karriere! Wenn Du wirklich das beste für mich willst, warum kümmert es Dich dann so sehr, was Dein Boß darüber denkt. Keine Angst, Papa, ich habe nicht die Absicht, Dich in Ungnade zu bringen!"
Den Blick immer noch starr auf seinen Sohn gerichtet stand der alte Mann da und kämpfte mit seiner Fassung.
"Was fällt Dir ein, so mit mir..."
"Komm mir doch nicht so!", donnerte Jann von neuem los. " Ich bin alt genug, um von Dir mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden, wie Du ihn von mir erwartest. Warum stellst Du Dich immer gegen mich?!" Jann holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe. "Weißt Du eigentlich wieviel Überwindung es mich gekostet hat, zu Dir zu kommen?! Weil ich ahnte, wie Du reagieren würdest.
`Du übertreibst, Jann.`, hab ich mir gesagt. `Er will doch immer Dein bestes, will daß Du glücklich bist`, habe ich mich beruhigt. Und jetzt das! Als hätte ich es nicht gewußt!
Hast Du mir nicht immer erzählt, daß es wichtig ist, sich bestem Eifer und Gewissen in seinem Job zu verwirklichen, und wie wichtig es ist, seine Arbeit mit Freude zu verrichten? Oder waren das nur leere Konzernparolen?"
Sein Vater lief rot an, aber Jann ignorierte das.
"Ich habe nur einen innigen Wunsch: Ich will fliegen! Ist das so schlimm? Fuchi bietet doch genug Möglichkeiten, meine Ziele zu verwirklichen. Ich werde hart genug arbeiten, um all das zu erreichen, was von mir verlangt wird. Ich kann Deiner Ehre ebenso gut dienen, wenn ich Pilot werde. Ich kann dort ebenso eine Karriere machen wie anderswo. Oder ist es Dir lieber, daß ich mein Leben als Finanzmanager oder sonst was friste, wohl wissend, daß ich nicht glücklich bin?
Weißt Du überhaupt, was ein guter Pilot verdient?"
"Du...stellst Dir das alles viel zu einfach vor.", stammelte sein Vater. "Ganz so einfach ist das nicht."
"Ach, schalten wir jetzt auf die Vernunftschiene?", Jann verschränkte trotzig seine Arme vor der Brust.
Sein Vater holte aus, um etwas zu erwidern, ließ es dann aber sein und seufzte.
Beide standen sie unversöhnlich in der Küche gegenüber, während der Geschirrspüler leise summte.
"Ein Frage habe ich an Dich, Papa:", unterbrach Jann die erdrückende Situation. "Hast Du Deine Berufswahl aus freien Stücken gewählt, oder wurdest Du zu Deiner Wahl gezwungen?"
Er sah seinen Vater herausfordernd an. Der wandte sich wütend ab, da er, seiner Ungerechten Haltung bewußt, dem Blick seines Sohnes nicht standhalten konnte.
"Das beste ist, Du gehst jetzt in Dein Zimmer. Wir werden morgen weiter diskutieren."
Jann wollte etwas bissiges über sein Alter erwidern, ließ es dann aber sein und stapfte wütend zu seinem Schlafbereich.
Sein Vater tat es ihm gleich.
Später, im Bett, schaute er durch das Duraplex auf die Stadt. Durch den allnächtlichen Smog hindurch konnte man nur die abertausenden von Lichtern sehen, welche die unzähligen Fenster, Fahrzeuge und Natriumdampflampen der Straßenbeleuchtung erzeugten.
Irgendwo über der Stadt bewegte sich lautlos und mit scheinbar quälender Langsamkeit ein Flugzeug hinweg. Wahrscheinlich ein Commuter oder ein Chopper auf seiner nächtlichen Patrouille.
Er seufzte. Warum gerade Pilot?
Eine warme, zarte Hand streichelte über seine Schultern, tastete sich zu seiner Brust vor und schloß sich in einer Umarmung um ihn.
Er griff nach der Hand und drückte sie sanft.
"Du bist noch wach?", fragte er leise.
Ein lautloses Lachen hauchte über sein Ohr. "Frag lieber, wie ich schlafen kann, bei all dem Krach, den ihr beide gemacht habt."
Er brummte mißmutig als Antwort auf den freundlichen Tadel.
Susanne richtete sich etwas auf und stützte sich mit dem Ellbogen ab. "Was war denn wieder los?", fragte sie und schaute ihren Mann besorgt an.
Er seufzte. "Ach, unser Sohn hat mal wieder seine Pläne geändert."
"Will er denn nicht mehr Pilot werden?"
Abrupt drehte er sich zu seiner Frau herum. "Woher weißt Du davon?"
Sie kicherte. "Er ist natürlich erst einmal zu mir gekommen und hat mir davon erzählt. Ich dachte allerdings, daß Du auch schon informiert wärst."
"Wie denn?", grummelte er, "Ich erfahre in diesem Haus anscheinend immer alles als letzter."
"Hast Du Dich mal gefragt, warum das so ist, Hagen?!", sagte seine Frau ernst.
Der Mann drehte sich wieder von seiner Frau weg und überlegte. Wenn sie so mit ihm sprach, war immer irgend etwas nicht in Ordnung. Damit war gemeint, daß er wieder mal eine Dummheit begangen hatte und es nicht mal bemerkt hatte.
Er wandte sich wieder zu Susanne. "Soll das etwa heißen, Du stimmst seinen aberwitzigen Plänen zu?!"
Sie winkte ab. "Oh, ich denke, das haben wir wohl kaum zu entscheiden. Es ist schließlich sein Leben. Natürlich sollten wir darauf achten, daß er sich nicht in irgendwelche Träumereien verstrickt. Aber wenn er ein Ziel hat und es wirklich will, dann sollten wir ihn nach allen Kräften unterstützen. Und ich denke, er will es wirklich."
Hagen löste sich von seiner Frau und setzte sich auf die Bettkante. "Aber was ist mit der Tradition in der..."
"Oh Nein! So nicht!", unterbrach ihn seine Frau scharf. "Versuch es erst gar nicht. Vielleicht klappt das ja noch bei Jann, aber mir darfst Du so nicht kommen, wenn Du Dir nicht wirklich Ärger einhandeln willst. Hast Du Dich denn jemals nach den Familientraditionen gerichtet?
Du hattest Doch früher Deinen eigenen Kopf. Im Gegensatz zu Jann hast Du Deine Eltern nicht um Erlaubnis gefragt, als Du Dich für Deinen Weg entschieden hattest. Ich bin mir sicher, daß Du Jann vorhin ziemlich genau die gleiche Rede an den Kopf geworfen hast, wie einst Dein Vater! Aber ich bin mir ebenso sicher, daß das nicht der Wahre Grund ist. Jann hat wenigstens den Anstand, uns über seine Zukunftspläne aufzuklären."
"Ja, weil er das Geld von dem Studiumskonto braucht.", gab Hagen mürrisch zurück.
Susanne sah ihren Mann forsch an. "Auch das ist nicht der Grund. Hagen, was stört Dich nur an den Plänen unseres Sohnes?"
Der Mann stand auf und ging unruhig im Zimmer herum. "Es ist nicht direkt offiziell, aber die Wüstenkriege eskalieren. Der Bedarf an Soldaten steigt, ebenso der an guten Piloten. Ich will einfach nicht, daß unser Sohn in den Krieg zieht und mit einer Konzernflagge und einem Plastiksarg zurückgeschickt wird."
"Aber es ist doch noch gar nicht gesagt, daß er in die Wüste geht.", beruhigte ihn Susanne.
Hagen wirbelte herum. "Denkst Du, er hat eine Wahl?! Was glaubst Du wohl, warum der Konzern solche Ausbildungsmöglichkeiten anbietet? Sie brauchen Nachschub!", Er schnaufte resigniert und setzte sich wieder auf das Bett. "Der Gedanke daran, meinen Sohn in einem Bomberhelikopter zu sehen, wie er hinter den feindlichen Linien irgendwelchen Raketen ausweicht, macht mich ganz krank!"
Susanne hockte sich hinter ihm und umschlang sein Schultern mit ihren Armen.
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du das willst!", sagte er zu ihr.
"Natürlich will ich das nicht!" Sie gab ihm einen Klaps auf seine Brust. "Aber ich halte unseren Sohn für einen klugen Menschen. Er will schließlich fliegen. Nach oben, nicht nach unten. Hattest Du jemals den Gedanken, daß er ein Kampfpilot werden will? Die Trids, die er sich ansieht, sind eher Dokumentationen und technisches Hintergrundwissen. Er steht nicht sonderlich auf diese Top Gun - Filme."
"Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was sich Jann so alles ansieht."
Wieder ein Klaps. "Schäm´ Dich!", flüsterte seine Frau ihm ins Ohr. "Daß Du so wenig Interesse für die Hobbys unseres Sohnes zeigst.
Ich jedenfalls vertraue darauf, daß er sich aus Schwierigkeiten heraus hält. Es ist gar nicht gesagt, daß die Konflikte noch bestehen, wenn Jann seine Ausbildung beendet hat. Und es gibt eine ganze Menge Arbeitsmöglichkeiten für einen Piloten." Sie drückte ihren Mann etwas fester.
"Am besten Du teilst ihm morgen Deine Entscheidung mit, Hm?!"
Hagen drehte seinen Kopf und schaute seiner Frau in die Augen. "Diese Eigensinnigkeit muß er von Dir haben.", sagte er leise zu ihr.
Sie lachte. "Wenn Du wüßtest!"
Jann trat unruhig von einem Bein auf das andere. Er schwitze vor Nervosität, versuchte aber, das nicht zu zeigen.
Sein Vater lehnte sich zurück und begutachtete kritisch die Bewerbungsprospekte.
"Hier steht, daß eine DNI-Fahrzeugsteuereinrichtung eine Voraussetzung ist, wenn man in das Ausbildungsprogramm aufgenommen werden will."
Jann schluckte. "Ja, aber wenn man nach den ersten drei Ausbildungsjahren überdurchschnittliche Leistungen erbracht hat, wird man in das Förderungsprogramm der Flugschule aufgenommen. Dann wird einem die Operation kostenlos gestellt."
"Aha?" Sein Vater musterte ihn über den Rand der Unterlagen. Jann versuchte, ihm nicht direkt in die Augen zu schauen.
"Hast Du auch gelesen, daß es von etwa Hundert Bewerbern nur etwa Fünf Prozent in das Förderungsprogramm schaffen?"
"Ja, habe ich.", sagte Jann heiser.
"Und glaubst Du, daß Du es schaffst?"
"Ich denke schon."
Sein Vater legte die Unterlagen zurück auf den Schreibtisch. "Glaubst Du, oder weißt Du es!?"
Janns Kopf ruckte hoch. "Ich weiß es!" Er sah seinem Vater direkt in die Augen und versuchte, so selbstsicher wie nur möglich zu wirken.
"Die Grundgebühren für die Ausbildung betragen 80.000 Nuyen, plus die Kosten für die Operation, wenn man keine Fahrzeugsteuereinrichtung besitzt."
"Ich dachte, ich könnte das Studiumskonto dafür benutzen, daß ihr für mich angelegt habt.", entgegnete Jann fest. "Den Rest würde ich mir von Dir leihen. Ich arbeite es nach und nach ab!"
Der älter Mann stand von seinem Sessel auf und ging um den Schreibtisch herum, bis er neben seinem Sohn stand. "Ich habe einen anderen Vorschlag.", begann er. Janns Augen weiteten sich vor Angst auf die kommende Enttäuschung, die jetzt unweigerlich kommen mußte.
"Bewerber, die bereits einen DNI besitzen, werden automatisch in den Förderungskurs aufgenommen. Die Kosten für die Ausbildung betragen dann nur noch 45.000 Nuyen."
"Ich habe aber keinen Rig."
Janns Vater blinzelte verwirrt. "Einen was?"
"Einen Rig.", wiederholte Jann. "So nennt man das DNI für eine Fahrzeugsteuereinrichtung im Jargon."
"Aha." Er schaute auf seinen Sohn. "Du scheinst Dich mit dieser Materie ja eingehender befaßt zu haben!"
Jann verdrehte die Augen. "Sind Dir jemals die vielen Flugzeugmodelle in meinem Zimmer aufgefallen? Oder die ganzen Zeitschriften? Wer es in dieser Branche zu etwas bringen will, braucht einen Rig."
"Das habe ich mir auch gedacht." fügte er hinzu. "Deshalb wirst Du einen bekommen."
Jann blinzelte. "Was?"
"Du bekommst einen "Rig". Deine Mutter und ich haben entschieden, Dir diese Operation von dem Studienkonto zu bezahlen. Sieh es als eine Art Weihnachtsgeschenk. Auf jeden Fall werden dadurch die Kosten für die Ausbildung erheblich geringer.", sein Vater lächelte. " Ganz zu schweigen, daß Du die Prüfung für das Förderungsprogramm nicht machen mußt!"
Jann konnte nicht verhindern, daß sein Mund sich ebenfalls zu einem breiten Grinsen verzog.
"Die werde ich trotzdem bestehen!"
Er hatte das Gefühl, jemand versuchte seinen Schädel von innen aufzumeißeln. Sein Hals tat entsetzlich weh und auf der rechten Seite am Hals hinter seinem Ohr schien sich ein Stein eingenistet zu haben, der jetzt hartnäckig gegen die Haut drückte.
Auf seiner Zunge lag ein bitterer Geschmack und sein Mund war so trocken, daß das Schlucken schmerzte. Er versuchte, sich den Hals zu reiben, aber seine Arme schienen Tonnen zu wiegen.
Seine Lider waren nur unwesentlich leichter. Mühsam und quälend langsam öffnete er sie.
Ein Schleier lag über seinen Augen, und er konnte seine Umgebung nur verschwommen wahrnehmen.
Er fühlte eine warme Hand auf seinen Arm.
"Jann. Bist Du wach?" Das war die Stimme seiner Mutter. Er wollte etwas erwidern, aber sein Kehlkopf kratzte und versagte ihm den Dienst. Er nickte schwach und hoffte, seine Mutter würde das registrieren.
"Wie fühlst Du Dich?", fragte sie sanft.
"...schmerzen." brachte er mühsam hervor.
"Das geht vorbei." beruhigte sie ihn.
"Er wird etwas gegen die Schmerzen bekommen.", erklärte eine andere, weibliche Stimme. "Die Operation verlief ausgesprochen gut. Ich denke, daß wir in etwa einer Woche mit den ersten Versuchen beginnen können."
"Was für Versuche?!" fragte seine Mutter besorgt.
Langsam konnte er mehr sehen. Eine große Frau in einem weißen Gewand stand neben einem Bett und schien an irgendwelchen Geräten rumzufummeln. Seine Mutter saß neben seinem Bett und hielt immer noch seinen Arm.
"Das Implantat wurde ohne Komplikationen angenommen und die ersten Diagnosen waren positiv.
Aber der Patient muß sich an das DNI erst gewöhnen, und eine vollständige Diagnose läßt sich erst bei einem Direktversuch erstellen. Neurale Implantate, die nicht direkt an der Schädeldecke implantiert werden, sind nicht sonderlich gewöhnlich. Es gab zwar bisher keinerlei Ausfälle, aber dennoch sind wir bei solchen speziellen Implantaten gern ein wenig vorsichtiger"
Das schien seine Mutter zu beruhigen.
"Durst." Krächzte Jann, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.
Seine Mutter griff nach etwas auf dem kleinen Tisch neben ihm und hielt es ihn an die Lippen.
Ein Strohhalm. Er saugte, so schnell seine trockene Kehle es zuließ.
"Langsam, sonst verschluckst Du Dich noch."
Das war sein Vater. Jann drehte den Kopf ein wenig, ignorierte dabei die pochenden Schmerzen.
Ein Großer Mann stand in der Tür.
"Wie geht es unserem Piloten?" scherzte er.
Die Ärztin nickte. "Alles in bester Ordnung. Er hat wohl noch ziemliche Hals- und Kopfschmerzen, aber die werden sich bald geben."
Sein Vater trat in das Zimmer. "Ich hab eine Überraschung für Dich." er zog ein Papier aus seinem Sakko. "Heute morgen kam die Mitteilung, daß Du aufgenommen wurdest. In zwei Monaten erwartet Dich ein gewisser Cpt. Hartmut im Fuchi I. E. Flugcamp Seattle.
Herzlichen Glückwunsch!"
Jann lächelte schwach. "Freut mich." krächzte er.
Eine weitere Frau in weiß kam in das Zimmer und trat an sein Bett. Seine Mutter lies den Arm los.
"Es ist besser, wenn sie ihn erst einmal ein wenig in Ruhe lassen. Sie können nachher noch mal vorbeischauen." Sagte die Frau an den Geräten zu seinen Eltern.
Es ist wirklich ziemlich voll hier, dachte Jann, bevor eine bleierne Müdigkeit ihn umfing und seine Umgebung sich in angenehmen Schwarz verlor.
"Darf ich Dir vorstellen: Dein neues Auto!" Suzi, die Krankenschwester zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Gefährt. Sie lächelte spöttisch und mit gespieltem Stolz.
Jann starrte mit offenen Mund auf das Objekt und seine Augen fielen fast aus den Höhlen vor Überraschung und Verwirrung.
"Ein Rollstuhl !?"
Suzi kicherte. "Du bist ein Genie!"
Ohne den Blick von dem Rollstuhl zu nehmen, sagte er zu ihr: " Dann hast Du mich also richtig verstanden! Ich hatte nämlich gerade gesagt, daß das da ein Rollstuhl ist."
"Und ich sagte, daß Du ein Genie bist, obwohl die sich nicht wiederholen."
Martin stöhnte. Ich habe doch schon einen Rollstuhl. Wozu brauche ich... Oh Nein!" stöhnte er, als er begriff. "Sag mir nicht, das ist ein Rollstuhl mit einer Fahrzeugsteuereinrichtung!!"
Suzi klatschte wie zum Applaus in die Hände. "Du solltest promovieren!"
Jann faßte sich an den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. "Ich soll mich doch nicht allen ernstes in dieses Ding da einsetzen und mich einstöpseln?!"
"Warum nicht?", Suzi zuckte mit den Schultern. "Du mußt lernen, wie Du mit Deinem Implantat umzugehen hast. Außerdem müssen wir noch einige Tests machen. Was ist denn besser dafür geeignet?"
Jann schüttelte den Kopf. "Das ist peinlich."
"Ach Quatsch!", winkte die Krankenschwester ab. "Das macht hier jeder mit einem DNI durch. Du wirst sehen, es wird Dir gefallen."
Jann seufzte. Er stand auf und ging zu dem großen, klobigen Rollstuhl. Bequem ist er ja, dachte er, als er sich hinein setzte.
"Der Stuhl fährt nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit.", erklärte Suzi "Wenn Du Dich einloggst, wird Dir vielleicht ein wenig schwindelig. Aber das geht schnell vorbei.
Die Signalstärke ist gedrosselt. Wenn alles klappt, werden wir nach und nach höhere Stufen hinzu schalten. Sensoren, ASIST-Feedback und den Signalrückkoppler."
"Klingt lustig.", antwortete Jann und stöpselte sich ein.
Es war ein kleiner Schock. Sein Gehirn wurde mit Daten bombardiert, die er zuerst nicht verarbeiten konnte. Dann schien sich sein Gehirn an den ungewohnten Datenstrom gewöhnt zu haben, und er bekam langsam ein Gefühl für das Interface. Er "fühlte" mehr, wie er den Stuhl zu steuern hatte. Auf eine kleine Willensanstrengung von ihm bewegte er die Räder.
Er drehte sich zu Suzi um, die ihn noch immer angrinste. Zu erst drehte er sich zu weit, weil er einen panischen Moment nicht wußte, wie er den Rollstuhl anhält. Er drehte sich wieder zurück und lächelte Suzi zu.
"Das macht Spaß!"
"Sagte ich doch.", kicherte die Krankenschwester.
"Wann beginnen die Tests?", fragte Jann.
"Die laufen schon.", antwortete Suzi und zeigte auf einen schwarzen Kasten, der unter dem Sitz hing. Die Daten Deiner Hirnströme werden aufgezeichnet und zum Computer geschickt, der sie auswertet. Ist alles im grünen Bereich, schaltet er auf die nächste Stufe. Davor bekommst Du aber ein Signal."
Jann gefiel das Gerät immer mehr. Es war ein lustiges Gefühl. Sein Hals fühlte sich dort, wo die Datenbuchse war, fast warm an. Er fuhr um Suzi herum und stupste sie ein wenig von hinten an, so daß sie auf seinen Schoß fiel. Sie lachte und umschlang seine Schultern.
"Madame, darf ich sie zum Essen ausführen?", fragte er im übertriebenen Kavalierston.
"Ich muß sowieso auf Dich aufpassen.", gab Suzi zurück "Und Ich würde auch gerne mit Dir in die Kantine gehen, aber meinem Freund würde das sicher nicht gefallen."
"Ach ja, Dein Freund.", murmelte Jann mit einer Mischung aus Erkenntnis und Enttäuschung. "Den hatte ich vergessen."
"Passiert Dir öfter.", schelte Suzi ihn.
"Kannst Du das nicht auch?", fragte Jann.
"Was?"
"Ihn vergessen."
Suzi gab Jann einen Stupser auf die Nase und stand auf.
"Nein.", sagte sie, lächelte und ging in das Bereitschaftszimmer.
Auf einen mentalen Befehl hin nahmen die Elektromotoren ihren Dienst auf und ein helles Summen erfüllte den Flur. Einige der umstehenden Patienten fingen an zu jubeln und riefen den beiden Kontrahenten Ermutigungen zu.
Jann lächelte.
Sein Gegner hatte nicht die leiseste Chance. Er hatte schon lange heraus gefunden, wie man die Drosselung des Motors umgehen konnte, und so ein wenig mehr an Geschwindigkeit gewinnen konnte. Das ging zwar ziemlich auf die Zelle, aber er mußte ja nicht lange fahren.
Er schaute hinüber zu seinem Gegenspieler und grinste ihn siegessicher an. Der nahm das gar nicht zur Kenntnis. Mit geschlossenen Augen saß dieser in seinem Stuhl und schien auf eine Stimme zu hören, die in seinem Kopf zu sein schien. Genau wie Jann war seine letzte Feedbackstufe hinzu geschaltet worden. Jann wußte, was seinem Gegner im Kopf vor ging.
Das warme kribbeln machte sich breit, als Jann sich entspannte und den vollen Datenfluß in sein Gehirn fließen lies. Er spürte die Räder auf dem Flurboden, er nahm das Brummen des kleinen Motors wahr und fühlte, wie die Energiezelle die Systeme speiste. Er war fast so, als wäre er mit dem Rollstuhl verwachsen. Was für eine angenehme Art, sich fortzubewegen. So gut werde ich es nie mehr in meinem Leben haben, dachte Jann in einem Anflug von Sarkasmus.
"Seid Ihr soweit?"
Jann öffnete die Augen. Vor ihm, zwischen den beiden Rollstühlen stand Suzi und schaute abwechselnd auf die beiden Kontrahenten in ihren Rollstühlen.
Jann hob den Daumen und nickte knapp.
Sein Gegner tat es ihm gleich. "Ich warte nur auf Dich!", sagte er zu Jann und grinste breit.
"Schlaf nicht ein in Deiner lahmen Mühle.", gab Jann zurück.
"Also, noch mal die Regeln:", begann Suzi. "Hinten im Gemeinschaftsraum stehen zwei Stühle, um die ihr herumfahren müßt. Sieger ist, wer zuerst wieder über die weiße Linie fährt." Sie zeigte auf die Mullbinde, die vor den beiden Rollstühlen als Markierung hingelegt worden war. "Es ist verboten, dem anderen Gegenstände in den Weg zu legen oder ihn abzudrängen. Ebenso ist es nicht erlaubt, seine Spur zu verlassen und einem Gegner so das Überholen zu verhindern. Hat das jeder verstanden?"
Jann nickte. Sein Konkurrent grinste. "Das gilt auch für Dich, Karl!", sagte Suzi mit Nachdruck.
"Als würde ich so etwas tun!", gab Karl mit gekränktem Unterton zurück und legte sein bestes
Unschuldsgrinsen auf. Einige der Patienten lachten und buhten ihn aus.
"Macht euch bereit!", rief Suzi und hob den Arm mit dem Taschentuch.
Karl schloß wieder die Augen und lehnte sich zurück. Jann zog es vor, sich auf seine eigenen Augen zu verlassen. Die eingebaute Testkamera in seinem Rollstuhl fing immer leicht an zu zittern, wenn er zu schnell fuhr und das verwirrt ihn.
"Achtung!
Fertig....
GO!!!"
Suzi schwang den Arm herunter und knallte einmal mit dem Taschentuch.
Die Rollstühle fingen an protestierend zu jaulen, als die Motoren aus dem Stand in die höchste Leistung gepuscht wurden. Mit einem leichten Schlingern und dem Leisen Quietschen der Reifen auf den Boden schossen die beiden Rollstühle nach vorne. Die Patienten grölten und riefen ihren Favoriten zu.
Jann und Karl sausten den Flur entlang, Kopf an Kopf. Die Enge des langen Flures vermittelte das Gefühl einer ungeheuren Geschwindigkeit, aber die Stühle fuhren "nur" mit einer Geschwindigkeit von 7km/h.
Karls Rollstuhl schob sich quälend langsam an Jann vorbei. Karl sah zu Jann hinüber und winkte ihm zu. Jann lächelte herablassend und konzentrierte sich kurz. Der Servoschaltkreis deaktivierte sich und gab zusätzliche Energie an den Elektromotor frei. Auf seinem Auge erschien die virtuelle Meldung, daß eine solche Prozedur für den Dauerbetrieb nicht gut sei und eine Statusanzeige für die Energiezelle erschien, die zusehends sang.
Der Rollstuhl beschleunigte auf sagenhafte 9km/h und Jann zog an dem verdatterten Karl vorbei.
Sein Vorsprung hielt nicht lange. Karls Rollstuhl heulte gequält auf und nur wenige Augenblicke später fuhren die beiden Kontrahenten wieder Kopf an Kopf und warfen sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf.
Dann rasten beide in den Gemeinschaftsraum und mußten sich ganz auf das bevorstehende Manöver konzentrieren.
Der Gemeinschaftsraum war nicht sonderlich groß. Alle Stühle waren herausgenommen worden, bis auf die beiden, die den Wendepunkt der Rennstrecke markierten. Jann und Karl blieben kaum ein viertel Meter Platz, um die Rollstühle zu wenden und wieder Fahrt aufzunehmen.
Karl bremste zu spät ab und kippte fast um, verlor dabei viel an seiner Geschwindigkeit.
Jann wiederum bremste zu schnell und rammte beinahe den Stuhl. Letztendlich verdankten beide ihren Implantaten, daß diese Manöver trotz aller Wahrscheinlichkeiten gelangen und beide wieder auf Kurs waren, Seite an Seite, ohne einen Millimeter Vorsprung auf die johlende Menge zu. Jann stierte zur Seite nach Karl, dieser schenkte ihm einen ähnlichen Blick. Wahrscheinlich dachte er das gleiche wie er und ärgerte sich, daß er den Trick kannte, wie man die Drosselung der Rollstühle überwindet.
Also gut, dachte Jann, Du willst es ja nicht anders. Noch einmal konzentrierte er sich und ging eine Stufe tiefer in das Kontrollmodul des Rollstuhls.
Er überlagerte die Systembefehle des Adapters und zwang die Zelle dazu, sich zum Aufladeprozess vorzubereiten. Das System protestierte mit einem internen Alarm, diese Prozedur während des Betriebes vorzunehmen. Jann ignorierte die Warnung und überging die
Sicherheitsschaltung. Die Energiezelle wurde zum wiederaufladen vorbereitet, ein Prozeß, bei dem die Zelle vorher ihre gesamte Energie entlud.
Jann fühlte förmlich, wie einige der Widerstände durchbrannten, als sein Rollstuhl auf unglaubliche 11 km/h beschleunigte. Die Menge, auf die er zu raste, starrte ihn erschrocken an und wich weiter zur Wand zurück.
Karl blieb fluchend hinter ihm.
Als Jann, begleitet von dem Jubel der Patienten über die Ziellinie fuhr, griff er im letzten Moment nach unten und schnappte nach der Mullbinde, welche die Ziellinie symbolisierte.
Karl fluchte. "Mistkerl! Das bekommst Du wieder!"
Jann hielt die Mullbinde hoch und wedelte mit ihr wie mit einer Flagge. "Die hättest Du doch sowieso nicht mehr gebraucht!"
Ein drängelndes Piepsen vom Rollstuhl und der Gestank von durchgeschmorten Leitungen lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sein Gefährt. Die Batterie war leer und der Motor stand kurz davor, durchzubrennen. Hastig schaltete er den Antrieb aus und deaktiverte die Verriegelung, damit seine Räder nicht blockierten.
Allerdings konnte er jetzt auch nicht mehr bremsen, und er war klug genug, nicht in die Räder zu greifen, diese manuell anzuhalten. Erstarrt schaute er auf die Fahrstuhltür, der er entgegen raste.
Nur wenige Sekunden vor dem Aufprall öffneten sich mit einem melodischen "bing" die Türen.
Jann kam hindurch, der Rollstuhl nicht. Er prallte mit den Rädern gegen die noch nicht vollständig geöffneten Türen und schleuderte Jann in die Liftkabine.
Instinktiv rollte Jann sich zusammen, um den Aufprall abzumildern. Er krachte gegen die Wand und blieb dort einige Sekunden benommen liegen, bevor er registrierte, das jemand hinter ihm stand.
Im Flur war es ruhig geworden.
Er drehte sich um.
Eilig verschwanden die letzten Patienten in ihren Zimmern. Karl und Suzi standen verloren nebeneinander und schauten betreten drein.
Neben Jann stand der Professor mit seinem Assistenten. Beide sahen mehr als ungehalten aus.
"Haben sie uns gehört?", fragte Jann mit einem vorsichtigen Lächeln.
"Wer nicht!", gab der Professor knapp zurück. "Ich sehe sie in Zwei Minuten in meinem Zimmer.
Ebenso ihren Freund.
Fräulein Winkler, sie kommen auch mit."
"Ja, Professor.", antwortete Suzi kleinlaut.
Wenn man in der Schule zum Direktor gerufen wird, und dann in Erwartung auf das aller schlimmste vor seinem Schreibtisch sitzt, würde man am liebsten in irgendeinem Mauseloch verschwinden oder einfach nur kotzen, oder beides.
Jetzt war es viel schlimmer.
Jann, Karl und Suzi saßen vor dem großen Schreibtisch, versuchten sich möglichst klein zu machen in ihren Stühlen und platzen fast vor Nervosität. Der Professor saß, anscheinend sehr gemütlich und ruhig in seinem Massagesessel und studierte irgendwelche Krankenberichte. Die drei Personen, die vor seinem Schreibtisch Blut und Wasser schwitzten, schien er kaum wahrzunehmen.
Jann fühlte sich elend.
Er trug nicht die Hauptschuld an dem Rennen. Das war, ganz allgemein betrachtet, die Idee des ganzen Flures gewesen. Er und Karl stichelten sich schon die ganze Zeit über und konkurrierten um alles und jeden. Sie machten die gleichen Frauen an, hatten die besseren Beziehungen zu den Ärzten und natürlich war jeder ein besserer Rigger als der andere, ungeachtet der Tatsache, daß keiner von den beiden je eine Fahrzeug mit dem neuen Implantat gesteuert hat, den Rollstuhl mal nicht mitgezählt.
Auf dem Flur, wo unter den Patienten eine Epidemie der Langeweile herrschte, wurden Jann und Karl immer wieder aufgefordert, ihre Rivalitäten endlich mal beizulegen und in einem Wettrennen zu beweisen, wer denn nun wirklich der Bessere ist.
Jann und Karl waren die einzigen Rigger zu dieser Zeit auf dem Flur, das machte die Angelegenheit für alle Anwesenden besonders spannend. Selbst Suzi konnte sich dem nicht entziehen und erklärte sich nach einigem Zögern dazu bereit, die Schiedsrichterin zu spielen.
Ein Entschluß, den sie jetzt bitter bereute.
Jann wußte nicht, was an einem Rennen auf dem Flur so schlimm sein sollte, es war ja alles unter Kontrolle. Es gab keine kritischen Fälle, die man in Gefahr hätte bringen können. tatsächlich waren auf dem Flur größtenteils Leute, die sich das eine oder andere einfache Implantat haben einsetzen lassen, hauptsächlich Datenbuchsen. Außerdem war dafür gesorgt worden, daß niemand verletzt werden würde.
Das einzige, was Jann wirklich Sorgen machte, war, daß er den Rollstuhl zu Schrott gefahren hatte. Damit, so war er sich im klaren, würde er nicht so leicht davon kommen.
Der Professor räusperte sich.
Die Drei Personen vor seinem Schreibtisch versteiften sich und starrten nervös auf den Professor.
"Die Frage, was sie sich dabei gedacht haben, erübrigt sich, denke ich.", begann dieser.
"Ebenso die Anmerkung, daß dies ein Krankenhaus ist, und nicht Indianapolis, ganz zu schweigen von den Risiken, die sich aus dieser Leichtsinnigkeit für die Patienten und natürlich für sie ergaben. Die eigentliche Frage besteht darin, wie ich jetzt weiter mit ihnen verfahren werde.
Ich denke..."
"Es war meine Schuld!!", riefen Jann und Karl wie aus einem Munde.
Der Professor unterbrach sich und schaute die beiden finster an. Jann sank tiefer in seinen Stuhl, die Vorstellung, wie eine Maus in ihr Mauseloch kroch und sich dort übergab, schlich wieder in sein Gehirn, Karl betrachtete sehr interessiert einen Fussel im Teppich.
"Ich weiß, daß keiner von ihnen beiden die Idee zu diesem Rennen hatte. Bevor ihr zu mir gekommen seid, waren ungefähr die Hälfte der Patienten aus ihrem Flur bei mir und haben allesamt versucht, die Schuld auf sich zu nehmen. Sie scheinen beide einen hohen Beliebtheitsgrad zu haben, der nicht nur aus ihrer ständigen Konkurrenz und der chronischen Langeweile eines Krankenhauses resultiert.
Das, und der überaus glückliche Umstand, daß keiner zu Schaden gekommen ist, sind die einzigen Gründe, warum ich keine Meldung mache.
Herr Laumbardt, sie werden sowieso in Zwei Tagen entlassen. Insofern wäre eine Anzeige oder eine entsprechende Auflage, die ihren weiteren Aufenthalt im Krankenhaus betrifft, nicht sonderlich sinnvoll. Ich kann doch davon ausgehen, daß sie die letzten Zwei Tage, die sie hier noch verbringen werden, keinen weiteren Ärger mehr provozieren werden, und daß ich sie, sollten sie sich irgendwann einer weiteren Modifikation unterziehen wollen, sich ein anderes Krankenhaus suchen."
"Selbst...selbstverständlich!" Karl nickte heftig.
"Das höre ich gern." gab der Professor zurück. "Sie können gehen."
"Ja, Professor. Danke, Professor!" Karl stand auf und verschwand aus dem Zimmer, so schnell, wie es die Situation erlaubte.
"Fräulein Winkler, bitte warten sie draußen, während ich mit Herrn Reuter rede."
Suzi stand, leicht irritiert und nervös dreinblickend auf und folgte Karl aus dem Zimmer.
Jann blieb allein mit dem Professor zurück und wünschte, er würde nicht so schwitzen und seine Hände nicht so zittern.
"Herr Reuter," begann der Professor. Jann zuckte zusammen. "ihr Fall ist ein wenig schwerwiegender. Im Gegensatz zu Herrn Laumbardt haben sie Personen im Krankenhaus direkt gefährdet, schon allein durch ihre Aktion mit dem Fahrstuhl. Was wäre gewesen, wenn ein schwerkranker Patient in der Kabine gewesen wäre, und nicht mein Assistent und ich?
Außerdem haben sie den Rollstuhl, den das Krankenhaus ihnen bereitwillig zur Verfügung gestellt hat, schwer beschädigt.
Auch wenn dieses Rennen nicht direkt ihre Idee war und letztendlich keiner direkt zu Schaden gekommen ist, haben sie doch teilgenommen und mitunter den meisten Ärger verursacht.
Eine Sache ist allerdings sehr erstaunlich." Der Professor stand auf und ging um den großen Schreibtisch herum.
"Das Personal aus der technischen Instandhaltungsabteilung, und im übrigen auch meine eigene Person, finden es verblüffend und irgendwo auch bemerkenswert, wie sie es fertiggebracht haben, den Rollstuhl zu solchen Leistungen zu bringen, für die er eigentlich nicht konzipiert ist."
Jann grinste schüchtern und mit einer Spur unverhohlenem Stolz. "Nun ja,...", wollte er erklären.
"Glauben sie nicht, daß ihnen aufgrund dieses zweifelhaften Geniestreiches alles verziehen wird. Sie haben ein sehr teures Gerät beschädigt.
Herr Kaemper, ein Freund von mir aus der Instandhaltungsabteilung und zufällig der Leiter derselben würde sich gerne mal mit ihnen unterhalten. Ihn interessiert, wie sie diesen Trick mit dem Rollstuhl zustande gebracht haben.
Des weiteren werden sie natürlich den Schaden am Rollstuhl bezahlen, der, zu ihrem Glück, nicht sehr stark beschädigt ist. Dazu wollte ihnen Herr Kaemper auch noch etwas erzählen."
Der Professor ging wieder zurück zu seinem Sessel und sah Jann streng an.
"Sie sind ziemlich gut davongekommen, daß ist ihnen hoffentlich klar." Jann nickte heftig. "Na, dann hoffe ich, daß sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes hier keinen Ärger mehr machen. Wenn wir uns soweit im klaren sind, dann können sie gehen.
Ach ja, und schicken sie Fräulein Winkler rein."
Jann stand auf, blieb aber vor dem Schreibtisch stehen. Der Professor hatte sich wieder gesetzt und beschäftigte sich mit seinem Tabletop.
"Äh, Professor?", begann Jann unbeholfen.
"Was gibt es noch?", antwortete dieser, ohne von seinem Computer aufzublicken. In seiner Stimme klang ein leichter Ton von Ungeduld mit, der Jann aber nicht entging.
"Es geht um Suzi."
Der Professor blickte auf. "Sie meinen Fräulein Winkler?"
"Äh, Ja. Fräulein Winkler." Jann spielte nervös mit seinen Fingern. "Wenn sie gleich zu ihnen kommt...
Also, ich bitte sie, lasten sie ihr wegen der Sache mit dem Rennen nichts an. Sie hatte nichts damit zu tun."
"Nicht?", hakte der Professor nach.
"Nein. Ich habe sie dazu überredet.", gab Jann zu. "Ich, ähm, finde Suzi, ich meine Fräulein Winkler sehr nett, und deswegen hatte ich sie dazu überredet, beim Rennen die Schiedsrichterin zu spielen. Zuerst wollte sie gar nicht, aber ich habe sie letztendlich doch dazu gebracht. Ich kann manchmal sehr überzeugend sein, Dummerweise.
Ich wollte nur sagen, Su...Fräulein Winkler trägt bei der ganzen Sache keine Schuld."
"Ja, ich weiß.", antwortete der Professor und schaute wieder auf den Flachschirm seines Computers.
"Ja? Von wem?!", wunderte sich Jann. "Außer mir weiß das keiner!"
"Schon möglich, aber mir war klar, daß sie dahinter stecken mußten. Fräulein Winkler ist eine sehr pflichtbewußte Krankenschwester. Es ist absolut nicht ihre Art, sich zu solchen Dingen hinreißen zu lassen. Ich war mir sicher, daß ihr ungesunder Einfluß daran Schuld sein muß."
"Oh."
"Trotz allem hätte sie sich nicht darauf einlassen sollen. Das ist, bei aller Freundlichkeit, immer noch ein grober Pflichtverstoß, für den sie sich verantworten muß.
Natürlich wird ihre sonst so vorbildliche Arbeitsweise die Umstände ein wenig mildern, wie es im Übrigen auch meine Meinung über sie beeinflußt, daß sie ihre Mitschuld für Fräulein Winklers Ausrutscher zugegeben haben." Der Professor lehnte sich zurück und sah von seinem Tabletop auf. "Wenn das dann alles war, schicken sie bitte Fräulein Winkler herein." Sein Gesichtsausdruck machte deutlich, daß er die Unterhaltung als beendet betrachtete und jede weitere Unterhaltung sicherlich Konsequenzen für Jann tragen würde.
Also ging er.
Draußen, vor der Tür zum Zimmer des Professors, saß Suzi auf einer Bank und sah aus wie Häufchen Elend. Das lange Warten auf die mit Sicherheit unangenehme Unterredung mit dem Professor hat sie sichtlich fertig gemacht und ihre Nervosität ins unermeßliche gesteigert.
In ihren Augen spiegelten sich unterdrückte Tränen, als Jann auf sie zuging.
"Der Professor möchte Dich jetzt sprechen.", sagte Jann knapp.
Suzi stand mechanisch auf und bewegte sich zur Tür.
"Hey.", sagte Jann sanft und hielt Suzi am Arm fest. "Mach Dich nicht fertig. Es wird alle nicht so schlimm werden. Der Professor ist echt ein gütiger Mensch. Er hat sogar mir verziehen."
Suzi starrte Jann an. "Echt?!"
Er wiegte seinen Kopf "Na Ja, so direkt nicht. Aber er war echt gnädig. In Wirklichkeit hätte das alles mir mein Genick brechen können. Mach Dir also keine Sorgen.", beruhigte er sie.
"Wird schon schiefgehen."
Suzi versuchte zu lächeln, aber sie war doch viel zu nervös, so daß man den Versuch als Ergebnis nehmen mußte.
Sich selbst einen Ruck gebend, öffnete sie die Tür und ging in das Zimmer des Professors.
Jann setzte sich auf die Bank und wartete.
Fast schon wünschte er sich, irgend eine Art von Wutgeschrei oder lauter Diskussion zu hören, denn durch die Tür kam kein Laut.
Er wußte, daß der Professor ein besonnener und rationaler Mensch war, der sich zu solchen Gefühlsausbrüchen nicht herab lies, immer seine Form bewahrte.
Und mit Sicherheit war auch diese verdammte Tür schalldicht.
Trotzdem mußte sich Jann mühsam beherrschen, nicht zu lauschen.
Was dauert das nur so lange, bangte er.
Suzi hatte doch mit allem nichts zu tun! Oder hatte der Professor vergessen, was er dazu gesagt hatte?
Endlich ging die Tür auf und Suzi kam auf den Flur. Ihr Gesicht sah nach Weltuntergang aus.
Jann trat hastig an sie heran und schaute sie erwartungsvoll an, fragte aber nicht.
Als Suzi jedoch keine Anstalten machte, zu reden, sprach er sie doch an.
"So schlimm?", fragte er.
Sie sah ihm wütend ins Gesicht. Ihre Augen schimmerten rot vor den mühsam unterdrückten Tränen.
"Was glaubst Du denn!?", keifte sie. Jann wich erschrocken zurück.
"Ich...Ich dachte...ich hatte doch...", stammelte er.
"Natürlich hat das Konsequenzen für mich, ich arbeite schließlich hier! Denkst Du er läßt so etwas einfach so durchgehen?", sie schluchzte. "Er hat mich auf die Eins versetzt. Für ganze Drei Monate!"
"Mehr nicht?", fragte Jann verwundert. Das klang doch nicht so schlimm.
"Auf die Eins versetzt zu werden, ist eine Art Strafe. Da geht keiner hin, wenn es sich nicht irgendwie vermeiden läßt. Nur Oberschwester Magret. Und mit der will auch keiner arbeiten. Die Frau ist knochenhart zu ihren Kollegen! Ich mußte einiges tun, bevor ich hierher versetzt wurde.
Der Professor sagte mir noch, daß ich von Glück reden kann, daß ich keinen Eintrag in meine Akte bekommen habe.
Wäre mir fast lieber gewesen."
"Das sagst Du nur so.", tröstete Jann. "Glaub, mir, das wird schon nicht so schlimm."
"Woher willst Du das denn wissen?", schrie sie ihn an. "Du arbeitest doch nicht hier!
Ach verdammt.", sie schluckte und fing an zu weinen. "Das ist alles Deine Schuld!", schluchzte sie.
"Was?", Jann starrte sie an. "Ich konnte doch nicht ahnen..."
"Natürlich nicht!", unterbrach sie ihn. "Das kann man nachher immer sagen! Jetzt komm mir bloß nicht mit dem Spruch, ´Du hättest eben nicht auf mich hören sollen´!"
Jann stand ratlos neben Suzi. Etwas in dieser Art ging ihm durch den Kopf, aber er verkniff es sich geistesgegenwärtig. Jetzt wußte er nicht mehr, was er sagen sollte.
"Vielleicht reden wir noch mal mit dem Professor.", schlug er vor.
"Klar", höhnte Suzi. "Damit wir es noch schlimmer machen, als es jetzt schon ist!"
"Mensch, Suzi..."
"Ach , laß mich Doch in Ruhe!!", fauchte sie ihn an und ging davon.
Jann schaute ihr verwundert hinterher.
Jetzt übertreibt sie aber ein wenig, fand er.
"Und?", fragte Karl, "Haben sie Dir die Fahrerlaubnis entzogen?"
Jann ignorierte das breite Grinsen seines Kontrahenten. "Mit Losern rede ich nicht.", gab er trocken zurück.
Karl grinsen verschwand. "Mal im ernst Kumpel, was haben sie Dir aufgebrummt?"
Jann zuckte mit den Schultern. "Ich muß den Rollstuhl reparieren lassen, außerdem will der Typ aus der technischen Abteilung mit mir reden."
"Da will ich dabei sein!", rief Karl dazwischen. "Du mußt mir unbedingt erzählen, wie Du das mit dem Rollstuhl geschafft hast."
"Sicher!", höhnte Jann, "Damit Du hier reihenweise die Patienten über den Haufen fährst."
"Hey!", mahnte Karl. "Wer ist den hier der Raser? Abgesehen davon, wenn Du den Trick noch mal hinkriegst, aber diesmal ohne, daß der Rollstuhl dabei durchschmort, bin ich vielleicht dabei."
"Ich habe erst mal genug von Wettrennen.", sagte Jann und ließ sich in sein Bett fallen. "Das hat mir mehr Ärger eingebracht als Freuden."
"Hey, das war nicht unsere Idee." Karl setzte sich auf. "Der Flur wollte das. Mir ist egal, wer von uns beiden der Bessere ist."
Jann drehte seinen Kopf. "Ach wirklich?"
Karl breitete die Arme aus. "Ja!", antwortete er verblüfft, als wäre dies der einzig logische Gedanke. "Ich bin nicht so ein Konkurrenztyp. Ich muß nicht andauernd anderen Leuten beweisen, was ich draufhabe, so wie Du. Ich wollte Dich halt ein wenig provozieren, deswegen immer die Sprüche.
Und Du bist natürlich voll drauf eingestiegen!"
"Und warum hast Du dann mitgemacht?", fragte Jann.
"Weil es hier stinklangweilig ist. Wir haben den Leuten doch eine tolle Show geboten.
Ich habe eben nicht gedacht, daß etwas passieren könnte. Und hättest Du nicht Deinen Motor in einen geschmolzenen Klumpen Isoliergummi verwandelt, wäre es ja auch nicht so schlimm geworden, besonders für Dich nicht. Wo ist eigentlich Suzi?" Karl sah sich suchend um.
Jann verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und schaute zur Decke.
"Die wurde versetzt.", brummte er.
"Echt?", rief Karl "Wegen diesem Rennen? Krasse Sache." Er schüttelte den Kopf. "Sie hatte doch gar nichts damit zu tun."
"Sag das dem Professor.", grummelte Jann. "Schon, daß sie dabei war und nichts dagegen unternommen hat, ist seiner Meinung nach ein mittelschweres Vergehen."
"Schade, sie war eigentlich sehr nett." Karl beugte sich zu Jann vor und grinste ihn an. "Du konntest sie doch auch gut leiden, oder?"
"Ging so.", log Jann.
"Erzähl doch nichts!", dröhnte Karl. "Du läufst doch allem hinterher, was zwei Titten und lange Beine hat. Und Suzi hat es Dir besonders angetan."
"Es wäre auch was geworden, wenn sie keinen Freund gehabt hätte!"
Karls Grinsen wuchs weiter in die Breite. "Sie würde eher mit einem Critter zusammen gehen, als mit Dir."
Jann funkelte seinen Kumpel zornig an. "Wenn Du Schläge haben willst, dann geht das auch direkter.", warnte er.
Karl hob abwehrend die Hände und wollte etwas sagen, wurde aber unterbrochen, als die Zimmertür aufflog und ein großer Kerl in das Zimmer stapfte. Auf seiner Lederjacke prangten die Logos von Saeder-Krupp, Mitsuhama, Fuchi und diverser anderer Konzerne, die gerade in Mode waren. Er sah aus wie aus einer Trid-Werbung für Haarwaschmittel entsprungen. Und sein Vater hatte eindeutig Geld, denn Das Leder, das er trug war echt und noch ziemlich neu. Es roch wie frisch aus dem Laden und war noch nicht eingetragen.
Er sah Jann an, der sich auf seinem Bett aufgerichtet hatte.
"Bist Du Jann Reuter?", fragte der riesige Schönling. Jann nickte.
Ohne ein weiteres Wort trat der Ledertyp an das Bett und packte Jann am Kragen und knallte ihm seine Faust ins Gesicht. Mit einem hellen Knacken brach die Nase und Blut schoß über das Hemd.
Karl wandte sich angewidert ab, hielt aber ein Auge auf die Szene gerichtet.
Jann, betäubt vor Schmerzen hielt sich mit einer Hand die blutende Nase. Durch seine halb geschlossenen Lider hindurch sah er verschwommen das Gesicht seines Angreifers.
"Hör mal zu, Du Penner!", zischte dieser zornig in Janns Gesicht. "Wegen Dir und Deinen Dummen Spielchen hab ich Streß mit meiner Freundin bekommen. Ich hätte nicht wenig Lust, Dir den einen oder anderen Gesichtsknochen zu deformieren!"
Jann stöhnte nur leise und versuchte benebelt, das Blut, das aus seiner Nase lief, irgendwie aufzuhalten.
Der Riese schaute ihn verächtlich an und ließ den Kragen los. Jann plumpste zurück auf das Bett.
"Ach, Du bist den Ärger doch gar nicht wert.", spie der Schönling aus und verschwand aus dem Zimmer.
Jann schaute auf seine blutverschmierten Hände und sog schmerzhaft die Luft ein.
Karl reichte ihm ein Handtuch.
"Banke.", blubberte Jann. "Bett, dad Du mir geholfn hat.", fügte er mühsam hinzu.
"Und mir meine Nase auch noch brechen?", Karl schüttelte sich. "Das tut doch sicher tierisch weh!"
"Argh!", kommentierte Jann. Umständlich richtete er sich auf.
Karl stand ebenfalls auf und half seinem Kumpel. "Du mußt den Kopf nach hinten halten.", behalf er. "Und benutz das Handtuch! Du blutest alles voll."
"Hrmpf!", schimpfte Jann durch das Handtuch in seinem Gesicht.
So erreichten beide das Aufsichtszimmer, wo eine geschockte Schwester gleich den Arzt rief und erste Hilfe leistete.
"Wie kann das nur passieren?", fragte sie verwundert und sah Jann kopfschüttelnd an.
"Das sollte ich eigentlich fragen.", sagte Karl ungehalten. "Oder er hier.", fügte er noch hinzu und zeigte auf Jann, der sich mittlerweile im angenehmen Rausch eines Neoskopolaminpflasters auf der Liege saß.
"Anscheinend kann hier jeder Hanswurst hereinspazieren und sich an die Patienten ranmachen.
So was nennt man dann auch noch Sicherheit."
Die Schwester schaute kurz auf und bedachte Karl mit einem bösen Blick. "Der Hanswurst, der hier gerade hereinspaziert kam, ist Suzis Freund.", erklärte sie gereizt, während sie Jann weiter behandelte. "Und zufällig ist er Howards Sohn, der derzeitige Leiter dieses Krankenhauses."
"Und das gibt ihm das Recht, die Patienten hier zusammenzuschlagen?", fragte Karl erstaunt. "Mann, das nenn ich mal Vetternwirtschaft!"
"Natürlich nicht!", gab die Krankenschwester wütend zurück. Jann zuckte. "Aber was soll ich mir denn dabei denken, wenn Suzis Freund hier auf die Station kommt? Vielleicht wollte er sie besuchen."
Karl hob eine Augenbraue. "Wurde Suzi nicht versetzt?"
"Schon.", bestätigte die Schwester . "Aber vielleicht wußte er das noch nicht. Die beiden, oder zumindest Suzi hängt die Beziehung nicht an die große Glocke, damit man ihr später nicht nachsagen kann, sie hätte hier irgendwas durch Beziehungen erreicht. Deswegen erzählt sie ihrem Freund auch nicht viel von der Arbeit. Ich glaube es interessiert ihn sowieso nicht."
"Klingt nach einem Arschloch.", kombinierte Karl.
"Ist er auch.", gab die Krankenschwester zu. "Aber Suzi ist wohl ziemlich in ihn verliebt. Er sieht ja auch gut aus." Sie zuckte mit den Schultern. "Muß sie wissen."
"Suusii", lallte Jann unvermittelt.
Karl tätschelte Jann tröstend die Schulter. "Ist ja gut."
Die Schwester biß sich auf die Lippen, um nicht vor Lachen loszuprusten.
"War das der Grund für die gebrochene Nase?", fragte sie dann.
"Oh Nein, ganz bestimmt nicht!", wehrte Karl ab. "Lassen sie sich daß von Jann erklären, wenn er wieder von der Narkose runter ist."
Jann saß wieder auf seinem Bett und betrachtete sein Gesicht mit einem Handspiegel. Vorsichtig betastete er seinen Nasenrücken.
Karl saß ihm gegenüber und betrachtete ihn über den Rand des Spiegel hinweg.
"Das ging aber schnell.", staunte er.
Jann nickte. "Die haben mir eine Sonderbehandlung gegeben.", erklärte er. "Sogar ein Magier war dabei."
Karls Augenbrauen verschwanden im Haaransatz. "Meine Güte.", kommentierte er. "Wahrscheinlich hat ihnen jemand erzählt, daß der Sohn vom Krankenhausleiter dir die Nase gebrochen hat."
"Glaubst Du, er hat es ihnen erzählt?", fragte Jann.
Karl schüttelte den Kopf. "Nee, der nicht. Ich denke, irgend jemand hat es seinem Vater gesteckt und der will Ärger vermeiden. Nachher verklagst Du noch jemanden. Und wenn er gute Beziehungen zu einem der hier angestellten Magier hat, ist das sicher billiger, die Sache so schnell aus dem Weg zu räumen."
Jann zuckte die Schulter. Ihm war letztendlich egal, wer es nun gesagt hat. Die Nase war so erstaunlich gut und schnell geheilt, man könnte meinen, sie wäre nie gebrochen worden.
Schmerzen hatte er auch keine mehr. Moderne Medizin, dachte er sich, aber es war wohl hauptsächlich die Heilmagie.
"Wow,", sagte er leise, "meine erste magische Behandlung."
"Hoffentlich auch Deine letzte.", konterte Karl. "Solltest Du jemals wieder eine brauchen, wird es wohl nicht wegen einer gebrochenen Nase sein!"
"Jann?", fragte eine Stimme von der Tür.
Beide drehten sich zur Tür. Suzi stand dort, die Klinke in der Hand.
"Jann.", wiederholte sie, als sie ihn sah. "Ein Glück, daß Du hier bist."
"Suzi!", rief er erstaunt, als sie auf ihn zukam und seinen Spiegel aus der Hand nahm.
"Laß mal sehen." Sie drückte seine Hände weg und befühlte seine Nase.
"Gott sei Dank.", sagte sie erleichtert. "Alles wieder in Ordnung. Josef kann so ein Idiot sein!"
"Aber ein kräftiger Idiot!", fügte Jann hinzu. "Übrigens, die haben mich mit allen Schikanen der modernen Medizin behandelt. Sogar Magie haben die eingesetzt."
Suzi nickte. "Ich weiß. Schließlich habe ich ihnen gesagt, wer der Typ war, der Dir das angetan hat.
Jann, es tut mir so leid! Ich wollte nicht, daß so etwas passiert."
"Was ist überhaupt in den Kerl gefahren? Ich habe ihn doch gar nichts getan. Oder läuft da etwas zwischen uns, was ich nicht mitbekommen habe?"
"Quatsch.", lachte Suzi über diesen törichten Gedanken. "Aber durch meine Versetzung auf die Eins wurden meine Arbeitsschichten neu eingeteilt. Daß heißt auch, daß ich nicht mehr soviel Zeit für Josef haben werde."
Josef war ein blöder Name, dachte Jann.
"Ich war ganz schön sauer auf Dich an diesem Abend. Als ich das Josef erzählte regte er sich tierisch auf. Allerdings mehr über die Tatsache, daß er mich nicht so oft sehen wird, als über meine Versetzung. Und das mißfiel mir irgendwie. Wir hatten dann einen ziemlich heftigen Streit.
Zum Schluß war er so sauer, daß er gleich losgehen wollte und Dich verprügeln. Ich sagte ihm, wenn er das täte, bräuchte er sich bei mir nicht mehr blicken zu lassen. Dann ging er einfach."
"Heißt das, daß Du jetzt wieder zu haben bist.", fiel Jann ein.
Suzis Gesichtsausdruck verfinsterte sich. "Du hast Dir Deine Nase eben erst gebrochen.", warnte sie ihn.
"Sorry,", murmelte er. "Sollte nur ein Scherz sein. Es tut mir leid, daß ich Dir soviel Ärger gemacht habe. Ich hoffe nicht, daß ich etwas zwischen euch kaputt gemacht habe."
Das war glatt gelogen, aber Jann dachte, es könnte gut sei, so etwas zu sagen.
Suzis Miene hellte sich wieder auf. "Nein, ich denke nicht. Diese Art von Diskussion haben wir öfter. Josef ist manchmal ein bißchen Impulsiv."
"Sag ihm mal, daß diese Art von Impulsen nicht gut für meinen Nasenrücken sind.", grummelte Jann.
Suzi kicherte.
"Verzeihst Du mir?", fragte er schüchtern und schaute angestrengt auf seine Schuhe.
Sie gab ihn einen Klaps auf die Schulter. "Aber ja. Es war auch meine Schuld. Ich hätte das gar nicht mitmachen dürfen. Das nächste mal werde ich einfach nicht auf Dich hören und Dich gleich melden."
"Oh danke.", seufzte Jann.
Suzi sah auf die Uhr. "Ich muß wieder zurück. Meine Pause ist zu Ende. Und meine neue Kollegin ist ziemlich streng. Ich wollte nur sehen, wie es Dir geht."
Sie winkte und verschwand aus dem Zimmer. Jann sah ihr hinterher.
Karl unterdrückte mäßig ein Grinsen.
Jann wirbelte zu ihm herum. "Du weißt auch nicht, wann es Zeit ist, zu gehen und , wann zu bleiben!?"
Karl schüttelte den Kopf. "Ich will doch das spannendste nicht verpassen!"
Jann wandte sich ärgerlich ab und sah wieder zur Tür. "Sie steht auf mich, daß weiß ich!"
"In Deinen Träumen.", grinste Karl.
Jann sah auf den Wegweiser, nur um sicherzugehen, daß er sich nicht verlaufen hatte.
Das Krankenhaus war riesengroß und er war schon an Fünf Türen vorbei gegangen, die der Professor ihm beschrieben hatte, und alle sahen gleich aus. Und alle hatten keine Nummer.
Er ging dem beschriebenen Weg nach und erreichte eine große Doppeltür, diesmal mit einer Nummer und einem Schild:
TECHNISCHE ABTEILUNG FÜR
INSTANDHALTUNG
HERR KAEMPER
Als er sie durchschritt, hatte er das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.
Von dem antiseptischen Geruch, der sich durch das ganze Krankenhaus zog, war hier nichts zu bemerken. Statt dessen roch es nach Lötsonden, Metall, Öl, Gummi und Ozon.
Der gesamte, riesige Raum - Nein, Halle traf es wohl eher, sah aus wie eine große Werkstatt.
Überall an den langen Tischen arbeiteten Techniker an Platinen, medizinischen Untersuchungsgeräten, diversen Monitoren und verschiedenen Arten von Foltergeräten, in die man genesene Patienten hineinsteckte, um ihnen Bewegungen aufzuzwingen, von denen man annahm, daß sie dieselben auch vor der Operation im täglichen Leben ausgeführt hatten.
Jann schüttelte sich.
Rollstühle standen hier auch und weckten in Jann ein ungutes Gefühl. Er sah sich um, konnte aber seinen Rollstuhl nicht entdecken. Eigentlich sahen sie alle gleich aus, und auf den ersten Blick konnte er nicht erkennen, ob die Rollstühle eine Fahrzeugsteuereinrichtung besaßen, aber er dachte, daß es von dieser Sorte nur ganz wenige Stühle gab.
Jann wandte sich nach rechts und ging auf einen abgegrenzten Raum zu, der wohl das Büro sein sollte. Durch die verglasten Wände konnte er den riesigen Typen sehen, der hinter dem Schreibtisch saß und auf sein Tabletop starrte. Erst als er näher kam, erkannte er, daß der Typ am Schreibtisch ein Ork war. Und was für einer!
Die riesigen Pranken schienen kaum in der Lage zu sein, den kleinen Computer zu bedienen, der Stuhl sah aus, wie aus einer Puppenstube gestohlen. Der Ork hatte dunkle, sonnengebräunte Haut und einen kahlrasierten Schädel, auf dem zwei Datenbuchsen glänzten. Die blitzweißen Hauer ragten aus seinen Mundwinkeln heraus, die sich zu eine Art verschmitzten Lächeln kräuselten, so als hätte er das zu oft getan und nun könne er damit nicht mehr aufhören. Seine Augen hingegen lächelten nicht, sondern starrten weiterhin konzentriert auf den kleinen Bildschirm.
Bevor Jann an die Tür klopfen konnte, sah der Ork auf und schaute Jann fragend an.
Jann wollte seinen Zettel hoch zeigen, den er als Meldebestätigung von dem Professor bekommen hatte, aber der Ork winkte ihn herein und stand auf.
Jann trat durch die Tür und nahm all seine Beherrschung zusammen, um seinen Urinstinkten nicht nachzugeben und wegzulaufen. Der Ork war riesig! Wenigstens zwei Meter groß und mit Schultern, für die ein Troll morden würde. Jann hatte vorher nur wenige Orks gesehen. In der Arkologie gab es so gut wie keine, sie waren dort nicht gerne gesehen. Von dem Putzpersonal waren ein oder zwei Mitarbeiter Orks, aber die sah Jann nur, wenn er sehr spät nach Hause kam.
Auch Trolle hatte er nur von weitem auf einigen Baustellen gesehen. Aber noch nie war er einem Ork so nahe gewesen, und vor allem keinen, der so riesig war.
Als der Ork hin mit prüfenden Blick eingehend betrachtete, fühlte er sich auf eine unbewußte Art bedroht.
"Und? Was gibt's?", fragte der Riese barsch.
"Ich sollte mich hier melden.", stammelte Jann und hielt die Meldebescheinigung wie eine Art Schutzschild hoch.
Der Ork schaute auf den kleinen Zettel und griff unwirsch danach, um ihn genauer anzusehen.
Dann, plötzlich und unerwartet hellte sich seine Miene auf und das Gesicht legte sich in viele kleine Falten, als dieses verschmitzte Lächeln zurückkam. Die Augen wirkten auf einmal warm und Jann entspannte sich en wenig.
"Ha!", Lachte der Ork. "Du bist Jann Reuter, der mit dem Rollstuhl?!" Der Ork streckte sein riesige Hand aus. "Ich bin Herr Kaemper."
Jann griff zögerlich nach der Hand. Es tat nicht ganz so sehr weh, nachdem er sich darauf eingestellt hatte, daß seine Hand zermalmt würde.
"Sie sind Herr Kaemper?!", fragte Jann erstaunt.
"Ja,", antwortete der Ork und sein Blick bekam etwas gefährliches. "ist das ein Problem?"
"Nein!", wehrte Jann heftig ab und ihm fiel eiskalt ein, daß der Ork noch immer seine Hand zur Begrüßung hielt. "Nein, ganz bestimmt nicht. Es ist nur...ich habe noch nie vorher einen Ork gesehen. Zumindest nicht aus dieser Nähe." Im gleichen Moment bereute Jann seine Worte, weil er befürchtete, daß sie herablassend klingen könnten. Er war Metamenschen in Führungsämtern nicht gewohnt, außer Elfen vielleicht, aber er hatte keine Probleme damit. Zumindest würde er das nie direkt vor einem Metamenschen zugeben.
Aber der Ork lachte nur und ließ endlich seine Hand los. "Ah, Eines dieser verwöhnten Kastenmenschen! Wurdest Du in der Arkologie geboren?"
Jann nickte. "Kein Wunder!", lachte Herr Kaemper wieder. "Du hast noch nicht viele Orks gesehen, oder? Aber keine Angst, wir beißen nicht!"
"Hätte ich auch nicht gedacht.", murmelte Jann. Der Ork mußte wieder Lachen und gab ihm einen Klaps auf die Schulter, der Jann das Gefühl gab, er müsse vielleicht doch demnächst zu einer Physiotherapie.
Er führte Jann zu einem Tisch, auf dem ein zerlegter Rollstuhl lag.
Die Hülle des Elektromotors, der das Gefährt wohl früher angetrieben hatte, war von Kurzschlüssen rußgeschwärzt, diverse Kabel waren zu einem Klumpen von Kobalzid und Isoliermaterial verschmolzen.
Herr Kaemper sah auf Jann hinunter, der sich unter dem Blick peinlich berührt fühlte.
"Genau.", sagte der Ork, der den Gesichtsausdruck von Jann entsprechend deutete. "Das ist Dein ehemaliges Fahrzeug. Ich habe ihn noch nicht reparieren lassen, weil ich noch einige Fragen an Dich habe.
Die erste ist: Wie zum Teufel hast Du das hinbekommen!?"
"Oh, das war gar nicht schwer.", antwortete Jann verlegen. "Sie wissen sicher, daß ich mit einem anderen Patienten auf der Station ein Rennen gefahren bin." Herr Kaemper nickte.
"Ich wollte", fuhr Jann fort, "einen Vorteil in der Geschwindigkeit erreichen. Deshalb deaktivierte ich die Servoschaltkreise. Die Zelle gibt dann ein wenig mehr Energie ab, weil dann die Energierückführung nicht mehr funktioniert."
Der Ork winkte. "Das ist ein alter Hut. Außerdem ist der Geschwindigkeitszuwachs nicht sonderlich hoch."
"Ja, das habe ich auch gemerkt.", knurrte Jann. "Und der Typ, gegen den ich gefahren bin, hatte diesen Trick auch schon raus. So fuhren wir beide mit gleicher Geschwindigkeit, Kopf an Kopf voran.
Dann kam mir die Idee, die Energiezelle zu entladen."
"Während der Fahrt?!", wunderte sich Herr Kaemper.
"Ja. Ich überbrückte die Sicherheitsschaltung des Systemadapters und leitete die Aufladeprozedur ein. Wie erwartet entlud sich die Zelle vorher in einer Art Kurzschluß, damit sie beim wiederaufladen keine Restenergie mehr besitzt. Da die Zelle nicht an einer Ladestation angeschlossen war, gab sie ihre gesamte Energie an den Elektromotor ab und ich gewann das Rennen."
"Und hast dabei den Motor verbrannt.", schloß Herr Kaemper. Er pfiff leise durch die Zähne.
Das war etwas, was Jann ein wenig in Staunen versetzte, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie man das mit den beiden Hauern anstellen sollte. Er war nicht einmal naß geworden.
"Ein erstaunlicher Trick. Darauf wäre ich nicht gekommen."
"Der war gut, nicht!", verkündete Jann stolz."
"Nein, gefährlich.", korrigierte der Ork und entfernte die Deckplatte von dem Antrieb des Rollstuhls. "Schau Dir die Widerstände an."
Jann tat, wie ihm geheißen. Er sah nur eine verkohlte Masse. Hier und da waren einige Widerstände noch intakt, aber sie waren zu geschwärzt, als daß man ihre Kennung identifizieren konnte.
"Du konntest von Glück reden, daß die Zelle schon fast verbraucht war.", kommentierte der Ork. "Die Widerstände sind nicht dafür ausgelegt, mit solchen Energiemengen zurechtzukommen. Wäre die Zelle nur zur Hälfte voll gewesen, wären alle Widerstände auf der Stelle durchgebrannt und der Rollstuhl hätte Feuer gefangen."
Jann schluckte und schaute auf die wenigen heil gebliebenen Widerstände von der Platine und fühlte sich auf einmal sehr Unwohl.
"Der Professor hat mir erzählt, daß ihr auf dem Flur für Sicherheit gesorgt habt. Ich habe ihm erzählt, daß ich das nicht konntet und ihm die Analyse des Rollstuhls geschildert.
"Dein Problem ist," holte er aus. "daß Du durchaus talentiert bist. Das habe ich mir schon gedacht, als ich den Rollstuhl auseinandernahm. Die Dinger sind Idiotensicher, und nur mit viel Mühe und Einfallsreichtum kann man das Gerät auseinandernehmen, so wie Du es getan hast. Nur leider fehlt Dir wichtiges Hintergrundwissen, und Du scheinst einen schlechten Einfluß auf Deine Mitmenschen zu haben, weil es Dir anscheinend gelingt, andere mit hinein zu ziehen und ebenfalls in Gefahr zu bringen."
Jann seufzte. "Sie sind nicht der erste, der mir das sagt."
"Auf jeden fall wollte ich Dir das zeigen, bevor ich Dir die Rechnung präsentiere.", sagte Herr Kaemper und grinste vergnügt. Jann schluckte.
"Ich hoffe, wenn Du Deine Ausbildung beginnst, machst Du nicht solche Dummheiten!", fügte der Ork hinzu.
"Ist ja nett, daß sie so um meine Karriere besorgt sind.", murmelte Jann.
"Das bin ich gar nicht.", erklärte der Ork. "Mir gefällt nur der Gedanke nicht, einen jungen Mann in einer Millionen Nuyen teuren Maschine zu wissen, bewaffnet bis an die Rosette, der solche Gedanken hat wie: "Was wohl passiert, wenn ich diese beiden roten Knöpfe gleichzeitig drücke?", während er gerade Patrouille um eine Arkologie fliegt, in der vielleicht meine Familie lebt!"
"Oh."
Das Lächeln des Orks bekam etwas, das Jann schwitzen lies.
"Was Du mit Dir selber anstellst, ist mir fast egal. Aber wenn jemand leichtsinniger Weise andere in Gefahr bringt, könnte ich regelrecht ausflippen!"
"Das glaube ich ihnen aufs Wort.", sagte Jann kleinlaut.
"Dann haben wir uns verstanden?!"
Jann nickte hastig. "Kann ich jetzt gehen?"
"Einen Moment noch.", sagte der Ork und holte einen flachen Kasten aus seiner Tasche hervor. An der Seite war eine Datenbuchse. "Ich habe die Ersatzteile für den Rollstuhl bestellt. Er muß nur noch repariert werden, was ich wohl persönlich erledigen werde. Allerdings sind meine Arbeitszeiten ein wenig teurer, da ich ein vielbeschäftigter Mann bin." Der Ork hielt Jann den kleinen Kasten hin. Er lächelte sadistisch, als Jann seinen Kredstab in die Buchse schob.
Jann stöhnte. Das Display am Apparat zeigte an, daß gerade 3200 Nuyen von seinen Ersparnissen abgezogen wurden. "N´schönen Tag noch.", warf ihm der lächelnde Ork zu.
Jann nickte nur und drehte sich um.
Herr Kaemper grinste noch immer, als der Junge Mann seine Werkstatt verließ.
Geld wirkt immer.
Wenn man jemanden etwas klarmachen will, daß er nicht vergessen soll, dann tut man ihm weh, oder nimmt ihm sein Geld, was im Endeffekt genau das gleiche ist.
Der Ork drehte sich um.
"Müller!", brüllte er. Ein schlacksiger Junge kam angerannt. Er trug einen Overall, der mit kleinen Brandlöchern und Graphit verschmutzt war. Der Junge war ein Azubi und hatte die zweifelhafte Ehre, seine Ausbildung unter den strengen Augen von Herrn Kaemper zu machen.
"Siehst Du den Rollstuhl dort?", fragte Kaemper den Jungen. Der drehte sich um und folgte dem Blick seines Lehrers. Dann wandte er sich wieder zu dem Ork um und nickte wortlos.
"Im Lager liegt gleich neben den Eingang ein Karton mit der Aufschrift "EB-24/R". Da sind die Ersatzteile für den Rollstuhl drin. Mach dich an die Arbeit."
Der Junge verschwand, um seine Aufgabe zu erledigen.
Jann winkte pflichtbewußt seinen Eltern ein letztes mal zu und verschwand im inneren des Boeing Commuters.
Er atmete auf. Es ist schon erstaunlich, dachte er bei sich, wie fürsorglich Eltern werden können, wenn man weggeht. Er war irgendwo froh, die beiden los zu sein.
Immerhin war er schon siebzehn und die beiden behandelten ihn, als würde er gerade eingeschult werden.
Wie auch immer. Jetzt begann ein ganz neuer Abschnitt in seinem Leben. Der Commuter würde ihn und einige andere Bewohner dieser Arkologie zum Flughafen bringen, wo ein Suborbitalflugzeug ihn nach Seattle und ein ganzes Stück näher an seine Träume bringen würde.
Er konnte es kaum erwarten, bis das kleine Shuttle endlich abhob.
Schließlich war es soweit, der Commuter hob mit jaulenden Motoren ab und drehte sich während des Vertikalfluges, um dann in einem langsamen Gleitflug zum Flughafen von Hannover zu fliegen.
Jann sah sich im Flugzeug um. Nur siebzehn weitere Passagiere waren mit ihm unterwegs. Zwei kannte er flüchtig, weil sie im gleichen Sektor wie seine Familie wohnten. Einer der beiden war ein Kollege seines Vaters gewesen und wurde nach Seattle versetzt. Eine Art Beförderung.
Die anderen waren ihm weitgehend unbekannt. Vielleicht hatte er die eine oder den anderen mal irgendwo im Einkaufszentrum oder woanders gesehen, aber bewußt erinnern konnte er sich an sonst niemanden von den Leuten, die im Flugzeug saßen.
Die restliche Zeit sah Jann aus dem Fenster. Er hatte Glück; heute war die Dunstglocke wegen des herannahenden Winters nicht ganz so dicht wie sonst, und in der Dämmerlicht der untergehenden Sonne sahen die orange glühenden Wolkenkratzer und Arkologien, in denen viele kleine Lichter der zahllosen Fenster und Autos auf der Straße fast Idyllisch aus. Er genoß die Aussicht und spürte einen Anflug von Heimweh, oder etwas ähnlichem.
Der Flug dauerte nur kurz.
Schon eine halbe Stunde später stand Jann inmitten des großen Flughafens und suchte vergeblich das Terminal für die Suborbitalflüge nach Übersee. Obwohl die einzelnen Schalter und die Wege dorthin Idiotensicher ausgeschildert waren, schaffte Jann es, verloren durch die Gegend zu laufen und zielsicher wie ein Lemming immer den falschen Weg zu nehmen. Schließlich fragte er völlig verzweifelt und leicht beschämt an der Information nach Hilfe.
Eine junge Frau mit Barbielächeln und Engelsgeduld erklärte Jann mit einer Stimme wie Karamellbonbons an einem heißen Tag den Weg bis in das kleinste Detail und drückte ihm dann einen Plan in die Hand, auf dem die einzelnen Wege zu den verschiedenen Terminals mit farbigen Linien markiert waren - genau wie auf dem Boden des gesamten Flughafens - und schickte ihn dann fort. Sie war wohl solche Idioten wie ihn schon gewohnt, dachte Jann.
Tatsächlich schaffte er es mit der Beschreibung der Angestellten und dem Plan, sein Terminal nach nur fünfzehn Minuten zu erreichen.
Er gab sein Gepäck ab und bekam die Bordkarten ausgehändigt.
Viel Zeit blieb ihm nicht, deshalb ging er sofort an Bord, aber nicht ohne sich noch einmal die Zeit zu nehmen, das Suborbitalflugzeug durch eines der großen Fenster zu betrachten.
Die untergehende Sonne warf ihr letztes rotgoldenes Licht auf die metallene, blank polierte Oberfläche des Flugzeuges und dramatisierte den Augenblick.
Jann stockte der Atem.
Es war wunderschön. Der riesengroße Leib des Flugzeuges hatte gewundene, fast undirdische Formen, als wäre er aus einem ganzen Stück gegossen worden und erstarrt. Kleine Stummelflügel am Ende des Rumpfes, hinter denen die Schatten der riesigen SCRAM-Düsen zu erkennen waren, unterbrachen das ästhetische Gesamtbild und schienen der einzige Hinweis darauf zu sein, daß dieses Objekt nur eine Maschine war, von Menschen entworfen.
Ein weiterer Aufruf weckte Jann aus seiner Faszination und er reihte sich in die Menge der in den Gangway strömenden Massen ein. Eine Stewardeß lächelte ihn an, als er seine Bordkarte reichte und weißte ihm den Platz zu.
Es wäre ein Fensterplatz gewesen, wenn dieser Vogel Fenster gehabt hätte.
Aber Suborbitalflugzeuge hatten keine Fenster. Sie flogen zu schnell und zu hoch, als das es sicher ( und nicht zu teuer ) gewesen wäre, Fenster einzubauen.
Dafür gab es aber Außenkameras. Eigentlich für die Piloten als weitere Kontrollmaßnahme gedacht, konnte man über diese Kameras auf einem Bildschirm, der ihn die Rückenlehne des Vordermannes eingelassen war, die äußere Umgebung betrachten.
Die Stewardessen nahmen ihre Positionen im Gang ein und instruierten die Gäste per Intercom über die Vorschriften und Optionen während des Starts und des Fluges. Sicherheitsmaßnahmen wurden keine erklärt, was Jann einen Augenblick verwunderte. Dann fiel ihm ein, sollte etwas passieren, dann gab es keine Möglichkeit, die Passagiere irgendwie zu Landen. Ein Hüllenbruch in einer Höhe von 23 Kilometern und bei einer Geschwindigkeit von über Mach 20 - Jann wurde schwindelig, als er sich die Daten ins Gedächtnis rief - war in jedem Falle das Ende des Flugzeuges und der mit ihm reisenden Passagieren. Auch würden die Stummelflügel, sollte das Flugzeug nicht zerrissen werden, bei einer Bruchlandung nicht viel helfen. Jann beruhigte sich mit dem Gedanken, sollte unerwarteter Weise ein solcher Fall eintreten, er würde es nicht merken.
Ein sanftes rucken deutete darauf hin, daß das Flugzeug sich in Bewegung setzte und auf die Startbahn rollte. Jann stöpselte sich in das Terminal vor ihm ein; es war mit diversen Adaptern verbunden, so daß Passagiere, egal welche Art Datenbuchse sie besaßen, auf die Annehmlichkeiten einer kybernetischen Verbindung nicht verzichten mußten. Jann hatte auf diese Weise Zugriff auf die Menüoptionen und konnte sich den Kopfhörer sparen. Der Ton verzichtete auf den Umweg aber seine Ohren und erklang direkt in seinem Kopf.
Er schaltete sein Terminal auf die Außenkamera, die den rückwärtigen Boden zeigte. Jann stellte fest, daß sie schon lange auf dem Rollfeld waren und das Flugzeug gerade seine SCRAM-Düsen gezündet hatte. Daher der Ruck am Anfang.
Der Boden kippte im Bildschirm plötzlich weg und entfernte sich mit einer unwirklich erscheinenden Geschwindigkeit. Dann setzte der Andruck der Beschleunigung ein, als die SCRAM-Düsen zusätzlichen Schub erzeugten, um die Reisehöhe zu erlangen. Jann erinnerte sich an die Achterbahn, das Gefühl war so ähnlich. Man wurde in den Sitz gepreßt und war unfähig, seinen Arm zu heben, zumindest nicht ohne erheblichen Kraftaufwand.
Er schaltete auf die hintere Kamera, aber mittlerweile war nichts mehr zu sehen außer einer grauweißen Wolkendecke.
Dann lies die Beschleunigung plötzlich nach und der ungewohnte Druck auf seinem Brustkorb verschwand. Aus einer Idee heraus wählte Jann im Menü eine der vorwärtigen Kameras.
Wenn ein Flugzeug in 25 Kilometer Höhe schwebt, hat man einen atemberaubenden Blick auf die Erdoberfläche, die sich sichtbar gekrümmt unter der Wolkendecke erstreckt und hier und da etwas blau durchschimmern lies.
Einige Augenblicke lang genoß Jann diesen Anblick und wünschte sich ein Retinadisplay; der Adapter an der kleinen Konsole war nicht dazu ausgelegt, eine Bildübermittlung in einem Rigsystem zu erzeugen. Vielleicht war seiner auch defekt.
Der Captain des Flugzeuges meldete sich über das Intercom und begrüßte die Passagiere an Bord. Er erzählte kurz etwas über die Fluggeschwindigkeit, die Flughöhe und die Reiseroute, und nannte die ungefähre Ankunftszeit. Die letzte Auskunft überraschte Jann mehr als die beiden anderen.
Eine halbe Stunde, dann war er in Seattle! Klar, so ein Suborbitalflugzeug ist eine schnelle Sache, aber das wahre Ausmaß der Geschwindigkeit entzog sich seiner Vorstellungskraft und war vielleicht nur den Mathematikern auf den Papieren eine klare Größe, mit der sie nüchtern und ernst arbeiten konnten.
Kaum hatte der Captain seine Ansprache beendet, begann das Flugzeug mit dem kontrollierten Sturzflug und ein leichtes Gefühl der Schwerelosigkeit stellte sich ein, an das man sich schnell gewöhnte.
Als Jann sich wieder ausstöpselte, dachte er darüber nach, was ihn wohl bei seiner Ausbildung erwartete. Die Maschinen, die er dort zu bewegen lernen würde, waren bei weitem nicht so schnell und groß, aber die Manöver, die man mit einem Ruhrmetal Behemothbei annähernd 800 km/h hinlegen konnte, waren durchaus imstande, einem Piloten das Bewußtsein zu rauben, wenn er nicht aufpaßte.
Er fragte sich, ob er fähig war, sich an so etwas zu gewöhnen, wenn ihm schon die Kräfte in diesem Passagierflugzeug auffielen. Die anderen Gäste schienen davon kaum betroffen zu sein, bis auf einen, der gerade versuchte, in seine Brechtüte zu kotzen, und das bei nur 0,6 g. Zur sichtbaren Erleichterung seines Sitznachbarn kam gerade die Stewardeß zu Hilfe.
Die meisten anderen Fluggäste schienen sich einen Drek um die diversen Beschleunigungskräfte zu kümmern. Entweder waren sie es gewohnt oder Jann war ein Weichei. Er hoffte, ersteres war zutreffend. Und er fragte sich, wie das wohl bei einem semiballistischen Flugzeug sein würde.
Der Flug näherte sich seinem Ende.
Der Captain meldete sich noch einmal über Intercom und bestätigte, daß, der Zielflughafen zeitgemäß erreicht wurde. Jann unterbrach widerwillig die Verbindung zum Terminal; er hatte gerade einige interessante Informationszeitschriften über Verkehrsmaschinen gefunden.
Nur wenige Minuten später landete das Flugzeug auf dem Rollfeld. Jann dankte im stillen Gott, daß keiner klatschte. Bei den normalen Verkehrsmaschinen war dieser schreckliche Brauch noch Gang und Gebe und Jann haßte ihn.
Das riesige Suborbitalflugzeug kam zum Stehen.
Der Gangway wurde heran geschoben und die Türen öffneten sich mit dem hellen Zischen entweichenden Drucks.
Hier bin ich nun, dachte Jann.
Ich bin in Seattle.
Vor dem Flughafen auf dem für die Konzerne reservierten Parkplätzen stand ein kleiner Bus mit den Konzernfarben und dem Logo von Fuchi. Ein weiteres, etwas größeres Logo prangte direkt unter dem anderen. Es war das gleiche Zeichen wie auf seinen Bewerbungsunterlagen und enthielt die stilisierten Anfangsbuchstaben des Seattle Flight Camps.
Vor dem Bus stand ein Mann in einem Anzug, in seiner Hand ein Datapad, daß mit seiner Datenbuchse verbunden war. Er hatte kurzgeschorene Haare und beobachtete die Umgebung finster durch seine Sonnenbrille, auf der Suche nach Anwerbern, die den Bus vielleicht übersehen haben.
Jann ging auf ihn zu. "Guten Tag," sagte er und bemühte sein bestes Englisch. "Ich bin Jann Reu..."
"Ich brauche nur ihre Unterlagen.", unterbrach ihn der Mann tonlos. Jann zuckte mit den Schultern und reichte ihm den Chip mit dem Bestätigungsformular und seinen Kredstab.
Ohne ihn dabei anzusehen nahm der Mann beides entgegen und steckte sie nacheinander in sein Datenpad.
Nur einen kurzen Augenblick später reichte er Jann den Kredstab zurück, behielt aber den Chip.
"Herr Reuter?", begrüßte er Jann im perfekten Deutsch und weit freundlicher als vorhin.
"Mein Name ist Adrian Ohlsen. Willkommen in Seattle. Ich werde während der ersten Zeit ihrer Ausbildung ihr Ansprechpartner für Fragen und Organisatorisches sein."
"Danke. Freut mich sehr.", entgegnete Jann und schüttelte zögerlich die ausgestreckte Hand von Ohlsen. Der plötzliche Stimmungsumschwung verwirrte ihn ein wenig. Und das Händeschütteln war er auch nicht gewohnt. Ist wohl in den UCAS so üblich.
"Steigen sie bitte in den Bus.", forderte ihn der Mann auf. "Wir warten noch auf eine andere Maschine. Aber dieser Bus fährt schon in wenigen Minuten."
Jann nickte und stieg in den Bus.
Er war noch nicht sonderlich voll, und die wenigen, die schon da waren, schienen ihn kaum zu beachten. Einige schauten kurz auf und nickten ihm zu, widmeten sich aber gleich wieder den Gesprächen mit ihren Sitznachbarn. Kleinere Gruppen hatten sich zusammengefunden und führten angeregte Gespräche, was wohl auch der Grund war, warum ihn keiner sehr beachtete. Jann störte das wenig. Im Gegenteil, es nahm ihn eine ganze Menge von seiner Nervosität.
Er ging weiter nach hinten durch. Dort saßen einige Anwerber alleine. Einer lächelte ihn an und nickte ihm zu, was Jann ermutigte, zu ihm hinzugehen und ihn zu fragen, ob neben ihm noch frei wäre.
"Sicher", antwortete der fröhlich, "setz Dich nur."
Jann nickte dankbar und nahm Platz. "Ich heiße Jann Reuter.", sagte er und streckte die Hand aus. Sein Sitznachbar nahm sie zögerlich entgegen. Also auch nicht von hier.
"Chuck.", sagte dieser. Dann wiegte er den Kopf, als würde er sich an etwas erinnern. "Mein voller Name lautet Charles McBride, aber das klingt mir viel zu englisch."
"Du kommst aus England?", hakte Jann nach.
Chuck nickte. "Direkt von der Insel."
"Warum machst Du Dir den weiten Weg?", wunderte sich Jann. "Hat England nicht einer der besten Flugakademien?"
"Sogar mehrere.", ergänzte Chuck. "Aber denen beizutreten, kam für mich nicht in Frage."
"Wieso nicht?", fragte Jann. "Unter Umständen hättest Du dort mit Deinem Namen sogar einige Vorteile. Jeder würde dich verwechseln mit dem Sohn des Luftflottenadmirals McBride. Sicher könntest Du dort eine steile Karriere machen!"
Chuck schüttelte mißmutig den Kopf. "Eine Verwechslung wäre kaum möglich."
"Warum denn nicht? Es muß doch keiner wissen, daß Du...", Jann stutzte, als ihm der Wink endlich auffiel. Er fixierte Charles mit großen Augen und sein Kiefer klappte nach unten, wartete auf Worte, die nicht kamen. "Warte mal!", stotterte Jann endlich, als Lungen, Stimmbänder und Kiefer wieder ihre normalen, von der Natur zugewiesenen Aufgaben wahrnahmen. "Sag bloß, Du bist..." Chuck winkte hektisch ab.
"Sei bloß still!", flüsterte er panisch. "Das müssen ja nicht alle wissen!"
Jann starrte seinen Nachbarn fasziniert an und schüttelte den Kopf. "Ich faß es nicht,", sagte er leise, "Ich sitze neben dem Sohn einer Legende! Ich verstehe Dich nicht!!"
Chuck schaute demonstrativ an Jann vorbei. "Was meinst Du.", sagte er. Es klang so, als wüßte er die Antwort schon und wartete nur darauf, sie zu hören. Doch Jann war im Moment nicht fähig, unterschwellige Botschaften aus der Stimme seines Gegenübers heraus zu hören.
"Du könntest auf den Besten Schulen der Welt Deine Ausbildung machen!!" fuhr er unbeirrt weiter. "Du bräuchtest nur mit Deinem Namen winken!"
Jann griff sich mit einer Hand an den Kopf. "Mann, was hätte ich für solch eine Chance gegeben!
Wenn Du wüßtest, was ich durchstehen..."
"Jetzt halt mal den Rand!", fuhr in Chuck plötzlich an. "Hast Du schon mal daran gedacht, daß so ein Name auch ein Fluch sein kann?" Verärgert drehte er sich zum Fenster und schaute auf den Ausgang des Flughafens. "Ich könnte überall hingehen. Zumindest in England.", erklärte er "Dort gibt es eine Menge Flight Camps, die mich mit Handkuß empfangen würden und mir die Scheiße ungefragt vom Hintern wischen würden, nur weil mein Erzeuger eine Legende ist und jeder einen solchen Piloten in seiner Staffel haben will. Es interessiert sie gar nicht, ob ich wirklich Talent habe, oder ob ich vielleicht sogar etwas völlig anderes wollen könnte. Sie gehen einfach davon aus, weil ich eben aus einer großen Familie komme, die überragende Piloten hervorgebracht hat. Und weißt Du, was der Witz dabei ist?!"
Er wandte sich wider zu Jann. Der wich erschrocken ein wenig tiefer in seinen Sitz.
"Gleichzeitig setzen sie Erwartungen in mich. Ich muß wenigstens so gut wie mein Vater sein.
Wenn das nicht der Fall sein sollte, kann nur ein Fehler in der Bewertung sein. Das werden alle glauben oder glauben machen. Nur mein Vater nicht. Aber aus Angst und Respekt vor ihm würden es alle sagen. Aber außer ihm würden es auch noch die anderen Piloten nicht glauben. Die, die mit mir fliegen müssen. Und selbst die würden nichts sagen können, weil es sonst ihre Karriere beenden könnte!"
Chuck war nur wenige Zentimeter von Janns Nase entfernt. Seine Augen flirrten hin und her, weil er Janns Blick nicht mehr fixieren konnte. Seine Stimme war immer leiser geworden, bis sie fast heiser klang. "Kannst Du Dir in etwa vorstellen, was für ein Druck das ist?"
Jann wollte so etwas erwidern, hielt es aber für klüger, im Moment einfach nur zuzuhören.
"Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, als er selber noch in der Ausbildung war und hinter allem sein Großvater stand. Als ich mir diese Überlegung stellte, bekam ich eine fast panische Angst, daß unsere Familie nicht die Pilotenlegenden sind, wie man immer behauptet. Vielleicht war das einfach nur ein Turm von Lügen, über Generationen hinweg aufgebaut, weil irgend jemand in grauer Vorzeit mal etwas großartiges geleistet hatte."
Wieder machte Chuck eine Pause, um Luft zu holen, oder sich zu beruhigen. So genau konnte man das in dieser Situation nicht unterscheiden.
"Willst Du denn fliegen?", fragte Jann fast vorsichtig.
"Aber natürlich! Deswegen bin ich doch hier!"
Jann schaute ihn verwirrt an. Bis jetzt klang alles, was Chuck sagte, nicht so, als würde er freiwillig hier sein oder seine eigenen Träume verfolgen.
"Als ich mir diese Überlegung stellte, und sich diese Angst einstellte, habe ich mir zwei Dinge klargemacht: Zum einen kann es keine Lüge sein. Es mag ja viele Bereiche geben, in denen man dilettantisch glänzen kann, ohne daß jemand davon Wind bekommt, aber das gilt nicht fürs Fliegen.
Dort darf man sich keine Fehler erlauben. Erst recht nicht, wenn man unter den Besten fliegt.
Und der Zweite Gedanke: Es ist egal!
Auch wenn keiner unserer Familie irgendein Talent als Pilot vorweisen könnte. Ich habe den Wunsch zu fliegen, mehr als alles andere. Wenn etwas so stark ist, kann es nur richtig sein.
Dann spielt Talent keine Rolle. Das kann ich mit harter Arbeit ausgleichen!
Aber das kann ich nur, wenn ich mich völlig frei bewegen kann. Wenn mir nicht die ganze Geschichte des Militärs über die Schulter schaut.
Deswegen bin ich hier.
Und glaube mir: Ich hatte mit Sicherheit nicht weniger Probleme als Du, hierher zu kommen."
"Das glaube ich Dir.", murmelte Jann. "Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht, als ich zu quasseln anfing, das passiert mir öfter."
"Schon gut.", sagte Chuck und lächelte schief. "Ich hätte ja nicht so ausflippen müssen. Aber ich mußte mich damit schon so lange herumplagen und hatte gehofft, wenn ich erst mal hier in Seattle bin, dann habe ich all das hinter mir."
"Das Gleiche habe ich auch gedacht. Als ich hier ankam.", stimmte Jann zu. "Aber Du wirst nicht ewig geheimhalten können, wer Du bist. Unsere Vorgesetzten werden erfahren, wer Du bist, so bald sie Deine Unterlagen in der Hand halten. Hast Du keine Angst, daß doch jemand davon beeinflußt sein könnte?"
Chuck zuckte mit den Schultern. "Wir sind hier weit weg. Mein Vater ist nicht da, und es würde keinen Interessieren, wenn er da wäre. Hier hat er kaum soviel Einfluß wie in England.
Sicher gibt es viele im Flight Camp, die ihn wohl bewundern, aber die werden mich höchstens härter rannehmen. Weil sie wissen möchten, ob ich wirklich nach meinem Vater komme. Und das finde ich fair."
Jann nickte.
"Ich hoffe, ich komme nicht in Deine Gruppe." sagte er zum Abschluß. "Dort wären mir die Erwartungen zu hoch."
"Ich hoffe, du kommst in meine Gruppe." konterte Chuck. "Dann wirst Du wenigstens gezwungen, zu zeigen, was Du wirklich kannst!!"
Jann überlegte kurz und wiegte dann den Kopf.
"Auch gut", sagte er und grinste.
"Guten Tag, ihr Grünschnäbel!", quäkte es aus den Lautsprechern. "Wenn ihr eure Kleidung bekommen habt, und euren Quartiere zugewiesen wurdet, dann macht euch auf den Weg zum Appellplatz. Ihr habt noch genau dreißig Minuten Zeit!"
"Habt ihr das gehört?!", fragte Jann verzweifelt. "Macht, daß ihr in eure Klamotten kommt und dann nichts wie los! Es wäre nicht sehr förderlich, wenn wir schon am ersten Tag zu spät kommen!"
Aber keiner hörte ihm zu.
Jann stöhnte und lies sich auf sein Bett fallen. Er teilte sein Zimmer mit Chuck und einem Franzosen namens Jacques und er fühlte sich vom Schicksal mächtig verarscht. Die beiden stritten schon seit zwanzig Minuten um historische Ereignisse und Prinzipien, von denen Jann dachte, daß diese schon längst ausgestorben sind.
Aber es scheint egal zu sein, ob die Welt den Konzernen gehört und ob jeder Garten extraterritorial ist, Franzosen und Engländer würden sich wohl noch streiten, wenn die Sonne verglüht ist.
Jann hätte sich gerne noch ein wenig im Camp umgesehen und einige der anderen kennengelernt, aber das kann er jetzt wohl vergessen.
Als der Aufruf zum dritten mal kam, platzte ihm der Kragen.
"Könnt ihr nicht, verdammt noch mal, eure Fressen halten?!"
Das wirkte. Beide, Chuck und der Franzose hielten inne und schauten finster auf Jann.
"Ist doch wahr.", fügte er ein wenig kleinlaut hinzu. "Das sind doch Dinge, die seit Ewigkeiten kein Bestand mehr haben. Ihr seid in der gleichen Einheit und müßt zusammen fliegen. Wie soll das werden?! Wenn ihr natürlich Lust habt, eure uralten Streitigkeiten am Himmel weiterzuführen, ist mir das egal. Wenn ich aber dabei zu schaden komme oder jemand anderes, Prügel ich euch eigenhändig die Zähne in den Hals.!"
"Ah, der Krautfresser." entgegnete der Franzose.
"Spielt sich mal wieder auf. Typisch, für eine Herrscherrasse.", stimmte Chuck ein.
"Was soll das werden!?", fauchte Jann. Die beiden zuckten unwillkürlich zurück.
"Wollen wir jetzt die letzten hundert Jahre noch einmal durchkauen, oder lieber dafür sorgen, daß wir ab morgen nicht die ganze Zeit unserer Ausbildung Küchendienst haben!? Ich gehe jetzt auf jeden Fall. Und wer Lust hat, auch fliegen zu lernen kann ja mitkommen."
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging laut stapfend durch den Korridor zum Hofausgang. Trotzdem konnte er hören, wie die beiden Streithähne ihm schweigend folgten.
"Ihr seid ein Nichts!", brüllte der Ausbilder mit dem Rang eines Sergeant und Jann hatte das Gefühl, so etwas schon mal irgendwo gehört zu haben. "Und ihr habt nicht die geringste Ahnung, welche Ehre euch zuteil wird!
Ihr bekommt ab heute die Chance, etwas besonderes, besseres zu werden, obwohl ihr es wahrscheinlich nicht verdient habt!
Und damit ihr wißt, was euch von dem gewöhnlichen Soldaten abhebt, werdet ihr die Grundausbildung und eine spezielle Kampf- und Überlebensausbildung genießen.
Viele, die von euch Piloten werden, kommen in ein besonderes Programm, daß eine umgehende Schulung in verschiedenen Vehikeln umfaßt, die sich allesamt zu Lande und in der Luft bewegen.
Piloten, wie ihr es werden wollt, sind ein prädestiniertes Ziel dafür, hinter den feindlichen Linien abgeschossen zu werden. Und da der Konzern eine menge in euch investiert hat, will er auch sichergehen, daß er es auch wieder zurück bekommt. Ich werde euch schlauchen und schleifen, bis ihr wahre Kampfmaschinen seid! Dann erst werden wir euch zeigen, wie man auch ein Werkzeug des Todes in der Luft wird! Und eines sage ich euch im voraus: Wer die Grundausbildung und auch die Spezialausbildung nicht mit den besten Ergebnissen besteht, kann seine Sachen packen und sehen ob ein anderer Konzern noch einen Vehrkehrspiloten braucht! Noch fragen?!"
Der Ausbilder schaute mit stahlharter Miene und Augen, die wohl auch Stein in zwei Teile schneiden konnten, in die eingeschüchterte Menge der jungen Anwärter.
Jann sah sich die Masse an. Keiner traute sich, irgend etwas zu sagen, aber er konnte deutlich sehen, daß viele an dem gleichen Gedanken nagten, wie er selbst. Jann meldete sich.
Der Ausbilder trat näher, bis Jann glaubte, durch dessen Nasenlöcher direkt in sein Hirn schauen zu können. "Ja?!", sagte dieser, lauter als nötig. Es war so still, daß man glaubte zu hören, wie Die Insekten den Atem anhielten.
"Äh, Sir....", begann Jann.
"Wie bitte!?", brüllte ihn der Sergeant an und Jann bekam eine neue Frisur. "Weißt Du nicht, wie man einen Vorgesetzten anspricht?!"
"Äh, Sir...?", stammelte Jann. Der Ausbilder explodierte.
"Wenn Du es weißt, Du Grünarsch, dann tu es gefälligst! Sonst werte ich das als Insubordination und Du wirst den kläglichen Rest Deiner Tage die Latrinen mit Deiner eigenen Zunge säubern!
Hab ich mich klar ausgedrückt?!"
Jann unterdrückte den Reflex, sich die kleinen Tröpfchen aus dem Gesicht zu wischen.
"Äh, Sir, Ja, s...?"
"Nein!", bellte der Sergeant und unterbrach Jann. "Wenn ich noch einmal dieses "äh!" von Dir höre, während Du mit mir redest, dann reiß ich Dir den Kopf an und ficke Deine jämmerlichen Überreste bis an das Ende aller Tage!! Hast Du mich verstanden!?!"
"Sir: Ja Sir!"
"ICH KANN DICH NICHT HÖREN!!", brüllte der Sergeant und ein weiterer Regenschauer ging über Jann nieder.
"SIR: JA, SIR!!", brüllte er zurück und bemühte sich um eine weit weniger feuchte Aussprache.
"Das wurde auch Zeit.", antwortete der Ausbilder. "Und jetzt stell Deine Frage!"
Jann glaubte, sein eigenes Herz zu verschlucken. Die Frage hatte er bei dem ganze rumgebrülle fast vergessen. Und mittlerweile traute er sich nicht mehr, sie zu stellen. Im Grunde traute er sich kaum zu atmen. Er befand sich in einer Zwickmühle. Wenn er die Frage nicht stellen würde, bekäme er mit Sicherheit eine neue Dusche von dem Ausbilder, weil der denken würde, Jann wollte ihn zum Narren halten, vor all den jungen Anwärtern, ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen, die dies nach sich ziehe würde. Allerdings würde ein ähnliches Schicksal auf ihn warten, wenn er die Frage stellen würde.
Na, wenn das so ist, kann ich es auch sagen, dachte sich Jann und holte tief Luft.
"Sir: Ich frage mich, wegen der harten Grundausbildung: Keiner hat uns darüber aufgeklärt, daß es wichtig ist, darin so gut abzuschneiden. Wir alle haben die Grundvoraussetzungen schon erfüllt, sonst wären wir ja nicht hier. Und es wäre nicht fair, wenn wir wegen Dingen durchfallen, die mit unsere eigentlichen Ausbildung nicht sonderlich viel zu tun haben...."
In der Menge blieben kollektiv die Herzen stehen und Jann spürte, wie alle ein schreckgeweitetes Auge auf ihn richteten. Jann wünschte sich augenblicklich, er hätte seine vorschnelle Klappe gehalten.
Der Sergeant starrte ihn so intensiv an, daß Jann befürchtete, sein Gehirn würde jeden Augenblick schmelzen. Zuerst dachte er, der Sergeant würde gleich explodieren und ihm dann anschließend den Kopf abbeißen und seine Drohung von vorhin ernst machen.
Dann aber entspannten sich seine Gesichtszüge und so etwas wie ein dünnes lächeln erschien auf den schmalen Lippen des Ausbilders. Janns Mund wurde trocken.
Der Sergeant drehte sich um und ging vor Jann langsam auf und ab.
"Wir haben hier einen ganz besonders schlaues Bürschchen!", erklärte er der Menge.
"Er kommt hierher, ist noch nicht einmal trocken in den Windeln und glaubt schon zu wissen, was wichtig ist und was nicht!
Nun, ich könnte jetzt meine wertvolle Zeit damit verschwenden, einem Haufen Gehirnloser den Sinn dieser Ausbildung zu erklären. Ich könnte ihnen etwas vom Maschinen erzählen, die mehr kosten als ein Menschenleben es jemals könnte und in denen ihr später eure Ausflüge unternehmt.
Ich könnte etwas von Extremsituationen erzählen und davon, daß sie nicht im extremen Fall passieren, sondern normaler Alltag für euch sein werden. Aber das weiß der Junge Herr wohl schon.
Deswegen habe ich beschlossen, auf Dich ein ganz besonders waches Auge zu werfen.
Ja, ich denke, ich werde Dich besonders bevorzugt behandeln. Es soll ja keiner nachher von Dir hören, der Sinn dieser Sache wäre Dir entgangen, weil man es versäumt hat, es Dir einzubleuen!!"
Der Sergeant baute sich vor den Anwärtern auf.
"Da das ja jetzt geklärt ist, kommen wir zu dem organisatorischem Teil. Ihr bekommt gleich eure Zuteilung und euren Stundenplan. Je nach Kategorie eurer Ausbildung werdet ihr in entsprechende Gruppen geteilt. Jede Gruppe besteht aus acht Mann und einem Unterweiser.
Einer aus der Gruppe wird der Gruppenführer sein. Die Einzelheiten erhaltet ihr von euren Unterweisern.
Wegtreten!"
Die Menge schlich sich hastig zu den Eingängen der Unterkünfte.
Das ist ja super, dachte Jann bei sich.
Ich bin kaum eine Stunde im Camp und schon habe ich mir selbst mehr ärger gemacht als eine Horde Wendigos in der Großstadt es jemals könnte!
Der Ork aus der Werkstatt hatte wohl recht: Ich bringe mich selber immer in Schwierigkeiten...
"Er haßt mich!", stöhnte Jann. Er lag auf seinem Bett und hatte das unangenehme Gefühl, sich nie wieder erheben zu können. Seine Knochen schmerzten und seine Muskeln waren nur noch verkrampfte, pulsierende Knoten. Seine Lunge brannte noch immer, ebenso wie die zahlreichen Schürfwunden, die seine Schultern und Arme sowie Beine überzogen. Von den vielen Prellungen ganz zu schweigen.
Chuck und Jacques saßen neben seinem Bett auf ihren Stühlen und betrachteten ihn mit einer Mischung aus Mitgefühl und makabrer Belustigung.
"Quatsch!", antwortete Chuck.
"Är ´asst Disch nischt!", gab Jacques hinzu. "Är will nür, dass Dü ein pärrfekter Solda wirrst!"
Jann seufzte. Trotz der langen Zeit, die sie hier waren, hatte Jacques es noch immer nicht geschafft, seinen Akzent abzulegen. Obwohl er deswegen schon öfter vom Sergeant deswegen angemacht wurde, schien es ihm nicht zu gelingen, seine Sprache zu verbessern. Der Sergeant hatte es schließlich gelassen und gesagt, wenn er ein guter Soldat wird, ist es egal, was für einen Akzent er spricht, solange ihn alle verstehen. Deshalb beschränkte er sich nur noch auf Diskriminierung.
Nicht so bei Jann.
Bei ihm bemühte er sich, deutlich zu zeigen, was für eine niedere Lebensform er doch wäre.
Die Grundausbildung war an sich schon hart, Jann mußte ständig an der Spitze laufen und immer ein Extrarunde, wenn es um körperliche Ertüchtigungen ging. Schon für kleinste Unaufmerksamkeiten mußte er Liegestütze machen oder wieder einige Runden um den Exerzierplatz laufen. Wenn dann wieder die Gewaltmärsche auf dem Plan standen, bekam er immer das schwere MG. Auch bei den Schießübungen wurde Jann aufs härteste kontrolliert. Oft bekam er Rügen und Geschrei von seinem Ausbilder zu hören, ohne zu wissen, was genau er nun falsch machte. Generell war er gezwungen, selbst herauszufinden, wo der Fehler lag. Meist machte er auch keine Fehler. Der Seargant wollte nur austesten, wie gut Jann unter Stress seine Aufgaben erledigte. Nur nahm er es bei ihm ein wenig genauer, fand Jann.
Dann war die Grundausbildung vorbei. Alle, die diese Tortur erfolgreich hinter sich gebracht hatten - und in dieser Abteilung war jeder erfolgreich - hatten nun einen Rang erreicht. Den Untersten, wohlgemerkt, aber immerhin waren alle einen Schritt weiter.
Dann kam die Spezialausbildung.
Das war eigentlich eine Erweiterung der Grundausbildung, wo sie gelernt hatten, wie man sich im Militär verhält und welche Ränge wem etwas zu sagen hatten, sowie den Umgang mit den verschiedenen Waffen, nicht zu vergessen das harte körperliche Training!
In diesem Teil lernten sie jedoch ein wenig mehr über die Waffen, die nicht so gewöhnlich waren.
Sie lernten, mit einem Laser umzugehen, der tragbaren Ballista und anderen optischen und sensorischen Ein-Mann-Zielsystemen, sowie diverse Waffen für den Nahkampf.
Sie lernten Taktiken, wie man alleine, in Zwei- und Drei- bis Vier-Mann-Teams einen überlegenen Gegner ausschaltete oder umging, und sie wurden extremen Streßsituationen ausgesetzt, während sie das Gelernte in simulierten Situationen umsetzen mußten. Sie wurden einem harten Überlebenstraining ausgesetzt, daß sie wünschen ließ, nur einen Tag mal wieder einen Gewaltmarsch zu machen, nur um ein wenig Erholung zu haben. Letztendlich wurde ihnen klar, das dies alles eher ein Belastungstest und -training war um sie auf das vorzubereiten, wovon man glaubte, daß es einem selber niemals passieren könnte.
Und dann kam das Nahkampftraining. Vor dem Part hatte sich Jann gefürchtet.
Und es war genauso, wie er es sich in seinen Alpträumen ausgemalt hatte. Er war das Vorführobjekt für den Sergeant, war der Trainingspartner und der Punchingball. Und immer war er derjenige, der nicht schnell genug oder gut genug lernte.
Der Sergeant war ein kleiner, athletischer Mann mit einem Gesicht aus Granit und eben solchen Muskeln. Er war, daß wußte Jann mittlerweile, vercybert. Seine Reflexe waren übernatürlich schnell und seine Kraft ging über die eines normalen Menschen weit hinaus. Schläge auf die nackte, leicht silbrig glänzende Haut schien er kaum wahrzunehmen. Jann lernte schnell, gezwungenermaßen.
Er war einer der Besten in seiner Truppe, aber das brachte ihm wenig. Gegen seinen Ausbilder hatte er einfach keine Chance. Außer seinem Riganschluß hatte er keinerlei Cyberware, die ihn einem körperlichen Vorteil gaben und so war er dem Sergeant schlichtweg unterlegen.
Der Sergeant schien es sich zu Aufgabe gemacht zu haben, Jann aus der Truppe zu prügeln.
Jann hingegen arbeitete auf den Tag hin, wo er den Sergeant auf die Matte legen würde, wohl wissend, daß dies nie eintreffen würde. Aber er weigerte sich, einfach so aufzugeben.
Soeben lag eine weitere Trainingsstunde hinter ihnen. Sie waren in ihrem Kurs, wie man mit einem Klappspaten einen Menschen auf zweiundsechzig verschiedene Arten sofort töten konnte.
Jann fühlte sich wie der Klappspaten selber. An ihm wurde mit Hilfe eines Polsterspatens gezeigt, welches die verwundbaren Stellen waren und wie man auf sie einschlug. Sie lernten auch, wie man sich wirksam dagegen verteidigte, wenn ein anderer die gleiche Idee mit dem Klappspaten hatte. Jann allerdings zweifelte ein wenig daran. Wie soll er wissen, daß seine Verteidigung wirklich wirksam ist? Wie immer mußte er gegen den Sergeant antreten, und wie immer war sein Gegner so dermaßen schnell, daß er die Attacken meist gar nicht richtig kommen sah.
Chuck und der Franzose sahen auf die jämmerliche Gestalt, die auf dem Bett lag und nach Körperstellen suchte, die vielleicht nicht weh taten.
Wann werden wir je fliegen?! fragte sich Jann. Und werde ich es überhaupt? Wenn das so weiter läuft, schaffe ich den Abschluß nicht. ich lande höchstens in der Pathologie.
"Ich werde es nicht schaffen, Chuck!", wimmerte Jann. "Ich werde durch die Nahkampfprüfung durchfallen!"
"Das ist ünsinn!", antwortete Jacques "Dü bist ein bessere Kämpfer als wir zusammen!"
"Der macht mich doch andauernd fertig!", knurrte Jann. "Ich liege als einziger immer auf dem Boden! Der Kerl spielt doch mit mir!" Jann richtete sich auf und biß dabei die Zähne zusammen. "Ich sehe einfach kein Licht, wenn ich gegen ihn antrete. Ich komme mir so plump und langsam vor, wenn ich ihm gegenüberstehe. Wie soll ich das je schaffen? Ich wette mit euch: In der Prüfung wischt er mit mir den Boden auf!"
"Er ist vielleicht hart zu Dir", gab Chuck zu. "Aber er ist fair. Außerdem brauchst Du bei jeder Trainingsstunde ein wenig länger, um den Boden zu küssen."
"Isch ´abe eine Idee.", sprang Jacques auf einmal fröhlich auf. "Du wirrst kämpfen. Jetzt gleisch!"
Jann keuchte. "Spinnst Du?! Ich fühl´ mich wie Dreck! Ich kann mich kaum bewegen!"
"Dann ist das derr beste Zeitpünkt dafürr!"
"Chuck,", flehte Jann. "Sag Du ihm, daß das Mist ist!"
"Er hat recht.", stimmte Chuck dem Franzosen zu. "Wir werde Dich in den Trainingsraum bringen. Und Du trittst gegen Abor an."
Janns Augen quollen hervor. "Habt ihr sie nicht alle?! Der kommt doch gleich hinter dem Sergeant!"
Abor war ein Anwärter aus Afrika, ein kleiner, sehniger Schwarzer, der so flink und geschmeidig war wie ein Puma. Als er mit den anderen die Grundausbildung begann, hatte er schon vorher als Hobby mehrere Jahre lang Eskrima und Carporreia gelernt. Im Training verhielt er sich fair, aber bei den freizeitlichen Geplänkeln zeigte er gerne sein gesamtes Können, ohne jemanden zu verletzten natürlich.
"Ja, gegen den trittst Du jetzt an, nur damit wir sehen, was Du wirklich kannst!"
Jann schaute Chuck resigniert an. "Das weiß ich doch schon so. Ich hatte heute schon genug Prügel!"
"Dann sollten wir das ändern!", antwortete Chuck munter und schleifte den widerspenstigen Jann auf den Flur
Jacques hingegen ging zu Abor und fragte ihn, ob er nicht eine Runde gegen Jann auf die Matte gehen will.
Abor grinste und war sofort einverstanden. Die Aussicht auf einen interessanten Kampf schlug er selten aus.
Jann und sein dunkler Kontrahent trafen sich im Trainingsraum auf den Dojomatten.
Als Jann sah, wie Abor sich aufwärmte und einige locker Übungen und Sprünge machte, sank sein Herz in die Hose. Er erschien ihm nicht weniger gewandt und agil als der Sergeant. Seine Bewegungen hatten etwas raubtierhaft geschmeidiges an sich. Auf Jann wirkte das ungemein gefährlich und entmutigend.
"Du darfst nicht von Vornherein denken, daß Du es nicht schaffen kannst.", sagte Chuck, der sich zu Jann gesellt hatte. "Wenn Du Dich von so etwas einschüchtern läßt, hast Du die Niederlage schon akzeptiert. Das ist Dein Fehler. Und das merkt der Gegner auch."
"Na gut,", entgegnete Jann. "Ich werde es versuchen. Was, außer einigen Hirnzellen und ein paar Knochen habe ich schon zu verlieren?"
Abor baute sich auf das Zeichen von Jacques hin in seiner Grundstellung auf. Jann nahm die Stellung ein, die er sich angewöhnt, wenn er gegen den Sergeant antrat. Die Deckung möglichst klein lassen und dennoch versucht, sich die Initiative offen zu lassen.
Abor sprang locker vor ihm herum und suchte nach Lücken in seiner Deckung. Jann unterdrückte seine Angst und versuchte sich voll auf die Bewegungen seines Gegners zu konzentrieren. Abor betrachtete Jann genau und tastete ihn mit den Augen ab, schaute nur hin und wieder in seine Augen. Jann hingegen blieb mit seinem Blick nur an den Augen von Abor hängen. Dort sah er etwas, was er beim Sergeant noch nie beobachtet hatte.
es schien fast so, als könne Jann darin lesen, was Abor vorhatte, welche Möglichkeiten er durchging und wieder verwarf. Der Ausbilder verriet sich nie mit solchen Dingen, aber Jann fand es fast unheimlich, daß der Sergeant mit der Sicherheit eines Telepathen immer wußte, was Jann als nächstes tun würde. Langsam dämmerte ihn warum.
Abor startete einen Angriff. Er täuschte einen Tritt an, schlug dann plötzlich mit der rechten geraden nach Janns Gesicht. Jann ging gar nicht erst auf den Tritt ein. Die Täuschung hatte er schon vorher bemerkt und fand sie plump. Auch der Schlag kam viel zu langsam! Jann parierte ihn.
Abor machte keine Pause. Mit einer Vielzahl schneller Schläge versuchte er erneut, Jann in die Defensive zu drängen und ihn so aus dem Takt zu bringen.
Abor war schnell. Das stellte Jann panisch fest. Es gelang ihm, das Tempo mitzuhalten, wenn er ihm auch nicht ganz bewußt war, warum und er hatte das hektische Gefühl, jeden Moment aus dem Takt zu kommen und einige Treffer einzustecken. Sein Gegner schlug mit kurzen schnellen Schlägen aus der Hüfte. Jann parierte die einzelnen Schläge ebenso schnell, wohl wissend, daß er damit Abor über kurz oder lang eine Chance bot, einen gezielten Schlag anzubringen. Jann wollte dem zuvorkommen und trat nach den Knöcheln seines Kontrahenten. Der tänzelte aus der Reichweite.
Chuck und Jacques sahen mit Erstaunen zu. Einen solch schnellen und beeindruckenden Schlagabtausch hatten sie nicht erwartet. Obwohl Janns Gesicht etwas anderes sagte, schien er den Attacken seines Gegners mit verhöhnender Gelassenheit zu begegnen.
"Ärr ist wirrklisch gut!", bewunderte Jacques.
"Oh ja,", staunte Chuck. "Ich bin überrascht."
"Abär würrdest Dü jeden Tag gegen den Serscho kämpfen müssen, wärrst Dü auch so pärrfekt. Der Tüp ist ein wa´res Monstär!"
"Ja, echt kein Zuckerschlecken." Chuck schaute nachdenklich zu Jann. Er stand wieder in seiner Grundhaltung und beobachtete angestrengt Abor, der vor ihm her tänzelte.
"Jann ist zu Defensiv. Es sieht so aus als traue er sich gar nicht, zuzuschlagen. Er scheint gar nicht richtig gewinnen zu wollen."
"Ärr ist nür ein wenig verunsischert.", antwortete Jacques. "Bis´er ´at er nür Prügel bekommen. Ärr ist ebenso erstaunt wie wirr, dass er noch immerr auf den Beinen ist."
Abor sprang plötzlich hoch und drehte sich um die eigene Achse. Sein Fuß, eingebettet in die Schutzmanschette, sauste auf den Kopf von Jann zu. In letzter Sekunde zog er den Kopf zurück, der Fuß verfehlte sein Ziel.
Abor zog den anderen Fuß nach und vollendete eine beeindruckende Pirouette in der Luft.
Jann konnte dem zweiten Tritt nicht ausweichen; durch die Drehung in der Luft war er viel zu nah herangekommen.
Jann hatte das erwartet. Ein solcher Sprung dauerte viel zu lange und Abor hatte sein Vorhaben viel zu deutlich gezeigt. Jann packte den Fuß knapp vor seinem Gesicht und drehte ihn mit aller Kraft herum. Abor drehte sich in der Luft und landete unsanft auf dem Bauch.
Schnell stand er wieder auf den Beinen und tänzelte um Jann herum.
"Nicht schlecht.", sagte er zu Jann. "Aber du bist zu Defensiv."
Jann zuckte die Schultern. "Ich habe schon so genug zu tun."
"Unsinn!", warf ihm Abor zu und teilte ein paar Schläge aus, die Jann alle parierte. "Du bist noch lange nicht an Deinen Grenzen. Du mußt nur ein wenig animiert werden."
Ohne Vorwarnung sank Abor in die Knie und wischte mit einem Bein nach Janns Füßen. Jann sprang hoch, doch im gleichen Moment sprang auch Abor aus seiner Hocke nach oben und trat wieder nach Janns Gesicht. Wieder sah er den Tritt kommen, doch diesmal war er zu schnell. Im gleichen Moment dieser Erkenntnis traf ihn der Fuß.
Jann gab ein erstauntes keuchen von sich und drehte sich um seine eigene Achse.
Als sich sein Blick wieder klärte und er sich zu Abor umdrehte, tänzelte dieser wieder grinsend vor ihm her.
Jann wurde sauer. Mit einem abgehackten Schrei stürzte er sich auf seinen Gegner und schlug nach dessen Bauch. Gleichzeitig trat er nach den Beinen. Abor drehte sich zur Seite weg. Darauf hatte Jann gehofft. Er verwandelte seine Gerade in einen derben Stoß mit dem Ellbogen und traf Abor knapp über der Taille in die Seite.
Abor hustete dumpf und fiel ein weiteres Mal zu Boden.
Dort blieb er liegen und stöhnte.
Jann bekam einen Schreck. Er ging auf seinen Gegner zu um sich zu vergewissern, daß er ihn nicht verletzt hatte. Doch als er neben Abor stand, rollte der sich blitzartig auf den Rücken und umklammerte mit seinen Beinen Janns Knie und brachte ihn zu Fall. Jann fiel hart auf den Rücken. Abor stand schon über ihn und zielte mit der Faust auf seine Kehle. Noch bevor er den finalen Schlag symbolisch andeuten konnte, zog Jann die Knie an und trat mit beiden Füßen nach Abors Brust.
Der schwarze Kämpfer flog im hohen Bogen über die Matte und kam unsanft auf und überschlug sich einmal.
Chuck und der Franzose staunten nicht schlecht.
"Ärr ist auch viel kräftiger geworden."
"Kann man wohl sagen.", gab Chuck hinzu.
Jann stand gleichzeitig mit Abor auf. Jann sprang nach dem Gesicht seines Kontrahenten und versuchte den gleichen Trick wie vorhin Abor bei ihm. Jann war allerdings längst nicht so geschickt wie sein Gegner und ihm fehlte das Jahrelange Training.
Der Sprung kam viel zu tief. Abor packte Janns Bein und keilte ihn unter seinem Arm fest. Er trat Jann sein anderes Bein weg, so daß er auf die Matte knallte.
Das Bein immer noch fest im Arm haltend ging Abor in die Knie und deutete den finalen Schlag auf Janns Kehlkopf an. "Das war´s.", sagte Abor, lies das Bein los und stand auf.
Jann lag keuchend auf dem Boden. Sein schwarzer Gegner streckte im die Hand hin und half ihm auf.
Chuck und Jacques kamen zu den beiden Kämpfern hin.
"Das war einfach superb!", schwärmte der Franzose.
"Ja, Klasse.", sagte Chuck begeistert. "Wir wollen eine Zugabe!".
"Nein danke." erwiderte Jann. "Ich habe genug."
Er sah niedergeschlagen aus. Wieder hat es sich mal gezeigt, daß er ein miserabler Kämpfer ist. Außerdem machte sich sein Erschöpfung von vorhin bemerkbar.
"Aber Jann.", wunderte sich Chuck. "Das war do |