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Reuter

von
 

Der Ältere Mann setzte seine Tasse ab, so heftig, daß die Untertasse einen Sprung bekam und der Soykaff über den Tisch verschüttet wurde. Dabei versuchte er, einen heftigen Hustenanfall zu unterdrücken, während er seinen Sohn aus hervorquellenden und tränenden Augen ansah.
Jann stöhnte innerlich. Für Außenstehende mochte diese Szene vielleicht dramatisch, ja sogar ernstlich erscheinen, aber er wußte es besser.
Sein Vater zog eine solche Show immer ab, wenn er mit irgendwelchen Bitten oder Wünschen ankam, die nicht dem Sinn der Familientraditionen entsprachen. Mal war es der verschluckte Soykaff, mal ein verstauchter Knöchel beim joggen oder ein zerbrochenes Schiffsmodell in einer seiner unzähligen Flaschen auf dem Regal im Wohnraum. Früher war Jann immer darauf reingefallen und hatte ein schlechtes Gewissen bekommen, was sein Vater schamlos ausgenutzt hatte, um ihm seine Pläne auszureden.
Mittlerweile verursachten diese schamlosen und peinlichen Mittel nur noch ein leichtes Übelkeitsgefühl.
Sein Vater schien sich langsam von seinem theatralischen Hustenanfall zu erholen. Jann wartete geduldig, unterdrückte ein zynisches Lächeln.
"Du willst was?!", würgte er mühsam hervor und wischte sich mit der Serviette einige Tropfen Soykaff aus dem Mundwinkel. Das machst Du gut, Papa!!
"Du hast mich schon verstanden.", antwortete Jann laut.
Der ältere Mann stand auf und schüttelte energisch den Kopf. "Das kommt nicht in Frage."
Jann seufzte und folgte seinem Vater in die Küche.
"Wieso denn nicht?"
"Das fragst Du noch?!" Er wirbelte zu seinem Sohn herum und funkelte ihn an. " Ich will, das etwas aus Dir wird!", gab er mit einer Mischung aus Ärger und Besorgnis zurück. " Ich will, daß Du Deinen Abschluß machst und es im Leben mal zu etwas bringst."
"Aber das kann ich doch auch auf diesem Weg! Wo ist denn das Problem?!"
"Das Problem ist, daß man beim Militär keine Karriere macht. Man wird vielleicht ein Held, aber auch nur auf den Fotos in der Gefallenenakte. Mein Sohn, Du hast zu viele Trideos gesehen."
"Das stimmt doch nicht!", erwiderte Jann gereizt. "Ich habe mir das genau überlegt:
Ich kann dort eine Ausbildung in Elektronik und Mechanik für Luftfahrzeuge beginnen und noch im gleichen Jahr parallel dazu die Flugschule besuchen! Die Ausbildung und Stipendien werden dort angeboten, wenn man sich für die nächsten zehn Jahre verpflichtet."
"Du hast schon eine Verpflichtung. Nämlich dem Konzern gegenüber, und natürlich gegenüber der Familie. Reich mir mal die Tassen."
Mißmutig reichte Jann seinem Vater das Geschirr und schaute ihm zu, wie er es in die Maschine ordnete. Ein echter Sararimann. "Ich bleibe doch im Konzern! Ich verstehe echt nicht, was so schlimm daran ist!"
Sein Vater richtete sich auf und schmiß die gesprungene Untertasse demonstrativ in den Abfallentwerter. "Fuchi mag keine Querschießer. Hier spielt Ehre und Pflichtbewußtsein noch eine Rolle. Was meinst Du wohl, wie meine Vorgesetzten darauf reagieren, wenn mein Sohn sich gegen den Vater stellt?"
"Ich stell mich doch nicht gegen Dich, verdammt!", schrie Jann seinen Vater an. "Was bist Du nur für ein Egoist!" Der ältere Mann sah seinen Sohn perplex an.
"Ist doch wahr! Du machst Dir doch nur Sorgen um Deine Karriere! Wenn Du wirklich das beste für mich willst, warum kümmert es Dich dann so sehr, was Dein Boß darüber denkt. Keine Angst, Papa, ich habe nicht die Absicht, Dich in Ungnade zu bringen!"
Den Blick immer noch starr auf seinen Sohn gerichtet stand der alte Mann da und kämpfte mit seiner Fassung.
"Was fällt Dir ein, so mit mir..."
"Komm mir doch nicht so!", donnerte Jann von neuem los. " Ich bin alt genug, um von Dir mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden, wie Du ihn von mir erwartest. Warum stellst Du Dich immer gegen mich?!" Jann holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe. "Weißt Du eigentlich wieviel Überwindung es mich gekostet hat, zu Dir zu kommen?! Weil ich ahnte, wie Du reagieren würdest.
`Du übertreibst, Jann.`, hab ich mir gesagt. `Er will doch immer Dein bestes, will daß Du glücklich bist`, habe ich mich beruhigt. Und jetzt das! Als hätte ich es nicht gewußt!
Hast Du mir nicht immer erzählt, daß es wichtig ist, sich bestem Eifer und Gewissen in seinem Job zu verwirklichen, und wie wichtig es ist, seine Arbeit mit Freude zu verrichten? Oder waren das nur leere Konzernparolen?"
Sein Vater lief rot an, aber Jann ignorierte das.
"Ich habe nur einen innigen Wunsch: Ich will fliegen! Ist das so schlimm? Fuchi bietet doch genug Möglichkeiten, meine Ziele zu verwirklichen. Ich werde hart genug arbeiten, um all das zu erreichen, was von mir verlangt wird. Ich kann Deiner Ehre ebenso gut dienen, wenn ich Pilot werde. Ich kann dort ebenso eine Karriere machen wie anderswo. Oder ist es Dir lieber, daß ich mein Leben als Finanzmanager oder sonst was friste, wohl wissend, daß ich nicht glücklich bin?
Weißt Du überhaupt, was ein guter Pilot verdient?"
"Du...stellst Dir das alles viel zu einfach vor.", stammelte sein Vater. "Ganz so einfach ist das nicht."
"Ach, schalten wir jetzt auf die Vernunftschiene?", Jann verschränkte trotzig seine Arme vor der Brust.
Sein Vater holte aus, um etwas zu erwidern, ließ es dann aber sein und seufzte.
Beide standen sie unversöhnlich in der Küche gegenüber, während der Geschirrspüler leise summte.
"Ein Frage habe ich an Dich, Papa:", unterbrach Jann die erdrückende Situation. "Hast Du Deine Berufswahl aus freien Stücken gewählt, oder wurdest Du zu Deiner Wahl gezwungen?"
Er sah seinen Vater herausfordernd an. Der wandte sich wütend ab, da er, seiner Ungerechten Haltung bewußt, dem Blick seines Sohnes nicht standhalten konnte.
"Das beste ist, Du gehst jetzt in Dein Zimmer. Wir werden morgen weiter diskutieren."
Jann wollte etwas bissiges über sein Alter erwidern, ließ es dann aber sein und stapfte wütend zu seinem Schlafbereich.
Sein Vater tat es ihm gleich.

Später, im Bett, schaute er durch das Duraplex auf die Stadt. Durch den allnächtlichen Smog hindurch konnte man nur die abertausenden von Lichtern sehen, welche die unzähligen Fenster, Fahrzeuge und Natriumdampflampen der Straßenbeleuchtung erzeugten.
Irgendwo über der Stadt bewegte sich lautlos und mit scheinbar quälender Langsamkeit ein Flugzeug hinweg. Wahrscheinlich ein Commuter oder ein Chopper auf seiner nächtlichen Patrouille.
Er seufzte. Warum gerade Pilot?
Eine warme, zarte Hand streichelte über seine Schultern, tastete sich zu seiner Brust vor und schloß sich in einer Umarmung um ihn.
Er griff nach der Hand und drückte sie sanft.
"Du bist noch wach?", fragte er leise.
Ein lautloses Lachen hauchte über sein Ohr. "Frag lieber, wie ich schlafen kann, bei all dem Krach, den ihr beide gemacht habt."
Er brummte mißmutig als Antwort auf den freundlichen Tadel.
Susanne richtete sich etwas auf und stützte sich mit dem Ellbogen ab. "Was war denn wieder los?", fragte sie und schaute ihren Mann besorgt an.
Er seufzte. "Ach, unser Sohn hat mal wieder seine Pläne geändert."
"Will er denn nicht mehr Pilot werden?"
Abrupt drehte er sich zu seiner Frau herum. "Woher weißt Du davon?"
Sie kicherte. "Er ist natürlich erst einmal zu mir gekommen und hat mir davon erzählt. Ich dachte allerdings, daß Du auch schon informiert wärst."
"Wie denn?", grummelte er, "Ich erfahre in diesem Haus anscheinend immer alles als letzter."
"Hast Du Dich mal gefragt, warum das so ist, Hagen?!", sagte seine Frau ernst.
Der Mann drehte sich wieder von seiner Frau weg und überlegte. Wenn sie so mit ihm sprach, war immer irgend etwas nicht in Ordnung. Damit war gemeint, daß er wieder mal eine Dummheit begangen hatte und es nicht mal bemerkt hatte.
Er wandte sich wieder zu Susanne. "Soll das etwa heißen, Du stimmst seinen aberwitzigen Plänen zu?!"
Sie winkte ab. "Oh, ich denke, das haben wir wohl kaum zu entscheiden. Es ist schließlich sein Leben. Natürlich sollten wir darauf achten, daß er sich nicht in irgendwelche Träumereien verstrickt. Aber wenn er ein Ziel hat und es wirklich will, dann sollten wir ihn nach allen Kräften unterstützen. Und ich denke, er will es wirklich."
Hagen löste sich von seiner Frau und setzte sich auf die Bettkante. "Aber was ist mit der Tradition in der..."
"Oh Nein! So nicht!", unterbrach ihn seine Frau scharf. "Versuch es erst gar nicht. Vielleicht klappt das ja noch bei Jann, aber mir darfst Du so nicht kommen, wenn Du Dir nicht wirklich Ärger einhandeln willst. Hast Du Dich denn jemals nach den Familientraditionen gerichtet?
Du hattest Doch früher Deinen eigenen Kopf. Im Gegensatz zu Jann hast Du Deine Eltern nicht um Erlaubnis gefragt, als Du Dich für Deinen Weg entschieden hattest. Ich bin mir sicher, daß Du Jann vorhin ziemlich genau die gleiche Rede an den Kopf geworfen hast, wie einst Dein Vater! Aber ich bin mir ebenso sicher, daß das nicht der Wahre Grund ist. Jann hat wenigstens den Anstand, uns über seine Zukunftspläne aufzuklären."
"Ja, weil er das Geld von dem Studiumskonto braucht.", gab Hagen mürrisch zurück.
Susanne sah ihren Mann forsch an. "Auch das ist nicht der Grund. Hagen, was stört Dich nur an den Plänen unseres Sohnes?"
Der Mann stand auf und ging unruhig im Zimmer herum. "Es ist nicht direkt offiziell, aber die Wüstenkriege eskalieren. Der Bedarf an Soldaten steigt, ebenso der an guten Piloten. Ich will einfach nicht, daß unser Sohn in den Krieg zieht und mit einer Konzernflagge und einem Plastiksarg zurückgeschickt wird."
"Aber es ist doch noch gar nicht gesagt, daß er in die Wüste geht.", beruhigte ihn Susanne.
Hagen wirbelte herum. "Denkst Du, er hat eine Wahl?! Was glaubst Du wohl, warum der Konzern solche Ausbildungsmöglichkeiten anbietet? Sie brauchen Nachschub!", Er schnaufte resigniert und setzte sich wieder auf das Bett. "Der Gedanke daran, meinen Sohn in einem Bomberhelikopter zu sehen, wie er hinter den feindlichen Linien irgendwelchen Raketen ausweicht, macht mich ganz krank!"
Susanne hockte sich hinter ihm und umschlang sein Schultern mit ihren Armen.
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du das willst!", sagte er zu ihr.
"Natürlich will ich das nicht!" Sie gab ihm einen Klaps auf seine Brust. "Aber ich halte unseren Sohn für einen klugen Menschen. Er will schließlich fliegen. Nach oben, nicht nach unten. Hattest Du jemals den Gedanken, daß er ein Kampfpilot werden will? Die Trids, die er sich ansieht, sind eher Dokumentationen und technisches Hintergrundwissen. Er steht nicht sonderlich auf diese Top Gun - Filme."
"Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was sich Jann so alles ansieht."
Wieder ein Klaps. "Schäm´ Dich!", flüsterte seine Frau ihm ins Ohr. "Daß Du so wenig Interesse für die Hobbys unseres Sohnes zeigst.
Ich jedenfalls vertraue darauf, daß er sich aus Schwierigkeiten heraus hält. Es ist gar nicht gesagt, daß die Konflikte noch bestehen, wenn Jann seine Ausbildung beendet hat. Und es gibt eine ganze Menge Arbeitsmöglichkeiten für einen Piloten." Sie drückte ihren Mann etwas fester.
"Am besten Du teilst ihm morgen Deine Entscheidung mit, Hm?!"
Hagen drehte seinen Kopf und schaute seiner Frau in die Augen. "Diese Eigensinnigkeit muß er von Dir haben.", sagte er leise zu ihr.
Sie lachte. "Wenn Du wüßtest!"

Jann trat unruhig von einem Bein auf das andere. Er schwitze vor Nervosität, versuchte aber, das nicht zu zeigen.
Sein Vater lehnte sich zurück und begutachtete kritisch die Bewerbungsprospekte.
"Hier steht, daß eine DNI-Fahrzeugsteuereinrichtung eine Voraussetzung ist, wenn man in das Ausbildungsprogramm aufgenommen werden will."
Jann schluckte. "Ja, aber wenn man nach den ersten drei Ausbildungsjahren überdurchschnittliche Leistungen erbracht hat, wird man in das Förderungsprogramm der Flugschule aufgenommen. Dann wird einem die Operation kostenlos gestellt."
"Aha?" Sein Vater musterte ihn über den Rand der Unterlagen. Jann versuchte, ihm nicht direkt in die Augen zu schauen.
"Hast Du auch gelesen, daß es von etwa Hundert Bewerbern nur etwa Fünf Prozent in das Förderungsprogramm schaffen?"
"Ja, habe ich.", sagte Jann heiser.
"Und glaubst Du, daß Du es schaffst?"
"Ich denke schon."
Sein Vater legte die Unterlagen zurück auf den Schreibtisch. "Glaubst Du, oder weißt Du es!?"
Janns Kopf ruckte hoch. "Ich weiß es!" Er sah seinem Vater direkt in die Augen und versuchte, so selbstsicher wie nur möglich zu wirken.
"Die Grundgebühren für die Ausbildung betragen 80.000 Nuyen, plus die Kosten für die Operation, wenn man keine Fahrzeugsteuereinrichtung besitzt."
"Ich dachte, ich könnte das Studiumskonto dafür benutzen, daß ihr für mich angelegt habt.", entgegnete Jann fest. "Den Rest würde ich mir von Dir leihen. Ich arbeite es nach und nach ab!"
Der älter Mann stand von seinem Sessel auf und ging um den Schreibtisch herum, bis er neben seinem Sohn stand. "Ich habe einen anderen Vorschlag.", begann er. Janns Augen weiteten sich vor Angst auf die kommende Enttäuschung, die jetzt unweigerlich kommen mußte.
"Bewerber, die bereits einen DNI besitzen, werden automatisch in den Förderungskurs aufgenommen. Die Kosten für die Ausbildung betragen dann nur noch 45.000 Nuyen."
"Ich habe aber keinen Rig."
Janns Vater blinzelte verwirrt. "Einen was?"
"Einen Rig.", wiederholte Jann. "So nennt man das DNI für eine Fahrzeugsteuereinrichtung im Jargon."
"Aha." Er schaute auf seinen Sohn. "Du scheinst Dich mit dieser Materie ja eingehender befaßt zu haben!"
Jann verdrehte die Augen. "Sind Dir jemals die vielen Flugzeugmodelle in meinem Zimmer aufgefallen? Oder die ganzen Zeitschriften? Wer es in dieser Branche zu etwas bringen will, braucht einen Rig."
"Das habe ich mir auch gedacht." fügte er hinzu. "Deshalb wirst Du einen bekommen."
Jann blinzelte. "Was?"
"Du bekommst einen "Rig". Deine Mutter und ich haben entschieden, Dir diese Operation von dem Studienkonto zu bezahlen. Sieh es als eine Art Weihnachtsgeschenk. Auf jeden Fall werden dadurch die Kosten für die Ausbildung erheblich geringer.", sein Vater lächelte. " Ganz zu schweigen, daß Du die Prüfung für das Förderungsprogramm nicht machen mußt!"
Jann konnte nicht verhindern, daß sein Mund sich ebenfalls zu einem breiten Grinsen verzog.
"Die werde ich trotzdem bestehen!"


Er hatte das Gefühl, jemand versuchte seinen Schädel von innen aufzumeißeln. Sein Hals tat entsetzlich weh und auf der rechten Seite am Hals hinter seinem Ohr schien sich ein Stein eingenistet zu haben, der jetzt hartnäckig gegen die Haut drückte.
Auf seiner Zunge lag ein bitterer Geschmack und sein Mund war so trocken, daß das Schlucken schmerzte. Er versuchte, sich den Hals zu reiben, aber seine Arme schienen Tonnen zu wiegen.
Seine Lider waren nur unwesentlich leichter. Mühsam und quälend langsam öffnete er sie.
Ein Schleier lag über seinen Augen, und er konnte seine Umgebung nur verschwommen wahrnehmen.
Er fühlte eine warme Hand auf seinen Arm.
"Jann. Bist Du wach?" Das war die Stimme seiner Mutter. Er wollte etwas erwidern, aber sein Kehlkopf kratzte und versagte ihm den Dienst. Er nickte schwach und hoffte, seine Mutter würde das registrieren.
"Wie fühlst Du Dich?", fragte sie sanft.
"...schmerzen." brachte er mühsam hervor.
"Das geht vorbei." beruhigte sie ihn.
"Er wird etwas gegen die Schmerzen bekommen.", erklärte eine andere, weibliche Stimme. "Die Operation verlief ausgesprochen gut. Ich denke, daß wir in etwa einer Woche mit den ersten Versuchen beginnen können."
"Was für Versuche?!" fragte seine Mutter besorgt.
Langsam konnte er mehr sehen. Eine große Frau in einem weißen Gewand stand neben einem Bett und schien an irgendwelchen Geräten rumzufummeln. Seine Mutter saß neben seinem Bett und hielt immer noch seinen Arm.
"Das Implantat wurde ohne Komplikationen angenommen und die ersten Diagnosen waren positiv.
Aber der Patient muß sich an das DNI erst gewöhnen, und eine vollständige Diagnose läßt sich erst bei einem Direktversuch erstellen. Neurale Implantate, die nicht direkt an der Schädeldecke implantiert werden, sind nicht sonderlich gewöhnlich. Es gab zwar bisher keinerlei Ausfälle, aber dennoch sind wir bei solchen speziellen Implantaten gern ein wenig vorsichtiger"
Das schien seine Mutter zu beruhigen.
"Durst." Krächzte Jann, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.
Seine Mutter griff nach etwas auf dem kleinen Tisch neben ihm und hielt es ihn an die Lippen.
Ein Strohhalm. Er saugte, so schnell seine trockene Kehle es zuließ.
"Langsam, sonst verschluckst Du Dich noch."
Das war sein Vater. Jann drehte den Kopf ein wenig, ignorierte dabei die pochenden Schmerzen.
Ein Großer Mann stand in der Tür.
"Wie geht es unserem Piloten?" scherzte er.
Die Ärztin nickte. "Alles in bester Ordnung. Er hat wohl noch ziemliche Hals- und Kopfschmerzen, aber die werden sich bald geben."
Sein Vater trat in das Zimmer. "Ich hab eine Überraschung für Dich." er zog ein Papier aus seinem Sakko. "Heute morgen kam die Mitteilung, daß Du aufgenommen wurdest. In zwei Monaten erwartet Dich ein gewisser Cpt. Hartmut im Fuchi I. E. Flugcamp Seattle.
Herzlichen Glückwunsch!"
Jann lächelte schwach. "Freut mich." krächzte er.
Eine weitere Frau in weiß kam in das Zimmer und trat an sein Bett. Seine Mutter lies den Arm los.
"Es ist besser, wenn sie ihn erst einmal ein wenig in Ruhe lassen. Sie können nachher noch mal vorbeischauen." Sagte die Frau an den Geräten zu seinen Eltern.
Es ist wirklich ziemlich voll hier, dachte Jann, bevor eine bleierne Müdigkeit ihn umfing und seine Umgebung sich in angenehmen Schwarz verlor.

"Darf ich Dir vorstellen: Dein neues Auto!" Suzi, die Krankenschwester zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Gefährt. Sie lächelte spöttisch und mit gespieltem Stolz.
Jann starrte mit offenen Mund auf das Objekt und seine Augen fielen fast aus den Höhlen vor Überraschung und Verwirrung.
"Ein Rollstuhl !?"
Suzi kicherte. "Du bist ein Genie!"
Ohne den Blick von dem Rollstuhl zu nehmen, sagte er zu ihr: " Dann hast Du mich also richtig verstanden! Ich hatte nämlich gerade gesagt, daß das da ein Rollstuhl ist."
"Und ich sagte, daß Du ein Genie bist, obwohl die sich nicht wiederholen."
Martin stöhnte. Ich habe doch schon einen Rollstuhl. Wozu brauche ich... Oh Nein!" stöhnte er, als er begriff. "Sag mir nicht, das ist ein Rollstuhl mit einer Fahrzeugsteuereinrichtung!!"
Suzi klatschte wie zum Applaus in die Hände. "Du solltest promovieren!"
Jann faßte sich an den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. "Ich soll mich doch nicht allen ernstes in dieses Ding da einsetzen und mich einstöpseln?!"
"Warum nicht?", Suzi zuckte mit den Schultern. "Du mußt lernen, wie Du mit Deinem Implantat umzugehen hast. Außerdem müssen wir noch einige Tests machen. Was ist denn besser dafür geeignet?"
Jann schüttelte den Kopf. "Das ist peinlich."
"Ach Quatsch!", winkte die Krankenschwester ab. "Das macht hier jeder mit einem DNI durch. Du wirst sehen, es wird Dir gefallen."
Jann seufzte. Er stand auf und ging zu dem großen, klobigen Rollstuhl. Bequem ist er ja, dachte er, als er sich hinein setzte.
"Der Stuhl fährt nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit.", erklärte Suzi "Wenn Du Dich einloggst, wird Dir vielleicht ein wenig schwindelig. Aber das geht schnell vorbei.
Die Signalstärke ist gedrosselt. Wenn alles klappt, werden wir nach und nach höhere Stufen hinzu schalten. Sensoren, ASIST-Feedback und den Signalrückkoppler."
"Klingt lustig.", antwortete Jann und stöpselte sich ein.
Es war ein kleiner Schock. Sein Gehirn wurde mit Daten bombardiert, die er zuerst nicht verarbeiten konnte. Dann schien sich sein Gehirn an den ungewohnten Datenstrom gewöhnt zu haben, und er bekam langsam ein Gefühl für das Interface. Er "fühlte" mehr, wie er den Stuhl zu steuern hatte. Auf eine kleine Willensanstrengung von ihm bewegte er die Räder.
Er drehte sich zu Suzi um, die ihn noch immer angrinste. Zu erst drehte er sich zu weit, weil er einen panischen Moment nicht wußte, wie er den Rollstuhl anhält. Er drehte sich wieder zurück und lächelte Suzi zu.
"Das macht Spaß!"
"Sagte ich doch.", kicherte die Krankenschwester.
"Wann beginnen die Tests?", fragte Jann.
"Die laufen schon.", antwortete Suzi und zeigte auf einen schwarzen Kasten, der unter dem Sitz hing. Die Daten Deiner Hirnströme werden aufgezeichnet und zum Computer geschickt, der sie auswertet. Ist alles im grünen Bereich, schaltet er auf die nächste Stufe. Davor bekommst Du aber ein Signal."
Jann gefiel das Gerät immer mehr. Es war ein lustiges Gefühl. Sein Hals fühlte sich dort, wo die Datenbuchse war, fast warm an. Er fuhr um Suzi herum und stupste sie ein wenig von hinten an, so daß sie auf seinen Schoß fiel. Sie lachte und umschlang seine Schultern.
"Madame, darf ich sie zum Essen ausführen?", fragte er im übertriebenen Kavalierston.
"Ich muß sowieso auf Dich aufpassen.", gab Suzi zurück "Und Ich würde auch gerne mit Dir in die Kantine gehen, aber meinem Freund würde das sicher nicht gefallen."
"Ach ja, Dein Freund.", murmelte Jann mit einer Mischung aus Erkenntnis und Enttäuschung. "Den hatte ich vergessen."
"Passiert Dir öfter.", schelte Suzi ihn.
"Kannst Du das nicht auch?", fragte Jann.
"Was?"
"Ihn vergessen."
Suzi gab Jann einen Stupser auf die Nase und stand auf.
"Nein.", sagte sie, lächelte und ging in das Bereitschaftszimmer.

Auf einen mentalen Befehl hin nahmen die Elektromotoren ihren Dienst auf und ein helles Summen erfüllte den Flur. Einige der umstehenden Patienten fingen an zu jubeln und riefen den beiden Kontrahenten Ermutigungen zu.
Jann lächelte.
Sein Gegner hatte nicht die leiseste Chance. Er hatte schon lange heraus gefunden, wie man die Drosselung des Motors umgehen konnte, und so ein wenig mehr an Geschwindigkeit gewinnen konnte. Das ging zwar ziemlich auf die Zelle, aber er mußte ja nicht lange fahren.
Er schaute hinüber zu seinem Gegenspieler und grinste ihn siegessicher an. Der nahm das gar nicht zur Kenntnis. Mit geschlossenen Augen saß dieser in seinem Stuhl und schien auf eine Stimme zu hören, die in seinem Kopf zu sein schien. Genau wie Jann war seine letzte Feedbackstufe hinzu geschaltet worden. Jann wußte, was seinem Gegner im Kopf vor ging.
Das warme kribbeln machte sich breit, als Jann sich entspannte und den vollen Datenfluß in sein Gehirn fließen lies. Er spürte die Räder auf dem Flurboden, er nahm das Brummen des kleinen Motors wahr und fühlte, wie die Energiezelle die Systeme speiste. Er war fast so, als wäre er mit dem Rollstuhl verwachsen. Was für eine angenehme Art, sich fortzubewegen. So gut werde ich es nie mehr in meinem Leben haben, dachte Jann in einem Anflug von Sarkasmus.
"Seid Ihr soweit?"
Jann öffnete die Augen. Vor ihm, zwischen den beiden Rollstühlen stand Suzi und schaute abwechselnd auf die beiden Kontrahenten in ihren Rollstühlen.
Jann hob den Daumen und nickte knapp.
Sein Gegner tat es ihm gleich. "Ich warte nur auf Dich!", sagte er zu Jann und grinste breit.
"Schlaf nicht ein in Deiner lahmen Mühle.", gab Jann zurück.
"Also, noch mal die Regeln:", begann Suzi. "Hinten im Gemeinschaftsraum stehen zwei Stühle, um die ihr herumfahren müßt. Sieger ist, wer zuerst wieder über die weiße Linie fährt." Sie zeigte auf die Mullbinde, die vor den beiden Rollstühlen als Markierung hingelegt worden war. "Es ist verboten, dem anderen Gegenstände in den Weg zu legen oder ihn abzudrängen. Ebenso ist es nicht erlaubt, seine Spur zu verlassen und einem Gegner so das Überholen zu verhindern. Hat das jeder verstanden?"
Jann nickte. Sein Konkurrent grinste. "Das gilt auch für Dich, Karl!", sagte Suzi mit Nachdruck.
"Als würde ich so etwas tun!", gab Karl mit gekränktem Unterton zurück und legte sein bestes
Unschuldsgrinsen auf. Einige der Patienten lachten und buhten ihn aus.
"Macht euch bereit!", rief Suzi und hob den Arm mit dem Taschentuch.
Karl schloß wieder die Augen und lehnte sich zurück. Jann zog es vor, sich auf seine eigenen Augen zu verlassen. Die eingebaute Testkamera in seinem Rollstuhl fing immer leicht an zu zittern, wenn er zu schnell fuhr und das verwirrt ihn.
"Achtung!
Fertig....
GO!!!"
Suzi schwang den Arm herunter und knallte einmal mit dem Taschentuch.
Die Rollstühle fingen an protestierend zu jaulen, als die Motoren aus dem Stand in die höchste Leistung gepuscht wurden. Mit einem leichten Schlingern und dem Leisen Quietschen der Reifen auf den Boden schossen die beiden Rollstühle nach vorne. Die Patienten grölten und riefen ihren Favoriten zu.
Jann und Karl sausten den Flur entlang, Kopf an Kopf. Die Enge des langen Flures vermittelte das Gefühl einer ungeheuren Geschwindigkeit, aber die Stühle fuhren "nur" mit einer Geschwindigkeit von 7km/h.
Karls Rollstuhl schob sich quälend langsam an Jann vorbei. Karl sah zu Jann hinüber und winkte ihm zu. Jann lächelte herablassend und konzentrierte sich kurz. Der Servoschaltkreis deaktivierte sich und gab zusätzliche Energie an den Elektromotor frei. Auf seinem Auge erschien die virtuelle Meldung, daß eine solche Prozedur für den Dauerbetrieb nicht gut sei und eine Statusanzeige für die Energiezelle erschien, die zusehends sang.
Der Rollstuhl beschleunigte auf sagenhafte 9km/h und Jann zog an dem verdatterten Karl vorbei.
Sein Vorsprung hielt nicht lange. Karls Rollstuhl heulte gequält auf und nur wenige Augenblicke später fuhren die beiden Kontrahenten wieder Kopf an Kopf und warfen sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf.
Dann rasten beide in den Gemeinschaftsraum und mußten sich ganz auf das bevorstehende Manöver konzentrieren.
Der Gemeinschaftsraum war nicht sonderlich groß. Alle Stühle waren herausgenommen worden, bis auf die beiden, die den Wendepunkt der Rennstrecke markierten. Jann und Karl blieben kaum ein viertel Meter Platz, um die Rollstühle zu wenden und wieder Fahrt aufzunehmen.
Karl bremste zu spät ab und kippte fast um, verlor dabei viel an seiner Geschwindigkeit.
Jann wiederum bremste zu schnell und rammte beinahe den Stuhl. Letztendlich verdankten beide ihren Implantaten, daß diese Manöver trotz aller Wahrscheinlichkeiten gelangen und beide wieder auf Kurs waren, Seite an Seite, ohne einen Millimeter Vorsprung auf die johlende Menge zu. Jann stierte zur Seite nach Karl, dieser schenkte ihm einen ähnlichen Blick. Wahrscheinlich dachte er das gleiche wie er und ärgerte sich, daß er den Trick kannte, wie man die Drosselung der Rollstühle überwindet.
Also gut, dachte Jann, Du willst es ja nicht anders. Noch einmal konzentrierte er sich und ging eine Stufe tiefer in das Kontrollmodul des Rollstuhls.
Er überlagerte die Systembefehle des Adapters und zwang die Zelle dazu, sich zum Aufladeprozess vorzubereiten. Das System protestierte mit einem internen Alarm, diese Prozedur während des Betriebes vorzunehmen. Jann ignorierte die Warnung und überging die
Sicherheitsschaltung. Die Energiezelle wurde zum wiederaufladen vorbereitet, ein Prozeß, bei dem die Zelle vorher ihre gesamte Energie entlud.
Jann fühlte förmlich, wie einige der Widerstände durchbrannten, als sein Rollstuhl auf unglaubliche 11 km/h beschleunigte. Die Menge, auf die er zu raste, starrte ihn erschrocken an und wich weiter zur Wand zurück.
Karl blieb fluchend hinter ihm.
Als Jann, begleitet von dem Jubel der Patienten über die Ziellinie fuhr, griff er im letzten Moment nach unten und schnappte nach der Mullbinde, welche die Ziellinie symbolisierte.
Karl fluchte. "Mistkerl! Das bekommst Du wieder!"
Jann hielt die Mullbinde hoch und wedelte mit ihr wie mit einer Flagge. "Die hättest Du doch sowieso nicht mehr gebraucht!"
Ein drängelndes Piepsen vom Rollstuhl und der Gestank von durchgeschmorten Leitungen lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sein Gefährt. Die Batterie war leer und der Motor stand kurz davor, durchzubrennen. Hastig schaltete er den Antrieb aus und deaktiverte die Verriegelung, damit seine Räder nicht blockierten.
Allerdings konnte er jetzt auch nicht mehr bremsen, und er war klug genug, nicht in die Räder zu greifen, diese manuell anzuhalten. Erstarrt schaute er auf die Fahrstuhltür, der er entgegen raste.
Nur wenige Sekunden vor dem Aufprall öffneten sich mit einem melodischen "bing" die Türen.
Jann kam hindurch, der Rollstuhl nicht. Er prallte mit den Rädern gegen die noch nicht vollständig geöffneten Türen und schleuderte Jann in die Liftkabine.
Instinktiv rollte Jann sich zusammen, um den Aufprall abzumildern. Er krachte gegen die Wand und blieb dort einige Sekunden benommen liegen, bevor er registrierte, das jemand hinter ihm stand.
Im Flur war es ruhig geworden.
Er drehte sich um.
Eilig verschwanden die letzten Patienten in ihren Zimmern. Karl und Suzi standen verloren nebeneinander und schauten betreten drein.
Neben Jann stand der Professor mit seinem Assistenten. Beide sahen mehr als ungehalten aus.
"Haben sie uns gehört?", fragte Jann mit einem vorsichtigen Lächeln.
"Wer nicht!", gab der Professor knapp zurück. "Ich sehe sie in Zwei Minuten in meinem Zimmer.
Ebenso ihren Freund.
Fräulein Winkler, sie kommen auch mit."
"Ja, Professor.", antwortete Suzi kleinlaut.

Wenn man in der Schule zum Direktor gerufen wird, und dann in Erwartung auf das aller schlimmste vor seinem Schreibtisch sitzt, würde man am liebsten in irgendeinem Mauseloch verschwinden oder einfach nur kotzen, oder beides.
Jetzt war es viel schlimmer.
Jann, Karl und Suzi saßen vor dem großen Schreibtisch, versuchten sich möglichst klein zu machen in ihren Stühlen und platzen fast vor Nervosität. Der Professor saß, anscheinend sehr gemütlich und ruhig in seinem Massagesessel und studierte irgendwelche Krankenberichte. Die drei Personen, die vor seinem Schreibtisch Blut und Wasser schwitzten, schien er kaum wahrzunehmen.
Jann fühlte sich elend.
Er trug nicht die Hauptschuld an dem Rennen. Das war, ganz allgemein betrachtet, die Idee des ganzen Flures gewesen. Er und Karl stichelten sich schon die ganze Zeit über und konkurrierten um alles und jeden. Sie machten die gleichen Frauen an, hatten die besseren Beziehungen zu den Ärzten und natürlich war jeder ein besserer Rigger als der andere, ungeachtet der Tatsache, daß keiner von den beiden je eine Fahrzeug mit dem neuen Implantat gesteuert hat, den Rollstuhl mal nicht mitgezählt.
Auf dem Flur, wo unter den Patienten eine Epidemie der Langeweile herrschte, wurden Jann und Karl immer wieder aufgefordert, ihre Rivalitäten endlich mal beizulegen und in einem Wettrennen zu beweisen, wer denn nun wirklich der Bessere ist.
Jann und Karl waren die einzigen Rigger zu dieser Zeit auf dem Flur, das machte die Angelegenheit für alle Anwesenden besonders spannend. Selbst Suzi konnte sich dem nicht entziehen und erklärte sich nach einigem Zögern dazu bereit, die Schiedsrichterin zu spielen.
Ein Entschluß, den sie jetzt bitter bereute.
Jann wußte nicht, was an einem Rennen auf dem Flur so schlimm sein sollte, es war ja alles unter Kontrolle. Es gab keine kritischen Fälle, die man in Gefahr hätte bringen können. tatsächlich waren auf dem Flur größtenteils Leute, die sich das eine oder andere einfache Implantat haben einsetzen lassen, hauptsächlich Datenbuchsen. Außerdem war dafür gesorgt worden, daß niemand verletzt werden würde.
Das einzige, was Jann wirklich Sorgen machte, war, daß er den Rollstuhl zu Schrott gefahren hatte. Damit, so war er sich im klaren, würde er nicht so leicht davon kommen.
Der Professor räusperte sich.
Die Drei Personen vor seinem Schreibtisch versteiften sich und starrten nervös auf den Professor.
"Die Frage, was sie sich dabei gedacht haben, erübrigt sich, denke ich.", begann dieser.
"Ebenso die Anmerkung, daß dies ein Krankenhaus ist, und nicht Indianapolis, ganz zu schweigen von den Risiken, die sich aus dieser Leichtsinnigkeit für die Patienten und natürlich für sie ergaben. Die eigentliche Frage besteht darin, wie ich jetzt weiter mit ihnen verfahren werde.
Ich denke..."
"Es war meine Schuld!!", riefen Jann und Karl wie aus einem Munde.
Der Professor unterbrach sich und schaute die beiden finster an. Jann sank tiefer in seinen Stuhl, die Vorstellung, wie eine Maus in ihr Mauseloch kroch und sich dort übergab, schlich wieder in sein Gehirn, Karl betrachtete sehr interessiert einen Fussel im Teppich.
"Ich weiß, daß keiner von ihnen beiden die Idee zu diesem Rennen hatte. Bevor ihr zu mir gekommen seid, waren ungefähr die Hälfte der Patienten aus ihrem Flur bei mir und haben allesamt versucht, die Schuld auf sich zu nehmen. Sie scheinen beide einen hohen Beliebtheitsgrad zu haben, der nicht nur aus ihrer ständigen Konkurrenz und der chronischen Langeweile eines Krankenhauses resultiert.
Das, und der überaus glückliche Umstand, daß keiner zu Schaden gekommen ist, sind die einzigen Gründe, warum ich keine Meldung mache.
Herr Laumbardt, sie werden sowieso in Zwei Tagen entlassen. Insofern wäre eine Anzeige oder eine entsprechende Auflage, die ihren weiteren Aufenthalt im Krankenhaus betrifft, nicht sonderlich sinnvoll. Ich kann doch davon ausgehen, daß sie die letzten Zwei Tage, die sie hier noch verbringen werden, keinen weiteren Ärger mehr provozieren werden, und daß ich sie, sollten sie sich irgendwann einer weiteren Modifikation unterziehen wollen, sich ein anderes Krankenhaus suchen."
"Selbst...selbstverständlich!" Karl nickte heftig.
"Das höre ich gern." gab der Professor zurück. "Sie können gehen."
"Ja, Professor. Danke, Professor!" Karl stand auf und verschwand aus dem Zimmer, so schnell, wie es die Situation erlaubte.
"Fräulein Winkler, bitte warten sie draußen, während ich mit Herrn Reuter rede."
Suzi stand, leicht irritiert und nervös dreinblickend auf und folgte Karl aus dem Zimmer.
Jann blieb allein mit dem Professor zurück und wünschte, er würde nicht so schwitzen und seine Hände nicht so zittern.
"Herr Reuter," begann der Professor. Jann zuckte zusammen. "ihr Fall ist ein wenig schwerwiegender. Im Gegensatz zu Herrn Laumbardt haben sie Personen im Krankenhaus direkt gefährdet, schon allein durch ihre Aktion mit dem Fahrstuhl. Was wäre gewesen, wenn ein schwerkranker Patient in der Kabine gewesen wäre, und nicht mein Assistent und ich?
Außerdem haben sie den Rollstuhl, den das Krankenhaus ihnen bereitwillig zur Verfügung gestellt hat, schwer beschädigt.
Auch wenn dieses Rennen nicht direkt ihre Idee war und letztendlich keiner direkt zu Schaden gekommen ist, haben sie doch teilgenommen und mitunter den meisten Ärger verursacht.
Eine Sache ist allerdings sehr erstaunlich." Der Professor stand auf und ging um den großen Schreibtisch herum.
"Das Personal aus der technischen Instandhaltungsabteilung, und im übrigen auch meine eigene Person, finden es verblüffend und irgendwo auch bemerkenswert, wie sie es fertiggebracht haben, den Rollstuhl zu solchen Leistungen zu bringen, für die er eigentlich nicht konzipiert ist."
Jann grinste schüchtern und mit einer Spur unverhohlenem Stolz. "Nun ja,...", wollte er erklären.
"Glauben sie nicht, daß ihnen aufgrund dieses zweifelhaften Geniestreiches alles verziehen wird. Sie haben ein sehr teures Gerät beschädigt.
Herr Kaemper, ein Freund von mir aus der Instandhaltungsabteilung und zufällig der Leiter derselben würde sich gerne mal mit ihnen unterhalten. Ihn interessiert, wie sie diesen Trick mit dem Rollstuhl zustande gebracht haben.
Des weiteren werden sie natürlich den Schaden am Rollstuhl bezahlen, der, zu ihrem Glück, nicht sehr stark beschädigt ist. Dazu wollte ihnen Herr Kaemper auch noch etwas erzählen."
Der Professor ging wieder zurück zu seinem Sessel und sah Jann streng an.
"Sie sind ziemlich gut davongekommen, daß ist ihnen hoffentlich klar." Jann nickte heftig. "Na, dann hoffe ich, daß sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes hier keinen Ärger mehr machen. Wenn wir uns soweit im klaren sind, dann können sie gehen.
Ach ja, und schicken sie Fräulein Winkler rein."
Jann stand auf, blieb aber vor dem Schreibtisch stehen. Der Professor hatte sich wieder gesetzt und beschäftigte sich mit seinem Tabletop.
"Äh, Professor?", begann Jann unbeholfen.
"Was gibt es noch?", antwortete dieser, ohne von seinem Computer aufzublicken. In seiner Stimme klang ein leichter Ton von Ungeduld mit, der Jann aber nicht entging.
"Es geht um Suzi."
Der Professor blickte auf. "Sie meinen Fräulein Winkler?"
"Äh, Ja. Fräulein Winkler." Jann spielte nervös mit seinen Fingern. "Wenn sie gleich zu ihnen kommt...
Also, ich bitte sie, lasten sie ihr wegen der Sache mit dem Rennen nichts an. Sie hatte nichts damit zu tun."
"Nicht?", hakte der Professor nach.
"Nein. Ich habe sie dazu überredet.", gab Jann zu. "Ich, ähm, finde Suzi, ich meine Fräulein Winkler sehr nett, und deswegen hatte ich sie dazu überredet, beim Rennen die Schiedsrichterin zu spielen. Zuerst wollte sie gar nicht, aber ich habe sie letztendlich doch dazu gebracht. Ich kann manchmal sehr überzeugend sein, Dummerweise.
Ich wollte nur sagen, Su...Fräulein Winkler trägt bei der ganzen Sache keine Schuld."
"Ja, ich weiß.", antwortete der Professor und schaute wieder auf den Flachschirm seines Computers.
"Ja? Von wem?!", wunderte sich Jann. "Außer mir weiß das keiner!"
"Schon möglich, aber mir war klar, daß sie dahinter stecken mußten. Fräulein Winkler ist eine sehr pflichtbewußte Krankenschwester. Es ist absolut nicht ihre Art, sich zu solchen Dingen hinreißen zu lassen. Ich war mir sicher, daß ihr ungesunder Einfluß daran Schuld sein muß."
"Oh."
"Trotz allem hätte sie sich nicht darauf einlassen sollen. Das ist, bei aller Freundlichkeit, immer noch ein grober Pflichtverstoß, für den sie sich verantworten muß.
Natürlich wird ihre sonst so vorbildliche Arbeitsweise die Umstände ein wenig mildern, wie es im Übrigen auch meine Meinung über sie beeinflußt, daß sie ihre Mitschuld für Fräulein Winklers Ausrutscher zugegeben haben." Der Professor lehnte sich zurück und sah von seinem Tabletop auf. "Wenn das dann alles war, schicken sie bitte Fräulein Winkler herein." Sein Gesichtsausdruck machte deutlich, daß er die Unterhaltung als beendet betrachtete und jede weitere Unterhaltung sicherlich Konsequenzen für Jann tragen würde.
Also ging er.

Draußen, vor der Tür zum Zimmer des Professors, saß Suzi auf einer Bank und sah aus wie Häufchen Elend. Das lange Warten auf die mit Sicherheit unangenehme Unterredung mit dem Professor hat sie sichtlich fertig gemacht und ihre Nervosität ins unermeßliche gesteigert.
In ihren Augen spiegelten sich unterdrückte Tränen, als Jann auf sie zuging.
"Der Professor möchte Dich jetzt sprechen.", sagte Jann knapp.
Suzi stand mechanisch auf und bewegte sich zur Tür.
"Hey.", sagte Jann sanft und hielt Suzi am Arm fest. "Mach Dich nicht fertig. Es wird alle nicht so schlimm werden. Der Professor ist echt ein gütiger Mensch. Er hat sogar mir verziehen."
Suzi starrte Jann an. "Echt?!"
Er wiegte seinen Kopf "Na Ja, so direkt nicht. Aber er war echt gnädig. In Wirklichkeit hätte das alles mir mein Genick brechen können. Mach Dir also keine Sorgen.", beruhigte er sie.
"Wird schon schiefgehen."
Suzi versuchte zu lächeln, aber sie war doch viel zu nervös, so daß man den Versuch als Ergebnis nehmen mußte.
Sich selbst einen Ruck gebend, öffnete sie die Tür und ging in das Zimmer des Professors.
Jann setzte sich auf die Bank und wartete.
Fast schon wünschte er sich, irgend eine Art von Wutgeschrei oder lauter Diskussion zu hören, denn durch die Tür kam kein Laut.
Er wußte, daß der Professor ein besonnener und rationaler Mensch war, der sich zu solchen Gefühlsausbrüchen nicht herab lies, immer seine Form bewahrte.
Und mit Sicherheit war auch diese verdammte Tür schalldicht.
Trotzdem mußte sich Jann mühsam beherrschen, nicht zu lauschen.
Was dauert das nur so lange, bangte er.
Suzi hatte doch mit allem nichts zu tun! Oder hatte der Professor vergessen, was er dazu gesagt hatte?
Endlich ging die Tür auf und Suzi kam auf den Flur. Ihr Gesicht sah nach Weltuntergang aus.
Jann trat hastig an sie heran und schaute sie erwartungsvoll an, fragte aber nicht.
Als Suzi jedoch keine Anstalten machte, zu reden, sprach er sie doch an.
"So schlimm?", fragte er.
Sie sah ihm wütend ins Gesicht. Ihre Augen schimmerten rot vor den mühsam unterdrückten Tränen.
"Was glaubst Du denn!?", keifte sie. Jann wich erschrocken zurück.
"Ich...Ich dachte...ich hatte doch...", stammelte er.
"Natürlich hat das Konsequenzen für mich, ich arbeite schließlich hier! Denkst Du er läßt so etwas einfach so durchgehen?", sie schluchzte. "Er hat mich auf die Eins versetzt. Für ganze Drei Monate!"
"Mehr nicht?", fragte Jann verwundert. Das klang doch nicht so schlimm.
"Auf die Eins versetzt zu werden, ist eine Art Strafe. Da geht keiner hin, wenn es sich nicht irgendwie vermeiden läßt. Nur Oberschwester Magret. Und mit der will auch keiner arbeiten. Die Frau ist knochenhart zu ihren Kollegen! Ich mußte einiges tun, bevor ich hierher versetzt wurde.
Der Professor sagte mir noch, daß ich von Glück reden kann, daß ich keinen Eintrag in meine Akte bekommen habe.
Wäre mir fast lieber gewesen."
"Das sagst Du nur so.", tröstete Jann. "Glaub, mir, das wird schon nicht so schlimm."
"Woher willst Du das denn wissen?", schrie sie ihn an. "Du arbeitest doch nicht hier!
Ach verdammt.", sie schluckte und fing an zu weinen. "Das ist alles Deine Schuld!", schluchzte sie.
"Was?", Jann starrte sie an. "Ich konnte doch nicht ahnen..."
"Natürlich nicht!", unterbrach sie ihn. "Das kann man nachher immer sagen! Jetzt komm mir bloß nicht mit dem Spruch, ´Du hättest eben nicht auf mich hören sollen´!"
Jann stand ratlos neben Suzi. Etwas in dieser Art ging ihm durch den Kopf, aber er verkniff es sich geistesgegenwärtig. Jetzt wußte er nicht mehr, was er sagen sollte.
"Vielleicht reden wir noch mal mit dem Professor.", schlug er vor.
"Klar", höhnte Suzi. "Damit wir es noch schlimmer machen, als es jetzt schon ist!"
"Mensch, Suzi..."
"Ach , laß mich Doch in Ruhe!!", fauchte sie ihn an und ging davon.
Jann schaute ihr verwundert hinterher.
Jetzt übertreibt sie aber ein wenig, fand er.

"Und?", fragte Karl, "Haben sie Dir die Fahrerlaubnis entzogen?"
Jann ignorierte das breite Grinsen seines Kontrahenten. "Mit Losern rede ich nicht.", gab er trocken zurück.
Karl grinsen verschwand. "Mal im ernst Kumpel, was haben sie Dir aufgebrummt?"
Jann zuckte mit den Schultern. "Ich muß den Rollstuhl reparieren lassen, außerdem will der Typ aus der technischen Abteilung mit mir reden."
"Da will ich dabei sein!", rief Karl dazwischen. "Du mußt mir unbedingt erzählen, wie Du das mit dem Rollstuhl geschafft hast."
"Sicher!", höhnte Jann, "Damit Du hier reihenweise die Patienten über den Haufen fährst."
"Hey!", mahnte Karl. "Wer ist den hier der Raser? Abgesehen davon, wenn Du den Trick noch mal hinkriegst, aber diesmal ohne, daß der Rollstuhl dabei durchschmort, bin ich vielleicht dabei."
"Ich habe erst mal genug von Wettrennen.", sagte Jann und ließ sich in sein Bett fallen. "Das hat mir mehr Ärger eingebracht als Freuden."
"Hey, das war nicht unsere Idee." Karl setzte sich auf. "Der Flur wollte das. Mir ist egal, wer von uns beiden der Bessere ist."
Jann drehte seinen Kopf. "Ach wirklich?"
Karl breitete die Arme aus. "Ja!", antwortete er verblüfft, als wäre dies der einzig logische Gedanke. "Ich bin nicht so ein Konkurrenztyp. Ich muß nicht andauernd anderen Leuten beweisen, was ich draufhabe, so wie Du. Ich wollte Dich halt ein wenig provozieren, deswegen immer die Sprüche.
Und Du bist natürlich voll drauf eingestiegen!"
"Und warum hast Du dann mitgemacht?", fragte Jann.
"Weil es hier stinklangweilig ist. Wir haben den Leuten doch eine tolle Show geboten.
Ich habe eben nicht gedacht, daß etwas passieren könnte. Und hättest Du nicht Deinen Motor in einen geschmolzenen Klumpen Isoliergummi verwandelt, wäre es ja auch nicht so schlimm geworden, besonders für Dich nicht. Wo ist eigentlich Suzi?" Karl sah sich suchend um.
Jann verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und schaute zur Decke.
"Die wurde versetzt.", brummte er.
"Echt?", rief Karl "Wegen diesem Rennen? Krasse Sache." Er schüttelte den Kopf. "Sie hatte doch gar nichts damit zu tun."
"Sag das dem Professor.", grummelte Jann. "Schon, daß sie dabei war und nichts dagegen unternommen hat, ist seiner Meinung nach ein mittelschweres Vergehen."
"Schade, sie war eigentlich sehr nett." Karl beugte sich zu Jann vor und grinste ihn an. "Du konntest sie doch auch gut leiden, oder?"
"Ging so.", log Jann.
"Erzähl doch nichts!", dröhnte Karl. "Du läufst doch allem hinterher, was zwei Titten und lange Beine hat. Und Suzi hat es Dir besonders angetan."
"Es wäre auch was geworden, wenn sie keinen Freund gehabt hätte!"
Karls Grinsen wuchs weiter in die Breite. "Sie würde eher mit einem Critter zusammen gehen, als mit Dir."
Jann funkelte seinen Kumpel zornig an. "Wenn Du Schläge haben willst, dann geht das auch direkter.", warnte er.
Karl hob abwehrend die Hände und wollte etwas sagen, wurde aber unterbrochen, als die Zimmertür aufflog und ein großer Kerl in das Zimmer stapfte. Auf seiner Lederjacke prangten die Logos von Saeder-Krupp, Mitsuhama, Fuchi und diverser anderer Konzerne, die gerade in Mode waren. Er sah aus wie aus einer Trid-Werbung für Haarwaschmittel entsprungen. Und sein Vater hatte eindeutig Geld, denn Das Leder, das er trug war echt und noch ziemlich neu. Es roch wie frisch aus dem Laden und war noch nicht eingetragen.
Er sah Jann an, der sich auf seinem Bett aufgerichtet hatte.
"Bist Du Jann Reuter?", fragte der riesige Schönling. Jann nickte.
Ohne ein weiteres Wort trat der Ledertyp an das Bett und packte Jann am Kragen und knallte ihm seine Faust ins Gesicht. Mit einem hellen Knacken brach die Nase und Blut schoß über das Hemd.
Karl wandte sich angewidert ab, hielt aber ein Auge auf die Szene gerichtet.
Jann, betäubt vor Schmerzen hielt sich mit einer Hand die blutende Nase. Durch seine halb geschlossenen Lider hindurch sah er verschwommen das Gesicht seines Angreifers.
"Hör mal zu, Du Penner!", zischte dieser zornig in Janns Gesicht. "Wegen Dir und Deinen Dummen Spielchen hab ich Streß mit meiner Freundin bekommen. Ich hätte nicht wenig Lust, Dir den einen oder anderen Gesichtsknochen zu deformieren!"
Jann stöhnte nur leise und versuchte benebelt, das Blut, das aus seiner Nase lief, irgendwie aufzuhalten.
Der Riese schaute ihn verächtlich an und ließ den Kragen los. Jann plumpste zurück auf das Bett.
"Ach, Du bist den Ärger doch gar nicht wert.", spie der Schönling aus und verschwand aus dem Zimmer.
Jann schaute auf seine blutverschmierten Hände und sog schmerzhaft die Luft ein.
Karl reichte ihm ein Handtuch.
"Banke.", blubberte Jann. "Bett, dad Du mir geholfn hat.", fügte er mühsam hinzu.
"Und mir meine Nase auch noch brechen?", Karl schüttelte sich. "Das tut doch sicher tierisch weh!"
"Argh!", kommentierte Jann. Umständlich richtete er sich auf.
Karl stand ebenfalls auf und half seinem Kumpel. "Du mußt den Kopf nach hinten halten.", behalf er. "Und benutz das Handtuch! Du blutest alles voll."
"Hrmpf!", schimpfte Jann durch das Handtuch in seinem Gesicht.
So erreichten beide das Aufsichtszimmer, wo eine geschockte Schwester gleich den Arzt rief und erste Hilfe leistete.
"Wie kann das nur passieren?", fragte sie verwundert und sah Jann kopfschüttelnd an.
"Das sollte ich eigentlich fragen.", sagte Karl ungehalten. "Oder er hier.", fügte er noch hinzu und zeigte auf Jann, der sich mittlerweile im angenehmen Rausch eines Neoskopolaminpflasters auf der Liege saß.
"Anscheinend kann hier jeder Hanswurst hereinspazieren und sich an die Patienten ranmachen.
So was nennt man dann auch noch Sicherheit."
Die Schwester schaute kurz auf und bedachte Karl mit einem bösen Blick. "Der Hanswurst, der hier gerade hereinspaziert kam, ist Suzis Freund.", erklärte sie gereizt, während sie Jann weiter behandelte. "Und zufällig ist er Howards Sohn, der derzeitige Leiter dieses Krankenhauses."
"Und das gibt ihm das Recht, die Patienten hier zusammenzuschlagen?", fragte Karl erstaunt. "Mann, das nenn ich mal Vetternwirtschaft!"
"Natürlich nicht!", gab die Krankenschwester wütend zurück. Jann zuckte. "Aber was soll ich mir denn dabei denken, wenn Suzis Freund hier auf die Station kommt? Vielleicht wollte er sie besuchen."
Karl hob eine Augenbraue. "Wurde Suzi nicht versetzt?"
"Schon.", bestätigte die Schwester . "Aber vielleicht wußte er das noch nicht. Die beiden, oder zumindest Suzi hängt die Beziehung nicht an die große Glocke, damit man ihr später nicht nachsagen kann, sie hätte hier irgendwas durch Beziehungen erreicht. Deswegen erzählt sie ihrem Freund auch nicht viel von der Arbeit. Ich glaube es interessiert ihn sowieso nicht."
"Klingt nach einem Arschloch.", kombinierte Karl.
"Ist er auch.", gab die Krankenschwester zu. "Aber Suzi ist wohl ziemlich in ihn verliebt. Er sieht ja auch gut aus." Sie zuckte mit den Schultern. "Muß sie wissen."
"Suusii", lallte Jann unvermittelt.
Karl tätschelte Jann tröstend die Schulter. "Ist ja gut."
Die Schwester biß sich auf die Lippen, um nicht vor Lachen loszuprusten.
"War das der Grund für die gebrochene Nase?", fragte sie dann.
"Oh Nein, ganz bestimmt nicht!", wehrte Karl ab. "Lassen sie sich daß von Jann erklären, wenn er wieder von der Narkose runter ist."

Jann saß wieder auf seinem Bett und betrachtete sein Gesicht mit einem Handspiegel. Vorsichtig betastete er seinen Nasenrücken.
Karl saß ihm gegenüber und betrachtete ihn über den Rand des Spiegel hinweg.
"Das ging aber schnell.", staunte er.
Jann nickte. "Die haben mir eine Sonderbehandlung gegeben.", erklärte er. "Sogar ein Magier war dabei."
Karls Augenbrauen verschwanden im Haaransatz. "Meine Güte.", kommentierte er. "Wahrscheinlich hat ihnen jemand erzählt, daß der Sohn vom Krankenhausleiter dir die Nase gebrochen hat."
"Glaubst Du, er hat es ihnen erzählt?", fragte Jann.
Karl schüttelte den Kopf. "Nee, der nicht. Ich denke, irgend jemand hat es seinem Vater gesteckt und der will Ärger vermeiden. Nachher verklagst Du noch jemanden. Und wenn er gute Beziehungen zu einem der hier angestellten Magier hat, ist das sicher billiger, die Sache so schnell aus dem Weg zu räumen."
Jann zuckte die Schulter. Ihm war letztendlich egal, wer es nun gesagt hat. Die Nase war so erstaunlich gut und schnell geheilt, man könnte meinen, sie wäre nie gebrochen worden.
Schmerzen hatte er auch keine mehr. Moderne Medizin, dachte er sich, aber es war wohl hauptsächlich die Heilmagie.
"Wow,", sagte er leise, "meine erste magische Behandlung."
"Hoffentlich auch Deine letzte.", konterte Karl. "Solltest Du jemals wieder eine brauchen, wird es wohl nicht wegen einer gebrochenen Nase sein!"
"Jann?", fragte eine Stimme von der Tür.
Beide drehten sich zur Tür. Suzi stand dort, die Klinke in der Hand.
"Jann.", wiederholte sie, als sie ihn sah. "Ein Glück, daß Du hier bist."
"Suzi!", rief er erstaunt, als sie auf ihn zukam und seinen Spiegel aus der Hand nahm.
"Laß mal sehen." Sie drückte seine Hände weg und befühlte seine Nase.
"Gott sei Dank.", sagte sie erleichtert. "Alles wieder in Ordnung. Josef kann so ein Idiot sein!"
"Aber ein kräftiger Idiot!", fügte Jann hinzu. "Übrigens, die haben mich mit allen Schikanen der modernen Medizin behandelt. Sogar Magie haben die eingesetzt."
Suzi nickte. "Ich weiß. Schließlich habe ich ihnen gesagt, wer der Typ war, der Dir das angetan hat.
Jann, es tut mir so leid! Ich wollte nicht, daß so etwas passiert."
"Was ist überhaupt in den Kerl gefahren? Ich habe ihn doch gar nichts getan. Oder läuft da etwas zwischen uns, was ich nicht mitbekommen habe?"
"Quatsch.", lachte Suzi über diesen törichten Gedanken. "Aber durch meine Versetzung auf die Eins wurden meine Arbeitsschichten neu eingeteilt. Daß heißt auch, daß ich nicht mehr soviel Zeit für Josef haben werde."
Josef war ein blöder Name, dachte Jann.
"Ich war ganz schön sauer auf Dich an diesem Abend. Als ich das Josef erzählte regte er sich tierisch auf. Allerdings mehr über die Tatsache, daß er mich nicht so oft sehen wird, als über meine Versetzung. Und das mißfiel mir irgendwie. Wir hatten dann einen ziemlich heftigen Streit.
Zum Schluß war er so sauer, daß er gleich losgehen wollte und Dich verprügeln. Ich sagte ihm, wenn er das täte, bräuchte er sich bei mir nicht mehr blicken zu lassen. Dann ging er einfach."
"Heißt das, daß Du jetzt wieder zu haben bist.", fiel Jann ein.
Suzis Gesichtsausdruck verfinsterte sich. "Du hast Dir Deine Nase eben erst gebrochen.", warnte sie ihn.
"Sorry,", murmelte er. "Sollte nur ein Scherz sein. Es tut mir leid, daß ich Dir soviel Ärger gemacht habe. Ich hoffe nicht, daß ich etwas zwischen euch kaputt gemacht habe."
Das war glatt gelogen, aber Jann dachte, es könnte gut sei, so etwas zu sagen.
Suzis Miene hellte sich wieder auf. "Nein, ich denke nicht. Diese Art von Diskussion haben wir öfter. Josef ist manchmal ein bißchen Impulsiv."
"Sag ihm mal, daß diese Art von Impulsen nicht gut für meinen Nasenrücken sind.", grummelte Jann.
Suzi kicherte.
"Verzeihst Du mir?", fragte er schüchtern und schaute angestrengt auf seine Schuhe.
Sie gab ihn einen Klaps auf die Schulter. "Aber ja. Es war auch meine Schuld. Ich hätte das gar nicht mitmachen dürfen. Das nächste mal werde ich einfach nicht auf Dich hören und Dich gleich melden."
"Oh danke.", seufzte Jann.
Suzi sah auf die Uhr. "Ich muß wieder zurück. Meine Pause ist zu Ende. Und meine neue Kollegin ist ziemlich streng. Ich wollte nur sehen, wie es Dir geht."
Sie winkte und verschwand aus dem Zimmer. Jann sah ihr hinterher.
Karl unterdrückte mäßig ein Grinsen.
Jann wirbelte zu ihm herum. "Du weißt auch nicht, wann es Zeit ist, zu gehen und , wann zu bleiben!?"
Karl schüttelte den Kopf. "Ich will doch das spannendste nicht verpassen!"
Jann wandte sich ärgerlich ab und sah wieder zur Tür. "Sie steht auf mich, daß weiß ich!"
"In Deinen Träumen.", grinste Karl.

Jann sah auf den Wegweiser, nur um sicherzugehen, daß er sich nicht verlaufen hatte.
Das Krankenhaus war riesengroß und er war schon an Fünf Türen vorbei gegangen, die der Professor ihm beschrieben hatte, und alle sahen gleich aus. Und alle hatten keine Nummer.
Er ging dem beschriebenen Weg nach und erreichte eine große Doppeltür, diesmal mit einer Nummer und einem Schild:
TECHNISCHE ABTEILUNG FÜR
         INSTANDHALTUNG
         HERR KAEMPER
Als er sie durchschritt, hatte er das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.
Von dem antiseptischen Geruch, der sich durch das ganze Krankenhaus zog, war hier nichts zu bemerken. Statt dessen roch es nach Lötsonden, Metall, Öl, Gummi und Ozon.
Der gesamte, riesige Raum - Nein, Halle traf es wohl eher, sah aus wie eine große Werkstatt.
Überall an den langen Tischen arbeiteten Techniker an Platinen, medizinischen Untersuchungsgeräten, diversen Monitoren und verschiedenen Arten von Foltergeräten, in die man genesene Patienten hineinsteckte, um ihnen Bewegungen aufzuzwingen, von denen man annahm, daß sie dieselben auch vor der Operation im täglichen Leben ausgeführt hatten.
Jann schüttelte sich.
Rollstühle standen hier auch und weckten in Jann ein ungutes Gefühl. Er sah sich um, konnte aber seinen Rollstuhl nicht entdecken. Eigentlich sahen sie alle gleich aus, und auf den ersten Blick konnte er nicht erkennen, ob die Rollstühle eine Fahrzeugsteuereinrichtung besaßen, aber er dachte, daß es von dieser Sorte nur ganz wenige Stühle gab.
Jann wandte sich nach rechts und ging auf einen abgegrenzten Raum zu, der wohl das Büro sein sollte. Durch die verglasten Wände konnte er den riesigen Typen sehen, der hinter dem Schreibtisch saß und auf sein Tabletop starrte. Erst als er näher kam, erkannte er, daß der Typ am Schreibtisch ein Ork war. Und was für einer!
Die riesigen Pranken schienen kaum in der Lage zu sein, den kleinen Computer zu bedienen, der Stuhl sah aus, wie aus einer Puppenstube gestohlen. Der Ork hatte dunkle, sonnengebräunte Haut und einen kahlrasierten Schädel, auf dem zwei Datenbuchsen glänzten. Die blitzweißen Hauer ragten aus seinen Mundwinkeln heraus, die sich zu eine Art verschmitzten Lächeln kräuselten, so als hätte er das zu oft getan und nun könne er damit nicht mehr aufhören. Seine Augen hingegen lächelten nicht, sondern starrten weiterhin konzentriert auf den kleinen Bildschirm.
Bevor Jann an die Tür klopfen konnte, sah der Ork auf und schaute Jann fragend an.
Jann wollte seinen Zettel hoch zeigen, den er als Meldebestätigung von dem Professor bekommen hatte, aber der Ork winkte ihn herein und stand auf.
Jann trat durch die Tür und nahm all seine Beherrschung zusammen, um seinen Urinstinkten nicht nachzugeben und wegzulaufen. Der Ork war riesig! Wenigstens zwei Meter groß und mit Schultern, für die ein Troll morden würde. Jann hatte vorher nur wenige Orks gesehen. In der Arkologie gab es so gut wie keine, sie waren dort nicht gerne gesehen. Von dem Putzpersonal waren ein oder zwei Mitarbeiter Orks, aber die sah Jann nur, wenn er sehr spät nach Hause kam.
Auch Trolle hatte er nur von weitem auf einigen Baustellen gesehen. Aber noch nie war er einem Ork so nahe gewesen, und vor allem keinen, der so riesig war.
Als der Ork hin mit prüfenden Blick eingehend betrachtete, fühlte er sich auf eine unbewußte Art bedroht.
"Und? Was gibt's?", fragte der Riese barsch.
"Ich sollte mich hier melden.", stammelte Jann und hielt die Meldebescheinigung wie eine Art Schutzschild hoch.
Der Ork schaute auf den kleinen Zettel und griff unwirsch danach, um ihn genauer anzusehen.
Dann, plötzlich und unerwartet hellte sich seine Miene auf und das Gesicht legte sich in viele kleine Falten, als dieses verschmitzte Lächeln zurückkam. Die Augen wirkten auf einmal warm und Jann entspannte sich en wenig.
"Ha!", Lachte der Ork. "Du bist Jann Reuter, der mit dem Rollstuhl?!" Der Ork streckte sein riesige Hand aus. "Ich bin Herr Kaemper."
Jann griff zögerlich nach der Hand. Es tat nicht ganz so sehr weh, nachdem er sich darauf eingestellt hatte, daß seine Hand zermalmt würde.
"Sie sind Herr Kaemper?!", fragte Jann erstaunt.
"Ja,", antwortete der Ork und sein Blick bekam etwas gefährliches. "ist das ein Problem?"
"Nein!", wehrte Jann heftig ab und ihm fiel eiskalt ein, daß der Ork noch immer seine Hand zur Begrüßung hielt. "Nein, ganz bestimmt nicht. Es ist nur...ich habe noch nie vorher einen Ork gesehen. Zumindest nicht aus dieser Nähe." Im gleichen Moment bereute Jann seine Worte, weil er befürchtete, daß sie herablassend klingen könnten. Er war Metamenschen in Führungsämtern nicht gewohnt, außer Elfen vielleicht, aber er hatte keine Probleme damit. Zumindest würde er das nie direkt vor einem Metamenschen zugeben.
Aber der Ork lachte nur und ließ endlich seine Hand los. "Ah, Eines dieser verwöhnten Kastenmenschen! Wurdest Du in der Arkologie geboren?"
Jann nickte. "Kein Wunder!", lachte Herr Kaemper wieder. "Du hast noch nicht viele Orks gesehen, oder? Aber keine Angst, wir beißen nicht!"
"Hätte ich auch nicht gedacht.", murmelte Jann. Der Ork mußte wieder Lachen und gab ihm einen Klaps auf die Schulter, der Jann das Gefühl gab, er müsse vielleicht doch demnächst zu einer Physiotherapie.
Er führte Jann zu einem Tisch, auf dem ein zerlegter Rollstuhl lag.
Die Hülle des Elektromotors, der das Gefährt wohl früher angetrieben hatte, war von Kurzschlüssen rußgeschwärzt, diverse Kabel waren zu einem Klumpen von Kobalzid und Isoliermaterial verschmolzen.
Herr Kaemper sah auf Jann hinunter, der sich unter dem Blick peinlich berührt fühlte.
"Genau.", sagte der Ork, der den Gesichtsausdruck von Jann entsprechend deutete. "Das ist Dein ehemaliges Fahrzeug. Ich habe ihn noch nicht reparieren lassen, weil ich noch einige Fragen an Dich habe.
Die erste ist: Wie zum Teufel hast Du das hinbekommen!?"
"Oh, das war gar nicht schwer.", antwortete Jann verlegen. "Sie wissen sicher, daß ich mit einem anderen Patienten auf der Station ein Rennen gefahren bin." Herr Kaemper nickte.
"Ich wollte", fuhr Jann fort, "einen Vorteil in der Geschwindigkeit erreichen. Deshalb deaktivierte ich die Servoschaltkreise. Die Zelle gibt dann ein wenig mehr Energie ab, weil dann die Energierückführung nicht mehr funktioniert."
Der Ork winkte. "Das ist ein alter Hut. Außerdem ist der Geschwindigkeitszuwachs nicht sonderlich hoch."
"Ja, das habe ich auch gemerkt.", knurrte Jann. "Und der Typ, gegen den ich gefahren bin, hatte diesen Trick auch schon raus. So fuhren wir beide mit gleicher Geschwindigkeit, Kopf an Kopf voran.
Dann kam mir die Idee, die Energiezelle zu entladen."
"Während der Fahrt?!", wunderte sich Herr Kaemper.
"Ja. Ich überbrückte die Sicherheitsschaltung des Systemadapters und leitete die Aufladeprozedur ein. Wie erwartet entlud sich die Zelle vorher in einer Art Kurzschluß, damit sie beim wiederaufladen keine Restenergie mehr besitzt. Da die Zelle nicht an einer Ladestation angeschlossen war, gab sie ihre gesamte Energie an den Elektromotor ab und ich gewann das Rennen."
"Und hast dabei den Motor verbrannt.", schloß Herr Kaemper. Er pfiff leise durch die Zähne.
Das war etwas, was Jann ein wenig in Staunen versetzte, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie man das mit den beiden Hauern anstellen sollte. Er war nicht einmal naß geworden.
"Ein erstaunlicher Trick. Darauf wäre ich nicht gekommen."
"Der war gut, nicht!", verkündete Jann stolz."
"Nein, gefährlich.", korrigierte der Ork und entfernte die Deckplatte von dem Antrieb des Rollstuhls. "Schau Dir die Widerstände an."
Jann tat, wie ihm geheißen. Er sah nur eine verkohlte Masse. Hier und da waren einige Widerstände noch intakt, aber sie waren zu geschwärzt, als daß man ihre Kennung identifizieren konnte.
"Du konntest von Glück reden, daß die Zelle schon fast verbraucht war.", kommentierte der Ork. "Die Widerstände sind nicht dafür ausgelegt, mit solchen Energiemengen zurechtzukommen. Wäre die Zelle nur zur Hälfte voll gewesen, wären alle Widerstände auf der Stelle durchgebrannt und der Rollstuhl hätte Feuer gefangen."
Jann schluckte und schaute auf die wenigen heil gebliebenen Widerstände von der Platine und fühlte sich auf einmal sehr Unwohl.
"Der Professor hat mir erzählt, daß ihr auf dem Flur für Sicherheit gesorgt habt. Ich habe ihm erzählt, daß ich das nicht konntet und ihm die Analyse des Rollstuhls geschildert.
"Dein Problem ist," holte er aus. "daß Du durchaus talentiert bist. Das habe ich mir schon gedacht, als ich den Rollstuhl auseinandernahm. Die Dinger sind Idiotensicher, und nur mit viel Mühe und Einfallsreichtum kann man das Gerät auseinandernehmen, so wie Du es getan hast. Nur leider fehlt Dir wichtiges Hintergrundwissen, und Du scheinst einen schlechten Einfluß auf Deine Mitmenschen zu haben, weil es Dir anscheinend gelingt, andere mit hinein zu ziehen und ebenfalls in Gefahr zu bringen."
Jann seufzte. "Sie sind nicht der erste, der mir das sagt."
"Auf jeden fall wollte ich Dir das zeigen, bevor ich Dir die Rechnung präsentiere.", sagte Herr Kaemper und grinste vergnügt. Jann schluckte.
"Ich hoffe, wenn Du Deine Ausbildung beginnst, machst Du nicht solche Dummheiten!", fügte der Ork hinzu.
"Ist ja nett, daß sie so um meine Karriere besorgt sind.", murmelte Jann.
"Das bin ich gar nicht.", erklärte der Ork. "Mir gefällt nur der Gedanke nicht, einen jungen Mann in einer Millionen Nuyen teuren Maschine zu wissen, bewaffnet bis an die Rosette, der solche Gedanken hat wie: "Was wohl passiert, wenn ich diese beiden roten Knöpfe gleichzeitig drücke?", während er gerade Patrouille um eine Arkologie fliegt, in der vielleicht meine Familie lebt!"
"Oh."
Das Lächeln des Orks bekam etwas, das Jann schwitzen lies.
"Was Du mit Dir selber anstellst, ist mir fast egal. Aber wenn jemand leichtsinniger Weise andere in Gefahr bringt, könnte ich regelrecht ausflippen!"
"Das glaube ich ihnen aufs Wort.", sagte Jann kleinlaut.
"Dann haben wir uns verstanden?!"
Jann nickte hastig. "Kann ich jetzt gehen?"
"Einen Moment noch.", sagte der Ork und holte einen flachen Kasten aus seiner Tasche hervor. An der Seite war eine Datenbuchse. "Ich habe die Ersatzteile für den Rollstuhl bestellt. Er muß nur noch repariert werden, was ich wohl persönlich erledigen werde. Allerdings sind meine Arbeitszeiten ein wenig teurer, da ich ein vielbeschäftigter Mann bin." Der Ork hielt Jann den kleinen Kasten hin. Er lächelte sadistisch, als Jann seinen Kredstab in die Buchse schob.
Jann stöhnte. Das Display am Apparat zeigte an, daß gerade 3200 Nuyen von seinen Ersparnissen abgezogen wurden. "N´schönen Tag noch.", warf ihm der lächelnde Ork zu.
Jann nickte nur und drehte sich um.
Herr Kaemper grinste noch immer, als der Junge Mann seine Werkstatt verließ.
Geld wirkt immer.
Wenn man jemanden etwas klarmachen will, daß er nicht vergessen soll, dann tut man ihm weh, oder nimmt ihm sein Geld, was im Endeffekt genau das gleiche ist.
Der Ork drehte sich um.
"Müller!", brüllte er. Ein schlacksiger Junge kam angerannt. Er trug einen Overall, der mit kleinen Brandlöchern und Graphit verschmutzt war. Der Junge war ein Azubi und hatte die zweifelhafte Ehre, seine Ausbildung unter den strengen Augen von Herrn Kaemper zu machen.
"Siehst Du den Rollstuhl dort?", fragte Kaemper den Jungen. Der drehte sich um und folgte dem Blick seines Lehrers. Dann wandte er sich wieder zu dem Ork um und nickte wortlos.
"Im Lager liegt gleich neben den Eingang ein Karton mit der Aufschrift "EB-24/R". Da sind die Ersatzteile für den Rollstuhl drin. Mach dich an die Arbeit."
Der Junge verschwand, um seine Aufgabe zu erledigen.


Jann winkte pflichtbewußt seinen Eltern ein letztes mal zu und verschwand im inneren des Boeing Commuters.
Er atmete auf. Es ist schon erstaunlich, dachte er bei sich, wie fürsorglich Eltern werden können, wenn man weggeht. Er war irgendwo froh, die beiden los zu sein.
Immerhin war er schon siebzehn und die beiden behandelten ihn, als würde er gerade eingeschult werden.
Wie auch immer. Jetzt begann ein ganz neuer Abschnitt in seinem Leben. Der Commuter würde ihn und einige andere Bewohner dieser Arkologie zum Flughafen bringen, wo ein Suborbitalflugzeug ihn nach Seattle und ein ganzes Stück näher an seine Träume bringen würde.
Er konnte es kaum erwarten, bis das kleine Shuttle endlich abhob.
Schließlich war es soweit, der Commuter hob mit jaulenden Motoren ab und drehte sich während des Vertikalfluges, um dann in einem langsamen Gleitflug zum Flughafen von Hannover zu fliegen.
Jann sah sich im Flugzeug um. Nur siebzehn weitere Passagiere waren mit ihm unterwegs. Zwei kannte er flüchtig, weil sie im gleichen Sektor wie seine Familie wohnten. Einer der beiden war ein Kollege seines Vaters gewesen und wurde nach Seattle versetzt. Eine Art Beförderung.
Die anderen waren ihm weitgehend unbekannt. Vielleicht hatte er die eine oder den anderen mal irgendwo im Einkaufszentrum oder woanders gesehen, aber bewußt erinnern konnte er sich an sonst niemanden von den Leuten, die im Flugzeug saßen.
Die restliche Zeit sah Jann aus dem Fenster. Er hatte Glück; heute war die Dunstglocke wegen des herannahenden Winters nicht ganz so dicht wie sonst, und in der Dämmerlicht der untergehenden Sonne sahen die orange glühenden Wolkenkratzer und Arkologien, in denen viele kleine Lichter der zahllosen Fenster und Autos auf der Straße fast Idyllisch aus. Er genoß die Aussicht und spürte einen Anflug von Heimweh, oder etwas ähnlichem.
Der Flug dauerte nur kurz.
Schon eine halbe Stunde später stand Jann inmitten des großen Flughafens und suchte vergeblich das Terminal für die Suborbitalflüge nach Übersee. Obwohl die einzelnen Schalter und die Wege dorthin Idiotensicher ausgeschildert waren, schaffte Jann es, verloren durch die Gegend zu laufen und zielsicher wie ein Lemming immer den falschen Weg zu nehmen. Schließlich fragte er völlig verzweifelt und leicht beschämt an der Information nach Hilfe.
Eine junge Frau mit Barbielächeln und Engelsgeduld erklärte Jann mit einer Stimme wie Karamellbonbons an einem heißen Tag den Weg bis in das kleinste Detail und drückte ihm dann einen Plan in die Hand, auf dem die einzelnen Wege zu den verschiedenen Terminals mit farbigen Linien markiert waren - genau wie auf dem Boden des gesamten Flughafens - und schickte ihn dann fort. Sie war wohl solche Idioten wie ihn schon gewohnt, dachte Jann.
Tatsächlich schaffte er es mit der Beschreibung der Angestellten und dem Plan, sein Terminal nach nur fünfzehn Minuten zu erreichen.
Er gab sein Gepäck ab und bekam die Bordkarten ausgehändigt.
Viel Zeit blieb ihm nicht, deshalb ging er sofort an Bord, aber nicht ohne sich noch einmal die Zeit zu nehmen, das Suborbitalflugzeug durch eines der großen Fenster zu betrachten.
Die untergehende Sonne warf ihr letztes rotgoldenes Licht auf die metallene, blank polierte Oberfläche des Flugzeuges und dramatisierte den Augenblick.
Jann stockte der Atem.
Es war wunderschön. Der riesengroße Leib des Flugzeuges hatte gewundene, fast undirdische Formen, als wäre er aus einem ganzen Stück gegossen worden und erstarrt. Kleine Stummelflügel am Ende des Rumpfes, hinter denen die Schatten der riesigen SCRAM-Düsen zu erkennen waren, unterbrachen das ästhetische Gesamtbild und schienen der einzige Hinweis darauf zu sein, daß dieses Objekt nur eine Maschine war, von Menschen entworfen.
Ein weiterer Aufruf weckte Jann aus seiner Faszination und er reihte sich in die Menge der in den Gangway strömenden Massen ein. Eine Stewardeß lächelte ihn an, als er seine Bordkarte reichte und weißte ihm den Platz zu.
Es wäre ein Fensterplatz gewesen, wenn dieser Vogel Fenster gehabt hätte.
Aber Suborbitalflugzeuge hatten keine Fenster. Sie flogen zu schnell und zu hoch, als das es sicher ( und nicht zu teuer ) gewesen wäre, Fenster einzubauen.
Dafür gab es aber Außenkameras. Eigentlich für die Piloten als weitere Kontrollmaßnahme gedacht, konnte man über diese Kameras auf einem Bildschirm, der ihn die Rückenlehne des Vordermannes eingelassen war, die äußere Umgebung betrachten.
Die Stewardessen nahmen ihre Positionen im Gang ein und instruierten die Gäste per Intercom über die Vorschriften und Optionen während des Starts und des Fluges. Sicherheitsmaßnahmen wurden keine erklärt, was Jann einen Augenblick verwunderte. Dann fiel ihm ein, sollte etwas passieren, dann gab es keine Möglichkeit, die Passagiere irgendwie zu Landen. Ein Hüllenbruch in einer Höhe von 23 Kilometern und bei einer Geschwindigkeit von über Mach 20 - Jann wurde schwindelig, als er sich die Daten ins Gedächtnis rief - war in jedem Falle das Ende des Flugzeuges und der mit ihm reisenden Passagieren. Auch würden die Stummelflügel, sollte das Flugzeug nicht zerrissen werden, bei einer Bruchlandung nicht viel helfen. Jann beruhigte sich mit dem Gedanken, sollte unerwarteter Weise ein solcher Fall eintreten, er würde es nicht merken.
Ein sanftes rucken deutete darauf hin, daß das Flugzeug sich in Bewegung setzte und auf die Startbahn rollte. Jann stöpselte sich in das Terminal vor ihm ein; es war mit diversen Adaptern verbunden, so daß Passagiere, egal welche Art Datenbuchse sie besaßen, auf die Annehmlichkeiten einer kybernetischen Verbindung nicht verzichten mußten. Jann hatte auf diese Weise Zugriff auf die Menüoptionen und konnte sich den Kopfhörer sparen. Der Ton verzichtete auf den Umweg aber seine Ohren und erklang direkt in seinem Kopf.
Er schaltete sein Terminal auf die Außenkamera, die den rückwärtigen Boden zeigte. Jann stellte fest, daß sie schon lange auf dem Rollfeld waren und das Flugzeug gerade seine SCRAM-Düsen gezündet hatte. Daher der Ruck am Anfang.
Der Boden kippte im Bildschirm plötzlich weg und entfernte sich mit einer unwirklich erscheinenden Geschwindigkeit. Dann setzte der Andruck der Beschleunigung ein, als die SCRAM-Düsen zusätzlichen Schub erzeugten, um die Reisehöhe zu erlangen. Jann erinnerte sich an die Achterbahn, das Gefühl war so ähnlich. Man wurde in den Sitz gepreßt und war unfähig, seinen Arm zu heben, zumindest nicht ohne erheblichen Kraftaufwand.
Er schaltete auf die hintere Kamera, aber mittlerweile war nichts mehr zu sehen außer einer grauweißen Wolkendecke.
Dann lies die Beschleunigung plötzlich nach und der ungewohnte Druck auf seinem Brustkorb verschwand. Aus einer Idee heraus wählte Jann im Menü eine der vorwärtigen Kameras.
Wenn ein Flugzeug in 25 Kilometer Höhe schwebt, hat man einen atemberaubenden Blick auf die Erdoberfläche, die sich sichtbar gekrümmt unter der Wolkendecke erstreckt und hier und da etwas blau durchschimmern lies.
Einige Augenblicke lang genoß Jann diesen Anblick und wünschte sich ein Retinadisplay; der Adapter an der kleinen Konsole war nicht dazu ausgelegt, eine Bildübermittlung in einem Rigsystem zu erzeugen. Vielleicht war seiner auch defekt.
Der Captain des Flugzeuges meldete sich über das Intercom und begrüßte die Passagiere an Bord. Er erzählte kurz etwas über die Fluggeschwindigkeit, die Flughöhe und die Reiseroute, und nannte die ungefähre Ankunftszeit. Die letzte Auskunft überraschte Jann mehr als die beiden anderen.
Eine halbe Stunde, dann war er in Seattle! Klar, so ein Suborbitalflugzeug ist eine schnelle Sache, aber das wahre Ausmaß der Geschwindigkeit entzog sich seiner Vorstellungskraft und war vielleicht nur den Mathematikern auf den Papieren eine klare Größe, mit der sie nüchtern und ernst arbeiten konnten.
Kaum hatte der Captain seine Ansprache beendet, begann das Flugzeug mit dem kontrollierten Sturzflug und ein leichtes Gefühl der Schwerelosigkeit stellte sich ein, an das man sich schnell gewöhnte.
Als Jann sich wieder ausstöpselte, dachte er darüber nach, was ihn wohl bei seiner Ausbildung erwartete. Die Maschinen, die er dort zu bewegen lernen würde, waren bei weitem nicht so schnell und groß, aber die Manöver, die man mit einem Ruhrmetal Behemothbei annähernd 800 km/h hinlegen konnte, waren durchaus imstande, einem Piloten das Bewußtsein zu rauben, wenn er nicht aufpaßte.
Er fragte sich, ob er fähig war, sich an so etwas zu gewöhnen, wenn ihm schon die Kräfte in diesem Passagierflugzeug auffielen. Die anderen Gäste schienen davon kaum betroffen zu sein, bis auf einen, der gerade versuchte, in seine Brechtüte zu kotzen, und das bei nur 0,6 g. Zur sichtbaren Erleichterung seines Sitznachbarn kam gerade die Stewardeß zu Hilfe.
Die meisten anderen Fluggäste schienen sich einen Drek um die diversen Beschleunigungskräfte zu kümmern. Entweder waren sie es gewohnt oder Jann war ein Weichei. Er hoffte, ersteres war zutreffend. Und er fragte sich, wie das wohl bei einem semiballistischen Flugzeug sein würde.
Der Flug näherte sich seinem Ende.
Der Captain meldete sich noch einmal über Intercom und bestätigte, daß, der Zielflughafen zeitgemäß erreicht wurde. Jann unterbrach widerwillig die Verbindung zum Terminal; er hatte gerade einige interessante Informationszeitschriften über Verkehrsmaschinen gefunden.
Nur wenige Minuten später landete das Flugzeug auf dem Rollfeld. Jann dankte im stillen Gott, daß keiner klatschte. Bei den normalen Verkehrsmaschinen war dieser schreckliche Brauch noch Gang und Gebe und Jann haßte ihn.
Das riesige Suborbitalflugzeug kam zum Stehen.
Der Gangway wurde heran geschoben und die Türen öffneten sich mit dem hellen Zischen entweichenden Drucks.
Hier bin ich nun, dachte Jann.
Ich bin in Seattle.

Vor dem Flughafen auf dem für die Konzerne reservierten Parkplätzen stand ein kleiner Bus mit den Konzernfarben und dem Logo von Fuchi. Ein weiteres, etwas größeres Logo prangte direkt unter dem anderen. Es war das gleiche Zeichen wie auf seinen Bewerbungsunterlagen und enthielt die stilisierten Anfangsbuchstaben des Seattle Flight Camps.
Vor dem Bus stand ein Mann in einem Anzug, in seiner Hand ein Datapad, daß mit seiner Datenbuchse verbunden war. Er hatte kurzgeschorene Haare und beobachtete die Umgebung finster durch seine Sonnenbrille, auf der Suche nach Anwerbern, die den Bus vielleicht übersehen haben.
Jann ging auf ihn zu. "Guten Tag," sagte er und bemühte sein bestes Englisch. "Ich bin Jann Reu..."
"Ich brauche nur ihre Unterlagen.", unterbrach ihn der Mann tonlos. Jann zuckte mit den Schultern und reichte ihm den Chip mit dem Bestätigungsformular und seinen Kredstab.
Ohne ihn dabei anzusehen nahm der Mann beides entgegen und steckte sie nacheinander in sein Datenpad.
Nur einen kurzen Augenblick später reichte er Jann den Kredstab zurück, behielt aber den Chip.
"Herr Reuter?", begrüßte er Jann im perfekten Deutsch und weit freundlicher als vorhin.
"Mein Name ist Adrian Ohlsen. Willkommen in Seattle. Ich werde während der ersten Zeit ihrer Ausbildung ihr Ansprechpartner für Fragen und Organisatorisches sein."
"Danke. Freut mich sehr.", entgegnete Jann und schüttelte zögerlich die ausgestreckte Hand von Ohlsen. Der plötzliche Stimmungsumschwung verwirrte ihn ein wenig. Und das Händeschütteln war er auch nicht gewohnt. Ist wohl in den UCAS so üblich.
"Steigen sie bitte in den Bus.", forderte ihn der Mann auf. "Wir warten noch auf eine andere Maschine. Aber dieser Bus fährt schon in wenigen Minuten."
Jann nickte und stieg in den Bus.
Er war noch nicht sonderlich voll, und die wenigen, die schon da waren, schienen ihn kaum zu beachten. Einige schauten kurz auf und nickten ihm zu, widmeten sich aber gleich wieder den Gesprächen mit ihren Sitznachbarn. Kleinere Gruppen hatten sich zusammengefunden und führten angeregte Gespräche, was wohl auch der Grund war, warum ihn keiner sehr beachtete. Jann störte das wenig. Im Gegenteil, es nahm ihn eine ganze Menge von seiner Nervosität.
Er ging weiter nach hinten durch. Dort saßen einige Anwerber alleine. Einer lächelte ihn an und nickte ihm zu, was Jann ermutigte, zu ihm hinzugehen und ihn zu fragen, ob neben ihm noch frei wäre.
"Sicher", antwortete der fröhlich, "setz Dich nur."
Jann nickte dankbar und nahm Platz. "Ich heiße Jann Reuter.", sagte er und streckte die Hand aus. Sein Sitznachbar nahm sie zögerlich entgegen. Also auch nicht von hier.
"Chuck.", sagte dieser. Dann wiegte er den Kopf, als würde er sich an etwas erinnern. "Mein voller Name lautet Charles McBride, aber das klingt mir viel zu englisch."
"Du kommst aus England?", hakte Jann nach.
Chuck nickte. "Direkt von der Insel."
"Warum machst Du Dir den weiten Weg?", wunderte sich Jann. "Hat England nicht einer der besten Flugakademien?"
"Sogar mehrere.", ergänzte Chuck. "Aber denen beizutreten, kam für mich nicht in Frage."
"Wieso nicht?", fragte Jann. "Unter Umständen hättest Du dort mit Deinem Namen sogar einige Vorteile. Jeder würde dich verwechseln mit dem Sohn des Luftflottenadmirals McBride. Sicher könntest Du dort eine steile Karriere machen!"
Chuck schüttelte mißmutig den Kopf. "Eine Verwechslung wäre kaum möglich."
"Warum denn nicht? Es muß doch keiner wissen, daß Du...", Jann stutzte, als ihm der Wink endlich auffiel. Er fixierte Charles mit großen Augen und sein Kiefer klappte nach unten, wartete auf Worte, die nicht kamen. "Warte mal!", stotterte Jann endlich, als Lungen, Stimmbänder und Kiefer wieder ihre normalen, von der Natur zugewiesenen Aufgaben wahrnahmen. "Sag bloß, Du bist..." Chuck winkte hektisch ab.
"Sei bloß still!", flüsterte er panisch. "Das müssen ja nicht alle wissen!"
Jann starrte seinen Nachbarn fasziniert an und schüttelte den Kopf. "Ich faß es nicht,", sagte er leise, "Ich sitze neben dem Sohn einer Legende! Ich verstehe Dich nicht!!"
Chuck schaute demonstrativ an Jann vorbei. "Was meinst Du.", sagte er. Es klang so, als wüßte er die Antwort schon und wartete nur darauf, sie zu hören. Doch Jann war im Moment nicht fähig, unterschwellige Botschaften aus der Stimme seines Gegenübers heraus zu hören.
"Du könntest auf den Besten Schulen der Welt Deine Ausbildung machen!!" fuhr er unbeirrt weiter. "Du bräuchtest nur mit Deinem Namen winken!"
Jann griff sich mit einer Hand an den Kopf. "Mann, was hätte ich für solch eine Chance gegeben!
Wenn Du wüßtest, was ich durchstehen..."
"Jetzt halt mal den Rand!", fuhr in Chuck plötzlich an. "Hast Du schon mal daran gedacht, daß so ein Name auch ein Fluch sein kann?" Verärgert drehte er sich zum Fenster und schaute auf den Ausgang des Flughafens. "Ich könnte überall hingehen. Zumindest in England.", erklärte er "Dort gibt es eine Menge Flight Camps, die mich mit Handkuß empfangen würden und mir die Scheiße ungefragt vom Hintern wischen würden, nur weil mein Erzeuger eine Legende ist und jeder einen solchen Piloten in seiner Staffel haben will. Es interessiert sie gar nicht, ob ich wirklich Talent habe, oder ob ich vielleicht sogar etwas völlig anderes wollen könnte. Sie gehen einfach davon aus, weil ich eben aus einer großen Familie komme, die überragende Piloten hervorgebracht hat. Und weißt Du, was der Witz dabei ist?!"
Er wandte sich wider zu Jann. Der wich erschrocken ein wenig tiefer in seinen Sitz.
"Gleichzeitig setzen sie Erwartungen in mich. Ich muß wenigstens so gut wie mein Vater sein.
Wenn das nicht der Fall sein sollte, kann nur ein Fehler in der Bewertung sein. Das werden alle glauben oder glauben machen. Nur mein Vater nicht. Aber aus Angst und Respekt vor ihm würden es alle sagen. Aber außer ihm würden es auch noch die anderen Piloten nicht glauben. Die, die mit mir fliegen müssen. Und selbst die würden nichts sagen können, weil es sonst ihre Karriere beenden könnte!"
Chuck war nur wenige Zentimeter von Janns Nase entfernt. Seine Augen flirrten hin und her, weil er Janns Blick nicht mehr fixieren konnte. Seine Stimme war immer leiser geworden, bis sie fast heiser klang. "Kannst Du Dir in etwa vorstellen, was für ein Druck das ist?"
Jann wollte so etwas erwidern, hielt es aber für klüger, im Moment einfach nur zuzuhören.
"Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, als er selber noch in der Ausbildung war und hinter allem sein Großvater stand. Als ich mir diese Überlegung stellte, bekam ich eine fast panische Angst, daß unsere Familie nicht die Pilotenlegenden sind, wie man immer behauptet. Vielleicht war das einfach nur ein Turm von Lügen, über Generationen hinweg aufgebaut, weil irgend jemand in grauer Vorzeit mal etwas großartiges geleistet hatte."
Wieder machte Chuck eine Pause, um Luft zu holen, oder sich zu beruhigen. So genau konnte man das in dieser Situation nicht unterscheiden.
"Willst Du denn fliegen?", fragte Jann fast vorsichtig.
"Aber natürlich! Deswegen bin ich doch hier!"
Jann schaute ihn verwirrt an. Bis jetzt klang alles, was Chuck sagte, nicht so, als würde er freiwillig hier sein oder seine eigenen Träume verfolgen.
"Als ich mir diese Überlegung stellte, und sich diese Angst einstellte, habe ich mir zwei Dinge klargemacht: Zum einen kann es keine Lüge sein. Es mag ja viele Bereiche geben, in denen man dilettantisch glänzen kann, ohne daß jemand davon Wind bekommt, aber das gilt nicht fürs Fliegen.
Dort darf man sich keine Fehler erlauben. Erst recht nicht, wenn man unter den Besten fliegt.
Und der Zweite Gedanke: Es ist egal!
Auch wenn keiner unserer Familie irgendein Talent als Pilot vorweisen könnte. Ich habe den Wunsch zu fliegen, mehr als alles andere. Wenn etwas so stark ist, kann es nur richtig sein.
Dann spielt Talent keine Rolle. Das kann ich mit harter Arbeit ausgleichen!
Aber das kann ich nur, wenn ich mich völlig frei bewegen kann. Wenn mir nicht die ganze Geschichte des Militärs über die Schulter schaut.
Deswegen bin ich hier.
Und glaube mir: Ich hatte mit Sicherheit nicht weniger Probleme als Du, hierher zu kommen."
"Das glaube ich Dir.", murmelte Jann. "Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht, als ich zu quasseln anfing, das passiert mir öfter."
"Schon gut.", sagte Chuck und lächelte schief. "Ich hätte ja nicht so ausflippen müssen. Aber ich mußte mich damit schon so lange herumplagen und hatte gehofft, wenn ich erst mal hier in Seattle bin, dann habe ich all das hinter mir."
"Das Gleiche habe ich auch gedacht. Als ich hier ankam.", stimmte Jann zu. "Aber Du wirst nicht ewig geheimhalten können, wer Du bist. Unsere Vorgesetzten werden erfahren, wer Du bist, so bald sie Deine Unterlagen in der Hand halten. Hast Du keine Angst, daß doch jemand davon beeinflußt sein könnte?"
Chuck zuckte mit den Schultern. "Wir sind hier weit weg. Mein Vater ist nicht da, und es würde keinen Interessieren, wenn er da wäre. Hier hat er kaum soviel Einfluß wie in England.
Sicher gibt es viele im Flight Camp, die ihn wohl bewundern, aber die werden mich höchstens härter rannehmen. Weil sie wissen möchten, ob ich wirklich nach meinem Vater komme. Und das finde ich fair."
Jann nickte.
"Ich hoffe, ich komme nicht in Deine Gruppe." sagte er zum Abschluß. "Dort wären mir die Erwartungen zu hoch."
"Ich hoffe, du kommst in meine Gruppe." konterte Chuck. "Dann wirst Du wenigstens gezwungen, zu zeigen, was Du wirklich kannst!!"
Jann überlegte kurz und wiegte dann den Kopf.
"Auch gut", sagte er und grinste.

"Guten Tag, ihr Grünschnäbel!", quäkte es aus den Lautsprechern. "Wenn ihr eure Kleidung bekommen habt, und euren Quartiere zugewiesen wurdet, dann macht euch auf den Weg zum Appellplatz. Ihr habt noch genau dreißig Minuten Zeit!"
"Habt ihr das gehört?!", fragte Jann verzweifelt. "Macht, daß ihr in eure Klamotten kommt und dann nichts wie los! Es wäre nicht sehr förderlich, wenn wir schon am ersten Tag zu spät kommen!"
Aber keiner hörte ihm zu.
Jann stöhnte und lies sich auf sein Bett fallen. Er teilte sein Zimmer mit Chuck und einem Franzosen namens Jacques und er fühlte sich vom Schicksal mächtig verarscht. Die beiden stritten schon seit zwanzig Minuten um historische Ereignisse und Prinzipien, von denen Jann dachte, daß diese schon längst ausgestorben sind.
Aber es scheint egal zu sein, ob die Welt den Konzernen gehört und ob jeder Garten extraterritorial ist, Franzosen und Engländer würden sich wohl noch streiten, wenn die Sonne verglüht ist.
Jann hätte sich gerne noch ein wenig im Camp umgesehen und einige der anderen kennengelernt, aber das kann er jetzt wohl vergessen.
Als der Aufruf zum dritten mal kam, platzte ihm der Kragen.
"Könnt ihr nicht, verdammt noch mal, eure Fressen halten?!"
Das wirkte. Beide, Chuck und der Franzose hielten inne und schauten finster auf Jann.
"Ist doch wahr.", fügte er ein wenig kleinlaut hinzu. "Das sind doch Dinge, die seit Ewigkeiten kein Bestand mehr haben. Ihr seid in der gleichen Einheit und müßt zusammen fliegen. Wie soll das werden?! Wenn ihr natürlich Lust habt, eure uralten Streitigkeiten am Himmel weiterzuführen, ist mir das egal. Wenn ich aber dabei zu schaden komme oder jemand anderes, Prügel ich euch eigenhändig die Zähne in den Hals.!"
"Ah, der Krautfresser." entgegnete der Franzose.
"Spielt sich mal wieder auf. Typisch, für eine Herrscherrasse.", stimmte Chuck ein.
"Was soll das werden!?", fauchte Jann. Die beiden zuckten unwillkürlich zurück.
"Wollen wir jetzt die letzten hundert Jahre noch einmal durchkauen, oder lieber dafür sorgen, daß wir ab morgen nicht die ganze Zeit unserer Ausbildung Küchendienst haben!? Ich gehe jetzt auf jeden Fall. Und wer Lust hat, auch fliegen zu lernen kann ja mitkommen."
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging laut stapfend durch den Korridor zum Hofausgang. Trotzdem konnte er hören, wie die beiden Streithähne ihm schweigend folgten.

"Ihr seid ein Nichts!", brüllte der Ausbilder mit dem Rang eines Sergeant und Jann hatte das Gefühl, so etwas schon mal irgendwo gehört zu haben. "Und ihr habt nicht die geringste Ahnung, welche Ehre euch zuteil wird!
Ihr bekommt ab heute die Chance, etwas besonderes, besseres zu werden, obwohl ihr es wahrscheinlich nicht verdient habt!
Und damit ihr wißt, was euch von dem gewöhnlichen Soldaten abhebt, werdet ihr die Grundausbildung und eine spezielle Kampf- und Überlebensausbildung genießen.
Viele, die von euch Piloten werden, kommen in ein besonderes Programm, daß eine umgehende Schulung in verschiedenen Vehikeln umfaßt, die sich allesamt zu Lande und in der Luft bewegen.
Piloten, wie ihr es werden wollt, sind ein prädestiniertes Ziel dafür, hinter den feindlichen Linien abgeschossen zu werden. Und da der Konzern eine menge in euch investiert hat, will er auch sichergehen, daß er es auch wieder zurück bekommt. Ich werde euch schlauchen und schleifen, bis ihr wahre Kampfmaschinen seid! Dann erst werden wir euch zeigen, wie man auch ein Werkzeug des Todes in der Luft wird! Und eines sage ich euch im voraus: Wer die Grundausbildung und auch die Spezialausbildung nicht mit den besten Ergebnissen besteht, kann seine Sachen packen und sehen ob ein anderer Konzern noch einen Vehrkehrspiloten braucht! Noch fragen?!"
Der Ausbilder schaute mit stahlharter Miene und Augen, die wohl auch Stein in zwei Teile schneiden konnten, in die eingeschüchterte Menge der jungen Anwärter.
Jann sah sich die Masse an. Keiner traute sich, irgend etwas zu sagen, aber er konnte deutlich sehen, daß viele an dem gleichen Gedanken nagten, wie er selbst. Jann meldete sich.
Der Ausbilder trat näher, bis Jann glaubte, durch dessen Nasenlöcher direkt in sein Hirn schauen zu können. "Ja?!", sagte dieser, lauter als nötig. Es war so still, daß man glaubte zu hören, wie Die Insekten den Atem anhielten.
"Äh, Sir....", begann Jann.
"Wie bitte!?", brüllte ihn der Sergeant an und Jann bekam eine neue Frisur. "Weißt Du nicht, wie man einen Vorgesetzten anspricht?!"
"Äh, Sir...?", stammelte Jann. Der Ausbilder explodierte.
"Wenn Du es weißt, Du Grünarsch, dann tu es gefälligst! Sonst werte ich das als Insubordination und Du wirst den kläglichen Rest Deiner Tage die Latrinen mit Deiner eigenen Zunge säubern!
Hab ich mich klar ausgedrückt?!"
Jann unterdrückte den Reflex, sich die kleinen Tröpfchen aus dem Gesicht zu wischen.
"Äh, Sir, Ja, s...?"
"Nein!", bellte der Sergeant und unterbrach Jann. "Wenn ich noch einmal dieses "äh!" von Dir höre, während Du mit mir redest, dann reiß ich Dir den Kopf an und ficke Deine jämmerlichen Überreste bis an das Ende aller Tage!! Hast Du mich verstanden!?!"
"Sir: Ja Sir!"
"ICH KANN DICH NICHT HÖREN!!", brüllte der Sergeant und ein weiterer Regenschauer ging über Jann nieder.
"SIR: JA, SIR!!", brüllte er zurück und bemühte sich um eine weit weniger feuchte Aussprache.
"Das wurde auch Zeit.", antwortete der Ausbilder. "Und jetzt stell Deine Frage!"
Jann glaubte, sein eigenes Herz zu verschlucken. Die Frage hatte er bei dem ganze rumgebrülle fast vergessen. Und mittlerweile traute er sich nicht mehr, sie zu stellen. Im Grunde traute er sich kaum zu atmen. Er befand sich in einer Zwickmühle. Wenn er die Frage nicht stellen würde, bekäme er mit Sicherheit eine neue Dusche von dem Ausbilder, weil der denken würde, Jann wollte ihn zum Narren halten, vor all den jungen Anwärtern, ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen, die dies nach sich ziehe würde. Allerdings würde ein ähnliches Schicksal auf ihn warten, wenn er die Frage stellen würde.
Na, wenn das so ist, kann ich es auch sagen, dachte sich Jann und holte tief Luft.
"Sir: Ich frage mich, wegen der harten Grundausbildung: Keiner hat uns darüber aufgeklärt, daß es wichtig ist, darin so gut abzuschneiden. Wir alle haben die Grundvoraussetzungen schon erfüllt, sonst wären wir ja nicht hier. Und es wäre nicht fair, wenn wir wegen Dingen durchfallen, die mit unsere eigentlichen Ausbildung nicht sonderlich viel zu tun haben...."
In der Menge blieben kollektiv die Herzen stehen und Jann spürte, wie alle ein schreckgeweitetes Auge auf ihn richteten. Jann wünschte sich augenblicklich, er hätte seine vorschnelle Klappe gehalten.
Der Sergeant starrte ihn so intensiv an, daß Jann befürchtete, sein Gehirn würde jeden Augenblick schmelzen. Zuerst dachte er, der Sergeant würde gleich explodieren und ihm dann anschließend den Kopf abbeißen und seine Drohung von vorhin ernst machen.
Dann aber entspannten sich seine Gesichtszüge und so etwas wie ein dünnes lächeln erschien auf den schmalen Lippen des Ausbilders. Janns Mund wurde trocken.
Der Sergeant drehte sich um und ging vor Jann langsam auf und ab.
"Wir haben hier einen ganz besonders schlaues Bürschchen!", erklärte er der Menge.
"Er kommt hierher, ist noch nicht einmal trocken in den Windeln und glaubt schon zu wissen, was wichtig ist und was nicht!
Nun, ich könnte jetzt meine wertvolle Zeit damit verschwenden, einem Haufen Gehirnloser den Sinn dieser Ausbildung zu erklären. Ich könnte ihnen etwas vom Maschinen erzählen, die mehr kosten als ein Menschenleben es jemals könnte und in denen ihr später eure Ausflüge unternehmt.
Ich könnte etwas von Extremsituationen erzählen und davon, daß sie nicht im extremen Fall passieren, sondern normaler Alltag für euch sein werden. Aber das weiß der Junge Herr wohl schon.
Deswegen habe ich beschlossen, auf Dich ein ganz besonders waches Auge zu werfen.
Ja, ich denke, ich werde Dich besonders bevorzugt behandeln. Es soll ja keiner nachher von Dir hören, der Sinn dieser Sache wäre Dir entgangen, weil man es versäumt hat, es Dir einzubleuen!!"
Der Sergeant baute sich vor den Anwärtern auf.
"Da das ja jetzt geklärt ist, kommen wir zu dem organisatorischem Teil. Ihr bekommt gleich eure Zuteilung und euren Stundenplan. Je nach Kategorie eurer Ausbildung werdet ihr in entsprechende Gruppen geteilt. Jede Gruppe besteht aus acht Mann und einem Unterweiser.
Einer aus der Gruppe wird der Gruppenführer sein. Die Einzelheiten erhaltet ihr von euren Unterweisern.
Wegtreten!"
Die Menge schlich sich hastig zu den Eingängen der Unterkünfte.
Das ist ja super, dachte Jann bei sich.
Ich bin kaum eine Stunde im Camp und schon habe ich mir selbst mehr ärger gemacht als eine Horde Wendigos in der Großstadt es jemals könnte!
Der Ork aus der Werkstatt hatte wohl recht: Ich bringe mich selber immer in Schwierigkeiten...

"Er haßt mich!", stöhnte Jann. Er lag auf seinem Bett und hatte das unangenehme Gefühl, sich nie wieder erheben zu können. Seine Knochen schmerzten und seine Muskeln waren nur noch verkrampfte, pulsierende Knoten. Seine Lunge brannte noch immer, ebenso wie die zahlreichen Schürfwunden, die seine Schultern und Arme sowie Beine überzogen. Von den vielen Prellungen ganz zu schweigen.
Chuck und Jacques saßen neben seinem Bett auf ihren Stühlen und betrachteten ihn mit einer Mischung aus Mitgefühl und makabrer Belustigung.
"Quatsch!", antwortete Chuck.
"Är ´asst Disch nischt!", gab Jacques hinzu. "Är will nür, dass Dü ein pärrfekter Solda wirrst!"
Jann seufzte. Trotz der langen Zeit, die sie hier waren, hatte Jacques es noch immer nicht geschafft, seinen Akzent abzulegen. Obwohl er deswegen schon öfter vom Sergeant deswegen angemacht wurde, schien es ihm nicht zu gelingen, seine Sprache zu verbessern. Der Sergeant hatte es schließlich gelassen und gesagt, wenn er ein guter Soldat wird, ist es egal, was für einen Akzent er spricht, solange ihn alle verstehen. Deshalb beschränkte er sich nur noch auf Diskriminierung.
Nicht so bei Jann.
Bei ihm bemühte er sich, deutlich zu zeigen, was für eine niedere Lebensform er doch wäre.
Die Grundausbildung war an sich schon hart, Jann mußte ständig an der Spitze laufen und immer ein Extrarunde, wenn es um körperliche Ertüchtigungen ging. Schon für kleinste Unaufmerksamkeiten mußte er Liegestütze machen oder wieder einige Runden um den Exerzierplatz laufen. Wenn dann wieder die Gewaltmärsche auf dem Plan standen, bekam er immer das schwere MG. Auch bei den Schießübungen wurde Jann aufs härteste kontrolliert. Oft bekam er Rügen und Geschrei von seinem Ausbilder zu hören, ohne zu wissen, was genau er nun falsch machte. Generell war er gezwungen, selbst herauszufinden, wo der Fehler lag. Meist machte er auch keine Fehler. Der Seargant wollte nur austesten, wie gut Jann unter Stress seine Aufgaben erledigte. Nur nahm er es bei ihm ein wenig genauer, fand Jann.
Dann war die Grundausbildung vorbei. Alle, die diese Tortur erfolgreich hinter sich gebracht hatten - und in dieser Abteilung war jeder erfolgreich - hatten nun einen Rang erreicht. Den Untersten, wohlgemerkt, aber immerhin waren alle einen Schritt weiter.
Dann kam die Spezialausbildung.
Das war eigentlich eine Erweiterung der Grundausbildung, wo sie gelernt hatten, wie man sich im Militär verhält und welche Ränge wem etwas zu sagen hatten, sowie den Umgang mit den verschiedenen Waffen, nicht zu vergessen das harte körperliche Training!
In diesem Teil lernten sie jedoch ein wenig mehr über die Waffen, die nicht so gewöhnlich waren.
Sie lernten, mit einem Laser umzugehen, der tragbaren Ballista und anderen optischen und sensorischen Ein-Mann-Zielsystemen, sowie diverse Waffen für den Nahkampf.
Sie lernten Taktiken, wie man alleine, in Zwei- und Drei- bis Vier-Mann-Teams einen überlegenen Gegner ausschaltete oder umging, und sie wurden extremen Streßsituationen ausgesetzt, während sie das Gelernte in simulierten Situationen umsetzen mußten. Sie wurden einem harten Überlebenstraining ausgesetzt, daß sie wünschen ließ, nur einen Tag mal wieder einen Gewaltmarsch zu machen, nur um ein wenig Erholung zu haben. Letztendlich wurde ihnen klar, das dies alles eher ein Belastungstest und -training war um sie auf das vorzubereiten, wovon man glaubte, daß es einem selber niemals passieren könnte.
Und dann kam das Nahkampftraining. Vor dem Part hatte sich Jann gefürchtet.
Und es war genauso, wie er es sich in seinen Alpträumen ausgemalt hatte. Er war das Vorführobjekt für den Sergeant, war der Trainingspartner und der Punchingball. Und immer war er derjenige, der nicht schnell genug oder gut genug lernte.
Der Sergeant war ein kleiner, athletischer Mann mit einem Gesicht aus Granit und eben solchen Muskeln. Er war, daß wußte Jann mittlerweile, vercybert. Seine Reflexe waren übernatürlich schnell und seine Kraft ging über die eines normalen Menschen weit hinaus. Schläge auf die nackte, leicht silbrig glänzende Haut schien er kaum wahrzunehmen. Jann lernte schnell, gezwungenermaßen.
Er war einer der Besten in seiner Truppe, aber das brachte ihm wenig. Gegen seinen Ausbilder hatte er einfach keine Chance. Außer seinem Riganschluß hatte er keinerlei Cyberware, die ihn einem körperlichen Vorteil gaben und so war er dem Sergeant schlichtweg unterlegen.
Der Sergeant schien es sich zu Aufgabe gemacht zu haben, Jann aus der Truppe zu prügeln.
Jann hingegen arbeitete auf den Tag hin, wo er den Sergeant auf die Matte legen würde, wohl wissend, daß dies nie eintreffen würde. Aber er weigerte sich, einfach so aufzugeben.
Soeben lag eine weitere Trainingsstunde hinter ihnen. Sie waren in ihrem Kurs, wie man mit einem Klappspaten einen Menschen auf zweiundsechzig verschiedene Arten sofort töten konnte.
Jann fühlte sich wie der Klappspaten selber. An ihm wurde mit Hilfe eines Polsterspatens gezeigt, welches die verwundbaren Stellen waren und wie man auf sie einschlug. Sie lernten auch, wie man sich wirksam dagegen verteidigte, wenn ein anderer die gleiche Idee mit dem Klappspaten hatte. Jann allerdings zweifelte ein wenig daran. Wie soll er wissen, daß seine Verteidigung wirklich wirksam ist? Wie immer mußte er gegen den Sergeant antreten, und wie immer war sein Gegner so dermaßen schnell, daß er die Attacken meist gar nicht richtig kommen sah.
Chuck und der Franzose sahen auf die jämmerliche Gestalt, die auf dem Bett lag und nach Körperstellen suchte, die vielleicht nicht weh taten.
Wann werden wir je fliegen?! fragte sich Jann. Und werde ich es überhaupt? Wenn das so weiter läuft, schaffe ich den Abschluß nicht. ich lande höchstens in der Pathologie.
"Ich werde es nicht schaffen, Chuck!", wimmerte Jann. "Ich werde durch die Nahkampfprüfung durchfallen!"
"Das ist ünsinn!", antwortete Jacques "Dü bist ein bessere Kämpfer als wir zusammen!"
"Der macht mich doch andauernd fertig!", knurrte Jann. "Ich liege als einziger immer auf dem Boden! Der Kerl spielt doch mit mir!" Jann richtete sich auf und biß dabei die Zähne zusammen. "Ich sehe einfach kein Licht, wenn ich gegen ihn antrete. Ich komme mir so plump und langsam vor, wenn ich ihm gegenüberstehe. Wie soll ich das je schaffen? Ich wette mit euch: In der Prüfung wischt er mit mir den Boden auf!"
"Er ist vielleicht hart zu Dir", gab Chuck zu. "Aber er ist fair. Außerdem brauchst Du bei jeder Trainingsstunde ein wenig länger, um den Boden zu küssen."
"Isch ´abe eine Idee.", sprang Jacques auf einmal fröhlich auf. "Du wirrst kämpfen. Jetzt gleisch!"
Jann keuchte. "Spinnst Du?! Ich fühl´ mich wie Dreck! Ich kann mich kaum bewegen!"
"Dann ist das derr beste Zeitpünkt dafürr!"
"Chuck,", flehte Jann. "Sag Du ihm, daß das Mist ist!"
"Er hat recht.", stimmte Chuck dem Franzosen zu. "Wir werde Dich in den Trainingsraum bringen. Und Du trittst gegen Abor an."
Janns Augen quollen hervor. "Habt ihr sie nicht alle?! Der kommt doch gleich hinter dem Sergeant!"
Abor war ein Anwärter aus Afrika, ein kleiner, sehniger Schwarzer, der so flink und geschmeidig war wie ein Puma. Als er mit den anderen die Grundausbildung begann, hatte er schon vorher als Hobby mehrere Jahre lang Eskrima und Carporreia gelernt. Im Training verhielt er sich fair, aber bei den freizeitlichen Geplänkeln zeigte er gerne sein gesamtes Können, ohne jemanden zu verletzten natürlich.
"Ja, gegen den trittst Du jetzt an, nur damit wir sehen, was Du wirklich kannst!"
Jann schaute Chuck resigniert an. "Das weiß ich doch schon so. Ich hatte heute schon genug Prügel!"
"Dann sollten wir das ändern!", antwortete Chuck munter und schleifte den widerspenstigen Jann auf den Flur
Jacques hingegen ging zu Abor und fragte ihn, ob er nicht eine Runde gegen Jann auf die Matte gehen will.
Abor grinste und war sofort einverstanden. Die Aussicht auf einen interessanten Kampf schlug er selten aus.
Jann und sein dunkler Kontrahent trafen sich im Trainingsraum auf den Dojomatten.
Als Jann sah, wie Abor sich aufwärmte und einige locker Übungen und Sprünge machte, sank sein Herz in die Hose. Er erschien ihm nicht weniger gewandt und agil als der Sergeant. Seine Bewegungen hatten etwas raubtierhaft geschmeidiges an sich. Auf Jann wirkte das ungemein gefährlich und entmutigend.
"Du darfst nicht von Vornherein denken, daß Du es nicht schaffen kannst.", sagte Chuck, der sich zu Jann gesellt hatte. "Wenn Du Dich von so etwas einschüchtern läßt, hast Du die Niederlage schon akzeptiert. Das ist Dein Fehler. Und das merkt der Gegner auch."
"Na gut,", entgegnete Jann. "Ich werde es versuchen. Was, außer einigen Hirnzellen und ein paar Knochen habe ich schon zu verlieren?"
Abor baute sich auf das Zeichen von Jacques hin in seiner Grundstellung auf. Jann nahm die Stellung ein, die er sich angewöhnt, wenn er gegen den Sergeant antrat. Die Deckung möglichst klein lassen und dennoch versucht, sich die Initiative offen zu lassen.
Abor sprang locker vor ihm herum und suchte nach Lücken in seiner Deckung. Jann unterdrückte seine Angst und versuchte sich voll auf die Bewegungen seines Gegners zu konzentrieren. Abor betrachtete Jann genau und tastete ihn mit den Augen ab, schaute nur hin und wieder in seine Augen. Jann hingegen blieb mit seinem Blick nur an den Augen von Abor hängen. Dort sah er etwas, was er beim Sergeant noch nie beobachtet hatte.
es schien fast so, als könne Jann darin lesen, was Abor vorhatte, welche Möglichkeiten er durchging und wieder verwarf. Der Ausbilder verriet sich nie mit solchen Dingen, aber Jann fand es fast unheimlich, daß der Sergeant mit der Sicherheit eines Telepathen immer wußte, was Jann als nächstes tun würde. Langsam dämmerte ihn warum.
Abor startete einen Angriff. Er täuschte einen Tritt an, schlug dann plötzlich mit der rechten geraden nach Janns Gesicht. Jann ging gar nicht erst auf den Tritt ein. Die Täuschung hatte er schon vorher bemerkt und fand sie plump. Auch der Schlag kam viel zu langsam! Jann parierte ihn.
Abor machte keine Pause. Mit einer Vielzahl schneller Schläge versuchte er erneut, Jann in die Defensive zu drängen und ihn so aus dem Takt zu bringen.
Abor war schnell. Das stellte Jann panisch fest. Es gelang ihm, das Tempo mitzuhalten, wenn er ihm auch nicht ganz bewußt war, warum und er hatte das hektische Gefühl, jeden Moment aus dem Takt zu kommen und einige Treffer einzustecken. Sein Gegner schlug mit kurzen schnellen Schlägen aus der Hüfte. Jann parierte die einzelnen Schläge ebenso schnell, wohl wissend, daß er damit Abor über kurz oder lang eine Chance bot, einen gezielten Schlag anzubringen. Jann wollte dem zuvorkommen und trat nach den Knöcheln seines Kontrahenten. Der tänzelte aus der Reichweite.
Chuck und Jacques sahen mit Erstaunen zu. Einen solch schnellen und beeindruckenden Schlagabtausch hatten sie nicht erwartet. Obwohl Janns Gesicht etwas anderes sagte, schien er den Attacken seines Gegners mit verhöhnender Gelassenheit zu begegnen.
"Ärr ist wirrklisch gut!", bewunderte Jacques.
"Oh ja,", staunte Chuck. "Ich bin überrascht."
"Abär würrdest Dü jeden Tag gegen den Serscho kämpfen müssen, wärrst Dü auch so pärrfekt. Der Tüp ist ein wa´res Monstär!"
"Ja, echt kein Zuckerschlecken." Chuck schaute nachdenklich zu Jann. Er stand wieder in seiner Grundhaltung und beobachtete angestrengt Abor, der vor ihm her tänzelte.
"Jann ist zu Defensiv. Es sieht so aus als traue er sich gar nicht, zuzuschlagen. Er scheint gar nicht richtig gewinnen zu wollen."
"Ärr ist nür ein wenig verunsischert.", antwortete Jacques. "Bis´er ´at er nür Prügel bekommen. Ärr ist ebenso erstaunt wie wirr, dass er noch immerr auf den Beinen ist."
Abor sprang plötzlich hoch und drehte sich um die eigene Achse. Sein Fuß, eingebettet in die Schutzmanschette, sauste auf den Kopf von Jann zu. In letzter Sekunde zog er den Kopf zurück, der Fuß verfehlte sein Ziel.
Abor zog den anderen Fuß nach und vollendete eine beeindruckende Pirouette in der Luft.
Jann konnte dem zweiten Tritt nicht ausweichen; durch die Drehung in der Luft war er viel zu nah herangekommen.
Jann hatte das erwartet. Ein solcher Sprung dauerte viel zu lange und Abor hatte sein Vorhaben viel zu deutlich gezeigt. Jann packte den Fuß knapp vor seinem Gesicht und drehte ihn mit aller Kraft herum. Abor drehte sich in der Luft und landete unsanft auf dem Bauch.
Schnell stand er wieder auf den Beinen und tänzelte um Jann herum.
"Nicht schlecht.", sagte er zu Jann. "Aber du bist zu Defensiv."
Jann zuckte die Schultern. "Ich habe schon so genug zu tun."
"Unsinn!", warf ihm Abor zu und teilte ein paar Schläge aus, die Jann alle parierte. "Du bist noch lange nicht an Deinen Grenzen. Du mußt nur ein wenig animiert werden."
Ohne Vorwarnung sank Abor in die Knie und wischte mit einem Bein nach Janns Füßen. Jann sprang hoch, doch im gleichen Moment sprang auch Abor aus seiner Hocke nach oben und trat wieder nach Janns Gesicht. Wieder sah er den Tritt kommen, doch diesmal war er zu schnell. Im gleichen Moment dieser Erkenntnis traf ihn der Fuß.
Jann gab ein erstauntes keuchen von sich und drehte sich um seine eigene Achse.
Als sich sein Blick wieder klärte und er sich zu Abor umdrehte, tänzelte dieser wieder grinsend vor ihm her.
Jann wurde sauer. Mit einem abgehackten Schrei stürzte er sich auf seinen Gegner und schlug nach dessen Bauch. Gleichzeitig trat er nach den Beinen. Abor drehte sich zur Seite weg. Darauf hatte Jann gehofft. Er verwandelte seine Gerade in einen derben Stoß mit dem Ellbogen und traf Abor knapp über der Taille in die Seite.
Abor hustete dumpf und fiel ein weiteres Mal zu Boden.
Dort blieb er liegen und stöhnte.
Jann bekam einen Schreck. Er ging auf seinen Gegner zu um sich zu vergewissern, daß er ihn nicht verletzt hatte. Doch als er neben Abor stand, rollte der sich blitzartig auf den Rücken und umklammerte mit seinen Beinen Janns Knie und brachte ihn zu Fall. Jann fiel hart auf den Rücken. Abor stand schon über ihn und zielte mit der Faust auf seine Kehle. Noch bevor er den finalen Schlag symbolisch andeuten konnte, zog Jann die Knie an und trat mit beiden Füßen nach Abors Brust.
Der schwarze Kämpfer flog im hohen Bogen über die Matte und kam unsanft auf und überschlug sich einmal.
Chuck und der Franzose staunten nicht schlecht.
"Ärr ist auch viel kräftiger geworden."
"Kann man wohl sagen.", gab Chuck hinzu.
Jann stand gleichzeitig mit Abor auf. Jann sprang nach dem Gesicht seines Kontrahenten und versuchte den gleichen Trick wie vorhin Abor bei ihm. Jann war allerdings längst nicht so geschickt wie sein Gegner und ihm fehlte das Jahrelange Training.
Der Sprung kam viel zu tief. Abor packte Janns Bein und keilte ihn unter seinem Arm fest. Er trat Jann sein anderes Bein weg, so daß er auf die Matte knallte.
Das Bein immer noch fest im Arm haltend ging Abor in die Knie und deutete den finalen Schlag auf Janns Kehlkopf an. "Das war´s.", sagte Abor, lies das Bein los und stand auf.
Jann lag keuchend auf dem Boden. Sein schwarzer Gegner streckte im die Hand hin und half ihm auf.
Chuck und Jacques kamen zu den beiden Kämpfern hin.
"Das war einfach superb!", schwärmte der Franzose.
"Ja, Klasse.", sagte Chuck begeistert. "Wir wollen eine Zugabe!".
"Nein danke." erwiderte Jann. "Ich habe genug."
Er sah niedergeschlagen aus. Wieder hat es sich mal gezeigt, daß er ein miserabler Kämpfer ist. Außerdem machte sich sein Erschöpfung von vorhin bemerkbar.
"Aber Jann.", wunderte sich Chuck. "Das war doch klasse!" Du hast gegen den besten Kämpfer aus unserer Truppe bestanden!"
"Sicher.", murmelte Jann. "Er hat mich doch besiegt."
Abor grinste. "Du warst echt gut. Arbeite ein wenig an Deiner Technik und traue Dich mehr an die Offensive.
Dann wirst Du für mich bald zu einem passablen Gegner."
Abor grinste Jann noch einmal an und schlug ihm dann freundschaftlich auf die Schulter.
Jann schaute ihm nach, als Abor den Trainingsraum verließ.
"Was war denn nur so gut daran?", jammerte er.
Chuck schüttelte den Kopf. "Du hast gar nicht bemerkt, daß er Dich hart rangenommen hat. Abor hat sich nur wenig zurückgehalten. Bei all den Keilereien mit dem Cybermonster hast Du gar nicht bemerkt, was Du alles gelernt hast."
"Aber er hat mich besiegt. Und er hat keine Cyberware!"
"Was ärrwartest Dü eigentlisch!", schimpfte Jacques. "Von Nüll auf ´undert gibt es nischt! Unser Freund aus Eben´olz kämpft, seit er ein Kind ist."
"Du hättest ihn nicht besiegen können.", fuhr Chuck fort. "Aber trotz allem solltest Du das als Erfolgserlebnis werten. Gegen den Sergeant hättest Du das keine zwei Minuten durchgehalten.
Und wenn Du jetzt noch glaubst, die Prüfung nicht zu schaffen, dann hast Du wirklich nicht gelernt."
Seine beiden Kollegen drehten sich um und trotteten davon, Jann nachdenklich hinterher. Er fühlte sich genauso schlau wie am ersten Tag.

Als der Tag der Prüfung kam, war Jann so nervös wie ein Hummer über einem Topf kochendem Wasser.
Er war froh, daß der körperliche Aspekt der Prüfung am vormittag war. wenn er die hinter sich hatte und bestand, konnte er sich in aller Ruhe auf den Rest der Prüfungen am Nachmittag konzentrieren.
Und wenn er nicht bestand, nun, dann spielte zumindest das keine Rolle mehr.
Zuallererst mußten sie eine Feldübung absolvierten, in denen jeder in einem Viermann-Team eine spezielle Waffe zugewiesen bekam. Dann wurde man auf einem Feldschützenstand vor eine simulierte Situation gesetzt.
Gewertet wurde der sinngerechte Einsatz der entsprechenden Waffen auf die sich verändernde Situation, sowie der Umgang mit dem Waffen. Da die Zielscheiben beweglich waren und die Situation sich auch in eine Sackgasse verwandeln konnte, war es nicht so wichtig, daß man die Aufgabe bestand. Dafür war die Wertung von Teamarbeit und taktischem Denken viel wichtiger.
Jann bekam in seiner Einheit den Laser zugewiesen und wußte, daß es die Idee des Sergeant gewesen sein muß. Er hatte zwar gehört, daß die Vergabe der Prüfungsbedingungen per Zufall bestimmt wurden und der Ausbilder eigentlich keinen Zugang dazu hatte, aber daß es hier nicht unbedingt gerecht zuging, ahnte Jann ja schon seit langem.
Der Laser war immer sein Problem gewesen. Das Gerät war eigentlich zu schwer, um damit so präzise schießen zu können und eine mobile Gyrolafette war in der Prüfung nicht vorgesehen. Jann versuchte immer, den fehlenden Rückstoß auszugleichen, den er von der schweren MG gewohnt war und zog deshalb oft zu weit nach unten. Außerdem konzentrierte er sich meist zu sehr darauf, den schweren Laser auf das Ziel gerichtet zu lassen und bekam deswegen nicht immer die Veränderung der Situation mit.
Aber die Prüfung lief trotzdem sehr gut. Jann gab sich Mühe, seine üblichen Manko auszugleichen. Er hatte bei den Schießübungen mit den normalen Waffen gelernt, den Rückstoß nicht auszugleichen, indem er die Waffe in die vermutete Wanderrichtung zu ziehen, sondern den Abzug nur zu streicheln, um den Schuß kommen zu lassen, wenn die Waffe auf das Ziel gerichtet war. So tat er es bei dem Laser auch, und seine Kameraden halfen ihm, den Überblick nicht zu verlieren. So meisterte die kleine Gruppe die Situation mit einem aufrichtigen Lob der Prüfer.
Und dann kam die Prüfung im Waffenlosen Kampf.
Es war ein kleiner Schock für Jann, als er erfuhr, daß der Sergeant das Prüfungsobjekt war.
Der Ausbilder trug Armbänder, die seine Cyberware neutralisieren sollten. Auf diese Weise ist es für die Prüfer sehr viel einfacher, eine realistische Wertung zu geben und für die Anwärter wurde die Prüfung überhaupt erst sinnvoll. Und Jann fühlte sich unheimlich beruhigt.
Während der Prüfung stellte er fest, daß Chuck recht hatte. Der Sergeant war fair.
Er verlangte viel von seinen Prüflingen, aber immer im Rahmen der eigentlichen Ausbildung. Er forderte, was von den Anwärtern für die Prüfung benötigt wurde, und nicht, was er selber für angemessen hielt, was aber immer noch mehr als genug war. Jann hoffte das würde er auch bei ihm tun.
Das war nicht der Fall. Als Jann an der Reihe war, wurde er genauso hart dran genommen, wie in den Trainingsstunden.
Nur diesmal halfen dem Sergeant nur seine Erfahrungen und sein Jahrelanges Training. Seine übernatürlichen Vorteile waren deaktiviert. Jann war überrascht, daß es auf einmal möglich war, den Sergeant zu besiegen.
Trotz dieser Maßnahmen hätte Jann beinahe einen Fehler gemacht, weil er zu leichtfertig handelte. Sein Ausbilder versetzte ihm kurz vor dem Abschluß seiner Prüfung einen Dämpfer, der die Wertung mit Sicherheit beeinflussen würde. Schließlich erinnerte er sich an das, was er in dem kurzen Kampf mit Abor herausgefunden hatte und schaffte die Prüfung schließlich doch. Er war, knapp unter Abor selber, der Beste in der Prüfung.
Nach einiger Zeit für eine Ruhepause, ging es weiter zu den letzten Prüfungen.
Dabei ging es hauptsächlich um technische und Verstandesfragen. Die einzelnen Anwärter wurden mündlich geprüft zu den Themen der Fernkampftaktiken, der Physiologie spezieller Waffen und was in den besonderen Fällen zu beachten wäre. Jann fand diese Fragen nicht sehr schwer, mit dem Großteil dieser Problematiken mußte er sich tatsächlich auseinander setzten. Die Letzte Prüfung war eine Art Schnitzeljagd und mitunter noch der lustigste Teil, wenn auch nicht minder wichtig.
Alle Prüflinge wurden zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten ausgesetzt und mußten es innerhalb einer bestimmten Zeit schaffen, zum Basislager zurück zu kommen, ohne Hilfsmittel.
Zwei Prüflinge schafften es nicht rechtzeitig und fielen durch. Sie hatten zwar die Chance, es im nächsten Jahr noch einmal zu versuchen, mußten aber ihre Pflichtzeit entsprechend verlängern.
Jann taten die Prüflinge leid, wegen solch einer Sache durchzufallen. Andererseits, so fand er, wer es nicht fertig brachte, im Rahmen dieser harten Ausbildung, die sie nun wirklich auf alle Eventualitäten vorbereitete, sofern das überhaupt möglich war, zurück zu seinem Lager zu finden, sollte sich auch nicht in einen Schwebepanzer oder Helikopter setzen dürfen.
Und auf einmal verstand Jann.

Am nächsten Tag versammelten sich alle aus der Trainingsgruppe von Jann auf dem Apellplatz. Alle in ihren Uniformen. Der Sergeant trat Punkt zwölf vor ihnen hin und betrachtete jeden einzelnen mit dem gleichen Blick, den er ihnen auch an dem Tag der Ankunft schenkte.
"Als ich euch zum ersten mal hier stehen sah, wie ein Haufen ängstlicher Würmer, dachte ich mir, ihr seid die Mühe nicht Wert. Keiner von euch hatte den Schneid, es wirklich zu schaffen. Aber es ist nun mal meine undankbare Aufgabe, es trotzdem zu versuchen. Und ich muß sagen, daß ich überrascht bin. Überrascht und stolz. Ich scheine dieses Jahr eine Menge Glück gehabt, und einen Haufen wirklich ehrgeizige Pilotenanwärter bekommen zu haben, die sich hinter den Würmern versteckten. Ich darf euch außerdem von den Prüfern mitteilen, daß ihr der Jahrgang mit der geringsten Durchfallquote seit den letzten zwanzig Jahren seid.
Bildet euch aber darauf nichts ein: Die harten Zeiten stehen euch noch bevor.
Da ihr als Pilotenanwärter alle die Offizierslaufbahn eingeschlagen habt, werdet ihr heute mit einem neuen Rang bekleidet. Wenn ich einen Namen nenne, tritt die entsprechende Person zu mir vor und ich übergebe ihr den neuen Rang und die Abzeichen. Von heute an dürft ihr euch Gefreite nennen!
Jacques Armandé Bergerác! Vortreten!"
Jacques ging als erster hin und holte sich seinen Rang ab und die Glückwünsche vom Sergeant.
Da die Reihenfolge alphabetisch war, kam Jann fast zum Schluß dran.
Als er vor seinen Ausbilder trat, fragte dieser ihn: "Und? Hast Du was gelernt?!"
Jann verkniff sich ein Lächeln. "Sir: Ja, Sir. Ich glaube, ich habe eine Menge gelernt!"
"Ein Glück auch!", antwortete der Sergeant. "Es war ja auch schwer genug, Dir alles einzubleuen. Ein weiteres mal würde ich das nicht tun. Aber, ich denke, die Mühe hat sich gelohnt."
Er überreichte Jann seine Abzeichen und Gratulierte ihm. Erst in diesem Moment wurde ihm klar, daß das eben eine Art persönliches Lob vom Sergeant war. Jann schaute ihn überrascht an. Vor noch wenigen Stunden hätte er seine Hoden darauf verwettet, daß der Ausbilder ihn haßte. Als er ihm ins Gesicht sah, glaubte er unter der granitharten Miene so etwas wie ein leichtes lächeln zu vernehmen, oder das militärische Äquivalent dazu. Es war sicher Einbildung. Aber Jann war auf einmal unheimlich stolz.
Er nahm seinen neuen Rang entgegen und salutierte. "Danke, Sir."
Er drehte sich zackig auf den Absätzen um und ging davon, mit den anderen zu feiern.
Ab nächsten Monat begann die eigentliche Ausbildung zum Piloten.
Und vorher gab es Urlaub.

Suzi sah nicht genau hin, als die schwere Maschine neben ihr zum stehen kam. Meist waren es nur harmlose Angeber aus wohlbetuchten Familien. Gleich würde er sein Helmvisier öffnen um sie aufzufordern, hinten aufzusteigen. Sollte er Schwierigkeiten machen, würde sie sofort nach den Sicherheitskräften rufen. In der Nähe des Krankenhauses sind immer genug anwesend, deswegen gab es hier auch nur selten wirklich ärger. Von den schwanzlosen Angebern mal abgesehen.
"Suzi.", rief der Fahrer der schweren Maschine unter dem Helm. "Willst Du nicht aufsteigen?"
Suzi blieb wie angewurzelt stehen. "Woher kennst Du meinen Namen?", fragte sie. "Ich warne Dich: Wenn Du mir Dumm kommst, rufe ich die Sicherheit. Ich habe einen PANIK-Button!" Das war natürlich gelogen, aber meist wirkte der Bluff.
Der Fahrer stellte den Motor aus und nahm seinen Helm ab. Suzi blinzelte.
"Jann?!"
Er grinste. "Nenn mich ruhig "Gefreiter Reuter"!"
"Meine Güte! Jann!", staunte Suzi. "Du hast Dich aber verändert!"
Jann schaute an sich herab. "Zum Guten oder zum Schlechten?"
"Ich würde eher sagen, zum Besseren. Du bist viel breiter geworden. Und Auch brauner."
"In Seattle ist es meist recht warm. Und Ein Jahr lang Gewaltmärsche und Liegestütze machen aus jedem einen halbe Ork. Soll ich Dich nach Hause fahren?!"
Suzi schaute mißtrauisch auf das riesige Motorrad. "Auf das Monster da?"
"Das ist kein Monster!", erwiderte Jann empört. "Das ist eine BMW Blitzen, ein 2050er Modell! Der Straßenkreuzer unter den Motorrädern!"
Suzi staunte. "Mann, das ist sicher teuer. Gehört die Maschine Dir?"
Jann schüttelte den Kopf. "Ich habe sie geliehen. Ein Freund kommt morgen hierher und ich wollte ihn ein wenig von Norddeutschland zeigen. Danach fahren wir nach England. Dann müssen wir auch schon wieder Zurück. So eine Maschine könnte ich mir gar nicht leisten!"
"Bekommt ihr nicht soviel Sold?", fragte Suzi, als sie auf den Rücksitz stieg.
"Nicht sehr viel. Unsere Ausbildung ist schon teuer genug. Den Sold, den wir bekommen, ist mehr eine Art formelle Sache. Aber Chuck und ich wollten uns mal etwas leisten."
Suzi setzte den Helm auf. Ein Commgerät war integriert, obwohl das kaum nötig war. Bei der geringen Geschwindigkeit war die BMW kaum zu hören.
"Halt Dich fest.", sagte Jann über das Commgerät. "Aber pass auf das Kabel auf."
Suzi schlang ihre Arme um Janns Taille, verhedderte sich dennoch beinahe in dem Glasfaserkabel des Rigs.
Jann legte einen Kavalierstaat hin und Suzi wurde in die Rückenlehne gepreßt.
Die ersten Minuten hatte sie eine wenig Angst. Jann fuhr recht rasant. Er nahm die unnötigen Umwege über die Autobahn im Kauf, um die Maschine ausfahren zu können. Aber Suzi merkte schnell, daß Jann das Motorrad hervorragend unter Kontrolle hatte. Die Fahrt fing an, ihr Spaß zu machen. Das freie Gefühl bei dieser Geschwindigkeit und das vibrieren der schweren Maschine unter ihr kitzelten im Bauch.
"Ein Tolles Gefühl, so ein Motorrad!", sagte sie zu Jann.
"Ja. Wenn ich genug Geld habe, werde ich mir auf jeden Fall so eine kaufen!"
"Das wird sicher eine weile Dauern."
Jann zuckte mit den Schultern. "Das ist es wert. Ich will so eine haben wie diese hier. Dafür werde ich jeden Nuyen sparen."
"Nuyen?!", fragte Suzi.
"Die Währung drüben.", erklärte Jann. "Wenn man außerhalb der Konzerne bezahlt, ist das die häufigste Zahlungseinheit. Genau wie Ecú hier."
"Wieviel kostet dieses Motorrad eigentlich?!"
Jann überlegte. "Etwa 25.000 Neupreis."
Suzi keuchte. "Das ist eine Menge Geld! Was kaufst Du Dir danach?! Einen Hubschrauber?!"
"Vielleicht.", witzelte Jann.
Nach einer Weile fuhren sie von der Autobahn runter in die Wohngegend, wo der Freund von Suzi lebte.
"Laß mich lieber eine Straße vorher absteigen.", bat sie Jann, bevor sie ankamen. "Josef ist immer sehr schnell eifersüchtig."
"Ist O.k.", sagte Jann und hielt an. "Ich habe keine Lust, von Deinem Freund vermöbelt zu werden."
"Um Dich mache ich mir auch weniger Sorgen.", entgegnete Suzi und klopfte auf Janns breiten Rücken. "Es war schön, Dich wiederzusehen."
Jann grinste und wurde rot. "Fand ich auch."
"Melde Dich mal wieder, wenn Du wieder in Hannover bist.", sagte Suzi und umarmte Jann kurz. "Ich hätte Lust auf einen kleinen Rundflug in einem Hubschrauber."
"Das ließe sich sicher machen.", rief Jann, als er davon fuhr. Suzi winkte und lachte, da Jann ebenfalls winkte, allerdings mit beiden Händen, so als würde er um sein Gleichgewicht rudern. Er macht immer noch gerne Faxen, dachte Suzi belustigt. Es würde mich wenig überraschen, wenn er das Motorrad nicht in einem Stück abgibt.

"Gefreiter Jann Reuter!", sagte Janns Vater stolz.
"Laß Dich mal ansehen!", rief seine Mutter entzückt und nahm ihren Sohn in den Arm. "Du bist ja richtig groß und stark geworden!"
"Macht das Training.", antwortete Jann knapp und befreite sich aus den Armen seiner Mutter.
"Bekommt ihr denn genug zu essen?", fragte sie besorgt.
"Na ja, wenn man zu spät kommt... Aber meist reicht es."
"Ich werde Dir was zu Essen machen.", sagte sie fröhlich und verschwand in der Küche. Jann wollte ihr etwas hinterher rufen, aber sein Vater hielt ihn zurück. "Seit Du weg bist, kocht sie für mich wie für einen König.", sagte er und klopfte auf seinen sichtlich erweiterten Umfang
"Nachher werde ich noch zunehmen!.", sagte Jann scherzahft gequält. "Mein Ausbilder wird mich um ganz Seattle jagen, wenn ich wieder zurückkomme!"
"Aber sie ist so froh, daß Du hier bist. Du meldest Dich so wenig in letzter Zeit."
"Die Ausbildung war wirklich hart im letzten halben Jahr. Ich war mir kaum sicher, daß ich das schaffen würde."
"Dann beginnt demnächst wohl die Flugausbildung."
Jann nickte froh. "Ja, wenn es wieder anfängt, werden wir im Technischen Bereich unterrichtet und geprüft.
Das wird übrigens über Chip geschehen. Gleichzeitig dazu beginnen die ersten Stunden im Simulator. Nach einem Jahr geht es dann richtig los. Dann fliegen wir zum ersten mal echte Maschinen."
Hagen hörte seinem Sohn interessiert zu. " Und welchen Rang wirst Du bekleiden, wenn Du fertig bist?"
"Höchstwahrscheinlich den eines Second Lieutenants.", erklärte Jann. "Als Piloten müssen wir die Offizierslaufbahn einschlagen. Es ist nicht üblich, Personen mit einem geringeren Rang in so komplexe, teure und auch gefährliche Maschinen zu lassen. Damit übergibt man einer einzelnen Person eine ganze Menge Verantwortung."
"Second Lieutenant!", wiederholte Janns Vater. "Das klingt gut. Müssen wir Dich dann mit "Sir" anreden?"
Jann lachte. "Ich bestehe darauf! Im Ernst: Der Rang zählt nicht in gleicher Weise wie bei den Bodentruppen.
Wir werden auch nicht die gleichen Privilegien haben, besonders wenn es darum geht, eine Truppe zu führen oder Befehlsgewalt auszuüben."
"Das ist ja auch nicht so wichtig.", gab Janns Vater zu. "Vielmehr hoffe ich darauf, daß Du
Deine Ausbildung schaffst."
"Das werde ich.", sagte Jann strahlend.
Die Mutter rief aus der Küche. "Deckt bitte den Tisch: Das Essen ist gleich fertig!"


Mein Name ist Captain Roland Hartmut.", sagte der große, schlanke Mann, der vor den Rekruten stand. "Ich werde euch die nächsten viereinhalb Jahre durch die Flugausbildung begleiten und euch zu einem Wertvollen Mitglied der Verteidigungstruppen von Fuchi I. E. machen. Die Ausbildung wird nicht leicht sein und ihr werdet wenig Zeit für irgendwelche andere Dinge haben, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache.
Wenn einige von euch meinen, dafür noch nicht Fit genug zu sein; Der Sergeant hat sich bereit erklärt, Nachhilfe zu geben." Ein Lachen ging durch die Gruppe.
Damit hatte der Captain die Sympathien auf seiner Seite. Sein Aussehen war nicht minder hart als das von dem Sergeant und seine Augen sprachen von haufenweisen Erfahrungen, die die meisten Menschen niemals machen werden. Aber er hatte auch etwas väterliches an sich, etwas vertrauenswürdiges. Er verbreitete nicht diese Angst und Unmut wie der Sergeant. Für die meisten jedoch hat der Schreck Militär viel an seiner Wirkung verloren, jetzt, wo sie alle die Grundausbildung hinter sich haben und das begann, wonach sich alle sehnten.
"Ihr werdet die nächsten Zwei Wochen einem Eignungstest unterzogen. Er hat nichts mit irgendeiner Bewertung oder Note zu tun. Er ist nur dazu gedacht, eure geistige und physische Belastbarkeit zu testen, um etwaige Schwachpunkte herauszufinden und diese, wenn nötig oder auch möglich, zu beseitigen.
In drei Wochen beginnt dann eure technische, theoretische und sprachliche Chipschulung. Die verschiedenen Kurse finden abends statt.
Tagsüber finden die Übungen an den Simulatoren statt. Ich darf euch schon hier stolz mitteilen, daß wir mitunter die besten und leistungsfähigsten Simulatoren auf der Welt besitzen und ihr das Privileg habt, an diesen Hochleistungsmaschinen zu lernen."
"In England haben wir Bessere, sagt mein Vater.", flüsterte Chuck zu Jann.
"Wer das alles glaubt...", gab Jann zurück.
"Da die Anzahl der Simulatoren begrenzt ist und ihr euer Hirn in kürzester Zeit mit Informationen füllen sollt, werden Stundenpläne für die Simulatoren ausgehängt. Ihr müßt euch in die entsprechenden Gruppen eintragen. Ihr müßt in der Woche mindestens zehn Stunden absolvieren und ihr müßt neben den von euch ausgewählten Vehikelgruppen noch einen von den drei im Simulator eingegebenen Flugzeugtypen auswählen. Ihr werdet am Ende des Jahres in dem von euch ausgewählten Flugzeuptyp geprüft. Die Vehikelgruppen, von denen ihr in jeder einzelnen wenigstens hundert Stunden absolviert haben müßt, werden in diesem Jahr noch nicht bewertet.
Weitere Einzelheiten entnehmt ihr eurem Kursbuch, auf dem ihr auch eure Stunden "abstempeln" lassen müßt.
Die Datendisk erhaltet ihr in der ersten Stunde des Unterrichts.
Wir sehen uns morgen beim Beschleunigungstest. Wegtreten!"
"Was genau meinte er mit Beschleunigungstest?", fragte Jann verunsichert, als alle zurück in ihre Quartiere gingen. "Das wirst du morgen schon sehen.", sagte Chuck nur und grinste.

"Neben den modernen Hubschraubern und Luftkissenfahrzeugen gibt es auch, wie die meisten sicher wissen, seit etwa Dreißig Jahren Fahrzeuge und Schwebepanzer, die sich mit Hilfe von Vektorschubdüsen vorwärts bewegen.", erklärte der Captain. "Ein solches Antriebssystem stellt auch an den Piloten ganz neue Ansprüche.
Mit Hilfe dieses Beschleunigungstests wollen wir euch deutlich machen, was im Ungefähren auf euch zukommen wird. Gefreiter Reuter, sie sind der Erste."
Ich habe ihm doch gar nichts getan, dachte Jann, der eine Wiederholung seiner Grundausbildung befürchtet.
Tapfer, jedoch mit einem Herzen, daß ihm bis zum Hals schlug, stieg Jann in die kleine Kapsel, ignorierte das Kichern seiner Kameraden.
"Ich wünsche Aufmerksamkeit.", brüllte der Captain, um die Menge ruhig zu stellen. "Außerdem sehe ich kein Grund für Gelächter. Jeder kommt von euch heute dran."
Jann wurde festgeschnallt und die Kapsel wurde beschleunigt.
Schon nach kurzer Zeit fiel es ihm schwer, zu atmen, seine Arme zu bewegen oder nicht zu grinsen.
Dann fing das gemeine an:
Die Kapsel war frei beweglich und fing an, nach links oder rechts zu schwingen, manchmal auch kopfüber.
Jann wurde praktisch in alle Richtungen beschleunigt. Das Blut schoß ihn in den Kopf und Zeitweise schob sich ein roter Schleier über seine Augen. Nach einer Ewigkeit hielt die Kapsel endlich an. Janns Gurte wurden entfernt und man half ihm auf die Beine. Er versuchte, gerade zu gehen und nicht zu wanken, mußte aber feststellen, daß es ihm einfach nicht gelang, geradeaus zu gehen. Seine Kameraden grinsten noch immer. In Janns Ohren rauschte es noch immer, so daß er nicht verstand, was der Captain sagte, nur daß er was gesagt hatte. Einer seiner Kameraden verlor plötzlich sein Grinsen und schaute furchtsam drein. Das nächste Opfer, dachte sich Jann.
Er stellte sich wieder neben Chuck und versuchte nicht zu wanken.
"Interessante Gesichtsmassage.", gluckste Chuck.
"Dü ´ast ein wunderbares Läscheln!", sagte Jacques und Chuck hielt sich die Hand vor dem Mund.
"Wovon redet ihr?!", fragte Jann und massierte unbewußt seine Wangen.
Jacques grinste nur und zeigte auf einen Monitor, der im Beobachtungsraum von der Decke hing. Dort sah er den unglücklichen Kameraden von vorhin und sein von der Beschleunigung verzerrtes Gesicht.
"Mann kann ja alles mitsehen!", rief Jann. Chuck und Jacques fingen prustend an zu lachen.
"Ihr habt alles gesehen! Herrje, ich will gar nicht wissen, wie das aussah!" Die beiden Kameraden grinsten höhnisch
"Gefreiter McBride. Sie sind dran!", rief der Captain. Als der Rekrut aus der Kapsel wankte.
Chuck verschluckte fast seine Zunge.

"Du schreibst unsauber, Jann! Und bleib´ auf der Linie!", sagte Jacques und fing an zu kichern.
Jann mußte ebenfalls kichern. "Meine Güte, was mach ich da nur? Das sieht ja Scheiße aus!"
Beide kringelten sich in einem Lachanfall.
Der Captain, der hinter einer Glasscheibe stand und die Szene beobachtete, beugte sich zum Mikrofon.
"Armandé Bergerác und Reuter! Nehmen sie ihre Masken!"
Jacques und Jann beruhigten sich und preßten sich die Atemmasken an das Gesicht. Nach ein, zwei Atemzügen hatten sie sich wieder teilweise beruhigt und machten sich wieder an ihre Aufgaben. Jann schrieb weiterhin seinen Namen und sein Geburtsdatum auf einen Zettel und traf die Linien wieder nicht. Jacques sah es und brachte wieder ein Kommentar und beide mußten wieder kichern.
"Alles deine Schuld!", kicherte Jann. "Hättest Du mich nicht so zum Lachen gebracht, hätten wir die Masken nicht gebraucht!"
"Wieso meine Schuld!?", konterte Jacques. "Wenn Du nicht mal Deinen Namen schreiben kannst..."
"Hey, Jacques, wo ist eigentlich Dein entsetzlicher Akzent hin?", fiel es Jann ein.
"Nich die leiseste Ahnung.", erwiderte der Franzose. "Den habe ich schon vor ein oder zwei Bar verloren!"
Beide gluckerten los. Noch bevor der Captain wieder ins Mikrofon sprechen konnte, nahmen Jacques und Jann ohne Aufforderung einen Zug aus ihren Atemmasken.
"Die beiden sind gar nicht so schlecht für das erste mal.", sagte ein medizinischer Assistent zum Captain, als er dessen besorgten Blick bemerkte. "Sie stecken den niedrigen Druck gut weg. Sie zeigen alle Symptome, sind aber noch fähig, klar zu denken und sinnvoll zu handeln."
Der Captain zeigte auf den Engländer. "McBride geht damit sehr viel besser um. Er scheint überhaupt nicht zu spüren."
Der Assistent zuckte mit den Schultern. Gefreiter McBride war damit der einzige in der Unterdruckkammer.
In diesem Test waren die meisten mittlerweile am Rande ihrer Belastbarkeit angelangt. Sie fingen an zu zittern, bekamen unkontrollierte Lachanfälle oder schliefen einfach ein, so daß man sie aus der Druckkammer holen mußte. Die Allermeisten waren nicht mehr fähig, ihren Aufgaben nachzugehen. Dabei handelte es sich um solch einfache Dinge, wie ein Lesechip laut lesen, seinen Namen zu schreiben oder eine Passion zu legen. Die Werte der Testpersonen wurden ständig kontrolliert.
Neben zwei anderen Personen, darunter auch Abor, waren nur noch Jann und Jacques in der Lage, halbwegs sinnvoll das zu tun, was sie sich vorgenommen hatten.
Chuck hingegen saß an seinem Tisch und spielte Solitaire, ein altes Brettspiel. Er litt längst nicht so sehr unter den Folgen wie alle anderen, mußte zwar auch wie ein Vollidiot grinsen und gewann auch das Spiel nicht mehr,
aber er hatte sich unglaublich gut unter Kontrolle, nahm nur selten einen Atemzug aus der Maske.
Die Assistenten konnten sich das nicht erklären. Seine Werte waren anormal. McBride hatte auch keine Cyberware, die ihn gegen die Folgen des Unterdrucks schützen könnten.
"Vielleicht sind seine Gene mutiert.", überlegte der Assistent. " Eine leichte Neigung zu Metagenen könnte durchaus möglich sein, die nur latent vorhanden ist und einige körperliche Vorteile mit sich bringt.
Er kommt aus einer berühmten Fliegerfamilie, vielleicht gehen deren Talente ein wenig weiter als bis zu dem technischen Verständnis und den Pilotenreflexen."
"Unsinn.", brummte der Captain. "Von so einer Art Mutation habe ich noch nie gehört. Das halte ich für zu weit hergeholt. Machen sie einen Drogentest, wenn sie hier fertig sind."
"Sie glauben, er hat sich gedopt?", fragte der Assistent. Der Captain nickte.
"Und wenn wir nichts finden?"
Der Captain zuckte mit den Schultern. "Dann ist er wohl ein harter Bursche. Wenn sie tatsächlich nichts finden, hat er eben Glück gehabt. Dennoch sollten sie seine medizinischen Akten anfordern. Sollte es wider Erwartens doch eine Abnormität sein, müssen wir sichergehen, daß sie keine Gefahr darstellt. Für ihn und für die Maschine, die er später einmal fliegen soll."

Dritter Tag. Jann hing im Cockpit eines Thunderbirds, neben ihm ein Pilot, den er nicht kannte und der die Maschine steuerte. Jann hatte lediglich die Aufgabe, die Daten, die in seinem Blickfeld oder sogar direkt in seinem Kopf erschienen, laut weiterzugeben. Er bekam die Umgebung nicht über seine Augen mit. Wie der Pilot hing er an dem Glasfaserkabel, daß hinter seinem Ohr am Hals aus der Datenbuchse ragte und in die Rigeinheit führte, daß ihn mit den Sensoren und Feedbacksonden des Panzers verband. Auf Befehl des Captains hin vernachlässigte er die eigentliche Umgebung und konzentrierte sich vollständig auf die vom Computer übermittelten Datenströme. er befand sich also in der letzten Synchronstufe.
Diesen Test nannte man "Auswurfschock" und er galt als der schlimmste.
Noch während er darüber nachdachte, schlugen die Sensoren Alarm und überfüllten Janns Sichtfeld mit Zahlen und Diagrammen. Er verstand nichts von alledem.
"Zwei Signale auf zehn Uhr. Den Sensoren nach Helikopter.", klärte ihn der Pilot auf. "Sie feuern Raketen. Vier SAM´s im Anflug. Fliege Ausweichmanöver."
Jann wurde plötzlich an den Sitz genagelt. Mit blinden Fingern tastete er nach dem Gurt und zog ihn ein wenig enger. Das war gar nicht so einfach, wenn man seine Sinneseindrücke auf Schubdüsen, Geschwindigkeit und Kameras eingestellt hatte.
"Schnell, lies mir die Daten vor!", befahl der Pilot.
"Welche denn?!", rief Jann über das Dröhnen der Triebwerke hinweg.
"Die ganzen Zahlen, die in der linken oberen Ecke durchlaufen!", rief der Pilot wütend zurück.
Jann versuchte gerade den Zahlenwust zu ordnen und wollte die Erste Kolonne vorlesen, als eine Erschütterung durch den Panzer lief. Das Kabel in Janns Hals löste sich mit einem metallischen Klick. Die Realität stürzte schlagartig auf ihn ein und Jann erbrach sich über dem Amaturenbrett.

"Ich hatte völlig vergessen, daß es eine Simulation war. Es wirkte alles so echt!"
"Das war ja auch der Sinn der Sache.", beruhigte ihn Chuck. "Wenn Dir all das über die Sensoren eingespielt wird, ist das wie SimSinn, da hast Du keine Chance!"
"Ich habe in die Kabine gekotzt!", rief Jann beschämt.
"Das habe die meisten!", erwiderte Chuck. "Das war eine Simulatorkabine. Die rechnen damit, daß so etwas passiert. Du kamst noch gut weg. Einige andere sind Ohnmächtig geworden und haben immer noch Kopfschmerzen! Ich habe auch gekotzt!"
Jann richtete sich auf. "Wo ist eigentlich Jacques? War der auch schon dran?!"
Chuck nickte. "Der liegt noch im Lazarett. Ihm war das auch nicht so gut bekommen."
Der Test mit dem Auswurfschock wurde noch einige Male wiederholt. Es war immer wieder unangenehm.
Jann versuchte, sich auf das Gefühl vorzubereiten, aber der Auswurf kam immer zu überraschend. Manchmal, als er die Warnung eines Angriffes bekam, verkrampfte er sich und bereitete sich auf den Schock vor, so daß er seine Aufgabe vernachlässigte. Dann wieder wurde er ausgeworfen, obwohl nichts passiert war, daß dies rechtfertigen konnte. Am Ende dieser Testreihe übergab er sich nicht mehr und er fand schneller in die Realität zurück. Wahrscheinlich eine Art Gewöhnung. Brüllende Kopfschmerzen bekam er davon aber nach wie vor.

Die Eignungstest gingen noch vier weiter Tage. Die Rekruten wurden in Kapseln aus zehn Meter Höhe fallengelassen, in defekten Fallschirmen und Schleudersitzen über einem See abgeworfen, und wurden einer "Datenstille" unterzogen, dem seltenen, aber höchst unangenehmen Phänomen, daß auftritt, wenn der Datenstrom von der Fahrzeugsteuereinrichtung zum Rig unterbrochen wird. So etwas geschieht, wenn überhaupt in schnellen Intervallen, so daß man seine Eigenen Sinneseindrücke nicht wiedergewinnt und außerdem Datenlücken in der Steuerung des entsprechenden Fahrzeugs hat. Es ist so, als würde man für kurze Zeit im schwarzen All schweben, ohne jegliches Gefühl, während man ein Spiel auf einem sehr altem und ruckelligen Computer spielt. Das Gefühl ist entnervend, weil man es mit vielen kleinen Schocks vergleichen kann.
Als die Tests vorbei waren, hatten die Schüler Gelegenheit, sich von ihnen zu erholen, ihre Kurse und Simulatorstunden einzutragen.
Jann wählte eine alte, doppelsitzige Cessna und begann mit dem Simulator für Drohnen. Den Bereich, so dachte er, würde er noch am schnellsten bewältigen, schneller noch als die Luftkissenfahrzeuge. Außerdem fand er Drohnen viel interessanter als Hovers.
Jacques begann ebenfalls mit den Drohnen, Chuck wählte gleich zu Beginn den Düsenjet.
Abends begann die Chipschulung. Jann kannte das von der Schule her. Einige Fächer wurden in den Schulen Fuchis tatsächlich schon mit Hilfe von Chips gelehrt, da es die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns stark unterstützt. In der Schule wurden Trampnetze benutzt, hier bekamen sie Glasfaserkabel, die über einen Adapter in die Rig-Buchsen gestöpselt wurden, sofern man keine Datenbuchse besaß.
Diese spezielle Art von Schulung war recht effektiv. Man sparte gut ein Drittel der normalerweise benötigten Zeit und es wurde einem kaum langweilig, da die Daten aufwendig unterstützt mit Audio- und computergenerierten Videosequenzen eingespielt wurden. Dafür war der Stoff um so umfangreicher.
Sie lernten alles, was man über die Technik und das Funktionsprinzip als Pilot über Hovers, Vektormaschinen, Düsenjägern, Drohnen, Flugzeuge und Drehflügler wissen mußte. Sie lernten neben Englisch auch Japanisch und Deutsch, allerdings konnten sich außer Jann noch einige andere Schüler wenigstens einen dieser Kurse sparen.
Als das Jahr vorüber ging, sprach Jann fließend Englisch und Japanisch. Er hatte die Flugprüfung für die Chessna bestanden, seinen ersten Pilotenschein und konnte, zumindest in den Ansätzen, eine Drohne, einen Helikopter sowie ein Luftkissenfahrzeug und den schweren Schwebepanzer bewegen. Das sind auch die vier Fluggeräte, die er später fliegen will, allen voraus der Hubschrauber und der Schwebepanzer. Chuck stand nicht so auf die schweren Thunderbirds. Er war der Meinung, daß es keine besondere Kunst sei, dieses vor Turbinen, Computern und Gyrostabs strotzenden Monster zu fliegen. Statt dieser Maschine hatte er die Düsenjäger gewählt, ganz nach Tradition seiner Familie. Jacques und Abor verpflichteten sich den gleichen Vehikelgruppen wie Jann. Er und alle seine Kameraden, die bestanden hatten, wurden mit einem neuen Abzeichen bekleidet und durften sich fortan "Master Sergeant" nennen. Jann mußte fast laut lachen, als ihm bewußt wurde, daß er damit einen höheren Rang bekleidete als sein erster Ausbilder. Außerdem hat er bei sich zwei Vorlieben bemerkt: Technik und Elektronik.
Er hatte sich schon vorher sehr für die Einzelheiten der diversen Vehikel und ihrer Funktionsweise interessiert, ihm war aber nie so bewußt, daß ihn diese Gebiete so faszinieren konnten. Die Flugschule bot Interessierten Erweiterungskurse an, indem sie diese Fähigkeiten bilden konnten. Man hat seit der Einführung der Chipschulung vor etwa 40 Jahren schon die Erfahrung gemacht, daß sich die Lehrdauer zum einem wesentlich verkürzt, zum anderem, daß bei vielen Schülern Talente und Interessengebiete geweckt wurden, über die sie sich vorher selber noch nicht im klaren waren. Man hat festgestellt, daß es durchaus sinnvoll ist, diese Fähigkeiten zu fördern, weil man auf diese Weise Truppen und Piloten bekam, die außer fliegen noch viel mehr konnten. Als Team in einem Panzer zu Beispiel, mitten in einem Einsatzgebiet, konnte dies den Piloten das Leben retten, manchmal sogar die Mission.
Jann hatte in allen Klassen, für die er sich eingetragen hatte, wenigstens hundert Flugstunden absolviert, in den Vektorschub und Helikoptersimulationen verbrachte er immer ein wenig mehr Zeit; diese beiden Flugmaschinen hatten ihm es besonders angetan. Der Hubschrauber war, so fand Jann, ein einzigartiges Fluggerät.
Es konnte überall landen und starten, sich in jede Richtung bewegen und war unheimlich wendig und mobil.
Was ihn besonders faszinierte, war die Möglichkeit, Hubschrauber für bestimmte aufgaben entsprechend modifizieren zu können. Man konnte einen Helikopter mit Sensoren, mit Waffen oder mit Transportgütern vollstopfen. Wenn er im Simulator saß und ihm das Gefühl übermittelt wurde, daß es wirklich ein Hubschrauber war, indem er saß, liebte er es, einfach über die generierten Landschaften zu fliegen und das gleitende Gefühl seiner Maschine zu genießen.
Das Problem bei den Hubschraubern war ihre Geschwindigkeit. Sie waren, verglichen mit anderen Flugzeugen, recht langsam. Man konnte sie nicht sonderlich stark panzern, ohne noch mehr Geschwindigkeitseinbußen hinzunehmen und auch wenn man es tat, konnte ein geübter Schütze jeden Hubschrauber mit nur einem gezielten Schuß vom Himmel pusten, indem er einfach auf die Rotorachse schoß. In den Zeiten der Cyberware und der phasengesteuerten Computerzielsystemen war dies kaum mehr ein großes Problem.
Diese Nachteile glich ein Schwebepanzer mehr als aus. Er war viel größer, sehr schwer gepanzert und unendlich viel schneller. Als Jann im Unterricht das erste mal hörte, daß ein gängiger Thunderbird gut ein oder eineinhalb Mach erreichte, blieb ihm der Atem weg. Ein mit Vektordüsen getriebener Panzer war nicht minder wendig als ein Hubschrauber und auch er konnte, wenn es sein mußte, rückwärts fliegen. Das Potential der Wendigkeit eines solchen Panzers war sehr viel höher und wurde nur durch die Unfähigkeit des Piloten beschränkt, die dabei auftretenden Fliehkräfte zu kompensieren. In einem Schwebepanzer war es, ebenso wie in einem modernen Düsenjäger, durchaus möglich, durch ein Blackout ohnmächtig zu werden.
Bevor das nächste Jahr der Ausbildung begann und damit die letzte Phase, wurden die Piloten in die diversen Waffensysteme eingewiesen, die die verschiedenen Vehikel im Kampf normalerweise mit sich führen.
Besonders die Thunderbirds wurden mit Waffen bestückt, die eine ungeheure Durchschlagskraft besaßen.
Zum ersten mal in seinem Leben sah Jann eine Gauss-Kanone im Feldeinsatz und war regelrecht schockiert über den Krach, den so eine Waffe verursachte. Da bei einer magnetbetriebenen Waffe der Antrieb des Projektils durch ein Treibmittel fehlte, dachte er immer, eine solche Kanone würde praktisch lautlos sein. In Wirklichkeit aber verursachte das Projektil beim Verlassen der Laufmündung wegen seiner extremen Geschwindigkeit einen so lauten, aber auch sehr kurzen Knall, daß man außerhalb des Panzers in Gefahr lief, ohne Gehörschutz sein Trommelfell zu verlieren. Vom weiten klang die Waffe wie ein kurzer, abgehackter Donnerknall.
Die jungen Piloten waren allesamt begeistert von den schweren Waffen. Sie waren fast enttäuscht, daß man ihnen diese furchtbaren Wunderwerke moderner Technik nur kurz vorführte und konnten es kaum erwarten, die praktische Anwendung der verschiedenen Waffen zu erlernen, die im Simulator vorhandenen Vehikel waren nur einfach programmierte Lernobjekte und, allesamt unbewaffnet, nur dafür gedacht, ein Gefühl für die diversen Maschinen zu bekommen.
Jann lag auf seiner Pritsche, umgeben von den Handbüchern für all die verschiedenen Flugzeugtypen und konnte es kaum erwarten, endlich mit einer dieser Maschinen zu fliegen, draußen, in der realen Welt.

Es ist in der Tat nicht so schwer, ein Flugzeug zu fliegen, wenn man damit geistig verbunden ist. In der Mitte des 21. Jahrhunderts zu leben, bedeutet, sich durch eine Welt zu bewegen, in der die Technik ein unerwartet hohes Niveau erreicht hat. Computer steuern alles, von einer einfachen Kaffeemaschine bis hin zu ganzen Städten und hochkomplexen Laborsystemen. Sie beherrschen die Menschen. Und die Menschen wiederum beherrschen die Computer. Eine miteinander untrennbar verwachsene Symbiose, die sich nur deswegen so stark entwickeln konnte, weil der Mensch mit der Technik mittlerweile eng verbunden ist, nicht nur im metaphorischem Sinne.
Neurale Interface machen es möglich, sich direkt mit einem Computer oder sogar mit einer Maschine zu verbinden. Komplexe, hochentwickelte Computersysteme und ein ausgeklügeltes Netz aus Sensoren macht es möglich, zum Beispiel mit einem Auto zu verschmelzen, als wäre es der eigene Körper.
Sicher, man muß immer noch lernen, mit dem neuen Körper umzugehen, aber das ist ein Prozeß, der sich sehr schnell entwickelt. Man mißt Menschen, die eine solche Verbindung mit Maschinen und Fahrzeugen eingehen, nicht daran, daß sie das Objekt beherrschen, sondern, wie gut sie es tun. Der Vorteil einer solchen Verbindung, die einem praktisch einen neuen Körper leiht, ist, daß man ihn nicht nur bewegen lernt, als wäre es der Eigene, sondern daß man auch lernt, mit ihm zu tanzen.
Das ist ein Grund dafür, warum die Ausbildung bei den militärischen Streitkräften trotz der modernen Lehrmethoden und Hilfsmittel noch immer so lange dauert. Ein weitere mag der sein, daß es neue Fluggeräte gibt, mit Eigenschaften, die die ganze Konzentration einer oder mehrerer Personen erfordert.
Der letzte und nicht zu vergessene Grund ist der, daß die Piloten immer noch geschult werden, alle Fluggeräte, für die sie einen Pilotenschein erwerben wollen, auch steuern können, wenn sie nicht gerade mit Hilfe eines Glasfaserkabels durch die Innereien der Maschine geistern. Normalerweise sind alle militärischen Vehikel so konzipiert, daß man sie sowohl mit als auch ohne Rig bewegen kann. Obwohl es nur vernachlässigbar selten passiert, kann es vorkommen, daß die Fahrzeugsteuereinrichtung für einen neuralen Kontakt beschädigt wird und ausfällt. Wenn daraufhin die Piloten hilflos winselnd in ihrem Cockpit sitzen, kann es sehr viel mehr kosten, als eine Bruchlandung, ein Absturz und den Verlust der Maschine und des Piloten.
Es ist bei weitem schwerer, ein Fahrzeug zu steuern, wenn der geistige Kontakt fehlt, und es erscheint noch schwerer, wenn man schon einmal auf solchem Wege mit einem Vehikel verbunden war.
Es gibt diverse Ausnahmen, ein Luftkissenfahrzeug zum Beispiel, läßt sich ebenso leicht wie ein Auto steuern; man lernt es Verhältnismäßig schnell. Und man kann auch behaupten, jeder, der es geschafft hat, auf konventionellem Wege Auto fahren zu lernen, ist auch in er Lage, ein Flugzeug zu fliegen.
Drohnen sind eine schwierige Zwischenstufe. Sie sind meist miniaturisierte Ausgaben der großen Maschinen und erinnern an der Steuerung irgendwie an die Modelle, mit denen man als Kind gespielt hat.
Ein Hubschrauber, oder ein Düsenjet stellt an den Menschen eine ganze Reihe von geistigen Forderungen, ebenso wie der Schwebepanzer, der irgendwie eine Kombination der beiden Fluggeräte darstellt und noch viel mehr...
Der Rest der Ausbildung, wo die jungen Piloten vier verschiedene Fluggeräte zu beherrschen lernen, ist auf
4 1/2 Jahre angesetzt. Eine harte Zeit, die nur aus Flugstunden und theoretischem Unterricht bestehen wird.
Das alles schreckt Jann nicht im geringsten. Er hat sich in die diversen Anleitungschips reingelesen, die alle über die Schulfahrzeuge bekommen haben. Mehr denn je weiß er, daß dies die richtige Entscheidung war und, egal, wie hart die nächste Zeit wird, Jann ist gewillt, fliegen zu lernen, jedes Einzelne von ihnen!

"Achten sie auf den Seitenwind!", kratzte die Stimme des Captain in seinem Ohr.
Jann unterdrückte den Reiz, sich am Ohr zu kratzen. Wenn der Captain so ins Commlink brüllte, war das ziemlich unangenehm. Was glaubst Du, was ich mache, dachte er genervt. Jann sehnte sich danach, sich einstöpseln zu dürfen. Aber er war im Vortest für die Prüfung nächste Woche, und die sollte ohne Rig geflogen werden.
Es waren mittlerweile Drei Jahre vergangen, Jann hatte mittlerweile die Lizenz für Luftkissenfahrzeuge und Drohnensteuerung erworben, mit und ohne DNI und er besaß jetzt den Rang eines Senior Master Sergeant.
Jetzt stand ihm noch der Helikopter und der Schwebepanzer bevor. Für den Hubschrauber hatte er zumindest die Prüfung für die Fahrzeugsteuereinrichtung bestanden, mit Auszeichnung. Es fiel ihm generell nicht schwer, ein Fahrzeug zu steuern, wenn er damit geistig verbunden war. Er lernte sehr schnell und zeigte sich begabt dafür, komplizierte Manöver und schlechte Umstände zu meistern.
Ganz anders sah es aus, wenn er auf die neurale Verbindung verzichten mußte. Im Gegensatz zu seinen Kameraden, die irgendwann gelernt hatten, den Nachteil der fehlenden Verbindung auszugleichen und auch ein Gefühl für die Maschinen zu entwickeln, wenn sie nicht eingestöpselt waren, tat sich Jann dabei sehr schwer. Er war immer noch zu langsam, fühlte sich plump und versuchte, die Maschine zu bewegen, als wäre er noch mit ihr verbunden und nur der Sensoren beraubt, statt sich darauf einzustellen, auf eine ganz andere Weise fliegen zu lernen. Er verließ sich zu sehr auf die Steuereinrichtung. Das war es auch, was er sehr gut konnte.
Seine Unfähigkeit, eine Maschine ohne diese Hilfe zu beherrschen, wurde dadurch nur verstärkt.
Jann war nicht ungeschickt. Er besaß eine natürliche Begabung dafür, Fahrzeuge und andere Vehikel zu steuern. Seine Ergebnisse in den Tests und sein Geschick beim Motorrad bezeugte das. Allerdings war er auch recht faul und meist sehr intuitiv und ungeduldig. Er machte sich selten die Mühe, Dinge dadurch zu lernen, indem er bewußt und logisch die Schwierigkeiten und Probleme betrachtete und sie versuchte, zu beheben.
Er lernte immer sehr schnell, ein Fahrzeug zu beherrschen, kam aber schnell an die Grenzen, wo er bewußt etwas tun mußte und seine Intuition ihm nicht mehr weiterhalf, manchmal sogar im Wege stand. Dann verlor er meist den Mut und die Motivation.
Der Captain hatte das bemerkt. Er hatte es sich zum Prinzip gemacht, die Akten und Testergebnisse seiner Schützlinge genau durchzugehen und die Auswertung nicht vollständig den Lehrern und Prüfern zu überlassen.
Auf diese Weise, so hatte er festgestellt, konnte man herausfiltern, wer tatsächlich ungeeignet war oder nur den Anschein erweckte, weil die Person durchaus die Fähigkeiten besaß, aber mit Probleme in ganz anderen Bereichen zu kämpfen hatte, wie es bei Jann der Fall war. Es wäre ein Verlust, wenn man potentiell gute Piloten nur aus diesen Gründen als ungeeignet entließ. Nur war es meist schwierig, herauszufinden, welche Personen wirklich ein Talent besaßen und welche nicht. Und oft hatte man nicht genügend Zeit, sich um solche Fälle zu kümmern. der Captain sah das ebenso. Er behauptete von sich selber, ein guter Menschenkenner und Ausbilder zu sein. Er versuchte schon im Vorfeld solche Problemfälle zu sondieren und gab den angehenden Piloten mit Prüfungskursen eine Chance, ihre Schwächen auszugleichen. Allerdings verband er diese Kurse mit einer Frist.
Jann war jetzt gerade in solch einer Prüfungsstunde. Er hatte vorher am Computer seine ausgewerteten Flugrouten durchgesehen und sollte, auf rein theoretischer Ebene, seine Fehler auswerten und die entsprechenden Kurskorrekturen erläutern.
Jetzt saß er in einem Hughes Stallion und kämpfte mit Probleme, die er in der Auswertung vorher nicht bedacht hatte. Ganz zu schweigen davon, daß er wieder völlig nervös war und mit den Kontrollen des Helikopters völlig überlastet war. Er versuchte fieberhaft, die vorgegebene Höhe und Geschwindigkeit zu halten, während ihn der starke Seitenwind aus dem Kurs blies.
"Der Seitenwind, Reuter.", bellte der Captain wieder und Jann zuckte zusammen. "Verdammt, gleichen sie endlich die Seitendriftung aus!"
"Das versuch ich doch!", brüllte Jann zurück, erntete dafür einen überraschten und erzürnten Blick vom Captain.
Das hat sicher ein Nachspiel für mich, dachte Jann, der seine Überreaktion bereute.
"Nicht versuchen,", mahnte der Captain. "Tun sie's einfach!"
Jann wollte wieder etwas bissiges erwähnen, biß sich dann aber auf die Zunge und seufzte.
Er zog den Steuerknüppel ein wenig zurück, ebenso den Schubhebel, um den Steigflug auszugleichen und tippte leicht auf das Pedal, um die Maschine mehr gegen den Wind zu drücken. Der Widerstand an der Maschine wurde stärker und Jann merkte, wie die Panik in ihm aufstieg. Als der Hubschrauber langsam zum Stillstand kam, drückte er den Steuerknüppel weiter gegen den Wind. Der Hughes Stallion schaukelte unsicher im Wind, kam aber wieder auf Kurs. "Ihre Höhe, Reuter."
Jann schaute erschrocken auf den Höhenanzeiger und senkte die Maschine. Damit hatte er immer große Schwierigkeiten. Unter Streß fiel es ihm schwer, mit der Maschine feinfühlig umzugehen. Meist überzog er die Steuerung und glich die Trägheit zu spät aus. Die Folge davon war, daß er um die vorgegebene Flughöhe wie eine betrunkene Schwalbe herumhüpfte. Diesmal widerstand er dem Drang, dieses Problem dadurch auszugleichen, indem er den Hubschrauber beschleunigte. Der Captain hatte diesen Trick mittlerweile durchschaut. Er sah es lieber, wenn Jann versuchte, den Hubschrauber so unter Kontrolle zu bringen und dann den normalen Flug wieder aufnahm, auch wenn das in der richtigen Prüfung nicht zugelassen war. Aber in der richtigen Prüfung wäre Jann schon längst durchgefallen.
"Sergeant Reuter! Die Höhe!"
Jann schreckte aus seinen Gedanken hoch. Verdammt! Er hatte sich wieder ablenken lassen! Hastig schob er den Schubregler nach vorne. Die Turbinen heulten auf und stoppten den Sinkflug abrupt. Jann und sein Ausbilder wurden in die Sitze gepreßt. Die Flughöhe stieg rapide. Jann zerrte wieder am Regler und schob ihn dann wieder auf Mittelstellung. Der Hughes Stallion beendete den Steigflug und fiel wieder. Die Innereien der beiden Piloten wurden nach oben gedrückt und ein leichtes Gefühl der Schwerelosigkeit stellte sich ein. Der Hubschrauber sank zu schnell. Jann sah aus dem Augenwinkel, wie der Captain nach der Zweitsteuerung griff, um die Kontrolle zu übernehmen.
Oh Nein! Diesmal nicht, sagte sich Jann. Er zog den Steuerknüppel ein wenig zurück und bremste den Sinkflug ein wenig. Er wartete, bis der Hubschrauber ihn von alleine beendete, wartete auch noch, als der Helikopter unter die vorgegebene Höhe sank. Bevor die Panik in Jann Überhand nahm und er wieder am Regler reißen wollte, stabilisierte sich der Sinkflug und der Hubschrauber blieb ein wenig unter der Höhenmarke hängen. Jann atmete auf und beschleunigte, während er sich langsam wieder auf die richtige Höhe schob.
"Na also, es geht doch.", sagte der Captain. "Wenn Sie das ganze morgen immer noch schaffen, dann sehe ich in der Prüfung keine Probleme mehr. Schalten Sie den Autopiloten an. Wir fliegen zurück und Sie landen manuell."
Jann nickte und schaltete mit zitternden Händen das Spatzenhirn an und aktivierte den Rückflug.
Er war unter seinem Pilotendress völlig verschwitzt.
Wenn er das morgen immer noch schafft. Morgen würde er wieder alles vergessen haben und sein Gefühl wird ihm wieder diktieren, wild an dem Regler zu reißen.
Wie schafft es nur Jacques, soviel Feingefühl aufzubringen?

"Isch lass misch nischt in Panik bringen.", erklärte Jacques. "Das ist eine Frrage von viel Selbstkontrolle ünd Vertrauen in die eigene Fä´igkeiten."
Jann schaute fragend drein. "Soll heißen?"
"Du mußt auch denken, wenn Du fliegst." Chuck nippte an seinem Bier. "Intuition ist nicht alles. Vergiß diese Sprüche von wegen: "Zum Denken keine Zeit, einfach handeln." Das kannst Du Dir nur erlauben, wenn Du da oben bei klarem Verstand bist. Du mußt jede Millisekunde wissen, was Du tust. Das ist ein ganz großer Unterschied zu dem, was man bei einem Rig macht. Wenn Du die Maschine kennst und weißt, wie sie reagiert und was Du zu tun hast - wenn Dir all das in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann erst kannst Du es Dir erlauben, nach Gefühl zu fliegen."
"Dü bist viel zü ´eftig, rückelst wie ein Wilder an den Kontrollen." Jacques unterbrach sich und lehnte dankend ab, als Chuck ihm einen Kaugummi anbot. Als er Jann einen hinschob, dankte der und nahm einen Streifen aus der Packung. In letzter Zeit hatte Chuck es sich angewöhnt, Kaugummis zu kauen, pausenlos. Alle Jetpiloten tun das, wegen dem ständig wechselnden Innendruck im Ohr, beim und nach dem fliegen.
"Ich kann einfach nicht abschätzen, was die Maschine macht. Ich muß mir das bewußt vors Auge halten und wenn ich wieder im Streß bin, vergesse ich auch das."
"Im letzten Flug ging es doch aber."
"Ja,", erwiderte Jann. "Doch das wird nicht so bleiben. Morgen kämpfe ich wieder mit den Kontrollen des Hubschraubers."
"Was Dir fe´lt, ist die Übung.", kommentierte der Franzose und stürzte den letzten Rest von seinem Drink herunter.
"Das weiß ich.", knurrte Jann. "Aber ich habe keine Simulatorstunden mehr über."
"Isch ´abe noch Stunden zur Verfügung. Isch könnte Dir Neun oder Ze´n übergeben."
Jann schüttelte den Kopf. "Das ist nett gemeint. Aber das geht doch nicht. Selbst wenn Du mir Dein Paßwort gibst und wir Dein Kursbuch einschieben, wird immer noch das Gehirnwellenmuster geprüft. Der Simulator wird mich als Pilot nicht anerkennen."
"Das kriegen wir ´in.", sagte Jacques fröhlich und stand auf. "Folge mir, wir müssen noch einige Dinge aus ünserem Quartier ´olen!"
Jann und Chuck leerten ihre Flaschen und verließen die Bar.

Die Simulatoren, die die angehenden Piloten im Hauptteil ihrer Ausbildung benutzen, sind von einem ganz anderen Kaliber als die einfachen Simsinncomputer vom letzten Jahr. Diese Kabinen haben realistischere Programme und sind mit einer vollständigen Hydraulik ausgestattet, um die Fliehkräfte zu simulieren, die man mit der SimSinntechnik nicht erreichen kann. Außerdem besitzen diese Simulatoren auch manuelle Kontrollen.
Des weiteren ist es auch möglich, die Kabinen miteinander zu koppeln, um Teamgefechte und Crewpilotenflüge zu trainieren, ebenso sind eine Unmenge an generierten und historischen Gefechtssituationen gespeichert sowie alle gängigen Waffentypen, um die verschiedenen Flugzeugtypen entsprechend zu modifizieren.
Der Einsatz eines solchen Simulators ist recht kostspielig.
Das ist nicht der hauptsächliche Grund, warum die Stundenanzahl der Piloten für die Simulatoren begrenzt ist.
Der eigentliche Grund liegt daran, daß man bei fähigen Piloten voraussetzt, die nötigen Prüfungen mit einer bestimmten Anzahl von Trainingsstunden zu absolvieren. Wer das nicht schafft, gilt als ungeeignet. Die Prüfungskurse des Captains spielen dabei keine Rolle, und auch der Captain selber hält an diesem Standpunkt fest. Die Simulatorstunden sind trotz allem großzügig bemessen und zusammen mit den Prüfungskursen sollte auch ein weniger guter Pilot die Schule schaffen.

"Ich schaffe es nie!", jammerte Jann auf dem Weg zu der Simulatorhalle. "Ich bin zu blöd dafür."
"No, das ist Ünsinn!", gab Jacques zurück.
"Dann sag mir mal, warum ich mehr Stunden brauche als jeder andere!"
"Das ist bei Dir ein ganz anderes Problem!", erklärte Chuck. "Du bist einfach unsicher. Dir fehlt einfach der richtige Dreh. Und die Möglichkeit, dies rauszufinden."
Jann schwang nachdenklich mit dem Werkzeugkoffer.
"Was ich mich die ganze Zeit frage: Woher wißt ihr das alles eigentlich über mich?"
Chuck und Jacques grinsten sich gegenseitig an.
" ´Ast Dü Dir nosch nie ünsere Statistiken angese´en?"
"Oder unsere Flugvideos?", fügte Chuck hinzu.
"Natürlich!", antwortete Jann. "Ich will doch wissen, wo ihr steht. Außerdem kann ich mir vielleicht was abgucken."
"Voui!", rief Jacques fröhlich. "So neugierig sind wir auch!"
"Ah..."
"Und es ist zu sehen, daß Du Potential hast.", sagte Chuck. "Eine Menge sogar. Du hast die beneidenswerte Fähigkeit, schnell zu lernen und alles intuitiv zu benutzen. Das ist ziemlich gut zu erkennen, sagen auch die anderen. Und es ist eine Schande, mit anzusehen, wie Du Dir selber im Weg stehst, mit Deinen Ängsten und Deiner Faulheit."
Jann schaute verlegen auf seinen Werkzeugkasten. "Ihr wißt doch, daß das, was wir vorhaben, nicht erlaubt ist. Wenn das herauskommt. dann kriegen wir mächtig Ärger."
"Das wird alles schon funktionieren.", beruhigte Jacques. "Isch ´abe mir alles genau ausgedacht."
"Wenn Du das sagst.", antwortete Jann unsicher.

Er verschweißte die Glasfaserkabel und prüfte ein letztes mal den Ausgang. Das Signallicht funkelte hell am Ende. Zur Sicherheit legte Jann ein weiteres, andersfarbiges Signallicht darüber. Als er den Transistor davor aktivierte, schaltete dieser auf das andere Licht und wieder zurück, so schnell, daß die beiden Lichtpunkte, grün und Rot, wie ein orangegelbes Funkeln aussahen.
"Ich hab´ das Zwischenstück so konstruiert, wie Du es wolltest.", sagte Jann zu Jacques, der interessiert über seine Schulter schaute. "Beide Signale kommen gleichermaßen an, aber Deines wird überlagert, sobald der Transistor aktiviert ist. Wenn Chuck es geschafft hat, die entsprechenden Steuercodes zu isolieren, dann müßte es so funktionieren, daß Deine Gehirnwellenmuster aufgezeichnet werden, ich aber die Kontrolle übernehmen kann."
"Voui! Dü fliegst, und isch sehe zu.", gab Jacques hinzu.
"Ja,", sagte Jann. "Du mußt leider dabei sein, die ganze Zeit, während ich fliege."
"Das ist nicht so schlimm.", winkte Jacques ab. "So kann isch Dir wenigstens ´elfen!"
Jann packte den Koffer zusammen. "Ich finde es echt super, was ihr für mich tut. Das ist ein ziemliches Risiko für euch und ich weiß nicht wie ich das danken soll!"
"Ah no!", sagte Jacques und lächelte warmherzig. "Das ist alles nür egoistisch. Isch will nür, daß Dü mir später den Arsch frei´älst!"
Jann grinste verlegen.
"Ich habe die Codes isoliert!", rief Chuck vom Simulator und zog das Kabel aus seiner Datenbuchse.
"Ich hätte nie gedacht, daß ich so etwas mal tun würde! Und ich hätte auch nie gedacht, daß ich so was mit einem einfachen Radioshack mache. Ich habe einen Orden verdient!"
"Isch werde Dir einen geben, wenn wir fertig sind.", sagte Jacques und grinste, während er zum Simulator ging und sich einstöpselte. Als er den Hughes Stallion geladen hatte, rief er Jann zu sich. "Komm, mon Ami. Klink disch mit mir ein!"

"Reinkommen.", sagte der Captain als es an der Tür klopfte.
Einer der Assistenten schlenderte in den Raum. "Wir haben den Grund für die Datenanomalie gefunden.", erklärte dieser ohne Umschweife und wedelte mit einigen Hardcopys. "Der Grund, warum der Computer Schwierigkeiten hatte, die Simulatordaten auszuwerten, lag daran, daß ein anderes Signal das ursprüngliche Signal überlagerte. Außerdem hat jemand das Hauptprogramm manipuliert. Die Zugriffcodes wurden in verschiedenen Bereichen isoliert. Der CPU mußte deswegen die Daten einzeln zuweisen und auswerten. Das eine Signal wurde als Gehirnwellenmuster erkannt und gespeichert, das andere flog die Maschine am Simulator."
Der Captain drehte sich mit dem Stuhl zum Assistenten und schaute diesen erstaunt an.
"Wie ist das denn möglich."
Der technische Assistent zuckte mit den Schultern. "Sie müssen eine Art Adapter gebastelt haben, so daß sich einer mit dem gleichen Kabel sich einstöpseln konnte. So bekam einer von den beiden Zugriff auf seine Simulatorstunden, konnte aber jemand anderen fliegen lassen."
"Das ist sehr kreativ.", staunte der Captain.
"Ich finde es genial.", bewunderte der Assistent. "So etwas hat hier in dieser Weise noch nie jemand versucht!" "Wie haben sie das eigentlich herausgefunden?", fragte der Captain.
"War nicht so einfach. zuerst hielten wir die Datenstörung für eine Anomalie, verursacht durch einige defekte Programmdaten oder ein gebrochenes Glasfaserkabel. Dann haben wir aber die Lücken in den Aufzeichnungsdaten untersucht. Und die waren tatsächlich leer."
"Was ist daran so besonderes.", hakte der Captain geduldig nach. Er mochte es nicht, wenn man ihn mit Details bombardierte, von denen er keine Ahnung hatte. Die technischen Assistenten in der Simulatorkontroll- und Steuerabteilung neigten dazu. Aber er konnte den Enthusiasmus des Mannes vor ihm verstehen. So oft kam das nicht vor, auch wenn es eigentlich einen Verstoß darstellt, ist es eine willkommene Abwechslung zu der sonst so öden Arbeit der Datenauswertung.
"Was daran so besonders ist?", fragte der Assistent ungläubig nach. Ein Blick vom Captain beruhigte ihn wieder und lies ihn auf seine Ausdrucke schauen. "Wenn Daten nicht richtig übermittelt werden und so Lücken entstehen, dann sind das keine richtigen Lücken. Irgend etwas ist da immer, meist nur total zerstückelt oder so ungenau aufgezeichnet, daß der Computer es als Fehler auswertet und einfach überliest. Aber irgend etwas muß da sein, da der Lichtimpuls vom Datenlaser über jede Spur fährt. Wenn da also nichts ist, war da auch kein Licht. Deswegen kamen wir auf die Idee mit dem überlagertem Signal. Außerdem haben wir die gleichen Lückenmuster bei dem Gehirnwellenspeicher gefunden. Abgesehen davon, daß sie, gespiegelt betrachtet, mit dem Muster der Datenlücken übereinstimmen, sind auch diese völlig leer. Praktisch müßte das heißen, daß die Person, die am Simulator saß, zwischenzeitlich hirntot war. Und so etwas gibt es einfach nicht. Also mußte ein zweites Signal vorhanden sein. Da der Simulator nicht so ohne weiteres fähig ist, Signale zu trennen und wegen der nicht sonderlich professionellen Teilung der Programmcodes wurde das zweite Signal manchmal über das eigentliche gespielt. Da die Frequenzen aber verschieden sind, konnte die aktuelle Spureichung das Signal nicht lesen und hinterließ dort eine reale Lücke."
Der Captain nickte. "Konnten sie das andere Signal identifizieren?"
Der Assistent nickte. "Als wir auf ihren Befehl hin die Aufzeichnungen verglichen, fanden wir ziemlich schnell die Übereinstimmung. Die Gehirnwellenmuster gehören einwandfrei Sergeant Jann Reuter."
Der Captain nickte wieder. Das hatte er vermutet.
"Wie sollen wir weiterhin verfahren?", fragte der Assistent den Captain.
Der überlegte kurz. "Wie viele Stunden am Simulator für die Helikopter hat Sergeant Jacques Armandé Bergérac noch zur Verfügung?"
"Der Assistent blätterte in seinen Ausdrucken. "Seit gestern nur noch sieben." antwortete er.
Der Captain nickte wieder. "Wenn das wieder passiert, dann schauen sie einfach weg."
Der Assistent schaute hoch und blinzelte. "Was?"
"Sie haben mich schon verstanden!", wiederholte der Captain. "Schauen sie sich ein Trid an oder eines ihrer aufreizenden SimSinns." Der Assistent schluckte und schaute zu Boden. "Ignorieren sie diese Sache einfach und vergessen sie das alles, auch dieses Gespräch. Und wenn die alten Daten routinemäßig gelöscht werden, dann lassen sie alles verschwinden."
"Wie sie es befehlen.", antwortete der Assistent mit trockenen Mund.
Der Captain nickte zur Tür. "Das war alles.", sagte er. Der Assistent salutierte und verschwand.
Der Captain mußte lächeln. Normalerweise würde er die Verantwortlichen wenigstens für die Prüfung sperren. Aber warum sollte er das tun?
Jann war ein kleines Wunder, was Technik anging, und der Captain war sich absolut sicher, daß der Computerspezialist, der das Hauptprogramm manipuliert hatte, McBride war. Der würde so etwas fertigbringen. Solche Talente warf man nicht einfach weg. Außerdem hätte Jann auf normalem Wege nicht die Chance gehabt, seine Probleme rechtzeitig auszubügeln. Und wahrscheinlich wäre er dann doch durch die Prüfung gefallen. Der Captain hätte das beim besten Willen nicht ändern können. Es sei denn, er hätte die Daten in gleicher Weise manipuliert wie die Drei Piloten. Aber es ist viel ungefährlicher, einfach etwas zu übersehen, als den Mist selber zu verzapfen.
Außerdem bilden die Drei, und eigentlich auch alle anderen ein perfektes Team, daß sich loyal um den anderen kümmert und sich für ihn einsetzt. Was mehr kann sich ein Ausbilder als Kompliment wünschen, ganz zu schweigen ein Pilot von einem Flügelmann?


"Hey, da ist ja der Bruchpilot!", rief jemand, als Jann die Bar betrat. Die gesamte Truppe, die dort versammelt war, fing an zu jubeln und einige Korken knallten, gefolgt von dem plätschernden Geräusch des auf den Boden fließenden Champagners. Jann blieb verwirrt stehen und mußte dann verlegen grinsen.
Jacques kam auf ihn zu, umarmte ihn brüderlich und sagte etwas auf Französisch.
"Was?", fragte Jann und runzelte die Stirn.
"Das ´eißt: ´Erzlischen Glückwunsch, Meister der Lüfte!"
Jann schaute verlegen in die fröhlichen Gesichter um ihn herum. "Ihr wißt es schon?"
"Der Captain hatte uns gestattet, die Videoverbindung auf das Trid hier in die Bar zu legen und Deinen Prüfungsflug mit anzusehen.", sagte Chuck und drückte Jann die Champagnerflasche in die Hand. "Der Captain hat Dich ja ganz schön rannehmen lassen!"
Janns Gesicht wurde ernst und er schaute auf den Boden. "Das war wirklich hart, ich dachte echt, ich schaffe es nicht." Er sah sich wieder in der Runde um. "Man könnte meinen, sie wußten von dem Simulator."
Es wurde plötzlich still in der Bar.
"Unsinn.", winkte Chuck ab. "Wenn sie es gewußt hätten, dann wären wir alle nicht einmal zur Prüfung zugelassen worden."
"Außerdem, wer sollte etwas sagen?", fragte Abor in die Runde. "Wir haben alle mitgezittert und sind froh, daß Du die letzte Prüfung mit uns zusammen machen darfst."
Die Truppe stimmte mit ein. "Hast Du Dein neues Rangabzeichen schon bekommen?", fragte jemand.
Jann grinste und griff in seine Hosentasche. Er holte die Schulterabzeichen des First Sergeant hervor und klettete sie sich an die Uniform. Alle in der Bar, die ihr Abzeichen nicht schon trugen, holten ebenfalls ihr Abzeichen hervor und taten es ihm gleich.
Als die Abschlußfeier im vollen Gange war, dachte Jann später, was für ein Glück er doch hatte, in solch einer Truppe gelandet zu sein. Was konnte man sich mehr wünschen?


Ab Morgen beginnt für euch das letzte Jahr in diesem Flight Camp. Ihr werdet lernen, einen Schwebepanzer zu bewegen, im Einmannbetrieb wie auch in Teams. Es ist mit Abstand der schwierigste Teil eurer Ausbildung, auch mit einer Steuereinrichtung."
Der Captain machte eine theatralische Pause und schritt vor der Truppe auf und ab, lächelte dabei ein wenig.
Der Erfolg zeigte sich; die jungen Piloten wurden sichtbar nervös.
"Ein solcher Panzer ist die Spitze der heutigen Technologie: Er ist so schnell wie ein Düsenjet, so manövrierfähig wie ein Helikopter und so schwer gepanzert und bewaffnet wie Kanonenboot.
Es erfordert höchste Konzentration und alle Aufmerksamkeit, ein solches Vehikel in ein Kampfgebiet zu fliegen. Die Fähigkeit der Piloten, solch einen Panzer zu steuern, kann die Situation, den Kampf, ja sogar die Schlacht entscheiden. Allerdings, wenn die Piloten versagen, kosten sie dem Konzern eine ganze Menge Geld und den Kameraden das Leben.
Aus diesem Grund werdet ihr neben dem Simulatortraining auch in nachgestellten Kampfsituationen trainiert.
Die Ausbildung wird knochenhart, und ihr werdet keine Freizeit mehr haben.
Geschult werdet ihr am Ruhrmetal Behemoth. Die Handbücher dazu könnt ihr im Lagerbüro gegen eine Empfangsquittierung abholen. Die Ausbildung beginnt in zwei Tagen. Wer sich mit den Kontrollen eines Schwebepanzers vertraut machen will, kann dies schon vorher tun; Die Simulatorstunden sind für jeden Piloten freigeschaltet worden.
Wegtreten!"

"Schlag es auf.", forderte Chuck.
Jann sah auf das Handbuch. Es hatte einen schlichten blauen Einband auf dem der Name und die Bezeichnung des Schwebepanzers stand, dahinter die Industrie-Produktnummer.
Am unteren Rande des Handbuchs stand der Name des Konzerns, der die Vektorschubpanzer herstellte und verkaufte.
Zaghaft griff Jann nach dem Buch und schlug es auf. Die ersten Seiten waren Konzerninformationen und Produktdaten, fast wie Werbung. Danach folgten Systemdaten über den Panzer, seiner Bewaffnung und den Sensoren sowie Avionik und Leistung der Turbinen und der elektrischen Systeme.
Der letzte Teil behandelte das Computersystem und die Fahrzeugsteuereinrichtung.
Das Buch war angefüllt von Zahlen und Diagrammen, leistungsvergleichenden Tabellen und Rißzeichnungen.
"Wer soll da durchsteigen?", murmelte Jann mißmutig.
Chuck hatte sein Buch mittlerweile auch aufgeschlagen, in der vagen Hoffnung, seines wäre ein wenig verständlicher als das von Jann. Aber er konnte mit den vielen Zahlen und nüchternen Erläuterungen ebensowenig anfangen.
Jacques hob das dicke Buch an und betrachtete es von allen Seiten, wie einen Gegenstand, von den man nicht genau weiß, wofür er eigentlich da ist. "Was für ein dicker Schinken!", staunte er. "Warum bekommen wir keine Lesechips?"
Jann sah auf und zuckte mit den Schultern. "Hast Du eine Chipbuchse?"
"No!", antwortete Jacques und tippte sich an die Stirn. "Natürlisch nischt!"
"Hast Du ein Datasichtgerät oder ein Palmtop?"
"Nür das, was ´ier im Zimmer installiert ist."
"Siehst Du, ich habe auch weder das eine noch das andere. Der einzige, der etwas in der Art hat, ist Chuck mit seinem Radioshack. Soweit ich weiß, hat keiner aus unserer Truppe eine Chipbuchse oder gar eine Talentleitung.
Und ich kenne nur zwei, außer Chuck, die noch ein Lesegerät hier haben. Ich denke mal, die Ausbilder sind der Meinung, es wäre praktisch, wenn wir etwas haben, was wir uns unter das Kopfkissen legen können und was wir immer dabei haben können."
Jacques sah sich sein Buch kritisch an. "Isch denke nisch, daß Rü´metal daran gedacht ´at, als sie dieses Büch gedruckt ´aben."
"Na ja, aber trotzdem ist ein Datengerät nicht so praktisch für den Transport oder für das schnelle Nachschlagen, wenn man keine entsprechende Datenbuchse hat,", überlegte Jann weiter, "und davon muß man eben ausgehen. Das Militär, egal von welchem Konzern, geht immer von den ungünstigsten Umständen aus. Du kennst doch den Slogan: Auf das Beste hoffen und das Schlimmste erwarten. So ein Handbuch ist praktischer. Und für den Mann von morgen gibt es das Buch sicher auch als Lesechip."
"Danach werde ich wohl mal fragen.", murmelte Chuck, der immer noch mit verklärtem Blick in dem Buch blätterte."
"Was ist, wenn Dü das Büch im Panzer brauchst und es Dir wo´in gefallen ist, wo Dü es nicht finden kannst?"
Chuck und Jann seufzten im Chor. "Ich denke, die gesamten Unterlagen sind auch im Bordcomputer gespeichert.", sagte Chuck. "Ist das denn so wichtig?"
Jacques hob verlegen die Schultern an. "War nür eine Frage. Isch ´abe selten in echte Büchern gelesen."
"Nun, ich auch nicht.", gab Jann zu.
"Mein Vater sammelt Bücher.", erzählte Chuck. "Er hat sogar ein Original von "Krieg und Frieden", Erstauflage."
"Wer ´ätte das gedacht!", stichelte Jacques und erntete einen finsteren Blick von Chuck.
Jann seufzte und schlug das Handbuch wieder zu. "Das hat so keinen Sinn!", sagte er und stand auf. "Ich gehe runter zum Simulator. Ich kann am besten vor Ort lernen."
"Ah, die intuitive Met´ode."
Jann drehte sich zu dem Franzosen um. "Ja. Und?, hast Du was dagegen?"
"No.", Jacques hob abwehrend die Hände hoch. "Abe isch Würde gerne mitkommen, um mir azuse´en, wie Du so ein Panzer dursch die Lüft wirbelst!"
Jann wollte etwas bissiges erwidern, drehte sich dann aber zu Chuck um. "Kommst Du auch mit? Vielleicht können wir im Team was erreichen!"
Chuck sah auf und überlegte. "Warum nicht?", sagte er dann. "Das klingt zumindest verlockend. Ich stiege durch das Handbuch sowieso nicht durch."

"Teammodus nicht verfügbar. Passcode ungültig. Bitte Gruppenspezifiaktion überprüfen oder beim derzeitigen Vorgesetzten melden."
Mist, dachte Jann. Was ist denn jetzt schon wieder kaputt?
Er überprüfte seinen Zugangscode, aber der Simulator zeigte keine Probleme an.
Er aktivierte das Intercom, aber bekam keinen Kontakt zu den anderen Kanzeln. Also öffnete er seine Kabine und stieg aus. Er wollte gerade zu einer der anderen Kabinen herüber gehen, als Chuck auch aus seiner Kabine kam und Jann fragend anschaute. "Ich bekomme keinen Zugriff auf den Teammodus.", sagte er. "Ist es bei Dir genauso?" Jann nickte. Hinter ihm öffnete sich die Kabine von Jacques. "Was ist los mit eusch? Isch kann nischt in den Teammodus ge´en!"
Jann seufzte, stemmte seine Hände in die Hüften und schaute ratlos zwischen seinen beiden Freunden hin und her.
Ein Technischer Assistent schlenderte gerade durch die Halle, versunken in irgendeinem Detail auf seinem elektronischem Klemmbrett. Jann lief zu ihm hin und weckte ihn aus seinen Gedanken.
"Wir haben hier ein Problem mit den Simulatoren.", erklärte er ihm " Der Teammodus läßt sich nicht aktivieren. Unsere Passcodes scheinen ungültig zu sein. Allerdings funktionieren sie auf jeder anderen Ebene."
"Ist ja auch kein Wunder", sagte der Assistent, als sei es völlig selbstverständlich. "Der Teammodus für die Vektorschubsimulator wurde ja auch noch nicht freigegeben."
Janns Augenbrauen wanderten unter seinen Haaransatz. "Wieso denn das nicht?"
Der Assistent zuckte die Schultern. "Ihr sollt erst einmal lernen, die Maschinen zu beherrschen, bevor ihr zusammen mit Mach eins über die Ebenen donnert. Soweit man es mir erklärt hat, ist das Zusammenspiel mehrere Piloten in einem Banshee eine Sache für sich. Wahrscheinlich will man nicht, daß ihr euch mit Spielereien Dinge angewöhnt, die man euch dann nur schwer abgewöhnen kann."
Jann sah den Assistenten Hilflos an. "Das ist doch nicht ihr Ernst!"
Der Assistent streckte in einer ebenso hilflosen Geste seine Arme aus. "Ich habe die Regeln doch nicht aufgestellt. Gehen sie zu dem Captain, wenn sie das stört."
Jann seufzte und schlenderte zurück zu seinen Freunden, um ihnen alles zu erklären.
"Ich kann nicht glauben, daß das der eigentliche Grund ist.", sagte Chuck, als Jann fertig war. "Vielleicht sollten wir tatsächlich den Captain fragen."

"Das ist Quatsch.", erklärte der Captain. "Bis das Training anfängt, könnt ihr nichts lernen, was man euch nicht wieder ausprügeln könnte. Nein, der Grund ist ein ganz anderer."
"Welcher, Sir?", fragte Jan.
"Es ist in der Tat nicht so einfach, sich als Team in einem Schwebepanzer zu koordinieren. Das erfordert eine Menge Übung und viele Stunden am Simulator.", fuhr der Captain fort. "Ein Team muß aufeinander eingespielt sein. Für das Training werden die Teams vorher zusammengestellt. Nach Möglichkeit werden sie auch nach Beendigung der Schule nicht getrennt. Deswegen gibt es auch einen Teampool für Simulatorstunden, den das Team nur gemeinsam nutzen darf, und wie alle anderen Stunden sind auch diese begrenzt. Wieso wolltet ihr denn unbedingt im Team die Simulatoren benutzen?"
"Das war eigentlich nur so eine Idee.", erklärte Jann. "Wir sahen uns gerade die Handbücher an und fanden das ziemlich harten Stoff. Als ich losgehen wollte, um die Dinge vor Ort zu lernen, kamen Jacques und Chuck mit, in der Hoffnung, zusammen ginge es leichter."
"Hm", machte der Captain und ging wieder hinter seinen Schreibtisch. "Ich finde euren Enthusiasmus zwar lobenswert, aber in Zwei Tagen bekommt ihr sowieso euren Teampool. Eile ist also nicht angebracht."
"Aus wieviel Piloten besteht eigentlich das Team eines Panzers?"
"Im Normalfall aus sechs Personen. So ist es auch in der Ausbildung."
"Wenn wir,", schlug Jann vor. "außer uns noch drei weiter Personen finden, die sich bereit erklären, mit uns zusammen eine Mannschaft zu bilden, wären sie dann bereit, unseren Teampool schon jetzt freizuschalten?"
Der Captain sah Jann an und überlegte. "Was für einen Sinn hätte das? Ihr solltet erst einmal lernen, so eine Maschine zu steuern. Jeder der sechs Crewmitglieder sollte dazu in der Lage sein."
"Wir könnten rotieren.", fiel Chuck ein. "Wir könnten, bevor wir mit dem Teamtraining anfangen, vorher die normalen Simulatorstunden absolvieren, jeder an der MF-Kontrolle. Und danach, wenn wir uns wieder als Team zusammenlegen, nimmt jeder seinen vorher festgelegten Platz ein."
Die Drei jungen Piloten schauten hoffnungsvoll auf ihren Captain.
Der war erstaunt und auch ein wenig beunruhigt. Zum einen freute ihn der Eifer seiner Schüler, ebenso wie die Bereitschaft zur Teamarbeit. Andererseits klang das alles so, als sahen die Piloten darin nur eine Art Spiel. Aber vielleicht lernen sie so, was für ein tödliches Spiel das im Ernstfall sein kann, wenn sie sich freiwillig dazu bereit erklären, ins kalte Wasser zu springen.
"Also gut.", sagte er schließlich. "Aber unter folgenden Bedingungen: Ihr müßt euer Team in einer halben Stunde zusammen haben, damit ich die Posten zuweisen lassen kann. Ich werde euch keinesfalls selber entscheiden lassen, wer welche Aufgabe übernimmt. Die Stunden, die ihr vor dem eigentlichen Traningsbeginn freigeschaltet bekommt, fließen mit in die Wertung ein, ebenso wie die Einzelflugstunden davor, die übrigens Pflicht sind."
Jann schaute seine Kameraden an. Beide nickten ihm zu.
"In spätestens einer halben Stunde haben sie die Namen des ersten Teams, Sir!", sagte Jann freudig.
"In Ordnung.", antwortete der Captain. "Wenn das alles war, dürft ihr dann wegtreten."
Schnell verließen die drei das Büro des Captain, als befürchteten sie, er könne es sich in letzter Minute noch einmal anders überlegen.
Auf dem Weg zu den Quartieren, kühlte die Euphorie schnell ab.
"Es wird wohl nicht so einfach, drei weitere dazu zu bewegen, mit uns eine Mannschaft zu bilden.", mutmaßte Jann.
"Wieso das?", fragte Chuck.
"Wenn sie von den Bedingungen hören... wer will das schon machen? Außerdem gibt es nur zwei weiter Dreierzimmer. Wenn die nicht wollen, könne wir es fast schon vergessen. Die meisten werden versuchen, als Team zusammen zu bleiben. Viele werden wohl das Pech haben, vom Captain einfach eingeteilt zu werden.
Aber solange sie selber wählen könne, werden sie sich nicht freiwillig trennen."
"Dann fragen wir doch erst mal in die Dreierzimmer nach. Wir können i´nen doch sagen, daß sie so eine Chance ´aben, zusammen zü bleiben."
Jann wiegte den Kopf. "Das ist zumindest ein gutes Argument. Fangen wir bei Abor an. Der ist ja auch in einem Dreierzimmer."

Der Captain schaute sich die Unterlagen noch einmal an, bevor er sie an die Piloten verteilte.
"Ihr werdet am Ruhrmetal Behemoth ausgebildet.", erklärte er. "Und ihr seid euch über die Bedingungen im klaren!"
Alle nickten.
"Gut.", fuhr er fort "Dann werde ich euch mal eure Postenzuweisung geben: Sergeant Bergérac, sie sind der Pilot. Sergeant Omaboe, sie sind der Copilot und verantwortlich für die primären Flugsensoren."
Jacques und Abor nahmen ihre Kursbücher entgegen und betrachteten kritisch die kleinen Lesechips.
Der Captain wandte sich zu Jann und zu Jason, einer der beiden Kameraden aus Abors Zimmer. "Reuter, ihnen gehören die Sensoren der Feuerleitsysteme. Formast, sie sind der Bordschütze Eins.
McBride, sie sind zuständig für Computer und Kommunikation.
Treverton, sie dürfen die Drohnen fliegen und werten die Telemetrie aus.
Noch fragen?"
Der Captain schaute in die Runde und genoß die unsicheren Mienen der jungen Piloten.
"Ich weiß noch gar nicht, was ich fragen soll.", sagte Jann mehr zu sich selbst.
"Sie haben es so bestellt, meine Herren. Jetzt müssen sie auch aufessen. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.
Wegtreten."
Die frischgebackene Mannschaft verließ das Büro und stand unschlüssig auf dem Flur herum.
"Und wie geht es jetzt weiter?", fragte Jason.
"Das ist doch klar.", begann Jann. "Das beste ist, wir fangen sofort an, indem wir zurück auf unsere Quartiere gehen und in unseren schlauen Büchern lesen, was eigentlich jeder einzelne von uns überhaupt zu tun hat.
Dann treffen wir uns in der Simulatorhalle. Ich hoffe, ihr habt alle heute Abend nichts vor.
Wir werden dann zuerst jeder als Pilot die Maschinen im Einmannmodus fliegen, anschließend hängt jeder noch eine Einzelstunde an, wo er sein spezifisches Gebiet erprobt, dann sind wir nicht ganz unvorbereitet, wenn wir uns als Team versuchen."
"Drei Stunden sind schon ein ganz schöner Hammer.", sagte Eric. "Danach sind wir sicher fix und alle."
"Wir ´aben auch noch keinen Teamfü´rer. Der Capitan ´at vergessen, einen zu wä´len."
"Ich denke nicht, daß er das vergessen hat.", entgegnete Chuck. "Es war sicher in seinem Sinn, daß wir selber unseren Teamchef wählen."
"Nehmen wir doch Jann.", schlug Jason vor. "Er scheint gute Ideen zu haben und zu wissen, was zu tun ist."
"Ja,", fiel Eric ein. "Jann fände ich auch in Ordnung."
Jann wehrte ab. "Ich bin dafür nicht geeignet. Glaubt mir. Ich habe die Dumme Angewohnheit, andere Menschen für meine Sache zu begeistern und ziehe sie oft mit in den Mist hinein."
"Das glaube isch Dir gern, mon Ami.", unterbrach Jacques und hielt demonstrativ seinen Chip hoch.
"Außerdem bin ich kein Führertyp.", fügte Jann noch hinzu.
"Das bist Du wirklich nicht.", stimmte Abor zu. "Das ist keineswegs persönlich gemeint, aber ich würde eher Chuck bestimmen."
Jann nickte. "Das wollte ich auch vorschlagen. Er kennt sich mit Hierarchien aus und ist es gewohnt, ins lochen zu agieren, schon von Haus aus."
Chuck schaute in die Runde. "Das ist ein Vorteil, auf den ich nicht allzu stolz bin. Nur weil ich aus einer Militärfamilie stamme...."
"Genau das ist aber der Vorteil, der Disch prädestiniert!", unterbrach Jacques. "Auch wenn es Dir nischt gefällt, letztenlisch doch wegen Deiner berü´mten Vorfa´ren befördert zu werden."
Alle fingen an zu lachen, auch Chuck mußte grinsen, obwohl ihm das immer noch ein wenig mißfiel.
Jeder hier wußte, wer er war. Das blieb nicht lange ein Geheimnis. Aber zum Glück war Chuck zu weit weg von seiner Heimat, um damit in unvorteilhafter Weise durch die anderen konfrontiert zu werden.
"Ich kann es ja mal versuchen.", gab er schließlich nach. "Und: wir treffen uns Punkt 17:00 in der Simulatorhalle.
Das sich keiner verspätet!"
Übertrieben zackig salutierten die anderen fünf Piloten und riefen so laut im Chor: "Jawohl, Sir!", daß der Captain verwundert die Tür öffnete und schaute, wer ihn störte. Während sich die lachende Meute verzog, blieb Chuck zurück, der hilflos die Situation seinem Ausbilder erklären mußte.

Die geistige Verbindung mit einem Schwebepanzer ist ein ganz andere Sache als mit jedem anderem Gefährt. Viele Flug- und Fahrzeuge sind, was zumindest die Steuerung angeht, auf Einmannbetrieb ausgestellt. Der Pilot kann die Maschine steuern und auch die Auswertung der Sensoren sowie die Waffenbedienung übernehmen. In der heutigen Zeit, wo der Mensch mit der Maschine verschmolz, war dies noch einfacher geworden. Man ´fühlte´, was man tat, es war so, als hätte man einen neuen Körper, der jetzt ein Hubschrauber oder ein Flugzeug war. Der Mensch ist so in der Lage, sehr viel schneller zu reagieren und sein Vehikel mit einer Eleganz und Geschicklichkeit zu steuern, die man solch plumpen und starren Maschinen nie zugetraut hätte.
In vielen militärischen Versionen ist das Cockpit für zwei Piloten ausgerichtet. Zwei Piloten, die in einer Kampfsituation gleichzeitig eingestöpselt sind, können sich die Aufgaben teilen und sind noch viel flexibler als ein einzelner Pilot.
Ein Schwebepanzer ist wie ein kleines Schlachtschiff. Eine Person alleine kann nicht alle Funktionen alleine übernehmen, auch wenn er mit der Maschine verbunden ist. Es ist ihm zwar möglich, den Panzer zu bewegen und auch die Waffensysteme zu beherrschen, aber die vielen Daten und die vielen Steuerbefehle, die ein Pilot ausführen muß, erfordern seine ganze Konzentration.
Ein Vektorschubpanzer ist eine riesige Maschine. Er ist stark gepanzert und schwer bewaffnet, und die Sensoren erlauben es ihm, seine Waffen auf ein Ziel zu richten und abzufeuern, wenn er selbst noch lange nicht im Kampfgebiet eingetroffen ist.
Wenn man eine so mächtige Maschine sinnvoll in ein Krisengebiet steuern will, braucht man eine gut eingespielte Mannschaft, die, zusammen eingestöpselt, sich die Aufgaben im Panzer teilt.
Jann machte gerade diese Erfahrung, weil er versuchte, einen solchen Panzer im Alleingang zu steuern. Bewußt hat er ein Szenario gewählt, das nur wenig Hügel und Unebenheiten, sowie absolut keine simulierte Bedrohung bot. Dennoch fiel es ihm schwer, dieses Riesending zu steuern.
Er hatte schon früher am Simulator in den Vorbereitungsstunden einen Schwebepanzer gesteuert, aber das waren noch die rudimentären Apparate, die "Spielautomaten", wie die Piloten sie scherzhaft nannten. Sie dienten nur dazu, ein ungefähres Gefühl für die verschiedenen Fluggeräte zu vermitteln und sich halbwegs mit den Kontrollen vertraut zu machen.
Das hier war anders.
Es war schwerfällig, so als wäre man betäubt oder erschöpft, unfähig, seine Gliedmaßen kontrolliert zu bewegen. Träge wie ein Faultier und zäh wie kalter Sirup. Jann war am Anfang sogar versucht, die Systeme des Simulators prüfen zu lassen, ob nicht ein Systemfehler vorliegt, der die Geschwindigkeit beeinträchtigte. Aber als ihn das System die ersten virtuellen Sensorendaten übermittelte, wußte er, daß es daran nicht lag.
Der Bordcomputer enthielt eine menge Programme und Subsysteme, die den Piloten im Flug unterstützten, man konnte eine Menge Funktionen aktivieren, die dem Piloten das Leben erleichterten, das galt aber nur für den einfachen Flug oder für noch einfachere Manöver.
Wenn man in die verschiedenen Flugmodi eingreifen wollte oder die Systemangaben verändern mußte, um schwierigere Manöver zu fliegen, mußte man diese entweder direkt im jeweiligen Modus tun oder diesen deaktivieren und die Veränderungen manuell vornehmen.
Gleichzeitig mußte er alle eingehenden Sensordaten auswerten, die ihm neben dem Systemstatus des Panzers auch wichtige Fluginformationen übermittelten. Der Panzer war speziell drauf ausgerichtet, von einer Mannschaft im Zusammenspiel gesteuert zu werden. Der Bordcomputer hatte jedoch auch einen Notfallmodus, der es einer einzelnen Person erlaubten, die Maschine zu steuern und auch Befehle an andere Systeme zu übermitteln, die diese dann automatisch ausführten.
Es war fast so, als kommuniziere man telepathisch mit einem riesigen Lebewesen, daß zögerlich, aber dennoch gefolgsam die mentalen Befehle ausführte.
Jann fand es ähnlich schwierig wie das fliegen eines Hubschraubers ohne Rig. Nur hier war es ein wenig so, als kämpfe man mit sich selbst im Geiste. Es fiel ihm schwer, zu unterscheiden, ob es die Maschine war oder seine eigene Art, die ihm Probleme machte und da sich das alles abspielte, obwohl er eingestöpselt war, verunsicherte es ihn.
Am ende der Stunde jedoch fiel es ihm wesentlich leichter, die Maschine im Einmannmodus zu steuern.
Durch seine intuitive Art und die Erfahrungen, die er dank seiner Freunde am Simulator für Helikopter gesammelt hatte, lernte er recht schnell, die einzelnen Schubdüsen und Kontrollen auch manuell aufeinander abzustimmen und den Systemen rechtzeitig die entsprechenden Befehle und veränderten Parameter mitzuteilen.
Als die Stunde vorbei war, öffnete er die Kabine und stieg aus. Er war verschwitzt und die Luft im Simulator roch verbraucht.
Nach und nach kamen auch die anderen aus ihren Kabinen. Auch sie sahen sichtlich erschöpft aus.
"Das war an den Spielautomaten aber irgendwie einfacher.", sagte Eric kraftlos.
"Meint ihr, zwei weitere Stunden sind vielleicht doch ein bißchen viel für den Anfang?", fragte Abor die Runde.
"Um so früher wir anfangen, um so schneller lernen wir, das Ding zu bewegen.", entgegnete Chuck.
"Glaub mir: Das wird uns bald eine Menge Spaß machen. Außerdem haben wir dann einen Vorteil gegenüber den anderen."
"Haben wir nicht.", korrigierte ihn Jann. "Die heutigen Stunden fließen in die Bewertung mit ein.
Wenn wir uns unerfahrener Weise dümmer anstellen, weil uns der theoretische Unterricht fehlt, dann senkt das unseren Durchschnitt."
"Unsere einzige Chance ist es, härter ranzugehen.", überlegte Jason. "So können wir wenigstens in der Teambewertung glänzen. Wer weiß, vielleicht gehen wir ja als gutes Beispiel voran!"
Eric seufzte. "Also gut. Auf zur nächsten Runde!"
"Eine Frage noch!", sagte Chuck, bevor alle wieder in ihren Kabinen verschwanden. Die Kameraden hielten inne und schauten ihn auffordernd an.
"Hattet ihr auch anfangs Probleme, den Notfallmodus für den Einmannbetrieb zu finden?"
"Ich habe gut eine Viertelstunde gebraucht!", gab Jann zu.
"Als isch es gefunden ´atte, wusste isch züerst gar nischt, wie isch es zü bedienen átte!", fügte sich Jacques ein.
"Mir ging es ähnlich.", erzählte Abor. "Zuerst kam ich gar Nicht auf die Idee, das es so etwas gibt.
Als mir dann einfiel, daß der Captain von einem Einmannbetrieb sprach, kam ich auf die Idee, daß es dafür einen speziellen Systemmodus geben müßte. Als ich ihn dann endlich fand, wußte ich zuerst gar nicht, wie ich ihn programmieren sollte. Das System ist denkbar benutzerunfreundlich."
"Das wundert mich eigentlich.", fragte sich Eric. "Das sind militärische Systeme. Wenn man noch mit den Kontrollen kämpfen muß und sich kaum um das Geschehen auf dem Schlachtfeld kümmern kann, was für einen Sinn hat das?"
"Das ist alles nur eine Frage des Trainings.", versuchte Jann zu beruhigen. "Mit voller Mannschaft ist so ein Panzer sicher eine verheerende Waffe, vorausgesetzt, die Mannschaft ist eingespielt. Der Einmannbetrieb, habe ich herausgefunden, ist nur für den Notfall gedacht. Wenn alles nicht mehr geht, setzt sich der letzte ans Steuer und macht sich vom Acker."
Einige der Piloten nickten und stimmten der Überlegung zu, dann verschwanden alle wieder in ihren muffigen Kabinen und versuchten sich im simulierten Teammodus.
Es war schwierig, aber wesentlich einfacher, sich auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren zu müssen. Das Programm simulierte Situationen basierend auf Daten, die während realen schlachten aufgezeichnet wurden. Von imaginären Personen wurde er über die Situation aufgeklärt und bekam seine Anweisungen. Ebenso mußte er selber die Situation erkennen, entsprechende Meldungen machen und Daten weitergeben, die er aufgrund seiner Feuerleitsensoren gesammelt hatte.
Die eine Stunde am Simualtor ging schnell vorbei. Jann war wieder verschwitzt und müde, aber er hatte mehr Spaß an der Sache gehabt, weil sein Aufgabengebiet klar definiert war und viel einfacher zu bewältigen war als der Alleingang in der Simulation davor. Er hatte ein merkbares Erfolgserlebnis gehabt.
Als die anderen aus ihren Kabinen kletterten, sah Jann in deren Gesichtern, daß es ihnen mehr oder weniger, ebenso ergangen ist.
"Es war eine gute Idee, vorher eine Simulation im Einmannbetrieb durchzuführen.", sagte Jason, sichtlich stolz auf seine Leistungen.
Eric stöhnte nur. "Ich fühlte mich nach wie vor überfordert. Der Simulator bombardierte mein Gehirn mit einer Datenmenge, die ich zuerst gar nicht verarbeiten konnte. Bis ich heraus filtern konnte, was relevant ist und was nicht, war die erste Simulation schon fast vorbei."
"Das ist auch ein wenig gewöhnungsbedürftig.", sagte Chuck. "Ich mußte mich auch erst einmal zurecht finden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß das Training davor etwas gebracht hat.
Wir sollten jetzt mal eine echte Teamsimulation üben."
"Argh!", warf Eric ein. "Können wir vorher nicht erst einmal ein Pause machen? Ich bin fix und alle!"
"Ja genau.", stimmte Abor zu. "Ich habe schrecklichen Durst. In der Kabine habe ich wenigstens die Hälfte meines normalen Flüssigkeitsgehalt verloren."
"Na gut.", sagte Chuck, der sich auch nicht mehr so fit fühlte. "Wir sollten uns eine kleine Pause gönnen, sonst bringen die Stunden auch nichts mehr. Und Durst habe ich auch wie Sau!"
"Ihr könnt was von uns haben.", sagte Mike und reichte Chuck eine Flasche Mineralwasser.
Er war ein Zwerg, der Einzige in der gesamten Einheit und stand mit einer neuen Flasche in der Hand neben einem Getränkekasten.
Das gesamte Team drehte sich zu dem Kameraden um, der sie daraufhin ein wenig schüchtern anschaute.
Das Verhältnis drehte sich, als die sechs Crewmitglieder sich in der Simulatorhalle umsahen. In der Nähe von Mike standen die restlichen Kameraden der Truppe verteilt. Stühle waren um den Monitoren gestellt und Kästen mit Getränken standen um sie herum.
Eine verlegene Stille legte sich in der Halle nieder, als die Truppe auf das kleine Team schaute.
"Habt ihr alles über die Monitore gesehen?", fragte Jann ungläubig.
"Einer hatte sich beim Captain nach den Simulatorstunden für die Teamübungen erkundigt und bekam die Information, daß ihr euch habt freischalten lassen. Die gleiche Idee hatte er dann auch, aber der Captain wollte keine weiteren Teams mehr freischalten, er meinte es wäre zu spät, bis sich ein weiteres Team gefunden und er die Positionen verteilt hätte. Aber er machte uns das Angebot, eure Versuche auf den Monitoren mit zu verfolgen. Er meinte, so könnten wir vielleicht lernen, wie man es richtig macht. Das waren übrigens seine Worte."
"Ich und Mike waren die ersten hier.", erklärte Sören, der neben dem Zwerg stand und Abor eine weitere Flasche aus dem Kasten reichte. "Wir hatten eure Einmannsimulationen verfolgt. Ihr hattet uns gar nicht bemerkt, als ihr eine Pause gemacht habt. Bevor ihr mit den Teamsimulationen beginnen wolltet, holte ich Getränke und Mike informierte die anderen."
Das Team schaute sich mit einer Mischung aus Überraschung und Stolz an.
"Ihr seid die Ersten von uns, die so einen Panzer steuern.", erklärte Mike, der die Reaktion der Crew bemerkt hatte. "Wir haben keine Ahnung, ob ihr es richtig macht oder nicht, und wie gut ihr seid, aber interessant ist es auf jeden Fall."
Jann wußte nicht, was er sagen sollte. Die Situation fand er ein wenig peinlich. Sicher, er war stolz auf seine Leistungen und daß er dafür soviel Aufmerksamkeit bekam, aber es ist ihm dennoch unangenehm, bei der Arbeit beobachtet zu werden. Er kannte den Effekt, den das normalerweise bei Leuten auslöste, man versuchte, allen zu zeigen, wie gut man ist und versagte dann meist wegen dem Druck, den man sich deshalb aussetzte.
"Also gut!", rief Chuck der Gruppe zu. "Beginnen wir mit der Teamsimulation."
Die Crew nickte und jeder ging zu seiner Kabine zurück.
"Noch etwas:", rief Chuck seinem Team hinterher, bevor sie in ihren Simulatoren verschwanden.
"Ihr gebt euer Bestes. Ihr wißt jetzt in etwa, was ihr zu tun habt und wie ihr es zu tun habt.
Und wenn ihr gleich zeigt, was ihr wirklich könnt, dann tut ihr es für das Team und für euch, aber auf keinen Fall für das Publikum!"
"Sagt der so einfach.", murmelte Jason, wegen der Stille in der Halle für jeden Anwesenden hörbar.
Jann schloß die Kabine und versuchte zu vergessen, daß draußen die gesamte Truppe stand und ihm auf die Finger schaute.
Ich bin sicher nicht der beste Pilot, sagte er sich, die sind ganz gewiß nicht da, um mich zu bewundern, sondern um für sich selber Dinge in Erfahrung zu bringen.
Ich werde einfach alles so machen, wie auch zuvor.
Er aktivierte das Programm und startete den Teammodus. Diesmal wurde der Passcode akzeptiert und Jann wurde automatisch seinem Team zugewiesen. Auf einem kleinen Monitor sah er, daß mittlerweile alle Mitglieder anwesend waren.
Sein Comlink knackte und er hörte die leise, elektronisch verzerrte Stimme von Chuck.
Er setzte sich den Helm auf und fixierte das Mundstück.
"Gebt Meldung, wenn ihr eingestöpselt sein.", forderte Chuck.
Jann rollte das Kabel aus dem Fach unter der Konsole und steckte es sich in die Buchse hinter seinem Ohr. "Ich bin drin.", antwortete er über die Rigverbindung, bekam aber keine Antwort.
Er wiederholte sich über das Comlink. "Warum funktioniert die kommunikation über das Rig nicht?", fragte er.
"Ich bin noch nicht eingestöpselt.", erklärte Chuck. Die Comlinks in den HElmen sind sicher nur für interne Absprachen gedacht. Mein Monitor zeigt mir an, daß die Kommunikation in der Simulation größtenteils durch das Rig läuft."
Jann fiel es wieder ein. "Ach ja, Du machst ja den Hübschen in der Vermittlung."
Chuck ignorierte die Bemerkung. "Es wird nicht für alle erforderlich sein, sich bis zur letzten Synchronstufe hochzuschalten. Die Comlinks werden also auch noch in der Simulation gebraucht.
"Ich bin eingestöpselt", meldete sich Jason.
"Bin Bereit.", knarrte Erics Stimme im Comlink.
"Eingestöpselt und Erwartungsvoll.", funkte Abor.
"Isch bin bereit für den Abflug!", kam Jacquess Antwort.
"O.K. Ich logge mich jetzt auch ein.", bestätigte Chuck.
Ein Piepsen ertönte und eine Meldung klärte Jann darüber auf, daß die Crew vollzählig eingestöpselt war und der Panzer betriebsbereit war. Überall erwachten Monitore und Konsolen zum Leben, durch Janns Hirn strömten Daten und er tauchte in eine Welt, die ihm so real erschien, daß er glaubte, sie fühlen zu können. Wahrscheinlich konnte er das sogar.
Der Computer meldete den Start vom Systemcheck des Bordcomputers und forderte die einzelnen Crewmitglieder auf, den Check zu bestätigen.
"´Idrolik und Drück O.K.", meldete Jacques. "Tank sind voll, Schub und Avionik auf ´undert Protzent. Alle Steuerelemente melden Grün. I/O-Rate inner´alb der Parameter, Instrumente und ´ö´enmesser geeischt."
"Bestätigt.", antwortete Abor. "Sensoren sind Einsatzbereit, Systemübermittlung auf Grün.
IR- und Thermograph einsatzbereit, MADdetektor und Video 360 Gradtest beendet, Spektrograph
und Radar O.K."
"Waffensysteme sind Online und gesichert.", berichtete Jann. "Wir haben Sechs SAM´s und
vier AAM´s. Die Gauss ist einsatzbereit und gesichert. Beide Bordkanonen sind Online.
Radar und IR- sowie das Zielerfassungs- und Verfolgungssystem melden O.K. Ich habe Kontakt zur TM-Station. Düppel und ECM auf grün, ECCM auf grün."
"Bestätige Daten von der Feuerleitstelle.", kam Jasons Stimme durch das Intercom. "Bordkanone 1 bestückt und gesichert. Ebenso Bordkanone 2. Wir haben jeweils 8000 Schuß. Sensorische und manuelle Zielerfassung O.K."
Die Daten auf den Bildschirmen und im Kopf änderten sich. Chucks Stimme klang durch die Anlage: "Computer und Ressourcen auf Online und O.K. Leistung auf hundert Prozent, alle Systeme sind einsatzbereit und melden O.K. von allen Stationen. Die Leitungen stehen, Richtfunk, Laser und Microwelle sind einsatzbereit und im Passivmodus. habe Kontakt zur TM-Station."
"Bestätige,", meldete Eric. "Empfange Telemetrie, alle Leitungen auf Empfang, Drohnen sind aufgetankt und Einsatzbereit, wir haben eine zwei Spion und zwei Jägerdrohnen, voll bestückt.
Fernsteuernung hat Kontakt und ist Online. Sensoreninput arbeitet einwandfrei. Bestätige Abschluß des Sytemchecks."
Der Computer piepte und beendete den Check. Die Turbinen fingen an zu röhren.
Jacques öffnete die Düsenklappen und ein rucken ging durch den Panzer. Der Banshee hob langsam und gemächlich ab, hob sich auf wenige Meter knapp über den verbrannten Wüstenboden.
Jacques beschleunigte den Banshee und stieg ein wenig höher. Der Computer zeigte mit einem Piepton die unterste vermutete Radargrenze an und empfahl eine niedrigere Flughöhe.
Jacques glich die Höhe aus, kämpfte aber jetzt mit der Geschwindigkeit in der Bodennähe.
Abor schaltete sich dazwischen und verglich die Manöver mit den Sensoren. In dieser Form der Symbiose konnte er kleine Kursfehler früh erkennen, und den Flug korrigieren. Mit knapp Fünfhundert Km/h raste der Panzer nur fünfzig Meter über den Boden.
Alle in der Kabine bekamen Herzklopfen, doch Jacques und Abor gewöhnten sich schnell an die Manöver und fanden ziemlich schnell Spaß an der hohen Geschwindigkeit.
Als die anderen bemerkten, daß die beiden Piloten alles im Griff hatten, genossen auch sie den kurzen Flug.
Nach nur wenigen Minuten meldete Jann, daß er einen ersten Kontakt hatte.
Etwas ruckartig bremste Jacques den T-Bird ab und die Crew wurde in ihren Kabinen so hart in die Sitze gepreßt, daß ihnen gefährlich lange die Luft weg blieb. Der Computer meldete bei vier Stationen eine Abnormalität in den Gehirnwellenmustern, als den entsprechenden Personen das Blut aus dem Kopf gepreßt wurde.
Der Banshee kam stotternd und hüpfend zum Stillstand und schwebte unsicher auf der Stelle, bis der Autopilot den Schwebeflug stabilisierte.
Die Warntöne verstummten nach und nach, durch den Intercom hörte Chuck die anderen und auch sich selber keuchen.
"Mach...mach das nie wieder!", ächzte Jann. Die anderen grunzten zustimmend.
"Tüt mir leid.", entschuldigte sich Jacques. "Die Radarmeldung von Jann ´atte misch erschreckt."
Chuck lehnte sich zurück und konzentrierte sich auf den Bordkomputer.
"Es gibt einen Modus, der solche riskanten Manöver unterbinden kann.", erklärte er, als er die Programme aktivierte. Auf den Schirmen und im Geiste der Piloten verschwanden einige Symbole und wurden durch andere ersetzt. "Der Autopilot verhindert jetzt Manöver, welche die Piloten und die Mannschaft in Gefahr bringen kann. Wir verlieren zwar ein wenig an Agilität, aber dafür kann sich jetzt keiner mehr die Rippen brechen oder ohnmächtig werden."
"und wenn Gefahr droht?", fragte Abor.
"Ich kann den Modus im Autopiloten jederzeit deaktivieren.", versicherte Chuck. "Was war das für ein Echo, Jann?"
"Mutmaßliche Objekte im Osten, alle relativ groß, den Daten nach. MAD-Abtastung positiv.
Genaueres kann ich nicht sagen, wenn ich das aktive Radar nicht aufschalte."
"Bloß nicht!", warnte Chuck, "Die entdecken uns doch sofort!"
"Dann also die Drohne.", gab Jann nach.
"Die Drohne.", bestätigte Chuck. "Eric, sieh mal, was Du rausfinden kannst. Aber laß Dich nicht entdecken!"
"Ist doch wohl klar!", antwortete Eric beleidigt.
Plötzlich schrillte ein Alarm durch die Kabinen. Sämtliche Monitore bekamen einen roten Rand, Warnleuchten blinkten auf und der Bordcomputer spielte eine Botschaft in die Gehirne der Crew: ´Gefahr! Annäherung feindlicher Objekte. Zielaufschaltung ist erfolgt!´
Jann versank im Sessel und schaltete sich in die letzte Synchronstufe. Jetzt hatte er vollständigen mentalen Kontakt zu dem Feuerleitradar. Zwei Objekte näherten sich schnell von der südlichen Flanke.
Er wies den Computer an, das gesamte Sensorband zu aktiveren. Prompt überfluteten Daten sein Gehirn.
Die Beiden Objekte stellten sich als Hughes Airstar heraus, schwerbewaffnet und auf direktem Kurs.
"Verdammt!", schrei Chuck! "Wieso haben wir sie nicht gesehen?!"
"Die Sensoren waren runtergeschaltet!", brüllte Jann ärgerlich zurück. "Nur die Navigationssensoren und das passive Radar waren aktiv."
"Wir waren praktisch blind.", rief Abor. "Wir hätten die Drohnen vorrausschicken sollen, oder ein Teil der Sensoren aufschalten müssen!"
"Dazu ist es zu spät!", knackte Jasons Stimme im Comlink. "Ich habe Zielerfassung. Soll ich sie runterholen?"
Chucks keuchen klang durch die Verzerrung des Intercoms wie Asthma. "Soll das ein Scherz sein?!"
Jann gab einige mentale Befehle. "Habe Zielerfassung, den Airstar auf zwei Uhr!"
"Ist O.K.", rief Jason, "Ich habe den auf drei Uhr! Feuere... Was zur Hölle?!..."
Jann bekam eine Meldung, die ihn verwirrte. Die Signale der Zielverfolgung verloren sich zeitweilig und verschwanden dann ganz. Statdessen legte sich eine Art Nebel über den Radarschirm. Die IR-Optik lieferte außer ein mattes Leuchten auch keine Bilder mehr. "Verdammt!", knurrte er durch zusammengebissene Zähne.
"Sie haben ECM aktiviet!", rief Eric. "Ich leite Gegenmaßnahmen ein!"
"Rakete im Anflug!", schrie Jann auf einmal, bevor ihm richtig bewußt wurde, was er da sagte. Er wiederholte nur die Warnmeldung, die die Bordsysteme in seinen Kopf spielten.
"Wo?! WO?!", schrie Jason. Seine Kanzel drehte sich hektisch hin und her.
Plötzlich tauchten die beiden Helikopter wieder auf den Schirmen auf, im gleichen Moment, wo die Raketen einschlugen. In Janns Kabine fielen auf einmal alle Lichter und Monitore aus, der Kontakt zu der Steuereinheit der Feuerleitzentrale war unterbrochen. Er kämpfte gegen das Schwindelgefühl an, daß der rüde Auswurf aus dem System verursacht hatte. Zwei Bildschirme glommen wieder auf. Der eine zeigte eine Botschaft: Killing in Aktion.
Darunter die Namen der ausgefallenen Crewmitglieder.
Jann keuchte. Nur noch Chuck und Eric waren aktiv im Panzer.
Der andere Bildschirm zeigte die Simualtion als generierte Grafik von außen. Aus dem Comlink drangen noch immer die panischen Stimmen der beiden letzten Lebenden, aber Jann konnte ihnen keine Botschaft übermitteln.
"Systemausfall!", schrie Eric. "Ich kriege keine Daten mehr rein! Scheiße! Hier bricht alles zusammen!"
"Verdammt! Gib mir wenigstens Kursdaten! Ich kann hier nichts sehen!"
"Ich versuche, das Notsystem zu..." Erics Stimme brach plötzlich ab. Ein weiterer Name reihte sich in die Liste der virtuellen Opfer ein.
"Scheiße! Eric!", rief Chuck hysterisch. "Das Notsystem! Ich schalte um auf Steuerung!"
Jann sah, wie der brennende Panzer an Höhe verlor und in ein Düne raste. Jann hörte Chuck keuchen.
Ein wenig hilflos drehte sich ein Turm. Die Helikopter hatten gewendet und schossen eine neue Salve Raketen ab.
Als sie einschlugen, explodierte der Banshee theatralisch in einer großen orangegelben Feuerwolke.
Chucks Name erschien in der Liste, kurz bevor sich die Kabinen öffneten.

Als die Piloten aus ihren Kabinen traten, sahen sie in die betroffenen Mienen ihrer Kameraden, die wiederum zum Captain sahen, der mittlerweile auch dazu gekommen war, um sich das Spektakel anzusehen.
Seine Miene drückte in etwa das aus, was ein Leher dachte, wenn ein Schüler einen vorhersehbaren Fehler begannen hat auf eine Lösung hin, die er für die richtige hielt.
Er sah zu den sech Bruchpiloten hin und hob eine Augenbraue "Und?"
Das Team sah ihn unsicher an. Keiner wußte, was er antworten sollte. Das brauchten sie auch nicht.
"Ihr habt so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.", sagte der Captain laut und drehte sich dabei zu den übrigen Kameraden und den Monitoren um. "Das war das beste Beispiel dafür, wie man es nicht macht! Ich brauche das Video gar nicht erst abzuspielen, um eure Fehler zu analysieren." Er drehte sich wieder zu den Piloten um. "Ihr wißt doch, wo eure Fehler lagen?"
Alle starrten auf ihre Füße.
"Nun, wir hätten besser auf die Feind-Ortung achten sollen, als..."
"Das war noch das geringste Vergehen.", unterbrach Captain Hartmut. Er begann, vo dem Team auf und ab zu wandern.
"Als erstes: Wer hat das Szenario ausgewählt? Keiner. Ihr habt es dem Computer überlassen. Die Simulation war nicht die schwierigste, die er wählen konnte, aber mit Sicherheit zu viel für blutige Anfänger. Das kommt in etwa dem Nachlass gleich, sich das Einsatzgebiet nicht auf einer Karte anzuschauen, wenn man losfliegt.
Seargant Treverton!"
Eric sah erschrocken auf. "Treverton, haben sie sich auf der Karte das Gebiet einmal angeschaut, als sie unterwegs waren?"
"Nun," begann Eric. "Ich habe einmal..."
"Haben sie nicht. Denn wenn sie das getan hätten, hätten sie gesehen, wie das Gelände beschaffen ist. Dann hätten sie auch die Topographie und die strategischen sowie politischen Grenzlinien vom Nav-Computer einblenden lassen. Dann hätten sie auch gesehen, daß sie sich mitten im Feindesgebiet befanden, und das..." er wandte sich zu Abor und Jacques, "...mit einer Geschwindigkeit von annähernd 500 Km/h!Omaboe, Bergérac, was hat sie beide denn geritten, mit solch einem Affenzahn über ein unbekanntes Gebiet zu fliegen?
Nicht nur, daß sie mögliche Feindobjekte erst dann bemerkt hätten, wenn sie an ihnen vorbeigerast wären. Ihre Radar- und Wärmesignatur war für jedes feindliche Sensorennetz ein Kontakt wie Gottes Fingerzeig.
Seargant Reuter, ist ihnen, das nicht aufgefallen?"
Reuter sah den Captain groß an. "Mir?" antwortete er verdutzt. "Ja schon, aber..."
"Und warum haben sie nicht reagiert? Eigentlich hätten alle reagieren müssen. Treverton wußte nicht, wo er sich befand, aber das hat keinen gestört. Omaboe und Bergérac fuhren unbekümmert weiter mit hoher Geschwindigkeit. Diese war viel zu hoch, aber das hat auch keinen gestört. Reuter, sie waren verantwortlich für die Feuerleitzentrale und damit auch für die Feindortung und etwaige Gegenmaßnahmen. Wenn sie schon wußten, daß sie viel zu schnell waren und das auch noch in einem unbekannten Gebiet, wo man mit Feindkontakt rechnen mußte, warum haben sie dann keine Gegenmaßnahmen eingeleitet? Sie hätten wenigstens das ECM aktivieren können."
"Aber dann hätte man usn doch sofort auf allen Radars gesehen!" widersprach Jann. Der Captain winkte ab. "Sie waren schon so ein Leuchtfeuer. Mit aktivierten ECM hätte man ihren Standpunkt nur ungefähr ausmachen können, und vermutlich hätten auch die Raketen nicht getroffen, da es keine korrekte Zielerfassung gegeben hätte. Genauso das aktive Radar. McBride, die Entscheidung, das Radar im passiven Modus zu lassen, war damit eindeutig falsch. Es gab weder einen Grund noch eine Notwednigkeit mehr, sich verstecken zu wollen, das haben sie schon beim Start verpatzt. Aufgrund dieser Entscheidung haben sie die Feindobjekte viel zu spät erkannt, und das war ihr aller Tod.
Nochmal zu den Gegenmaßnahmen:" Der Captain ging wieder auf und ab. "Die Meldung von Reuter, daß Raketen auf sie abgefeuert wurden, war völlig überflüssig, da sowieso keiner reagiert hat. Seargant Reuter hätte spätestens dann das ECM aktivieren müssen, sowie Düppel und Leuchtkugeln abschießen. Seargant Treverton: Als Bordschütze wußten sie doch sicher über ihre Bewaffnung bescheid? Dann hätten sie sicher auch gewußt, ebenso wie Seargant Reuter hätte wissen müssen, daß die beiden Kanonentürme mit jeweils einer Victory Rotationskanone bestückt waren. Eine solche Waffe verschießt in der Minute mehr als 2000 Schuß. Hätte einer von ihnen die Gegenmaßnahmen besser studiert, und diese eingesetzt, hätte das Raketen-Abwerprogramm die Kanonentürme gegen die Raketen einsetzen können. Eigentlich ein übertriebene Maßnahme und nur gedacht für den Notfall, aber in ihrer Situation wäre das mehr als angebracht gewesen."
Der Captain blieb stehen und schaute stumm in die Gesichter der Piloten.
"Das sollte jetzt keine Zurechtweisung werden. Ich hielt es aber für nötig, ihnen ihr Beispielhaftes Versagen vors Auge zu halten. So etwas bekommen sie in den nächsten Tagen noch öfter zu sehen, und mit Sicherheit nicht nur von sich selbst. Ich bin ihnen sogar ein wenig dankbar. Sie haben mir alle einige Stunden an Unterricht abgenommen. Jetzt wissen alle von den klassischen Fehlern, die man anfangs immer begeht. Nun können die anderen diese Fehler wiederholen und wissen dann, was sie falsch gemacht haben.
Und ich verrate ihnen noch was:" fügte der Captain, nicht ohne ein leichtes Schmunzeln zum Abschluß hinzu, "Das vom Coputer gewählte Szenario war für genau das gedacht, was sie unbewußt versucht haben. Kein Anpirschen, kein Auskundschaften der feindlichen Stellungen, sondern der schnelle, aggressive Einsatz im Feindgebiet. Mit Höchstgeschwindigkeit rein, alles zerstören, was auf den Sensoren blinkt und wieder raus.
Sie hätten auch nicht fliehen können: Das war in der Gefechtsimulation nicht vorgesehen.
Obwohl ein solches Vorgehen wie von mir eben beschrieben absolut leichtsinnig wird und weder von einer erfahrenen Crew durchgeführt noch von den oberen Befehlshabern toleriert werden würde, kommt es allzu oft vor, daß man bei einem Rückzug den Anschluß zum Geschwader verliert und sich dem Feind in der Übermacht und ohne Fluchtmöglichkeit entgegen sieht. Die Crew muß dann schnell, sicher und flexibel reagieren können. Wie gesagt, es war nicht gerade einer der leichtesten Simulationen. Sie hätten sich vieles ersparen können, wenn sie vorher die Handbücher genauer angesehen hätten und sich um das Szenario ein wenig ausgiebiger gekümmert hätten."
"Das nächste mal.", murmelte Jann.
"Will ich doch hoffen.", antwortete der Captain, lächelte und ging aus der Halle. Bevor er das Schott durchquerte, sprach er noch zu den Kameraden an den Monitoren. "Schaffen sie die Getränkekisten aus der Halle. Das ist verboten. Schließlich kostet die Elektronik hier ein Vermögen. Ich will das nicht noch einmal sehen, sonst berichte ich dem Cheftechniker, und der ist weit weniger freundlich." Damit verschwand er.
Zurück blieben sechs leicht desillusionierte Crewmitglieder und ihre Kameraden, die hektisch leere und halbvolle Flaschen in die Kisten steckten und sie eiligst aus dem Simulatorraum schafften.
Jann sah zu seinen Teammitgliedern. "Sollen wir es noch mal versuchen?"
Die anderen sahen ihn entzürnten Blicken an.


Schadensmeldung!", verlange Chuck.
Abor meldete sich. "Die verklemmte Düsenklappe ist wieder frei. Ich glaube aber, daß sie nicht mehr richtig reagiert. Wir haben dennoch volle Leistung."
"Bestätige." Fügte Jacques hinzu. " Alle Schübwerte noch inner´alb der Paramäter."
Eric meldete sich." Die Drohne ist wieder drin, aber das Auffangnetz ist hinüber. Wir können nur noch die Spione rausschicken. Ich könnte kurz rausgehen und ein neues Netz anbringen"
Chuck überlegte. "Nein. Dazu haben wir keine Zeit. Außedem wäre das Risiko einer Entdeckung zu groß.
Könnte das zweite Netz die Jägerdrohnen auf auffangen?"
"Das für die Spiondrohnen? Sicher, nur könnten wir sie dann nicht reinholen."
"Das muß reichen." entschied Chuck. "Also eine Jäger- und zwei Spiondrohnen. Wie sieht es mit der Ortung aus?"
"Negativ. Noch immer kein Kontakt.", antwortete Jann, "Die suchen uns wohl auch noch."
"Kein IR?"
Jann schüttelte den Kopf. "Negativ. Bei der Hitze ist das sowieso kaum möglich, wenn sie NOE fliegen. Die MAD-Detektoren sprechen auch nicht an."
"Verdammt.", murmelte Chuck. "Wo war der letzte Kontakt?"
"Immer noch auf zweiachtfünf, acht Kilometer. Vermutlicher Vektor: Nordwest, Richtung dreihundert." Bestätigte Eric. "Soll ich die Drohne starten?"
"Nein. Wir versuchen es mit einem Radarimpuls. Jann: schalt das aktives Radar auf viertel. Suche
in Richtung 230 und 360. Weite den Bereich aus, wenn nötig."
Jann bestätigte und stellte das Radar entsprechend ein. Der abzutastende Bereich eines Radars lies sich in Winkel von 180, 90 und 45 Grad einstellen. Jann wählte die letze Stellung und suchte die entsprechenden Bereiche ab, immer nur mit einem kurzen Impuls, um es dem Feind so schwer wie möglich zu machen, die Herkunft zu orten. "Ich bekomme keinen Kontakt.", berichtete er schließlich. "Nur Bodenschatten. Wir sollten ein wenig höher steigen."
Chuck stimmte zu, und Jacques hob den Panzer ein wenig über die Dünen. Jann versuchte es erneut.
"Ein Kontakt, auf 178, 4 Kilometer.", rief er, und schickte noch zwei weitere Impulse hinterher. "Scheint näher zu kommen." Bei der Telemetrie piepte es. "Bestätige.", gab Eric zurück. "Kontakt nähert sich langsam, ist jetzt bei 3,8. Der Geschwindigkeit vielleicht ein Helikopter."
Plötzlich schrillten die Sensoren Alarm. Eine dumpfe Explosion war draußen vom weiten zu hören.
"Eine Rakete! Sie ist auf Drei uhr eingeschlagen, etwa 400 Meter von unserer Position!", Jann durchforstete mit seinem Geist in Windeseile die Datenbank der Feuerleitzentrale. "Es war wohl eine HARM-Rakete. Vielleicht ein Hughes Airstar. Er wird wohl langsam nervös."
"Aufsteigen." Befahl Chuck. "Volle Sensoren. Den holen wir uns jetzt! Feuer nach eigenem Ermessen!"
Jann schaltete nicht gleich das Radar hinzu. Er versuchte es zuerst mit der IR und den MAD-Detektoren.
"IR-Kontakt auf 175, zwei Kilometer!" rief er. "Feuere SAM!" Noch bevor das dupfe Röhren verklang, verlor sich der Zielkontakt in einer diffusen Wolke und zwei, drei sehr helle IR-Kontakte tummelten sich auf dem Schirm. Nach viel zu langer Zeit bestätigten die Sensoren die Detonation der Rakete "Feind hat Gegenmaßnahmen ergriffen. Schalte ECCM auf." Jann, versuchte, die Störung zu beseitigen, die das ECM des Helikopters verursachte. Währendessen beschleunigten Jacques und Abor an der linken Flanke des Kontaktes vorbei. Da Jann seinerseits das ECM nicht mehr benutzen konnte, warf er in unregelmäßigen Abständen Düppel und Leuchtkugeln ab. Er schaltete Das Radar voll auf. "Kontakt!", bestätigte er. "Auf 170, Achthundert Meter! Ein Hughes Airstar, wie vermutet. Habe allerdings keine genaue Erfassung für die SAM´s und AAM´s."
"Bestätigt.", übernahm Jason. "Ziel mit Laser erfasst. Feuere Kanone." Durch die enge Kabine dröhnte das Röhren der Victory. Jann und Jason sahen auf ihren Schirmen einen orangeroten Strahl, der die Distanz zu dem Helikopter überbrückte. Nur jedes sechste Projektil war Leuchtspurmunition, aber dennoch sah der Kugelhagel aus wie ein koheränter Strahl aus orangefarbener Energie. Die Geschosse schlugen mit brachialer Gewalt in die linke Seite des Helikopters ein, knapp unter dem Rotorgehäuse, fraß sich durch die Panzerung wie ein heißes Messer durch Butter, zerfetzte den Motor und trennte fast den Schwanz vom Rumpf. Wie von einer unsichtbaren Riesenhandgestoppt, sank der Airstar schnell zu Boden, eine schwarze ölige Rauchfahne hinter sich herziehend. Beim Aufprall explodierte er.
"Neuer Kontakt auf 297!" rief Jann. Daten bombadierten sein Gehirn. Der Feuerleitcomputer hatte anhand der Radarsignatur und der Wärmeausstrahlung das Objekt identifiziert. "Ein Thunderbird! Aztech Lobo! 4,5 Kilometer! Hat uns auf dem Radar!" Mit einem hastigen Befehl seines Geistes schaltete Jann das ECCM aus und aktivierte stattdessen das ECM. Gleichzeitig speicherte er das Ziel in den Feuerleitcomputer.
Eric schaltete das Satellitenbild dazu und bestimmte damit genau die Position des feindlichen Schwebepanzers. Das Bild wurde der gesammten Crew in das Helmvisier geblendet, Abor keuchte und Jacques flog hektische Kurven. "Wie konnte der sich so lange versteckt halten!?"
"Er war im Radarschatten und lag direkt auf der Erde. Der Sand hat seine Abwärme geschluckt. Die HARM-Rakete stammt wohl eher von ihm."
"Erklär´mir nicht das warum!", knurrte Chuck. "Hast Du eine Zielerfassung?"
"So klar als wär er vor mir!", antwortete Jann.
Chuck fuhr sich an den Helm. "Worauf wartest Du dann noch?!"
Jann antwortete nicht, sondern feuerte gleich drei Raketen ab.
Der Lobo wurde aktiv. Er beschleunigte auf einer diagonalen links an dem Behemoth vorbei und warf Störkörper ab. Sein Radarbild verschwand in einem blinden Fleck, als er die Störgeneratoren aktivierte. Jann hatte damit gerechnet und vorsichtshalber die Raketen mit der Lasermarkierung gewählt. Die plötzliche Wendung und das ständige ab- und untertauchen zwischen den Dünen unterbrach jedoch die Zielerfassung und so traf nur eine Rakete.
Der Lobo bekam einen Ruck und wurde ein wenig aus dem Kurs geworfen, lies sich ansonsten nicht sonderlich beeindrucken. Seine Waffentürme drehten sich und verfolgten die Flugbahn des Behemoth, als dieser an ihm mit 600 Meter Abstand vorbeiraste. Bei Jann schrillte der Alarm für die Lasererfassung.
"Jacques!", rief er nervös.
Der gab keine Antwort. Stattdessen zog der Behemoth eine harte Kurve, die alle Insassen hart in die Gurte presste und die Luft aus den Lungen drückte. Das dumpfe Stakkato einschalgender Projektile war kurz zu hören, und Jann sah auf seinen Schirmen, wie der knapp vor dem Panzer aufgewühlt wurde. "Treffer am Heck. Keine Systeme beschädigt, Panzerung scheint intakt.", kommentierte Jann. "Die meisten haben uns verfehlt."
"Die Abwurfvorrichtung für die Jägerdrohnen sind beschädigt.", korrigierte Eric. "Die kriegen wir nicht mehr raus. Ansonsten bekomme ich keine Meldung von weiteren Schäden."
Jann hatte die Nase voll. Er aktivierte den Ziellaser und das Phasenradar für die Gauss. Mit einem tiefen Summen, luden sich die Kondensatoren auf, während sich der Turm langsam drehte.
Jann wurde mit einer Datenflut überschüttet, als der Phasensensor den Lobo in sicherer Zielerfassung hatte und auf den Feuerbefehl wartete. Ein erneutes piepsen bestätigte die ideale Schußposition und Jann aktivierte, zwischen dem Ticken einer Sekunde, die Gauss. Ein Rucken ging durch den Panzer und Abor versuchte, den Rückschlag zu kompensieren.
Mit einem kurzen, aber lauten Knall schoß die Kanone. Das Projektil war so ungeheuer schnell, daß es praktisch im gleichen Moment einschlug. Die Einschlagwucht war so immens, daß das Projekt samt dem größten Teil der Panzerung explodierte und verglühte. Die GaussKanone hatte den Hauptturm des Lobo getroffen. Der wurde vom Rumpf abgerissen und fiel über den Bug auf den heißen Wüstenboden. Der Lobo schlingerte wild und stürzte ebenfalls ab. Er flog mitten in eine Sanddüne wirbelte den Sand in großen Fontänen auf und kam halb vergraben zum stillstand. Aus der Öffnung, die der abgerissene Hauptturm zurückgelassen hatte, quoll schwarzer und weißer Rauch.
"Alle Systeme auf Null.", meldete Jann leise. "Der ist hin."
Chuck sah auf seine Monitore. "Jacques, Abor. Sinkt tiefer. Jann, Eric, ich will eine Breitbandsuche. Sind hier noch mehr Feinde?" Jann schaltete das Radar und die IR-Ortung voll auf. Der Kampf wäre sowieso niemandem unbemerkt geblieben. Jetzt ging es nur noch darum, den Feind zuerst zu entdecken.
"Keine Ortungen mehr.", antwortete er schließlich. "Das war wohl eine vorgezogene Reconeinheit. Ich kann auch keine Aktivitäten an der Frontlinie erkennen."
Chuck sah auf die überspielten Daten. "Keine Feindlichen Kontakte mehr.", überlegte er. Wir haben es wohl geschafft. Gut, fliegen wir zu unserer vorgeschriebenen Position und nehmen den Posten auf. Dann geben wir den anderen Nachricht, daß sie kommen können."
Jann stutzte. Da war etwas. Zu viele Schatten in Bodennähe, so tief flogen sie noch nicht. "Voller Stop!" verlangte er. Jacques, Abor und Chuck sahen ihn gleichermaßen überrascht an.
"Was ist los?" wollte Chuck wissen.
"Hier muß noch irgendwas sein." Ich habe irgendwas auf den Schirmen, und das sind keine Sanddünen."
"Die Trümmer vielleicht?" mutmaßte Chuck.
Jann schüttelte den Kopf. "Die sind es nicht. Die Signale kommen von woanders. Vielleicht ein getarntes Sensorennetz."
"Hier? Der Kampf mit dem Helikopter und dem Lobo hätte ihre gesamte Erfassung durcheinander gebracht."
Jann zuckte mit den Schultern. "Anderes kann ich mir nicht vorstellen. Sonst hätte ich eindeutigere Singnale.
Wer weiß, was noch für Überraschungen auf uns warten? Moment..."
Jann aktivierte die MAD-Detektoren. Sein Zielcomputer piepste. Mehrere Objeklte wurden angezeigt, aber der Computer konnte sie nicht klassifizieren. "Mist!", fluchte er. "Wieder nichts genaues. Wir sollten eine Drohe starten."
Chuck stimmte zu und Eric verband sich mit der Fernkontrolle. Eine flache Rotordrohne verließ den Auswurfbehälter und nahm ihren Flug auf. "Drohne ist bereit.", sagte Eric, als der kleine Spion vor dem Panzer schwebte. "Ich warte auf Koordinaten."
"Flieg erstmal zu dreisechsnull, etwa 3 Kilometer."
"Ok, Dreisechsnull.", besstätigte Eric und die Drohne beschleunigte. Das Spatzenhirn der Spiondrohne war selbst nach militärischen Maßstäben erstklassig. Schnell und sicher flog sie knapp über dem Boden zu der vorgegebenen Position. Eric koppelte die Sensoren der Drohne mit der Telemetrie seines Copmuters. Einen Kilometer vor der angegebenen Position bekam er einen Kontakt. "Ich glaube, ich habe Dein Sensorennetz.", sagte Eric zu Jann und überspielte die Daten. "Kleinere Einheiten auf dreisechsdrei und dreivierneun. Das sind aber..." Ein Blitz zuckte über den Bildschirm und Eric griff sich an den Kopf.
"Eric?!" fragte Jann, als dieser mit zitternden Händen seinen Kopf hielt und auf die Konsole sank.
"Drohne...", brummte er zwischen den Zähnen hervor. "...getroffen..."
Im gleichen Moment piepte es an der Feuerleitzentrale. Durch Janns Gehirn spülte ein weiteres mal eine Datenflut. Überall tauchten Kontakte auf. "Chuck!"
"Kümmere Dich darum!", winkte der ab und sprang von seinem Platz. "Jacques, Abor, fliegt uns in Deckung. Was immer es auch ist, sie sollen uns nicht kriegen!"
Jann und Jason machten sich bereit. Jann durchforstete in Windeseile alle Sensoren und die eingegangenen Daten. Sein Computer meldete Hovercrafts, Sechs Stück, und von ihnen kam der Sensorenoutput.
Es waren mobile Flugabwehreinheiten, die ein dichtes Abfangnetz bildeten. Der Computer erfasste die Ziele und Jann speicherte sie ab.
Chukc war bei eric und wollte ihm ein Stimpack auf den Nacken kleben, aber der winkte ab. "Es...geht...
Bin...gleich wieder..." sagte er und massierte seine Schläfen.
Chuck nickte und sprang zurück auf seinen Sessel. "Hast Du Ziele?" fragte er Jann.
"Mehr als genug. Mobile Flugabwehreinheiten, Hovers. Sie haben uns anvisiert."
"Holt sie runter."
Jann und Jason hielten sich mit keiner Antwort auf. Er warf Düppel aus und Leuchtkugeln, während Abor und Jacques wilde Kurven flogen und die Dünen als Deckung nutzten. Gleichzeitig aktivierte Jann das ECM und schaltete den Ziellaser auf. Jason schoß mit beiden Kanonen gleichzeitig.
Zwei der Hovers wurden praktisch zersägt. Zwei andere schossen.
Abor beschleunigte kurz und flog über eine höhere Düne weg, um gleich danach wieder abzutauchen. Drei Raketen schlugen in die Düne ein dun schleuderten Sand Meterweit hoch. Die Dritte flog über die Düne und explodierte keine 300 Meter vor dem Bug des Panzers, bei der Geschwindigkeit, die sie gerade flogen, knapp genug. Jason feuerte wieder. Sie flogen zu schnell, als das er sich noch auf beide Kanonen einzeln konzentrieren konnte. Ständig brach der Kontakt mit dem Laser ab und fand sein Ziel wieder. So versuchte Jason, beide Türme auf jeweils ein Ziel zu richten, wenn es ging und die Hovers möglichst schnell auszuschalten. Zwei weitere verstreuten ihre Einzelteile im Sand der Wüste. Jann hatte sich ebenfalls auf seine Ziele konzentriert. Dank der Synchronen Verbindung mit den anderen wußte er, welche Ziele Eric jeweils gerade unter Beschuß nahm, und da die Raketen sowieso eine größere Reichweite besaßen, nahm er die beiden Hovers, die am weitesten entfernt waren. Der Laser blinkte auf, und zwei Raketen verließen die Abschußlaffette des Behemoth. Zwei Hovers zerbarsten in einer Feuerwolke. Das ganze Spektakel hatte nur Sekunden gedauert.
Als sich alle wieder zurücklehnen wollten um Luft zu holen, gab Janns Computer wieder Alarm.
"Weitere Kontakte:", schrie er durch die Kabine. "Alle bei Dreifünfnull und Dreisiebenneun! Acht Hover!"
"Scheiße auch!", schimpfte Chuck und wollte gerade weitere Befehle geben, als Jann die Hand hob. "Sie fliehen."
"Bestätigung!", forderte Chuck.
"Ich bestätigte:", meldete sich Erics unsichere Stimme im Interkom. "Objekte entfernen sich definitiv von unserer Position und haben Kurs auf die Grenze. Sie verlassen das Kampfgebiet."
"Aber sie sind in der Überzahl...", wunderte sich Chuck laut. "Jann, hast Du eine Identifikation?"
"Kommt gerade rein. Es sind allesamt Crawler EM II.", sagte er und begriff im Gleichen Moment wie die anderen. "Herrje! Das sind alles Minenleger!"
"Irgendwas in der Art habe ich mir gedacht.", knurrte Chuck. "Der Lobo und der Kopter waren nur Ablenkunk und sollten den anderen Zeit verschaffen! Sind sie noch in Reichweite?"
"Nur für die Gauss.", antwortete Jann. "Raketen haben wir keine mehr."
"Egal. Schieß sie ab."
Jann nahm die Zielerfassung auf und Jason aktivierte die Gauss. Die Kondensatoren summten.
"Ziele erfasst.", rief Jann
"Bestätigt! Feuere Gauss!"
Drei kurze Donnerschläge erklangen, gefolgt von dem protestierendem Summen der Kondensatoren. Jann hatte das ECM und alle Sensoren, die sie im Moment entbehren konnten, deaktiviert und Chuck schaltete zusätzliche Energie frei, um die Aufladezeit der Gausskanone zu verkürzen. Trotz supraleitender Technik und der extraenergie verging noch immer gut eine Sekunde, bis die Kanone wieder feuerbereit war.
Drei Hovercrafts zerbarsten unter dem Einschlag. Jason nahm die nächsten ins Visier, als der Zielkontakt abbrach.
"Jann!!", rief er.
"Ich mache ja schon, was ich kann! Eric, gib mir die Entfernung!"
"Noch Fünf Ziele auf Dreifünfnull, Vier Kilometer!"
Jann fluchte. Der Behemoth hätte keine Prbleme gehabt, die weitaus langsameren Hovers einzuholen, aber das hieße auch, durch ein vermeintliches Minenfeld zu fliegen.
Hovers können nur knapp über den Boden schweben, aber nicht fliegen. Selbst größere Dünen bereiteten ihnen Probleme, da sie an ihnen einfach wieder runterrutschten. Deswegen mußten sie sich zwischen den Dünen einen Weg suchen. Was wie ein Nachteil klang, verwandelte sich für die Hovers nun zu einem entscheidenden Vorteil: Einige Dünen waren hoch genug, die Radarsiganturen der Minenleger mit den Bodenschatten zu verschmelzen, so daß Jann, obgleich Jacques und Abor wieder höher gestiegen waren, manchmal die Zielerfassung verlor. Der Laser war da noch nutzloser. So konnte er nur warten, daß die Hovers wieder auf dem Schirm auftauchten. Aber in wenigen Augenblicken würden sie außer Reichweite sein. Die Zeit war von entscheidender Bedeutung.
Jann verstärkte den Radarimpuls, indem er den Bereich wieder verengte, in der Hoffnung, die Bodenschatten somit rauszufiltern.
"Kontakt!", schrie er fast fröhlich. "Vier Ziele!"
"Entfernung 4800 Meter!", informierte Eric hektisch, "Noch zwanzig Sekunden, bis Ziele außer Reichweite sind!"
"Ich feuere!", rief Jason.
Dreimal schoß die Gauss, drei Ziele wurden pulveriesiert. Der Dritte Schuß löste sich mit einem lauten Knall, im gleichen Moment, als Jann wieder den Kontakt verlor. Ein Fluch lag ihm auf den Lippen, als seine Sensoren die Detonation meldeten und den Abschuß des vorletzten Hovers. "JA!", schrie er und schlug mit der Flachen Hand auf die Konsole.
"Letztes Ziel: Entfernung 5300 Meter." Sagte Eric.
Jann arbeitete fieberhaft an den Sensoren.
"Fünftausendfünfhundert!", drängelte Eric!"
"Zielkontakt!"
Jason feuerte.
"Ziel außer Reichweite.", meldete Eric trocken.
Bange Augenblicke vergingen, in denen alle die Luft anhielten. Jann sah auf dem FLIR-Schirm den Hover.
Plötzlich, riß etwas das Heck des Minenlegers auf und schleuderte ihn gegen eine Düne. Dort blieb das rauchende Wrack liegen, bsi sich der Treibstoff entzündete und der Hover explodierte.
"Ja!", rief Jason und die Crew jubelte.
Chuck grinste, als der seine Teammitglieder beruhigte und neue Befehle gab. "Jacques, Abor, wir landen hier. Schaltet den Antrieb aus, ich will nicht noch mehr Aufsehen erregen, falls noch jemand kommt. Jann, geh wieder auf das passive Radar.
Ich mache Meldung an das HQ und schildere die Lage. Wir brauchen eine Minenräumeinheit, bevor die anderen kommen können.", sagte er, bevor in der Kabine die Lichter erloschen und sich die Simulatorkanzeln öffneten. Jann spürte, wie er nach und nach aus den Synchronstufen geschoben wurde, und die "echte" Wirklichkeit fiel langsam in sein Bewußtsein zurück.

Die Crew saß auf der Bank vor dem Zimmer des Prüfungskommitees. Alle waren in guter Laune, denn keiner glaubte, daß sie nicht bestanden haben. Das zufriedene Lächeln des Captains und des Prüfers gaben ihnen diesbezüglich genug Hoffnung. Nur Chuck saß etwas gedankenverloren da und schien über irgendetwas nachzudenken.
"´ey, Engländerr. Was trübt Deine Gedanken so übel, daß Du aussie´st, wie ein nasses Croissant ?", fragte Jacques unvermittelt.
Chuck schreckte hoch. "Was? Oh, ich habe nur über eine Szene in der Simulation nachgedacht."
"Was schlimmes?" hakte Jann nach.
Chuck lächelte. "Nein. Ich frage mich nur: Die Realität in den Simulatoren war so umfassend, daß keiner von euch Zweifel hatte, tatsächlich in einem Panzer zu sitzen, oder? Ihr habt alle die Beschleunigung gespürt, den Andruck bei harten Kurven und so weiter."
"Ja, aber die Kapseln sind ja auch hydraulishc voll beweglich.", entgegnete Abor.
"Das stimmt, und ich kann mir auch vorstellen, daß, wenn sie kippt, wir glauben, einem ständigen Druck von Drei G ausgesetzt zu sein. Dennoch glaube ich, daß vieles von den Dingen in unser Hirn simuliert wird. Außerdem erklärt das nicht die Hitze oder den Druck in den Ohren, wenn die Waffen abgefeuert werden. Die Kapseln besitzen kein Soundsystem, und auch keine Heizung, die die Kapsel in Sekundenschnelle so sehr aufwärmt. Uns wird ja nicht nur simuliert, daß wir in einem Panzer sitzen und mit dem System und den Sensoren gekoppelt sind. Uns wird ja vorgegaukelt, daß wir tatsächlich alle in der Kabine eines Panzers sitzen und die komplette Umgebung wahrnehmen. Wir sind alle miteinander gekoppelt. Wir können uns sehen und die Inneneinrichtung der Kabine. Ich meine, wir sind auf der letzten Synchronstufe, doch im Panzer sind wir es doch nicht. Ich konnte meinen Sitz verlassen und zu Eric gehen, der neben mir zu sehen war, als wäre er da. Ich habe sogar das Kabel aus meiner Datenbuchse gezogen."
Die anderen schwiegen und hörten ihm erstaunt zu.
"Eric, als ich Dich an der Schulter berührte, hast Du das gespürt?"
Eric zuckte mit den Schultern. "Ich denke schon. In dem Moment war ich sehr benommen und konnte meinen Sinnen nicht unbedingt glauben schenken, wegen dem Auswurfschock."
"Aber Du hast auf mich reagiert.", folgerte Chuck. "Als ich Dir das Stimpfalster auf den Nacken kleben wollte, hast Du mich zurück gehalten und mir gesagt, daß es nicht nötig wäre, weil es Dir schon besser ginge."
Eric sah ihn seltsam an. Er ahnte, worauf Chuck hinaus wollte.
"Ich frage mich," fuhr Chuck fort, "ob das Pflaster gewirkt hätte. Meine Güte: Ich konnte euch alle sehen, als wäret ihr da gewesen, ich konnte euch sogar riechen! Wie machen die das? Sind Kameras und Sensoren in den Kapseln installiert? Oder greifen die auf die Erinnerungen unseres Bewußtseins zurück? Sie haben sogar einen Auswurfschock bei Eric simuliert, als die Drohne abgeschossen wurde, mitten in einer Simulation. Und die Folgen waren genauso schlimm wie bei einem echten Auswurf. Demnach hätte das Pflaster wirken müssen."
"In den Kabinen sind aber Medikits, für den Fall, das etwas passiert oder so.", warf Jason ein.
"Und?", fragte Chuck, "Wie hätte ich die Kabine verlassen können, zu Eric gehen können und ihm das Pflaster aufkleben, ohne die Simulation zu verlassen."
Wieder Schweigen.
"Versteht mich nicht falsch. Ich bin erstaunt, begeistert. Obwohl die Technik perfektioniert ist und weltweit in gebrauch, haben wir uns so daran gewöhnt, daß uns so etwas nicht auffällt. Ihr wart so in der Simulation der virtuellen Welt versunken, daß ihr darüber gar nicht nachgedacht habt. So echt war das für euch! Ihr habt es für realistisch gehalten, echter als das Leben. Es ist unglaublich! Aber irgendwie auch unheimlich."
"Du hast nicht ganz recht, wenn Du behauptest, wir würden nicht darüber nachdenken.", korrigierte Jann. "Zumindest geht es mir so. Jedesmal, wenn sich meine Umgebung auflöst, nur um eine andere zu sein, frage ich mich, wie man so etwas bewerkstelligen kann. Letztendlich ist das ganze Geheimnis, so aufwendig es technisch gesehen auch sein mag, daß man direkt auf den sensorischen Bereich des Gehirns Klavier spielt.
So könnte man auch jemanden glauben machen, daß er in siedendem Öl gekocht wird. Nur denke ich über das Phänomen nicht mehr nach, wenn wir erstmal in der Simulation gefangen sind.
Heute war unsere Prüfung. Ich hatte genug damit zu tun, die Ziele aufzuspüren und nicht abgeschossen zu werden."
"Typisch Decker.", witzelte Jason. "Du hast Dich schon immer sehr für Computertechnik interessiert. Ohne zu übertreiben denke ich, das Du der beste in der ganzen Truppe bist, wenn es um Computer und Decks geht. Deswegen beschäftigt Dich das wohl auch so. Warum informierst Du Dich nicht bei den Spezailisten hier, die die Programme überwachen und die Geräte warten? Sicher sind die gerne bereit, Dir einen sehr langen und ermüdenden Vortrag darüber zu halten." Bevor Chuck noch etwas erwidern konnte, ging die Tür auf und einer der Männer von der Prüfungskommission trat heraus.
"Charles McBride, sie können reinkommen.", sagte er. Dann schüttelte er den Kopf. "Eigentlich können sie alle reinkommen. Die Bewertung ist hervorragend ausgefallen. Unnötig zu sagen, daß keiner von ihnen durchgefallen ist." Der Mann trat wieder durch die Tür und bedeutete den anderen, ihm zu folgen.

"Die allgemeine Bewertung liegt bei 180 Punkten für das Bestehen der Prüfung und 250 Punkte als die höchste zu erreichende Punktzahl.", erklärter der Kommisioner. "Ich kann ihnen mit meinen besten Glückwünschen mitteilen, daß sie alle mit Bravour bestanden haben. Die Gruppenbewertung für die Erfüllung der Arbeit als Team liegt bei 229. Sie sind erstaunlich gut eingespielt. Gratulation!
Auf ihren Bewertungsbogen stehen die genauen Angaben für die Bewertung der einzelnen Teammitglieder."
Ein Adjudant stand auf und ging um den Tisch herum, um den Prüflingen ihre Unterlagen zu geben.
"Keiner von ihnen liegt unter 205 Punkten und die höchste erreichte Bewertung liegt bei 238."
Die Teammitglider unterdrückten den Impuls, auf ihre Datenblätter zu schauen.
Chuck räusperte sich.
"Meine Herren.", begann er und Jann verdrehte die Augen. Sowas hatte er befürchtet. Chuck wird jetzt eine Rede halten, wie man es von einem Offizier und Gentleman erwartet und von einem Gruppenführer. Wahrscheinlich hat er mehr von dem Erbe seiner Familientraditionen mitbekommen, als er sich selber zugestehen würde.
Bevor Chuck weiterreden konnte, fiel ihm Jann ins Wort. Er war kein Freund von großen Ansprachen, aber abgesehen davon, daß er allen eine Rede von Chuck ersparen wollte, war er der Meinung, daß er den viel mehr Gründe hatte, seinen Dank auszusprechen.
"Ich denke" , unterbrach er den verdutzen Engländer, "daß es meine Pflicht ist, den Dank dafür auszusprechen, daß wir die Ehre hatten, unter Captain Hartmut und auf dieser Schule unsere Träume und Fähigkeiten zu verwirklichen. Und für das Vertrauen, daß in uns von Ihnen gelegt wurde. Ich hätte nicht mit einer solch hohen Bewertung gerechnet und, ganz ehrlich, bis vor einiger Zeit hätte ich nicht einmal geglaubt, daß ich es überhaupt soweit bringen würde.
Sicher, man hat mir oft gesagt, daß ich ein natürliches Talent für das Fliegen besitze, und ich war selber von mir der Meinung, daß ich dafür berufen bin. Aber die Schulung erwies sich für mich mitunter manchmal als sehr schwierig und wie sie sicher wissen hätte ich die eine oder andere Prüfung niemals bestanden, wenn ich nicht meine Kameraden hinter mir gehabt hätte, die mich immer wieder durch das Training zogen und mir halfen, wie schlecht es auch aussah. Und ohne Captain Hartmut, der an meine Fähigkeiten geglaubt hat.
Der Dank für meine Leistungen liegt also nicht alleine bei mir, sondern bei Chuck, unserem Gruppenführer, meinen Kameraden und bei unserem Ausbilder."
Im Raum blieb es still.
Keiner sagte etwas, Die Prüflinge sahen erstaunt zu Jann und die Kommissionsmitglieder ebenfalls.
Der Captain hatte einen nicht minder überraschten Ausdruck auf dem Gesicht, zu dem sich auch noch ein stolzes Lächeln schlich, daß er nicht mehr verbergen konnte.
Jann wurde nervös. Er überlegte, ob er mit seiner Rede nicht irgendwie gegen eine Etikette verstoßen oder was falsches gesagt hatte.
Einer der Männer am langen Tisch lächelte.
"Jann Reuter. Ihre Ansprache bestätigt uns nur, daß unser Vertrauen in Ihre Fähigkeiten nur gerechtfertigt war. Und natürlich wußten wir von ihren Problemen während der Schulung am Helikopter. Aber der Teamplay in Ihrer Einheit und die persönlichen Leistungen von jeden von Ihnen sprechen für sich."
Der Kommissioner lächelte und nickte. "Wir freuen uns für sie und hoffen, daß ihre Leistungen für die Einheit und den Konzern weiterhin so hervorragend sein werden. Das Lob gebührt also Ihnen." Er ordnete seine Unterlagen und lächelte die Crew noch einmal an. "Ich wünsche ihnen noch viel Spaß bei der Feier."
Die Prüflinge verließen das Zimmer.
"Was war das denn eben?", fragte Chuck immer noch erstaunt. Jann faßte das falsch auf und sah verlegen auf seinen Bewertungsbogen.
"Tut mir leid, wenn ich Dich da drinnen irgendwie lächerlich gemacht haben soll.", entschuldigte er sich. "aber ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich bin der Meinung, daß ich eine so gute Bewertung gar nicht verdient habe."
Jetzt schien Chuck tatsächlich ein wenig sauer zu sein. Auch die anderen seufzten.
"Das ist es nicht. Besser hätte ich es kaum ausdrücken können. Ich hab Dir so etwas nur nicht zugetraut. So kennen wir Dich gar nicht. Tatsächlich war ich positiv überrascht.
Und das mit Deinen Leistungen:" er nahm Jann den Bewertungsbogen aus der Hand. "Leistung kommt nur von Dir selbst. Sicher, wir haben Dir geholfen, wo wir konnten, wann immer es nötig schien. Und wir würden es wieder tun. Nicht nur, weil wir wissen, daß Du dies auch ebenso für uns getan hättest. Aber es zählt, was Du daraus gemacht hast. Ohne Deinen Willen und Deine Verbissenheit wären unsere Mühen umsonst gewesen. Diese Lorbeeren hast Du Dir alleine verdient." Er hielt Jann seinen Bogen vor das Gesicht. "Hast Du Dir schon mal Deine Bewertung angesehen?"
Jann hob seinen Kopf zurück, damit er sein Datenblatt besser betrachten konnte.
Unten, in der Fußzeile standen die Bewertungstabellen, welche Zahl man erreichen mußte, um zu bestehen, was die höchste zu erreichende Puntkzahl war. In der Mitte stand das Namensfeld des Piloten und Offiziers und zwei Zeilen darunter die Bewertungspunktzahl.
Janns Augen weiteten sich.
"Zweihundertachtunddreißig?!" keuchte er. "Ich habe 238 Punkte?"
"Von Zweihundertfünzig maximal zu erreichenden.", kommentierte Chuck. "Ich selber habe 233 Punkte."
"Zwei´ündertneunze´n.", sagte Jaque und grinste Jann an. "Das ischt meine Pünktza´l."
Außer Jason, der 234 Punkte erreicht hatte, war keiner besser benotet. Jann besaß mit Abstand das höchste Ergebnis.
Ihm wurde schwindelig. Und er bekam dieses Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht.
"Aber warum habe ich denn soviel?"
"Idiot!", knurrte Chuck. "Wegen Deiner Leistung vielleicht? Überleg mal: Das Szenario war sehr schwierig. Ich weiß nicht warum. Vielleicht wollten sie uns ein wenig härter drannehmen. Vielleicht war es in dem Szenario gar nicht vorgesehen, die restlichen Einheiten zu entdecken, so daß man sich entweder mit den Minen oder mit den mobilen FLARAK-Einheiten außeinander setzten muß. Wie auch immer, Du hast sie entdeckt.
Das ist es was ich meinte! Vielleicht hast Du eine Menge Mist gebaut, vielleicht brauchst Du manchmal einen Tritt in den Hintern. Aber wenn Du das erstmal geschluckt hast, nutzt Du Deine Fähigkeiten voll aus. Du gibst nicht nur Dein bestes, sondern alles, ob in einer Prüfung oder sonstwo. Du denkst nicht einmal darüber nach, Du tust es einfach." Chuck seufzte.
"Ich habe Dich oft darum beneidet. Du kämpfst mehr mit Intuition und Instinkt. Und hier hast Du gelernt, wie Du Deine Erfahrung und Deine Fertigkeiten mit einbeziehst, ebenso mühelos. Deine Zweifel und Deine anfängliche Frustration über Deine Mängel ist völlig unangebracht."
"Du bist nun einmal ein Guter Pilot.", bestätigte Abor. "Oder willst Du behaupten, die Kommission vergibt ihre Punkte ungerechtfertigt?"
Jann schüttelte den Kopf. "Dennoch habe ich euch eine Menge zu verdanken. Ohne solche Freunde kommt man hier nicht sehr weit."
Chuck wollte etwas erwidern, hielt sich dann aber zurück. Er schätze Leistung und die Fähigkeit, sich dessen bewußt zu sein und sie entsprechend einzusetzen. Bescheidenheit kam ihm diesbezüglich falsch vor und ärgerte ihn. Allerdings, so gestand er sich zu, war sein Neid und seine Reaktion auch nur ein Produkt der Geschichte seiner Familientradition. Bis zum Großvater hin waren alle männlichen Nachfahren Fliegerpiloten gewesen und folgten einer militärischen Tradition, die sich auch in der familären Struktur deutlich zeigte. Und immer wurde das höchste vom Nachfolger verlangt. Bei den McBrides versagte man nicht oder verkroch sich. Chuck hatte sich oft gewünscht, dies ebenso locker angehen zu können wie Jann, ohne dabei an die Erwartungen zu denken, die man an ihn stellte. Jann stellte Erwartungen nur an sich selbst.
Letztendlich ist Chuck nur hier her gekommen, um diese Freiheit zu haben. Wäre er in England geblieben und hätte seine Ausbildung dort begonnen, wäre vielleicht alles anders gekommen. Er war von der Hilfe und ungezwungenen Art seiner Kameraden ebenso abhängig gewesen wie Jann, wenn auch mehr unbewußt.
Keiner aus dem Team konnte sich über seine Bewertung beklagen oder den anderen beneiden. Jeder lag weit über dem Durchschnitt und damit standen ihnen einige Türen sehr weit offen.
"Wir sollten das feiern.", bemerkte Eric. "Es bringt nichts, über Bescheidenheit oder falsche Lorbeeren zu diskutieren. Wir haben es geschafft und wissen auch warum. Wer darauf einen trinken will, sollte mir in die Messe folgen!"
Das Team stimmte jubelnd zu und lief durch die Gänge zu den Messeräumen, wild mit ihren Bewertungsbögen winkend.
Einige Neuankömmlinge, noch immer in der Mangel des unerbittlichen Sergeant aus der Grundausbildung, schauten ihnen, teils verwundert, teils neidisch hinterher.


Hagen und Susanne saßen auf der Tribüne. Der Vater hielt seine Tridcam in der Hand und filmte die jungen Offiziere in ihren Paradeuniformen, während die Mutter mit feucht glänzenden Augen nach einem neuen Taschentuch in ihrer Handtasche suchte.
"Siehst Du ihn?", fragte Hagen Reuter, der mit dem Zoom seiner Kamera mittlerweile den Überlick verloren hatte.
"In der ersten Reihe.", half Susanne ihrem Mann. "Der elfte von Rechts. Neben dem Afrikaner."
Hagen strich mit der Cam verwirrt über die Menge
"Da ist...Ah. Ich hab ihn!" freute sich Hagen nach einigem suchen.
In ordentlicher Reihe, in quadratischer Formation standen die Piloten auf dem Platz. Vor ihnen auf einem Podest stand der General der Streitkräfte Fuchis und hielt eine Rede.
Mit starren, geradeaus gerichtetem Blick hörten die Offiziere scheinbar teilnahmelos zu.
Der General beendete seine Rede und wurde mit einem Applaus von der Tribüne belohnt. Die Einheit salutierte zackig.
Dann trat Captain Hartmut vor das Podest und hielt eine recht persönliche Rede zu seinen Schützlingen.
Sie war nicht lang, aber sie war eindrucksvoll und bewegend.
Als er zum Schluß seiner Rede kam, rief er einen Befehl und die gesammte Einheit salutierte wie eine einzige Person.
"Rührt euch!", rief er als letztes.
"Mit Vergnügen, Sir!", rief die Mannschaft zurück. Daraufhin nahmen alle ihre Mützen vom Kopf und warfen sie mit lautem Gejubel hoch in die Luft. Die Eltern, Verwandten, und Freunde auf der Bühne applaudierten.
Hagen und seine Frau standen auf und gingen die Treppe der Tribüne hinunter auf den großen Platz.
Ihr Sohn kam ihnen mit einer zerknautschten Mütze in der Hand und einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht entgegen.
"Jann!", rief seine Mutter und breitete die Arme aus. Er umschlang ihre Taille und hob sie mühelos hoch.
"Nicht Jann!", lachte sie atemlos, als sie keine Luft mehr bekam. Er ließ sie wieder runter und machte Anstalten, dies bei seinem Vater zu wiederholen. "Ich warne Dich, Freundchen...", sagte er mit drohender Stimme und hob den Zeigefinger. Jann grinste nur und hob ihn ebenso an.
"Meine Güte!", keuchte sein Vater, als er ihn wieder auf den Boden stellte. "Du wirst immer stärker!"
"Ich trainiere.", sagte Jann. "Wir müssen fit bleiben. Schön, daß ihr gekommen seid!"
Hagen legte den Arm um ihn und ging mit ihm über den Rasen. "Das ist doch wohl selbstverständlich!
Deine Ehrung konnten wir doch auf keinen Fall verpassen!" Er zeigte auf den goldenen Streifen auf Janns Schulter. "Welchen Rang bekleidest Du jetzt?"
"Second Lieutenant.", antwortete Jann und straffte seine Schulter. "Ab heute darf ich offiziell fliegen!"
Seine Mutter hakte sich bei ihm ein. "Was kommt jetzt?", fragte sie. "Kommst Du nach Hause? Oder wirst Du irgendwo in den Dienst gesetzt?"
"Wir haben alle erstmal eineinhalb Monate Urlaub."
"Soviel?", wunderte sich sein Vater.
Jann grinste. "Einen Teil davon haben wir uns aufgespart. Aber wenn der vorbei ist, werden wir in die Wüste Gobi geschickt. Dort beginnt unser erster Einsatz."
"Ist da denn etwa Krieg?" fragte Susanne ihren Sohn bestürzt.
"Aber nein. Dort gibt es des öfteren kleine Geplänkel. Aber es gehört mit zu der Ausbildung, wenigstens Zwei Jahre im aktiven Dienst zu dienen. Piloten werden immer gebraucht."
Bevor seine Mutter oder sein Vater etwas über ihre Besorgnis äußern konnten, zog Jann die beiden weiter.
"Kommt! Ich muß euch einigen Leuten vorstellen!"
Ein wenig erschrocken sahen die beiden Eltern zu, wie er sie zu einer Gruppe anscheinend ziemlich hoher Offiziere zerrte. Bei ihnen stand ein junger Mann mit dem gleichen Rang wie Jann.
Er blieb vor der Gruppe stehen und salutierte. "General Melkamp, Captain Hartmut, darf ich ihnen meine Eltern vorstellen: Susanne und Hagen Reuter." Er zeigte auf seine eingeschüchterten Eltern.
Sein Vater wußte nicht, ob er salutieren oder ihnen einfach die Hand geben sollte. Der General kam ihm zuvor. Er nahm die Hand von Janns Mutter und deutete einen Kuss an und eine leichte Verbeugung, dann gab er Hagen die Hand und schüttelte sie kräftig. "Meine Dame, Herr Reuter, freut mich sie kennen zu lernen. Wie ich gehört habe, ist ihr Sohn ein talentierter Pilot."
"Vielen Dank.", antwortete die Mutter schüchtern.
"Das ist mein Adjudant Quint.", stellte der General vor. Quint tat es seinem General nach und grüßte die beiden. "Es ist mir eine Ehre."
"Und das ist Captain Hartmut, der Ausbilder dieser Einheit." Captain Hartmut trat vor und gab den beiden Eltern von Jann ebenso würdevoll wie der General zuvor die Hand.
"Sie können ohne Bescheidenheit stolz auf ihren Sohn sein.", sagte er. "Er und seine Kameraden haben die besten Noten in der Endprüfung bekommen."
"Sie entschuldigen mich,", unterbrach der General freundlich. "Ich muß noch einigen Leuten die Hände schütteln."
Die kleine Gruppe sah zu, wie der General und sein Adjudant sich von ihnen entfernten und über den Platz schritten.
"Herrje.", flüsterte der Vater. "Warne mich das nächste mal vor, wenn Du uns irgendwo hin schleppst. In Gegenwart von Hohen Tieren werde ich immer nervös. Oh, Entschuldigung!"
Hagen Reuter wurde rot, doch Captain Hartmut lächelte nur. "Kein Problem. Ich kann das nur allzu gut verstehen." Er reichte den beiden Eltern noch einmal seine Hand. "Leider muß ich mich jetzt auch entschuldigen und der gleichen Beschäftigung wie General Melkamp hingeben." Er zwinkerte Susanne zu.
"Sonst bekomme ich im nächsten Jahr keine Gefälligkeiten mehr."
Jann und Chuck lachten, die Eltern grinsten nur unbehaglich.
Als der Captain in der Menge verschwunden war, sah Hagen unsicher zu seinem Sohn. "Habe ich jetzt was falsches gesagt? Ich hoffe doch nicht, daß ich Dir in irgendeiner Weise Ärger gemacht habe!"
Jann winkte ab. "Absolut nicht. Das sehen die nicht so eng. Besonders der Captain nicht. Ich denke, sie sind ganz froh, auch mal auf Zivilisten zu treffen, oder generell auf Menschen, die ihnen nicht gleich in den Hintern kriechen wollen."
"Na dann ist ja gut."
Endlich kam Chuck dazu, sich den Eltern vorzustellen. "Ich bin der Teamleiter in Janns Gruppe. Wir beide haben die ganze Ausbildung zusammen durchgezogen."
"Eigentlich hat er mich da durch gezogen. Ohne ihn und einige andere Freunde wäre ich noch nicht so weit gekommen."
Chuck lächelte und winkte ab. "Er ist ein recht annehmbarer Pilot.", sagte er zu den Eltern und grinste Jann an. "Aber manchmal brauchte er einen Tritt, der ihn in die richtige Richtung schiebt."
"So in etwa.", gab Jann zu. Er war froh, daß mal jemand nicht seine herrausragenden Fähigkeiten vor seinen Eltern lobte. Das machte zwar unheimlich stolz, aber er hatte auch das Gefühl, zu viel davon würde ihm zu Kopf steigen.
"Ich möchte sie beide meinen Eltern vorstellen.", sagte Chuck und deutete den beiden, ihm in die Menge zu folgen. "Ms und Mr. Colonel McBride."
"Colonel?", fragte der Vater erschrocken und seine Augen weiteten sich.
"Chucks Eltern sind sehr berühmte Offiziere in England. Alles Piloten.", erklärte Jann und hakte sich wieder bei seiner Mutter ein.
"Oh je.", seufzte der Vater.

Nach den offiziellen Feierlichkeiten blieben Janns Eltern noch einen weiteren Tag Seatte und fuhren dann mit Jann zusammen vom Hotel zum Flughafen.
Als sie wieder in Hannover waren, bestand Jann darauf, das Schuttle zu fliegen.
Seine Eltern stimmten widerwillig zu, nicht weil sie seinen Flugkünsten nicht trauten, sondern weil es ein ungewohntes Gefühl wäre, ihren Sohn in der Pilotenkanzel zu wissen.
Mit gutem Zureden von Jann und seinem Pilotenschein sowie einer freundlichen Summe aus Hagens Kredstab war auch der Pilot überzeugt.
Er hatte sowieso keine große Lust zu fliegen, das hatte er schon den ganzen Tag getan. Aber es war auch nicht unbedingt erlaubt, Passagiere fliegen zu lassen. Er stimmte dem nur zu, wenn er im Cockpit blieb und sich ebenfalls einklinkte.
Jann flog den Chopper zur Fuchi-Arcologie, ohne irgendwelche Probleme oder Zwischenfälle und setzte das Flugzeug sicher und weich auf dem Landedeck auf.
"Nicht schlecht.", lobte der Pilot. "Warst Du in der Flugschule Ingolstadt?"
"Seattel Flightcamp. Militärische Flugschule.", korrigierte Jann.
Der Pilot nickte. "Erklärt einiges."
Jann und seine Eltern stiegen aus dem Chopper und fuhren mit dem Lift zu ihrem Sektor.
Er hatte vor, drei Wochen in Hannover bei seinen Eltern zu bleiben und einigen alten Freunden Besuche abzustatten. Auch jemand besonderem.
Danach wollte er mit seinem Team einen gemeinsamen Urlaub in Hawai´i antreten.

Suzi hatte das Gefühl, ein Dejavú zu erleben, als die schwere Maschine neben ihr zum stehen kam.
"Jann!" rief sie erfreut. "Meine Güte! Dich habe ich ja lange nicht mehr gesehen! Was machst Du hier?"
Jann grinste und setzte ihr einen Helm auf. Sie nahm die Hände hoch, um rechtzeitig ihre langen Haare nach hinten zu streichen und den Sitz des Integralhelms zu korrigieren. "Steig auf.", sagte er.
Als sie mit dem Motorrad über die Autobahn fuhren, nahm Suzi das Gespräch wieder auf.
"Vielen Dank für Deine Karten. Tut mir leid, wenn ich nicht so oft zurück schreiben konnte. Meine Ausbildung zur OP-Helferin haben mich ganz schön in Anspruch genommen."
"Ist nicht so wild.", sagte Jann. "Ich hatte selber oft genug alle Hände voll zu tun. Die Ausbildung war kein Zuckerschlecken."
"Bist Du denn jetzt durch?"
"Ein vollwertiger Pilot.", verkündete er stolz. "Ich kann und darf jetzt von der Drohne bis zum Vektroschub alles fliegen."
"Dann hast Du jetzt Urlaub? Übrigens, Du hast mir noch einen Rundflug mit einem Hubschrauber versprochen!"
"Kein Problem.", Jann fuhr auf die Ausfahrt und bog in die Innenstadt ab, wo Suzi wohnte. "Ich hätte nichts dagegen, wenn wir uns ein wenig öfter sehen würden. Ich bleibe hier wenigstens Drei Wochen. Vorrausgesetzt, Du willst das."
"Warum nicht?", erwiderte sie. "Wer hat schon einen Piloten zum Vorzeigen?"
"Frauen.", murmelte Jann. "Alle gleich."
Suzi schlug ihm scherzhaft an den Helm und Jann kicherte.
Er wollte das Motorrad an der selben Stelle halten wie das letzte mal, als er sie nach Hause gefahren hatte, aber Suzi bedeutete ihm, weiter zu fahren. Jann tat, wie ihm geheißen. Er wollte nach Josef fragen, fand das jedoch nicht angebracht. Nicht, wo er sie heute zum ersten mal seit langem wieder sah.
Die schwere Maschine hielt vor ihrer Wohnungstür.
Suzi stieg ab und reichte Jann den Helm, während sie ihre verwüstete Frisur ordnete.
"Hättest Du morgen Zeit?", wagte Jann einen Versuch. "Den Helikopter muß ich erstmal mieten, das kann ein wenig dauern, aber vielleicht könne wir morgen irgendwo hinfahren."
Suzi schüttelte den Kopf. "Morgen habe ich Schulung, und danach Spätschicht." Sie zeigte auf die BMW Blitzen. "Wie lange hast Du das Motorrad noch?"
"Solange ich will.", antwortete Jann. "Es ist meins."
Suzis Augen leuchteten "Im Ernst?"
Jann grinste. "Es war zum Teil ein Geschenk meiner Eltern. Den anderen Teil habe ich von meinem angesparten Sold bezahlt. Viele Ausgaben hatte ich ja nicht."
"Meine Güte.", hauchte sie. Das schwere Motorrad gefiel ihr und es mache Spaß, darauf zu fahren, wenn auch nur als Sozius.
"Wenn es Dir passt, können wir gerne übermorgen was unternehmen."
Auf Janns Gesicht breitete sich ein ungläubiges Lächeln aus. "Ja?"
"Natürlich.", grinste Suzi. "Du kannst mich von der Arbeit abholen und wir gehen dann was essen. Die Kantine kann ich sowieso nicht mehr sehen. Und außerdem gibt es da einen Ort, den ich schon lange nicht mehr besucht habe."
"Also dann bis Dienstag.", besiegelte Jann schnell, aus einer profanen Angst heraus, sie könnte es sich wieder anders überlegen. "Soll ich meine Uniform anziehen? Frauen stehen auf Männer in Uniform, habe ich gehört."
"Ist nicht nötig.", entgegnete sie. "Was sommerliches wäre angebrachter. Bis Dienstag also. Und sei pünktlich!"
Jann winkte zum Abschied mit beiden Armen und fuhr dabei los. Er winkte auch noch, als er um die Ecke fuhr, so daß es aussah, als würde das Motorrad ihn stürmisch mitziehen. Suzi lachte, als sie zu der Tür des Hochhauses ging.
Jann nahm wieder den Weg über die Autobahn, auch wenn es ein Umweg war. Die BMW war brandneu und er wollte sie einfahren. Außerdem war es einfach ein tierisch gutes Gefühl, mit solch einer Maschine über die Straße zu schweben.
Ist nicht nötig, hatte sie gesagt, als er andeutete, daß Frauen auf Uniformen stehen und er seine anziehen wollte, auch wenn das nur zum Scherz gemeint war. Ob das irgendwas zu bedeuten hat?

Suzi wartete wie versrpochen vor dem Krankenhaus auf ihn. Sie trug einen weißen, knielangen Rock mit hellblauem Blumenmußter und ein weißes Top mit Spaghettiträgern unter ihrer hellblauen Sommerjacke. Die gleichfarbigen gerollten Strüpfe und die weißen Turnschuhe betonten ihre braunen und wohlgeformten Unterschenkel. Ihre blonden Haare trug sie offen, lediglich mit einem Haarreif zurückgehalten.
"Den solltest Du vielleicht besser abnehmen, wenn Du den Helm aufsetzt.", bemerkte Jann, während er sie bewunderte. Bisher hatte er sie meist nur in ihrer Arbeitskleidung gesehen. Anscheinend mochte sie auch privat die Farbe weiß. "Du siehst wundervoll aus!"
Suzi kicherte. "Danke gleichfalls. Das Hemd steht Dir."
Jann sah zu seinem Khakifarbenen Hemd herunter. Zusammen mit der schwarzen Hose und der Anthrazitblauen Sommerjacke war er nach Suzis empfehlung sommerlich genug gekleidet, fand er.
Er hatte auch auf die Motorradstiefel verzichtet und trug stattdessen elegante Halbschuhe, um sein modisches Gesamtbild nicht zu beeinträchtigen. Er würde es niemals vor anderen zugeben, aber für diesen Anlass hatte er sogar den Rat seiner Mutter eingeholt. Für diesen Tag wollte er so wenig wie möglich dem Zufall überlassen.
"Wo geht es hin?", fragte er durch das Intercom im Helm, als Suzi hinter ihm Platz nahm.
"Oh Nein!", sagte sie und versteifte sich hinter ihm.
"Ist das ein Lokal?", fragte Jann scherzhaft. Als sie auf den Witz nicht reagierte sah er nach hinten. Suzi saß da, mit einer Miene, die Verärgerung und Frustration gleichermaßen ausdrückte. Jann folgte ihrer Blickrichtung und sah einen großen Jungen Mann, der auf das Motorrad zuging. Er war blond und sah recht gut aus. Er trug ein Designerhemd und Hosen aus echter Seide.
Jann erkannte ihn wieder.
"Josef?", fragte er.
Suzi nickte.
Jann stutzte. "Wart ihr verabredet?"
"Natürlich nicht.", sagte sie, als wäre das völlig abwegig. Jann beruhigte sich ein wenig. Für einen Moment dachte er schon, Suzi hätte ihn mit einer anderen Verabredung durcheinander gebracht.
Anscheinend wollte Joseph sie überraschend abholen. Jann hoffte nur, daß dies jetzt kein Ärger gab und ihm den Tag mit Suzi vermieste.
Jann nahm den Helm ab und legte ihn auf die Amaturen. "Lass mich das regeln!", mahnte Suzi ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Ich wollte doch gar nicht…"
Josef hatte das Motorrad erreicht und griff nach Janns Jacke. Er zog ihm von dem Sitz und packte dann den Kragen seiner Jacke mit beiden Händen.
Jann war viel zu verdutzt, um darauf zu reagieren.
"Das erklärt natürlich alles!", knurrte Josef wütend. "Jetzt gibst Du Dich schon mit solchen Pseudo-Piloten ab?!"
"Josef! Lass ihn bitte in Ruhe!", sagte Suzi. Ein anflug leichter Panik schwang in ihrer Stimme mit. "Er hat damit überhaupt nichts zu tun! Und das weißt Du auch!"
"Ach nicht?", hönte er und sah Jann ins Gesicht. "Hälst Dich jetzt für einen knallharten Burschen, wie? Glaubst Du das beeindruckt sie in irgendeiner Weise? Glaubst Du das beeindruckt etwa mich?"
"Lass mich los.", sagte Jann mit ruhiger und vernünftiger Stimme. "Ich will keinen Streit mit Dir."
Josef lachte. "Der einzige der Ärger macht, bist Du!"
"Bitte.", beschwörte Jann, so ruhig er konnte. Er fühlte sich eigentlich ganz anders, dachte aber, daß Vernunft im Moment die bessere Alternative wäre. Außerdem wollte er sich auf keine Prügelei mit Suzis Freund einlassen. Nicht vor ihren Augen. Und nicht heute. "Wir können das anders regeln.", beschwörte er ihn "Lass uns einfach vernünftig sein, Okay?"
Josef antwortete nicht. Stattdessen schlug er zu.
Jann blockte den Schlag nach oben ab und sprengte den Griff.
Völlig überrascht über diese schnelle Reaktion stolperte Josef einen Schritt nach hinten und sah auf Jann.
"Hör mal.", begann Jann wieder. "Ich will wirklich nicht…"
Josef stürzte sich wieder auf ihn. Er versuchte eine Gerade auf Janns Gesicht. Jann wich einen Schritt zur Seite und packte den Arm und zerrte ihn Josef an seinem Körper vorbei.
Mit einem keuchen stolperte Josef vorwärts und blieb erst nach einige Metern stehen.
Er drehte sich um und sah Jann zornerfüllt an. "Reiz mich nicht, Du Wichser!", brüllte er und ging schon wieder auf Jann los. Diesmal nahm er vorher eine Haltung ein, die wie die Grundstellung einer Kampfsportart aussah.
Jann erkannte sie. Er hatte die Tridserie früher auch gerne gesehen. Mit dem Unterschied, daß er nie versucht hatte, die Tricks, die der Ki-Adept dort vorführte, wirklich apzukupfern.
Er seufzte. Der Typ will einfach nur Streit. Und egal, was Jann tun würde, Josef würde dies wieder als Provokation sehen und ihn angreifen.
Also gut, dann eben so.
Josef griff wieder an, indem er mit einen Handkantenschlag auf Janns Hals zielte.
Er keuchte erschrocken auf. Seine Augen quollen ihm aus den Höhlen und sein Gesicht wurde rot, als er mit einem atemlosen Stöhnen zu Boden ging. Er hatte weder gesehen, wie Jann seinen Schlag pariert hatte, noch wie er ihn in den Magen geboxt hatte.
Jann stand immer noch in der Abwehrhaltung da, seine linke Faust in Hüfthöhe geballt.
Er drehte sich zu der erschrockenen Suzi um. "Es tut mir leid.", sagte er. Hinter ihm übergab sich Josef. "Ich wollte keine Prügelei, aber er ließ sich einfach nicht beruhigen."
"Schon gut.", sagte Suzi leise. "Du kannst nichts dafür. Lass uns lieber losfahren."
Jann sah auf Josef, der nach seinem Atem ringte. "Sollen wir ihn hier liegen lassen?"
"Gleich hinter ihm ist das Krankenhaus!", sagte Suzi mit beherrschtem Zorn. "Wenn er sich besser fühlt, kann er ja da hin kriechen."
Der Wortlaut und die Schroffheit in Ihrer Stimme verwunderten ihn. Er wollte etwas erwidern, aber Suzis Miene verriet ihm, daß das im Moment keine gute Idee war. Er zuckte die Schultern, stieg auf das Motorrad und fuhr los.
Suzi schwieg eine ganze Weile und Jann merkte, wie er seinerseits ein wenig sauer wurde, weil das Auftauchen von Josef ihnen die Stimmung verdorben hatte.
Und dabei hatte er sich den Tag heute so wunderbar vorgestellt.

"Kennst Du das Casse Crouté?", fragte ihn Suzis Stimme nach einiger Zeit dumpfen Schweigens durchs Interkom.
"Diesen Nobeschuppen in der Innenstadt?", Jann überlegte kurz. "Ich denke schon. Soll ich da hin fahren?"
"Gerne" sagte sie knapp.
Die Stimmung war unbehaglich, obwohl Jann mittlerweile das Gefühl bekam, daß es Suzi weitaus unangenehmer war als ihm.
Als sie in dem kleinen, aber exquisiten Lokal ankamen, nahmen Er und Suzi schweigend Platz.
Einzig mit seinem kavalierhaften Verhalten, indem er Ihr den Stuhl zurückschob, damit sie Platz nehmen konnte, war ihr ein zaghaftes Lächeln abzuringen.
Der Kellner brachte ihnen die Karten und nahm die Bestellung für die Getränke entgegen. Jann bestellte sich eine Cola, Suzi einen Cappuchino.
"Es tut mir leid, daß Josef sich so bescheuert benommen hat.", sagte sie plötzlich, während sie mit dem Löffel in ihrer Tasse rührte. "Ich hätte nicht gedacht, daß er ausgerechnet heute vorbei kommt."
"Das muß Dir nicht leid tun.", sagte Jann sanft. "Du kannst nichts für sein Verhalten. Ich wußte ja schon früher, daß er einen Hang zur gewalttätigen Reakionen hat. Aber daß er so Jähzornig ist, wußte ich nicht."
"Hör bloß auf.", brummte sie. "Das ist viel schlimmer geworden!"
"Hat er Dich geschlagen?", fuhr Jann erschrocken auf.
Suzi schüttelte den Kopf und lachte humorlos. "Nein. Das würde er nicht tun. Obwohl ich mir da nicht mehr so sicher bin, nach seinem Verhalten die letzten Monate. Aber er ist auf jedes männliche Wesen eifersüchtig, daß auch nur in meiner Nähe steht."
"Aha.", sagte Jann versonnen. Er überlegte kurz, ob sie deswegen so bereitwillig mit ihm ausgegangen ist, aus einer Art Protest heraus. "Ich hoffe, das hat kein Nachspiel für Dich, weil ich ihn geschlagen habe."
Suzi stieß scharf Luft durch ihre Zähne. "Wenn der Kerl mir noch einmal ankommt, hole ich mir entweder eine Einstweilige Verfügung oder einen Taser." Sie nahm einen Schluck von ihrem Cappuchino. "Oder beides."
"Seid ihr denn nicht mehr zusammen?", fragte Jann vorsichtig und bereute gleich seine plumpe Frage.
"Schon seit Monaten nicht mehr.", gab Suzi zurück. "Der Kerl ist ein Arschloch."
Das wußte ich schon früher dachte Jann, sagte aber nichts.
"Er hat mich wie Dreck behandelt.", fuhr sie fort. "Und wenn ich dann heulend weggegangen bin, kam er immer wieder an und entschuldigte sich. Dann war er immer so lieb und charmant.
Irgendwann hab ich dann Schluß gemacht, weil ich auf das Spiel einfach keine Lust mehr hatte."
"Warum hast Du dann noch Kontakt zu ihm?", fragte Jann.
Suzi sah ihn an. "Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Das Dumme ist, daß er einfach nicht akzeptieren kann, daß es vorbei ist. Er kommt immer wieder an und versucht, mich umzustimmen. Ich bin langsam am Verzweifeln!"
"So wie heute.", bestätigte Jann.
Suzi nickte. "Er hat das schon öfter gebracht. Will mich vom Krankenhaus abholen, als sei nichts passiert. Er spricht mein Telekom voll und schickt mir Blumen."
"Soll ich mal mit ihm reden?" fragte Jann und versuchte im gleichen Moment herauszufinden, welcher Teufel ihn geritten hat, so etwas anzubieten.
Suzi lachte. Diesmal tatsächlich fröhlich und erheitert. "So sehr ich mir das auch ansehen würde, wie Du mit ihm "redest", aber das würde ja auch nichts ändern. Du würdest Dir nur selber eine Menge Ärger machen. Oder hast Du vergessen, wer sein Vater ist?"
Jann schüttelte den Kopf. "Der Leiter des Krankenhauses, in dem Du arbeitest."
Sie nickte. "Mittlerweile noch von einem weiteren. Ich hatte schon befürchtet, ich würde meinen Job verlieren, aber nichts ist passiert. Ich habe den einen oder anderen Professor reden hören, daß Howard mit den "Frauengeschichten" seines Sohnes nichts zu tun haben will. Zum einem verwöhnt er seinen Liebling nach Strich und Faden, zum anderen ist er fair und soviel vernünftiger als sein Sohn."
"Wer zwei Krankenhäuser verwaltet, sollte das auch sein." merkte Jann an.
"Wie auch immer.", beendete Suzi das unangenehme Thema. "Was ich Dich aber noch fragen muß: Was hast Du da mit Josef gemacht? Du warst so schnell, daß ich das kaum verfolgen konnte. Wo hast Du kämpfen gelernt?"
Jann grinste. "War ein Teil der Grundausbildung. Nachher in der Spezialausbildung wurden wir in weiteren Arten des Nahkampfes ausgebildet. Der Sergeant war ein Schinder. Er hat uns durch die Wälder gehetzt, Mehr Dreck fressen lassen als eine Kolonie von Würmern und mich auf die Matte geworfen, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte."
"Hatte er was gegen Dich persönlich?", erkundigte sich Suzi.
"Fürchte schon.", antwortete Jann. "Auf mich hatte er ein besonderes Auge. Aber das war wohl meine Schuld. Du kennst mich ja. Ich habe ein Faible dafür, mich in Schwierigkeiten zu bringen."
"Und andere.", fügte Suzi hinzu und zwinkerte ihn an.
Jann grinste. "Das Rollstuhlrennen." Er nippte an seiner Cola. "Du warst so sauer auf mich."
Suzi winkte ab. "Längst nicht so sehr, wie Du vielleicht dachtest. Sicher, die Eins ist die Hölle. Aber das Rennen war das spannenste, was ich seit langem auf der Chirurgie erlebt habe. Abgesehen davon war ich auch ein bisschen Schuld. Ich hätte Dich davon abhalten sollen."
"Hattest Du Angst, daß ich Josef verprügele?", spielte Jann auf das Thema davor an.
Suzi schüttelte den Kopf. "Deswegen hatte ich schon keine Angst, als Du das letzte mal wieder hier warst.
Hast Du Dich mal im Spiegel betrachtet?"
Jann sah auf seine muskulösen Oberarme. "Ja, ich weiß, was Du meinst. Mein Vater sagt, ich hab mittlerweile die Statur eines Orks."
"Solange es nur Dein Körper ist.", witzelte Suzi und Jann wurde Rot. "Sind in eurer Einheit eigentlich auch Metamenschen gewesen?", wollte sie wissen.
Jann schüttelte den Kopf. "Doch, einer.", berichtigte er sich. "Ein Zwerg. Der war aber der einzige und nicht in meinem Team. Ich denke mal, daß Orks und Trolle für die meisten Maschinen einfach zu groß sind."
Suzi nickte. Jann war nicht sonderlich groß. Für die Männer in seiner Generation war er mit 1,76 Metern eher knapp unter dem Durchschnitt, was ihm bei der Bewerbung zum Piloten sicher zum Vorteil gereichte.
"Wollen wir gehen?", fragte Suzi unvermittelt und winkte den Kellner herbei.
Jann schaute sie verwirrt an. "Wohin?"
Sie lächelte ihn an. "Hast Du vegessen?"
Die Verwirrung blieb in seinem Blick. "Ach Ja!", erinnerte er sich dann doch und schlug sich an die Stirn. "Du hattest das letzte mal ja erwähnt, daß Du mich zu irgendeinem Ort entführen wolltest."
"Genau.", antwortete sie verschmitzt. Der Kellner kam mit der Rechnung und dem Lesegerät. Als Jann die Rechnung für beide bezahlen wollte, hielt Suzi ihn zurück. "Wir zahlen getrennt.", sagte sie zum Kellner. Und zu Jann: "Den Hubschrauber zu mieten wird Dir schon teuer genug kommen."
Als sie ihren Kredstab in den Schlitz schob, fühlte sich Jann ein wenig erleichtert, auch wenn er das nicht zugeben würde. Aber Suzi hatte recht. Mit dem Kauf der BMW und den Mietgebühren für den kleinen Helikopter war sein Konto so gut wie erschöpft. Ihm blieb lediglich noch ein Rest für den Urlaub mit seinen Kameraden.
Was tut man nicht alles, um eine Frau zu begeistern.

Um Hannover herum gab es nur noch wenig Natur. Überall hatten sich Industrien und Fabriken oder Labors breitgemacht. Der Rest war durch die Umweltverschmutzung weitgehend zerstört. Landwirtschaft gab es dort auch nicht mehr. Umso erstaunter war Jann, als sie nach etwa zwei Stunden Fahrt in die Nähe eines kleinen Dorfes kamen, daß von alledem anscheinend unberüht geblieben war.
"Wem gehört das Haus?", fragte er verblüfft.
Suzi bedeutete ihm, zu folgen, während sie auf das kleine, anheimelnde Fachbauwerk zuging und in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel kramte. "Es gehörte meiner Oma. Ihr Mann hatte früher mit Grundstücken spekuliert, soviel ich weiß. Als er starb, schenkte sie das Haus zu gleichen Teilen meiner Mutter und meiner Tante. Oma wohnt jetzt bei uns, und wenn nicht gerade meine Tante hier Urlaub macht, kann ich so oft her kommen, wie ich will."
"Das ist ja wunderbar." staunte Jann. "Das Haus muß eine Menge wert sein."
"Das Haus selber nicht so viel.", erklärte Suzi. "Das Grundstück vielleicht. Das Dorf, durch das wir vorhin gefahren sind, ist Grundbesitz in privaten Händen. Einige schlaue Spekulanten haben sich frühzeitig alle Rechte gesichert, und die Konzerne haben sich lange die Zähne daran ausgebissen, das Land zu kaufen. Jetzt gibt es eine Einigung."
"Welcher Art?"
Suzi schloß die Tür auf. "Forschung. Einige Konzerne haben hier inder Nähe angemietete Labors und Denkfabriken. Manchmal mieten sie unbestellte Felder und alte Anlagen für ihre Experimente. Die Anwohner verlangen dafür nur wenig Miete, aber dafür sorgen die Konzerne unter sich, daß keiner versucht, sich auf irgendwelchem Wege das Land unter den Nagel zu reißen."
Jann betrat die Tenne des alten Bauernhauses. Es roch nach altem Holz und modrigen Steinen.
"Woher weißt Du das alles?" fragte er Suzi.
"Meine Oma hat mir viel davon erzählt. Sie war sehr stolz auf das, was mein Opa vollbracht hat. Hilf mir mal."
Jann folgte Suzi zu einem Bereich im Haus, der vor langer Zeit mal ein Stall gewesen sein mag. Jetzt war er zu einer provisorischen Garage umgebaut. Überall lagen alte Kisten herum, und Schrott von Autos, die nicht mehr hergestellt werden, lehnten an der rissigen Wand. Er half Suzi, das große Tor zu öffnen.
"Du kannst hier Dein Motorrad abstellen. Ist besser und wohl auch sicherer."
"Wer würde denn hier ein Motorrad stehlen?", wunderte er sich.
Sie sah ihn mit einem neckisch vorwurfsvollem Blick an. "Wir wollen es doch nicht darauf ankommen lassen, oder?"
Jann ging zu der BMW Blitzen zurück und fuhr sie in die Garage. Dann schlossen sie das Tor und Suzi führte ihn auf das rückwärtige Grundstück des Hauses.
Ein kleiner Bach schlängelte sich durch den verwilderten Garten. Sie gingen über einen kleinen Steg auf die andere Seite und spazierten über das üppige Gras.
"Hier sieht alles so unberührt aus.", bemerkte Jann.
Suzi summte fröhlich vor sich hin. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und lief barfuß. "Deswegen bin ich hier so gerne. Ich glaube, viele Leute in der Stadt wären erstaunt, wie wenig sie fahren müßten, um noch ein Fleckchen Natur zu finden."
"Ist das ein Nebenprodukt der ansässigen Forschungsanlagen?", fragte Jann vorsichtig.
Sie lachte. "Ich glaube kaum, daß die Konzerne in irgendeiner Weise an Umweltschutz oder deren Erhalt interessiert sind. Wenn sie sich nicht den harten Bestimmungen beugen müßten, wäre hier alles schon lange eine verseuchte Wüste."
"Wie kommt es dann, daß hier noch alles so…natürlich ist?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Vielleicht war das mit eine Klausel, als Die Anwohner hier die Verträge aufsetzten. Es ist nicht ungewöhnlich, daß einige Läner und Staaten auf strenge Umweltbestimmungen achten. Warum dann nicht auch hier?"
"Oftmals halten sie sich nicht daran.", gab Jann zu bedenken. "Wer würde zum Beispiel AG Chemie daran hindern, nicht eines Nachts mit einem Laster einen kleinen See aufzusuchen und ein paar Tonnen mit ominöser Aufschrift zu versenken?"
"Ich denke, die Konzerne selber.", erklärte Suzi, während sie an einem Grashalm in ihrer Hand rupfte. "Die Grundstücke und die Flächen werden an alle Konzerne vermietet. Viel schlimmer als ein Staatsanwalt oder ein Reporterteam, der an die Tür des Umweltsünders klopft, ist, wenn dies der Konzerngerichtshof tut. Sobald einer der beteiligten Megakons versuchen würde, hier über die Stränge zu schlagen, hauen ihm die anderen auf die Finger, indem sie ihn ganz oben verpetzen. So brauchen die "Vermieter" nicht darauf achten, ob die Beteiligten Parteien sich an die Umweltrichtlinien halten. Sie ziehen einfach einen Schlußstrich, sobald es nur einen kleinen Vorfall bezüglich dem Schutz der Natur gibt. Auf diese Weise halten sich die Konzerne wohl gegenseitig in Waage."
Jann sah sie von der Seite an. "Das sind aber keine Dinge, die Dir Deine Oma erzählt haben kann."
Suzi blies in den Grashalm, den sie sich zwischen die Handflächen geklemmt hatte. Ein helles Fiepen erklang.
"Ich hab früher gerne mit Konzernpolitik beschäftigt. Meine Mutter auch, schon alleine wegen dem Haus. Es ist immer gut, zu wissen, wie die großen Acht denken. Keiner kann so naiv sein und glauben, daß sie alles, was sie erreichen, immer auf dem legalen oder juristisch korrektem Wege erreicht haben."
"Ich bin nicht so naiv.", widersprach Jann. "Nur fällt es mir schwer, so negativ über einen Konzern zu sprechen."
Suzi grinste ihn an. "Jaja, die verwöhnten Arkologiekinder."
"Hey.", Jann verzog seinen Mund zu einem übertriebenen Schmollen. "So verwöhnt bin ich gar nicht.
Aber mal im Ernst. Uns wurde in der Grundschule immer erzählt, wie kriminell und ungerecht die anderen Konzerne sind und wie loyal und treu Fuchi den Gesetzten und seinen Mitgliedern gegenüber ist. Ich muß zugeben, Fuchi hat für uns immer gesorgt. Schließlich haben sie die Kosten meiner Ausbildung übernommen. Aber irgendwann fragt man sich natürlich, wie der Eigene Konzern mit all den anderen so weit vorne an der Spitze stehen kann, wenn er sich ausschließlich den erlaubten Mitteln bedient."
"Ein richtiger Rebell!", verspottete ihn Suzi.
"Es müssen ja nicht gleich Überfälle, Einbrüche oder Anschläge sein. Ich glaube, die Methoden eines Konzerns sind weitaus subtiler und bewegen sich meist eher im halblegalen Bereich."
"Mit dem Unterschied, daß die Einsätze höher sind.
"Okay. Punkt für Dich."
"Reden wir mal von etwas anderem", wechselte Suzi das Thema. "Du bist jetzt mit Deiner Ausbildung durch, wenn ich das richtig gehört habe. Was machst Du, wenn Dein Urlaub vorbei ist?"
"Ich fliege." grinste er.
"Haha." Sie gab ihm einen leichten Stoß in die Rippen. "Ich meine, wirst Du Patrouille fliegen um die Arkologien, oder im Chopper die Hohen Tiere zum Flughafen bringen?"
"Nein, keins von alledem.", erklärte Jann. "Ich habe mich für eine lange Zeit verpflichten müssen, um zum Piloten ausgebildet zu werden. Das beinhaltet auch den aktiven Dienst für mindestens Zwei Jahre."
"Echt? Wo denn?"
"In der Wüste Gobi."
Suzi stutze. "Dort? Was ist denn da besonderes außer Sand?"
"Eben das: Sand. Dort haben die meisten Konzerne ihre militärischen Stützpunkte. Gefechtsübungen werden dort abgehalten Außer Sand, ausgebrannten Wracks und einigen Eidechsen gibt es dort nichts, was sich über den Lärm oder den Waffeneinsatz beschweren könnte."
"Eine Art riesiger Truppenübungsplatz."
"So in etwa." bestätigte Jann.
"Was wirst Du dort machen?"
Jann holte mit seinen Händen aus. "Oh alles! Ich werde Drohnen fliegen, Hovers, Thunderbirds und Helikopter natürlich."
Sie staunte. "Das kannst Du alles fliegen?"
"Hab ich alles gelernt.", sagte er und streckte im gespielten Stolz seine Brust vor.
"Aber wie lang hat Deine Ausbildung denn gedauert? Sechs Jahre?"
"Fast." Er pflückte einen Grashalm und gab ihm Suzi. Ihrer war so zerrieben, daß man aus ihm keinen Ton mehr hervorbrachte und ihre Handkanten waren ganz grün. "Die Grundausbildung mitgerechnet dauerte alles zusammen etwa fünfeinhalb Jahre. Die eigentliche Ausbildung an den Fluggeräten selber nur Dreieinhalb."
"Dreieinhalb!?" Sie keuchte erstaunt. "Das ist eine sehr kurze Zeit!"
"Nicht unbedingt. Wir werden dort alle chipgeschult. Das verkürzt die Zeit ungemein. Und Du wirst nicht glauben, wie einfach es ist, ein Vehikel über ein DNI zu steuern. Der Trick ist nachher, wie gut Du es beherrscht und wie Du auf erschwerte Situationen reagierst. In einem Gefecht zum Beispiel."
"Dann kannst Du also all diese Maschinen nur fliegen, wenn Du eingestöpselt bist."
"Einige kann ich auch so fliegen. Wir mußten zum Beispiel für den Hovercraft und den Helikopter unsere Prüfung auch ohne Rig absolvieren. Das Hover ist sehr einfach zu bedienen. Beim Hubschrauber hatte ich entschieden mehr Schwierigkeiten."
"Gut daß Du mich vorgewarnt hast.", sagte sie und spielte damit auf den versprochenen Rundflug an.
"Ich hab die Flugprüfung mit Auszeichnung bestanden!", korrigierte er sich hastig. "Mit und ohne Rig!"
"War doch nur ein Scherz.". Sie knuffte ihn in wieder die Seite und grinste. "Welchen Rang hast Du denn?"
"Den eines Second Lieutenant. Ein goldener Streifen." Er zeigte ein gönnerhaftes Lächeln. "Jetzt bist Du wohl doch neugierig auf meine Uniform?"
"Na, mal sehen.", gab sie neckisch zurück.
Suzi blies wieder in den Grashalm zwischen ihren Handflächen. Diesmal war der Ton ein wenig tiefer, ein brummendes und blubberndes Fiepen.
"Klingt wie der Furz einer Maus.", grinste Jann und Suzi mußte schallend lachen.
Jann war fasziniert von ihrem Lachen. Und hier, auf dem Land wirkte sie noch fröhlicher und ungezwungener. Wie ein Sonnenkind.
Er hätte nicht gedacht, daß sie so naturverbunden ist. Die Tiefstehende Sonne, die das weiße Haus und die dünnen Wolken orange malte, die milde Wärme und das friedliche Plätschern des kleinen Baches ließ ihre Laune erheblich steigen und den Ärger des Tages vergessen.
Jann war ein Stadtkind, an die Arkologie und all ihre Technik gewöhnt, die das Leben so annehmlich machten. Augenblicke wie dieser waren ihm weitgehend fremd und er kannte sie eigentlich nur aus kitschigen Simms.
Ein wenig kitschig war auch das hier, aber das änderte nichts daran, daß es sehr romantisch war. Und unheimlich schön.
Er griff unwillkürlich nach ihrer Hand und eiskalter Schauer jagte für sekundenbruchteile durch sein Blut, als er befürchtete, sie würde die ihre wegziehen, es dann aber doch nicht tat.
Sie lächelte ihn an und summte irgendein Lied, während sie zurück zum Haus gingen.
Ich war schon früher, im Krankenhaus in sie verliebt, dachte Jann. Was hat sie, daß es immer noch so ist, jedes mal wenn ich sie wiedersehe?

Das Motorrad kam federweich zum stehen und das brummende Geräusch der kraftvollen Maschine verendete, als Jann mit einem mentalen Impuls die Systeme abschaltete.
Suzi nahm ihren Helm ab und legte ihn auf den Sitz. Den Haarreif setzte sie nicht auf.
"Das war ein wundervoller Tag!", sagte sie zu Jann.
"Bis auf den Anfang.", fügte er hinzu.
Suzi wehrte mit einer Geste ab. "Reden wir nicht davon."
Jann nahm den Helm und fummelte unsicher an seinen Verschlüssen. "Wann sehen wir uns wieder?", fragte er schüchtern.
"Ich habe die ganzen nächsten zwei Wochen Frühschicht. Wenn Du willst, können wir gerne wieder einen Ausflug machen. Außerdem hoffe ich ja noch auf den versprochenen Rundflug."
Jann hob seinen Daumen. "Der Helikopter ist schon bestellt. In Drei, vielleicht vier Tagen habe ich ihn."
"Super!", freute sie sich. "Ruf mich an. Wenn Du nichts vorhast." Sie beugte sich zu ihm hin und gab ihn einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor er das realisieren konnte.
Seine Wange kribbelte. "Mehr nicht?", fragte er hoffnungsvoll.
Suzi grinste schelmisch und schüttelte den Kopf. "Niemals beim ersten Rendezvous."
Sie drehte sich um und ging zu ihrer Wohnung. Jann blieb so lange am Bordstein stehen, bis sie die Tür erreicht hatte.
Suzi drehte sich noch einmal um und winkte ihm zu, bevor sie im dunklen Hausflur verschwand.
Kurz darauf flammte im Treppenhaus das Licht auf und Jann startete die BMW.
Diesmal fuhr er auf direktem Wege nach Hause und nicht den Umweg über die Autobahn. Er fuhr langsam und überlies nach einer Weile dem Autopiloten die hauptsächliche Arbeit.
Was für ein seltsamer Tag.
Zuerst verprügelte er ihren Ex-Freund, dann sind sie aufs Land gefahren und haben sich über Konzerne und ihre Politik unterhalten. Und es war wunderschön!
Jann ging den Satz noch einmal durch. Ich habe mit ihr über Konzerne geredet und war der glücklichste Mensch auf der Welt.
Entweder hatte er in den letzten Stunden ein erstaunliches Interesse an Politik entwickelt oder er war verliebt.
Er konnte ihre Verhalten nicht eindeutig bestimmen und hoffte deshalb mehr, als er es wußte, daß sie sich für ihn wenigstens interessierte.
Allerdings konnte es auch sein, daß sie in ihm nur einen guten Freund sah. Es war durchaus möglich, daß sie für einige Zeit keine Lust auf eine intimere Beziehung hegte. Schon wegen der Erfahrung mit Josef. Und der Vorfall am Nachmittag konnte dies noch verschlimmert haben.
Jann schüttelte diese Gedanken ab. Der Tag war viel zu schön gewesen, um ihn mit solchen Überlegungen wieder zu verderben.
Die riesige Arkologie von Fuchi Industries Electronics übeschattete jetzt alle anderen Gebäude in der Umgebung und das ALI drängte das Motorrad in einer sanften Rechtskurve in die Hauptstraße, die zu dem Gelände des südlichen Eingangsbereich der monumentalen Einrichtung führte.
Er übernahm wieder die volle Kontrolle über das Motorrad und fuhr es in die Einfahrt der Tiefgarage von der Fuchi Arkologie.

Als Suzi neben Jann in dem kleinen Kopter saß, wurde sie doch ein wenig unsicher. Das Motorrad war ja in Ordnung, aber ihn auf dem Pilotensitz zu sehen, wie er die Checkliste durchging, war ungewohnt.
"Du weißt, was Du machst?", fragte sie, einfach um sich zu beruhigen.
Jann lachte. "Flieg einmal mit einem Airstar. Die Dinger bewegen sich durch die Luft wie ein nasser Lappen.
Ich könnte die Kiste blind fliegen und dabei einen Kaffe trinken."
Suzi wurde von Janns Optimismus ein wenig überzeugt und setzte sich das Komset auf.
"Nur damit Du Dich nicht wunderst; Ich starte die Maschine jetzt. Wenn Du so etwas noch nicht erlebt hast, kann das ein wenig ungewohnt sein."
Suzi wollte noch fragen, was Jann damit gemeint hatte, aber da sank er schon, scheinbar eingeschlafen, auf seinem Sitz zusammen, während die Turbinen der kleinen Maschine aufheulten und die Rotoren sich langsam zu drehen begannen, bis sie zu einer undeutlich flimmerten Scheibe verschmolzen.
Sie geriet in Panik, als der Helikopter abhob und sich träge in die Luft hiefte.
Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie wollte ihren Gurt lösen und Jann wachrütteln, als ihr Interkom knackte.
"Das wäre unnötig.", erklang Janns Stimme in ihrem Ohr. Sie klang ein wenig entfernt und seltsam verzerrt, war aber dennoch als die seine zu erkennen. "Ich würde es sowieso nicht mitbekommen."
Sie sah, wie sich der Steuerknüppel wie von alleine bewegte, wie die Instrumente mit unverständlichen Skalen und Symbolen blinkten. Sie sah, wie der Hubschrauber in einer weiten, eleganten Kurve den Flughafen verließ und in Richtung Innenstadt flog.
"Was geht hier ab?", fragte sie völlig verunsichert.
Janns kichern knackte in ihrem Kopf. "Wenn man sich mit all seinen Sinnen in ein Vehikel einloggt, ist man mit all seinen Sinnen und Emfpindungen vollständig mit dem entsprechenden Gerät verbunden. Das Gehirn ist dann nicht mehr in der Lage, die Sinneswahrnehmung auf den Körper zu konzentrieren. Ich bin also nicht eingeschlafen, sondern lediglich mit dem Hubschrauber verbunden.
Du hast so etwas noch nie miterlebt?"
Sie schauderte. "Ich bringe den Patienten nur die Bettpfannen und Rollstühle! Das habe ich noch nie mitbekommen! In den Trids sieht das ganz anders aus." Sie sah sich in der Kabine um. "Wie kannst Du mich sehen?"
"Oben links.", half er ihr. "Direkt an dem Monitor. Schwer zu erkennen." Suzi sah zu dem Monitor und kniff die Augen zusammen. Die Kamera war fast unsichtbar in das Gehäuse des Bildschirms eingearbeitet und durch eine runde Scheibe getöntes Glas geschützt.
"Jann.", sagte sie flehend. "Kannst Du das Ding nicht anders steuern? Mich macht das doch ein wenig nervös."
Er richtete sich neben ihr wieder auf und grinste sie an. "Schon gut.",beruhigte er sie "Ich wollte es Dir sowieso nur zeigen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein Fahrzeug zu steuern. Viele der militärischen Maschinen haben regelrechte Kokons, in die sich der Rigger bettet um sich völlig auf die Steuerung zu konzentrieren.
Hier ist das kaum nötig."
Sie flogen über Hannover und betrachteten die Stadt von oben.
Jann unterhielt sich mit ihr und steuerte nebenbei den Helikopter. Den größten Teil überließ er sowieso dem Spatzenhirn.
Hannvoer war von oben gesehen kein sonderlicher Blickfang aber Jann hatte sowieso nicht vor, lange Schleifen über die Stadt zu sehen. Wenn man schon einen Hubschrauber hat, warum soll man damit nicht ein wenig protzen?
Er änderte den Kurs und flog in Richtung des kleinen Dorfes, wo das kleine Bauernhaus von Suzis Mutter lag.
Als Suzi sein Vorhaben durchschaute, schaute sie Jann überrascht und fröhlich an.
Er flog so tief, wie es gerade noch erlaubt war über das Dorf und landete direkt hinter dem Haus.
"Dir scheint die Gegend zu gefallen.", sagte sie und lächelte ihn an, als er ihr die Hand reichte, um ihr aus dem Hubschrauber zu helfen.
Er hob seine Schultern und grinste. "Hier ist man ungestört und es ist ruhig. Außerdem bist Du sicher noch nie hier her geflogen worden, von Deinem eigenen Piloten."
Sie strahlte ihn an und hielt sich an seinen Schultern fest, als er sie aus dem Hubschrauber hob.
Der Hubschrauber blieb wartend und ein wenig fremd in der Landschaft zurück, als die beiden über die Wiesen am Bach spazierten.
Sie blieben, bis die Sonne unterging und auch danach flogen sie noch nicht zurück, sondern gingen in das Haus und stärkten sich mit einem einfachen Mikrowellenessen aus dem Kühlschrank im Haus.
Erst kurz vor Mitternacht flog Jann sie beide zurück zum Flughafen.
Bei Nacht war die Stadt ein sehr viel beeindruckender Anblick, ganz im Gegensatz zum Lande. Jann mußte unwillkürlich über diese Ironie grinsen.
Was bei Tage so schön aussah, verlore seinen Reiz im Dunkeln, und umgekehrt.
Er brachte Suzi mit seinem Motorrad nach Hause. Sie bedankte sich überschwenglich für den Flug heute, mehr als er es für nötig hielt.
Er beschwerte sich natürlich nicht darüber. Denn das hatte er immer gewollt.
Es war das erste mal, daß sie ihn küßte.

Jann traf Suzi die nächste Zeit jeden Tag. Sie fuhren, so oft es möglich war, auf das Land hinaus.
Er hätte nie gedacht, daß er einer solchen Idylle soviel abgewinnen konnte, aber er dachte sich, daß es wohl zum größten Teil an Suzi lag. Er genoß jeden Augenblick. Er bereute es beinahe, daß er in einer Woche mit Charles und Jaque in Urlaub fuhr, wo er jetzt viel lieber etwas mehr Zeit mit Suzi verbringen würde. Schmerzlich dachte er manchmal, daß er so etwas so schnell nicht wieder erleben würde. Die nächste Zeit würde es für ihn nur noch Sand geben. Sand, Hitze und Motorenlärm.
Besonders Suzi schien in der Natur aufzuleben. Sie liebte die Sonne und das Gefühl von Gras unter ihren Füßen. Und, wie Jann endlich zu seiner Erleichterung feststellte, schien sie sich auch in ihn verliebt zu haben.
Zwei Tage, bevor Jann mit seinen Kameraden verreisen wollte, übernachteten sie im alten Bauernhaus.
Dort war es auch, wo sie zum ersten mal miteinander schliefen.
Und immer, wenn sie ausgingen, mit dem Motorrad durch die Innenstadt oder aufs Land fuhren, folgte ihnen ein eifersüchtiger Schatten.

Der junge Mann sah sich mißmutig um. "Das ist eine miese Gegend.", sagte er zu Josef. "Ist das denn wirklich nötig?"
Josef drehte sich um und sah Ralf finster an. "Wenn Du nicht mitmachen willst, kannst Du ja kneifen.", knurrte er. "Ich und Günther schaffen das auch alleine, wenn Dir der Mumm fehlt."
"Is ja schon gut.", murmelte Ralf und sah auf den Boden. "War nicht so gemeint."
Josef ging die dunkle Gasse längs, die zum Hintereingang des kleinen Lokals führte.
"Bist Du Dir sicher, daß er hier sein wird?", wollte Günter wissen. "Ich meine, was, wenn er den Brief nicht geschluckt hat?"
Josef lachte rauh. "Der Typ wird da sein, glaub mir!", er umfasste seinen Baseballschläger ein wenig fester. "Er hat sogar einen Brief zurückgeschrieben, um die Sache zu bestätigen. Und er hat darin versprochen, da zu sein. Er kann vielleicht kämpfen, aber er ist nicht sonderlich clever."
Günter und Ralf sahen sich an und zuckten die Schultern. Sie waren von diesem Rachefeldzug nicht sonderlich begeistert. Aber sie wollten auch Josef nicht im Stich lassen. Schon deswegen nicht, weil er es immer derjenige war, der die besten Karten und die besten Plätze für so ziemlich jede Veranstaltung besorgte. Und er kam in jede Disco.
Sie verstanden nicht, warum er so ein Aufheben um einen einzelnen Typen machte. Gut, er hatte ihn verprügelt und ist mit Suzi ausgegangen, aber Josef war mit Suzi schon lange auseinander. Abgesehen von dieser Tatsache wußten Ralf und Günter wie cholerisch und aggressiv Josef sein kann und wie aufgeblasen sein Ego ist.
Aber was solls, er war ihr Freund und wenn Josef der Meinung war, der Kerl verdiente eine Abreibung, dann wird das wohl stimmen.
Josef ging entschlossen die Gasse runter. Das grimmige Grinsen wuchs in die breite, als er eine einsame Gestalt vor der Tür stehen sah, die auf jemanden zu warten schien.
Der Typ ist doch so blöd, lachte Josef in sich hinein. Er hatte Jann einen gefälschten Brief geschrieben, der angeblich von Suzi kam, in dem stand, daß sie unbedingt mit ihm reden mußte, weil was schlimmes passiert wäre. Zugegeben, das war nicht sonderlich originell, aber Josef hatte wenig zweifel daran, daß es funktionieren würde. Er hielt nicht viel auf Janns Intelligenz. Aber das er so blöd ist, hätte er auch nicht gedacht. Der Trottel hat tatsächlich einen Brief zurück geschrieben um nachzufragen, was denn los sei.
Josef hat auch diesen Brief in Suzis Namen beantwortet. Und Jann hat es gschluckt!
Wie auch immer. Er war jetzt hier, alleine, und Josef konnte ihm endlich die Abreibung verpassen, die er verdiente.
Jann stand in der Gasse, mit dem Rücken zu Josef und seinen Lakaien. Er hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und sah sich versonnen die Umgebung an. Die Hintertür war offen und gedämpfte Musik drang aus dem Lokal in die Gasse. Nach der Tür ging die Gasse noch sechs Meter weiter, bevor sie an einer Mauer endete. Dahinter schien die Gasse weiterzugehen, Häuser und Lokale reihten sich dahinter und gaben durch eine enge Schlucht den Blick auf den klaren Nachthimmel frei.
Josef blieb stehen und legte seinen Baseballschläger über die Schulter. Ralf und Günter bauten sich neben ihm auf.
"He, Du Penner!", rief Josef zu Jann, der sich darauf hin überrascht zu ihm umdrehte. Seine hände ruhten nach wie vor in den Taschen seiner Jeans. "Schön, Dich hier zu sehen, so ganz alleine!" Josef grinste hämisch.
"Nur Du, ich...", er zeigte mit seinem Schläger auf Ralf und Günter. "Und meine beiden Freunde hier!"
Ralf ging zu der offenen Tür und stellte sich vor sie, um Jann den Rückweg zu verwehren. Sein Teleskopschlagstock vibrierte in der Hand.
Günter stellte sie auf die andere Seite, so daß die Drei Jann weitgehend umzingelt hatten. Günter hatte als Waffe lediglich einen Schlagring. Aber in Anbetracht der Überzahl war das mehr als genug.
Jann schien die beiden gar nicht wahrzunehmen. Er hielt seinen Blick noch immer auf Josef gerichtet und bedachte ihn mit einem ungläubigen Blick. So als könne er die Situation nicht erfassen.
"Wie kommst Du auf den Gedanken,", fragte er Josef, "daß ich alleine bin?"
Bevor irgend jemand auf diese Worte reagieren konnte, krachte eine Faust in Ralfs Gesicht.
Mit einem hellen Jaulen ruckte sein Kopf nach hinten und er fiel der Länge nach auf den Boden. Blut war über sein gesamtes Gesicht verspritzt und die Nase sah gebrochen aus.
Chuck stand in der Tür, von seiner Faust tropfte Ralfs Blut.
Jaque erschien neben ihm und sprintete an dem Engländer vorbei, stürzte sich auf Günter.
Der hatte seine Überraschung noch nicht verwunden und schwang seine Fäuste im weiten Bogen gegen Jaques Kopf. Der Franzose ging in die Knie, streckte sein rechtes Bein aus und drehte sich in einem schwungvollem halbkreis auf der Verse des linken Fußes. Günter verlor den Boden und fiel nach hinten. Jaque war indessen wieder aufgesprungen und verpasste ihm einen Tritt in die Weichteile.
"Voui, mon Ami.", sagte er fröhlich und klopfte sich die Hände ab. "Das ist nischt die feine Met´ode zu kämpfen, isch weiß. Aber i´r ´abt damit angefangen."
Chuck schloß die Hintertür und gesellte sich zu Jann. Auch Jaque stand jetzt neben ihm und lächelte Josef unbekümmert an. "Ist das der eifersüschtige Gockel?"
Jann nickte. "Dabei hat er keinen Grund dazu. Es ist seine eigene Schuld, daß ihm die Mädchen weglaufen."
Er hatte während der ganzen Aktion seinen Blick nicht von Josef genommen. "Jetzt, finde ich, ist es fair, oder? Ich denke, so haben wir doch beide unsere Chance, das ganze hier ein für allemal zu regeln. Alleine unter uns, Mann gegen Mann."
"Das mit dem "Mann" überzeugt mich bei ihm noch nicht so ganz.", erwähnte Chuck abfällig.
Josef hatte sich bisher nicht gerührt. Dafür ging alles viel zu schnell und kam alles zu überrraschend.
Er sah sich um.
Ralf lag stöhnend auf dem Boden und hielt sich die Hand vor der Nase, damit beschäftigt, durch den Mund zu atmen und kein weiteres Blut in seine Nebenhöhlen laufen zu lassen.
Günter hatte sich zusammengekrümmt du hielt mit beiden Händen seinen Schritt, während er von Zeit zu Zeit ein wenig wimmerte.
"Du bist doch genauso fair wie ich!", rief er unsicher zu Jann. "Jetzt bin ich alleine und Du hast die Verstärkung!"
Jann schüttelte den Kopf. "So läuft das bei mir nicht, obwohl Du es anders nicht verdient hättest. Aber ich bin nicht so ein Arschloch wie Du. Wir tragen das ganz alleine aus. Meine Freunde hier halten sich zurück." Er zeigte auf den Baseballschläger. "Du darfst sogar Deine Waffe behalten."
Jann trat vor und nahm seine Hände aus den Hosentaschen.
Josef hatte seine Unsicherheit verloren. In ihm war jetzt wieder die alte Wut.
Er hob seinen Schläger und ging auf Jann los. Mit beiden Händen schwang er ihn gegen den Kopf seines Gegners.
Jann vollführte eine Drehung um seine eigene Achse. Er wandt sich in die Reichweite von Josef, so daß der Schläger weit an ihm vorbeiragte und Jann seinen Arm packen und festhalten konnte.
Sein Ellbogen krachte gegen Josefs Gesicht. Knochen und Zähne splitterten.
Josef brach in die Knie, der Schläger ruhte in Janns Händen.
"Vefluuhht!", pfiff sein Widersacher hinter vorgehaltenen Händen. Blut sickerte durch die Finger.
Jann wog den Schläger in den Händen, so als überlegte er, ihn zu benutzen, warf ihn dann aber mit einer abfälligen Geste hinter sich.
Er kniete sich zu Josef runter. "Ich weiß, es ist eine recht primitve Einstellung.", sagte er zu ihm, während er ihn an den Haaren packte und ihn zwang, ihn anzusehen. "Aber das wollte ich schon immer tun." Er packte ihn fester.
"Hör zu! Ich habe nichts mit Dir zu tun! Und Du hast nichts mehr mit Suzi zu tun! Hast Du mich verstanden?"
Josef starrte ihn durch tränenverschleierte Augen an und atmete stoßweise. "Du bist ein widerlicher Typ. Raffst nicht, warum Suzi Dich nicht mehr sehen will und gehst stattdessen auf mich los. Ist Dir schon irgendwo der Gedanke gekommen, daß sie mich erst richtig kennengelernt hat, als ihr schon Monatelang auseinander wart? Wenn Du jemanden die Schuld geben willst, dann schieb Dir Deinen Schläger selber dorthin, wo die Sonne nicht scheint!
Ich bin nicht schuld daran, daß sie Dir abgehauen ist. Und solltest Du mir nochmal in die Quere kommen, oder solltest Du Suzi noch einmal belästigen, dann tue ich Dir richtig weh."
Jann lies ihn los und stand auf. "Du bist nicht nur ein Arschloch.", fügte er noch hinzu. "Du bist auch ein absoluter Dummkopf. Wenn Du schon falsche Briefe schreibst, solltest Du dafür sorgen, daß Suzi nicht zu Hause und ich sie anrufen kann. Ich habe selten eine dämlichere Idee als diese gesehen! Hast Du wirklich gedacht, ich würde das schlucken? Und ich verrate Dir noch was: Die Idee, noch einen Brief zurück zu schreiben, kam von Suzi selbst. Sie steht zwar nicht auf diesen Machoscheiß hier, aber sie hatte nichts dagegen, Dir eine Lehre zu erteilen. Sie hofft, daß Du sie dann endlich in Ruhe läßt.
Mein Rat dazu ist, daß Du das tun solltest, wenn Du nicht vorzeitig zu Deinen Dritten Zähnen kommen willst."
Jann ging zu der Hintertür und öffnete sie. Chuck folgte ihm hinein.
Der Franzose beugte sich noch einmal zu Josef runter. Er zog ihm behutsam die Hände vom Gesicht.
Blut lief aus der Nase und aus dem Mund über den Kinn und den Hals. Aber man konnte deutlich die gebrochene Nase sehen und die fehlenden Schneidezähne. Die Lippe war aufgeplatzt und zerschnitten.
"Das ist nischts, was sisch nischt wieder ´inkriegen lässt.", sagte er zu ihm. "Abär Du solltest auf meinen Freund ´ören. Er kann wirklisch sauer werden, wenn man seinen Worten nischt Glaube schenkt.
Und noch eine Tip: Verrgiß, was ´ier ´eute passiert ist."
Er stand auf und folgte den beiden anderen in das Lokal.
Chuck und Jann saßen schon wieder an ihrem Tisch mit Suzi. Jann sah sehr zufrieden aus, aber Suzi wirkte ein wenig unbehaglich. "Ihr habt sie doch nicht schwer verletzt!?", fragte sie.
Jann schüttelte den Kopf. "Nichts wirklich schlimmes. Josef ist jetzt nicht mehr ganz so schön, aber wenn man bedenkt, wer sein Vater ist, sieht er in Drei Tagen sicher besser aus als vorher."
"Isch ´abe ein Taxi gerufen.", beruhigte sie Jaque. "Die werden bald abge´olt."
"Eben. Seine beiden Freunde können noch stehen. Zumindest einer. Die werden ihn schon ins Krankenhaus bringen."
Suzi war noch immer nicht beruhigt. "Werdet ihr nich Ärger kriegen? Ich meine, Josef wird euch doch sicher anzeigen! Und sein Vater hat bestimmt großen Einfluß."
Jann winkte ab. "Der geht nicht zur Polizei. Das wagt er sich nicht. Was soll er sagen? Er hat uns angegriffen und es war Notwehr. Ich habe Zeugen. Er auch. Schlimmstenfalls ist es Aussage gegen Aussage. Und wenn es um Einfluß geht, den hat Chuck auch."
Suzi sah zu dem Engländer. "Mein Vater ist in der Royal Air Force ein hohes Tier.", erklärte er. "Ich lass das nicht so gerne raushängen, aber in dem Fall wäre es mir eine wahre Freude."
"Und sollte es doch Ärger geben, dann hat der Barbesitzer uns hier nie gesehen.", fügte Jann hinzu.
"Deswegen waren auch die Getränke so teuer."
Alle lachten, und als Suzi verstand, was damit gemeint war, mußte sie auch lächeln.
"Ich würde trotzdem jetzt gerne gehen.", bat sie. "Ganz wohl fühle ich mich nicht dabei. Und ich muß morgen früh raus."
Jann nickte den anderen zu. Sie erhoben sich gemeinsam und gingen zur Tür. Diesmal zum Vorderausgang.
Suzi wollte warten, bis Jann zu ihr kam, aber Jaque kam ihm zuvor und hakte sich bei ihr ein.
"Blüme des Abends," sagte er charmant. "Sischer willst Dü ein paar Anekdoten aus der Zeit ´ören, die wir mit Jann ´atten, no?"
Sie grinste. "Alles, was er mir nicht erzählt hat."
Jann schaute den beiden unbehaglich hinterher. "er wird maßlos übertreiben.", murmelte er. "Das tut er immer. Und dann stehe ich nachher da wie ein Trottel."
"Sei, froh, daß es dort keine Frauen gab.", witzelte Chuck. "Solche Geschichten wären bestimmt schlecht für Dich ausgefallen."
Sie schauten auf das Paar, daß ihnen vorausging und im Gespräch vertieft war. Suzi war sichtlich begeistert von der charmanten Art des Franzosen und seine bildhafte Art, über die Ausbildung zu erzählen, faszinierte sie.
"Du hattest Glück.", eröffnete Chuck unvermittelt. "Wenn Josef seinen Plan, Dir eine Abreibung zu verpassen, früher umgesetzt hätte, wärest Du alleine gewesen."
Jann zuckte mit den Schultern.
"Sein Plan war mehr als idiotisch. Diese Tricks mit gefälschten "Liebesbriefen" haben wir vielleicht in der Grundschule gemacht. Aber jetzt...." er schüttelte den Kopf. "Er konnte nicht wissen, daß ihr mich besuchen kommt, bevor wir nach Hawaií fliegen. Und selbst, wenn es nicht so gewesen wäre. Alleine wäre ich nicht dort aufgetaucht. Ich hätte mich jederzeit über eine Gelegenheit gefreut, ihm eine zu verpassen. Aber ich bin weder blöd noch übermütig."
"Willst Du eigentlich noch mit nach Hawai´i?"
Jann sah Chuck verwundert an. "Natürlich! Was soll die Frage?"
"Nun. Wegen Suzi." Er schaute verlegen auf den Boden. "Ich weiß, das klingt blöd. Aber es scheint ja ziemlich gut mit euch zu laufen. Aber Du hattest nur knappe drei Wochen mit ihr.
Nach unserem Urlaub geht es sofort in die Wüste. Wer weiß, wann Du Gelegenheit hast, sie wieder zu sehen?"
Jann stöhnte. "Gott, Du klingst wie meine Mutter! Wir ziehen doch nicht in den Krieg!"
"Das kann man nie wissen.", warf Chuck ein. "Aber davon rede ich ja gar nicht. Was glaubts Du, wann wir das nächste mal wieder Urlaub bekommen?
Es ist ja nicht so, daß wir Dich nicht dabei haben wollen. Es wäre ziemlich schade, wenn Du nicht mitkämst. Aber wir könnten es verstehen."
"Quatsch. Ich komme natürlich mit. Der Flug ist gebucht. Und auf die Zeit mit euch freue ich mich ebenso wie die, die ich mit Suzi hier hatte."
"Du mußt uns noch ganze zwei Jahre in der Wüste Gobi ertragen.", stichelte Chuck.
Jann sah ihn veschwörerisch an. "Das kann man nie wissen."
Beide mußten lachten.

Hawai´i war im 21ten Jahrhundert ein seltsamer Ort. Tourismus war noch immer die größte Einnahmequelle.
Nicht nur für den Staat. Die Konzerne, die sich vor einem halben Jahrhundert hier breitgemacht hatten, allen voran Yamatetsu, haben diesen Markt fast gänzlich für sich eingenommen.
In den Orten, wo sich die meisten Touristen aufhielten, war dies natürlich angenehm zu spüren.
Obwohl einige Untergrundbewegungen noch immer aktiv waren, hatte man nichts zu befürchten, wenn man sich draußen bewegte. Jann und seine Freunde wurden einmal Zeuge davon, wie ALOHA, die größte Widerstandsbewegung, einen Anschlag versuchten, aber der wurde konsequent, schnell und mit übertriebener Brutalität zerschlagen.
Letztendlich geschah dies alles so weit von ihnen entfernt, daß sie dieses Ereignis als interessantes Urlaubserlebnis abtaten und sich weiterhin keine Gedanken mehr darüber machten.
Ein weiterer Vorteil der groß ausgebauten Touristenbranche waren die Bodyshops, die Chuck, Jann und Jaque nach einiger Überlegung besuchten. Das sie alle demnächst eine längere Zeit in der Wüste verbringen würden, bekräftigte diese Entscheidung noch. Und der angenehm billige Preis einer solchen Modifikation.
Neben einem eingebauten UV-Schutz in der Haut war die zweithäufigste Modifikation, denen sich die Einwohner und einige Touristen unterzogen, Dermalpanzerung. Trotz der guten Sicherheit und dem harten Durchgreifen der Konzerne bei möglicher Bedrohung, vertreuten die meisten zusätzlich lieber auf einem Schutz, der ihnen auch noch erlaubte, in der prallen Sonne nur mit Hemd oder Shorts herumzulaufen.
Die gesamte Behandlung nahm eine Woche in Anspruch. Das Trio lag in dieser Zeit entweder im Bodyshop oder zuhause im Bett und warteten, daß der Juckreiz und die Übelkeit nachließ.
Durch die genetische Behandlung besaß nachher jeder einen UV-Schutz in der Haut mit dem Sonnenschutzfaktor von 85. Der eigentliche Hit aber war die Dermalpanzerung. Auf der Insel hatte man diese Kunst bis ins höchste entwickelt. Er war nicht nur wirksamer als die amerikanischen oder Europäischen Versionen, er sah auch noch sehr viel besser aus. Und subtiler. Sie viel kaum auf und der leicht metallische Glanz der Haut sprach sogar das weibliche Geschlecht an. Zumindest einige von ihnen.
Alles für die reichen Touristen und dennoch so günstig. Gefangen in der überschwenglichen Euphorie, in kurzer Zeit möglichst viel Nuyen loszuwerden, erwogen die drei noch kurz, ob sie sich zusätzlich ihre Augen modifizieren ließen. Es gab eine Menge Angebote, wie man sich die Retina und die Iris behandeln lassen konnte um sich gegen das helle Licht zu schützen. Aber das war weitaus teurer als die anderen Operationen zusammen und so ließen sie es.
Es gab eine Menge Drinks, die sie noch nicht probiert hatten und ebenso viele Frauen, die man dazu einladen konnte. Jann steckte dabei ein wenig zurück.
Es mangelte gewiß nicht an Angeboten, aber er wollte Suzi nicht betrügen, auch wenn er diesen Entschluß manchmal und nur insgeheim bereute. Letztendlich vermißte er Suzi bei sich und wünschte, sie wäre dabei.
Chuck und Jaque bemerkten das wohl und überlegten, zumindest diesen Teil des Urlaubs ein wenig ruhiger anzugehen. Aber Jann machte den beiden recht schnell deutlich, daß er ihnen den Spaß nicht nehmen wollte und amüsierte sich mit ihnen, soweit es sein vor Liebeskummer schweres Herz zu lies und zeigte seinen Kummer der Entbehrung nicht.
Letztendlich, so dachte er hatte er es ja besser. Alles, was die beiden hier anfangen würden, hätte in spätestens zwei Wochen sein Ende. Seine Liebe wartete zu Hause auf ihn.
Auf Hawai´i gab es auch eine menge militärische Stützpunkte, von der Regierung ebenso wie von den Konzernen.
Da Waikiki eigentlich eine einzig große Enklave war, überlegte das Trio, ob sie zu einem dieser Stützpunkte fahren wollten und eine Besichtigung machen wollten.
So weit jedoch ging der Tourismus dann doch nicht.
Das besondere an den Stützpunkten war ihre Luftstreitmacht und die moderen Jäger und Aufklärer. Aber kein Stützpunkt machte irgendwelche Führungen durch ihre Anlagen. Die Tatsachen, daß sie selber alle Piloten waren, war in dieser Hinsicht eher ein Hindernis als ein Vorteil. Selbst die Basis des eigenen Konzerns ließ sie nicht hinein.
Also beschränke man sich auf Coctails, Surfbretter und braungebrannte, hübsche Mädchen.
Der Urlaub ging viel zu schnell zuende, nicht nur wegen der verlorenen Woche.
Als der Tag der Abreise kam, waren die Gemüter ein wenig bedrückt, aber nicht traurig.
Denn immerhin war das, was jetzt auf sie zukam, nicht weniger interessant.
Gemäß ihres Marschbefehls flogen sie von Hawai´i aus direkt in die Mongolei, in die Wüste Gobi, wo sie ihre ersten richtigen Einsätze fliegen würden.


Suzi war ein wenig überrascht, als sie auf ihrem Telekom zwei Botschaften fand.
Sie hatte nicht damit gerechnet, so schnell von Jann zu hören, auch wenn sie sich gegenseitig versprochen hatten, so oft wie möglich zu schreiben. Sie wußte, daß er gleich nach seinem Urlaub zum Stützpunkt fliegen würde. Als sie die eMails runterlud, rechnete sie im Kopf kurz nach. Er müßte jetzt schon seit fast Drei Wochen im Dienst sein.
Die zweite eMail war von Jaque, und das wunderte sie doch ein wenig.
Ihr Telekom piepte und der Brief von Jann prangte auf dem Schirm. Obwohl sie sich kaum beherrschen konnte, die Post zu lesen, nahm sie sich die Zeit, die eMail auszudrucken. Sie mochte lieber die altmodischen, romantischen Briefe auf echtem Papier. Besonders Liebesbriefe hatte sie lieber als etwas greifbares in der Hand, um sie später in einen Schuhkarton aufzubewahren. Außerdem waren der eMail von Jann einige Bilder beigefügt, die sie ebenfalls ausdrucken wollte.
Dann legte sie sich auf ihr Bett und las den Brief in aller Ruhe, während sie dem Telekom Anweisungen gab, die eMail von Jaque ebenfalls auszudrucken.

Hallo Suzi!
Hawaii war wunderschön und sehr erlebnisreich!
Das ist auch der Grund, warum ich Dir erst jetzt schreibe. Denk nicht, ich hätte Dich vergessen! Aber wir waren so viel unterwegs, daß ich einfach nicht dazu gekommen bin. Aber das hole ich jetzt alles nach! Außerdem lagen wir eine Woche flach, weil wir uns dort in einen der örtlichen Bodyshops niedergelassen hatten und uns einigen Operationen unterzogen haben, die in Hawaii ebenso Trend wie eine Notwenidgkeit sind.
Krieg jetzt keinen Schock: Ich bin weder ein Straßenpunk geworden noch ein aufgepeppter Konschnösel.
Ich habe Dir Bilder mitgeschickt, auf denen Du die Unterschiede sehen kannst, sofern Du sie entdeckst .


Die Ärzte in den Bodyshops machen immer dies Vorher-Nachher-Fotos, damit man den Erfolg seiner Modifikation sehen kann, oder damit man sieht, wie gut die Arbeit war, weil man sie eben nicht sieht....
Jaque, Chuck und ich haben uns alle gemeinsam einer Behandlung zum Sonnenschutz unterzogen und uns eine dermale Panzerung verpassen lassen. Auch wen für letzteres eigentlich keine direkte Notwendigkeit bestand, kommt uns das im Einsatz sicher zu Gute. Außerdem sieht das irgendwie cool aus!
Die Genbehandlung war ein wenig seltsam. Uns war ständig schlecht und wir waren so schlapp und hatten Fieber, so daß wir fast eine Woche lang nicht unterwegs waren. Und von der chemischen Behandlung für die Dermalpanzerung juckte uns die ganze Zeit die Haut. Das Fieber und die Übelkeit war normal, haben uns die Ärzte versichert und sie haben die Behandlung die ganze Zeit über strengstens überwacht.

Suzi sah erschrocken auf. Das hätte sie Jann nicht zugetraut. Ein wenig in Panik davor, wie er jetzt aussehen mochte, stand sie vom Bett auf und ging zum Drucker, um sich die Fotos anzusehen, die Jann mitgeschickt hatte. Wenn der Kerl irgendeinen Mist veranstaltet hat, den er vielleicht cool fand, würde sie ein ernstes Wort mit ihm reden, sobald er wieder in Hannover sein würde!
Der Drucker hatte alle Fotos ausgespuckt und druckte gerade an dem eMail von Jaque. Sie nahm die Fotos vom Auffangteller und legte sich wieder auf das Bett.
Auf einem der Ausdrucke waren Zwei Bilder enthalten, über ihnen prankte das Logo eines hawaiíanischen Bodyshops, der dem Logo in der Ecke nach anscheinend zu dem Konzern Yamatetsu gehörte.
Dort war ein Gruppenfoto von den dreien zu sehen. Unter dem Foto auf der linken Seite stand in kursiver Schrift "before" drauf. Sie waren alle schon leicht gebräunt, bis auf Chuck, dessen Hautfarbe eher den Farbton eines gekochten Hummers hatte.
Jann lächelte und hatte seinen beiden Kameraden die Arme auf die Schultern gelegt. Jaque winkte grinsend in die Kamera, während Chuck ein wenig unglücklich wirkte. Kein Wunder dachte Suzi. Sie würde auch nicht von Jann umarmt werden wollen, wenn sie solch einen schlimmen Sonnenbrand hätte.
Auf dem Foto rechts daneben stand folglicherweise "after" darunter.
Alle Drei grinsten unverschämt in die Kamera und parodierten Gesten, wie sie die Bodybuilder auf den Sportkanälen immer machten.
Abgesehen von der Tatsache, daß die Drei ein wenig brauner waren als vorher, konnte sie tatsächlich nicht erkennen, was sich verändert haben sollte. Sie glänzten ein wenig, was Suzi auf die Belichtung und auf die Hitze zurückführte. Und sie wirkten alle ein wenig...muskulöser.
Suzi stuzte und betrachtete das Bild eingehender. Tatsächlich schien das Trio ein wenig an Muskelmasse zugelegt zu haben. Das war in der Tat äußerst seltsam. Man legte in einer Woche nicht so an Masse zu, erst recht nicht im Urlaub.
Außerdem wirkten die Muskeln sehr viel besser definierter als das letzte mal, wo sie Jann gesehen hatte. Sehr ästhetisch. Jetzt fiel ihr auch der vage, metallische Glanz auf, den sie vorher für Sonnecreme gehalten hatte. Was für ein eitler Lackaffe, lachte sie.
Dann überlegte sie. Jann hatte noch nie viel auf sein Aussehen gegeben. Er sah zwar gut aus, aber das war ihm nie sonderlich wichtig gewesen. Er war weder eitel noch bildete er sich darauf irgend etwas ein.
In Hawaii liefen die meisten sicher in Shorts oder Bikinis herum. Suzi wußte einiges über Dermalpanzerung. Auf der chirurgischen hatte sie einige Patienten gesehen, die sich so etwas hatten implantieren lassen. Neben dem metallischen Glanz waren die eingewobenen Chrom- und Hartplastikplatten meist deutlich zu sehen. Solch ein Schönheitsmakel würden die reichen Touristen auf Hawaii sicher nicht in Kauf nehmen.
Sie betrachtete das Foto nochmal. Dann pfiff sie leise durch ihre Zähne. Wirklich gute Arbeit. Ihrer vorangegangenen Panik wich der Erleichterung. Jann hatte sich nicht verunstaltet. Es sah sogar besser aus als vorher. Auf jedenfall gefiel es ihr. Die Frauen dort mußten solchen Typen reihenweise nachgeschaut haben.
Dieser Gedanke schlug eine andere Seite in ihrem Unterbewußstein an, die sei im Moment lieber verdrängte.
Dennoch konnte sie die nagenden Zweifel nicht gänzlich unterdrücken. Auf einer solchen Insel gab es sicher eine Menge Versuchungen. Und seine beiden Freunde haben ihnen sicher nicht winderstehen wollten. Jann als Nachzügler würde dort sicher nicht zurückstecken wollen...
Sie legte die Fotos beiseite und las den Brief weiter.

Ich hoffe, das Ergebnis wird Dir gefallen und Du willst mich immer noch haben.
Als wir uns wieder in das dekadente Leben der örtlichen Touristen mischen konnten, waren wir jeden Tag am Wasser und sind gesurft. Naja, zumindest haben wir es versucht. Ich wünschte mir, die Bretter hätten so etwas wie ein Rig. Ich habe mich furchtbar dumm angestellt. Ich fürchte, ich bin der einzige Pilot, der nicht surfen kann. Für TopGun-Filme bin ich also gänzlich ungeeignet. Abends haben wir Coctails getrunken, solange es Happy Hour war. Unser Reisekonto hat durch den Besuch beim Bodyshop beträchtlich gelitten, obwohl solche Modifikationen hier erstaunlich billig sind. Danach haben wir uns ins Nachtleben gestürzt.
Jaque und Chuck ein wenig meh als ich.
Ich habe es ihnen gegenüber nicht gezeigt, aber ich habe Dich, gerade in solchem Momenten schrecklich vermißt. Es gibt hier Gegenden, die Dir sicher sehr gefallen hätten, und ich hätte sie so gerne mit Dir zusammen genossen. Letztendlich war ich derjenige, der hier alleine war.
Ich hoffe, ich sehe Dich bald wieder. Wann weiß ich nicht genau. Über Urlaub oder Freigang hat uns bisher noch niemand etwas gesagt, und als wir unseren Major danach fragten, hat er nur dreckig gelacht. Das ist keine Übertreibung. Ich wollte mich mal erkundigen, wie es mit Besuchen auf dem Stützpunkt ist, falls Du Sehnsucht nach mir verspürst und Lust hast auf einen Urlaub in der Wüste.
Es wäre wundervoll, wenn Du mich mal besuchen würdest!
Okay, weg von dem sentimentalen.
Wie Du sicher weißt, sind wir jetzt seit mehr als zwei Wochen im Dienst. Und unsere Einsätze gestalten sich interessanter, als ich anfangs gedacht hatte. Wie erwartet, bin ich mit meinem alten Team wieder zusammen. Jason, Eric und abor sind also auch in der Einheit. Ich habe Dir Gruppenfotos mitgeschickt. Auf einem ist unsere gesammte Einheit dabei. Ich erspare Dir die langweilige Prozedur, jeden einzelnen von ihnen vorzustellen. Aber ich habe Abor, Eric und Jason eingekreist und drei weitere Kameraden wollte ich Dir auch noch vorstellen. Der Rechts im Bild mit dem Namen Branco - der, der ein wenig abseits steht - heißt mit vollem Namen Branco Maria Tyrell und ist seines Zeichens Sergeant. Er ist ein wenig so, wie ich mir Magier immer vorgestellt habe. Arrogant und ein wenig über den Dingen. Ich glaube jedoch, daß er einfach nur nicht so gut mit anderen kann und tatsächlich ein wenig schüchtern ist. Eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, daß er aus Spanien kommt.
Der andere Magier, der uns unterstützen soll, heißt Cullen Trey. Er ist auch Sergeant, aber sein Rang ist ein wenig höher als der von Branco. Das mit den Rängen ist ein wenig kompliziert. Irgendwie sind alle Sergeants, wichtig ist, was vor dem Sergeant steht und welche schönen Muster sie auf ihrer Schulter tragen.
Cullen ist ganz anders als Branco und sehr viel zugänglicher. Er ist auch bei weitem nicht so arrogant. Seine Art kann man eher als höflich und zuvorkommend beschreiben. Er hat ein seltsame Art, sich auszudrücken.
Chuck sagt immer, er würde dem Adel in England alle Ehre machen. Aber das ist nur Show und er hat eine Mengen Humor, die er damit zum Ausdruck bringt. Sprachlos ist er jedenfalls nie. Ich glaube, er würde Dir gefallen. Wir verstehen uns sehr gut mit ihm und verbringen eine Menge unserer spärlichen Freizeit mit ihm. So lerne ich eine ganze Menge über Magie, wie sie funktioniert und so. Das ist insofern wichtig, da in Einsätzen durchaus allerlei magisches auf uns zukommen kann und es ist schön, vorher zu wissen, ob der Sandsturm vor Dir ein Luftgeist ist oder tatsächlich einfach nur ein Sandsturm.
Der Typ, der vor der Reihe grimmig dreinblickender schwerbewaffneter Männer steht, heißt Bailey O´Hara. Er ist der Captain der kleinen Infantrieeinheit. Sie sind das Fußvolk, wie wir Flieger gerne sagen. Sie sind die, die nachher in das Gebiet laufen und schauen, was noch da ist, wenn wir es bombardiert haben. Manchmal ist es auch andersherum und wir unterstützen sie aus der Luft. Letztendlich sind das alles Gefechtsübungen mit Ruinen und Attrappen. Aber hier in der Nähe soll eine Basis von Aztechnologie stehen und es kann sein, daß sie es auf das Gebiet von Fuchi abgesehen haben.
Was man auf einen Haufen Sand überhaupt haben wollen kann, ist mir ein wenig schleierhaft, aber das ist ja nicht unser Problem.
Unser Kommandant für die Einheit heißt Major von Hassel. Von ihm bekommen wir alle Befehle, die von ganz oben kommen, oder die Interpretation davon. Er ist nicht mit auf dem Bild. Wir nennen ihn "Eisenfaust" oder "Hammer", weil er einen Cyberarm hat. Er ist schon sehr viel länger hier und hat seinen echten Arm bei einem Geplänkel mit den Azzies verloren. Das scheint ihn weiter nicht zu stören. Wenn er vor uns auf und ab geht, ballt er seinen künstlichen Arm immer zur Faust und knirscht mit den Fingern. Das macht uns immer wahnsinnig. Und er scheint absolut keine Emotionen zu besitzen, zumindest diese, die man für zwischenmenschliche Dinge braucht. Er war auch derjenige, der lauthals gelacht hat, als wir nach dem nächsten Urlaub fragten. Natürlich war ich der Dumme. Und obwohl wir als Piloten das eine oder andere Sonderrecht haben, gibt er persönlich nicht viel darauf. Er hat sicher eine Menge Humor, aber der gefällt uns nicht besonders. Ansonsten ist er aber in Ordnung. Er ist auf jedenfall ein fähiger Kommandant.
Aber hier scheint jeder ein Spezialist auf seinem Gebiet zu sein. Entweder bin ich in der Elite gelandet oder Fuchi bildet sein Personal hervorragend aus.
Demnächst, so erzählte uns der Oberste Kommandant, haben wir echte Einsätze, keine Gefechtsübungen mehr.
In etwa drei Wochen läuft hier die erste Operation an. Sie trägt den kreativen Namen "Sandsturm".
Ich will gar nicht wissen, wieviele Operationen hier diesen Namen schon getragen haben. Vielleicht ändert sich das auch noch. Im moment sind unsere Aufklärungstruppen dabei, die Daten zu sammeln.
Ich spiele dabei ebenfalls eine wichtige Rolle, zusammen mit Jaque und Abor.
Wir fliegen täglich mehrmals mit den Drohnen über den Sand und erkunden die Gegend. Eigentlich recht langweilig, weil es nie was zu sehen gibt und bisher nichts passiert ist. Vielleicht besser so.
Aber das ganze hat auch sein gutes:
Da wir zum höheren Offiziersstab gehören und als Piloten eine gewichtige Rolle in dem Unternehmen tragen werden, sollen wir alle in den nächsten Zwei Wochen wieder nach Seattle geflogen werden.
Dort wird man uns einigen Modifikationen unterziehen, die hier die meisten schon hinter sich haben.
Es ist nichts schlimmes. Man pflanzt uns nur ein Funkgerät und ein Telefon ins Gehirn. So soll garantiert werden, daß wir immer in Kontakt bleiben können, ohne in Gefahr zu laufen, das Gerät zu verlieren.
Seattle ist nicht so weit weg wie die Mongolei, und ich werde wegen der Operation sicher vier Wochen im Krankenhaus bleiben müssen, vielleicht sogar länger.
Es wäre schön, wenn Du mich dort besuchen könntest. Ich hoffe, Du bekommst dann auch Urlaub.
Ich mache jetzt Schluß; wir haben gleich die nächste Einsatzbesprechung.
Ich kann Dich auch mal anrufen. Bevor ich nach Seattle muß, werde ichd as auf jeden fall tun!
Ciao, mein Sonnenkind. Ich vermisse Dich!

Dein Jann

P.S.: Ich soll Dich von Chuck und Jaque grüßen. Seltsamerweise auch von Cullen Trey, frag mich nicht warum.

Suzi faltete den Brief und legte ihn in den Schuhkarton. Dann sah sie die Fotos durch. Zwei waren noch von Hawaii dabei. Es zeigte die Drei beim surfen. Wobei Jann auf dem Strand lag und die Einzelteile seines Bretts zusammen suchte. Sie mußte schmunzeln, als sie daran dachte, was er über ein mögliche Filmkarriere gesagt hatte.
Auf einem anderen sah man sie in einer Bar anstoßen und dem Kameramann zuprosten. Jaque und Chuck waren in weiblicher Begleitung, die sich fröhlich an die beiden schmiegte. Nur Jann war einsam auf dem Bild.
Das letzte Foto war ein Gruppenbild der Einheit. Alle waren in Tarnkleidung zu sehen, die in den Wüstenfarben gehalten waren. Für Suzis Geschmack sah es zu sehr nach Krieg aus.
Sie erkannte die beiden Magier. Branco schaute ein wenig finster drein. Cullen stand direkt hinter der Reihe der Infantrie und machte mit seinen Fingern Hasenohren hinter einem der Soldaten.
Jann hatte unter jeden Piloten die Namen geschrieben.
Die Soldaten hatte er nicht beschriftet, wahrscheinlich kannte er noch nicht alle ihre Namen.
Captain O´Hara war ein Ork und dazu noch ein sehr kräftiger. Er kniete wie alle anderen Soldaten in der ersten Reihe und stützte sich stolz auf seiner Waffe. Irgendwas auf dem Bild, so wie die Soldaten ihren Captain ansahen sagte ihr, daß der Mann wußte, was er tat und seine Einheit ihm vertraute und sie ihn bewunderten.
Sie wollte die Fotos zusammen mit dem Brief weglegen, da fiel ihr ein, daß Jaque ihr noch einen Brief geschrieben hatte.

Hallo, meine Dame.
Diesen Brief habe ich noch in Hawaii geschrieben, aber ich schicke ihn zusammen mit dem von Jann ab.
Der Engländer hielt dies nicht für eine gute Idee, aber wir Franzosen sind nun mal so.
Der kurze Besuch in Hannover war ein wunderschönes Erlebnis und nicht zuletzt aufregend wegen der Sache mit Deinem eifersüchtigen Liebhaber aus vergangenen Tagen.
Ich erinnere mich gerne daran zurück und freue mich auf den Augenblick, wenn wir wieder mal zu viert durch die Straßen eurer wunderbaren Stadt ziehen können.
Aber eigentlich schreibe ich Dir, um Deinem Herzen mögliche Zweifel auszuräumen. Ich weiß, wie Frauen manchmal denken.
Jann war ohne Dich sehr einsam auf der Insel und Chuck und ich fühlten uns deswegen manchmal ein wenig schuldig.
Es wäre nicht weiter verwunderlich gewesen, wenn er der Versuchung nachgegeben hätte und sich mit einer der dort anwesenden Schönheiten getröstet hätte. Er hat Dir sicher von unserem Besuch im Bodyshop erzählt und danach konnten wir uns vor den Avancen bildhübscher Damen kaum noch erwehren. Nun, ich denke, die sorgsam verbreitete Tatsache, daß wir Kampfpiloten sind, half uns da ein wenig.
Ich habe mir gedacht, daß Du vielleicht den Gedanken hegst, Jann würde sich wegen Seiner Einsamkeit und schon aus dem Grund, daß wir die letzten Wochen eigentlich nicht mehr ohne Begleitung sein, den dortigen Verführungen hingeben.
Aber ich kann Dir versichern, daß er absolut treu war.
Jann weiß nichts von diesem Brief und es würde ihm wohl auch nicht gefallen.
Ich schreiben ihn auch nur, damit es später nicht Probleme gibt, die keinen Grund haben und etwas zerstören, was wunderbar zu sein scheint.
In nicht wenigen Momenten habe ich ihn um seine Situation beneidet. Besonders an dem Tag, wo wir uns von dieser traumhaften Insel und ihren fleischlichen Versuchungen verabschieden mußten. Ce la vie.

Viele Liebe Grüße

von Jaque

Suzi atmete erleichtert auf. Sie hatte ihre Zweifel verdrängt, aber nicht vergessen. Zwar ist die Tatsache wunderlich, daß Jaque ihr deswegen überhaupt schreibt, aber sie würde ihm keine Lügen unterstellen. Anscheinend wollte er sie wirklich nur beruhigen. Franzosen haben wohl doch einen besonderen Hang zu der Liebe, dachte sie und grinste.

Suzi schaute ein wenig verunsichert auf die Datenbuchse an seiner Schläfe.
"Sie ist ein wenig groß.", sagte sie.
Jann nickte und befingerte die neugewachsene Haut um die Buchse herum. "Anders geht es leider nicht, sagten sie. Es ist ja auch für Chips gedacht und nicht für Datenkabel."
"Chips?" fragte Suzi erschrocken. "Was will man euch denn alles in den Schädel hämmern?"
"Nur das notwendigste", grinste er und spielte damit auf die Anzahl ihrer Koffer an, die sie vom Flughafen mitgebracht hatte. Sie hatte keinen Urlaub bekommen und konnte nur zwei Tage bleiben. Dafür hatte sie aber Kleidung und andere Dinge mitgebracht, die Frauen nun mal brauchten, wenn sie unterwegs waren, als wolle sie auswandern. Sie boxte ihn in den Bauch. "Sehr lustig. Jetzt erzähl mir mal: Was ist das für ein Ding?
Ich dachte, ihr solltet nur dieses Funkgerät bekommen?"
"Ich wußte es vorher auch nicht. Man hat uns das erst hier mitgeteilt. Es ist ein Enzephalon."
Suzi starrte ihn an, als hätte er gerade die Wahrscheinlichkeitstheorien erklärt.
"Enzewas?"
"Enzephalon.", wiederholte er. "Ein computerunterstütztes Expertensystem. Zumindest eine abgespeckte Version davon. So zumindest haben die Spezialisten das hier genannt. Es soll uns beim riggen noch ein wenig schneller machen. Die Hauptaufgabe ist es jedoch, daß wir in einem sehr kurzen Zeitraum lernen sollen, wie man mit den neuen Fluggeräten umgeht. Die Flugmaschinen, die wir in der Wüste haben, sind das neueste vom neusten. Und sie unterscheiden sich in vielen Dingen erheblich von den Trainingsmaschinen auf der Schule. Die Dinger, die wir dort haben sind dagegen Fossilien."
Suzi tippte gegen seinen Kopf. "Und das Ding kann das?"
"Und wie!" Jann schien sich über seine neuen Spielzeuge sichtlich zu freuen. Suzi schien seine Begeisterung nicht teilen zu können.
"Was hat man euch noch alles eingesetzt?"
Jann zögerte ein wenig. "Eine Smartlinkverbindung. Eine verbesserte Version. Sie ist nötig für einige spezailisierte Waffensysteme und auch für ballistische Waffen. Außerdem haben sie unsere Augen modifiziert."
"Deine Augen?", rief sie entsetzt.
"Du hast es nicht bemerkt?"
Sie trat näher an ihn heran und betrachtete konzentriert seine Iris. Sie konnte keinen Unterschied erkennen. Sie sahen genauso aus wie vorher. "Nein, hab ich nicht. Haben sie nur die Retina verändert?"
Jann schüttelte den Kopf. "Sie mußten die Augen komplett ersetzen. Ich kann jetzt Daten in mein Sichtfeld einblenden. Außerdem habe ich eine Zoomfunktion. Ich kann Neil Armstrongs Fußspuren auf dem Mond betrachten, ohne Teleskop." Er grinste. "Zumindest, wenn der Himmel klar ist."
Suzi ging auf den Witz nicht ein, sondern schaute ihn nur an.
"Mir gefällt das nicht.", bemerkte sie
"Aber so schlimm sieht das doch..."
"Das meinte ich gar nicht.", unterbrach sie ihn. "Ihr werdet ständig mit irgendwelchen Krams vollgestopft. Sie greifen in Dein Gehirn ein! Was werden sie als nächstes machen, wenn eine andere Mission ansteht und die entscheiden, daß Du bessere Arme oder so brauchst? Du wirst doch irgendwann zu so einem...einem Cybermonster."
Jann winkte ab. "Also das glaube ich nun wirklich nicht. Die Operation muß ziemlich teuer gewesen sein. Sie können nicht jedem Soldaten irgendwas einbauen, das rentiert sich nicht. Sie machen nur wenige dieser Sachen und die bekommt auch nur das Spiteznpersonal, dort, wo es unbedingt notwendig ist."
"Und bei Dir war das so."
"Ja.", antwortete er. "Als Pilot gehört man zur Elite. Sie sind teures Personal. Und sehr wichtiges."
"Das beruhigt mich ja jetzt.", grummelte sie.
"Och Suzi.", beschwichtigte Jann. "Das war kein großer Eingriff. Außer der Datenbuchse wirst Du nichts bemerken. Und ich glaube kaum, daß sie mir noch mehr einpflanzen werden. Zumindest hast Du nicht zu befürchten, daß sie mich in ein Cybermonster verwandeln. Dafür sind ihnen nicht mal die Piloten gut genug."
"Gibt es in eurer Basis irgendwelche Typen, die so viele Modifikationen in sich tragen?", wollte sie wissen.
Jann überlegte. "Nicht, daß ich wüßte. Es gibt einige Spezialisten, wie ich gehört habe, die einige Besonderheiten haben. Aber bei uns ist keiner, der mehr Chrom als Fleisch hat.
Beruhigt Dich das?"
Suzi nickte zögernd. Ihr behagte das alles nicht. Aus ihrer Arbeit im Krankenhaus hat sie ganz selten den einen oder anderen gesehen, der sich massiven Modifikationen unterzogen hatte. Und diese Typen waren in der Tat Monster. Sie wirkten nicht mehr menschlich. Und das lag nicht an dem ganzen Chrom, daß sie mit sich rumschleppten. Irgendwie wirkte sich Cyberware im großen oder übermäßgen Maßstab auf die Psyche des Menschen aus und ließ ihn kälter, berechnender werden. Und das war mehr als nur ein wenig unheimlich.
Aber sie konnte bei Jann nichts dergleichen feststellen. Vielleicht würde sich so was bei ihm erst später zeigen. Aber wenn er ihr versicherte, daß dies nicht der Fall sein würde, wollte sie ihm glauben. Außerdem hatte sie keine Lust, deswegen mit ihm zu streiten, die Kurze Zeit, die sie beide in Seattle hatten.
"Ich bin hungrig.", sagte sie, um das Thema entgültig abzuschließen. "Lass uns was essen gehen."
"Gute Idee. Ich sage Chuck und den anderen bescheid, damit sie auch in die Kantine kommen. Dann lernst Du auch mal all die anderen Piloten kennen." Er nahm sie bei der Hand. "Ich wollte sie Dir sowieso schon lange mal vorstellen. Mit ihnen zusammen fliege ich die Thunderbird."
"Was ist jetzt wieder ein Thunderbird?", fragte sie verwirrt.
Jann grinste und führte sie zum Fahrstuhl. "Frag lieber nicht. Übrigens, merkst Du gar nichts?"
Sie schaute ihn verwirrt an. "Nein. Was soll ich denn merken."
Er lächelte fröhlich. "Genau das. Wenn Du nichts bemerkst, dann ist es perfekt."
Er drehte sich zu ihr hin und nahm ihre beiden Hände in die seinen. "Du hast Dich vorhin so sehr über Deine Angst geäußert, ich könnte mich mit all dem Chrom in meinem Körper irgendwie verändern. Das wird nicht passieren. Was die uns hier einsetzen, kommt direkt aus den Labors. Es ist fast noch warm. Das ist Spitzentechnologie. Das kannst Du nicht mit den Messerklauen und Punks auf der Straße vergleichen. Die holen sich ihre Cyberware aus irgendeinem zweitklassigen Bodyshop, wenn überhaupt. In diesem Moment, wo Du meine beiden hände hälst, bemerkst Du nicht einmal die Induktionspolster der Smartlinkverbindung."
Suzi zuckte und wollte ihre Hände wegziehen, doch Jann hielt sie fest.
"Sag Du mir, welche Hand.", forderte er sie auf.
Sie drückte seine Hände, streichelte sie sanft, dann zuckte sie die Schultern. "Ich weiß nicht, keine Ahnung. Die rechte vielleicht."
Jann schaute sie überrascht an. "Du hast es doch gespürt.", sagte er ein wenig enttäuscht.
"Hab ich nicht.", schüttelte Suzi den Kopf. "Ich hab mir nur überlegt, daß Du Rechtshänder bist." Sie hob seine Rechte nach oben und studierte seine Handinnenfläche. Mann konnte weder was sehen noch fühlen, wenn man darüber strich. Jann lächelte sie an und packte mit der linken Hand seine Rechte. Er zog die Haut der Rechten Hand zusammen und drehte die Innenfläche nach oben. Jetzt konnte man die Induktionskissen auf den Ballen und an den Fingern erkennen.
"Du meine Güte!", rief Suzi.
"Sie sind noch immer so sanft wie früher.", grinste Jann. "Ich bin kein Cybermonster nur wegen dieser paar Sachen in meinem Körper. Es bringt dem Militär nichts, wenn sie Psychopathen in ihren Reihen haben."
"Das wäre das allererste mal.", entgegnete sie spitz. Sie ergriff Janns Hand und setzte mit ihm den Weg zu den Fahrstühlen fort.
Als sie vor dem Fahrstuhl warteten, schaute Suzi sich um. "Müssen wir nicht nochmal zurück? Wir wollten doch den anderen bescheid sagen."
Jann lächelte sie verschwörerisch an. "Ist schon längst geschehen."
Wieder sah sie ihn verwirrt an und wollte etwas erwidern. Ach ja, die interne Funkverbindung, fiel es ihr dann ein und sagte weiter nichts. Wenn Jann sich auch nicht verändert hatte, das war auf jeden fall unheimlich.

Abor, Mike und Jason waren ebenfalls dabei, außerdem noch weitere acht Piloten, die ebenfalls von der Basis in der Wüste hergeschickt wurden, um sich den benötigten Modifikationen zu unterziehen.
Suzi saß mit der gesamten Crew am Tisch, die Jann durch die Ausbildung begleitet hat. Jaque war überaus froh, Suzi wiederzusehen und begrüßte sie überschwenglich. Er blinzelte ihr zu, als sie sich setzte und sie blinzelte zurück. Jaque lächelte. Damit war alles gesagt, was zu dem Brief noch zu sagen war.
Chuck ging es nicht so gut. Er hatte ein wenig Kopfschmerzen. Von allen Anwesenden war er der letzte in der Reihe gewesen, der operiert wurde. Die gesammte innere Headware wird völlig schmerzfrei implantiert. Benötigte Leiterbahnen, Chips, Transistoren und Schaltkreise werden mit Hilfe eines Kernspinresonators direkt im Hirn konstruiert. Nur die Datenbuches selber ist ein operativer Eingriff, und unter ihren Folgen litt Chuck noch immer ein wenig.
Er freute sich, Suzi wiederzusehen, konnte sich aber auf ein Gespräch nicht richtig konzentrieren.
"Hast Du denn keine Schmerzmittel bekommen?", fragte sie besorgt.
"Doch schon.", antwortete er. "Ich hab sie aber nicht genommen. Das sind solche Hammermittel. Wenn man davon welche nimmt, wird man sehr schnell schläfrig."
Sie sah in sein leidendes Gesicht. "Vielleicht solltest Du sie doch nehmen."
"Glaube ich auch.", stimmte er zu und erhob sich. "Entschuldigt mich, Leute. Ich lege mich ein wenig hin."
Jann und Jaque nicktem ihm zu. "Bis später. Wir schauen nachher mal in Dein Zimmer."
Bevor Chuck aus der Kantine verschwand, klingelte das Handy von Suzi. Sie rollte die Augen und schaute in die Menge grinsender Piloten.
Sie ließ das Handy einfach klingeln und aß ihren Pudding weiter.
"Willst Dü denn gar nischt range´en?", fragte Jaque.
"Warum sollte ich?", knurrte sie. "Das ist doch wieder nur ein Streich von irgendeinem von euch."
Die Piloten tauschten betroffene und unschuldige Blicke aus. "Wer sollte so etwas tun?", fragte Jann und unterdrückte mühsam sein Grinsen. "Du kannst gar nicht wissen, ob Dich nicht tatsächlich jemand anrufen will."
Suzi schenkte ihm einen finsteren Blick und ignorierte weiterhin das drängelnde Piepsen ihres Handys. Dann seufzte sie und nahm es aus ihrer Tasche. Die Piloten kicherten.
"Ja? Hallo? Wer...Chuck! Du!! Ich sollte Dich...was? Ja schön für Dich, daß Du die Tabletten genommen hast. Leg Dich hin." Sie drückte auf die Unterbrechen-Taste und wollte das Handy wegstecken, als es in ihrer Hand wieder anfing zu klingeln. Sie knurrte und schaltete das Handy aus, um es dann demonstrativ auf den Tisch zu knallen. Das machten sie schon die ganze Zeit mit ihr. Ständig rief einer der Witzbolde am Tisch mit seiner Headware bei ihr an. Und sie konnte einfach nicht herausfinden, wer es war. Denn bis auf Chuck, der eben gerade ins Handy gelacht hatte, wurde ansonste immer gleich aufgelegt, sobald sie das Handy aktivierte. Wirklich sinnvolles Spielzeug, was sie den Jungs eingepflanzt hatten.
Sie würde später ein ernstes Wort mit Jann reden, daß er die Nummer von ihr weitergegeben hatte. Dafür würde er in der Nacht noch büßen, versprach sie sich. So etwas funktioniert auch in die andere Richtung.
Jann löffelte seinen Pudding und schaute verunsichert aus den Augenwinkeln zu seiner Freundin. Das sie auf einmal so grinste, behagte ihm gar nicht.

Auf dem Flug zurück herrschte fröhliche Stimmung. Der Jet gehörte zum Militär von Fuchi und brachte die Piloten in der letzen Etappe direkt zur Basis in Gobi. Einzig Jann machte einen recht verschlafenen Eindruck, konnte sich aber nicht entspannen, weil er viel zu aufgeregt war. Und er vermißte trotz allem seine Freundin.
"Wie war die Nacht?", fragte Jason schnippisch.
Jann stöhnte. "Frag nicht danach."
"Sie hat Dich wachgehalten.", grinste Jason.
Jann schenkte ihm einen Blick, wie er von einem Mann kommen könnte, der am Abgrund der Hölle gestanden hat. "Nicht so wie Du denkst. Sie hat sich fürchterlich gerächt für die Telefonstreiche, die wie ihr gespielt haben."
"Es war Deine Idee.", wehrte Jason ab.
"Das weiß ich.", knurrte Jann. "War nicht meine erste blöde Idee. Erinnere mich daran, mich niemals wieder mit einer Frau anzulegen. Besonders dann nicht, wenn ich mit ihr zusammen bin."
Jason wurde neugierig. "So schlimm war das nun auch nicht. Wer hat früher nicht Telefonstreiche gespielt?"
"Ich hab das nie gemacht! Was bringt mir das auch? Jeder Idiot kann auf seinem Telekom sehen, wer das war."
"Dagegen gibt es einige kleine Tricks.", entgegnete Jason.
"Die ich nicht kenne.", erwiderte er. "Ich bin bestenfalls ein Techniker, aber gewiß kein Programmierer, geschweige denn ein Decker.
Nein. Suzi hat was ganz anderes gemacht.
Sie hat ihr Telefon auf Wahlwiederholung gestellt. Ihr blödes Handy rief in Intervallen immer wieder in meiner Headware an. Und sie hat sich alle Mühe gegeben, mich wachzuhalten. Ich glaube nicht, daß man das unter Coitus Interruptus verstand, als man den Begriff prägte."
Jason grinste unverschämt. "Du bist aber auch selber Schuld." Sagte er zu Jann.
"Wieso denn das?"
"Du hättest ihr ja Deine Nummer nicht geben müssen."
Jann stöhnte. "Die hatte sie ja schon. Ich hab sie angerufen. Schon vergessen?"
Jason zuckte mit den Schultern. "Du hättest das Telefon ja ausschalten können."
"Das dürfen wir doch nicht! Ist doch eine Bestimmung. Wir sollen immer abrufbereit sein."
"Ja sicher. Im Krankenhaus, nach der Operation.", Jason sah ihn mit gespieltem Mitleid an. "Für diese eine Nacht hättest Du bestimmt eine Ausnahme machen können."
Jann sah aus dem Fenster. Jason gab sich alle Mühe, ihn anzugrinsen und ihn somit zu provozieren, aber er reagierte nicht darauf. Dafür war er eh viel zu müde. Nach dem fünfzehnten Klingen war Suzi zu dem Schluß gekommen, daß sie ihrer Rache genüge getan hat. Das hieß noch lange nicht, daß sie ihn dann hatte schlafen lassen. Keiner von beiden wußte, wann sie sich wiedersehen würden, und man wollte sich ja schließlich entsprechend verabschieden. Jann hatte diesbezüglich nichts einzuwenden. Nur hatte er bis dahin nicht geahnt, wie gnadenlos Frauen sein können...


Der General stöpselte sich aus. "Wieviele Einsatzbereite Piloten haben wir in der Basis?"
Der Adjudant legte einige Ausdrucke auf den Tisch. "Genau Dreißig. Dabei sind vier Teams für die Thunderbirds vorgesehen. Jeweils Sechs sind in einem Team. Die übrigen Sechs sind für die Jets vorgesehen.
Aber von den Teams sind einige für Hover, Helikopter und Drohnenflug ausgebildet. Drei von ihnen auch für die Jets."
"Na wunderbar.", knurrte Mulcanny. "Das heißt, wir sind mal wieder unterbesetzt. Ich habe den Antrag schon zweimal gestellt, aber ich bekomme nicht mehr Personal." Er nahm die Unterlagen auf, die ihm sein Adjudant hingelegt hatte und überflog sie kurz.
"Das Hauptquartier begründet dies mit der erschöpften Kapazität der Unterkünfte."
"Ich kenne die Antwort.", gab der General barsch zurück. "Ich frage mich nur, wo die das Problem sehen, weitere Unterkünfte anzubauen."
Der Adjudant zuckte mit den Schultern. Dazu fiel ihm auch keine Antwort ein. "Aber wir haben für jeden Fahrzeugtyp vollständige Mannschaften."
"Ja klar.", entgegnete Mulcanny. "Wenn wir nur jeweils einen Typ einsetzen. Wenn wir alle Helikopter losschicken, können wir die Thunderbirds nicht voll besetzen. Wenn wir die Vektorschubpanzer nach draußen jagen, bleiben die Jets im Hangar. Und so weiter und so weiter." Er warf die Unterlagen wütend zurück auf den Schreibtisch. "Ich hasse es, Mannschaften zu splitten. Es verlangt von den Piloten eine extreme Flexibilität. Und das macht uns im Falle eines Angriffes zu langsam."
"Im Moment besteht keine direkte Krisengefahr.", warf der Adjudant ein.
"Was sie nicht sagen!" Mulcanny bedachte seinen Untergebenen mit einem finsteren Blick. "Als könnte sich dies nicht jeden Augenblick ändern. Die Azzies sitzen kaum zweihundert Kilometer von uns entfernt. Und sie haben keine Nachschubprobleme mit dem Personal.
Sie haben doch auch die Geheimdienstberichte gelesen."
Der Adjundant nickte pflichtbewußt. "Aus ihnen geht aber nicht hervor, daß eine unmittelbare Gefahr der Eskalation besteht, geschweige denn eines Übergriffes."
Mulcanny fixierte ihn. "Ist das ihre Meinung? Oder die der Aufklärung?"
"Nun..."
"Sie brauchen nicht zu antworten." Der General seufzte. "Willee ist nicht auf den Kopf gefallen. Ich kenne ich schon zu lange, als daß ich nicht weiß, das er unterscheiden könnte, was von den Daten nun relevant ist und was nicht. Er hat etwas in den Berichten entdeckt, daß ihn stutzig machte. Und das Oberkommando informiert. Und diese Stubenfliegen sehen nur die Fakten auf dem Papier. Ich wette um eine Flasche Chateubriand, daß seine persönlichen Anmerkungen ungelesen in den Papierkorb gelandet sind."
Wie man es von einem ordendlichen General erwartet, griff Mulcanny in ein kleines Kästchen und holte eine dicke Zigarre hervor, die er sorgfältig abschnitt und dann entzündete.
Er nahm einen tiefen Zug und seufzte dann wieder.
"Jeder weiß, wie unberechenbar die Azzies sind. Verhalten sich monatelang ruhig und plötzlich schnappen sie über. Wenn sie wissen, daß wir hier dabei sind, unsere Truppen wenigstens annähernd auf Sollstärke zu bringen, ist eine Reaktion von denen so sicher wie der morgendliche Gang zum Klo."
Der Adjudant hörte geduldig zu. Er war schon seit vier Jahren im Dienst vom Major General Mulcanny, und alle diese Jahre auf dieser Basis, inmitten der Wüste. Er kannte die Azzies ebenso gut und konnte die Besorgnis seines Vorgesetzten nur allzu gut verstehen. Egal, wie der Bericht geklungen hat, er glaubte selber nicht daran, daß die Azzies ruhig in ihrem Nest sitzen bleiben würden. Für sie kam das Eintreffen neuer Truppen und Materials einer Kriegserklärung gleich. Auch wenn der notorische Verfolgungswahn bei Konzernen durchaus normal war, die Paranoia von Aztechnologie übersprang die Grenzen des normalen bei weitem. Und ihre Reaktion auf einen möglichen Übergriff, der sich für sie schon alleine in der Tatsache erklärte, daß die nächste Basis aufrüstete, bestand in einer deutlichen Gegenreaktion: Angreifen, solange sie noch können.
Der Adjudant räusperte sich. "Soll ich nach Major Willee schicken lassen?"
"Gute Idee.", stimmte Mulcanny zu. "Ich sollte mir persönlich anhören, was er zu sagen hat."
Der Adjudant salutierte und wandte sich zum gehen, als ihn der General zurückhielt.
"Besser noch: rufen sie eine Stabsbesprechung ein. Ich will mir anhören, was alle zu sagen haben. Auch wen Willee die Berichte schon hundertmal gelesen oder gehört hat, ich möchte mir die Aussagen unserer Schnüffler persönlich anhören."
"Welche Uhrzeit?"
Mulcanny schaute kurz auf seinen Bildschirm. "Sagen wir 1300 Uhr. Dann bleibt noch genug Zeit für die Einweisung der Einheiten, wenn das nötig sein sollte. Und halten sie mir diese beiden Zivilisten vom Hals. Ich will nicht, daß die davon Wind bekommen und uns dann die ganze Zeit ihr Mantra um die Ohren knallen. Das kann ich im Moment übrehaupt nicht gebrauchen."
"Wird erledigt.", bestätigte der Adjudant und verließ das Zimmer des Generals

Er bekam gar nicht mit, wie seine Freunde um ihn herum die Stimmung genossen und sich mit den Kameraden anfreundeten, die schon länger in der Basis waren. Er bekam auch nicht mit, wie Cullen Trey seine magischen Kunststücke vollführte, um eine seiner Geschichten mit bewegten Bildern zu untermalen, und er bekam auch das Gelächter nicht mit, daß darauf folgte. Er merkte nicht einmal, wie seine Kameraden die Bar verließen und sich an einem Tisch niederließen, weil "Eisenfaust", der Major der Einheit sich neben ihm setzte. Auf die andere Seite setzte sich fast zur gleichen Zeit Captain O´Hara.
"Stimmt was mit dem Bier nicht, Junge?", fragte von Hassel unvermittelt.
Jann schreckte bei der tiefen, harschen Stimme hoch. Erst jetzt wurde er sich bewußt, daß er zwischen zwei Menschen saß, beide riesig und breit gebaut, einer mit einem Cyberarm, der mit Kratzern übersät war, der andere ein Ork, dessen Grinsen mehr furcht einflößte als das es beruhigte. Und beide einige Ränge über ihm.
"Äh...Nein...es ist in Ordnung. Sir."
Von Hassel schüttelte den Kopf. "Hier nicht Junge. Wir haben Feierabend und sind hier, um uns den Sand aus der Kehle zu spülen. Von Hassel reicht völlig."
Der Ork beugte sich zu ihm herüber und raunte ihm ins Ohr. "Eisenfaust solltest Du ihn aber nicht nennen. Darauf reagiert er allergisch."
Von Hassel schenkte dem Ork einen vernichtenden Blick, der Jann, wenn er ihm gegolten hätte, ein kleines Unglück in seiner Unterwäsche verursacht hätte. O´Hara grinste nur und nippte an seiner Flasche.
"Von Deinem Mädchen?", fragte von Hassel unvermittelt und deutete auf das kleine Objekt in Janns Fingern.
Erst jetzt wurde er sich wieder bewußt, daß er nervös mit dem Chip in seiner Hand spielte, den er die ganze Zeit gedankenverloren betrachtet hatte. "Ja...genau, Si..., von meiner Freundin. Wir schreiben uns so oft wir können."
Der Major nahm einen Schluck. "Du vermißt sie sehr?"
Jann schaute auf den Chip. "Wir sind noch nicht lange zusammen.", antwortete er. "Wir hatten nicht viel Zeit füreinander, bis ich hierher mußte. Aber ich hatte mich schnell daran gewöhnt, all meine Zeit mit ihr zu verbringen. Zuletzt hatten wir uns im Krankenhaus getroffen. Allerdings nur für zwei Tage."
"Und vermißt sie Dich?", fragte O´Hara.
"Das schreibt sie ziemlich ausführlich. Aber ihr gefällt es nicht, daß ich hier bin. Sie macht sich Sorgen, daß mir etwas passieren könnte. Außerdem mag sie Militär nicht sonderlich."
"Sympathisches Mädchen.", murmelte von Hassel. "Das meine ich ernst. Du solltest sie Dir warmhalten."
"Das hatte ich auch vor.", gab Jann zurück.
Der Major zuckte mit den Schultern. "Wird schwierig. Das zwischen euch wird nicht halten."
Jann schaute überrascht auf. "Wie kommen sie darauf?!"
"Hab ich schon zu oft erlebt.", erwiderte von Hassel. "Sie wird krank von Sorge. Spätestens, wenn die Operation anläuft und Du ihr nicht mehr so oft schreiben kannst. Sie ist zu lange alleine. Und dann sucht sie sich jemand anderen, bevor es ihr zu schmerzhaft wird."
"So eine ist sie nicht.", erklärte Jann indigniert, Rang hin oder her.
"Klar. So sind sie alle nicht. Passiert aber trotzdem." Von Hassel kippte den letzten Schluck hinunter und erhob sich vom Barhocker. "Deswegen sagte ich, Du solltest sie halten. Zumindest alles dafür tun.
Und noch was Junge: Sorg dafür, daß Dir solche Dinge nicht im Kopf hermuschwirren, wenn wir da draußen sind. Wenn ich einmal erlebe, wie Du unkonzentriert bist oder abgelenkt und wir deswegen im Drek sitzen, reiße ich Dir persönlich den Hintern bis zu den Ohren auf."
Der Major nahm sich ein neues Bier und gin zu einem Tisch, wo einige der Fußtruppen mit Armdrücken ihre Kräfte maßen.
"Netter Kerl.", murmelte Jann niedergeschlagen. "Ich soll darüber nicht nachdenken. Und er setzt mir etwas in den Kopf, worüber ich nachdenken muß."
"Er ist kein so übler Kerl.", sagte O´Hara. "Eigentlich meint er es nur gut."
Jann sah den Ork verwundert an. "Wir reden immer noch über den Major? Sie wissen schon, den mit dem Cyberarm..."
O´Hara lachte und klopfte Jann auf die Schulter. Der Captain war einer von den Menschen, die ihren Rang nicht groß an die Brust hefteten. Er bemühte sich um ein Kameradschaftliches Verhältnis zu allen Leuten. Und er brauchte seinen Status nicht, um Respekt zu verdienen oder Disziplin zu lehren.
"Genau der." Der Ork winkte den Barkeeper her und bestellte eine neue Runde. "Oh sicher, er ist knallhart. Und ich möchte nicht auf der falschen Seite stehen, wenn er mit von der Truppe ist. Aber man kann ihm nicht nachsagen, daß er sich nicht um seine Leute kümmert. Er hat halt seine eigene Art, das zu tun."
"Dennoch kann er nicht wissen, wie das zwischen mir und meiner Freundin ist."
Der Ork lachte wieder, diesmal ein wenig trocken. "Das kann er. Er war lang genug hier und auch woanders, um solche Dinge oft genug zu sehen. Verdammt, der alte Rostarm hat mehr Dinge gesehen als eine Fliege im Scheißhaus. Und er hat eine beängstigenden Menschenkenntnis."
"Na Klasse!", stöhnte Jann. "Dann soll daß wohl heißen, daß meine Freundin mir bald eröffnet, daß sie jemand neues hat und es auch noch besser für uns wäre. Soll ich jetzt mit ihr Schluß machen oder wie?"
"Hast Du ihm nicht zugehört?", fragte der Ork. "Das hat er gar nicht gesagt. Er meinte lediglich, daß es nicht einfach wird. Und daß das nur allzu wahrscheinlich ist, daß es zwischen euch irgendwann kriseln wird. Das ist normal. Und es ist halt die Art vom Major, Dir zu sagen "Komm nachher nicht an und heul Dir die Augen aus, wenn es schiefgegangen ist. Ich habs Dir ja gesagt". Er verschwendet halt nicht viele Worte. Und er sagt alles sehr direkt. Spart Zeit, wie er es mal so schön erklärt hat."
"Aber ich bin doch auch von ihr getrennt. Und ich habe nicht vor, mit ihr Schluß zu machen, nur weil ich es nicht verkrafte, so lange von ihr getrennt zu sein."
Der Ork musterte Jann. "Was macht Deine Freundin?"
"Sie ist Krankenschwester. Wieso?"
"Nun, stell Dir mal vor, sie würde sich entschließen, nach Afrika zu gehen, oder Mexico. Oder nach Berlin in eines der Stifts, um dort Verwundeten zu helfen. Und Du weißt, sie arbeitet zwischen Minen und Maschinengewehren. Und wenn sie nach Hause geht, wird ihr Weg von Heckenschützen beobachtet.
Das würde Dir auch nicht gefallen. Und dann sind da noch die anderen."
"Welche anderen?" fragte Jann verwirrt.
"Andere Frauen. Du bist zuhause und machst Dir sorgen um Dein Mädchen. Und Du hörst nur noch selten von ihr. Dann erscheint da jemand anderes, der Dich tröstet und Dir hilft. Und dieser Jemand ist näher dran, nicht in einem Krisenherd. Mit anderen Worten: Es ist einfacher. Es tut einfach nicht so weh. Du stellst fest, daß Du wieder ruhig schlafen kannst. Mit jemand anderem in den Armen."
"Klingt so, als sprechen sie aus Erfahrung.", entgegnete Jann und nippte an seiner Flasche.
"Nicht ganz so, aber fast."
Jann zuckte mit den Schultern. "Ich würde so etwas jedenfalls nicht tun."
Der Ork lachte schallend. So laut, daß sich einige der Soldaten an den Tischen zu ihm umdrehten.
"Nein, natürlich nicht. Dabei sind es die Frauen, die eine Menge mehr an Kraft aufbringen, als die Männer es könnten. Gerade, was solche Situationen angeht."
Er kippte sein Bier runter und bestellte sich ein neues. "Was meinst Du, wieviele Beziehungen gehen auf diese Weise kaputt?"
Jann sah ihn ratlos an. "Keine Ahnung. Nich viele, denke ich."
"Falsch!", donnerte der Ork grinsend. "Von Zehn Paaren trennen sich neun. Das ist einfach normal. Das passiert. So eine Situation überfordert die meisten."
"Aber Suzi wußte, worauf sie sich einließ!", konterte Jann hilflos. Das Thema des Abends gefiel ihm überhaupt nicht.
"Das weiß man nie.", wehrte der Captain ab. "Man glaubt es, aber es ist niemals so. Und wenn man ganz ehrlich ist, kann man das auch von niemanden verlangen." Er bemerkte Janns bestürzten Blick und klopfte ihm auf die Schulter. Jann verschüttete sein Bier. "Nimms nicht so schwer Junge.", riet er ihm. "Dir sollte nur einfach klar sein, daß das nun mal passiert. Und das das normal ist. Vielleicht ist es ja bei euch nicht so. Aber ich würde mich darauf nicht versteifen. Dun wenn Du Dir das eingestehst, wird es nicht so schlimm.
Das letzte was wir hier brauchen können, ist ein Pilot in einem vollbewaffnetem Thunderbird, der Liebeskummer hat. Deswegen ja auch unsere Ansprache. Nimms halt nicht so schwer."
"Vielen dank auch.", grummelte Jann. Dann sah er den Captain an. "Haben sie jemanden?"
Der Ork lachte wieder. "Ich hatte immer jemanden. Manchmal sogar zwei. Wo ich auch hinkam, ich habe immer ein nettes Mädchen gefunden, daß sich nachts von mir wärem lassen wollte."
"Und?"
"Nichts davon hat länger gehalten als ein Jahr. Aber ich hab mich auch nie so sehr darauf eingelassen. Bei jemanden mit meinem Beruf ist das auch besser so."
"Sie haben sich nie richtig verliebt?", wollte Jann wissen. "Ich meine, da muß doch mal eine dabei gewesen sein, die ihnen so richtig den Kopf verdreht hat."
"Oh ja!", gab der Ork zu. "Und es hat mich wild gemacht, als es vorbei war. Sie war eine Frau, mit der ich mich am liebsten zur Ruhe gesetzt hätte, um ein hübsches kleines Rudel zu züchten."
Nette Ausdrucksweise, dachte Jann. "Aber warum ist es dann vorbei gegangen. Und wie haben sie das überwunden?"
"Es ist eben vorbei gegangen. Welche Frau will schon Kinder von einem Mann, der vielleicht schon vor der Geburt des Ersten den Boden der Wüste düngt?
Sicher, es hat weh getan, als sie mir sagte, daß sie so nicht mehr könnte. Aber es war eine wundervolle Zeit, die wir hatten. Und ich habe jeden Tag davon gelebt, als wäre es der letzte. Das ist eines der Dinge, die man hier als Sandfresser lernen sollte. Als Ork sowieso."
Jann schwieg betroffen. Die Andeutung des Captains auf den herrschenden Rassissmus, den er wohl nicht nur draußen erlebt hatte, sondern ganz gewiß in dem nicht ganz Metamenschenfreundlichen Konzern, trafen ihn. Ebenso die darin versteckte Andeutung auf die kurze Lebensspanne von Orks. Von allen Rassen auf der Welt lebten sie am schnellsten. Das der Captain daß so einfach ausdrücken konnte, bewunderte Jann. Aber er wußte nicht, wie der darauf reagieren sollte, ohne irgendwas falsches zu sagen.
"Naja, sie haben es sicherlich besser als der Major."
Die Augenbrauen des Orks wanderten zum Haaransatz. "Wieso das?"
"Sie hatten wenigstens immer irgend jemanden. Wenn auch nicht für lange."
Wieder lachte der Ork, daß die Theke bebte. "Und Du meinst, der Major hat niemanden?" wieherte er.
Janns Augen wuchsen. "Er hat eine Freundin?"
O´Hara schüttelte den Kopf. "Er ist verheiratet."
"Eisenfaust hat eine Frau?", rief Jann, nur um sich gleich die Hand vor den Mund zu schlagen. Der Major saß noch immer am Tisch und schlug reihenweise die Neuankömmlinge im Armdrücken. Dabei benutze er nicht einmal seinen kybernetischen Ersatz.
"Oh ja. Und eine wundervolle noch dazu. Plus zwei niedliche Kinder. Das älteste geht jetzt, glaube ich, auf die Schule."
Jann sah zu dem Major und schüttelte den Kopf. "Man soll es ja nicht glauben.", murmelte er. "Ich dachte immer, sein Herz wäre aus dem gleichen Stoff wie sein Arm."
"Von Hassel ist Ok. Und ein Guter Vater. Er kennt nur das Leben und weiß, wo er es packen muß. Deswegen seine Härte. Wenn es drauf ankommt, wirst Du ihn niemals schwach sehen. Und wahrscheinlich auch so nicht."
"Aber wie kann er dann so etwas zu mir sagen?", beschwerte sich Jann. "Das ist unfair."
"Junge,", knurrte O´Hara. "Glaubst Du denn, er hatte nie derartige Probleme? Die hatte er sogar mit seiner Frau gehabt. Der Kerl war schon Soldat, da warst Du noch ein lüsternes Funkeln in den Glubschern Deines Alten. Er weiß genau, wovon er redet."
"Wie hat seine Frau das durchgehalten?", wollte Jann wissen. "Vorallem mit jemanden, der sein hartes Image so selten fallen läßt?"
Der Ork lächelte ihn konspirativ an. "Was glaubst Du, braucht ein Mann für eine Frau im Rücken, um so stark zu werden?" Er nahm sein Bier und stand auf. "Und jetzt entschuldige mich. Ich muß dem Rostarm mal zeigen wer hier der Stärkere ist, bevor er meinen sorgsam gepflegten Ruf ruiniert."
Der Captain ließ den verdutzen Jann alleine an der Bar zurück. O´Hara und der Major stritten freundschaftlich über die Regeln, als sich der Ork auf der anderen Seite niederließ und die Hand von dem Major ergriff. Diesmal war es der Cyberarm.
Janns Vermutungen wurden bestätigt, daß der Captain weitaus stärkere Modifikationen besaß, wie er anfänglich vermutet hatte, als der Major, keuchend und fluchend, langsam aber sicher verlor.
Ein Herz-Ass lief über den Tresen an Jann vorbei und hielt dann an, um wieder zurück zu laufen und auffordernd vor seinem Gesicht auf und ab zu springen. Bevor Jann die Augen aus dem Kopf fallen konnten, wanderte die Karte wieder zurück, lief dabei immer schneller.
Er verfolgte die Karte bis zu dem Punkt, wo sie vom Tisch sprang, direkt auf den Stapel in Cullens Hand.
"Ich dachte, die beiden gehen nie.", bemerkte er. "Wir hatten schon Angst um Dich."
"Wir waren schon am grübeln, waß Du diesmal angestellt haben könntest, daß die beiden Dich in die Mangel nehmen wollten."
"Ach, die sind ganz in Ordnung. Sie haben mir einiges über Beziehungen auf Entfernung erzählt."
"Wer? Der Captain?", fragte Chuck.
"Nicht nur. Von Hassel hat da sehr interessante Ansichten. Leider auch sehr realistische."
"Eisenfaust?", entfuhr es Abor. "Über Liebe?"
"Genau der.", erwiderte Jann trocken und nippte an der Flasche.
Trey schüttelte den Kopf und breitete die Arme aus. "Ihr habt es gehört.", sprach er zu den Anwesenden. "Kein Bier mehr für den Piloten an der Theke. Ich weiß nicht, was sie mit Dir gemacht haben. Aber es war sicher das militärische Äquivalent einer Lobotomie." Er zeigte ihm die Karten, die in seiner Hand lagen. "Das macht Dich zu einem idealen Opfer für die nächste Pokerrunde."
Jann grinste und folgte seinen Kameraden an den Tisch.




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