Shadowrun - Runner's Place
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Valentine - Das Leben im Schatten

von
 
Kapitel 1


Das Lokal war nicht schlecht. Nicht die oberste Klasse, aber in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Zumindest für Steve´s Bedürfnisse. Speed rümpfte wie immer die Nase. Ihm wäre es selbst im "Ritz" nicht fein genug.
Valentine sah zu ihm herüber, beobachtete, wie dieser kritisch und unzufrieden an seinem Champagner nippte. Echter Champagner. Steve schüttelte den Kopf. Eine Bar, die echte Getränke ausgab, auch noch zu Preisen, die ein normalsterblicher nicht gleich mit seiner Lebensversicherung auszahlen mußte, waren für ihn mehr als er verlangen würde. Venom, sein Bruder, saß neben ihm und starrte mit roten Augen auf sein Glas. Der Decker hatte sich wahrscheinlich auf der Toilette wieder ein wenig Koks gezogen. Steve nahm dies mit einem leichten Anflug von Besorgnis zur Kenntnis. Normalerweise nahm der Decker seine Drogen nur, wenn er deckte und zusätzliche geistige Power brauchte. In letzter Zeit schien er von dem Zeug mehr zu benötigen.
Steel verhandelte noch immer mit Troi über das Honorar.
Valentine nahm einen Schulck von seinem Cider und lächelte.
Er hatte keine Grund dazu.
Der Job würde mehr als nur gefährlich sein. Und Die Bezahlung war diesbezüglich überhaupt nicht angemessen. Das war sie nie. Trotz seiner Hohen Kosten für die rituellen Materialien und alles ander machte sich Steve nicht sehr viel aus Geld. Wenn er hatte, was er brauchte, war er zufrieden, und wenn es ein wenig mehr war, dann war das auf jedenfall willkommen. Aber selbst er sah nicht ein, sein Leben für einen Auftrag zu riskieren, wenn die Summe nicht im Verhältnis zum Risiko stand.
Für Steel war das nie der Fall. Und keiner war so gut darin wie er, aus einem Auftraggeber noch das letzte herauszudrücken.
Deswegen lächelte Steve.
Noch vor zwei Jahren hätte er sich im Traum nicht vorstellen können, hier zu sitzen. Umgeben von Shadowrunnern. Dem Abschaum. Das wofür er früher all seine Fähigkeiten und Kräfte eingesetzt hätte, um sie zu bekämpfen, sie zu vernichten. Hätte ihm damals jemand erzählt, er würde einmal mit diesem Pack in einer gemütlichen Kneipe sitzen, umgeben von Straßenklaue und Apfelwein trinkend über den nächsten Run zu planen, hätte er ihn schallend ausgelacht. Und danach in eine Anstalt eingewiesen.
Jetzt saß er hier. Der "Abschaum", der mit ihm in einer abgeschiedenen Nische an einem gemütlichen Tisch saß, bezeichnete er mittlerweile als seine Freunde, als Chummer. Er mochte sie. Und ohne auch nur für eine Sekunde zu zögern war er bereit, jedem einzelnen sein Leben anzuvertrauen. Genauso wie sie ihm, wenn auch mit gewissen Vorbehalten. Denn er war ja ein Magier.
Aber den Wert ihrer Freundschaft und den Ihres Schutzes und deren Fähigkeiten haben sie ihm mehr als nur einmal bewiesen.
Bayer sah in ein wenig befremdet an, weil er immer noch lächelnd an seinem Cider nippte. Steve sparte sich eine Erklärung und genoß seine seltsam heitere und angenehme Stimmung.
Wann hatte eigentlich alles begonnen?
Mit Troi, dachte er. Es fing mit Troi an. Er war ihr Vermittler, über den sie den größten Teil ihrer Aufträge bekamen.
Nein, berichtigte er sich im Geiste. Das war so nicht die ganze Geschichte. Begonnen hatte es mit Rico, Shannon und Blaze. Die erste Gruppe von Runnern, mit denen er zusammen gearbeitet hatte, seit er vor Mitsuhama geflohen war.
Aber diese Geschichte, so überlegte er ein weiteres mal, begann ein wenig später, im "Waterloo".

Sie war zu spät.
Valentine winkte nach dem Barkeeper und bestellte noch ein Getränk, während er mißmutig in die Menge schaute. Das sagte einiges über das Blind Date aus, und auch über die Person.
Gustav, sein Schieber-Freund aus dem Joker hatte Angel zu dieser absurden Idee überredet, um seine Stimmung zu bessern, die Steve erfasst hatte, seit er sich in Marie verliebt hatte und nun nicht wußte, wie er seine Gefühle für sie offenbaren konnte oder herausfinden sollte, wie sie diesbezüglich zu ihm stand. Der Barkeeper schob ihm ein neues Getränk entgegen. Steve nickte dankend und schaute auf die Uhr. Vielleicht war er auch zu früh gekommen.
Wie auch immer, seufzte Steve. Im "Waterloo" war heute eine riesige Party, und man mußte schon von Glück reden, wenn man nach Acht noch reinkam. Schlecht gewähltes Timing, eine Nobeldisco mit Happy-Hour. Er beschloß, noch eine halbe Stunde zu warten, bevor er ging, als die Musik verstummte.
So abrupt, daß die Stille fast noch lauter erschien.
"Liebe Gäste, Damen und Herren:", verkündete die Stimme des Managers über die Boxen, "In kürze erfolgt eine Razzia der ansässigen Konzerneinheiten der AG Chemie. Bitte verhalten sie sich ruhig und kooperativ während der Überprüfungen. Halten sie ihre SIN´s und ID´s bereit. Wir entschuldigen die Unterbrechung und bitten um Verständnis."
Die Musik blieb weiterhin aus. Steve hörte das Raunen und Lachen aus der Menge. Die meisten hielten dies wohl für einen Veranstaltungstip. Durchgefilzt zu werden wie ein gemeiner Gauner von knallharten Sicherheitsgardisten, das hatte doch was. Wie die Shadowrunner in den Gassen.
Dumm war nur für Steve, daß er ein Shadowrunner war.
Er hatte keine SIN, nicht mal eine gefälschte. Zumindest nicht hier. Seine SIN aus zweiter Hand, hergestellt von einem ebenso zweitklassigen Decker, war gerade mal gut genug um ihm bei den üblichen Straßenkontrollen vor einer Nacht bei der Wach- und Schließgesellschaft zu bewahren. Das Waterloo lag direkt im Hoheitsgebiet der AG Chemie. Steve wollte das Risiko einer genaueren Prüfung nicht eingehen und hatte sich auf seinen Ebbie verlassen. Aber er hatte auch keine Waffen mit. Das Waterloo hatte diesbezüglich strenge Vorschriften. Sicher, er hätte mit einem entsprechend hohem "Trinkgeld" den Troll am Eingang davon überzeugen können, die eine oder andere Handfeuerwaffe zu übersehen. Aber die Folgen, in einer solchen Nobeldisco ohne SIN und mit Waffe aufgegriffen zu werden, und das auch noch in Konzerngebiet, kam Steve wie ein Versprechen nach Ärger vor.
Das war noch nicht die ganze Miseré. Im Waterloo gab es bezüglich der Sicherheit auch noch strenge Regeln im Gebrauch von Magie. Sie war ohne Ausnahme verboten. Steve hatte, als er die Disco vorhin betreten hatte, einen kurzen Blick in den Astralraum geworfen. Überall wimmelte es von Watchern und Elementaren. Vereinzelt sah er auch einmal ein oder zwei Magier patroullieren.
Steve schwitzte. Was sollte er tun?
Seit er vor Mitsuhama geflohen war, versuchte er, seinen Kopf unten zu behalten und unauffällig zu wirken. Natürlich war in dem Fall der Weg als Schattenläufer nicht gerade die intelligenteste Entscheidung.
Sollte er aufgegriffen werden, würde es nicht lange dauern, bis jemand seine Identität herausgefinden würde. Und dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis Toryamas Häschern ihm in einer dunklen, unbewachten Zelle einen Besuch abstatten würden.
Steve mußte hier raus. Scheiß auf das Date. Was der abend auch hätte bringen können, es wäre es ganz gewiß nicht wert, wenn ihn die Sicherheit von AG Chemie mitnahm um seine Identität zu prüfen.
Er überlegte, einen Unsichtsbarkeitszauber zu wirken und sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen.
Vorsichtig wagte er noch einmal einen Blick in den Astralraum.
Ein anderer, der Aura nach anscheinend ebenso verzweifelter Magier hatte die gleiche Idee und wirkte seinerseits einen Zauber. Zumindest versuchte er es. Sofort gesellten sich zwei Elementare neben ihn und hinderten ihn an der Flucht oder an irgendeiner anderen magischen Handlung. Ein dritter Elementar kam hinzu, von dem Sicherheitsmagier der AG Chemie, vermutete Steve.
Valentine sah sich weiter um. Ein kleiner Trupp bewaffneter Leute in leichten Sicherheitspanzern kamen gerade die Treppe zur Bar hoch, im Schlepptau ein Magier, der sich die Szenerie in aller Gelassenheit ansah. Und er bemerkte Steve.
Also wechselte Steve wieder zu seiner normalen Wahrnehmung und sah sich nach einer anderen Fluchtmöglichkeit um.
Diese offenbarte sich direkt vor ihm.
Ein Mann, der geradezu nach Johnson schrie, lief an ihm vorbei. "Folgen sie mir, ich kenne einen Hinterausgang!", sagte dieser zu seinem Hintermann.
Steve betrachtete den großen Kerl, der hinter dem vermeintlichen Johnson herlief.
Breitschultrig, kalte Augen und in einen mit ballistischem Tuch verstärkten Duster gehüllt, folgte dieser dem Johnson in dem Versuch, dabei so unauffällig wie nur möglich zu erscheinen.
Ohne lange zu zögern stand Steve auf und ging den beiden ebenso unaufällig hinterher.
Der Johnson führte sie zu einer Tür neben den Toiletten, die nicht verschlossen war, obwohl ein Hinweisschild besagte, daß es sich um den Zugang zum Lager handelte und nur befugtes Personal zutritt hatte.
Er stieß die Tür auf und folgte der Treppe nach unten.
Steve sah sich um, ob ihm jemand folgte. Die Sicherheitskräfte hatten anscheinend nicht bemerkt, wie sich die kleine Gruppe absetzte, oder sie waren sich ihrer Sache sehr sicher. Aber zum Erstaunen von Steve hatten vier weitere Personen den gleichen Gedanken wie Steve gehabt und folgten dem Trio auf der gleichen, unbekümmerten Weise, wie es Steve an der Bar getan hatte. Die beiden direkt hinter Valentine trugen sehr teure und modische Klamotten und schienen verwandt zu sein, so ähnlich, wie sie sich sahen. Vielleicht Brüder. Steve glaubte, ihre Gesichter irgendwann einmal irgendwo in den Medien gesehen zu haben, konnte sich aber beim besten Willen nicht daran erinnern. Im moment war das auch egal. Hinter den beiden ging ein Elf. Er hatte die für seinen Metatypus entsprechende Größe, wirkte jedoch ein wenig breiter und athletischer als die meisten Elfen, die Steve gesehen hatte. Entweder trieb dieser hier Sport, war vercybert oder mochte gutes Essen. Seine Kleidung entsprach ziemlich der Modeszene im Waterloo. Man hätte ihn für einen Stammgast halten können oder jemanden, der einer werden will. Den Abschluß bildete ein junger Mann, den Steve in dem Halbdunkel der Treppenbeleuchtung nicht genau erkennen konnte, zumal er auch noch von den anderen Drei Personen verdeckt wurde.
Zu jedem anderen Moment wäre dies eine recht erheiternde Situation gewesen, eine Polognese, die jemanden unauffällig zu einem Hinterausgang zu folgen versuchte. Im moment war Steve jedoch nicht zum Lachen zumute. Ihn interessierte es nur, wie er hier schnellstmöglich und unendeckt herauskam. Andere "Flüchtlinge" mochten unter diesen Umständen ein Hindernis sein, konnten sich aber ebenso als eine weitere Hilfe erweisen.
Steve sah wieder nach vorne und bekam gerade noch mit, wie der Große Mann vor ihm seinen Blick von ihm abwandte und sich wieder auf den Weg vor ihnen konzentrierte.
Valentine zweifelte nicht daran, daß dieser schon von Beginn an bemerkt hatte, wie er sich dem kleinen Trek angeschlossen hatte und ging deshalb davon aus, daß dieser es ebenso tolerierte.
Es wunderte ihn insofern, weil die beiden anscheinend zusammen gehörten. Vermutlich Johnson und Sammie, die bei ihrer Geschäftsverhandlung unterbrochen wurden. Seine "Verabredung" war wenigstens gekommen, dachte Valentine mißmutig.
"Hier lang!", rief der Johnson und deutete zu einer Tür, die rechts am Ende eines Ganges lag. Der breitschultrige Sammie hinter den Johnson legte ihm die Hand auf die Schulter und bedeutete ihm wortlos, zu warten. Er zog seine Waffe, schlich sich an sie Tür und wollte sie einen Spalt öffnen, um die Umgebung draußen zu erkundigen.
Steve zwängte sich an dem Johnson vorbei und tippte Steel auf die Schulter. Ruckartig und mit einem leichten Anflug von Nervosität wandte er sich dem Magier zu. Aufgepeppte Reflexe. Das war zu vermuten. "Ich habe eine besser Idee." Schlug Valentine vor. "Und eine sichere."
"Die wäre?", brummte der Straßensamurai.
Steve antwortete nicht. Er konzentrierte sich statt dessen auf einen Zauber. Vor den Augen des erstaunten Sammie verloren Angels Konturen an Substanz und verblaßten, bis dieser für das weltliche Auge nicht mehr zu sehen waren. Zumindest, wenn man sich nicht darauf konzentrierte.
Der Samurai starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den vagen Schimmer in der Luft.
"Du bist ein Magier!"
Steve grinste unwillkürlich. "Bemerkenswerte Auffassungsgabe.", antwortete er humorvoll, aber ohne Spott.
Der Sammie brummte nur und deutete zur Tür. "Versuch Dein Glück."
Steve ging zur Tür und drückte vorsichtig die Klinke. Mit einem leisen Klick und einem darauffolgendem Knarren öffnete sich die alte Metalltür ein wenig.
Steve stieß die Tür mit seinem Fuß ein wenig an, so daß sie langsam aufschwang.
Als sie ganz geöffnet war, schob er sich in den Eingang.
Draußen hatte eine ganze Einheit der AG-Chemie-Konzerntruppen Aufstellung bezogen und wartete auf besonders schlaue Besucher, die versuchen würden, über den Hinterausgang das Etablissement zu verlassen.
Steve lächelte. Die Sicherheitskräfte konnten ihn nicht sehen. Er könnte zwischen ihnen herum spazieren und Verwirrung stiften. Er könnte einen Zauber genau zwischen ihnen setzten und sie würden es erst merken, wenn es schon zu spät wäre. Valentine dachte kurz über einen Schlafzauber nach, als er eine Person in den Reihen der Sicherheit bemerkte, die ihm vorher nicht aufgefallen war. Sie trug einen leichten Kevlar-Panzer, wie die anderen auch, jedoch statt dem Helm einen Hut mit Krempe und um den Hals und die Handgelenke diverse Anhänger.
Ein Magier!
Steve realisierte diese Erkenntnis in Sekundenbruchteilen und mit Entsetzen.
Er spürte den kühlen Kuß der astralen Berührung als der Konzernmagier ihn mit seinen Sinnen erfaßte.
Er sah das überlegene Lächeln auf seinen Zügen.
"Auf die Tür.", sagte er zu seinen weltlichen Kollegen. "Feuer."
Mit vor Schreck geweiteten Augen hechtete Steve aus dem Türrahmen zurück in den Gang, als zur gleichen Zeit unzählige Projektile den Türrahmen zerfetzten, in dem Steve noch einen Lidschlag zuvor gestanden hatte.
Putz rieselte von der Wand und kleine Brocken von Mörtel und Beton sprengten durch den Gang.
Der Sammie starrte verdutzt auf eine Staubwolke, die vom Boden her aufwirbelte. In ihr materialisierte sich der Magier.
Steve stand atemlos auf und klopfte sich den Dreck von der Kleidung.
"Wir sollten einen anderen Weg suchen." Erklärte er knapp. "Und zwar schnell!"
"Was ist denn da draußen los?", wollte der Samurai wissen.
"AG-Chemie, eine ganze weitere Einheit. Die stehen dort Schlange. Und ein Magier ist auch dabei.
Deswegen haben sie mich überhaupt entdeckt."
Der Samurai nickte nur und schob dann seinen Johnson in den Gang zurück. Die ganze Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. "Kennen sie noch einen anderen Ausgang?", fragte er seinen Kontaktmann. Dieser schüttelte den Kopf.
"Ich kenne noch einen.", meldete sich eine Stimme aus der Gruppe. Ein Junger Mann mit unauffälliger, aber stilvoller Kleidung stand vorne in der Gruppe und hob die Hand, um in eine Richtung zu zeigen.
"Wir müssen hier zurück und dann durch eine Tür zu einem anderen Bereich des Lagers. Dort führt ein Weg durch eine halb abgesoffene Tiefgarage. Es wird vielleicht ein wenig schwierig, aber man kommt auf jeden Fall an die Oberfläche."
Die Gruppe murmelte zustimmend. Welcher Weg auch immer heraus führte, jeder wollte dorthin.
Der Trek folgte dem jungen Mann und erreichte kurze Zeit später die erwähnte Tür. Von der anderen Seite des Gangs kamen ihnen zwei weiter Personen entgegen. Ein kleinerer, besonnen wirkender Mann mit einem Leibwächter im Schlepptau. Der Typ mußte ein Leibwächter sein. Zumindest erfüllte er alle Kriterien, die in dem Buch der Klischees zu finden sind. Er trug einen teuren Anzug, der ihm nicht zu passen schien, hatte breite Schultern, eine Sonnenbrille auf obwohl der Gang nicht sonderlich gut beleuchtet war und zog ein Gesicht wie eine Bulldogge kurz vor dem zuschnappen. Als er die Gruppe sah, griff er sofort unter sein Jackett. Der Samurai und der Elf hoben sofort abwehrend die Hände und Steve tat es ihnen nach. Der kleinere Mann beruhigte den Bodyguard und bedeutete ihm, die Waffe stecken zu lassen. Steve seufzte innerlich vor Erleichterung. Wenn er den Sammie richtig eingeschätzt hat, dann hätte dies schnell zu einem Blutbad eskalieren können und Valentine stand bei solchen Situationen ungern als Zuschauer in der ersten Reihe. Beruhigt sah er, wie der Sammie seine Waffe senkte. Steve konnte nicht nachvollziehen, wie der Samurai diese so schnell in seine Hände zaubern konnte, aber das war wohl die Magie der Cyberware.
Der Junge Mann stürmte in den Raum zu der Tür an dessen Ende, gefolgt von den beiden Brüdern und dem Elf. Der Mann und sein Bodyguard traten ebenfalls in den Raum.
Der junge Mann griff nach der Klinke und fluchte, als er nervös an der Tür rüttelte.
Verschlossen.
Mit einem Anflug von Verdrossenheit starrte die Gruppe auf ein neues und anscheinend erst kürzlich angebrachtes Magschloß, daß direkt unter der Türklinke prangte. Die matten Reflexionen auf dem schwarzen Gehäuse schien die Gruppe und ihre Fluchtpläne zu verspotten.
"Laß mich mal ran..."Der Elf schob sich an dem Mann vorbei und machte sich an dem Schloß zu schaffen. "Mit solchen Dingen kenne ich mich aus.", murmelte er, während er am Gehäuse fingerte in dem Versuch, an das empfindliche Innenleben zu kommen.
Der Samurai ging zurück zu dem Gang aus dem sie gekommen waren und hielt nach etwaigen Verfolgern Ausschau.
Seine Hand zuckte zu seinem Halfter, als eine Person um die Ecke in den Gang gelaufen kam.
Ein Punk stürmte gehetzt auf ihn zu. Der Shadowrunner ließ seine Waffe im Halfter. Für einen Gossenpunk wäre sie nicht notwendig und würde nur Aufmerksamkeit erregen.
Der Punk lief an ihm vorbei und wollte in den Raum, aber der Shadowrunner hielt ihn auf, indem er ihm seine flache Hand auf die Brust drückte und den Jungen im Lauf stoppte.
"Was glaubst, Du, was Du hier tust?", fragte er ihn mit ruhiger Stimme. "Das ist eine geschlossene Gesellschaft."
"Ey, komm schon.", bettelte der Punk, "Laß mich durch. Die sind bald hier unten und wennse mich kriegen, hab ich echt Drek an der Hacke!"
Der Samurai schüttelte den Kopf. "Keine Chance. Wir haben schon so genug Ärger. Mehr können wir nicht gebrauchen, und Du siehst mir zu sehr nach Ärger aus."
Die Stimmung des Punks wechselte schlagartig in Wut. "Laß mich vorbei, Chummer! Ich mach kein' Ärger! Ich will hier nur raus!"
"Ich bin nicht Dein Chummer.", gab der Samurai zurück. "Und ich laß Dich nicht vorbei. Such Dir einen anderen Weg nach draußen."
"Kacke Mann! Was für'n Problem hast Du?", schimpfte der Punk und zog ein Messer. "Laß mich endlich durch, oder ich schneid Deine Visage in Streifen!"
"Du hast was auf den Ohren.", knurrte der Sammie den wütenden Punk an. "Ich hab Dir gesagt, daß wir keinen zusätzlichen Probleme wollen, daß wir Dich nicht wollen. Mach Dich davon und such Deinen eigenen Ausgang. Sonst wirst Du nach draußen getragen!"
Der Punk gab keine Antwort sondern schwang mit seinem Messer nach dem Runner.
Erstaunt über den wagemutigen Angriff, wich der Sammie aus. Der Punk stach noch mal zu, schneller als erwartet.
Das Messer bohrte sich in den Oberschenkel.
Der Straßensamurai zuckte erschrocken zusammen, schrie aber nicht. Die Schmerzen waren nicht schlimm. Viel schlimmer war die Überraschung und die unverfrorene Aktion dieses Gossenpunks.
Adrenalin und Wut dröhnten durch seine Adern, als er seine Reflexbooster aktivierte.
Mit einer einzigen, verschwommenen Bewegung schlug er dem Punk das Messer aus der Hand und gab ihm eine deftige Ohrfeige, die ihn einige Schritte zurücktaumeln ließ.
Als der Punk wieder zu dem Runner sah, starrte er in den dunklen Lauf einer Savalette Guardian.
"Ich weiß ja nicht, was zwischen Deinen Ohren sitzt, Splatter,", grollte der Sammie voller Zorn. "aber Hirn kann es nicht sein! Dein verdammtes Glück, daß ich heute meinen Guten habe, sonst hätte ich das Vakuum hinter Deinen Glotzern längst mit Blei gefüllt! Wenn ich nicht gleich das Echo Deiner Stiefel höre, vergess' ich meine Gute Laune!"
Der Punk hob die Hände und stolperte rückwärts vom Runner weg. "Bin schon verschwunden", stotterte er und lief so schnell er konnte den Gang zurück, aus dem er kam.
Steve, der in der nähe der Tür stand und den Kampf zumindest akustisch mitbekommen hatte, ging zu dem Straßensamurai und sah das Blut, daß ihm an der Hose herunter lief.
"Das sieht nicht gut aus."
Der Runner verlagerte das Gewicht auf das unverletzte Bein. "Nur ein Kratzer."
"Ich könnte die Wunde heilen.", bot Valentine ihm an, aber der Sammie schüttelte den Kopf. "Schon OK. Ist nicht so schlimm wie es aussieht. Spar Deine Kräfte lieber."
Steve zuckte mit den Schultern und wollte wieder in den Raum gehen, als ihm einfiel, warum er vorhin überhaupt zu dem Runner gekommen ist, bevor der Punker kam.
"Paß mal kurz auf meinen Körper auf.", bat er ihn.
Zuerst schien der Sammie verwirrt zu sein, dann blinzelten er, als er verstand. "Meinst Du, daß ist jetzt der richtige Zeitpunkt?"
"Die AG-Truppen da draußen und deren Magier haben doch schon an der anderen Tür unseren Fluchtversuch entdeckt. Zumindest mich. Wenn sie nicht selber kommen, so werden sie sicher ihre Kollegen hier im Gebäude informieren. Mich wundert es sowieso, daß hier noch kein Konzernschläger oder gar ein Geist aufgetaucht ist."
Der Sammie sah ihn alarmiert an. Dann nickte er. "Mach Deinen Gang, Magier. Ich pass´ auf, daß Dir keiner Deine Ohrringe stiehlt, während Du durch die Gänge geisterst."
Steve nickte dankbar und setzte sich in eine Ecke auf den Boden. Die Stellung war nicht sonderlich bequem und er hatte keine Zeit, eine bessere zu suchen. Aber er wollte auch nicht lange im Astralraum bleiben.
Mit einer unbewußten Anstrengung glitt sein Geist aus dem Körper und schwebte direkt durch die Wand in den Gang hinein. Er blickte sich kurz um und sah den Samurai mit schußbereiter Waffe im der Tür stehen, so daß dieser den Gang ebenso im Auge behalten konnte wie Valentines Körper.
Steve sah jetzt auch die vielen dunklen Stellen im Körper des Shadowrunners und konnte nun das Ausmaß seiner kybernetischen Modifikationen erkennen.
Der Eindruck hatte, zumindest im Moment, etwas beruhigendes an sich.
Valentine machte sich auf den Weg und glitt den Gang entlang, von dem sie gekommen waren. Doch schon auf halbem Wege blieb er abrupt stehen.
Dort, wo die Treppe von der Tanzfläche zu den Lagerräumen führte und zu der Tür, wo die Gruppe versucht hatte, zuerst zu entkommen, stürmte eine Einheit bewaffneter Konzerntruppen den Gang hinunter. Hinter ihnen ein Magier.
Immer diese verdammten Magier, fluchte Steve im Geiste, als der auf direktem Wege, durch alle Wände und Räume hindurch zurück zu seinem Körper stürzte. Er dachte immer, sie wären so wertvoll und teuer und so selten, als daß man sie für jeden noch so kleinen Einsatz hinzuzog. Und in dieser verdammten Disco tummelten sich mehr von ihnen als auf einem thaumaturgischen Kongreß über Drachenmagie!
Steves glitt in seinen Körper zurück und blinzelte einige male, bevor er sich erhob.
Er stand auf und stürmte an dem überraschten Straßensamurai vorbei in den Gang. Bevor dieser etwas zu ihm sagen konnte, hob Steve die Hände und wirkte einen Zauber. In flirrenden Farben materialisierte sich am Ende des Ganges eine Barriere. Als sie stabil wurde, verblassten die Farben und die Barriere wurde unsichtbar.
"Sie kommen.", keuchte Steve atemlos. "Aber das wird sie nicht lange aufhalten. Ein Magier ist bei ihnen."
Der Samurai fluchte. "Kannst Du sie ablenken?"
Steve schüttelte den Kopf. "Nicht wesentlich, aber ich werde tun, was ich kann."
Der Shadowrunner nickte ihm ermutigt zu und ging in den Raum.
"Habt ihr das Schloß endlich auf?", fragte er die Gruppe im Raum.
Der Elf fummelte noch immer konzentriert an dem MagSchloßgehäuse herum, gab aber keine Antwort.
"Wenn der da so weitermacht, können wir uns bald an den Zellenschlössern der AG-Chemie versuchen.", sagte einer der Brüder abfällig. "So dauert das noch eine Ewigkeit."
"Ihr solltet euch ein wenig beeilen.", entgegnete der Samurai gereizt, "Ohne euch hetzten zu wollen, aber wir bekommen gleich Besuch."
Mit einem Seufzer der Ungeduld ging der Bruder zu dem Elf und schob ihn zur Seite. "Ich übernehme das hier, sonst kommen wir nie aus diesem Raum."
Der Elf stand gleichmütig auf und überließ ihm die Tür.
Er zog seine Pistole, eine Walther Secura, und folgte dem Samurai auf den Gang.
Dort sahen sie den Magier, wie er zu einem kleinen, durchscheinenden Wesen sprach, daß über seiner ausgestreckten Handfläche schwebte.
"Wiederhole alles!", Befahl Steve dem kleinen Wesen, das aussah wie ein Wollknäuel mit einem Entenschnabel.
"Ich soll zu der Gruppe fliegen und mit ihnen spielen. Damit sie...damit sie..."
        "Aufhalten.", knurrte Valentine entnervt. "Du sollst sie aufhalten!"
Der Elf deutete den Blick vom Samurai und beugte sich zu ihm herüber.
"Ein Watcher.", erklärter er leise. "Wunderbar geeignet für kleinere Aufgaben wie Kuriere und so, aber nicht schlauer als Nachbars Waldi..."
"Vertrauenerweckend.", murmelte der Shadowrunner.
"Hör mich an, Quack!", seufzte Steve, "Es ist ganz einfach: Da kommen Fünf Leute auf uns zu. Und Sie sind gleich da! Du fliegst zu ihnen hin und lenkst sie ab! Rede mit ihnen, quatsch´ sie voll, von mir aus spiele auch mit ihnen! Nur sorge dafür, daß sie aufgehalten werden! Verstehst Du? Es ist sehr wichtig, daß sie langsamer werden!"
Der Schnabel des kleinen flüchtigen Wesen verzog sich zu einem grinsen. "Ich soll mit ihnen spielen und sie aufhalten! Sie spielen mit mir und kommen nicht zu Dir, Meister."
Steve lächelte erleichtert. "Ja genau! Geh zu ihnen und sorge dafür, daß ich in Ruhe gelassen werde. Pass´ aber auf, daß der Magier bei ihnen..."
"Magier?!", kreischte das kleine Wesen und seine transparente Gestalt flackerte ängstlich.
"Ja.", sagte Steve resigniert. "Bei ihnen ist ein Magier. Aber Du brauchst keine Angst zu haben. Komm ihm einfach nicht zu nahe. Die anderen wollen mit Dir spielen. Ich kann sie schon von hier aus hören!"
"Sie wollen spielen?!", freute sich der kleine Wollball hoffnungsvoll.
"Ja!", rief Steve aufgebracht. "Sie warten schon auf Dich! Mach endlich, daß Du fortkommst!!"
Der Schnabel schnatterte aufgeregt und das Wollknäuel hüpfte auf und ab, bevor es einen Augenblick später mit hoher Geschwindigkeit davonflog und durch die Wände verschwand.
Steve seufzte und bemerkte erst jetzt seine beiden Zuschauer.
"Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee ist.", zweifelte der Shadowrunner. "Dein...Geist schien mir nicht gerade sehr clever..."
"Mehr konnte ich in der kurzen Zeit nicht machen.", gab Steve zurück.
"Wir sollten zurück in den Raum.", merkte der Elf an. "Da drinnen stehen Haufenweise Aktenschränke, bis obenhin voll mit alten Ablagen. Wir habe sicher bessere Chancen, sie ein wenig länger aufzuhalten, wenn wir den Raum von innen verbarrikadieren."
"Eine gute Idee", stimmte der Sammie zu und folgte mit Steve zusammen dem Elf zurück in den Raum.
Sie schlossen die Tür und schoben gemeinsam die schweren Ständer vor die Tür.
Steve wollte helfen, zuckte plötzlich und schien in sich hineinzuhorchen.
Der Elf und der Sammie unterbrachen ihre Arbeit und starrten ihn an.
"Was ist los, Magier?", fragte der Shadowrunner.
"Sie sind an der Barriere.", antwortete Valentine. "Der Magier macht sich an ihr zu schaffen und er ist gleich durch. Außerdem hat er meinen Watcher vertrieben."
Der Elf zuckte die Schultern. "Wir haben wenigstens etwas Zeit gewonnen. Hier kommen sie nicht so schnell durch."
"Das will ich hoffen,", kommentierte Steve. "Der Magier hat gerade meine Barriere geknackt."
Bevor jemand von den beiden darauf etwas antworten konnte, donnerte etwas gegen die Tür.
Weitere dumpfe Schläge erklangen von der anderen Seite, dann gezischte Befehle, die sie nicht verstehen konnten.
Außer der Shadowrunner. Er schien angestrengt zu lauschen, betrachtete die Tür mit starrem Blick.
"Zur Seite!", fauchte er plötzlich und presste sich an die Wand.
Der Elf und der Magier sprangen von der Tür weg. Keinen Moment später ratterten draußen MP´s und die Geschosse prasselten gegen die Tür, durchschlugen das Schloß. Querschläger pfiffen, aber keiner drang in den Raum.
Die Aktenschränke waren zu massiv und die unzähligen Ordner fingen die verirrten Kugeln auf.
Das Knattern der Waffen brach ab und wieder warf sich jemand gegen die Tür.
Der Elf grinste. Drei große Schränke, waagerecht vor der Tür gestapelt und zwei weitere schräg dagegen gelehnt würden sogar einen Troll aufhalten.
Steve wagte einen kurzen Blick in den Astralraum, weil er fürchtete, daß der Magier eine Aktion starten würde, aber weder von draußen, noch im Raum selber zeigte sich irgendeine magische Präsenz.
Statt dessen wurde es leise im Gang.
Der Elf schaute verunsichert zur Tür. "Was machen die jetzt?"
"Sie beraten sich.", sagte der Straßensamurai.
"Kannst Du verstehen, worüber?", fragte Steve.
Der Runner schüttelte den Kopf. "Sie reden zu leise." Er sah den Magier an. "Kannst Du vielleicht…?" Doch Steve wehrte ab. "So funktioniert das leider nicht. Ich kann von der astralen Ebene aus nichts hören, was in der weltlichen gesprochen wird. Ich kann ihre Stimmung fühlen, ihre Emotionen, aber ich kann sie nicht hören."
"Das wäre wenigstens etwas.", sagte der Runner.
Valentine schüttelte wieder den Kopf. "Auch keine Gute Idee. Der Magier bei ihnen würde mich bemerken.
Das brächte nicht nur mich, sondern auch euch in Gefahr, solange mein Körper in diesem Raum ist."
Der Elf und der Runner sahen ihn fragend an. "Ich erkläre es euch ein anderes mal."
Ein Klopfen drang hinter den Aktenschränken zu der kleinen Gruppe. Drei Köpfe wandten sich zu der verbauten Tür.
"Hört zu!", bellte eine dumpfe Stimme. "Wir wollen nichts von euch! Wenn ihr die Barrikade entfernt, dann versprechen wir euch, daß ihr ungehindert gehen könnt! Wir wollen nur jemanden, der unter euch ist!
Liefert uns Thomas Diekholz. Wir wissen, daß er bei euch ist! Liefert ihn uns aus, und ihr habt mein Wort, daß ihr das Gebäude unbehelligt verlassen könnt!"
"Das ist doch ein Trick!", murmelte Steve in einem nicht gerade sehr hellem Moment. Die anderen beiden hatten sich derweil schon umgedreht und betrachteten die Leute im Raum. Der kleinere Mann mit seinem Bodyguard schien angesichts der Situation vollkommen unbeteiligt. Er diskutierte leise mit seinem Leibwächter und schaute ab und an zu den Gebrüdern, die noch immer mit dem Magschloß beschäftigt waren. Diese waren so konzentriert bei der Arbeit, daß sie von dem Tumult draußen und an der Tür kaum etwas mit bekommen hatten.
Einzig der Junge Mann starrte nervös zu der kleinen Gruppe. Er hatte alles mitbekommen.
Und er hatte auch die Forderung der Konzerntruppen gehört. Eine Waffe lag plötzlich in seiner Hand und er machte Anstalten, sie auf die Gruppe zu richten.
Noch bevor er reagieren konnte, schielte er in die Läufe zweier recht überzeugender Argumente.
"Denk nicht mal dran." , sagte der Samurai mit ruhiger Stimme. "Das wäre eindeutig der falsche Zeitpunkt zum sterben."
Steve überlegte fieberhaft, was er unternehmen könnte. Er wollte einen Zauber weben, wußte aber wohl, daß er damit dem Magier auf der anderen Seite der Tür eine Möglichkeit gab, vom Astralraum aus aktiv zu werden. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß der Junge Mann beide Hände hob und die Waffe an die Decke richtete.
Der Elf ging zu ihm hin und nahm ihm die Waffe aus der Hand, stellte sich dann wieder neben den Straßensamurai. Er begutachtete kurz die Walther Secura und bemerkte nicht ohne Neid, daß diese in einem besseren Zustand war als seine eigene, und zudem auch noch eine integrierte Smartverbindung besaß.
"Thomas Diekholz, nehme ich an.", sagte der Shadowrunner als Bestätigung. "Weshalb sind die Burschen von der AG-Chemie so scharf auf Dich?"
Diekholz machte keine Anstalten, darauf zu antworten, sondern schaute nur nervös zwischen der Waffe des Runners und der verbarrikadierten Tür hin und her.
"Diekholz.", murmelte der Elf. "Diekholz. Den Namen habe ich schon mal gehört. Er erschien des öfteren in den Medien. Hat einige Anschläge auf diverse Anlagen der AG-Chemie verübt. Er gehört zu einer terroristischen Vereinigung, die gegen die umweltbelastenden Methoden des Konzerns mit Gewalt protestiert, glaube ich."
Der Sammie sah kurz zu dem Elf "Du weißt ja eine ganze Menge.", knurrte er.
"Hatte in der Branche zu tun.", gab der Elf knapp zurück.
"Was? Terrorismus?!"
"Nein!", wehrte der Elf hastig ab. "In den Medien!"
Der Straßensamurai sah ihn noch kurz aus zusammengekniffenen Augen an, dann wandte er sich wieder Thomas Diekholz zu. "Wegen Dir veranstaltet die AG-Chemie die ganze Show? Deswegen der ganze Ärger?"
        "Sie müssen einen Tip bekommen haben!", stotterte der Junge Mann verängstigt. "Sie müssen irgendwoher gewußt haben, daß ich heute im Waterloo bin! Vielleicht war mein Kontakt nicht echt oder was auch immer. Ich weiß es nicht!"
Er nahm seine Hände runter und machte eine beinahe flehende Geste. "Bitte, ihr dürft mich denen nicht ausliefern! Das wäre glatt mein Todesurteil!"
"Bleib´ ruhig, Junge,", sagte der Elf zu ihm . "Niemand will Dich hier ausliefern."
"Warum nicht?", bemerkte der Shadowrunner. "Wegen ihm haben wir den ganzen Ärger. Wenn er nicht wäre, wären wir überhaupt nicht in diesem Raum gefangen. Wenn wir ihn den Truppen übergehen, so haben wir wenigstens eine Chance, hier ohne Ärger herauszukommen."
"Wie bist Du denn drauf!", grollte der Elf. "Wir sitzen hier alle im selben Boot!" Er zeigte mit einem Nicken zu der Tür, an der sich die beiden Brüder zu schaffen machten. "Wenn wir durch diese Tür gehen, dann alle gemeinsam. Außerdem hat uns Diekholz hierher geführt."
"Ja,", grummelte der Sammie. "In einen abgeschlossenen Raum. Praktisch eine Falle."
"Das habe ich doch nicht gewußt!", beschwörte Diekholz. "Ich wollte nur hier raus! Das Schloß muß neu angebracht worden sein! Denkt ihr, ich führe euch in eine Falle? Gerade ich?"
Der Runner musterte den verängstigten Jungen Mann. "Ich finde, wir sollten ihn ausliefern. Der Ärger betrifft nur ihn. Sie wollen uns nicht."
"Nichts dergleichen wird getan.", bestimmte der Elf und richtete seine Waffe auf den Runner. "Was würdest Du sagen, wenn man Dich so einfach ausliefern würde? Drek, Du kennst den Burschen nicht einmal! Was gehen Dich seine Gründe an?"
Der Samurai reagierte sichtlich gereizt darauf, daß der Elf mit seiner Waffe auf ihn zielte. "Eben. Ich kenne ihn nicht. Und ich sehe keinen Grund, wegen ihm in der Scheiße zu sitzen. Mir gefällt Deine Einstellung nicht. Und mir gefällt Deine Art nicht, wie Du sie zur Schau stellst! Es ist eine Option, die wir uns Auge fassen sollten, und mehr habe ich nicht gesagt."
Der Elf machte keine Anstalten, seine Pistole zu senken. "Scheiß drauf!", rief er. "Ich setze mich für so etwas wenigstens ein. Und das mache ich auf meine Art! Der Kerl tut die Dinge, für die andere den Mut nicht haben. Und wenn Du ihn zu den Kerlen da draußen schicken willst, mußt Du erst an mir vorbei!"
Steve realisierte mit Unbehagen, daß die Diskussion eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatte. Der Runner und der Elf bedrohten sich nun gegenseitig mit ihren Waffen. Und mittlerweile hatte auch der Bodyguard seine Waffe gezogen, für den Fall, daß die Situation eskalierte und er seine Zielperson beschützen mußte.
"Hört auf!", rief Steve dazwischen, bevor die beiden ihren Streit fortsetzen konnten. "Was soll der Mist überhaupt? Ich bin der gleichen Meinung wie der Elf." Er zeigte auf Diekholz. "Wir haben mit Sicherheit bessere Chancen, hier heraus zu kommen, wenn wir zusammenarbeiten. Abgesehen davon: Es glaubt doch hoffentlich keiner von euch, daß uns die Konzerntruppen tatsächlich laufen lassen, wenn wir Diekholz ausliefern?"
Der Elf und der Shadowrunner wandten ihre Blicke nicht voneinander ab. Aber sie schienen auch nicht mehr gewillt zu sein, ihre Waffen zu benutzen, um ihre Ziele durchzusetzen.
Schließlich nickte der Samurai. "Schätze hast recht.", gab er zu. "Liefern wir ihn nicht aus. Außerdem habe ich keine Lust, die Barrikade wieder abzubauen."
Steve entspannte sich erleichtert. Er hatte ebensowenig Interesse daran wie Diekholz, in die Hände eines Konzerns zu fallen. Außerdem scheute er sich noch immer davor, Magie einzusetzten, um notfalls den Streit beenden zu müssen, solange draußen noch der andere Magier herumlungerte.
Der Runner ging zur Tür. "Macht, was ihr wollt!", rief er den Truppen im Gang zu. "Wir geben Thomas Diekholz nicht heraus! Von mir aus könnt ihr dort draußen verrecken!"
Ein zorniger Befehl erklang und das dumpfe Pochen von Schultern, die sich gegen eine Tür warfen, begann von neuem. Der Runner grinste.
"Was ist eigentlich mit euch beiden los?" fragte der Elf den Mann und seinen Bodyguard genervt. "Ihr habt bisher noch gar nichts getan!"
Der Mann bedachte ihn mit einem fragenden, jedoch unbekümmerten Blick. "was hätte ich auch tun sollen? Ich habe weder Ahnung von MagSchlössern noch weiß ich sonderlich gut mit einer Waffe umzugehen. Meine speziellen Fähigkeiten liegen auf einem ganz anderem Gebiet."
"Das sind die schlimmsten.", murmelte der Elf für sich. Der Straßensamurai huschte an ihm vorbei und ging zu dem einen Bruder, der an dem Magschloß beschäftigt war.
Das Gehäuse lag auf dem Boden. Drähte, Glasfaser und Kontakte lugten in einem Wust aus einem rechteckigen Loch unter der Klinke hervor. Der Runner erkannte das Problem, daß der Mann mit dem Schloß hatte. Das Gerät war recht anspruchsvoll und komplex, zweifellos ein Sicherheitsschloß der obersten Klasse. Der Runner wußte zwar nicht, warum gerade eine solche Tür einen so hohen Sicherheitsstandard bedurfte, aber das war im Moment auch nicht von Bedeutung. Der Mann hatte aus einer Büroklammer, zwei Kugelschreibern und einem Taschenmesser sowie einem Schraubenzieher, den er sich von seinem Bruder hatte geben lassen, Werkzeuge improvisiert, mit denen er das Schloß zu überlisten versuchte.
Es hatte keinen Sinn, die Innereien eines solchen Magschlosses einfach kurzzuschließen. Das hätte nur dafür gesorgt, daß sich die Tür automatisch verriegelt hätte. Und die Tür erweckte ebensowenig den Eindruck, daß man sie mit etwas Muskelkraft und gutem Schuhwerk hätte aufbrechen können. Der Straßensamurai hatte keinen Sprengstoff dabei und selbst wenn, in dem relativ kleinen Raum explosive Stoffe anzuwenden wäre nicht sonderlich schlau gewesen.
"Und?", fragte er den Bruder an der Tür. "Wie weit bist Du?"
Der sah nicht auf und antwortete nicht. Statt dessen nahm er eine improvisierte Klemme und verband sie mit zwei weiteren Kabeln.
Sieben Köpfe ruckten zur Tür, als diese plötzlich "Klick" machte und sich einen Spalt öffnete.
Faulige, nach Chemikalien riechende Luft wallte ihnen entgegen.
"Klasse!", rief der Runner und bedeutete den anderen, durch die Tür zu gehen. Valentine rührte sich nicht.
Oh Nein, dachte der Straßensamurai, als er den Gesichtsausdruck des Magiers sah. Er schien wieder nach innen zu lauschen.
"Was ist jetzt wieder los?", fragte ihn der Runner ungeduldig.
"Der Magier auf der anderen Seite.", antwortete Steve. "Er versucht es jetzt mit Magie."
Der Sammie zuckte mit den Schultern. "Soll er doch. Auch wenn ich von Magie nicht so viel Ahnung habe. Ich weiß, daß er nichts bewerfen kann, was er nicht sieht."
"Daß muß er auch nicht. Wenn er einen Ramme-Zauber einsetzt, dann sind sie in nullkommanichts hier drin."
Der Straßensamurai wollte zu einer Frage ansetzten, ließ es dann aber bei einer Geste. "Was soll's, erkläre es mir ein anderes mal." Er sah sich in dem Raum um. Diverse Reinigungsmittel standen in einem kleinen Regal an einer Wand. "Hilf mir mit dem Zeugs dort. Wir setzten den Raum in Brand. All das Papier und die Chemikalien entfachen sicher ein hübsches Feuer."
Er schnappte sich zwei Behälter mit Waschbenzin. "Das wird sie sicher aufhalten."
Steve und der Sammie schütteten die Reinigungsmittel auf einen Haufen Akten, den sie in der Mitte des Raumes hastig aufgeschichtet hatten. Während sich der Runner um die Sprinkleranlage kümmerte, nahm Steve ein Feuerzeug aus den Tiefen seiner Jacke und zündete den getränkten Papierhügel an.
Das Papier fing sofort Feuer und die hohen Flammen leckten an der Decke.
"OK, das sollte reichen.", sagte der Runner und schob Steve zu der Tür. "Laß uns endlich verschwinden."
Hinter der Tür erstreckte sich ein weiterer kurzer Gang, der in einer versunkenen Tiefgarage mündete.
Autowracks schauten aus dem öligen Wasser hervor, teilweise nur bis zum Dach.
Der Runner watete in die Brühe, dicht gefolgt von dem Magier.
Das schmutzige Wasser reichte beiden schnell bis zur Hüfte. Der Straßensamurai zischte schmerzerfüllt, als das Wasser in seine Wunde lief.
Beide liefen, so schnell es die Wassermassen zuließen zu einem Autowrack und kletterten auf das Dach.
Steve schaute nach der Wunde des Sammies. Der zog sein Bein weg und schüttelte den Kopf, aber Valentine wehrte ihn ab. "Sieht wirklich nicht gut aus. Das sollte selbst für Deine Verhältnisse gelten."
Er riß den Stoff der Hose ein wenig auseinander. Die Wundränder sahen schrecklich aus, leuchtend rot und ein wenig aufgequollen. "Vielleicht ist die Wunde selber wirklich nicht sehr tief, aber das Wasser macht es auf jeden Fall schlimmer."
Der Runner sah mit grimmiger Miene auf sein brennendes Bein. "Vielleicht wäre jetzt doch ein wenig Heilmagie angebracht.", gab er zu.
Steve nickte und konzentrierte sich, während er seine beiden Hände vorsichtig neben die Wunde legte.
"Das hier wird nicht einfach.", erklärte er dem Sammie. "Das ganze Chrom in Dir macht den Zauber schwieriger. Also, was auch passiert, halt einfach still und unterbrich' mich nicht."
Der Shadowrunner nickte und entspannte sich. Steve schloß die Augen und webte im Geiste seinen Zauber. Seine Hände begannen zu leuchten, eine blaue Korona flammte um ihnen auf und dehnte sich nach wenigen Augenblicken auf den Oberschenkel aus. Der Straßensamurai beobachte fasziniert, wie sich vor seinen Augen die Wunde langsam zu schließen begann. Ein Kribbeln erfüllte sein Bein und verbreitete eine angenehme Kühle.
Dann war alles vorbei.
Steve nahm die Hände von dem Bein und wischte sich über die Augen. "Das war's.", sagte er. "So gut wie neu."
Der Runner stand auf und prüfte das Bein, indem er sein Gewicht darauf verlagert. Er brummte zustimmend.
"Danke Kumpel."
Steve nickte lächelnd. "laß uns zu den anderen aufschließen."
Der Samurai und Valentine sahen zu dem Rest der Gruppe. Sie wateten durch die stinkenden Brühe und näherten sich der Ausfahrt, die durch ein rostiges Gitter versperrt war. Besonders dem Bruder, der das MagSchloß geknackt hatte, schien die Umgebung extrem unangenehm zu sein. Er fluchte ständig über das brackige Wasser und seine ruinierte Kleidung und versuchte so schnell wie möglich das Gitter zu erreichen.
Steve und der Runner sprangen in das mittlerweile hüfthohe Wasser und folgten den anderen.
Plötzlich zuckte der Mann an der Spitze der Gruppe und brach in die Knie, wobei ihm das Wasser bis an den Kinn reichte.
"Speed! Was zur Hölle...", rief sein Bruder und versuchte, ihn zu erreichen.
Steve sah auf das Wasser. Es war zu dunkel und zu dreckig, als das er den Grund hätte sehen können. Aber bisher war er auf keine gefährlichen Gegenstände gestoßen. Aus reiner Angewohnheit heraus wechselte er auf astrale Sicht und schaute auf das Wasser.
Viel gab es nicht zu sehen. Für Magier ist es schwer, Wasser zu durchdringen, es wirkt wie eine natürliche Barriere. Dennoch konnte Steve etwas erkennen.
Ein kleiner Schwarm von Wesen, die etwa 50cm langen und ungewöhnlich dicken Aalen glichen, huschten unter der Oberfläche. Ihre Auren waren durch das Wasser nicht sehr deutlich zu sehen, aber dennoch gut genug, um zu erkennen, daß sie auf ihn zuglitten.
Mit einem spitzen, erschrockenen Schrei sprang Steve aus dem Wasser und lief, so schnell er konnte auf das nächste Autowrack zu. Die Aale huschten ebenso erschrocken zurück und lösten ihren Schwarm auf.
Mit einem Satz sprang Steve auf die Motorhaube eines Pickups und zog sich an dem Dach hoch.
"Aus dem Wasser!" rief er den anderen zu. "Schnell! Alle aus dem Wasser!"
Für einige kurze Sekunden blieben alle wie angewurzelt stehen und starrten verwirrt zu Valentine, wie er auf dem Dach des Pickups saß und ihnen die Warnung zurief.
Dann kam Bewegung in die Meute. Als hätten sie die Sichel einer Haiflosse gesehen, sprangen alle auf das nächste Wrack zu und drängten sich auf die Dächer.
Nur Speed nicht. Er trieb mehr oder weniger auf dem Rücken in der öligen Nässe und zuckte sporadisch, während stöhnende Laute sich krampfhaft aus seiner Kehle rangen.
Keiner machte Anstalten, sich ins Wasser zu stürzen und ihn aus der Gefahrenzone zu holen, nicht einmal sein Bruder. Keiner wußte, was sie im Wasser erwartete, sie haben nur auf Valentines Ruf gehört und Speeds Anfall gesehen und vermuteten nun das schlimmste. Steve war nicht minder ratlos. Er hatte keine Ahnung, was das für Viecher waren, die sich da in der Brühe tummelten, aber er war sich sicher, daß sie für den zustand von Speed verantwortlich waren.
Mehr aus Verzweiflung denn aus Mut sprang Steve wieder ins Wasser und lief mit Getöse und Gebrüll auf den Bruder zu, in der Hoffnung, wenn er nur genügend Lärm erzeugte, würden die Biester zuviel Angst haben, sich an ihn heran zu wagen.
Er erreichte Speed, packte ihn unter den Armen und sammelte Mana in sich. Er wirkte eine Barriere um sich, die den bewußtlosen Mann mit einschloß. Das Wasser strömte weiterhin durch sie hindurch, aber die Biester würden sie nicht durchdringen können. Hoffte er zumindest.
Unter Aufbietung all seiner körperlichen Kräfte zog er Speed auf das nächste Autodach.
Valentine keuchte schwer, als er neben dem zuckenden Körper lag. Er war ein Magier und auch wenn er versuchte, sich einigermaßen fit zu halten, so hatten seine magischen Studien immer im Vordergrund gestanden. Er war vielleicht athletisch und in guter körperlicher Verfassung, aber mit Sicherheit kein kräftiger Bursche. Darum hatte er Java immer beneidet. Sein alter Mentor hatte von Natur aus eine Muskelmasse, die eigentlich zwei ausgewachsenen Ochsen zugestanden hätte.
Valentine war erschöpft. Die Zauber, die er den Abend hindurch gewoben hatte und die körperlichen Anstrengungen der Flucht forderten zerrten an seinen Reserven. Der Bruder des Verletzten und der Runner mißdeuteten das, nahmen ihren Mut zusammen und stürmten auf ähnliche Weise wie Steve vorhin zu dem Wrack, wo die beiden lagen.
"Alles in Ordnung?", fragte der Samurai.
Valentine nickte. "Nur ein bißchen geschafft." Er zeigte auf Speed. "Mich haben sie nicht erwischt. Ich hab nur keine sonderlich gute Kondition..."
"Was ist da eigentlich?", unterbrach ihn der Runner und deutete mit seiner Waffe auf die dunkle Brühe, die die Autowracks umspülte. "Warum scheuchst Du uns aus dem Wasser?"
Der Bruder versuchte Speed anzusprechen und schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Wange, aber dieser reagierte nur mit Stöhnen und erneuten Krämpfen.
"Da sind irgendwelche Aale im Wasser. Als Speed zusammenbrach und ich das Wasser soniderte, sah ich die Viecher im Rudel auf mich zuschwimmen und bekam Panik."
"Aale?", fragte der Runner ungläubig.
Steve nickte. Er wandte sich dem unter Krämpfen rüttelnden Speed zu und askennte seine Aura. Neben massiver Cyberware im Kopf und einigen Modifikationen am Körper selber sah er unnatürliche Wirbel in der Aura des Mannes. Die Wirbel hatten ihren Ursprung am Bein. Dort waren sie am stärksten und im astralen Blick konnte Steve deutlich eine kleine Bißwunde erkennen. Sie leuchtete in düsteren, dunklen Rottönen und schickte purpurne Wirbel durch die Aura des Mannes.
"Er ist vergiftet!", sagte er zu dem Runner und dem Bruder. "Ich bin mir ziemlich sicher, daß das diese Aale waren."
"Kannst Du irgendwas machen?", fragte der Bruder.
Valentine schüttelte den Kopf. "Ich kann die Bißwunde heilen", erklärte er und zeigte auf das Loch, daß die Aale durch die Stoffhose gebissen hatten. "Aber das würde nicht helfen. Gegen das Gift in seinem Körper kann ich nichts tun."
Der Runner stand auf. "Hat irgend jemand von euch medizinische Erfahrung?", fragte er den Rest der Gruppe, der sich auf verschiedenen Autodächern zusammenkauerte. "Oder vielleicht jemand ein Medkit dabei? Irgendwas?"
Der Bodyguard wandte sich an seine Schutzperson. "Bader, sieh es Dir am besten mal an."
Der kleine ruhige Mann sah unsicher auf das Wasser, sprang dann aber hinein und lief zu dem Wrack, auf dem Speed lag, dicht gefolgt von seinem Leibwächter.
Steve fragte sich, ob er tatsächlich der Leibwächter war, oder ob die Beziehung der beiden nicht eher freundschaftlicher Natur war, oder was auch immer. Das seltsame Verhältnis zwischen den beiden kam ihm schon im Raum seltsam vor, wo die beiden sich unterhielten, während die anderen die Flucht planten. So verhielten sich Bodyguard und Schutzperson nicht, damit kannte er sich aus. Ok, sowas kann vorkommen, gestand er sich ein und dachte nicht ,ohne einen kleinen Stich, an Sharlie und Enoshi Tamuro. Aber das sollte es nicht und normal war es auch nicht.
Der Runner verließ das mittlerweile überfüllte Autodach und zog den besorgten Bruder mit sich.
Der Mann untersuchte die Wunde mit fachkundigen, schnellen Blicken. "Was genau hast Du im Wasser gesehen?", fragte er Steve.
Der zuckte die Schultern und zeigte seine Handflächen in einer ratlosen Geste. "Kann ich so genau nicht sagen. Ich hab sie erst entdeckt, als ich das Wasser askennte. Irgendwelche Aale, die im Rudel herumschwammen."
"Wie sahen sie aus?", hakte der Mann nach und fixierte Steve. "Das ist sehr wichtig."
Steve zuckte mit den Schultern. "Wie Aale nunmal aussehen, nur daß sie mehr…warte."
Er drehte seine Handfläche nach oben und konzentrierte sich auf einen Punkt knapp über ihr. Ein Bild formte sich aus der Luft und zeigte einen Aal, der in ein blassblauen Licht gehüllt war.
"Oh, entschuldige. Moment." Steve konzentrierte sich erneut. Das blaue Leuchten verschwand und jetzt war der Aal zu sehen. Ein schwarzer Schatten, der über Steves Handfläche schwebte. Augen und die kleinen Flossen auf dem Rücken und an der Rumpfmitte der Seiten waren farblich hervorgehoben, lediglich durch ein helleres Schwarz, eine graue Schattierung. "Ich habe die Biester nur astral gesehen. Ich kann nicht sagen, welche Farbe sie haben. Aber so sieht ihre Form aus, ganz gewiß."
Der Mann nickte, als würde er verstehen. "Brackaale, vermute ich.", erklärte er. "Kommen nicht sehr häufig vor. Aber wenn, dann in solchen chemischen Tümpeln wie diese hier. Sie sind keine Aasfresser und greifen kleinere Fische und Tiere an, die sie mit ihrem Gift lähmen. Wenn sie sich bedroht fühlen, gehen sie selten auch auf größere Wesen los. Ihr Gift ruft bei Menschen und größeren Tieren Krämpfe und Lähmungen hervor, welche die Atmung zum Stillstand bringen kann."
Steve sah bestürzt auf Speed. "Mein Rumgehopse hätte sie nicht verjagt?"
"Doch, denke ich schon.", beruhigte der Mann. "Wahrscheinlich stapfte unser Freund hier auf einen Laichplatz oder so zu. Sie leben in Rudeln und beißen, nur so zur Warnung. Aber wer sich durch das Wasser wirft wie ein tollwütiges Flußpferd, verjagt sie auf jeden Fall. Halt das mal hier."
Steve nahm wortlos den glänzenden Gegenstand, den der Mann aus einem kleinen Etui gezogen hatte und ihm hinhielt.
Er nahm noch ein Skalpell aus dem Etui und eine kleine Ampulle.
Steve sah mit einiger Besorgnis zu. "Was willst Du mit dem Skalpell? Du wirst doch jetzt nicht an ihm rumschnippeln?"
Der Mann bedachte Steve mit einem tadelnden Blick und lächelte, als er Speed das Hosenbein aufschnitt, um ein freies Arbeitsfeld an der Bißwunde zu haben.
"Ich bin ein Chirurg und kein Schlachter.", erklärte er.
"Die meisten würden sagen, daß da kein großer Unterschied besteht.", warf Steve gedankenlos ein.
Der Doc war ihm einen scharfen Blick zu. "Natürlich ist das nicht meine Meinung!", fügte er rasch hinzu.
"Junger Mann,", entgegnete der Doc, nicht ohne einen spitzen Unterton in seiner Stimme. "Die moderne Medizin hat einiges mehr zu bieten als Blutegel und scharfe Messer. Und jetzt laß mich meine Arbeit machen."
"Bin ja schon still.", murmelte Steve entschuldigend.
Der Doc holte ein handtellergroßes, rundes Pflaster aus einem Fach im Etui und klebte es direkt über die Wunde. Er nahm Steve den länglichen Gegenstand aus der Hand und drückte die Ampulle in das untere Ende.
Er drückte auf den Kopf des Gerätes und sprühte einen hellorangen Schaum direkt auf die Wunde, den er danach mit einem sterilen Tuch verrieb, daß er ebenfalls seinem kleinen Etui entnommen hatte.
Erstaunlich gut ausgerüstet für jemanden, der eine Abend im Waterloo verbringen wollte, dachte sich Steve als er dem Mann schweigend bei der Arbeit zusah.
"Beherrschst Du Heilmagie?", fragte er Steve, als er fertig war. Er hatte nicht mitbekommen, daß Valentine das Bein des Runners geheilt hatte. Aber die Erwähnung, das Steve die Brackaale askennt hatte, ließ ihn vermuten, daß er zumindest ein Adept war.
"Ein wenig.", gab Steve zu.
Der Mann nickte zufrieden. "Gut. Es wäre wichtig, die Wunde vollständig zu schließen, damit kein Wasser
mehr eindringen kann. Das AntidotPatch hält sicher, aber ich traue den anderen Pflastern nicht, die ich bei mir habe. Nicht bei den umständen" Er deutete mit einem kurzen Nicken auf die stinkende Brühe nahe ihren Füßen.
"Das sollte kein Problem sein.", entgegnete Steve, obwohl er anders dachte. Er war erschöpft, und für einen Abend, den er sich eigentlich sehr viel aufregender und romantischer ausgemalt hatte, wirkte er etwas zu viel Magie. Nun, die Aufregung hatte er bekommen, wenn auch nicht so, wie sich das vorgestellt hatte. Die Schatten folgen einem überall hin, wenn man erst mal in ihnen untergetaucht ist, dachte er verdrießlich.
Er legte seine Hand neben die Wunde und konzentrierte sich auf den Heilzauber. Es fiel ihm, trotz der kleinen Wunde schwerer als bei dem Straßensamurai, obwohl der Mann unter seinen Händen längst nicht so stark vercybert war. Aber das Gift in dem Körper, die Chemikalien aus dem SlapPatch und seine eigene Erschöpfung machten es auch nicht gerade einfacher.
Speed hörte auf zu zucken und begann, sich wieder halbwegs normal zu bewegen, als der Heilzauber sich entfaltete und die Wunde schloß. Der Mann hatte ihm zur Sicherheit noch ein StimPatch auf den Nacken geklebt, als Steve seine Magie beendet hatte.
Speed stöhnte. Er richtete sich sitzend auf und rieb seine verkrampften Glieder. "Was für eine Scheiße hat mich da erwischt?" fragte er undeutlich.
Der Mann nickte zufrieden. "Können sie gehen?"
Speed sah ihn mit großen Augen an. "Machen sie Witze? Meine Beine fühlen sich an wie Pudding!"
Der Mann sah sich nach dem Runner um und winkte ihn her. "Sie sehen aus, als wären sie ein kräftiger Bursche. Können sie unseren jungen Freund hier tragen?"
Der Samurai lief durch das Wasser und sprang auf das Auto. "Sonst noch was?", knurrte er. Ihm ging die ganze Sache mittlerweile ebenso gegen die Laune.
Er wollte einen Kontrakt mit seinem Johnson abschließen. Statt dessen befand er sich auf der Flucht, die sich als sehr viel schwieriger und gefahrvoller erwies, als sie hätte sein dürfen. Er konnte dafür niemanden die Schuld geben, nicht einmal Thomas Diekholz. Wer konnte schon etwas dafür, daß man zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Er nahm den geschwächten Speed huckepack auf seine Schulter und hoffte, er würde sich genügend festhalten können, falls es zu weiteren Schwierigkeiten kam und der Runner beide Hände frei haben mußte.
Ohne weitere Zwischenfälle watete die Gruppe zu dem Sperrgitter. Zur aller Erleichterung war dort das Wasser kaum tiefer als bis zu den Schuhsohlen, da die Auffahrt zur Straße schon hier eine deutliche Neigung zeigte.
Der Elf half dem Runner, das Gitter aufzustemmen. Es hakte ein wenig, gab dann aber nach und schob sich mit einem zahnschmelzerweichenden Kreischen in die Decke, wo es sich nach etwa einem Meter verhakte.
Als alle unter dem Gitter hindurch gekrochen waren, gingen der Runner und Steve bis zu der Straßenausfahrt, duckten sich an den niedrigen, verwitterten Mauern und erkundeten die Gegend.
Keiner war zu sehen. Von den Wänden und Fenstern der angrenzenden Häuser spiegelte sich das Blaulicht von den Einsatzwagen der AG-Chemie Sicherheitstruppen wider. Es war jedoch kein Gardist zu sehen, nicht einmal ein neugieriger Passant. Entweder hatte niemand das Gitter gehört oder solche Geräusche fielen unter die Kategorie Unwichtig.
Der Samurai schlich ein wenig zurück und blickte zu Steve. "Willst Du mal nachschauen?", fragte er ihn.
"Und die Truppen möglicherweise auf uns aufmerksam machen?", gab der Magier grimmig zurück. Er fühlte sich erschöpft und ausgepumpt. "Wir sind hier endlich raus. Unsere Chancen, ungesehen die Garage zu verlassen ist ohne meine Hilfe sicher höher."
Der Runner nickte. "Gutes Argument."
Die Gruppe schlich sich zusammen einige Häuserblocks weiter von dem Waterloo weg, bevor sich alle sicher genug fühlten, eine Pause einzulegen.
Dort stand sie nun, froh darüber eine unerwartet schwierige Situation heil überstanden zu haben.
"Danke für eure Hilfe.", ergriff der Mann, der Speed behandelt hatte, das Wort. "Es hat mich gefreut, euch kennengelernt zu haben, auch wenn ich mir wünschte, es wären weit angenehmere Umstände gewesen." Er griff in sein Jackett und nahm aus der Innentasche eine Karte heraus, die er dem Shadowrunner reichte. Dort war der Name "Doc Bader" vermerkt und eine Adresse, an beiden Seiten mit einem Aesculab-Stab verziert.
Steve schlich sich neben den Runner und spähte über dessen Schulter auf die kleine Karte.
"Ein Straßendoc?", fragte der Samurai.
"So könnte man meine Tätigkeit bezeichnen.", sagte Bader und nickte. "Allerdings ziehe ich den Begriff "Freischaffender Mediziner" vor. Ich verteile diese Karte nicht an jeden. Und ich hoffe, ihr behandelt diese Geste mit dem würdigen Vertrauen. Wenn ihr mal Hilfe braucht, könnt ihr euch an mich wenden. Die Preise sind selbstverständlich auf freundschaftlicher Basis." Dann winkte er seinem Bodyguard und verschwand mit ihm zwischen den Häusern.
"ich mach mich dann auch mal auf den Weg.", sagte Thomas Diekholz und wandte sich zum gehen.
"Einen Moment!", sagte Steve. "Du kannst doch nicht einfach so verschwinden."
Diekholz sah ihn verwundert an, so als verstünde er die Worte nicht. "Und warum kann ich das nicht?"
Steve kaute auf der Unterlippe. "Nun...", begann er unsicher, "Du kannst nicht einfach gehen, weil wir immer noch nicht wissen, warum die AG-Chemie Dich sucht. Was hast Du angestellt, daß sie Dich so suchen?"
"Ich denke nicht, daß Dich das etwas angeht." Diekholz wirkte ein wenig verärgert. "Hör mal. Ich will nicht undankbar erscheinen oder so, aber für meinen Geschmack sind wir immer noch zu nah am Geschehen. Dies hier..." Er schloß mit einer Geste die Umgebung ein. "...ist immer noch AG-Gelände. Und ich habe wenig Lust, meine Chancen auf Flucht wegen eines Plauderstündchens wieder zu verspielen. Schönen Abend noch!"
Diekholz drehte sich um und lief in eine kleine Seitenstraße, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er hatte es sichtlich eilig, war aber schlau genug, nicht zu rennen.
So ein Anfänger, dachte sich der Elf und sah auf den Magier, der dem davoneilenden Terroristen nachschaute. Auf dieser Weise bekommt man nichts heraus. Letztendlich spielte es wirklich keine Rolle, wer Diekholz auf der Liste hatte und warum. Das ging niemanden etwas an und könnte die Situation für Mitwissende eher unangenehmer oder gar gefährlich machen. Der Elf selber schwor sich aber, Thomas Diekholz im Auge zu behalten. Gleich morgen würde er einige Kontakte bei Free-TV bemühen und in der Matrix einiges auszugraben versuchen. Vielleicht kam er so doch noch an eine gute Story, die ihm einige Ecú einbringen würden.
"Ich muß schon sagen," unterbrach der Johnson des Straßensamurai die Gedankengänge des Elfen, "die Show heute war recht eindrucksvoll. Obwohl ihr euch alle heute zum ersten mal getroffen habt, wart ihr fast wie ein Team. So was mag ich. Und so etwas kann ich gut gebrauchen." Er ging auf den Shadowrunner zu. "Ich wollte heute eigentlich einen Kontrakt mit Steel abschließen und hätte mich dann nach weitere Kräften umsehen müssen. Trotz der Unangenehmen Situation heute im Waterloo hat sie mir vielleicht eine Menge Arbeit erspart. Wenn ihr nichts dagegen habt und euch eine angenehme Summe verdienen wollt, sollten wir uns morgen treffen. Vielleicht kann ich euch ein Angebot machen, daß euer Interesse weckt."
"Solange es nicht das Waterloo ist.", knurrte der Sammie und der Elf mußte unwillkürlich grinsen.
"Wie wäre es mit dem Aldiburger.", schlug Steve vor.
Speed verzog das Gesicht. "Muß das sein?" Er schaute auf seinen Bruder, der seine Meinung über ein solch schäbiges ‚Etablissement' nicht teilte. Er nickte Speed ermutigend zu. "Na gut,", seufzte er, "Wir werden kommen. Vielleicht wird es ja tatsächlich interessant. Zumindest eine Entschädigung für diesen verdorbenen Abend."
"Ich will auf jeden Fall hören, was der Johnson uns anzubieten hat.", stimmte der Elf zu.
Steve nickte ebenfalls. "Gegen ein wenig Arbeit bei guter Bezahlung habe ich im Moment auch nichts einzuwenden."
Der Johnson lächelte zufrieden. "Steel, ich kann doch mit ihnen auf jeden Fall rechnen?", fragte er den Straßensamurai.
"Natürlich.", brummte der. "Ich bin nach wie vor an ihrem Angebot interessiert."
"Wunderbar.", lobte der Johnson. "Dann sehe ich sie ja alle morgen bei Aldiburger. Um 19:00 Uhr."
Der Johnson verabschiedete sich mit einem Wink und ging zu einer Taxirufsäule.
Speed wurde von seinem Bruder gestützt. Er konnte sein Bein noch immer nicht sonderlich gut belasten. Beide gingen zu einer Tiefgarage, wo ihr Wagen stand.
Der Elf winkte dem Runner und Steve zu. "Bis morgen, Chummer.", grinste er und lief dem Johnson hinterher zu der Taxisäule.
"Voreiliger Bursche.", murmelte der Shadowrunner, als alle weg waren und nur noch er und der Magier alleine in der Gasse standen.
Er wandte sich Steve zu. "Nette Show, die Du heute geliefert hast, Magier.", sagte er. "Ich hab früher schonmal mit Magiern zu tun gehabt. Du hast ein anständiges Durchhalteverögen."
"Wenn Du wüßtest.", entgegnete Steve matt."
"Du stehst noch.", brummte der Sammie. "Das ist mehr, als man von den meisten erwarten kann. War ´ne Menge Hokuspokus heute. Wie ist eigentlich Dein Name?"
"Ste…man nennt mich Angel.", antwortete Steve und biß sich im Geiste auf die Zunge.
Der Runner lächelte. "Wird seine Gründe haben." Er klopfte dem Magier auf die Schulter. "Nenn mich einfach Steel." Er verabschiedete sich von Steve mit einem angedeuteten militärischen Gruß, indem er zwei Finger kurz an die Stirn hob, drehte sich um und machte sich zu Fuß auf den Weg.
Steve stand auf einmal alleine da.
Eine seltsame Stimmung. Der verlorene Abend und das geplatzte Date drückten auf seine Stimmung, aber im nachhinein überlegt, war die Flucht das aufregendste, was er seit langem erlebt hatte.
Aus irgendeinem Grund gefielen ihm die Leute, mit deren Hilfe er aus dem Waterloo geflohen ist. Trotz seiner eher einsiedlerischen Art vermißte er das Teamplay aus den Zeiten, als er noch für Mitsuhama in der Personenschutzabteilung gearbeitet hatte.
Er würde auf jeden Fall morgen da sein. Schon alleine wegen dem Geld. Er brauchte das Geld. Die kleinen Jobs, die er von Zeit zur Zeit übernahm, brachten nur wenig ein.
Die Erschöpfung machte sich wieder bemerkbar und er ging zurück die Straße hinunter, in welche die Ausfahrt der Tiefgarage mündete. Vielleicht fand er unterwegs ein Robotaxi. Bis dahin würde er zu Fuß gehen und die erfrischend kühle Nachtluft genießen.
Hinter ihm blitzten vereinzelt die Blaulichter der Einsatzwagen von der AG-Chemie, die ihre Razzia beendeten und einer nach dem anderen abzogen.

Steve legte den Hörer auf.
Meine Güte, dachte er. Sein Blind Date war mehr als nur sauer! Sie war natürlich gestern doch noch gekommen und fand sich vor einer Disco wieder, wo eine Razzia stattfand und kein Steve da war. Ein Blind Date war schon eine Sache für sich, dann auch stundenlang vor dem Eingang zu stehen, bis man endlich reingelassen wurde nur um die Feststellung zu machen, daß man versetzt wurde, war alles andere als schmeichelhaft.
Steve konnte sie beschwichtigen und sie beruhigen, hatte sich für den mißlungenen Abend entschuldigt, aber treffen wollte sie sich nicht mehr mit ihm.
Steve fand das nicht unbedingt schade. Er konnte nichts für die Umstände. Und die Idee mit dem Blind Date hatte ihm von anfang an nicht behagt. Im Moment gab es sowieso wichtigere Dinge. Er zog sich seine Kevlar gefütterte Jacke über und nahm die U-Bahn zum Aldiburger.
Es war halb Sieben, als er dort ankam, aber er wollte sich mit den Ortschaften vorher ein wenig vertraut machen. Zu seiner milden Überraschung waren der Runner und der Elf schon da und schauten sich ebenso nach etwaigen Hinterhalten und Fluchtmöglichkeiten um.
"Hoi.", begrüßte er sie. "Füttert ihr eure Paranoia?"
Der Elf grinste nur. Der Runner sah sich den Parkplatz an. "Schätze, ebenso wie Du.", antwortete er.
"Ich hab Hunger. Laßt uns rein gehen und etwas essen, bevor die anderen kommen.", schlug der Elf vor.
Sie gingen in das Schnellrestaurant und suchten sich einen Tisch in der Nähe der Fensterfront, so daß sie die umgebung im Auge behalten konnten.
Nach etwa einer viertel Stunde trafen die beiden Brüder ein und gesellten sich zu dem Trio an dann Tisch.
Speed schaute sich angewidert um und zog ein Sakrotantuch aus der Tasche, mit dem er seinen Platz am Tisch und den Stuhl abwischte, bevor er sich setzte. Der Samurai verdrehte die Augen, der Elf hielt sich die Hand vor das Gesicht und versuchte, nicht laut loszulachen.
Steve schüttelte nur amüsiert den Kopf. Er würde seine Fetische dafür verwetten, daß der Mann sofort, als er gestern nach Hause kam, seine Kleidung verbrannte, mit der er durch die Tiefgarage gelaufen war.
"Bevor der Johnson hier her kommt,", ergriff Steel das Wort. "Sollten wir uns untereinander bekannt machen und vielleicht das eine oder andere erklären. Es kann durchaus sein, daß wir einige Zeit zusammen arbeiten werden. Und ich weiß gerne vorher, mit wem ich es zu tun habe."
Der Elf nickte und begann. "Ich heiße Leo Kirch. So nennen mich alle."
"Und was ist Dein Fachgebiet? Außer Medien, meine ich.", fragte der Samurai.
"ich bin kein Reporter, wenn Du das denkst.", korrigierte Leo. "Zumindest nicht mehr. Und bevor Du denkst, ich will eine nette kleine Reportage über das Leben und Arbeiten von Shadowrunnern schreiben, kann ich Dich beruhigen. Ich bin hier wegen der Nuyen, die mir der Auftrag einbringen könnte. Und meine Spezialität sind...nun, nenn mich ruhig ein Allroundtalent. Vom decken..", er tippte auf seine verchromten Datenbuchsen "...bis zum Schießen bin ich recht gut bewandert."
"Nett gesprochen, "Chummer". Ich hoffe, Du trägst nicht nur Dick auf."
Leo hob abwehrend die Hände und lächelte vertrauensvoll. "Keine Panik, Messerklaue. Ich schieß keinem ins Bein und halte Dir den Rücken frei, wenn es drauf ankommen sollte. Und wenn Du irgendeine Information brauchst, jemanden suchst, eine neue Puste oder neues Chrom benötigst, dann bin ich auf jeden Fall die richtige Adresse."
"Werde darauf zurückkommen.", entgegnete der Runner.
"Kannst Du auch riggen?" fragte Speed.
Leo schüttelte den Kopf. "Ich habe kein Rig. Kann aber noch werden."
"Noch so ein Cyberwarefetischist.", murmelte Steve. Nur Steel hatte das gehört und drehte sich zu dem Magier. "Der Kerl ist nicht so modifiziert wie Du, zumindest nicht in denselben bereichen.", erklärte Steve genauso leise wie zuvor. "Aber auf seine Weise sehr viel tiefgreifender."
Der Samurai blickte ihn fragend an. "Nenn es Essenz oder Lebenskraft.", fuhr er fort. "Bei ihm ist sie niedriger als bei Dir. Und er will sich noch mehr holen."
Steel sah zu Leo und betrachtete ihn geringschätzendem Blick. Er hoffte mehr als vorher, daß der Typ halten konnte, was er versprach und nicht nur ein abenteuerlustiger Tastenclown war, der sich für jeden müden Nuyen Chrom einpflanzte und nun glaubte, er wäre ein ausgewachsener Shadowrunner.
Speed lächelte den Elfen überheblich an. "Spar Dir das Geld für den Rig. Alles, was sich auf vier Rädern oder zwei Flügeln bewegt, ist mein Spezialgebiet.
Ihr könnt mich übrigens Speeddemon nennen."
"Dachte ich mir.", meinte Steve. "So wie Du gestern mit dem Schloß umgegangen bist, mußt Du von Technik eine Menge Ahnung haben."
"Hätte ja auch ein Decker sein können.", sagte der Samurai.
Der Elf kniff die Augen zusammen. "Ich sehe aber keine Datenbuchsen an Dir. Im Gegensatz zu Deinem "Bruder"..."
Speed rollte die Augen und stieß einen Seufzer aus, wie es wohl Lehrer tun, wenn sie von einem beschränkten Schüler eine immer wiederkehrende dumme Frage hören. Er drehte sein Gesicht zur Seite und schob sein Zeigefinger hinter das linke Ohr. Knapp unter dem Ohrläppchen funkelte zwischen den Haaren eine Datenbuchse, ein wenig größer als die beiden auf der Stirn seines Bruders. "Ist besser für den Teint.", lächelte er. "Und für Neugierige."
Der Elf grummelte in sich hinein. "Was ist mit Dir?", wandte er sich an den Bruder. "Bist Du dann etwa ein Decker?"
Der grinste. "Ein verdammt guter.", antwortete er. Es klang längst nicht so arrogant wie bei Speeddemon. Auch schien er in seinem Gehabe und Auftreten nicht nach seinem Bruder zu kommen. Allerdings war es nicht zu übersehen, daß er seine Ansichten über den Modestil und den hohen Lebensstandard mit ihm teilte.
"Ich heiße übrigens Venom."
"Netter Straßenname.", hüstelte der Elf.
Die Augen der Gruppe wanderten weiter zu dem Samurai.
Der trank in Ruhe sein Glas aus und stellte es zurück auf den Tisch, bevor er antwortete. "Ich heiße Steel.", sagte Steel. Mehr war nicht zu sagen.
"Wie ist Dein Name?", richtete sich Leo an seinen Tischnachbarn. "Daß Du Magier bist oder wenigstens ein Adept, haben wir gestern mitbekommen."
"Vollmagier.", korrigierte Steve Valentine. "Aus der besten Schule.
Und man nennt mich Angel."

Als der Johnson kam, gab es anscheinend ein Problem. Er ging zu der Gruppe und wollte sich gerade setzten, sah dann aber aus der Fensterfront und unterbrach sich. "Entschuldigt mich einen Augenblick.", sagte er knapp. "Ich bin gleich wieder zurück."
Die Gruppe schaute ihm nach, als er das Schnellrestaurant verließ. Draußen war ein Wagen angekommen, aus dem ein großer, sehr gut gekleideter Mann stieg, zusammen mit seinem Bodyguard.
Der Johnson ging auf ihn zu und sofort begann der Mann eine hitzige Diskussion.
Steve tippte den Samurai an. "Kannst Du hören, was sie sagen?"
Er schüttelte den Kopf. "Die Fensterfront ist zu gut isoliert. Und draußen ist zuviel Lärm."
Angel wandte sich wieder den beiden streitenden Herren zu und konzentrierte seine Sinne auf die astrale Ebene. Die Auren der beiden Männer zeigten sich ihm in wunderschönen roten und blau wirbelnden Farben.
Der große Mann, der aus der Limousine gestiegen war, schien sichtlich erbost über etwas. Es ging anscheinend um Autorität oder ähnliches. Der andere war ebenso erhitzt, fühlte sich aber deutlich unbehaglicher.
"Kannst Du uns etwas erzählen?", fragte Steel, der die subtilen Veränderungen in Steves Körperhaltung mitbekommen hatte.
"Nichts genaues.", antwortete er. "Aber es scheint, daß unser Johnson irgendwelchen Ärger hat."
"Danke.", sagte Steel. "Darauf wäre ich nie gekommen."
Steve hob seine Hand. "Das meinte ich nicht! Es scheint, als hätte er sich...ach, was soll's. Genaueres kann ich so nicht herausfinden. Alles andere wäre Spekulation."
"Warten wir doch einfach ab, was man uns zu sagen hat.", flüsterte der Elf, als der Neuankömmling den dumpf brütenden Johnson draußen vor dem Aldiburger stehen lies und das Restaurant betrat. "Ich hoffe nur, unser Angebot ist jetzt nicht geplatzt."
Der Große Mann trat an den Tisch der Gruppe. Er trug einen langen, dunklen Mantel, teurer als die Ausstattung der beiden Brüder zusammen, hatte manikürte Finger und absolut perfekt gestyltes Haar.
"Guten Tag, meine Herren.", begrüßte er mit einer gutartikulierten, aber dennoch leicht gereizten Stimme.
"Ich muß mich für mein ein wenig rüdes Auftreten und die Unterbrechung entschuldigen, aber mein "Geschäftspartner" hat anscheinend seine Kompetenzen überschritten.
Damit meine ich, daß er sie alle hier versammelt hat, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Ich hätte sie nicht engagiert. Nicht, bevor ich mir nicht ein Bild von ihnen gemacht habe."
Er sah sich kurz nach seinem Partner um, der draußen am Wagen stand und sich seiner schlechten Stimmung hingab. "Mein ´Geschäftspartner´ hat mich versucht, davon zu überzeugen, daß sie ein Spitzenteam sein sollen. Nun, ich hab weder gesehen, was ihre Spezialitäten sind, noch wie sie arbeiten.
Aber ich vertraue, bis auf gewisse Ausnahmen, auf die Fähigkeiten meines "Partners".
Das heißt, ich werde es mit ihnen versuchen, wenn sie gewisse Spielregeln befolgen:
Sie werden nur mit mir Verhandeln, egal, ob sie von mir oder meinem "Partner" angerufen werden.
Sie kriegen von mir alle Informationen, die sie brauchen.
Ich ziehe sie nicht über den Tisch, und sie bescheißen mich nicht!
Sollten sie damit einverstanden sein, dann können wir ins Geschäft kommen."
Der Mann drehte sich um und ging zu der Theke, um sich einen Kaffe zu holen, lies die Gruppe alleine,
damit sie sein Angebot in Ruhe überdenken konnten.
Leo pfiff durch seine Zähne "Da hat Dein Johnson anscheinend ziemlichen Mist gebaut".
"Wieso mein Johnson?", donnerte Steel.
"Na, Du hast ihn doch angeschleppt!"
"Jetzt warte mal!", verteidigte sich Steel. "Ich habe niemanden angeschleppt! Ich habe mich mit ihm im Waterloo getroffen. Und schließlich hat jeder von euch zugesagt, als er nach der Flucht um ein Treffen bat.
Woher sollte ich wissen, daß er keine Befugnisse hatte?"
Steve hob abwehrend eine Hand auf seine Brust. "Fauch´ mich nicht an, Chummer. Ich hab nichts gesagt."
"Mich stört es auch nicht.", stimmte Venom ein. "Von wem das Angebot kommt, ist letztendlich egal, solange der Johnson uns nicht abzieht. Der Kerl scheint in Ordnung zu sein."
"Seit wann bist Du Experte in Menschenkenntnis?", fragte ihn Speed. Der Decker sah ihn mit einem wissenden Blick an. Der Bruder verstummte und wandte sich ab. "Na gut. Wenn die Nuyen stimmen, warum dann nicht?"
Der Elf sah zu dem Samurai. "Steel?"
"Von mir aus."
Steve lehnte sich zurück. "Sind wir uns dann einig, daß wir den Typen als unseren Johnson und Schieber akzeptieren? Zumindest vorerst?"
Alle nickten.
Der Johnson trat mit dem Kaffeebecher in der Hand an den Tisch zurück. "Nun, meine Herren?"
"Die Bedingungen sind okay.", antwortete Steel.
Der Johnson lächelte beinahe freundlich. "Sehr schön, meine Herren. Dann reden wir jetzt am besten darüber, was sie für mich tun können und ich für sie.
Übrigens, nennen mich sie Troi."
Der Tag der Namen, dachte Steve. Wenn jetzt noch eine Bedienung ankäme und sagen würde "Übrigens, mein Name ist Sandy", würde er ein Autogramm verlangen.

Troi war einer der guten Dinge, die ihnen passiert ist. Seine Art war längst nicht so unfreundlich, wie sie sich am Anfang präsentiert hatte. Er war einfach nur ein Geschäftsmann.
Aber er war fair und loyal. Er versuchte nie, die Gruppe zu betrügen und besorgte ihnen gute Jobs.
Die Preise waren Okay und mit Steels Geschick bei Verhandlungen kam dabei immer noch ein wenig mehr heraus.
Troi entwickelte sich schnell zum allgemeinen Schieber für die Gruppe. Er hatte viele Kontakte. Wenn jemand auf der Suche nach Personal für die etwas ungewöhnlicheren Arbeiten suchte, wandte er sich an ihn und der Schieber arrangierte ein Treffen mit der Gruppe.
Steve erinnerte sich: Sie wurden schnell ein Team. Es gab Unstimmigkeiten, sicher. Besonders der Elf schien mit seiner wankelmütigen Moral immer gerne quer zu schießen, und Speeddemon, der Rigger war mit seiner überheblichen und etwas pikierten Art oft ein wenig schwierig. Manchmal schien es, als wäre er nicht bereit, seine Fähigkeiten für die Gruppe einzusetzen, aber das war oft nur eine Masche. Im Falle eines Falles war er immer da und dann konnte man sich sicher sein, daß eine schwerbewaffnete Drohne hinter einem schwebte und die Umgebung im Auge behielt, oder daß ein Fluchtwagen in der Nähe stand.
Auch mit ihm selbst gab es manchmal gewisse Unannehmlichkeiten, gestand er sich zu. Er handelte, besonders im Bezug auf Magie teilweise zu eigenmächtig und setzte sie nicht immer angemessen oder klug ein. Er war die Arbeit in den Schatten noch nicht gewohnt, passte sich trotz allem nur schwerfällig an die Vorgehensweise eines Shadowrunners an. Man war oft gezwungen, zu improvisieren und es war überlebenswichtig, die Situation blitzschnell zu erfassen und die richtige Wahl der Mittel zu treffen. Steve hat sich selber immer für flexibel und kreativ gehalten. Das stimtme nur zum Teil. Er war noch immer ein Konzernkind. Bei der Arbeit in der Einheit waren die Ziele und Befehle klar. Die Freiheit, zu handeln bewegte sich in deutlichen Grenzen. Erst jetzt bemerkte er, wie schwer es war, dies abzulegen. Sicher, er hatte den Vorteil zu wissen, wie die Konzerne arbeiteten. Zumindest in dem Bereich, mit dem die Gruppe es oft genug zu tun hatte. Aber er stolperte noch immer in seiner eigenen Borniertheit rum. Und das konnte ihm ebenso schaden wie der Gruppe.
Und der Decker kokste. Er nahm Drogen und das, wie Steve einmal entsetzt mitbekommen hat, während eines Runs. Venom behauptete, das würde ihm einen zusätzlichen Kick verleihen und ihn in der Matrix schneller machen. Aber Steve hat auch gesehen, was passiert, wenn er seine Drogen mal nicht nahm...
Abgesehen von all den Dingen, war die Gruppe selbst eine hervorragende Kombination.
Jeden Run, den sie angenommen hatten, wurde erledigt, leise und ohne großen Rummel. Das mochten die Auftraggeber und so stieg die Reputation der Gruppe schnell. Die professionelle und subtile Vorgehensweise sprach sich herum.

Steve schreckte aus seinen Gedanken hoch, weil es am Tisch auf einmal ruhig geworden war.
Troy beugte sich ein wenig über den Tisch "Hören sie, Steel.", beschwichtigte er ihn. "Das ist ein einfacher Job."
"Das wird uns anfangs immer gesagt." knurrte der Samurai trotzig. " Und nachher sitzen wir wieder in der Scheiße."
"Sind sie ein Shadowrunner oder nicht?", entgegnete Troy ein wenig empört. "Ich dachte immer, Risiko gehört zu diesem Beruf."
"Kalkuliertes Risiko, ja."
Der Schieber zuckte die Achseln. "Auf alle Eventualitäten kann man nie vorbereitet sein. Das weiß sogar ich. Aber man kann das Risiko minimieren. Und das habe ich stets getan. Sie kennen die Fakten, sie wissen was von ihnen verlangt wird. Hören sie, ich bin schon mit dem Honorar so hoch gegangen, wie es mir erlaubt war. Wenn ihnen solch ein einfacher Auftrag ihnen kalte Füße macht, muß ich jemand anderen suchen, der sich das zutraut."
Das wirkte.
Steel regte keinen Muskel, starrte aber weiterhin auf Troy, der wiederum ihn herausfordernd anstarrte.
An Steves Handgelenk vibrierte es plötzlich. Er schaute auf sein Handtelekoms wo ein kleines beleuchtetes Display nur eine schlichte Meldung anzeigte: Ja oder Nein.
Steve drückte wie beiläufig eine Taste. Damit signalisierte er Steel, daß er für den Auftrag war. Er fand die Bezahlung angemessen und das Risiko nicht sonderlich hoch. Troy hatte recht. Sie wußten alles, was sie wissen mußten. Letztendlich konnte immer etwas völlig in die Hose gehen. Aber wenn man sich davon abschrecken ließ, hatte man in den Schatten nichts verloren. Dann sollte man lieber im Bett bleiben.
In der Hinsicht stellte sich der Samurai immer ein wenig an. Was Steve nicht verstand. Steels Kosten für Material und Ausrüstung waren längst nicht so hoch wie die von Angel. Aber vermutlich gehörte das Murren und Knurren zur Geschäftstaktik.
Wie auch immer. Steel hatte ein nettes Extrasümmchen rausgeschlagen. Und was konnte schon so schwer daran sein, ein Boot zu sprengen?
Alle Botschaften waren anscheinend in Steels Headware angekommen, denn er nickte Troy langsam zu.
"Also gut, wir machen den Job."
Der Schieber lächelte. "Freut mich, zu hören. Ihr Klient erwartet sie morgen im Forlorn Hoop.", Troy holte einen Chip aus seiner Innentasche und schob ihm Venom zu. "Einzelheiten stehen auf dem Chip. Von ihm erfahren sie alles genauere, was sie wissen müssen."
Troy trank seinen Champagner aus und erhob sich.
"Ist immer wieder eine Freude, mit ihnen Geschäfte zu machen.", rief Steel ihm hinterher.
Der Schieber verzog die Mundwinkel. "Ganz meinerseits.", erwiderte er, nicht ohne eine deutliche Spur von Ironie in seiner Stimme.
"Hey, wir sind Profis.", erklärte Steel.
"Der einzige Grund, warum ich Halsabschneider wie sie auf meiner Liste habe."
"Das können sie mir nicht erzählen.", konterte der Samurai amüsiert. "Ihre Provision steigt damit doch sicherlich auch, nicht wahr?"
"Einen schönen Tag noch.", erwiderte der Schieber nur.
Dann ging er.
Die Gruppe blieb wie immer noch im Restaurant sitzen, genoss das Dessert und die Drinks, auf Spesen natürlich, und besprach einige Kleinigkeiten.
Bayer beugte sich zu Steve hinüber. "Sag mal, Chummer,", begann er "Warum hast Du vorhin so gegrinst?
Wüßte ich´s nicht besser, würde ich auf eine Nacht mit Marrie tippen."
Steve blickte ihn finster an, doch der Samurai grinste nur.
Bayer war erst nach einigen Runs dazu gekommen, war aber schon lang genug dabei, um von Steves Schwäche für die Taliskrämerin zu wissen. Wer in der Gruppe wußte es nicht?
Und ebenso wußte er davon, daß Steve sich noch immer nicht über ihre Gefühle im klaren war, ebenso daß er bisher noch nicht den Mut gefunden hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen.
Das mit Marrie war nach wie vor ein Schmerz. Er kam sich in ihrer Gegenwart wie ein Schuljunge vor. Sie schien so weise, so reif und sah doch aus wie eine junge Frau. Über ihr Alter hatte sie nie etwas verraten, aber sie war auch keine Elfe, wußte Steve.
Sie waren sehr gute Freunde, Ok, aber machte ihn nicht glücklich. Und wenn er ehrlich darüber nachdachte, glaubte er nicht, daß sie ebenso empfand wie er.
"Und wenn es so wäre, Du wärest der letzte, dem ich es erzählen würde."
"Warum dann Dein Honigkuchengrinsen?", wollte Bayer wissen.
Steve überlegte. Warum nicht? "Wegen der Gruppe."
"Welcher Gruppe?"
"Na unsere. Sie ist toll. Ich mag sie."
Bayers Augenbrauen wanderten zum Haaransatz. "Du hast zuviel getrunken."
"Du magst sie nicht?", wunderte sich Steve.
"Sie sind meine Chummer.", sagte Bayer und zuckte mit den Achseln. "Aber das entlockt mir kein Lächeln."
"Ich habe nur überlegt. Wie das alles angefangen hat. Du weißt es nicht, Du bist erst später hinzugekommen. Aber der Anfang war verrückt. Sag mal, hast Du früher für einen Konzern gearbeitet?"
Bayers Augen verengten sich. "Wüßte nicht, was das Dich angeht."
Steve zuckte mit den Achseln. "Wie auch immer. Ich war jedenfalls früher für einen tätig. Einen großen sogar."
"Ach ja? Als was?"
Angel nippte an seinem Cider. "Personenschutz. Ich war Bodyguard."
"Du?" Bayer grinste.
"Was ist so komisch daran?"
Der Samurai grinste noch immer unverhohlen. "Nichts. Erklärt Nur Deine manchmal, äh, fürsorgliche Art. Und Deine Arbeitsweise. Wie ein Konzernkind."
"Was Du nicht sagst.", seufzte Steve.
"In der Tat." Bayers Grinsen verschwand. Er sah jetzt nachdenklicher aus. "Wieso bist Du dann Shadowrunner? Der Sprung in die Schatten muß Dir damals doch ziemlich schwergefallen sein."
Steve drehte den Kopf und sah den Samurai erstaunt an. "Wie kommst Du darauf?"
"Nun: Steel, Ich, der "Abschaum", wie es einige nennen würden, das waren Deine Feinde. Die Gefahr, die Du beseitigen mußtest. Das Konzernmantra, daß man Dir ständig eingetrichtert hat, muß Dir doch einen ziemlichen Hass auf Typen wie uns aufgedruckt haben."
"Und jetzt bin ich hier.", beendete Steve den Gedanken für Bayer.
Er nickte. "Und jetzt bist Du hier. Und dann sitzt Du auch noch hier und grinst in Dich hinein. Ersteres kann ich ja irgendwo noch nachvollziehen, aber das zweite macht mich neugierig."
"Ziemlich neugierig für jemanden, der so schweigsam ist.", konterte Steve.
Bayer schüttete sein Bier in die Kehle. "Mußt es nicht erzählen, wenn Du nicht willst."
"Ist schon Ok.", Er winkte den Kellner herbei und bestellte noch ein Cider für sich und ein Bier für den Samurai. Er trankt immer Bier, ob sie nun in einem Nobelrestaurant waren oder in einem schmierigen Schuppen. "Ich hab keine Probleme damit, davon zu erzählen. Letztendlich denke ich, daß mir das nur helfen kann. Irgendwann zumindest."
"Hey, ich bin nicht Dein Seelenklempner!"
Der Magier lachte. "So war das nicht gemeint. Ich meinte damit eher, daß ich vielleicht irgendwann mal jemanden brauche, der mir hilft, das ganze zu bereinigen."
Bayer sah ihn an. "Rache?"
"So in etwa. Ich will eigentlich mehr, daß meine Unschuld bewiesen wird, und daß diejenigen, die tatsächlich Schuld sind, dafür belangt werden."
Bayer lächelte. "Sind wir nicht alle unschuldig?"
"Sehr witzig.", knurrte Steve. "Ich bin wirklich unschuldig. Man hat mich…miskreditiert, an den Pranger gehängt und wollte mich umbringen."
"Klingt mehr so, als wärest Du ein schwerer Junge.", foppte der Samurai. "Oder wie eine astreine Konzernintrige."
"Mir scheint, Du kennst Dich mit Konzernen recht gut aus."
Bayer schwieg. Steve sah ihn herausfordernd an, aber er machte keine Anstalten, irgend etwas von seiner Vergangenheit preiszugeben. Also fuhr er fort.
"Die Person, die unter dem Schutz meines Teams stand, wurde umgebracht. Wir konnten das nicht verhindern.
Aber ich fand, mehr durch Zufall, heraus, daß er von jemanden aus eigenen Reihen erledigt wurde. Ich wollte tiefer graben, aber sie kamen dahinter. Dann wollten sie mich ebenfalls beseitigen. Ich mußte aus der Arkologie fliehen und konnte nicht mehr zurück. Und einige meiner wenigen Freunde dort, steckte mir, daß sie mich immer noch jagen."
"Weil Du was weißt, was die bösen Jungs belasten kann."
Steve wurde es auf einmal ein wenig mulmig. Vielleicht hatte er zuviel erzählt. Schließlich wußte er nichts über Bayers Vergangenheit. Es wäre möglich, daß der Samurai mit Mutsuhama was zu tun hat oder hatte, die Informationen benutzen würde, um sich selber einen Vorteil zu schaffen, aus welchem Grund auch immer.
Das ist ein wenig zu paranoid, ermahnte Steve sich. Er vertraute seinen Chummern und das wollte er auch zeigen. Wenn er diesen Leuten nicht vertrauen konnte, wem dann? Irgend einen Lichpunkt brauchte er in dieser Welt.
Er nickte. "Genau deswegen, Sie haben es so gedreht, als wäre ich aus der Arkologie abgehauen und hätte Eigentum gestohlen. Und die Tatsache, daß ich ein Vollmagier bin, in dessen Ausbildung sie eine Menge Geld gesteckt haben, trägt nicht gerade zu meinem guten Ruf bei."
"Und das ist ein Grund zum grinsen?", wunderte sich Bayer. "Seltsamer Humor."
Steve lächelte. "Natürlich nicht. Aber Du hattest schon recht mit dem, was Du vorhin gesagt hast. Als ich in den Schatten untertauchen mußte, wußte ich zuerst nicht, wie es weitergehen sollte. Ich kannte niemanden. Bis auf die Kontakte, die mir einige Freunde im Konzern vermittelt hatten. Ich hatte eine Wohnung und jemanden, der mir ein wenig Geld leihen konnte. Aber ich lebte mitten unter dem "Abschaum", gegen den ich vorher so sehr gekämpft habe. So ein Leben konnte ich mir nicht vorstellen. Ich fiel in ein Loch, wußte nicht, was ich tun sollte.
Dann vermittelte mir Gustav einen Job."
Bayer sah in fragend an. "Gustav?"
"Du kennst ihn. Der Barkeeper aus dem "Joker"".
"Ach ja."
"Auf jeden fall brachte er mich mit einer Gruppe zusammen. Nicht gerade absolute Profis, aber auf jedenfall Shadowrunner. Ich hatte schon vorher für sie gearbeitet, aber nie auf einem Run. Meine Arbeit beschränkte sich lediglich darauf, ihre Beute zu askennen oder Heilmagie anzuwenden. Aber davon konnte ich mehr Schlecht denn Recht leben.
Der Gedanke, mit solchen Typen zusammen zu arbeiten, widersprach mir zutiefst. Es fiel mir außerordendlich schwer, die Indoktrination meines Konzerns abzuschütteln, trotz allem, was mir dort widerfahren war.
Ich mußte mich aber anpassen, wurde mir klar, wenn ich wieder hochkommen wollte. Und ich brauchte das Geld. Magie kann manchmal ziemlich teuer sein."
"Weiß ich.", gab Bayer zu. "Die ganzen Dinge, die man für Beschwörungen, Rituale und so braucht. Ich hatte früher mal einen Kumpel. War ´ne heiße Nummer in der Magie. Er verdiente Unsummen für seine Dienste. Als er mir mal erzählte, was er für seine Materialien abdrückte, ließ mir das die Haare zu Berge stehen."
"Eben. Aber selbst wenn ich darauf verzichtet hätte… ich kam langsam in Geldnot. Also nahm ich an. Ich ging mit den Leuten auf einen Run. Mein erster Run."
"Was war euer Auftrag?" Bayer sah den Blick in den Augen des Magiers. "Ach ist auch egal. Vergiss die Frage."
Steve schwieg.
Er dachte nur ungern daran zurück. Egal, von welcher Seite er dies betrachtete, es war Wetwork. Sicher, er hatte eher aus Notwehr gehandelt, aber das entschuldigte die Tat nicht. Sie wurde herbeigeführt und der Auftrag beinhaltete nach wie vor Mord. Seine ersten, auf einem Run verdienten Nuyen war Blutgeld.
Es kann immer geschehen und das wird es auch immer, daß man gezwungen ist, jemanden auf einem Run zu töten. Aber er versuchte dies so weit wie möglich zu verhindern. Die ganze Gruppe baute ihre Taktik darauf auf: Nur töten, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das war ein wichtiger Punkt für Steve. Und mit ein Grund, warum er seinen Chummern vertraute und sie mochte. Sie waren längst nicht solche Psychopathen wie die meisten Individuen, die durch die Gassen liefen und, vollgestopft mit Chrom und Plastik, jeden abknallen würden, wenn nur der Preis stimmte.
"Wie gesagt,", fuhr er fort, "Es fiel mir nicht leicht, mich den Schatten anzupassen und mit den Leuten zusammen zu arbeiten, gegen die ich früher in voller Überzeugung vorgegangen wäre.
Hätte mir jemand zu dieser Zeit gesagt, daß ich mal ein Shadowrunner sein würde, und einige Schwervercyberte Straßensamurai als Chummer bezeichnen würde, mit ihnen in einem Lokal sitzen würde um gemütlich ein Bier zu trinken und über einen neuen Run zu reden, hätte ich ihn für verrückt erklärt."
"Deswegen Dein Grinsen?", fragte Bayer.
Steve nickte. "Deswegen. Als Steel vorhin mit Troy verhandelte, ging mir noch einmal alles durch den Kopf, wie es begonnen hatte und wohin es geführt hat."
Bayer sah ihn verwundert an. "Hast trotzdem einen seltsamen Humor."
"Mag sein", sagte Steve fröhlich. "Aber mir gefällt die Gruppe. Sie ist in Ordnung."
"Selbst Leo?", wollte der Samurai wissen.
Steve verzog übertrieben die Mundwinkel und wiegte seinen Kopf. "Es gibt Ausnahmen."
Bayer lachte lauthals los und Steve fiel mit ein. Die Gruppe unterbrach ihre privaten Gespräche und sah die beiden verwirrt an.
"Nette Geschichte, Chummer.", bedanke sich Bayer. "Bist in Ordnung."
"Du könntest Dich revanchieren.", sagte Steve.
Bayer wurde wieder mißtrauisch. Vielleicht ahnte er, was jetzt kommen würde.
"Wie das?", fragte er.
Steve versuchte, vertrauensvoll zu wirken. "Äh", begann er und verfluchte sich in Gedanken für diese geistreiche Geste des Vertrauens. "Deine Cyberware. Ich meine, es geht mich ja nichts an.", fügte er schnell hinzu. "Aber etwas an ihr ist recht ungewöhnlich."
Bayer sah ihn alamiert an. "Was weißt Du denn von meiner Cyberware."
Steve legte seinen Kopf schief und seufzte. "Ich bin Magier, schon vergessen? Früher, in unserem Job haben wir gelernt, Cyberware durch askennen zu klassifizieren. Das ist zwar nicht immer möglich, weil einige Runner echt schräge Sonderanfertigungen mit sich herumschleppen, aber eben nicht alle. Die meisten haben das 08/15-Standardzeug in sich. So läßt sich relativ leicht feststellen, ob sie zum Beispiel eine Smartlink haben, Reflexbooster, Kunstmuskeln oder einen Rig."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
"Du hast etwas, daß ich vorher noch nie gesehen habe. Keine Ahnung, was das sein könnte."
"Dann brauchst Du es ja auch nicht zu wissen.", erwiderte Bayer und schweigte fortan.
Steve seufzte. Der Samurai war ein netter Kerl, man konnte gut mit ihm reden. Er lächelte immer ein wenig überheblich, aber das war nur eine Masche. Er war nicht so cool wie Steel und nicht so arrogant wie Speed, und das gab ihm bei Steve eine Menge Pluspunkte. Der Magier war eher ein zurückhaltender Charakter. Und daß er sich gegenüber Bayer so offen verhielt, sagte eine Menge über ihn aus. Es war halt eine freundliche Messerklaue, sofern es das gab. Aber sobald man ihn auf seine Vergangenheit ansprach, verwandelte er sich.
Mehr würde er aus dem Samurai nicht herausholen. Nicht im Moment, also ließ er es.

Die Gruppe verließ das Lokal.
"Vergeßt nicht: Morgen um 19:00 Uhr im Forlorn Hoop.", erinnerte Steel nochmal
"Ist schon gespeichert.", sagte Venom. Das meinte er wörtlich.
Speed sah schon wieder skeptisch aus. "Was ist das für ein Etablissement?"
"Forlorn Hoop.", überlegte Leo. "Das ist Hochdeutsch und heißt "Verlorener Haufen". Es ist ein Stammkneipe für ehemalige Söldner und solche, die es noch sind." Er wandte sich an den Rigger. "Ich muß Dich enttäuschen, Speed. Als Etablissement kann man diesen Schuppen nicht bezeichnen."
Der Rigger verzog seine Miene. "Na klasse."
Als das Team sich trennen wollte, um zu ihren Wohnungen zu fahren, hielt Angel Steel am Arm zurück.
"Kann ich Dich einen Augenblick sprechen?"
"Kein Problem, Chummer, was gibt's?"
Steve wollte loslegen, wurde aber von dem Elfen unterbrochen. Er saß in seinem Wagen, hatte die Beifahrertür aber noch geöffnet. "Hey, Angel! Willst Du mit zu mir kommen? Ich probier heute den Indonesischen Chip aus! Du magst Doch ausländisches Essen!"
Steve grummelte. "Hat eine sündhaft teure Talentsoft in seinem Schädel, und ihm fällt nichts besseres ein, als sich die neueste Edition "Ausländische Gerichte für Fortgeschrittene" zu holen."
"Sei nicht zu hart mit ihm.", lachte Steel. "Er ist halt ein Elf. Da muß man mit sowas rechnen."
Steve grinste. "Wenn Du einen Augenblick wartest, komme ich mit!", rief er zu Leo. "Ich muß hier noch was klären."
"Is' OK." Leo stellte den Motor ab. Stattdessen erklang klassische Musik aus den Boxen des Wagens. Auch das noch, dachte Steve.
"Was gibt es denn so dringendes, was Du mit mir klären willst?" hakte Steel nach.
"Ist Dir an Bayer irgendwas ungewöhnliches aufgefallen?", fragte Angel frei heraus.
Steel sah den Magier fragend an. "Nein, nicht wirklich. Sollte es?"
"Seine Bewegungen, sie sind sehr geschmeidig und elegant. Er bewegt sich weitaus agiler und geschickter als die meisten verchippten Sammies, die ich getroffen habe."
Der Runner wurde nachdenklich. "Ist mir auch schon aufgefallen. Scheint erstklassiges Zeug zu haben."
"Und was, würdest Du vermuten? Soweit ich das mitbekommen habe, kennst Du Dich mit Cyberware aus, auch mit eher unüblichen Implantaten."
"Beim Militär früher hatten wir Zugang zu den besten Waren.", erinnerte Steel. "Was wir eingesetzt bekamen, war fast noch warm, frisch aus dem Testlabor. Und es war an die Bedürfnisse im Einsatz angepasst. Ich würde auf Reflexbooster tippen, vielleicht eine Biologische Muskelverstärkung und Hochleistungsgelenke. Also mehr Bioware."
"Und das kommt Dir nicht komisch vor? Ich meine, Du kommst aus dem Militär. Euch wurde das Spitzenzeug eingesetzt. Aber er kommt anscheinend von der Straße. Vielleicht soagr aus einer Gang."
"Wegen den Farben?", überlegte Steel. "Das hat nichts zu sagen. Vielleicht ist er dort Ehrenmitglied oder hat nur gute Verbindungen."
Bayer trug die Farben eine Altonaer Gang mit sich. Meist auf seinen Hosen. Die Erklärung von Steel war logisch. Es mußte nicht unbedingt bedeuten, daß Bayer direkt zu der Gang gehörte. Es kann auch gut möglich sein, daß er für einen von ihnen mal einen Gefallen getan hat oder ein Mitglied aus dem Drek geholt und sich somit einen gewissen Status bei ihnen erworben hatte. Die Farben trug er dann nur, um von ihnen als solcher erkannt zu werden und nicht als ein potentielles Opfer.
"Aber das ist es nicht. Reflexbooster hat er keine. Und würde das seine manchmal so ruckhaften und unrihigen Bewegungen erklären. Er wirkt manchmal so, als hätte er zuviel Soykaf getrunken."
Steel stutzte. "Raus mit der Sprache: Was hast Du gesehen? Ich weiß, daß Du jeden askennst, schon aus Gewohnheit. Und Dir muß bei Bayer irgendwas aufgefallen sein. Außerdem hast Du recht. Die Gelenke und die Reflexbooster würden seine zappeligen Bewegungen nicht erklären."
"Als ich ihn das erste mal askennt habe, habe ich bei ihm ein Stück Cyberware entdeckt, daß recht ungewöhnlich ist. Es hängt ihm im Nacken, direkt auf der Wirbelsäule und direkt unter dem Schädel. Hast Du eine Ahnung, was das sein könnte? Ich habe so etwas vorher noch nie gesehen."
"Hm,", sagte Steel nur. "War es groß?"
"Ziemlich. Das man das Ding unter der Haut nicht sieht, ist fast schon ein Wunder. Es muß vollkommen in die Wirbelsäule integriert sein."
"Meine Güte!", entfuhr es dem Samurai. "Sowas ist eigentlich kaum möglich. Was Du da beschreibst, ist Deltaware!"
Steve horchte auf. "Deltaware? Also so etwas bekommt man ganz bestimmt nicht von einem Straßendoc."
"Dann hat er für irgendeinen Konzern wirklich gute Arbeit geleistet."
"Oder er gehörte mal zu einem.", folgerte Valentine.
Steels Augen verengten sich. "Worauf willst Du hinaus?" fragte er den Magier. "Traust Du Bayer nicht?"
"Ach das ist es nicht!", winkte Steve ab. "Wenn dem so wäre, hätte ich Dich gar nicht darauf angesprochen. Und nachdem, was ich Bayer heute alles erzählt habe, wäre ich ziemlich blöd gewesen, wenn ich ihm nicht vertrauen würde."
"Deine Lebensgeschichte?", grinste Steel, "Die erzählst Du doch jedem, der Dich freundlich anschaut."
Angel schenkte dem Samurai einen düsteren Blick. "Tschuldigung.", sagte der, grinste aber weiter."
"Was mich mehr beschäftigt ist, wenn Bayer solche Cyberware mit sich hermuträgt, udn sich darüber so verschlossen gibt, dann muß er, wie Du schon gesagt hast, sich in eine Klinik irgendeines Konzerns begeben haben, für eine sehr lange Zeit. Es kann durchaus sein, daß er selber nicht weiß, was er da hat. Und es kann auch sein…"
"Das er noch etwas in sich hat, von dem er nichts weiß!", folgerte Steel betroffen.
Steve nickte eifrig. "Eine Cranialbombe, eine Protokolleinheit oder…"
"…oder eine Wanze."
"Genau.", antwortete der Magier finster.
"Kannst Du so etwas nicht feststellen?"
Der Magier schüttelte den Kopf. "Wenn ich jemanden askenne, dann zeigt sich seine Cyberware nur als dunkler Schatten in der Aura. Anhand des Ortes, wo sich diese…Störung…befindet und an der ungefähren Form sowie die Tiefe der Schatten kann ich in etwa sagen, um was es sich handelt. Sowas ist nicht leicht.
Und Bayer hat genug Headware in seinem Schädel, daß es alles sein könnte. Nein, tut mir leid. Wir müßten ihn schon zu einem Straßendoc bringen, um das festzustellen. Denn ich bin mir fast sicher, daß ein einfacher portabler Scanner uns auch nichts bringen wird."
"Fürchte, da hast Du recht.", gab Steel besorgt zu.
"Vielleicht kannst Du ihn darauf mal ansprechen. Du hast einen besseren Draht zu ihm."
"Von Messerklaue zu Messerklaue, oder was?".
"So habe ichd as nicht gemeint.", wehrte Steve ab.
"Sollte ein Scherz sein.", sagte Steel und grinste. "Kein Problem. Werde ihm mal vorsichtig auf den Zahn fühlen. Könnte für die Gruppe nicht unwichtig sein."
"Deswegen ja."
"Ich werds Dir sagen, wenn er mir was verrät.", sagte Steel. Er schaute auf den gelangweilten Elf, der in seinem Wagen saß und sich mit Beethoven beschallen ließ. "Ich glaube, Dein Taxi wird ungeduldig."
Steve nickte. "Besser ich gehe dann mal."
Der Samurai winkte ihm zu und verschwand dann in einer Seitenstraße.
"Wurde auch Zeit.", murrte Leo, als Steve sich auf den Beifahrersitz schwang. "Was war denn so wichtig, daß es nicht bis morgen warten konnte?"
"Ach, nichts be….", sagte Valentine, als der Elf den Motor anließ, unterbrach sich dann aber.
"Obwohl…warum eigentlich nicht?", überlegte er.
"Hä?" Leo sah ihn verwirrt an. "Keine Selbstgespräche in meinem Auto bitte. Ich komm nicht mit."
Steve lächelte vergnügt. "Ich erzähl es Dir zuhause. Das ist eine Gute Idee. Vielleicht kannst Du mir sogar helfen."
Der Elf war noch immer nicht schlauer.
"Was immer Du meinst.", gab er zurück und fuhr zu seiner Wohnung.



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