|
eine SR-Kurzgeschichte von
07.08.2057, 21.37 Uhr, in einem x-beliebigen Großraumkeller in den Barrens
des Rhein-Ufer-Plex
Die Stimmung war angeheizt, wilde Rufe schallten durch den Raum in Richtung
der Arena, wo sich im Moment der Vizechampion in einer mißlichen Lage
befand. »Kämpf,« schrien die Zuschauer über die laute
Musik hinweg, »mach die Nudel platt! Der kann doch nichts!«. Für
den Vizechampion der Arena, den Troll mit dem aussagestarken Namen "Gulag",
sah daß aber etwas anders aus. Im Moment richtete er sich gerade wieder
auf und sah böse auf den Herausforderer hinunter. Obwohl es nur ein Norm
war, hatte ihn eben dieser jetzt zum zweiten Mal zu Boden geschickt und ist
selbst nach einem von Gulags Schwingern wieder aufgestanden. Der Norm war irgendwie
zu schnell für ihn, anders als dieser restliche Abschaum. Aber jetzt würde
er ihn mit einem rechten Haken vollends in die Seile - oder besser die Hallenwand
- schleudern.
Das Geschreie der Menge und ihre Anfeuerungsrufe für Gulag erstarben, als
der Norm ihn mit einem schier unglaublichen Schlag traf und ihn danach einfach
umwarf - und der Troll tatsächlich liegen blieb! Niemand sagte etwas, als
der Herausforderer dann aus dem Ring stieg und zur Kabine ging, alles eilte
nach dem Schiedsrichterentscheid zu dem Gefallenen, nicht in der Lage, die Situation
zu begreifen.
Durchgeschwitzt, mit einigen Prellungen aber dennoch froh, in dieses verdammte
Finale gelangt zu sein, betrat der neue Vizechampion die verschmutzte Umkleidekabine
und wechselte die durchgeschwitzten Sachen. Daß, was er danach trug, war
zwar nicht wesentlich sauberer, aber wenigstens trocken. Sein Coach, bzw. derjenige,
der ihm von dieser Aktion erzählt hat, grüßte ihn mit Handschlag.
»Du warst erste Sahne, Jeff! Ich hab dir doch gesagt, daß Gulag
nicht unüberwindbar ist!« »Hör mal, Porfyro, ich weiß
deine Freude ja sehr zu schätzen und Danke für den Tip, aber hast
du nicht irgendetwas zu trinken für mich?« »Ja doch, hier.«
sagte der Mann in den abgetragenen, nietenbesetzten Lederklamotten und holte
eine Dose Synthocola. Der andere ergriff sie und ließ sich auf die hölzerne
Bank fallen. Er setzte an und trank einen großen Schluck. »Ist meine
SIN noch an ihrem Platz?« fragte er. »Sicher,« antwortete
Porfyro, »Ich hab drauf geachtet.« »Danke. Hier nicht wegzukommen
muß echt die Hölle sein.« Der Ganger, ungefähr 25, lächelte
seinen etwas jüngeren Gefährten an.
»Ich sage dir, Mr. Cabailles, daß hier ist die Hölle!«
»Ich weiß. Im astralen sind überall Zeichen der Verschmutzung
und der Strahlung.« Er setzte kurz ab und sah seinem langzeitigen Weggefährten
ins Gesicht.
»Sind in den UCAS nicht heute Präsidentenwahlen?« »Ja,
du hast Recht. Ob ER es schafft?« »Natürlich wird ER es schaffen.
Ich hätte ihn gewählt, wenn ich dürfte. Was solls, laß
uns fertig werden.«
Jeff Cabailles, auf der Straße besser als J.Carn bekannt, kleidete sich
vollständig ein und verließ mit Porfyro die Kabine und das Kelleretablissement.
Am Ausgang zur Straße stellte sich ihnen einmal ein
schmieriger Kerl in den Weg. Er sah die beiden mit einer Mischung aus Angst,
Respekt und Abscheu an, bevor er sagte: »Da sie es nun ins Finale der
Veranstaltung geschafft habe, müssen sie sich morgen Abend nach Sonnenuntergang
an der Ecke Kölnstraße/Otto-Hahn-Straße einfinden. Dort werde
ich das Finale mit unserem Champion arrangieren. Bis dann.« Danach räumte
er den Weg für die beiden, die daraufhin in den frühen Morgen hinaustraten.
Unterschlupf fanden sie in einem kleinen, extra abgesicherten Zimmer im 9.ten
Stockwerk eines ehemals großen Wohnblocks in den Tannenbusch-Barrens.
Auf den ca. zwölf Quadratmetern saßen sie mit einem
weiteren aus Porfyro's Gang und spielten bis um etwa 8 Uhr Karten, wobei sie
sich darüber unterhielten, was man mit dem Preisgeld von 5.000 Euro alles
machen könnte. J.Carn war nur zu dieser Veranstaltung gegangen, weil er
in akuter Geldnot war, aber dennoch wollte er nicht alles für sich haben.
Nachdem sie vollkommen ausgepowert die letzte Runde Skat hinter sich gebracht
hatten, sicherten sie daß Zimmer noch einmal und ließen sich dann
zum Schlafen nieder. Eines wurde J.Carn wieder einmal klar: Es ist egal,
wo du schläfst, wenn du eine gewisse Müdigkeit erreicht hast.
Als sie wiedererwachten, warf J.Carn einen kurzen Blick aus dem Fenster - und
tippte anhand der Helligkeit auf kurz nach Mittag, da er die Sonne wieder einmal
nicht direkt sehen konnte, da ihm sowohl die Gasglocke als auch eine Decke natürlicher
Wolken die Sicht nahm. Er dachte kurz daran, daß die Wahlergebnisse mittlerweile
feststehen müßten.
08.08.2057, nach Sonnenuntergang, am Platz des Finalkampfes.
J.Carn kam diesmal alleine, Porfyro würde in dem Zimmer auf seine Rückkehr
warten. Er kam die Kölnstraße entlang auf die Kreuzung zu, in voller
Kampfmontur. Der Mantel war offen, so daß man die
darunterliegende Panzerweste sehen konnte. Sein Schwert trug er auf dem Rücken,
aus den Stiefeln ragten sichtbar Messergriffe, genauso wie aus dem Gürtel.
Er trug seinen Talisman, eine Sonnenbrille, in einem Etui, da er die astrale
Ansicht der Barrens sowohl kannte als auch nicht auf Dauer ertragen konnte.
Überall störte die Hintergrundstrahlung die Sicht, und der gesamte
Ort war vergiftet durch die Hoffnungslosigkeit der Menschen.
An der Kreuzung wartete bereits der Kerl vom letzten Abend. »Ah, sie sind
wirklich gekommen. Ich bin quasi überrascht. Nun, wenn dem so ist, wird
der Champion gleich hier auftauchen und dann kann es begin...« Er wurde
plötzlich durch das Auftauchen einer kleinen, vollständig in schwarz
gekleideten Person unterbrochen, die in einem Übermenschlichen Satz auf
die Kreuzung sprang. Als er daß realisiert hatte, sagte er: »Ah,
da sind sie ja. Nun gut, dann können sie beginnen. Der Sieger muß
mir einen Beweis bringen, daß er seinen Gegenüber bezwungen hat.
Ich werde hier warten.«
J.Carn sah genauer hin. Die Gestalt trug eine Art verstärkten Ganzkörperanzug.
An ein paar Stellen waren die Platten nicht zu übersehen. Auf dem Rücken
hatte sie einen Kampfstab befestigt und ihr
Gesicht durch eine zum Anzug passende Art Sturmmaske verdeckt. Sie - da ließ
die Kleidung keine Zweifel zu, eine Frau - wandte ihm daß Gesicht zu.
»Du bist also J.Carn, was? Ich glaube, daß wird eine ganz
anstrengende Nacht heute... für dich!« Sie hatte eine sehr jugendliche
Stimme, wie J.Carn fand. Er sagte bewußt provokativ: »Und wie nennt
man dich? Ich muß wissen, welchen Namen ich morgen früh aus dem Telefonbuch
streichen kann.«
»Ich bin Mask.« antwortete sie, zog in einer flüssigen Bewegung
den Stab und ging in Kampfhaltung
Oh, wie kreativ, dachte J.Carn, aber sie ist ohne zweifel Adeptin.
Shit happens, aber alles andere wäre auch zu wahrscheinlich gewesen.Auch
er ging in Position. Es schien still zu werden, der Wind sich zu legen und selbst
die Zeit schien der Dinge, die da kommen würden zu harren. Aber dann...
In einer nichtmenschlichen Geschwindig- und Geschmeidigkeit gingen die beiden
Adepten aufeinander los. Stahl biß sich in Holz, als sie versuchten, mit
den Waffen eine Entscheidung herbeizuführen. Keiner von
beiden erlangte einen Vorteil, bis J.Carn die Zähne zusammenbiß,
einen Schlag mit dem Stab allein mit dem Unterarm blockte und selbst so mit
dem Schwert zustieß, daß es im Endeffekt Mask war, die aus dem Nahkampf
zurückwich, sich dann herumdrehte und in Richtung der nahen Ruinen verschwand.
J.Carn rammte das Schwert in den weichen Boden und heftete sich an ihre Fersen.
In den Ruinen angekommen, verlor er sie zuerst aus den Augen und nutzte den
Moment, um ein Wurfmesser aus dem Gürtel zu ziehen. Da war sie wieder,
oben im ersten Stock! Er warf das Messer in ihre Richtung, nagelte es aber nur
in den Beton, während sie zu einem mörderischen Stunt ansetzte. Sie
sprang an einen eingestürzten Mauerteil, machte einen Salto rückwärts
in seine Richtung und drehte sich ihm zu. Während sie zu ihm herunterfiel
holte sie mit dem Stab weit aus. Das hätte ihm mit Sicherheit den Kopf
gespalten, aber der Adept ließ sich instinktiv hinfallen und war in der
Lage, aus seinem rechten Stiefel das
Überlebensmesser zu ziehen. Er wich ihrem Schlag aus, und die Stabspitze
bohrte sich in das Erdreich. Da Mask aber ohne Deckung gelandet war, mußte
er nur den Arm ausstrecken, und die Klinge suchte sich den restlichen Weg durch
ihren Unterleib.
Stark wie sie war, fiel sie aber nicht, sondern taumelte von ihm weg, sich die
Wunde haltend. Rennen war für sie ob des Blutverlustes nicht möglich,
und so stand er relativ gelassen auf, und nahm einen der
Erdklumpen in die rechte Hand. Als er ihn einmal, zweimal spielerisch in die
Luft warf, versuchte sie schließlich zu türmen, als hätte sie
eine Ahnung gehabt, was er jetzt tat.
Der Erdbrocken war höchstens faustgroß, aber er traf sie voll im
Kreuz, so daß es Mask von den Füßen riss. J.Carn trat zu ihr.
Jetzt hatte sie erst recht keine Chance gegen ihn. Er entfernte das Messer sorgfältig
und versuchte, die Wunde wenigstens etwas zu versorgen. Dann ging er hin und
nahm ihr die Maske ab - Sie würde als Beweis seines Sieges gelten.
Da es nicht Bedingung war, den Gegner zu töten, sah J.Carn von solchen
Maßnahmen ab. Als er ihr Gesicht betrachtete, war er beinahe geschockt.
Vom Aussehen her war sie noch ein Mädchen, 17 oder 18 vielleicht. Mit ihrer
Kurzhaarfrisur wirkte sie beinahe ungefährlich. Wahrscheinlich war sie
mal ein liebenswertes, kleines Mädchen,dachte J.Carn.Wenn du Glück
hast, dankt sie es dir eines Tages, daß du sie am Leben gelassen hast.
Er überzeugte sich noch, daß sie atmete, dann ging er zu dem Typen
zurück, knallte ihm die Maske vor die Füße und hielt ihm das
blutige Messer mit den Worten unter die Nase: »Wenn ich nicht sofort mein
Geld bekomme, kannst du dich freuen, wenn ich dich ganz lasse!« Das wirkte.
Er übergab Porfyro die abgemachte Summe noch am selben Abend und verließ
dank seiner SIN unbehelligt und mit 3.500 Euro im Gepäck die Barrens. Er
würde sich noch lange an die schwarze Gestalt namens Mask erinnern. Und
hoffte, daß sie es auch tun würde.
09.08.2057, UCAS: Dunkelzahn wird in der Nacht seiner Amtseinführung als
Präsident der UCAS ermordet.
- FIN -
|
|