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Valentine - Kapitel 2 |
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Kapitel 2
Leo stocherte in seinem Essen herum. Er kommentierte Angels Erzählung lediglich von Zeit zu Zeit mit einem "Hm" oder "Aha".
Steve stutzte. "Dich scheint das nicht sonderlich zu beunruhigen.", warf er ein.
Der Elf schüttelte den Kopf. "Warum sollte es?"
Angels sah erstaunt auf "Na es könnte doch gut sein, daß er eine Protokolleinheit in seinem Kopf hat, wenn nicht sogar einen Aufspürsender!"
Leo grinste. "Ich halte das sogar für wahrscheinlich. Zumindest ersteres." Er stand auf, bedeutete Steve, ihm zu folgen. "Komm mit, ich zeige Dir was."
Der Magier folgte widerwillig. Er hatte im Restaurant schon genug gegessen und wunderte sich jedesmal, was der Elf, oder alle anderen Personen, die starke kybernetische Modifikationen besaßen, alles in sich reinstopfen konnten. Das indonesische Essen war gut, ohne Frage. Aber die scharfen Gewürze brachten seinen Magendarmtrackt langsam durcheinander.
Leo pflanzte sich in seinen Sessel vor seinem Deck, stöpselte sich ein und aktivierte den Bildschirm.
"Was weißt Du über Sicherheitsprozeduren bei hochrangigen Wissenschaftlern oder besonderen Einheiten?"
Steve überlegte. "Ich weiß, daß einige meiner Kollegen von früher spezialisierte Cyberware besaßen, die, sobald sie bei Konferenzen beiwohnten, ihre Erinnerungen im Minuteninterwall löschten. Das sollte verhindern, daß sie geheime Informationen mitbekamen, die sie nicht hören sollten. So ein Modus ließ sich willtentlich aktivieren und deaktivierte sich von alleine, sobald eine Gefahrensituation eintraf. Ich vermute mal auch, daß sie zusätzlich Protkolleinheiten besaßen, die die Geschehnisse aufzeichnete. Das ersparte mühsame Befragungen und magische Sondierungen. Außerdem erleichterte das die Auswertung einer kritischen Situation ungemein. Was Wissenschaftler oder Execs angeht
" Steve zuckte die Achseln "Da weiß ich nicht viel. Bei unsicheren Elementen oder Kurieren weiß ich nur von Cortex- oder Cranialbomben, selten auch von Aufspürwanzen, außerdem war die Cyberware codiert, was eine Extraktion verhindern oder zumindest erschweren sollte."
Leo lächelte. "Trifft zu. Zumindest fast." Auf dem Bildschirm erschienen diverse Abbildungen von Cyberwaresystemen. "Es ist so: Normalerweise setzt der Konzern einer Person keine Wanzen ein. Sie werden zu leicht entdeckt und man kann sie recht simpel ausschalten, egal, ob sie nun implantiert ist oder in Seiner Kleidung oder Haaren hängt.
Außerdem geht man nicht direkt davon aus, daß Wissenschaftler einfach verschwinden. Sie werden in den Arcologien festgehalten und bekommen dort alles, was sie brauchen. Und Execs werden selten entführt, die sind entbehrlich. Ihre Position festigt sich alleine durch ihre Fähigkeit, in dem Haifischdschungel zu überleben. Die wollen gar nicht weg und die will man auch nicht entführen. Vielleicht wollen einige von ihnen selber weg und bieten für ihre Extraktion Geld und brisantes Wissen an. Aber glaub mir, dann werden solche Personen vom Konzern genau überwacht.
Bei Wissenschaftlern sieht das anders aus, die sind natürlich ein begehrtes Objekt."
Der Schirm zeigte eine schematische Darstellung von zwei Headwaresystemen. Über dem einem prankte die Überschrift "Softlink Mark VI, Expertensystem", das andere war lediglich mit dem Wort "C²-Deck" beschriftet.
Leo deutete auf den Bildschirm. "Das, was Du hier siehst, sind zwei relativ gebräuchliche Kybernetische Modifikationen, die wirklich gute Wissenschaftler haben. Es ist Deltaware.
Und wie Du schon richtig erklärt hast, sind die Systeme meist codiert, angepasst an die Systeme des Konzerns, an die Matrixumgebung und die Passcodes. Das ist meist schon Schutz genug, denn wenn man solch eine Person entführt, braucht es langwierige Operationen und eine Menge Zeit, bis solche Leute wieder einsatzfähig sind. Wenn sie nicht vorher umgebracht werden, durch kleine versteckte Mikrobomben in den Halsschlagadern. Lieber eine Spitzenkraft verlieren, als daß sie ein anderer in die Hände bekommt. Die Logik der Megakons."
Steve schaute auf den flachen Bildschirm. "Was ist ein C²-Deck?"
"Das ist ein Craniales Cyberdeck.", erklärte der Elf. "Ein Deck, daß vollständig im Kopf implantiert ist. Es ist weitaus schneller als jedes normale Deck, schon weil das lästige Tippen auf der Tastatutr wegfällt. Brandheiß, das Zeug. Und irre Teuer. Der Traum eines jeden Deckers." Leo seufzte.
"Aha." Steve sah angewidert auf die Darstellung. Mag sein, daß der Elf als Cyberwarefetischist und Decker von so etwas träumte, aber Valentine hatte eine natürliche, und in Anbetracht seines Talents eine verständliche Abneigung gegenüber Cyberware. Die Vorstellung, sich solch ein Monstrum in sein Hirn stampfen zu lassen, ließ ihn erschaudern.
"Ok, kommen wir zu einer ganz anderen Klasse von Spezialisten." Leo tippte einige Befehle in die Konsole und andere Abbildungen von Cyberware liefen über den Bildschirm.
"Du hast davon vielleicht noch nichts gehört, aber viele Konzerne haben Projekte laufen, in denen sie Personen für die ganz besondere Art von Arbeit ausbilden. Profikiller, Infiltratoren, Spione, Spezialagenten und, wenn Du so willst, EinMann-Armeen."
"EinMann-Armeen?", fragte Steve. "Was soll das sein?"
"Schon mal was von Cyberzombies gehört?"
"Nein"
"Ah, na gut. Das ist eine ganz abgedrehte Form von Spezialeinheit. Ich weiß nicht einmal, warum die Konzerne so etwas bauen. Stell Dir einen Typen vor, der soviel Cyberware in sich trägt, daß er daran eigentlich sterben müßte. Er besteht praktisch nur noch aus Chrom. Es soll Exemplare geben, bei denen nur noch der Hirnstamm und Teile des Rückenmarks original sind."
"Meine Güte.", hauchte Steve. "Kaum zu glauben. Wie bleiben die am Leben?"
Leo zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Das sind ultrageheime Forschungsprojekte. Darüber weiß ich auch nicht sehr viel. Wahrscheinlich Magie, aber das ist nur ein Gerücht."
"Woher weißt Du das alles?", wollte Valentine wissen.
"Ich habe doch mal für die Medien gearbeitet, wie Du weißt. Jetzt bin ich manchmal für einen Piratensender tätig." Er lächelte "Manche Gewohnheiten legt man nie ab. Auf jeden Fall haben die dort gute Decker, die solchen Dreck ausgraben. Echte Freiheitskämpfer eben, für die aufgeklärte Bevölkerung."
"Und was hat das nun mit Bayer zu tun?"
"Unser Samurai hat vermutlich Cyberware in sich, die Deltaqualität besitzt. Sowas verschenken die Konzerne nicht leichtfertig. Und Du kannst Dir sicher sein, daß man so etwas nicht auf der Straße findet. Zumindest nicht in den nächsten Jahren. Bayer hat also entweder einem Konzern einen sehr großen Dienst erwiesen, und das war seine Belohnung
"
"
oder er gehörte einem Konzern an."
Leo nickte. "Genau, und zwar als einer dieser Spezialisten. Kann auch sein, daß er ein Experiment ist."
"Oh Wunderbar.", knurrte Steve. "Glaubst Du, daß Bayer ein Infiltrant ist?"
Der Elf lachte. "Nein, bestimmt nicht! Ich vertraue ihm. Aber wenn er es ist, dann ohne sein Wissen."
"Also doch eine Wanze."
"Glaube ich nicht.", wehrte Leo ab. "Wie gesagt, zu unsicher. Vielleicht ein Aufspürsender, etwas in der Art, aber dann eine ganz raffinierte Sache. Überleg mal: Bayer hat seinen Konzern verlassen, aus welchen Gründen auch immer. Und jetzt ist er Shadowrunner. Denkst Du nicht, daß er so etwas in Betracht gezogen hat und etwas dagegen unternommen hat?"
"Ok, Punkt für Dich. Also war er vermutlich bei einem Straßendoc. Der müßte aber festgestellt haben, daß er wenigstens ein besonders seltenes Stück Chrom mit sich trägt. Das schließt schon mal ein, daß er zumindest Ansatzweise weiß, was er in sich hat. Zumindest, daß er etwas hat."
"Gewiß, aber dafür bräuchte er keinen Straßendoc. Seine Bewegungen, seine Geschindigkeit und die Reaktionen. Er weiß es ganz sicher. Aber ich wette mit Dir, daß er darüber keine detaillierten Informationen besitzt. Aber eines weiß er auch nicht, nämlich ob er nun verwanzt ist oder nicht. Wenn es nun einer dieser Impulssender ist, die im Gigahertzbereich senden und auch nur dann, wenn sie durch ein Signal aktiviert werden. Aber es gibt viel bessere Möglichkeiten, jemanden zu verfolgen oder aufzuspüren. Das müßtest Du eigentlich wissen, Angel."
Steve wußte nicht, was der Elf meinte. Dann schlug er sich gegen den Kopf, schimpfte im Geiste auf seine Dummheit. "Natürlich! Rituelle Magie!" rief er.
Leo lächelte wie ein stolzer Lehrer. "Wird auch Zeit. Vielleicht bist Du doch ein Magier.", sagte er ironisch.
Steve funkelte ihn an.
"Wie auch immer,", fuhr der Elf fort. "Wenn Bayer den willentlichen Entschluß gefasst hat, seinen Konzern zu verlassen, dann wird er wohl versucht haben, seine Gewebeproben zu vernichten, ebenso wie all die anderen Akten über ihn. Aber es ist wahrscheinlich, daß der Konzern vielleicht noch anderswo welche von ihm hat, wovon er nichts weiß und an die er so ohne weiteres nicht rankommt. Oder er mußte, genau wie Du, aus seinem Konzern fliehen."
"Von mir existieren keine Gewebeproben mehr. Sonst wäre ich nicht mehr hier. Ich hatte gute, wirklich gute Freunde, die mir dabei halfen und bei denen ich sicher sein konnte, daß keine Proben übrig blieben."
"Wenn Du das glaubst
", zweifelte Leo an.
Steve sagte nichts dazu. Er wußte, daß es so war. Java und Slash hatten dafür gesorgt. Und Butterblume. Wer konnte schon auf die Hilfe eines freien Geistes zurückgreifen. Aber Steve war sich sicher: Es gab keine Gewebeproben mehr von ihm, nicht in der Arcologie. Ansonsten wäre er nicht mehr am Leben.
"Das mit den Gewebeproben funktioniert aber auch andersherum.", bemerkte er. "Er kann einen Magier gebeten haben, seine Proben zu zerstören. Er hatte vorhin erwähnt, daß er mal mit einem befreundet war."
Leo schüttelte den Kopf. "Du weißt selber, wie schwer es ist, so etwas zurück zu verfolgen."
"Es ist praktisch unmöglich.", gab Steve zu. "Auf diese Weise wird das auch nicht gemacht. Gewebeproben sind mit einer Barriere umgeben, um unbefugten Zugriff zu verhindern, und selbst wenn, dann sind die Proben zu schwach, als daß man sie mit Hilfe eines Rituals vom Körper aus zurück verfolgen könnte. Nein, die Methode, die ich meinte ist viel einfacher. Wenn man befürchtet, daß noch irgendwo solche Proben von einem existieren, dann ist es das beste, sich in einer Tiefe Höhle zu verstecken oder sich unter einer starken Manabarriere zu begeben. Wenn die Probe für ein Ritual benutzt wird, dann verschwindet sie, sobald das
.." Steve unterbrach sich.
"Ja?", wollte der Elf wissen. Er schaute den Magier erwartungsvoll an.
"Geh mal zurück.", bat Valentine."
Leo starrte ihn verwirrt an.
Steve seufzte. "Auf dem Schirm!", erklärte er. "Geh mal zurück. Was war das da?"
"Ich weiß nicht was.", antwortete der Elf. "Hast Du Dir den Namen gemerkt?"
"Irgendwas mit "Wire", glaube ich"
Leo tippte auf seine Konsole. Die Darstellungen liefen in Windeseile über den Bildschirm und blieben dann bei einer einzelnen stehen. Sie vergrößerte sich und rotierte als Gittermodell langsam um die eigene Achse.
"Meinst Du das?", fragte der Elf ungläubig. "Kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber
"
"Ja genau!", rief Angel. "Das meinte ich!" Er kniff die Augen zusammen. " Move-By-Wire'
", las er laut vor. "
was ist das?"
"Ganz abgedrehtes Stück Deltaware. Macht einen schneller und geschmeidiger. Es funktioniert auf der Basis dieser Fly-By-Wire Systeme in den Flugzeugen. Selbst ich würde so etwas nicht in meinem Körper haben wollen. Die bekannten Nebenwirkungen sind häßlich, und über die Langzeitschäden weiß man noch nichts.
Woher kennst Du das, Angel?"
Der Magier sah ihn groß an, sein Blick sagte alles. Leo schaute verwirrt zurück. Und als er plötzlich begriff, weiteten sich seine Augen zu einem entsetzten Blick. "Bei allen Geistern
", entfuhr es ihm.
"Wollte ich auch gerade sagen.", murmelte Steve.
"Du hast es wiedererkannt. Du hast etwas in der Art gesehen, als Du Bayer askennt hast."
Steve nickte betrübt. "Ja auch. Ist Dir nie aufgefallen, wie Bayer sich bewegt? Wie eine Raubkatze mit flüssigen Gelenken, und dann wieder wie ein Hyperaktives Kind."
"Jetzt wo Du es sagts
" Leo erschauderte. "Angel, das ist experimentelle Deltaware! Das Zeug ist so ultraheiß....diese Daten zu bekommen, hat mehr als nur einen unserer Decker geröstet! Bist Du Dir ganz sicher?"
"Ich wünschte, ich wäre es mir nicht.", antwortete Steve betrübt.
"Also gut, Ok." Leo lehnte sich zurück und überlegte. "Das Ding gibt es in verschiedenen Versionen, je nachdem, wie tiefgreifend die Modifikation sein soll. Da Bayer nicht nur das hat, sondern noch einen ganzen Haufen andere Cyberware, wird er wohl die kleinste Version von diesem Teufelsding in sich tragen.
Aber das ist nicht einmal das Problem. Die Typen, die ihm das eingepflanzt haben, wollten sicher nicht die Wohltäter spielen und ihn zu einem Supersamurai machen. Die wollen sicher wissen, wie sich das Zeug im Feldtest bewährt."
"Das bedeutet fast mit Sicherheit, daß Bayer irgendwas hat, was Daten in seinem Kopf sammelt und diese speichert."
"Und daß ihn jemand aufspüren kann, um diese zu beschaffen."
Der Magier stutzte. "Ginge das nicht auch mit Fernübertragung?"
Leo schüttelte den Kopf. "Zu unsicher. Die Datenübertragung kann gestört sein, die Übertragung solcher Datenmengen dauert zu lange und kann zu leicht entdeckt werden."
"Meinst Du, er weiß davon?"
"Glaube ich nicht.", erwiderte der Elf. "Wenn es so wäre, wäre er ein echtes Arschloch und wir sollten ihn abknallen. Er würde uns alle in Gefahr bringen."
"Das muß nicht unbedingt sein.", warf Steve ein. "Sie sind vielleicht nur an ihm und der Cyberware interessiert, nicht an uns. Und Du weiß ja, wie die Megakons denken. Sie verschwenden keine Ressourcen auf etwas, daß sich nicht lohnt. Wenn sie nur ihn wollen, sind wir denen egal."
"Aber wenn wir zufällig in der Nähe sind
"
Steve winkte ab. "Dann warten sie, bis er alleine ist. Trotzdem, es gefällt mir nicht, daß uns ein Konzern praktisch beobachtet oder es zumindest kann, wenn wir einen Run machen."
"Ich werde mal ein wenig über ihn ausgraben.", sagte Leo und stöpselte sich aus. "Aber nicht mehr heute.
Es wäre gut zu wissen, bei welchem Konzern er früher war oder zu welchen er intensiveren Kontakt hatte. Wenisgtens das sollte herauszufinden sein.
Wir sollten schlafen gehen."
Steve nickte ihm zu. "Geh Du ruhig schlafen. Ich bin noch nicht müde. Außerdem wollte ich noch den einen oder anderen Geist beschwören. Wir könnten morgen vielleicht die eine oder andere Hilfe eines Elementars gebrauchen."
Leo nickte müde. "Mach was Du für nötig hälst. Im Raum steht noch eine Kiste von mir, die mußt Du noch rausräumen. Den Kreis habe ich nicht angerührt."
"Das ist auch gut so.", sagte Steve mit unheilsschwangerer Stimme.
"Äh, warum?", fragte der Elf verunsichert.
"Du könntest den Zorn der Geister heraufbeschwören. Sie mögen es gar nicht, wenn man ihre Kreise stört. Das macht sie richtig wütend! Sollte mir einer entwischen könnte er Dich aufsuchen. Und dann
"
"Was dann?", quiekte Leo.
"Nun, wenn es ein Feuerelementar ist, dann hast Du vielleicht Glück.", er deutete auf die Sprinkleranlage. "Bei einem Wassergeist kann ich für nichts garantieren
."
Der Magier stand auf und ging in den Raum, den Leo in der Wohnung für Steve eingerichtet hatte, damit er dort seine Rituale vollziehen konnte.
"Was für einen Geist willst Du denn beschwören?", wollte er wissen. Steve antwortete nicht. Er schaute nur kurz über die Schulter und grinste diabolisch.
"Hey!", rief Leo verzweifelt hinterher. "Was für einen Geist?!"
Der Magier veschwand im Ritualzimmer.
Leo saß eingeschüchtert vor seinem Deck und überlegte fieberhaft, ob er den Kreis nicht aus versehen irgendwie unterbrochen hatte, als er darüber lief. Er wußte ja nicht, wie weit das eine Rolle spielte.
Störet meiner Kreise nicht, ging ihm durch den Kopf
Er schlug sich gegen die Stirn und fluchte. Zuerst über seine Einfältigkeit, dann über Steves Humor.
"Dieser Wichser.", grollte er.
Venom stöpselte sich aus. Sein Bruder stand hinter ihm, hielt ein Glas mit Campari mit echtem Orangensaft in der Hand. Die Eiswürfel darin klirrten leise gegen das Glas, als er an seinen Bruder heran trat und ihm die Hand auf die Schulter legte.
Der Decker drehte sich leicht desorientiert um.
"War hart?", fragte Speed, der den Zustand seines Bruders bemerkte. "Mir scheint, Du mußtest hastig aussteigen."
Venom schüttelte den Kopf. "Das war ein Spaziergang.", murmelte er. "Moment
"
Er stand auf und ging zu dem kleinen Eichenholztisch.
Er zog seinen Stuhl näher heran, nahm den Spiegel und den Strohhalm. Speed wandte sich ab, als er das Schniefen seines Bruders hörte.
Er mochte es nicht. Teure Kleidung, Getränke, einen etwas snobistischen Stil, was die Wahl der Lokale und andere Örtlichkeiten anging. Warum nicht das? Warum nicht eine andere Macke?
Er tat es nicht sehr oft, aber besonders schlimm war es, bevor er in die Matrix ging oder wenn er sich ausstöpselte.
Venom schniefte noch einmal. Es klang, als hätte er eine erkältung oder hätte geweint. Sein Bruder drehte sich wieder zu ihm um und schaute in die geröteten Augen des Deckers. "Also?"
"Ich hab alles.", verkündete er nüchtern. "Über Angel und Leo war es leicht, was auszugraben. Angel war früher bei einem Konzern als Bodyguard. Das hat er den anderen ja erzählt. Der Konzern ist übrigens ein Megakon, Mitsuhama .I. E., sein richtiger Name ist Steve Valentine. Er wird dort wegen einiger Vergehen gesucht. Diebstahl, Hochverrat und möglicherweise Mord. Das sah mir aber getürkt aus.
Leos voller Name ist Leo Kirch. Andere Namen hat er anscheinend nicht, dieser ist wohl auch ein Synonym.
War früher ein Journalist. Er ging freiwillig in die Schatten, als ein Rechtskämpfer gegen die Handlungsweise der Megakons."
"Ein Rebell, also.", sinierte Speed.
"Wenn man so will."
Speed machte eine auffordernde Geste zum Deck. "Was ist mit den anderen?"
"Steel war früher beim Militär, eigentlich mehr ein Söldner. Wüstekriege. Hat sich einige Orden verdient. Sein richtiger Name ist Frank Castello. Seine Einheit fiel massiven Rationierungen zum Opfer, wie so viele Söldnergruppen. Er suchte sich deswegen einen neuen Markt in den Schatten.
"Bayer war eine härtere Nuß. Das Wie oder Warum konnte ich nicht rausfinden. Ich habe einen haufen Namen über ihn gefunden, deswegen habe ich keinen von ihnen gespeichert. Das sind alles sicher Tarnidentitäten. Viele von ihnen hatte er sogar noch im Konzern."
"Bei welchem war er denn?"
"Proteus, vermutlich."
Speed hob seine Augebrauen. "Proteus?"
"Vermutlich.", erinnerte Venom. "Ich habe diese Informationen über diverse Quellen bekommen. Selbst ich bin nicht so überheblich, bei Proteus einzusteigen. Er schien dort irgendeine heiße Nummer zu sein, lebt aber schon seit einiger Zeit in auf der Straße. In Altona. Hat sich in seinem Gebiet einen guten Ruf erworben. Ein echter Profi."
"Hm,", bemerkte der Rigger. "Das ist nicht sehr viel."
"Das ist ein Anfang.", erwiderte Venom. Er zeigte auf sein Deck. "Du kannst es ja selbst versuchen."
Speed schüttelte den Kopf. Sein Glas klirrte leise. "Ist Dein Revier. Hast recht, das ist immerhin ein Anfang." Er nahm einen Schluck von seinem Campari. "Was ist mit der anderen Sache?"
"Steel hat sich erkundigt, wie ich erfahren habe. Bayer nicht. Er hält sich wohl an den Spruch, daß zuviel wissen auch schädlich sein kann."
"Und unser Schmalspurdecker?" Damit spielte er auf Leo an. "Der hat auch nach uns gegraben, sogar sehr tief. Ich glaube aber nicht, daß er viel über die Matrix erfahren hat. Aber er hat eine Menge Connections überall. Die meisten davon bei FreeTV. Und die haben was in den Archiven gefunden und für ihn noch ein wenig mehr aus dem Netz geholt."
"Dann weiß er also über uns Bescheid?"
Venom nickte. "Vermutlich.", schniefte er. "Und er hat es wohl auch an Angel weitergegeben. Die beiden verstehen sich trotz aller Gegensätze recht gut."
Speed schaute nachdenklich in sein Glas. "Als können wir davon ausgehen, daß die beiden am meisten über uns wissen, wenn nicht sogar alles. Aber sicher auch über unsere Eltern."
"Ja."
"Dann müssen wir auch davon ausgehen, daß Steel Bayer über das informiert hat, was er über uns weiß.
Also wissen wir über sie Bescheid, und die über uns."
Venom fuhr sich mit dem Handrücken über die Oberlippe und nickte.
"Klingt fair.", sagte Speed.
Leo erwachte schlagartig, als ein unmenschliches Grollen in seinem Schlafzimmer ertönte.
"Du unwürdiger Sterblicher!", stöhnte die Stimme. "Nichtsahnender! Was hast Du mir angetan?"
Leo griff hastig nach seiner Walther Secura, die neben ihm auf dem kleinen Tisch lag.
Die Waffe aktivierte sich automatisch, lieferte Daten direkt in das Hirn des Elfen. Zielindikatoren blizten in seinem Sichtfeld auf. Mit zitternden Händen suchte er sein Zimmer ab.
Die Hardware fixierte seinen Arm auf einen flimmernden Wirbel, der am Fußende seines Bettes wogte. Die Temperatur im Raum stieg plötzlich an, das Flimmern verdichtete sich zu einer festen, fast humanoiden Gestalt, die wortwörtlich in Flammen zu stehen schien.
Oh mein Gott! Ein Feuerelementar!
"Die Waffe wird Dir auch nicht mehr helfen, Mensch!", blubberte die Gestalt. Es klang, als würde Lava durch ein Loch im Boden quillen. "Sieh Deinem verdientem Schicksal ins Auge. Bereite Deine Seelen auf endlose Verdammnis vor!"
Leo stieß einen spitzen Schrei aus und lies die Waffe vor Schreck fallen. Sie piepte, als sie zu Boden fiel, die Daten in seinem Blickfeld erloschen augenblicklich.
"ANGEEL!", schrie er panisch durch das Haus.
Ein anderes Geräusch mischte sich zu dem blubbern des Elementars. Es kam von der Tür und klang seltsam abgehakt und atemlos, fast wie
.
lachen.
Leo riskierte einen Blick zur Tür.
Dort, im Türrahmen, stand der Magier, hielt sich fest und bog sich förmlich vor Lachen.
Der Elf war vollends verwirrt, starrte Angel an wie ein Hamster, der aus seinem Häuschen krabbelte und feststellen mußte, daß sein Laufrad sich immer noch dreht. Er wußte nicht, ob er sich in seine Shorts machen sollte, wild um sich ballern oder einfach seine Uhr aufziehen.
Dann begriff er langsam.
Steve keuchte vor Lachen, Tränen liefen ihm über die Wangen. Selbst das Feuerelementar hatte die Arme vor der Brust verschränkt und gönnte sich ein breites Grinsen. Die Biester haben einen Sinn für Humor, dachte der Elf verärgert. Das würde er sich merken.
"Angel!", rief Leo voller Zorn, "Du verdammtes Arschloch! Ich hätte mir beinahe das Laken versaut!"
Steve antwortete nicht. Er hielt sich den Bauch und keuchte atemlos.
"Du häßlicher Wichser! Drek verdammter! Ich hätte fast die Wand durchlöchert! Was ist Dir in Deinen verwichsten Schädel gefahren, mir so einen Schreck einzujagen?!"
"Tut mir leid.", ächzte Steve und unterdrückte einen weiteren Lachanfall. "Aber ich konnte mir das einfach nicht verkneifen."
"Schaff endlich dieses
dieses Ding aus meinem Schlafzimmer!" Das Gesicht des Elementars verzog sich und er wankte näher an das Bett heran. Leo zog sich die Decke weiter über den Körper, als würde diese ihm irgendeinen Schutz versprechen "SOFORT!"
Der Magier sah den Elementar an. Der nickte nur fröhlich und verschwand.
"Du verdammtest stück Drek.", fluchte Leo immer noch. "Ich wäre fast gestorben. Wenn ich hier wegen Deiner Dummen Witze rumgeballert hätte, hättest Du uns eine neue Wohnung besorgt."
"Komm, sei lieb.", schniefte Steve. "Das hat mich einen wertvollen Dienst gekostet. Ich wollte einfach wissen, ob Du mir den Mist gestern mit dem Zirkel abgenommen hast."
"Was denkst Du denn?", höhnte der Elf. "Wenn man von einem Geist geweckt wird, glaubt man alles! Hätte es mir gesagt, ich wäre ein Trog oder so, hätte ich ihm das ohne weiteres geglaubt!" Leo stand auf, versuchte, das zittern in seinen Knien zu unterdrücken.
"Du hast keinen Humor.", kicherte Steve. "Wer wird denn schon so liebevoll geweckt?"
"Drek!", spuckte Leo aus. "Vielleicht sollte ich Dich mal mit meinem Neun-Millimeter-Freund wecken. Mal sehen, ob Du dann auch noch so lachst."
Steve wankte aus dem Schlafzimmer, damit er nicht Leos peinlichen Bemühungen mit ansehen mußte, wie er versuchte, sich mit zitternden Beinen seine Hose anzuziehen. "Drekkiger Wichser. Das kriegst Du wieder. Das schwöre ich!" Er hörte das unterdrückte Lachen des Magiers, als dieser sich in sein Zimmer zurückzog, um den Schlaf nachzuholen. "Weck mich, bevor wir los müssen.", rief er dem Elf noch zu und schloß dann die Tür seines Schlafzimmers.
"Worauf Du Dich verlassen kannst.", knurrte der Elf.
Steel staunte ein wenig. Als die Gruppe vor der Kneipe eintraf, schien niemand besonders gute Laune zu haben. Venom hatte mal nicht seine geröteten Augen oder klang, als hätte er einen Schnupfen. Aber vielleicht schaute er deswegen so lustlos drein. Speed mißfiel wie immer die Wahl der Örtlichkeit und er zeigte das allen mit seiner unverwechselbaren Körpersprache.
Angel sah aus, als wäre er gerade aus dem Bett gefallen, aus dem zehnten Stock. Der Elf schien sich darüber zu freuen, wenn auch auf eine gemeine, schadenfrohe Weise.
Bayer saß ebenfalls da, als hätte man bei ihm eingebrochen.
Steel wußte nicht, wie nah er mit diesem Gedanken der Wahrheit kam.
Als Bayer morgens aufwachte, stellte er fest, daß irgend etwas nicht stimmte. Er überprüfte seine Sicherheitseinrichtung und tatsächlich. Er hatte des Nachts Besuch erhalten.
Es mußten Profis gewesen sein, wenn sie sein Alarmsystem überlisten konnten. Eigentlich wußte er nur deswegen von dem Einbruch, weil er sich zusätzlich auf so altmodische Dinge verließ wie den Bindfaden.
Jedesmal, wenn er seine Wohnung verließ oder wenn er zurückkam, klebte er einen Bindfaden zwischen Tür und Rahmen und überprüfte später, ob dieser gerissen war und damit auf ungeladene Gäste hinwies.
Es wurde nichts gestohlen. Die Einbrecher hatten lediglich sein Telekom und seinen Palmtop durchstöbert. Und sie waren bei ihm, im Schlafzimmer als er schlief. Dies und die Tatsache, daß nichts fehlte, ließ ihn das schlimmste befürchten.
Steves Erwachen wurde von ähnlichen Schrecken begleitet. Wie versprochen rächte sich der Elf, indem er Steve kurzerhand mit der Waffe in der Hand weckte. Daß die Schüsse in der Wohnung irgendwelche Nachbarn alarmieren würde, stimmte natürlich nicht. Leo hatte keine Nachbarn, zumindest keine, die wegen einigen Schüssen in Aufregung geraten würden, nicht in der Gegend, wo der Elf vor einiger Zeit die Gemeinschaftswohnung erworben hatte.
Also kam er kurz vor dem Treffen in Valentines Schlafzimmer und schoß ohne Schalldämpfer in die Decke.
Steve stand im Bett, noch bevor der letzte Schuß verhallt war, wußte nicht, ob er nach seiner Waffe auf dem Nachttisch greifen sollte, einen Zauber weben oder einfach durch das Fenster springen. Seine Wut auf Leo und seine Miese Laune hielten immer noch an, unbedeutend der Tatsache, daß er derjenige war, der mit diesen Spielchen angefangen hatte.
Und seine Stimmung besserte sich nicht, als er das Lokal betrat.
Es war wie in einem schlechten Western. Die Stammkundschaft es war zweifelsohne die Stammkundschaft unterbrach alles, was sie gerade getan hatten. Gespräche, angehobene Gläser und Flaschen, Kartenspiele, erstarrten und die Leute drehten sich stumm zu den Neuankömmlingen um und starrten sie unverhohlen an. Steve wurde mulmig. Die Auren zeigten nicht unbedingt Freude über die neuen Gäste und das Gefühl, unerwünscht zu sein war beinahe greifbar. Fast erwartete er schon, daß die Musik verstummte, einer der Leute vortrat und mit einer lässig provokativen Aufforderung zum Duell seine Jacke zurück warf und den Colt im Halfter streichelte.
Natürlich geschah nichts dergleichen.
Die Stammkunden wandten sich wieder ihren jeweiligen Beschäftigungen zu und ignorierten die neuen Gäste, nicht jedoch ohne sie wenigstens aus den Augenwinkeln zu verfolgen.
Die Gruppe setzte sich an einen Tisch.
Venom sah sich unsicher um. "Hier sind nur Messerklauen.", bemerkte er. "Ich kann hier keinen sehen, der irgendwie nach Decker aussieht."
"Oder nach Magier." Fügte Steve hinzu. "Ich habe den einen oder anderen Ki-Adepten ausgemacht und da hinten sitzt tatsächlich auch ein Magier."
"Der in der Tarnjacke?", fragte Leo.
Steel sah ihn herablassend an. "Zeig mir jemanden hier, der keine Militärkleidung trägt. Oder wenigstens etwas davon."
Venom sah sich wieder um. Tatsächlich könnte man meinen, alle Söldner der Welt hätten Urlaub angetreten, nur um sich in dieser Kneipe zu versammeln. Wären die Wände mit einem Waldtapetenmuster dekoriert gewesen, hätte man den einen oder anderen glatt übersehen können.
"Die meisten sind übelst verchromt.", flüsterte Steve in die Gruppe. "Und alle starren uns an, als seien wir Plüschhasen auf Ausgang."
Leo sah den Magier an und hob eine Augenbraue ob dieses seltsamen Vergleichs.
"Die einzigen, die willkommen zu sein scheinen, sind Bayer und Steel.", sagte Venom betrübt. "Warum ausgerechnet dieses Lokal?"
"Frag den Schieber.", entgegnete Steel knapp und deutete mit einem Nicken zu der Tür.
Ein Mann, elegant gekleidet in einem teuren Anzug, trat gerade durch den Eingang. Auch er wurde mit dem Ritual der eindringlichen Musterung begrüßt, aber das schien er kaum zu bemerken. Und wenn, störte es ihn anscheinend nicht. Die gesammelte Kundschaft tolerierte ihn weitaus mehr als das Team, was Steve vermuten ließ, daß in diesem Lokal wohl des öfteren Kontrakte besprochen oder ein Handel komplett gemacht wurde.
Der Mann bemerkte die Runner an dem Tisch und steuerte auf sie zu. Seine Miene blieb unverändert. Ausdruckslos, mit einem leichten Anflug aufgesetzter Freundlichkeit setzte er sich zu ihnen.
Er machte nicht den Eindruck eines Konzernpinkels. Steve würde ihn vielmehr als einen Schieber bezeichnen. Einen knallharten noch dazu, denn seine Aura zeigte keine Anzeichen von Nervosität oder Unsicherheit. Einfach nur die kalten Wirbel geschäftlicher Professionalität.
"Schön, daß sie kommen konnten.", eröffnete der Schieber förmlich. "Nennen sie mich Chronos. Es ist eine sehr dringende Sache."
"Mal was neues.", flüsterte Steel und Valentine grinste.
"Ihr Kontaktmann hat ihnen soweit alle Informationen gegeben?"
Venom nickte. "Alle, die er hatte. Wir sollen ein Schiff versenken."
Chronos nickte. "Eine Yacht. Wie sie wissen, hat sich Atzlan massiv in den Drogenhandel der ADL eingemischt. Viele meiner
Kunden sind deswegen recht ungehalten. Sie können die "Verkäufer" nicht von den Straßen schaffen, weil es entweder ihre üblichen Kontakte sind oder weil immer wieder neue auftauchen." Er nahm einen Schluck von seinem Bier, daß er sich bestellt hatte. "Einiger der betroffenen Parteien haben massive Vergeltungsmaßnahmen unternommen. Viele von ihren düngen jetzt das Unkraut."
"Das wissen wir schon alles.", erklärte Leo.
Der Schieber lächelte. "Jetzt kommen die Neuigkeiten: Atzlan hat, um seinen "Straßenverkäufern" die nötige Rückendeckung zu sichern, Verstärkung importiert, Shadowrunner aus ihrem Land. Die Kräfte, die sie vorher ins Feld geschickt hatten, sind durch die Auseinandersetzungen stark dezimiert worden. Mein "Kunden" planen einen nächsten Zug gegen diesen unlauteren Wettbewerb, sind aber wegen der eingetroffenen Verstärkung besorgt. Wenn sie ihr Feld säubern wollen, ist es von größter Wichtigkeit, daß die Shadowrunner nie zum Zuge kommen." Chronos griff in seine Tasche und holte ein kleines Chip-Etui heraus, daß er Venom zuschob. "Deshalb sollen sie die Yacht sprengen. Leider ist der Standort dieses Schiffes unbekannt. Wir haben keine Daten darüber.
Wir wissen aber, wo sie diese Informationen her bekommen können."
"Warum haben sie dann nicht versucht, selber an die Daten zu kommen?", wollte Steel wissen. Er vermutete, daß hinter dem Auftrag ein wenig mehr stecken könnte und man die Gruppe über die bekannten Risiken im Unklaren lassen wollte. Das gleiche Argument, was er vor Troi zur Sprache brachte. Nur diesmal hatte er mehr Grund dazu.
"Aus gewissen, sagen wir mal, politischen Gründen, war dies für uns nicht ohne weiteres möglich.", erklärte der Mann.
"Oh, Politik.", knurrte Bayer. "Mal was ganz neues."
Wiederum lächelte der Schieber. "Das ist diesmal kein leeres Wortspiel.", versicherte er. "In der Mexikanischen Botschaft ist vor einigen Tagen ein Abgesandter der Atzlan Hauptarkologie eingetroffen. Wir konnten ihn mit dem Drogenhandel in der ADL direkt in Verbindung bringen und wissen nun, daß er den Aufenthaltsort der Yacht kennt. Er hat sie vermutlich selbst angefordert. Die Daten liegen im System der Botschaft versteckt. Sie müssen sie nur in Erfahrung bringen und dann die Yacht versenken.
Damit wäre ihr Kontrakt erfüllt."
Leos Augen wurden größer. "Wir sollen in die Botschaft eindringen?"
"Haben sie ein Problem damit?", fragte der Schieber ungerührt.
"Soweit nicht." ,fuhr Steel dazwischen, bevor Leo einen weiteren Einwand bringen konnte. "Das Risiko ist das selber wie zuvor, als man uns sagte, daß wir womöglich in eine Zweigstelle von Atzlan eindringen müßten."
"Die Sicherheit in der Botschaft wird derzeit sicher höher sein als im Normalfall.", jammerte der Elf.
"Wird sie nicht.", widersprach Chronos. "Keiner soll wissen, daß ein Abgesandter eingetroffen ist. Meine Herren, wir reden hier von illegalen Geschäften eines Megakons. Das werden sie gewiß nicht an die Große Glocke hängen wollen."
"Die Megakons ziehen doch ständig irgendwelche krummen Dinge ab." sagte Angel in bitterer Erkenntnis.
"Das wissen sie, und das weiß ich.", bestätigte der Schieber. "Aber für die breite, unwissende Öffentlichkeit sind sie nach wie vor die Saubermänner. Für Profis wie sie sollte dies kein Diskussionspunkt sein.
Wie auch immer, Der Abgesandte ist als einfacher Botschafter der mexikanischen Regierung eingetragen. Außer seiner persönlichen Leibwache wird die Sicherheit nicht stärker sein als in solchen Fällen üblich."
Venom griff nach dem Etui und steckte es ein.
"Wie groß ist unser Zeitrahmen?", fragte Steel.
"In zwei Tagen soll alles über der Bühne sein."
"Kein Problem für uns."
Chronos grinste. "Schön das zu hören. Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Auf dem Chip steht eine Kontaktadresse. Wenn sie den Auftrag erfüllt haben, können sie mir so eine Nachricht zukommen lassen."
Er stand auf und ging, ohne sich groß zu verabschieden.
Valentine flog über die Stadt. Sein astraler Leib, für das weltliche Auge unsichtbar, schwebte mit atemberaubender Geschwindigkeit über Gebäude, Straßen, Flüsse und die Menschen, die hier lebten.
Es fiel ihm noch immer ein wenig schwer, sich vom Astralraum aus zu orientieren. Er hatte keine großen Schwierigkeiten, Orte und Gebäude aufzusuchen, die er auch in der normalen Welt oft besuchte. Er bewegte sich in der Stadt ebenso oft zu Fuß oder mit Verkehrsmitteln wie mit seinem Astralleib und mittlerweile hatte er gelernt, die dunklen Schatten der Bauwerke mit seinen Eindrücken der weltlichen Sinne zu vergleichen und sie wiederzuerkennen.
Aber im Astralraum sah alles so anders aus. Tote Gegenstände sahen wie dunkle Schatten aus, beleuchtet nur von den Wesen und Dingen, die dort lebten. Dann konnte man hier und da dunkelblaue Schatten sehen, die eine Form erahnen ließen. Ansonsten hätte die Stadt auch ein dreidimensionaler Scherenschnitt aus blauschwarzer Pappe sein können, durchzogen mit farbigen Leuchtpunkten, die von den Menschen, Tieren, den wenigen Bäumen und vereinzelten magischen Phänomenen erzeugt wurden.
Und auf diese Weise eine Adresse aufzusuchen, die man vorher nicht kannte, war eine Sache für sich.
Steve wußte, wo sich die Botschaft befand und kannte auch den Ort. Venom hatte ihm ein Foto aus der Matrix geladen und ihm das Gebäude gezeigt, damit er es sich einprägen konnte. Aber er fürchtete, schon zweimal über den Ort hinweg geflogen zu sein.
Er bewegte sich zu schnell. Das machte er immer, wenn er im Astralraum war, weil die weiten Strecken mitunter sehr langweilig sein konnten. Außerdem wartete das Team auf seine Erkundungen.
Steve drosselte seine Fluggeschwindigkeit und kreiste langsamer um die Umgebung, wo sich die Botschaft befinden sollte.
Endlich! Das Gebäude, dort unten zwischen den beiden Straßen, das mußte es sein!
Steve näherte sich vorsichtig.
Keine zwanzig Meter vor dem Gebäude hielt er an und sondierte das Gebäude.
Keine Wachen außen, keine Magier oder Watcher, die um das Bauwerk patrouillierten. Er konnte auch keine Barrieren fühlen.
Steve sank tiefer. Der Eingang war ebenfalls nicht bewacht. Steve entdeckte die Einfahrt zu der Tiefgarage und schwebte zu ihr herunter. Das Rolltor war runter gelassen und sah auch im Astralraum sehr stabil aus. Hinter dem Tor war ein kleines Wachhaus, aber es war zur Zeit nicht besetzt.
Also gut. Steve entschloß sich, in die Botschaft hinein zu fliegen, direkt durch den Haupteingang.
Dort, in dem großen Saal war ein Wachpult, an dem eine Wache gelangweilt auf die Monitore starrte, aber ansonsten keine weiteren Personen.
Valentine zuckte die Schultern und machte sich auf, durch die Decke zu schweben, als er etwas spürte.
Er hielt inne und konzentrierte sich vollständig auf seine magischen Sinne.
Watcher.
Sie patrouillierten in dem Gebäude. Er schätzte, das es drei von ihnen waren. Und einer kam neugierig näher.
Er sputete sich und verließ das Gebäude, indem er einfach durch die nächstliegende Wand flog.
Es war ja auch zu einfach, sagte sich Steve. Daß er ganz ohne auf irgendeinen Widerstand zu stoßen die Botschaft von Aztlan hätte durchsuchen können, daran hatte er eh nicht geglaubt.
Er schwebte in die Wand und zog langsam Stockwerk für Stockwerk nach oben, zählte dabei mit.
Drei, Vier, das Fünfte...das Sechste sollte es sein, nach den Informationen, die der Chip enthielt.
Das Sechste Stockwerk mußte es sein, denn als Steve in einer Lücke der Watcherpatrouillien hinein schwebte, fand er einen Teil des Stockwerkes, das von einer magischen Barriere umschlossen war. Er rief sich die Blaupausen ins Gedächtnis, die sie ebenfalls von dem Kontaktmann im Forlorn Hoop erhalten hatten.
Genau konnte er sie sich nicht merken, er hatte klugerweise nur einen kurzen Blick darauf geworfen, aber er war sich denn noch sicher, daß es sich um das Zimmer des "Botschafters" handelte.
Das reichte.
Steve machte, daß er fortkam und flog zurück zu der gemeinsamen Wohnung.
Bayer stieß den Elf an. "Sieh mal, unser Magier kommt zurück."
Die Gruppe wandte sich dem Körper Valentines zu, der leblos und zusammengesunken auf der Couch saß und sich nun langsam wieder regte.
Sein Kopf ruckte hoch und er öffnete die Augen, um in Fünf erwartungsvolle Gesichter zu sehen.
"Was hast Du rausbekommen?", fragte Steel, noch bevor Angel seine steifen Glieder gestreckt hatte und sich von der Couch erhob.
Leo hatte den Gebäudeplan ausgedruckt und auf dem Tisch ausgebreitet. Der Magier trat heran und zeigte auf das Zimmer des "Botschafters". "Eine Barriere.", erklärte er den Anwesenden. "Um das ganze Zimmer herum. Ich vermute, dort befindet sich auch das Elementar, von dem im Bericht die Rede ist.
Drei Watcher patrouillieren im ganzen Gebäude."
"Kommst Du mit denen klar?"
Angel nickte Steel zu. "Ich habe vor kurzem einen neuen Zauber entwickelt. Extra für solche Zwecke. Wir stoßen zu oft auf diese Biester, und obwohl sie nicht besonders helle sind, können sie eine Menge Ärger verursachen. Wenn sie Gelegenheit bekommen, Alarm zu schlagen, können wir einpacken, und ich kann sie auch nicht vernichten, ohne daß der Magier, der sie beschworen hat, es nicht mitbekommt. Der Zauber, den ich dafür entworfen hatte, erschafft eine wirksame..."
"Kommst Du damit klar?!", wiederholte Steel seine Frage energisch und seufzte. "Mehr wollte ich nicht wissen. Nichts gegen Deine magischen Studien und Deinen ausführliche Erläuterungen, aber nicht unbedingt jetzt, So ka? Wir planen einen Run und stehen ein wenig unter Zeitdruck.
Also?"
Steve schaute den Samurai enttäuscht an. "Ist ja gut. Ich denke, daß es kein Problem sein wird, die...."
"Moment.", unterbrach Leo. "Mich würde schon interessieren, wie der Zauber funktioniert."
"Mich auch.", fiel Speed mit ein.
Steel knurrte. "Das ist doch im Moment gar nicht wichtig!"
"Würde ich nicht sagen.", warf Bayer ein und trat zu Steel. "Was weißt Du über Watcher?"
Steel sah ihn an und zuckte die Schultern. "Nicht viel. Ich habe ein paar mal gesehen, wie Angel diese Wesen beschworen hat. Ich finde sie zu dumm und zu ungeeignet für irgendwelche Aufgaben.", er dachte kurz nach. "Hast aber irgendwo recht, Bayer.".
Der Straßensamurai drehte sich zu Angel. "Du hattest nie viel Zeit, wenn Du Deine Watcher beschworen hast, oder?"
Steve schüttelte den Kopf. "Es war immer in irgendwelchen brenzligen Situationen, wenn der Drek wirklich am dampfen war und ich noch irgendwas aus den Ärmeln schütteln mußte. Nicht der letzte Trumpf, aber das Züngelchen an der Waage."
"Hm,", murmelte Steel. "Wenn Du mehr Zeit du Ruhe gehabt hättest, wären die Watcher dann besser gewesen?"
"Es ist immer ein Zeitfaktor.", erklärte der Magier. "Wenn ich genug Zeit habe und etwas mehr Konzentration aufbringe, beschwöre ich Dir einen Watcher, der Dich beim Schach schlägt." Steve gestikulierte mit den Händen. "Bildlich gesprochen. Watcher sind nur ein nebulöses Konstrukt aus den Energien des Astralraumes und Fragmenten vom Bewußtsein des Beschwörers, wobei letzteres eher eine Theorie ist. Mit einem entsprechenden Ritual kann man sie sehr viel besser machen, aber grob umschrieben sind sie nur ein wenig mehr als ein semiintelligenter Zauberspruch. Stell sie Dir vor wie das Spatzenhirn einer Selbstschußanlage oder eines Autopiloten in einem JackRabbit. Wie...wie...", er suchte nach den richtigen Worten, einem passenden Vergleich. "Wie ein Hund!", fiel ihm ein, "Ein vielleicht besonders intelligenter Schäferhund."
"Ein Schäferhund?", fuhr Leo auf. "Jetzt interessiert mich noch mehr, wie der Zauber funktioniert."
Angel sah zu dem Elfen. Der kannte sich mit Magie von allen noch am besten aus. Er war weder selber magisch aktiv, noch war sein Interesse darauf zurück zu führen, daß er ein Elf war. Es war die einfache sture Neugierde eines Reporters. Oder von jemanden, der den nächsten Run überleben will.
Steve nickte. "Der Zauber erschafft ein Wesen, ähnlich dem Beobachter, ein Abbild sozusagen und verwickelt ihn in Widersprüche und fordert ihn zu Spielereien auf. Sollte der Watcher mißtrauisch werden, wird ihn das Wesen des Zauberspruches auf mögliche Verstöße des Grundbefehls hinweisen und ihm nahelegen, dies wegen Strafe nicht seinem Meister zu melden. Der Watcher ist dann meist so verwirrt und konfus, daß er jegliche Handlungen unterläßt und seinen eigentlichen befehl ignoriert. Ich habe den Zauber "Spielkamerad genannt."
"Wie ein Schäferhund...", überlegte Leo. "Bist Du sicher, daß der Zauber wirklich wirkt?"
Der Magier nickte eifrig. "Ich hab ihn schon mehrfach erprobt."
"An Deinen eigenen Watchern?", fragte Steel. "Noch keine Erprobung im Kampf?"
"Nope."
Der Samurai stemmte seine Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf. "Gibt es noch andere Möglichkeiten, wie Du die Watcher von Deiner Anwesenheit ablenken kannst?"
Angel horchte auf. "Was hast Du gegen den Zauber? Es gibt kaum eine andere Möglichkeit. Ich könnte ihn in eine Barriere einsperren, aber das kostet zuviel Kraft, die ich noch für den Elementar aufsparen muß. Besonders bei Drei Watchern. Ich könnte sie selber ablenken und verwirren, aber dann ist da wieder das Problem mit den anderen Watchern. Es würde zu lange dauern und mich persönlich erfordern, die ganze Zeit über. Und das nur für einen Beobachter. Ich könnte sie alle bannen, das wäre das einfachste. Aber dann sinkt unser Zeitrahmen auf einige Sekunden."
Leo berührte den Magier an der Schulter und stoppte seinen Redefluß. "Du hast schon mal einen Wachhund getroffen, Angel?", fragte er. "Bei dem kleinsten Problem bellen sie Alarm. Spielen ist keine Option, die Biester sind so scharf, daß sie mit niemandem spielen werden, ohne ihn zu zerfleischen. Und sie sind loyal gegenüber ihrem Herren."
Steve seufzte. "Vielleicht war das mit dem Hund doch kein guter Vergleich. Die Verwendung eines Watchers erfordert von einem Magier eine menge Feingefühl und Kontrolle, weil sie eben so dumm sind und widerspenstig. Es sind einfache Geschöpfe mit nicht viel Intelligenz, wie schon mehrmals erklärt. Du mußt Deine Befehle dreimal wiederholen und sie Dir dann aufsagen lassen, um sicher zu gehen, daß der Watcher sie auch verstanden hat. Wenn Du ihn auf Wache schickst und er trifft etwas, daß absolut ungewöhnlich ist, er aber nicht als Bedrohung einordnen kann, wird er sich vielleicht im Kreis drehen und sich fragen was er tun soll. Wenn Du ihn los schickst, um jemanden zu suchen, und er stößt unterwegs auf eine Barriere, kann es passieren, daß er sich wimmernd vor ihr niederkauert, weil er nicht weiß, was er tun soll. Sicher, so etwas läßt sich minimieren, indem man mehr Kraft und Zeit in die Beschwörung setzt, aber sie sind und bleiben dumme, kleine Helfer, wenn auch sehr pflichtbewußte. Mein Zauber lenkt sie ab! Das kann ich euch versichern."
Steel schaute den Magier nachdenklich an. "Wenn Du es so erklärst..."
Leo nickte. "Das mit dem Schäferhund war wirklich ein unglücklicher Vergleich."
"Wie auch immer.", schloß Steel die lange Diskussion ab. "Du bist der Sprücheschleuderer und ich bin der mit der Wumme. Du packst das schon und ich mache den weltlichen Rest, Okay?"
"Kein Problem.", grinste Angel.
"Wo waren wir stehen geblieben?"
Angel zeigte auf die Blaupause. "Bei den Watchern. Und jetzt frag mich nicht nach dem Elementar! Für ihn habe ich mir auch schon was ausgedacht!"
Steel sah ihn verwirrt an. "Hast Du denn keinen Elementar beschworen?"
Der Magier hob die Schultern. "Den Feuerelementar, wie immer. Kaum die beste Wahl für ein Gebäude mit einem sehr guten Brandschutzsystem. Und für einen anderen hatte ich keine Zeit mehr."
Der Straßensamurai wollte etwas fragen, überlegte es sich dann aber anders und winkte ab. "Was solls, Du packst das schon."
Der Magier lächelte, zuversichtlicher als er sich eigentlich fühlte.
"Wie ist es mit Wachen, Alarmsystemen, konntest Du irgendwas erkennen?"
Steve nahm sich einen roten Stift und markierte Dinge, die er vom Astralraum aus gesehen hatte.
"Eine Wache in der Eingangshalle und vermutlich eine hier, in der Tiefgarage. Aber nachts ist das Tor verriegelt und das Wachhaus unbesetzt.
Andere Sicherheitssysteme konnte ich nicht erkennen."
"Venom, Leo, was habt ihr darüber gefunden?"
"Bewegungsmelder auf dem Dach.", erklärte Venom, "Dort kommen wir wohl nicht hoch. Die anderen Gebäude in der Umgebung sind sowieso zu weit weg, um unbemerkt rüber zu setzen. Es gibt Kameras in dem Gebäude, aber nur eine außen, die die Zufahrt zur Tiefgarage überwacht."
"Dann also den Vordereingang."
Leo nickte. " Im Eingangssaal gibt es Videokameras, aber wenn wir den Wachmann dort überwältigen können, dann kann ich mich von der Sicherheitskonsole gleich in das System hacken und die Aufnahmen löschen. Ich kann dann auch ein Zugang für Venom öffnen..."
"Zu zweit sollte es kein Problem sein, das System zu kontrollieren. Wir können euch dann auch einen Weg nach draußen freimachen."
"Hm,", überlegte Steel, "Das sechste Stockwerk? Das Gebäude hat Acht Stockwerke. Vielleicht können wir über das Dach rauskommen, wenn ihr dort die Sensoren lahmlegt."
"Dann haben wir immer noch das Problem, daß die anderen Gebäude zu weit weg sind, als daß man ohne das Risiko, entdeckt zu werden, rüberkommt."; warf Bayer ein. "Abgesehen davon, was für Gebäude stehen dort denn überhaupt in der Nähe?"
Die Gruppe sah sich gegenseitig an. Steel fasste sich an die Stirn und Leo senkte den Kopf, als er sich räusperte. "Die Botschaft der UCAS ist auf der Ostseite. Tir Na n´Og steht links daneben. In dieser Gegend befinden sich alle Botschaften..."
"Na toll!", tadelte sich Steel. "Daran hätte ich auch denken können. Es hat wohl wenig Sinn, von einer Botschaft über die andere zu fliehen. Also lassen wir das mit dem Dach weg. Wie steht es mit der Tiefgarage?"
"Die ist kein Problem.", antwortete Venom. "Wenn ich das Sicherheitssystem unter Kontrolle habe, kann ich die Kameras täuschen und euch das Tor öffnen, ohne daß es jemand bemerkt."
"Dann wartest Du mit dem Van in der Nähe, Speed."
Der Rigger zuckte mit den Schultern. "Wenn es sein muß."
Steel nahm das als positive Antwort auf. Der Rigger reagierte immer so. Er schien seine Aufgaben nur widerwillig anzunehmen und manchmal auch nur, wenn man ihn mehrmals darum bat. Das war aber auch egal, es war ein Show von ihm und er würde ganz sicher mit seinem heißgeliebten Van in der Nähe parken und sofort zur Stelle sein, wenn die Runner später gezwungen sein werden, die Botschaft fluchtartig zu verlassen.
"Ist nur noch die Frage,", wandte Steel sich an die Gruppe, "wie wir hineinkommen."
"Kein Problem.", winkte Angel ab. "Wir machen den Alten "Blumenstrauß-Trick". Den haben wir schon öfter gemacht und er hat bisher immer funktioniert."
"Mit dem Unterschied, daß ihr diesmal nicht vortäuschen könnt, ein Rendezvous mit einer Dame zu haben."
Bayer zuckte mit den Schultern "Na und? Es ist eine Botschaft. Man wird doch sicher eingelassen werden und mit einem Landesbeauftragten zu reden."
"Mitten in der Nacht?", erwiderte Steel. "Wir wollen doch nicht am hellichten Tage dort hinein. Abgesehen davon, so ohne weiteres wird man nicht in eine Botschaft gelassen. Du kannst Dir sicher sein, daß sie Dich schon am Eingang prüfen. Und wenn Du keinen Termin hast, ist der ganze Vorteil dahin. Dann sind sie nicht nur alarmiert. Nein, wir brauchen einen anderen Plan."
"Ja, und zwar einen ganz neuen.", sagte Steve müde. "Was jetzt?"
Venom trat vor und zeigte auf den Grundriss. "Ich sehe keine andere Möglichkeit, als direkt in das Netz zu decken und das System von außen zu manipulieren, um euch hinein zu lassen."
"Und was, wenn der Sicherheitsknoten von der Matrix abgekoppelt ist?", fragte Leo. "Das Problem hatten wir schon öfter, und bei einer Botschaft ist das nicht so unwahrscheinlich."
Speed winkte energisch ab. "Das glaube ich nun nicht! Die müssen doch ständig in Verbindung sein. Mit ihrem Land, mit der Niederlassung von Aztec hier in Hamburg und so weiter."
"Ja, sicher, aber sie müssen gewiß keine Sicherheitsprotokolle austauschen. Die haben ein autonomes System und können die gesamte Überwachung auf einem isolierten Knoten laufen lassen."
"Halte ich immer noch für unwahrscheinlich.", widersprach Speed
"Wie ist es mit dem FRT´s?", warf Angel ein. "Habt ihr darüber etwas heraus bekommen?"
Venom nickte. "Es gibt ein FRT, daß direkt von der Aztecnologie-Niederlassung gestellt wird. Die Eingriffszeit nach einem rausgegangenem Alarm beträgt etwa 5 bis 6 Minuten."
"Etwa?", hakte Steel nach."
der Decker zuckte mit den Achseln. "In etwa. Genauer kann ich es nicht bestimmen. Auf jeden Fall nicht weniger als 5 Minuten. vielleicht Sechs, wie gesagt, aber verlasst euch lieber nicht darauf. Ich würde auf jeden Fall mit Fünf rechnen."
"Und woher hast Du die Daten?"
"Ein Kontakt von mir.", erklärte Leo. "Über Shadowland. Wir haben einige Protokolle der Sicherheit dieses Jahres ausgegraben, in denen von Anschlägen die Rede ist. Jedesmal, wenn das FRT gerufen wurde, dauerte es mindestens 5 Minuten. Einige Anhänge erklärten, daß es aus der Aztec-Pyramide kommt und daß ein zwei Magier, zwei Ki-Adepten und vier Kanonen dabei sind. Den Rigger im Hubschrauber nicht mitgezählt."
Steel knurrte. "Na Klasse! Noch mehr Ki-Ads! Da sind doch schon zwei bei den Leibwächtern des "Botschafters"! Ich hasse diese Typen!"
Bayer grinste und streichelte seine Ingram, die neben seinem Bein an einem Gurt baumelte. "Einer 9mm Garbe können sie auch nicht ausweichen. Und sie sind gewiß nicht schneller als ich."
"Wenn Du die Übernehmen willst, bitte. Ich halte mich dann an die Messerklauen."
Bayer grinste ihn raubtierhaft an und kümmerte sich wieder um seine Waffe.
"Also haben wir Maximal fünf Minuten, das Gebäude zu verlassen und schon zwei Straßen weiter zu sein, wenn der Drek zu dampfen anfangen sollte.
Aber wir haben noch immer kein Plan, wie wir in das Gebäude kommen."
Angel ging zum Tisch und betrachtete die Karte. Er verschränkte die Arme und überlegte. "Nur eine Kamera außen, beim Garagentor...", er wandte sich zu dem Elf und dem Decker. "Venom, könnt ihr über die Kamera einen Zugang zur Matrix zu bekommen?"
"Denke schon." Venom stellte sich zu dem Magier und zeigte auf die Stelle, wo die Kamera auf dem Plan von Steel nachträglich eingezeichnet worden war. "Sie ist direkt mit dem Sicherheitsnetz verbunden, das sollte also kein Problem sein. Wenn wir dann erstmal einen Zugang haben, können wir weiterdecken und zumindest das Garagentor öffnen und die Kameras täuschen. Danach suchen wir uns im Gebäude einen anderen Anschluß."
"Aber wie kommen wir in den toten Winkel der Kamera?", wollte Leo wissen.
Angel sah ihn tadelnd an und lächelte, während er langsam vor den Augen aller Anwesenden verschwand.
Steel und Bayer sahen sich kurz an und grinsten. Venom sah mit zusammengekniffenen Augen auf die Stelle, wo vor wenigen Sekunden noch der Magier zu sehen war und Leo schlug sich gegen die Stirn.
"Ach, Ich Idiot. Ich vergaß!"
Steel beugte sich in dem Van neben Angel und starrte durch die kleine Luke. Aber er konnte nichts entdecken. Keine verräterischen Luftwirbel, kein Flimmern.
"Siehst Du sie?", fragte er den Magier.
Angel nickte. "Sie sind schon bei der Kamera.", er seufzte. "Wird Zeit, daß wir uns eine Fiberoptik zulegen. Mit der Luke hier ist das nichts."
Die Messerklaue ging darauf nicht ein. "Was machen die beiden denn jetzt?", wollte er viel mehr wissen."
Angel zuckte die Achseln und strengte seine Sinne noch mehr an. "Kann ich auf die Entfernung nicht genau sagen."
"Geh doch näher ran."
Steve schüttelte den Kopf. "Das könnte vielleicht die Watcher aufmerksam machen. Im Moment wäre das mehr als nur unerwünscht."
"Wenn sie Dich spüren können, wie Du mir immer erzählst, was ist dann mit dem Zauberspruch?"
"Nur wenn ich ihn wirke, Chummer.", erklärte Valentine. "Im Gebäude ist es also ein Risiko. Aber hier draußen kann ich die beiden in Schafe verwandeln und sie dann zur Tiefgarage schicken, den Watchern würde das nicht weiter auffallen."
Steel hatte noch eine Frage, aber bevor er sie Angel stellen konnte, knackte das Commlink in seinem Kopf, zur gleichen Zeit wie Steves HeadSet.
"Steel. Venom hier. Wo ist Angel, verdammt?"
Steel sah zu Valentine. "Ich bin in der Leitung.", antwortete der Magier. "Was gibt es?"
"Seid ihr in Position?", warf der Samurai dazwischen.
"Ja, schon lange!", nörgelte Venoms Stimme aus den Comms. "Nur soll Angel endlich den verdammten Zauber aufheben! Ich stoße ständig mit Leo zusammen, und außerdem kann ich meine Hände nicht sehen!"
Angel mußte unwillkürlich grinsen und auch Steel zeigte seine Zähne. "Tut mir leid, Venom.", erklärte der Magier, "Ich kann den Zauber noch nicht aufheben. Sieh Dich um: die ganze Gegend wird von Flutlichtern erhellt. Wenn ich euch sichtbar mache, seid ihr zu exponiert."
Ein rauschen in der Verbindung verriet den langgezogenen Seufzer eines ziemlich genervten Deckers.
"Ich sitze direkt unter der Kamera, ich kann schon den Fabriknamen auf der Rückseite lesen. Und Leo stößt mir immer in die Rippen! Angel, Du mußt den Zauber endlich fallen lassen! Wenn ich hier voran kommen soll, muß ich meine Hände sehen können! Von dem Werkzeug mal ganz abgesehen..."
Steel klinkte sich ein. "Angel hat recht, Venom. Man wird euch viel zu leicht entdecken können, wenn ihr wieder sichtbar seid. Es wäre..."
"Kann er den Zauber nicht irgendwie ändern oder etwas anderes mit uns machen?", knackte der Decker im Commlink. So dauert das hier noch eine ganze Weile. Und einfacher wird es auch nicht gerade."
"Keine magischen Aktivitäten so nahe am Gebäude.", verneinte Steel. "Das könnte die Watcher auf euch aufmerksam machen. Nein, tut mir leid, Venom, aber Du mußt es so versuchen."
Die Commlinks rauschten im Grummeln des Deckers, bevor er die Verbindung unterbrach.
"So ein Mist. Das hatten wir vorhin gar nicht mit eingeplant." , wandte sich Angel an den Samurai. "Können wir die zusätzliche Zeit überhaupt entbehren?"
"Haben wir denn eine Wahl?", gab Steel zurück. "Du hättest wissen müssen, daß der Zauber solche Probleme birgt. Aber einen gewissen Toleranzrahmen plane ich immer ein. Ich vertraue Venom, er ist ein Meister seines Faches." Der Samurai zeigte auf einmal ein hämisches Grinsen. "Hast Du ihn nicht mal prahlen hören, daß er sein Deck mit verbundenen Augen auseinander nehmen und wieder zusammen setzten könnte?"
"Hm,", sagte Steve nur. "Ist denn ein Deck das gleiche wie eine Kamera?"
Steel knurrte den Magier an und schüttelte den Kopf. "Idiot."
Angel unterdrückte ein Grinsen und sah wieder durch die Luke. Mit seinen astralen Sinnen konnte er die beiden klar und deutlich sehen. Sie beleuchteten die Nacht. Aber er konnte nicht genau erkennen, was sie taten. Er wechselte wieder auf seine weltlichen Sinne und zog sich die Brille über das Gesicht.
Er berührte den Bügel und zoomte die Stelle unter der Kamera heran. Da er wußte, worauf er achten mußte und wo Venom und Leo waren, wirkte die Illusion nicht auf ihn, ganz gleich wie perfekt oder wie stark sie war. Ständig flimmerten sie vor seinem Auge und verschwanden für einige Augenblicke, wenn er nicht direkt hinsah, aber solange er sich auf die beide konzentrierte, konnte er sie deutlich sehen.
Ohne den Blick abzuwenden, berührte er Steel an der Schulter und lies einen kleinen Zauber wirken.
Der Samurai kannte das schon und war nur ein wenig überrascht, als die beiden Decker in seinem Sichtfeld auftauchten und er sie deutlich sehen konnte. Er fokussierte seine Cyberaugen auf die beiden und studierte ihre Bewegungen.
"Kannst Du mehr sehen?", fragte der Magier den Samurai.
"Ich kann Dir sagen, daß Leo mal wieder seine Fingernägel nicht geputzt hat, wenn Du das wissen willst."
"Nur das wichtigste", erwiderte Angel. "Diese Brille hier ist nicht so gut wie Deine künstlichen Augen."
"Venom hat den Anschluß anscheinend schon angebracht.", fuhr Steel fort. "Er scheint sich daran gewöhnt zu haben, seine Hände nicht sehen zu können. Er wirkt sicherer. Aber er sieht immer noch grummelig aus."
Venom hörte auf, an der Kamera herumzufummeln und schloß das angebrachte Kabel an sein Deck an.
"Scheint, es ist soweit.", bemerkte Angel.
Steel drehte sich von der Luke weg und sprach zu Bayer und Speed, die beide vorne saßen.
"Venom geht jetzt ins Netz. Wenn er das Garagentor öffnet, stürmen wir los. Das muß schnell gehen. Und Angel kann uns nicht alle unsichtbar machen.
Speeddemon, sobald wir alle draußen sind, fährst Du los und wartest zwei Straßen weiter am vereinbarten Treffpunkt. Lass Deine Drohne nur dann kreisen, wenn wir Dir das Signal geben. Wer weiß, wie hier die Luftraumüberwachung ist."
"No Prob.", versicherte der Rigger und stöpsele sich in die Konsole ein.
Bayer überprüfte ein letztes Mal die Magazine und Ladungen seiner Waffen, sowie den Trigger der Monopeitsche an seinem Handgelenk, kletterte dann nach hinten zu Steel und Angel.
Das Commlink knackte. "Hier ist Leo. Venom ist jetzt im Netz. Zumindest soweit, wie es über diesen Anschluß hier möglich ist. Er öffnet jetzt das Tor. Beeilt euch, denn er kann es nicht lange offen lassen von hier aus. Ich gehe sofort rein und kümmere mich um einen beseren Anschluß und die Hauptkontrollen, damit...."
"Würdest Du endlich aufhören zu quatschen!", blaffte Steel ihn an. "Das ist ein Run und keine Talkshow! Wir wissen, was zu tun ist und ein einfaches "Tor ist auf" hätte genügt!"
"Aber ich...."
"Sperr einfach diesen Kanal nicht voll und verhalte Dich endlich mal wie ein Profi!"
Leo wollte noch irgendwas erwidern. Man hörte die stumme kurze Pause, als er zu einer Antwort ausholte, schluckte diese dann aber runter und lief zum Tor, das sich quälend langsam nach oben schob. Die Seitentür des Lieferwagens öffnete sich lautlos und die Drei Männer schlichen zu dem Garagentor.
Bayer öffnete einen Kanal zu Steel. "Nette Standpauke, Chummer. Du solltest morgens den zweiten Kaffee weglassen."
"Ich trinke keinen Kaffee.", gab Steel trocken zurück.
"Du weißt, was ich meine.", erwiderte Bayer ebenso humorlos. "Leo ist ein Quatschmaul. Aber Du hättest es auch anders rüberbringen können. Der Typ zielt mit seiner Waffe in die gleiche Richtung wie Du."
"Ich habe eher das Gefühl, daß er das manchmal vergißt."
"Das Gefühl hatte ich im Moment auch von Dir.", bemerkte Bayer.
Für einige lange Millisekunden hörte der Samurai nur das seltsame Rauschen der Biofeedbacks, welches das Interface eines Cyberkommlink immer erzeugt.
"Wie meinst Du das jetzt?", fragte Steel ein wenig gereizt.
"Du kannst manchmal sehr cholerisch sein, wenn sich irgend jemand nicht ganz nach Plan benimmt"
"Aber Leo schlägt zu weit daneben! Er benimmt sich nicht wie ein Profi. Eher wie ein Volltrottel!"
Das tut jeder mal.", erwiderte Bayer. "Denk doch mal an Angel. Nach so langer Zeit im Schatten fällt es ihm immer noch schwer, seine Arkologiedoktrin abzulegen und er macht noch immer viele unnötige Fehler, die uns in Schwierigkeiten bringen können. Sogar Dir oder mir passiert das manchmal."
"Ja, aber Angel lernt daraus. Er macht dieselben Fehler selten zweimal. Und außerdem ist das was anderes!
Wir sind hier auf einem Run und nicht bei einer Kaffeerunde im Altersheim. Er redet und redet, als hätten wir alle Zeit der Welt! Ganz zu schweigen davon, daß er so den Kanal offen hält und die Gefahr einer Ortung erhöht!"
"Steel", seufzte Bayer. "Er benutzt genau wie wir alle hier einen Kryptoschaltkreis, und auf diese Distanz ist die Gefahr einer Ortung oder Entschlüsselung praktisch null. Und was die Unterhaltung angeht; Er besitzt genau wie wir beide ein Cybercommlink. Er zitiert ein ganzes Buch, bevor jemand mit einem normalen Kommlink den vollen Namen seiner Mutter aussprechen kann. Aber darum geht es hier nicht.
Du und Leo, ihr liegt euch oft im Clinch. Meist unnötig. Dein Verhalten ihm gegenüber vorhin war ebenso unprofessionell. Wenn der Run hier vorbei ist, solltet ihr darüber mal nachdenken und reden. Kann wichtig für die Gruppe sein."
Steel erwiderte nichts. Er schloß den Kanal und schlich an Bayer vorbei und schloß zu dem Magier auf, der allen voran geduckt zum Tor lief.
Angel lief, dicht gefolgt von Steel in die Garage und gesellte sich zu Leo, der mittlerweile das Terminal des Parkhäuschens unter Kontrolle gebracht hatte.
Bayer blieb bei Venom, bis dieser das OK von Leo bekam und die Kontakte aus der Kamera entfernte.
Er machte sich nicht die Mühe, das Kameragehäuse wieder anzubringen und seinen Zugang zu verbergen.
Die Zeit dafür fehlte und er konnte mit seinem begrenzten Zugriff seine Logfiles nicht löschen. Das mußte Leo für ihn tun. Er nickte Bayer zu und beide verschwanden hinter dem sich bereits schließendem Tor.
"Alle da!", sagte Venom atemlos. "Leo, wie läuft's?"
"Sahne.", gab der Elf knapp zurück. "Ich habe die Kameras und die Transportsysteme unter Kontrolle und arbeite mich gerade zu den externen Sensoren durch. Wenn ihr die Daten habt, lösche ich alle Logfiles und warte hier auf euch."
Steel winkte mit seiner Squirt zu den Fahrstühlen. "Dann hol uns einen Lift runter. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren."
Leo schloß die Augen.
Die Gruppe drehte sich zu dem Lift um. Angel starrte auf die Anzeige und sah ein wenig verwirrt aus.
"Kannst Du mir sagen, was Du da machst?", fragte ihn Venom mit spitzer Höflichkeit.
Angel deutete ein wenig ratlos auf die Liftanzeige. "Hat Leo Probleme? Ich schaue nur, wo der Fahrstuhl gerade ist. Dieser hier steckt nur im dritten Stock, aber er kommt nicht."
Der Decker sah Angel mit einer Mischung aus Ratlosigkeit, Spott und simpler Faszination an.
"Du mußt ein Magier sein.", sagte er erstaunt und lächelte schief. "Hast den größten Teil Deines Lebens mit Studien verbracht. Das muß es sein, denn so blöd kannst Du nicht sein!"
Angels Verwirrung wuchs, als er Venom fragend ansah.
"Im ganzen Haus laufen Wachen herum.", erklärte Venom immer noch lächelnd. "Und der Computer legt ein Protokoll an für jede geöffnete Tür oder jeden benutzten Fahrstuhl. Leo hat die Protokolle überbrückt, um unsere Anwesenheit zu verschleiern. Angel, Das mußt Du doch wissen!"
Angel wurde rot. Das hatte er überhaupt nicht bedacht. In seiner Ausbildung wurde ihnen beigebracht, wie man die Anwesenheit von Schutzpersonen verbirgt, mit dem Unterschied, daß man in diesem Fall immer legalen Zugriff hatte. Ihm war furchtbar peinlich, daß er wie ein kleines Kind oder ein Sararimann vor dem Fahrstuhl stand und auf das sanfte "Ping" wartete.
Venom grinste ihn unverhohlen von der Seite an und freute sich über die unglaubliche Einfältigkeit des Magiers. Als sich die Fahrstuhltür, ohne irgendein "Ping", öffnete, ging Venom als erster hinein, Er ging Angel vorweg und schüttelte dabei den Kopf. "So blöd", murmelte er die ganze Zeit und gab sich keine Mühe, sein Grinsen zu verbergen.
Arrogantes Deckerpack!, dachte sich Angel. Was weiß ich denn schon von der Matrix. Und was weißt Du von der Magie?
Leo meldete sich über das Commlink. "Ihr seid gleich im Dritten Stock. Alle anderen Fahrstühle sind blockiert und können die unterste Ebene oder den sechsten Stock nicht erreichen. Steel, Bayer, Vorsicht. Neben dem Fahrstuhl sind zwei Wachen postiert."
"Hab's vernommen.", bestätigte Bayer. "Öffne die Türen auf unser Zeichen."
"Geht klar."
Bayer sah zu Steel.
"Den Linken.", antwortete der Samurai auf die wortlose Frage und stellte sich rechts neben die Tür.
"Gut, dann ich den rechten. Angel, Du nimmst alles, was von vorne kommt.
Kannst Du Magie einsetzten?"
"Lieber nicht. Die Watcher patroullieren zwar nicht in den Fahrstühlen, dafür aber in den Gängen. Wenn ich einen Kampfzauber rausjage, merken die das noch, wenn sie zwei Stockwerke unter uns sind."
Er hob seine Squirt in den Anschlag. "Ich mach es lieber wie ihr."
"Wie Du meinst. Venom, Du bleibst am besten hinter ihm."
Der Decker nickte und kauerte sich hinter Angel.
"Sesam öffne Dich.", flüsterte Bayer, als alle bereit waren.
Steel freute sich im Geiste über den Luxus, den sich die Hohen in solchen Gebäuden immer angedeihen lassen. Was sonst den feinen Pinkeln ein unbeschwertes, dekadentes Leben bescheren soll, kam den Runnern jetzt zu Gute. Ohne irgendeinen Laut schoben sich die Lifttüren in die Kabinenwände. Der Korridor vor dem Fahrstuhl war hell beleuchtet. Die Beiden Wachen standen seelenruhig da und bemerkten nichts.
Steel und Bayer hatten alle Zeit der Welt, ihren Schuß zu setzten.
Die Squirts husteten und die Wachen sanken nur Augenblicke später zu Boden.
Steel stürmte vor bis zur nächsten Ecke und ging in die Hocke, die Squirt im Anschlag. Auf sein Zeichen hin folgte ihm Bayer und sicherte den Flur von einer anderen Position aus. Angel und Venom folgten, als die beiden ihr OK gaben.
"Nichts zu hören.", dachte Steel in sein Commlink. "Keine Stimmen, keine Schritte. Man hat uns nicht bemerkt."
"Oder da stehen keine Wachen.", merkte Bayer an.
"Nach den Infos des Johnson sollten dort eigentlich welche stehen. Leo, kannst Du uns was sagen?"
"Negativ.", rauschte es aus den Komms. "Der Bereich wird nicht von den Kameras erfasst. Ihr müßt es selbst riskieren."
Bayer drehte sich zu Angel um. "Schau Du mal nach."
Der Magier bekam große Augen. "Das ist doch nicht Dein Ernst!", raunte er in sein Kehlmikro.
"Doch natürlich.", bestätigte Bayer tonlos. "Die Watcher sind nicht immer überall. Deine Angst ist unangebracht."
"Das meinte ich nicht...", setzte Angel an, aber Bayer winkte ab. "Um so besser. Jetzt schau nach!"
Steve seufzte. "Jetzt pass gut auf.", flüsterte er zu Venom. "Wenn Du Dich über Blödheit so amüsieren kannst, dann freu Dich auf das, was jetzt kommt. Ich bin nicht der einzige."
Angel drehte dem verwunderten Decker den Rücken zu und schob sich an Steel vorbei, der ihn ebenso verwirrt ansah.
Was?, formten seine Lippen, als der Magier sich an die Wand preßte und in seiner Brusttasche kramte.
Er holte einen kleinen Spiegel an einer Teleskopstange hervor, zog sie aus und hielt sie in Bodenhöhe knapp um die Ecke. Der Spiegel war klein und der Flur war sehr lang, aber Angel sah dennoch die beiden Wachen, die sich neben der Tür postiert hatten.
Bayer und Steel schauten sprachlos auf den Magier, als dieser seinen Spiegel wieder verstaute.
"Sollte der Runner von heute immer dabei haben.", flüsterte er den beiden zu. "Wozu das Risiko einer astralen Entdeckung eingehen, wenn es soviel einfacher geht?
Zwei Wachen, wie in den Daten beschrieben."
Die beiden Samurais schauten betreten und wütend auf den selbstgefällig grinsenden Magier, während Venom sich die Hand vor den Mund hielt und sich mühsam beherrschen mußte, nicht laut loszulachen.
Angel schlich sich wieder an Steel vorbei. "Euer Zug."
Steel warf sich um die Ecke, dicht gefolgt von Bayer.
Die Squirts husteten, und die beiden Wachen seufzten und sanken friedlich schlafend zu Boden.
"Ab hier wird es kritisch.", sagte Angel zu den Samurais, als sie alle vor der Tür standen. "Sobald wir durch diese Tür schreiten, wird der Elementar erscheinen. Ich kann ihn nicht bannen, weil ich uns sonst die magische Sicherheit auf den Hals hetze. Ich muß ihn also so lange beschäftigen, bis wir hier fertig sind. Und vielleicht muß ich mich auch mit den Watchern abmühen. Es mag sein, daß sie wegen der Barriere nichts von dem Hokus Pokus mitbekommen, aber wenn doch, bin ich recht beschäftigt. Ich kann euch also keine magische Rückendeckung geben, wenn im Raum der Drek abgeht.
Und Venom, bitte beeile Dich. Lange werde ich nicht durchhalten können."
Steel klopfte dem Magier auf die Schulter. "Wir schaffen das schon da drin. Kümmere Dich einfach nur um den Elementar, der Rest ist unsere Sache."
Angel nickte ermutigt. "Passt auf den Ki-adepten auf."
Steel nickte zuversichtlich, dann drehte er sich zu der Tür um. "Leo, die Alarmanlage?"
"Nichts aus dem Zimmer verläßt das Gebäude. Tretet ein."
Das nehme ich doch wörtlich, grinste der Samurai und trat die Tür ein. Noch bevor die Holztür aus den Angeln flog, warf Bayer eine Blendgranate in den Raum. Sie zündete sofort und ein greller Blitz schoß durch den fensterlosen Raum.
Die Samurais stürmten in das Zimmer und warfen sich hinter die nächste Couch. Vor ihnen stolperten zwei breitgebaute Bodyguards durch den Raum und suchten mit geweiteten Augen das Zimmer mit ihren Waffen ab. Ihre Cyberaugen konnten dem Blitz der Blendgranate nicht standhalten. Ein dritter, kleinerer Mann kniete sprungbereit auf dem Boden, in jeder Hand ein gefährlich aussehendes Messer. Er schien von dem Blitz nicht beeinflußt zu sein.
Steel schoß auf einen der beiden Großen Männer und schickte ihn mit einem seeligen Lächeln auf den flauschigen Teppich.
Bayer nahm sich den Mann mit dem Wurfmessern vor. Er schoß mit der Squirt und zielte auf die Brust.
Und verfehlte.
Mit absolutem Erstaunen sah Bayer zu, wie der Mann hoch in die Luft sprang, dort eine Rolle vollführte und zwischen den beiden Samurais landete. Steel war nicht weniger überrascht als sein Chummer.
Der Ki-Adept.
Das hatte Angel unlängst erkannt, auch ohne seine arkanen Sinne. Und er erkannte auch, daß Steel und Bayer zu langsam sein würden, auf den Ki-ad zu schießen oder seine Messerstiche abzuwehren. Ebenso wie er wußte, daß er selber viel zu langsam sein würde, irgendwas zu tun. Er hob seine Waffe.
Plötzlich spritzten drei kleine Fontänen dunkelroten Blutes aus der Brust des Adepten. Er wurde nach hinten gerissen und fiel über die Couch auf den Teppich und blieb dort liegen. Blut sickerte in dunklen Rosen durch seine Kleidung und tränkte sie.
Steel und Bayer wirbelten herum, sahen auf Angel, der mit seiner Ares Squirt auf die Couch zeigte, wo vor kurzem noch der Ki-Adept hockte.
Angel drehte sich ebenfalls erstaunt um. Neben ihm stand der Decker, seine Walther Secura im Anschlag, den Mund und die Augen weit aufgerissen.
"Da vorne", stammelte er.
Die beiden Samurais wandten sich wieder nach vorne und schossen wie beiläufig den letzten Leibwächter um.
Im Raum war es auf einmal furchtbar still. "Wie hast Du das fertig gebracht?", fragte ein völlig fassungsloser Bayer den Decker. "Der Typ war mit Sicherheit genauso schnell wie ich."
Der Decker starrte auf seine Waffe, als sähe er sie heute zum ersten Mal. "Ich hatte einfach auf die Stelle geschossen, wo er zuvor noch stand.", antwortete er schulterzuckend. "Aber ich war viel zu langsam. Es war reines Glück, daß er in meine Schußbahn sprang."
"Aber warum hast Du überhaupt geschossen? Wir hatten doch alles unter Kontrolle."
"Aus Panik. Es sah so aus, als würdet ihr euch zuerst um die Messerklauen kümmern und den Ki-Adepten vergessen. Und ich bemerkte, daß er überhaupt nicht geblendet zu sein schien."
"Keine schlechte Aktion.", bemerkte Steel anerkennend. "Hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet. Aber das kann auch schief gehen. Panik richtet meistens eher Schaden an."
"Merk ich mir fürs nächste mal.", antwortete der Decker und spielte den Beleidigten.
Plötzlich wurde es schlagartig kälter im Raum.
Zwischen den Runnern begann die Luft zu flimmern und verdichtete sich mit alarmierender Geschwindigkeit zu einem Wirbel aus Luft und Nebel.
Das Elementar!
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