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wizard n.
[...] Someone is a hacker if he or she has general hacking ability, but is a
wizard with respect to something only if he or she has specific detailed knowledge
of that thing. [...]
The Jargon File 3.0.0
Der Nachthimmel hatte ein krankes schwarzgrau. Es erinnerte Dodger an einen
übertakteten Grafikchip, der nur noch unerkennbare Artefakte ausspuckte.
Aus dem Dead Dancin´ Monkeys Club drangen die Bässe bis auf die Straße.
Der Monkeys Club war eine Art Asyl, ein Zufluchtsort für alle, die das
RL, das Real Life, das "echte Leben" nicht lange genug aushalten konnten.
Der Eintritt in den Club verminderte zumindest kurzzeitig den Schock, den man
erlitt, wenn man wieder in die erste Realität ausgeworfen wurde, mit all
ihren Behinderungen und Einschränkungen.
"Konban ha, Dodger-san."
"Kein Grund übertrieben freundlich zu werden", entgegnete Dodger
dem Türsteher scherzend, "Was gibt's neues?"
"Baby Bell hat schon nach dir gefragt. Er wartet drinnen auf dich."
MJ Calysto legte heute auf. Die Beats schoben einen langsam vorwärts in
die Menge während Außerirdische in ihrer Elektrosprache dazu kommunizierten.
Aufgepeppt wurde das ganze noch durch den merkwürdig passend-unpassenden
Einsatz von Jazzsaxophonen. Der Club war relativ klein. Auf der zentralen Fläche
wurde eng getanzt, Laser feuerten in die Menschen. Der holographische Projektor
zeigte ein Video mieser Qualität, daß jemand aus aktuellen Nachrichten,
Katastrophenbildern und Werbeschnipseln geschickt zusammengesetzt hatte. Baby
Bell befand sich hinten in einem abgeschiedeneren Bereich, der für die
eigentliche Szene vorbehalten war.
Chris "Dodger" Jamestown war ein unauffälliger Typ. Ein durchschnittlicher
Weißer mit durchschnittlicher Größe und durchschnittlichem
Aussehen. Letzteres war sogar etwas unterdurchschnittlich verglichen mit den
Gesichtern und Körpern von der Kleiderstange der kosmetischen Chirurgie.
Sein leicht asiatischer Einschlag war gerade nicht in Mode, was sich in ein
paar Monaten wieder leicht ändern konnte. Sollte japanischer Retro-Pop
der Trend des kommenden Herbstes werden mußten sich wieder alle umschneiden
lassen. Selbst sein Outfit war ordinär öde - Shirt und Jeans aus synthetischem
Baumwollduplikat. Bei den meisten Läden wäre er damit nicht einmal
an der Gesichtskontrolle vorbeigekommen. Anders im Dancin´ Monkey, hier
war er König. Mit 23 Jahren gehörte er schon zu den aussterbenden
Veteranen. Kaum war er in der Lounge angekommen heftete sich ein kleiner Trupp
von Wannabees und Larven an ihn, die mit dem üblichen Chitchat besänftigt
werden wollten. Stimmte es, daß er die First Hawaiian Bank gehackt hatte?
Daß er das ganze Abendprogramm von ATC1 gekippt hatte, nur um seinen Lieblingsfilm
sehen zu können? Daß selbst der Secret Service ihn nicht zu fassen
kriegte? Solche Gerüchte wollte er weder bejahen noch dementieren. Es sollte
nur klar sein: er war ein Wizard, einer von der Elite, der nur wenige angehörten,
von der aber viele träumten dazuzugehören.
Joe "Baby Bell" Ledok machte seinem Namen alle Ehre. Er war ein fettes,
schwitzendes Schwein. Seinen Nick hatte er von seinem Interesse an historischer
Telekommunikation. Zur Hölle, er könnte sogar eine der alten Relaisstationen
umprogrammieren wenn es sie noch gäbe. Sein eigentlicher Hauptberuf war
aber die Datenschieberei. Information war alles was zählte. Ein AT&T
T-Shirt mit dem Todesstern umspannte seinen dicken Wanst.
"Dodge, was hat dich solange aufgehalten?" Er schob sich zu ihm durch,
allein seine Masse ließ die anderen respektvoll zurückweichen.
"Hi Baby! Hör zu, ich hab nicht viel Zeit. Laß uns gleich zum
geschäftlichen kommen."
"Sicher, sicher." Joe machte ein leicht entrüstetes Gesicht.
Wie konnte man nur die Gelegenheit für eine gute Party auslassen? "Dann
darf ich sie in mein Büro bitten."
Chris warf noch einen kurzen Blick auf die Mädchen, die sich normalerweise
in Babys Dunstkreis aufhielten. Die Kleine mit den schwarzen Haaren sah nicht
schlecht aus.
Das Büro war nur ein einfaches Hinterzimmer mit einem alten Tisch, einer
Konsole mit dem besten Zugang zum System, den man sich wünschen konnte,
und genügend versteckten Abwehrmaßnahmen, um den Raum elektrisch
schalldicht zu machen.
"Ich hoffe du hast meine Sachen."
Als Antwort darauf wühlte Baby in einer Schublade, aus der er einen Datenchip
zutage förderte.
"So so, du willst dich also mit dem alten Finnen anlegen, hmmmm?"
Aus Joes wulstigen Lippen klang es mehr nach einer Provokation als einer Frage.
Der Chip war in einem Halterungsschlitten auf ein Styropor gesteckt und vakkumverschweißt.
Das Tütchen sah noch winziger aus als es ohnehin war, als er es zwischen
Daumen und Zeigefinger vor sich hinhielt. Als ob er direkt hinein schauen und
es auslesen konnte.
"Das geht dich gar nichts an!"
"He, wohl etwas gereizt?" Die Tüte verschwand wieder in seiner
Hand. Er ging um den Tisch herum und warf sich in den carbonverstärkten
verfahrbaren Stuhl, der ohne zu ächzen sein Gewicht dämpfte. "Direkter
Paßwortzugang zur Sicherheitsstufe Blau der NBCNA. Mindestens haltbar:
3 Tage. Haben meine Jungs für dich aus dem Müll gezogen. Chrisilein,
ich habe den Eindruck, daß du einfach nur den Verstand verloren hast,
oder ich sehe etwas grundsätzlich falsch."
"Ganz im Gegenteil. Das wird mein größtes Projekt, und es wird
mein größter Erfolg werden", Chris sah sich die Scans alter
NFL Spieler an, die auf altmodischem Papier ausgedruckt an der Wand hingen.
Noch so ein historisches Hobby von Baby: Football, bevor die Verwendung leistungsteigernder
kybernetischer Implantate legalisiert wurde. Selbst heute ist das Zeug noch
so teuer, daß es in den fünf- bis sechsstelligen Bereich geht. Er
warf einen imaginären Football weit über das Feld: "Ein Touchdown,
von dem man noch in Jahren sprechen wird. 50 Yard, 60, 70!" Der Spieler
war im gegnerischen Feld angelangt und vollführte seinen Freudentanz. Die
Menge jubelte.
"Vielleicht wäre es nur einfach besser den Ball so weit wie möglich
wegzutreten wenn der andere schon so dicht vor dem eigenen Feld steht. Dodge,
hier hast du keine vier Versuche", aus seiner Stimme klang fast etwas wie
väterliche Besorgnis, "Ich habe das Gefühl, daß wir uns
so oder so lange Zeit nicht wiedersehen werden." Er reichte ihm das Päckchen
hin. Dodger tauschte es gegen eine Cashkarte von 5000 Credits, clean, die sich
nur auf ein anonymes Konto in Singapur zurückverfolgen ließen.
"Als ist doch etwas dran an dem Gerücht, daß man sich über
Nokia erzählt?"
"Joey, Auskünfte über Spekulationen war nicht im Deal inbegriffen."
Noch bevor Dodger sich wehren konnte war der große Baby Bell herangekommen
und umpackte ihn unbarmherzig an den Schultern.
"Dann laß uns zum Abschied wenigstens noch etwas feiern. Als ob ich
es schon geahnt hätte habe ich dir etwas organisiert, daß dir gefallen
könnte!"
"Ich hab dir doch gesagt, ich habe keine Zeit."
"He, enttäusche mich nicht. Dann bestätige mir wenigstens, daß
ich noch guten Geschmack besitze, hmm?"
Kaum aus dem Büro herausgekommen bestellte Bell mit einem Wink Richtung
Bar eine seiner üblichen Runden. Die Mädchen saßen zusammen
und tuschelten. Eine hatte den aufgedrehten hypnotisierten Blick eines irren
Honigkuchenpferdchens, daß sich zuviel der wieder aufgekommenen Magic
Mushrooms eingeworfen hatte. Die Schwarzhaarige, die ihm gleich aufgefallen
war, hielt sich etwas abseits von ihnen auf. Sie ging direkt auf ihn zu, als
ob sie ihn erkannt oder auf ihn gewartet hätte.
"Hi, du mußt Dodger sein! Ich bin Lora. Können wir bald losgehen,
ich halt's hier nicht länger aus? Baby hat gesagt das alles in Ordnung
geht?"
Wie ein erschrecktes Tier sprang Chris von ihr weg und zog Joe "Baby Bell"
Ledok zur Seite: "Okay Joe, ich weiß deine Großzügigkeit
zu schätzen, ich steh aber nicht auf deine üblichen Mädchen!
Was soll das bitte schön?"
Joe bebte vor Lachen als er die Panik in seinen Augen sah. Ihn schien das köstlich
zu amüsieren.
"Jetzt krieg dich mal wieder ein. Es ist nicht so wie du denkst. Sie braucht
dringend einen Platz zum schlafen, weil sie sonst nirgends unterkommt. Hat mir
den ganzen Abend irgendwas vorgeheult und mir irgendeine Story von was weiß
ich erzählt. Da hab ich ihr gesagt daß sie bei dir pennen kann."
"Bitte was?"
Bell hatte fast Tränen in den Augen. Für ihn war das so eine Art Witz.
"Kleiner, entspann dich mal etwas. So wie ich das sehe brauchst du etwas
Abwechslung. Gib's doch zu, sie ist dein Typ. Man, du hängst soviel im
Netz, du weißt wahrscheinlich nicht mal mehr wie eine echte Titte aussieht!"
Joe lachte noch mehr und verschüttete damit fast sein neues Bier. Die doppelte
Anspielung auf das "echt" fand er besonders gelungen. Dodger lächelte
gequält. Ihn beschäftigte gerade vielmehr ob der neue Code wirklich
für einen unerkannten Zugang zu Ebene Blau reichte, oder ob er dafür
eine mutierte Form brauchte. Als erstes mußte er ihr klarmachen, daß
es nicht so lief wie sie sich das vorstellte. Seinetwegen konnte sie doch in
der Gosse pennen, was kümmerte es ihn. Nokia hatte Vorrang. Er stellte
sich ihr. Sie hatte große, flehende, rehbraune Augen.
In der U-Bahn, auf dem Weg zu ihm nach Hause, schwiegen sie sich an.
***
Im zweiten Stock angekommen zog Dodger seine ID-Karte durch das Türschloß,
die sich mit einem leisen surren öffnete. Er hatte eine einfache, normale,
mittelständische Wohnung. Mehr wäre einfach unnötiger Luxus gewesen.
Normal, sah man einmal vom ständig herrschenden Chaos ab. Der zentrale
Wohn- und Arbeitsbereich mit offener Küche war zu einer Werkstatt umfunktioniert
worden. Die Hälfte der hinteren Wand wurde von einem großen und sehr
teueren Flachbildschirm beherrscht - nach Norm kalibriert. Überall verteilten
sich weitere Plasmamonitore und Rechner, meistens waren die Gehäuse nicht
einmal mehr geschlossen. Von der Decke hing ein holographischer Projektor, eine
für ihn weit sinnvollere Investition als etwa ein Sportwagen. Das Herzstück
war allerdings die VR-Einheit, die in ihrer Black Box den Blick magisch auf
sich zog. Dodger machte sich sofort an die Arbeit. Er schwang sich in seinen
Stuhl, befreite das Styropor aus der Tüte und nahm den flachen Chip mit
einer Pinzette vorsichtig aus der Halterung. Dann legte er es in den Schlitten
eines Adaptermoduls, das zugeklemmt wurde. Das Modul war in einer Schublade
montiert, die schließlich in eines der Gehäuse eingezogen wurde.
Der Projektor erstellte daraufhin ein dreidimensionales, holographisches Abbild
von Babys Codeschlüssel. Es entfaltete sich im Raum als eine Art molekulare
Struktur, und in der Tat war seine Funktion der seines biologischen Vorbildes
nicht unähnlich. Das Bild war absolut scharf und ruhig. Dodger startete
mehrere Analyseprogramme um mehr über den Verschlüsselungsalgorithmus
zu erfahren.
In Lora staute sich die Wut auf. Seit sie aus der Disco heraus waren hatte
er sie ignoriert, und nun ließ er sie tatsächlich fünf Minuten
völlig unbeachtet in der Ecke stehen. Als ob sie nichtexistent wäre.
"Aha, sehr interessant!"
"Es hat eine sehr instabile Struktur und wird sofort kollabieren, sobald
man versucht an den Genen herum zuspielen. Aber davon verstehst du sowieso nichts."
Er wendete seine Hauptaufmerksamkeit nun einem anderen Monitor zu, der die Rohdaten
als simulierte Nukleotidfolge darstellte.
"Woher willst du das wissen? Vielleicht habe ich mehr ..."
"Du kannst auf dem Sofa schlafen", unterbrach er sie. Lora kämpfte
mit den Tränen.
"Das war doch das, was du wolltest, oder?" Er sah sie scharf an. Trotzig
hielt sie seinem Blick stand, dann gewann wieder ihre protestierende Seite die
Oberhand.
"Okay! Wenn in diesem Haus mir nicht einmal was zu trinken angeboten wird
muß ich mich wohl selbst bedienen." Zornig stapfte sie in die Küche
um nach etwas alkoholhaltigerem zu suchen. Dodger verdrehte die Augen. Er versuchte
zuerst einmal ein Backup des Codes zu machen, mit dem er gefahrlos experimentieren
konnte.
"Verdammt, mußt du dabei so einen Krach fabrizieren?"
"Sag einmal, von was lebst du? Saft und Pepsi? Wo sind die Gläser?"
"In der Küche!"
Es war für sie unschwer erkennbar ein eindeutiger Singlehaushalt. Schließlich
mußte sie sich doch mit Saft zufriedengeben. Es war echter!
"Und ich werde nicht auf dem Sofa schlafen! Wo ist dein Schlafzimmer?"
Dodgers Stirn legte sich in Falten. Wieso bitte eine korrupte Kopie? Mit was
soll es dann Baby kopiert haben wenn es hier nicht geht? Trottel, er hatte vergessen
ein paar Optionen einzuschalten.
"Kein Problem, ich werde es auch alleine finden! Und daß du nicht
einmal auf den Gedanken kommst ... !"
Zufrieden lehnte sich Dodger zurück. Es würde nun kein Problem mehr
sein die Sicherheitsstufe Blau zu überwinden. Getarnt als leitender Projektmanager
Dean Ladavac konnte er fast hineinspazieren. Das mußte reichen, zumindest
für den Anfang. Die persönlichen Daten und Bio des Managers hatte
er sogar schon in seiner Datenbank gespeichert gehabt. Die vorbereitende Arbeit
mehrerer Monate würde nun in kürze ihre Früchte tragen. Nokia
Bio-Cybernetic Networking Amerika mußte ihm sein Geheimnis enthüllen.
Während er so dahin träumte öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer.
Lora stand in der fahlen Lichtöffnung. Seine Augen hatten sich bereits
an die Dunkelheit adaptiert. Sie hatte ein kurzes Nachthemd an, oder ein langes
Shirt. Zum ersten mal fiel sie ihm so richtig auf. Eine zierlich schlanke Figur.
Ein stupsnasiges Gesicht mit einem kecken Blick. Kurze, struwwelige Haare.
"Hörst du wohl auf zu glotzen! Wo ist dein verschießenes Bad?"
"Äh, da hinten." Er zeigte mit dem Finger in die ungefähre
Richtung, an die er sich noch erinnern konnte. Das waren Beine! Er würde
heute nacht von zwei Dingen träumen: Nukleotidketten und Beinen.
"Dann wünsche ich dir noch viel Spaß auf dem Sofa", lästerte
sie.
***
Chris lag in einer merkwürdig verdrehten Position auf dem Sofa. Lora schlich
im Zimmer umher. Man konnte nicht sagen ob die Sonne schon aufgegangen war weil
hier scheinbar ewige Nacht herrschte. Es hätte sie nicht gewundert wenn
es überhaupt keine Fenster gegeben hätte. Sie suchte zuerst in seiner
Jacke. Dann tastete sie seine Hose, die er noch immer anhatte, nach Taschen
ab. Sie zog mit Fingerspitzen seine Geldbörse heraus. Innen kamen ihr jede
Menge Plastikkarten entgegen, die sich fast gleich auf dem Sofa verteilt hätten.
Mit beiden Händen mußte sie die Chipkarten durchgehen. Chris stöhnte.
Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Er wälzte sich nur in eine andere
Position. Sie beeilte sich mehr, da, sie hatte die Karte gefunden. Sie steckte
sie ein, stopfte dann die restlichen in einer möglichst gleichen Reihenfolge
zurück in die Börse. Mist, er war jetzt mit seiner rechten Seite an
der Rückenlehne. So kam sie schlecht wieder an seine Hosentasche heran.
Notdürftig versuchte sie alles wieder hineinzustecken. Dann schlich sie
zur Türe hinaus, sorgsam bedacht die Türe leise ins Schloß fallen
zu lassen.
"Wie spät ist es?"
Eine eher unnötige Frage. Seine interne Uhr blendete im unteren Gesichtsfeld
10:13am an. Es schlief sich sau unbequem auf dem Ding. Sein Schädel pochte
ein wenig. Das nächste mal würde er ein Liegesofa kaufen, das schwor
er sich. Gequält stand er auf. Der Inhalt seines Geldbeutels verstreute
sich auf dem gesamten Fußboden.
"So eine Scheiße!"
Lauter unnötiger Dreck hatte sich darin wieder angesammelt. Höchste
Zeit einiges auf einer Karte wieder zusammenzupacken oder ganz wegzuschmeißen.
Dazu war er nur zu faul, und irgendwie mußte er immer alles bei sich haben.
Cashkarte. Visitenkarte. Irgendwelche Gespräche die er sich als Schnellmemo
mit aufgezeichnet hat. Codeschlüssel für Lagerhallen, die er vor Ewigkeiten
mal als Unterschlupf benutzt hatte. Jetzt hatte er alles eingesammelt. Nur das
wichtigste fehlte. Er ging noch mal alles durch, er fühlte wie sein Puls
anstieg.
"Ach Scheiße, das darf doch nicht wahr sein!"
Hatte er es irgendwo liegengelassen? Hitzig suchte er seinen Arbeitsplatz ab.
Das gab's nicht, er hatte seine ID Karte immer bei sich.
"He", wie hieß dieses Mädchen nochmal? "Lora! Hast
du vielleicht meine goldene Chipkarte gesehen? Lora?"
Er klopfte an seine Schlafzimmertür.
"Verdammt, pennst du noch?"
Er schlug mit der Faust an die Tür.
"Laß die Witzchen! Ich komm jetzt einfach rein ..."
Er riß die Tür auf. Leer. Ein grauenhafter Verdacht kam in ihm auf.
Er rannte fast zum Bad. Leer. Küche. Leer.
"Verdammt, die Schlampe hat mich beklaut!"
Dodger mußte das zuerst einmal in sein Hirn bekommen. Sie läßt
sich von ihm einquartieren und beklaut ihn dann! Er war aufgeschmissen. Alles
war drauf: Personalausweis, Kopien der Daten für seinen anonymisierter
Netzzugang, Zugang zu seinen wichtigsten Konten, sogar der verdammte Haustürschlüssel.
Was sollte er jetzt machen? Nokia konnte er damit glatt vergessen. Wenn seine
Daten in die falschen Hände gerieten hinterließ er für denjenigen
eine breite Leuchtspur wenn er ins Netzsystem eintrat, weil sie dann genau wußten
nach was sie Ausschau halten mußten. Prima Rückverfolgungsmöglichkeit,
damit hätten sie ihn mindestens 30 Sekunden früher am Wickel. Nein,
so konnte er keinen Hack machen, das war ein zu großes Sicherheitsrisiko.
Da konnte er sich gleich "Bitte nehmt mich fest!" mitsamt Wohnadresse
auf den Rücken pinseln. Wo bekam er auf die schnelle einen neuen Zugang
her? Zuerst einmal mußte er seine Konten sperren lassen! Plötzlich
tat sich etwas an der Tür. Irgendjemand öffnete die Tür. Wahrscheinlich
mit seiner ID. Dodger fuhr herum. Herein kam Lora, bepackt mit Tüten.
"Hi!"
Er stellte sich ihr in den Weg und schlug ihr mit dem flachen Handrücken
ins Gesicht.
"Was machst du mit meiner verdammten ID Card? Wolltest du mich beklauen?
Hat Baby dich geschickt?"
Sie ließ die Tüten fallen. Hamburger und Fritten verteilten sich
über den Boden. Tränen schossen ihr in die Augen.
"Bist du jetzt völlig übergeschnappt?" brachte sie noch
heraus.
"Wer hat dich geschickt? Los, sag es schon!"
"Du kannst mich mal! Ihr könnt mich alle mal! Hier hast du deine scheiß
Karte." Sie warf sie irgendwo in den Raum hinein, möglichst so daß
er danach suchen durfte. "Ich hab uns, ich hab uns Frühstück
besorgt, irgendwie mußte ich doch wieder reinkommen in deine scheiß
Wohnung."
Sie wäre jetzt weggelaufen hätte er sie nicht an ihrer Schulter festgehalten.
Sie schlug seinen Arm weg, Tränen liefen ihr die Wangen runter. Verlegenes
Schweigen füllte den Raum.
"He, Cheeseburger! Woher hast du gewußt ..." versuchte er die
Stille zu brechen. Jetzt fing sie richtig zu weinen an.
"Was hast du? Okay, ich war ein Idiot, ich hätte dich nicht schlagen
sollen."
"Das ist es nicht."
"Was ist es dann?"
"Das kann ich dir nicht sagen."
"Wieso nicht?"
"Weil du mich dann erst recht rausschmeißen würdest, das ist
es!" schrie Lora ihn an. "Weil du es nicht verstehen würdest,
deshalb. Es ist eh aus, es hat ohnehin keinen Zweck mehr. Kann ich nicht noch
ein paar Tage bei dir bleiben?" flehte sie ihn an. Sie kramte ein paar
zerknitterte Geldscheine heraus und hielt sie ihm hin. Die Währung der
Straße. "Ich kann auch zahlen. Das letzte was ich habe."
"Was soll das? Natürlich kannst du bleiben. Du darfst auch meinetwegen
das Bett haben."
Betreten starrte sie auf ihre Füße. Gern hätte er sie jetzt
getröstet, aber er war hoffnungslos überfordert damit.
"Also komm, erzähl mir davon. So schlimm kann es schon nicht sein.
Vielleicht kann ich dir helfen."
"Wie willst du mir helfen?"
"Hast du mein ganzes technisches Spielzeug nicht gesehen? Das steht nicht
umsonst da. Ich bin ein Hacker, und ein verdammt guter dazu noch. Es gibt kaum
etwas, was ich nicht damit regeln könnte."
"Wir haben einen Mann erschossen."
"Du meine Fresse, was hat Baby mir da nur angedreht."
"Ich hab's dir doch gesagt." Wieder weinte sie.
"Und wer ist wir?"
"Ich und die Jungs."
Lora erzählte ihm ihre ganze Geschichte. Wie sie meistens mit den Jungs
zusammen herumhing. Die Jungs machten dabei vielmehr den Eindruck einer Gang.
Vorgestern müssen sie dann ziemlich high gewesen sein - nur so kann er
es sich erklären, wie man derart bescheuert gewesen sein kann nachts einfach
so in eine in eine Tankstelle zu gehen und die Kasse zu fordern. Sie hätte
das natürlich vorher nicht gewußt. Auf jeden Fall lief es nicht so
wie sie es sich vorgestellt hatten. Einer hatte eine Waffe dabei und die Situation
ist eskaliert, wobei sie den Kassierer erschossen haben. Das Ergebnis waren
einige lausige Dollar, ein paar Dosen Bier, wahrscheinlich sehr nette Aufnahmen
von den Überwachungskameras, Fingerabdrücke, Hautschuppen, Haarzellen
und sonstiges genetisches Beweismaterial. Er hatte keine Ahnung wie sie dann
auf Baby oder das Dancin' Monkeys gekommen ist. Sie wußte nicht wo sie
unterkommen oder was sie jetzt überhaupt machen sollte.
"Okay, hör mal zu! Ich würde mir jetzt gar nicht mal so viele
Gedanken darüber machen. Es gibt jede Menge solcher bewaffneter Überfälle.
Das erste was sie tun ist die Beweismittel am Tatort aufzunehmen, sie zeichnen
alles mit der Kamera auf, etcetera. Das ganze kommt dann in ihr riesiges Archiv
und die Daten werden in ihr Rechnersystem eingespeist. Dann lassen sie einen
Standardcheck darüber laufen, Vergleich mit FBI Akten, den meistgesuchten
Kriminellen, Vorbestraften. Wenn das nichts hilft gehen sie alle Einwohnerdaten
der Stadt durch und erweitern den Suchradius bis zu einem gewissen Bereich.
Die Erfolgsquote liegt dabei bei 80%, wenn man nicht gerade eine gefälschte
Idendität besitzt oder man sich sonstwie dem System entziehen konnte."
Lora schaute ihn ganz verängstigt an. Dabei wollte er ihr nur sachlich
die Lage verdeutlichen. "Da die Bullen so mit Arbeit überhäuft
sind kann es oft mehrere Tage, wenn nicht gar Wochen dauern, bis ein richtiger
Mensch die Akte über euren Fall wieder zu Gesicht bekommt."
"Scheiße, was mach ich jetzt? Die haben mich doch schon so gut wie!"
"Nein, du verstehst mich wohl nicht ganz", er grinste dabei über
beide Backen, "Du bist wahrscheinlich schon eine aktenkundige Straftäterin.
Beihilfe zu einem bewaffneten Raubüberfall mit Todesfolge. Das sind 3 bis
5 Jahre, vielleicht auf Bewährung wenn man Glück hat." Sie starrte
ihn mit im Schock aufgerissenen Augen an.
"Aber es weiß noch kein Mensch! Außer dir, mir und dem Police
Department Hauptrechner weiß es kein Mensch. Gut, deine Akte beim FBI
muß auch noch frisiert werden. Spätestens jetzt hast du eine."
Er sagte das alles mit solcher Begeisterung als würde er sich darüber
freuen.
"Das heißt, dann dann kannst du was machen?" stotterte sie heraus.
"Kein Problem! Ich muß nur ..."
"Danke! Danke!" fiel sie ihm um den Hals. Fast verlegen drückte
er sie von sich weg. Befreit kramte er eine seiner Karten heraus.
"Paß auf! Ich geb dir jetzt 1000 Credits auf dieser Karte. Kein Paßwort,
ist cash. Davon gehst du jetzt schön einkaufen, besorgst uns was zum essen
und gönnst dir was. Hau ruhig alles auf den Kopf. Vergiß die ganze
Sache hier und laß mich meine Arbeit machen, ich brauch jetzt keinen der
um mich herumtanzt und mich ablenkt, okay?!"
Sie wußte gar nicht wie sie sich einkriegen sollte. Es bedurfte noch ein
wenig Überredungskunst bis er sie los war: "Die nächsten 5 oder
6 Stunden brauchst du gar nicht auftauchen, hast du mich verstanden? Hier, nimm
den Zweitschlüssel. Und frag mich das nächste mal bitte, wenn du wieder
einen brauchst!"
In was hatte er sich da nur wieder reingeredet! Es wäre einfacher gewesen
hätte er sie einfach zum Teufel geschickt. Der Hack war machbar, keine
Frage, nur kostete es Zeit. Zeit, die er eigentlich nicht hatte. Und das nur
weil sie ihm versucht hatte den Kopf zu verdrehen. Wenn sich das nur einmal
lohnen würde. Kurz kam ihm die Idee sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen.
Den Türcode konnte man schnell wechseln. Aber seine Konzentration war für
anderes eh hinüber. Heute waren Beine wichtiger als Nukleotidketten.
Draußen legte sie ihre übertriebene Freude wieder ab. Männer
waren doch so leicht zu beeinflussen.
***
Es gibt einige wenige, einfache Regeln, die man befolgen sollte, wenn man als
Hacker draußen überleben will. Regel Nummer 1: Setze deinen Haufen
niemals in die eigene Hundehütte. Regel Nummer 2: Gehe niemals ohne Schutz
raus. Dodger wählte die Nummer von "Sams Muscle Shop".
"Ja, hallo?" meldete sich eine freundliche Standard-Sekretärinnenstimme.
Möglicherweise synthetisch.
"Dodger hier. Ich bräuchte eine Eskorte für die nächsten
sechs oder sieben Stunden, ab sofort. Könnte ich wieder Eric haben, ich
war immer sehr zufrieden mit ihm."
"Guten Tag Herr Dodger. Sie haben Glück, Mister Eric ist gerade verfügbar.
Soll er sie zuhause abholen?"
"Ja, bitte."
"Er wird in dreissig Minuten bei ihnen sein. Ich wünsche ihnen einen
angenehmen Tag."
Bevor er sich noch verabschieden konnte hatte die Stimme aufgelegt. Regel Nummer
zwei war erfüllt. Es war jetzt noch genügend Zeit einen Platz zu finden,
wo er ohne Gefahr hacken konnte. Nichts war so dumm wie sich in seine eigene
Wohnung zurückverfolgen zu lassen.
Es klingelte unten am Eingang ins Gebäude. Die von Dodger selbst installierte
Minikamera zeigte ihm Eric. Ein bulliger Typ mit militärisch kurzem Haarschnitt
und schwarzem Anzug. Genau so, wie man sich einen echten Bodyguard vorstellte.
Dodger wußte eben guten Service zu schätzen.
"Kommen sie rauf."
Die Wohnungstür war offen. Wegen seiner Größe hatte man fast
den Eindruck, daß Eric sich durch die kleine Öffnung hindurchzwängen
mußte. Er war ein Riese.
"Mister Jamestown, ich bin ihre heutige Begleitung."
"Hi Eric. Laß dieses formelle Gequatsche. Nimmst du meine Sachen
mit runter?"
"Selbstverständlich, Herr Jamestown."
Er war kalt wie ein Eisblock. Man konnte ihm nicht einmal ein Lächeln abringen.
Es war wahrscheinlich sein Berufsethos nichts an sich herankommen zu lassen.
In diesem Geschäft war kein Platz für Gefühle. Er hob den großen
Lederkoffer, in der Art wie ihn manche Vertreter hatten, hoch wie einen leeren
Pappkarton. Eigentlich war er nicht sonderlich schwer, aber Dodger hätte
trotzdem keine gute Figur abgegeben, wenn er ihn selbst hätte tragen wollen.
Unten wartete der Mercedes. Natürlich gepanzert.
Chris schob eine seiner magischen Karten durch das Türschloß.
"Ich hab uns ein nettes Plätzchen organisiert. Kabelanschluß
mit allen 230 Kanälen. Voller Kühlschrank. Bad mit Dusche, Balkon
nach draußen. Alles was man so braucht."
Der eigentliche Mieter war gerade nicht da. Auf Geschäftsreisen.
"Mal sehen wo mein Netzzugang ist. Ich denke im Arbeitszimmer."
Eric trug den Vertreterkoffer in Herrn Hanakins privates Büro.
"Danke Eric. Du kannst es dir jetzt gemütlich machen wenn du willst."
Der Bodyguard quittierte mit einem kurzen Kopfnicken. Ein Job bei Sams Muscle
Shop erforderte, daß man wenn nötig stundenlang ohne Essen oder andere
Bequemlichkeiten monoton in einer Ecke stehen konnte, und dann im Bruchteil
einer Sekunde perfekt funktionieren mußte. Dodger konnte sich vorstellen
wie hart und langweilig es manchmal für Leute wie Eric sein mußte.
Deshalb versuchte er seine Eskorte auch immer so gut wie möglich zu behandeln.
Schließlich mußten sie für ihn auch ihren Kopf hinhalten sollte
es einmal eng werden. Erics ganze Wertschätzung dafür hatte sich in
diesem minimalen Kopfnicken ausgedrückt.
Dodger hatte inzwischen seine Black Box, sein Virtual-Reality Maschinchen ausgepackt
und an den Systemzugang angeschlossen. Aufbauend auf einem Fuchi Hurricane SIX
war es noch mit anderen Komponenten aufgerüstet. Teilweise Prototypen oder
andere, nicht auf dem freien Markt erhältliche Hardware, die über
dunkle Kanäle zu ihm gelangt ist. Jeder andere hätte auf den Knien
gewinselt um dieses Baby nur kurz antesten zu dürfen. Einen Marktwert konnte
man dafür gar nicht angeben. Es war besser wie Sex! Den nötigen Stuhl
für seinen Joyride hatte er nach einigem Suchen gefunden. Um sich richtig
festzumachen brauchte er Armlehnen und vier richtige Stuhlbeine. Er positionierte
ihn im richtigen Abstand zum Rechner, so daß das Kabel von der Länge
gut ausreichen würde. Dann fixierte er sich selber mit Klettbändern
am Stuhl, nur die rechte Hand liess er frei. Die brauchte er noch um sich zu
verkabeln. Es sah ein wenig aus wie auf einem elektrischen Stuhl. Das ganze
hatte mehrere Gründe. Seine körperlichen Sinneswahrnehmung waren in
der Virtual Reality fast völlig ausgeschaltet. Durch die Ruhigstellung
verhinderte er zusätzliche Reize, die ihn möglicherweise abgelenkt
hätten. Außerdem war es möglich, daß man bei einem besonders
intensiven Trip die Kontrolle über seinen Körper verlor. Wie ein Schlafwandler
konnte man dann umherwandeln. Schlimm genug war, daß man sich dabei das
Kabel herausriß. Aber Dodger hatte auch schon mal gehört, daß
jemand wegen Cyberwandelns tödlich die Treppe heruntergestürzt ist.
Andere Nebenwirkungen konnten Krämpfe oder unkontrollierte Bewegungen sein,
wenn man Pech hatte schlug man sich selber K.O.
Mit seiner freien Hand faßte sich Dodger an seine rechte Stirnseite. Vorsichtig
zog er den Plastikpropfen aus seiner Datenbuchse, die unter dem Haaransatz versteckt
war. Mit dem Verschluß verhinderte man das Eindringen von Haaren, Fremdkörpern
oder anderen Verunreinigungen. Er faßte jetzt das Glaserkabels des Fuchi
SIX und klinkte sich ein. Sein Gesichtsfeld wurde schwarz. Direkter Zugang zur
Gehirnrinde.
***
Zuerst durchlief er einen Routinecheck bevor er ins System eintreten konnte.
Er leitete sein Signal zu einem Server in der Stadt um, den er illegalerweise
für sich konfiguriert hatte. Sollte er zurückverfolgt werden wurde
der andere spätestens ab diesem Punkt ins Niemandsland weitergeschickt.
Ab hier war er nur noch ein Phantom. Er schlug noch einige Haken, bevor er im
Rechner des Police Departments war. Ab jetzt war die VR Einheit zum ersten mal
gefordert. Die sogenannte zweite Realität bildete sich plastisch um ihn
herum aus. Er befand sich in einem großen Abfallcontainer. Eine Unmenge
unsortierter gelöschter Dateien, die man noch nicht geschreddert hatte.
Dodger ist durch eine Hintertür ins System gekommen, die er bei einem seiner
letzten Aufträge hinterlassen hat. Er kletterte aus dem Container hinaus
und war nun in einem Hinterhof eines des realen Police Departments nachgebildeten
Gebäudes. Am Seiteneingang, durch den er ins Innere wollte, stand ein Cop.
Eine Standardüberwachungs-Subroutine, welche die Zugriffsrechte aller kontrollierte,
die hier passieren wollten. Dodger lächelte. Der Cop stellte für ihn
kein Hindernis dar. Seine Software war mindestens drei bis vier Monate besser.
Öffentliche Einrichtungen hinkten immer hinterher. Sein Avatar glitt durch
den Türsteher einfach hindurch.
Dodger befand sich nun in einer allgemeinen Ebene. Sie stellte sich ihm als
eine große Eingangshalle dar. User und Suchbots schwirrten fleißig
umher, immer auf der Suche nach unnötiger Arbeit. Mittendrin stand er,
ein großer Ork, den niemand bemerkte.
Die Halle und alles was man sehen konnte war natürlich ein Konstrukt. Eine
visualisierte Darstellung von Daten. Damit der normale Lohnsklave intuitiver
in einer natürlichen Umgebung arbeiten konnte, war alles realen Vorbildern
nachempfunden. Wollte er Akten haben, mußte er zu einem Aktenschrank gehen.
Wollte er eine Konferenz mit Mitarbeitern aus der ganzen Welt führen, mußte
er sich nur einfach zu ihnen an den Tisch setzen. Solche Dinge konnte nun selbst
der Laie ohne jegliche informationstechnische Kenntnisse bewältigen. Da
der User meist ein dummer User ist, wurden ihm Beschränkungen auferlegt.
Er darf zum Beispiel die Darstellung des Konstruktes nur in einem engen Bereich
verändern. Die Visualisierung war ja nur eine subjektive Interpretation
vorliegender Daten. Sämtliche Räume konnte man beliebig anordnen,
oder das ganze als mittelalterliches Schloß darstellen lassen wenn man
wollte. Um aber Bedienerfehler zu vermeiden und um die Synchronität der
User untereinander aufrecht zu erhalten war das Konstrukt für die meisten
deswegen starr ausgerichtet. Wollte sich jemand mit Mister Yamamoto über
Videokonferenz unterhalten mußte er, wenn auch in sehr schnellem Tempo,
tatsächlich in sein Büro gehen. Das kostete vielleicht zwei Sekunden
mehr Zeit, aber dafür war Herrn Yamamotos Büro auch immer dort, wo
man es erwartete, auch wenn man von einem anderen Terminal auf das System zugriff.
Diese Art der "natürlichen" Fortbewegung und Bedienung gewährleistete
zudem, daß man über mehrere Stunden hinweg streßfrei und effizient
arbeiten konnte, weswegen die zwei Sekunden zu Herrn Yamamoto nicht ins Gewicht
fielen.
Der Ork lief zu einer Informationstafel und berührte sie.
"Willkommen beim allgemeinen Informations- und Suchsystem. Bitte nennen
sie mir ihre Wünsche."
"Ich will die Akten aller aktuell eingegangener Kriminalfälle sehen.
Stichworte: Tötung, Diebstahl."
"Bitte warten, Daten werden erstellt. Bitte warten."
Der Singsang dauerte nur fünf Sekunden, bis sich die nervig-freundliche
Stimme der Informationstafel wieder meldete: "Ihre Suchergebnise wurden
bereitgestellt. Bitte begeben sie sich in das fünfte Stockwerk."
Der Ork zwängte sich in den Fahrstuhl zu anderen Usern, die ihm keine besondere
Beachtung schenkten. Für sie stellte er sich als normaler, legitimer Mitarbeiter
dar. Das Aussehen der Avatare im System war den echten Benutzern nachgestellt.
Vielleicht mit der einen oder anderen kosmetischen Angleichung. Aber so wußte
man sofort, um wen es sich handelte. Dodgers Tarnung paßte sich immer
dynamisch an, abhängig von der Sicherheitsstufe und der Umgebung. Fünfter
Stock.
Der Kampfork mußte seine Suche beschleunigen. Als erstes blendete er mit
einem Wink alle User unterhalb einer gewissen Sicherheitsstufe aus. Die Flure
leerten sich schlagartig. Dann ließ er sich sämtliche Räume
hier auflisten, um nicht alle abgehen zu müssen: Mord, Diebstahl, Computerverbrechen
...
"Okay, ich will alles nach Datum sortiert haben." Büros lösten
sich auf und rematerialisierten sich wieder an anderer Stelle. Der Kampfork
flog mit rasender Geschwindigkeit die Türen ab und blieb an der für
den vorgestrigen Tag stehen. Er trat ein, die Zugangsberechtigung war kein Problem.
Innen war alles in einem modernen Stil gehalten, der die Benutzer oft die Durchschnittlichkeit
ihrer wahren Einrichtung vergessen ließ. Ein persönlicher Assistent
in Form einer Sekretärin schenkte ihm ihre Aufmerksamkeit. Dodger ging
zu einem der Aktenschränke, öffnete ihn und blätterte etwas darin
herum. Macht der Gewohnheit, oft findet man durch Zufall die unglaublichsten
Dinge. Die Sekretärin sah ihn abwertend an: "Kann ich ihnen helfen?"
Durch die Wand schwirrte eine Sicherheitssonde. Ein normaler Benutzer hätte
sie gar nicht wahrgenommen. Sie tastete Dodger ab, befand ihn für legitim,
und verschwand wieder durch die andere Wand. Dodger schwang sich nonchalant
auf den Tisch, der unter seinem Gewicht protestierend nachgab.
"Schätzchen, sicher kannst du mir helfen." Der Ork entblößte
seine ganze Zahnreihe. Die Sekretärin zeigte sich von seinem Anmachversuch
nicht sonderlich beeindruckt. Zwar sahen manche der persönlichen Assistenten
zum anbeißen aus, aber man konnte leider nicht mehr mit ihnen anfangen.
"Hör zu, sortier mir alles nach Namen."
Der persönliche Assistent schloß kurz die Augen, als ob er sich konzentrieren
müßte.
"Auftrag bearbeitet."
Dodger ging zum Aktenschrank mit der Aufschrift "St" - St wie Lora
Sternby. Er griff hinein und ließ den Namen suchen. Kein Ergebnis. Das
war schonmal gut, sie war noch nicht verzeichnet. Dann suchte er nach einem
von Loras Mittätern, Jack Peters. Treffer. Er zog die Akte heraus. Ein
längeres Vorstrafenregister. Der letzte Eintrag war in rot, was bedeudete,
das er vom System als Täter zwar erkannt, der Fall aber noch nicht weiter
bearbeitet wurde, so wie er es Lora erklärt hatte. Er warf dem Assistenten
die Akte auf den Tisch.
"Stell mir ein Dosier zu dem letzten Eintrag zusammen."
Die Frau sah ihn mit verhaltener Gehässigkeit an, als ob sie sich für
die vorherige Frivolität rächen wollte. Man hatte ihr ein minimales
Gefühlsleben mitgegeben, um die Kommunikation mit den Menschen "humaner"
zu gestalten.
"Darf ich ihre Berechtigung dafür sehen? Dies übersteigt ihre
momentane Sicherheitsstufe."
Der Ork knirschte mit den Zähnen. Kleinkram. Er warf seinen Paßwortgenerator
an und händigte ihr kurz darauf einen Durchschlag eines Dokuments aus,
welches ihm den Zugriff erlaubte. Sie stempelte das Papier ab und legte es in
eines ihrer Fächer. Dann konzentrierte sie sich wieder kurz. Sie griff
in eine Schublade und holte eine weitere Akte heraus. Dodger kopierte sie sich
und gab sie wieder zurück.
"Kann ich ihnen sonst noch irgendwie helfen?"
"Nein."
Der Ork war gerade im Begriff zu gehen. Dann drehte er sich noch um: "Ach,
eins hab ich noch vergessen!" Mit einer mystisch anmutenden Handbewegung
legte er eine "schalldichte" Blase um den Raum. Sämtliche Alarmmeldungen,
die von diesem Zimmer aus dem System gemeldet wurden, wurden dadurch abgeblockt.
Er nahm seine Axt aus seinem Rückenhalfter und trennte den Assistenten
in einer flüssigen Bewegung in der Mitte durch. Ein von ihm installierter
Blood-Patch sorgte dafür, daß sich Blut und Eingeweide an Boden und
Wände verteilten. "Ach, jetzt ist es mir wieder entfallen." Anschließend
vernichtete er noch das abgestempelte Dokument.
Dodger blätterte durch die Akte. Bei dem Überfall waren Lora und
fünf Männer dabei gewesen. Drei davon waren schon identifiziert worden.
Die Beweismittel der anderen beiden und von Lora sind noch nicht durch die genetische
Analyse gegangen. Man konnte sich gut vorstellen, wie überfüllt die
Labors mit Untersuchungsanfragen waren, und so ein Fall hatte keine allzu hohe
Priorität.
"Okay, schauen wir uns mal die Kerle an!"
Der Hacker war nun in einem Raum, wie man ihn normalerweise für Gegenüberstellungen
nutzte. Auf der anderen Seite der Scheibe sah man sechs Figuren. Drei davon
waren nur gesichtslose Prototypen. Die anderen stellten möglichst genaue
Rekonstruktionen dar, wie man sie aus Genen, Bildern und anderen Informationen
gewonnen hatte. Trotzdem sahen sie noch sehr unrealistisch aus. Das Problem
war jetzt, daß ihre Daten automatisch auch beim FBI vermerkt waren. Und
dort reinzukommen war um einiges schwieriger. Er hatte dafür keine Zeit.
Wollte er Lora helfen mußte er aber den gesamten Fall eliminieren ohne
Spuren zu hinterlassen. Es half nichts, wenn später beim Verhör die
anderen ihre ehemaligen Freunde dann verraten sollten. Dodger würde sich
später darum kümmern. Jetzt löschte er erst einmal die Prototypen
und tilgte sie somit aus der Akte. Als nächstes schaute er sich die Beweismittel
an. Nun befand er sich in einem Lagerraum. Direkt vor sich in einem Regal war
das Gesuchte. Er nahm den Karton und ging zu einem der großen Tische.
Innen waren verschiedene Röhrchen, Videobänder und Proben in Plastik
verpackt. Er nahm alles heraus und riß die Tüten auf. Den echten
Beweismitteln passierte dadurch ja nichts. Wie Dodger sehen konnte waren die
Originalaufnahmen der Sicherheitskameras nach der Überspielung gelöscht
worden. Sehr gut. Er änderte die Beschriftung des Kartons und der verschiedenen
Inhalte, so daß sie nicht mehr ihrem Ursprung zuzuordnen waren. Er datierte
außerdem das Einlieferungsdatum auf drei Jahre zurück. Nach dieser
Zeit wurden die Beweise aus dem Lager entfernt und vernichtet, wenn sie bis
dahin keine nennenswerten Ergebnisse gebracht hatten.
Leicht erschöpft klinkte sich Dodger wieder aus.
Die ganze Aktion hatte nicht mehr als 5 Minuten gedauert. Mitsamt Vorbereitungen
und Anfahrt sind ihm nur etwa zwei Stunden verloren gegangen. Hervorragend.
Für seine drei übrig gebliebenen Problemkinder wählte er dann
die schnelle Lösungsmethode, somit konnte er den Rest des Tages für
Nokia aufwenden.
"Sind sie fertig, Mister Jamestown?" fragte ihn Eric.
"Ja, ich muß nur noch ein kurzes Telefonat führen und will dann
noch kurz duschen. Ach, und willst du Pizza, ich bestelle bei Al Pincio."
"Nein, danke."
Al Pincio war ein Ristorante nach bester italienischer Familientradition mit
einem besonderen Service.
"Ja, hallo. Ich hätte gerne eine Pizza Al Capone. Und zwar jeweils
für Herrn Jack Peters, Frank Herby und Ajaf Harun. ... Ja ... ja ... ich
bin mir sicher ... ja, mit allem ... zum üblichen Preis ... ich schicke
ihnen die Adressen mitsamt der Überweisung. Ach, und für mich bitte
eine Pizza Atlanta groß. Mit nicht so viel Zwiebeln." Er fragte nochmal
bei Eric nach: "Bist du dir sicher, daß du nichts willst?" Er
schüttelte nur minimal den Kopf. "Nein, das war dann alles. Ciao!"
"Al Capone, immer noch unter den gleichen Namen", meinte Eric plötzlich
nachdem Dodger aufgelegt hatte. Normalerweise war der Bodyguard nie so redselig.
"Du kennst den ... Service?"
"Ja, ich habe selbst mal dort gearbeitet. Meine Zustellungen waren immer,
hmmm, sehr bleihaltig, wenn sie mich verstehen." Dodger sah ihn zum ersten
mal lächeln seit er ihn kannte.
***
Daheim angekommen arbeitete Chris an Projekt Nokia weiter. Nokia Bio-Cybernetic
Networking America war der führende Konzern was die Erschaffung virtueller
Welten betraf. Sie hatten bereits als erste das Tor zu einer direkten Mensch-Maschine
Kommunikation geöffnet. Neue, DNA-orientierte Programmstrukturen ließen
dabei eine nie geahnte Komplexität zu. Die bisherige Arbeitsweise in Netzwerken
für Beruf und Freizeit wurde dadurch revolutioniert. Bald war die Technik
so ausgereift und die damit im Gehirn hervorgerufenen Vorstellungen so glaubwürdig,
daß es zu einer Art Volksdroge wurde. Immer mehr Menschen gaben ihr beschränktes
Leben in der ersten Realität auf, um in der sogenannten zweiten, virtuellen
Realität dauerhaft zu bleiben. Die Wirtschaft nutze das für sich aus,
in dem sie immer mehr virtuelle Arbeitsplätze schuf. Es war fast nicht
mehr nötig aus der eigenen Wohnung zu gehen. Und nun stand Nokia kurz davor
eine weitere, noch revolutionärere Version herauszubringen, die alles bisher
dagewesene in den Schatten stellen sollte. Und Dodger sollte es als erstes in
die Hände bekommen. Die Vorbereitungen waren soweit abgeschlossen. In Übersee
hatte er bereits einen Abnehmer, der für den Quellcode gut zahlen würde.
Damit hätte Chris endgültig ausgesorgt. Aber was ihn vielmehr reizte
war das Programm selber. Die Sicherheitsvorkehrungen waren natürlich superb.
Manche Militärs hätten sich davon eine Scheibe abschneiden können.
Jetzt war es abend. Lora ist immer noch nicht zurückgekommen. Wahrscheinlich
amüsierte sie sich gerade prächtig. Dodger machte ein paar physische
Ausdrucke auf Papier die zeigten, daß der Fall Tankstelle für Lora
endgültig abgehackt war. Da würde sie sich freuen wenn sie das sah.
Von Müdigkeit überwältigt fiel Chris dann in einen tiefen Schlaf.
Er wachte auf. Irgend etwas stimmte nicht. Irgend etwas stimmte ganz und gar
nicht. Chris wollte aufstehen, konnte aber nicht. Er war mit seinen Händen
am Bett befestigt. Mit Handschellen. "Scheiße!" dachte er. Was
sollte das bedeuten? Jemand hatte Wind von seiner Sache bekommen. Wahrscheinlich
Baby. Er war der einzige, der davon gewußt hatte. Er hätte nicht
so vor ihm rumprahlen sollen. "Hätte ich nur meine verdammte Klappe
gehalten" schoß es ihm durch den Kopf. Er hätte dem Kerl nie
trauen sollen. Sein Busenfreund war es ohnehin nicht gewesen. Hat er ihn an
Nokia verpfiffen? Ist er direkt zum Secret Service gegangen? Nein, so wie es
aussah arbeitete er wohl auf eigene Rechnung. Was war sein Kopf wohl wert? Gleich
würde jemand reinkommen und ihn um ein Verhör bitten. Lora! Die Schweine
haben sich wahrscheinlich Lora geschnappt. Nur so konnten sie herausgefunden
haben wo er wohnte. Verzweifelt rüttelte er an den Handschellen. Kein Entkommen.
Er hörte etwas an der Badezimmertür, aber er konnte nichts sehen.
Es war stockdunkel. "Licht!" rief er. Der Hauscomputer reagierte nicht
auf sein gesprochenes Kommando. Jemand hatte auf manuelle Schaltung umgestellt.
"Hi Dodger", kam eine verlegene Stimme.
"Lora! Was ist hier los?"
"Ich habe deine Ausdrucke gesehen."
Sie sprach nicht weiter. Dodger verstand noch nicht ganz.
"Weißt du, noch nie ist jemand so nett zu mir gewesen. Wie du mir
geholfen hast, mit dem Geld und dem allen."
"Und deswegen hast du mich ans Bett gefesselt?"
"Ich brauche einfach Kontrolle. Ich wollte mich einfach nur bei dir ..."
sie konnte nicht weitersprechen. Langsam ging sie auf ihn zu, stieg dann auf
das Bett. Er fühlte, wie sie ihren nackten Körper an ihn drückte
und ihn küßte.
"Ich kann es einfach nicht ertragen wenn die anderen Kerle mich dabei befummeln."
***
Der Mercedes von Sams Muscle Shop wühlte sich durch den Verkehr.
"Sag mal, was hältst du von einem Trip nach Europa?" Dodgers
Abnehmer bestand auf eine persönliche Überbringung seiner Ware. Anscheinend
wurde dort noch auf altmodische Etikette wie physische Anwesenheit geachtet.
"Nicht schlecht", antwortete Lora, die mit Chris hinten im Wagen saß.
"Ich schlage vor sobald ich mit diesem Job fertig bin lassen wir alles
hinter uns. Wir könnten ein neues Leben anfangen. Gemeinsam."
"Ist das so eine Art Angebot?"
"Seh es mal noch als unverbindlich an", grinste er.
Der Wagen fuhr auf den Parkplatz eines großen Einkaufszentrums. Eric trug
den Vertreterkoffer. Drinnen herrschte das normale Treiben der Gläubigen
dieses Konsumtempels. Zwei Rolltreppen weiter oben gab es eine ganze Reihe kleiner
Läden, die sich die Räume hier gemietet hatten. Eines davon stand
gerade leer, weil der vorherige Betreiber an einen günstigeren Standort
gewechselt hatte. Mit Hilfe einer Karte war der Zutritt auch hier kein Problem.
Alles war ausgeräumt. Nackte Drähte hingen von der Decke, halbvolle
Farbeimer und eine Malerleiter standen noch herum, völliger Rohbau. Ein
Tisch mit Stuhl waren aber im Hinterzimmer vorhanden. Dodger hatte den Anschluß
schnell ausfindig gemacht und traf seine Vorbereitungen. Lora sah sich gelangweilt
um.
"Es dauert höchstens eine halbe Stunde", Chris klopfte auf seine
Brusttasche, "die Flugtickets für Europa habe ich bereits dabei. Wir
können danach gleich losfliegen."
"Und was ist mit deiner Wohnung und deinen ganzen Sachen?"
"Die werde ich wohl verkaufen."
Unter Loras mitleidigem Blick fixierte er sich auf dem Stuhl. Die Programme
waren hochgeladen. Dann ging es los.
Das Blut pulsierte in seinen Ohren vor Anspannung. Der Ork räumte die
nötige Bandbreite frei, jagte zu dem von ihm manipulierten Server. Danach
zu einer Satellitenstation, hoch hinauf in den geostationären Orbit. 120
Dezibel Signaldämpfung durch die Atmosphäre. Wieder herunter, Empfang
in San Diego, Kalifornien. Bereits am Horizont zeichnete sich die stilisierte,
antike Akropolis der NBCNA hervor. Früher Schatzkammer und Bollwerk der
alten Griechen, jetzt gab es nicht einmal mehr Ruinen. Niedergerissen von Vandalen.
Dodger fühlte sich heute wie ein Vandale. Das Eingangsportal war eingerahmt
von einem wuchtigen Säulengang. Der Ork morphte sein Aussehen in das von
Dean Ladavac, Projektmanager bei Nokia. Die grüne Haut wurde blasser, Hauer
bildeten sich zurück. Das Gesicht bekam eine slawische, ausgeprägte
Form. Äusserst schicker Anzug, Dodger haßte ihn. Riesige Torflügel
öffneten sich, der Wachbot grüsste ihn freundlich. Dann schlossen
sich die Portale wieder, verschlangen ihn. Innen nur feinstes Marmor. Imposante
Wasserfälle stürzten sich aus hundert Metern Höhe in einen Teich,
dessen Wasseroberfläche sich kunstvoll in einer Art und Weise plastisch
verformte und kräuselte, die die realen Physikgesetze gar nicht zugelassen
hätten. User wie Dean Ladavac wuselten geschäftig umher. Ihn hätte
es gar nicht gewundert wenn sie Roben getragen hätten. Dodger mußte
sich nun wie ein User bewegen und verhalten wollte er nicht ungeliebte Aufmerksamkeit
auf sich ziehen. Dies war kein billiges Police Department. Hier war er nicht
mehr an der Spitze der Nahrungskette. Eine Unaufmerksamkeit und die nächste
Kampfdrohne würde ihn an die Wand klatschen wie eine parasitäre Fliege.
Geröstetes Menschenhirn. Dodger hatte es schon einmal gerochen, es stank
entsetzlich. Möglichst rasch, aber nicht gehetzt wirkend, lief er zu einem
der Aufzüge, die wie gläserne Behälter ohne jegliche Mechanik
an den Wänden auf- und abschwebten bis in schwindelerregende Höhen.
"Nicht hinsehen!" warnte er sich im stillen selber. Grazile, metallene
Spinnenbeine klackten auf dem Marmorboden an ihm vorbei. Eine Kampfdrohne! Sie
hatte die Form eines silbernen, insektoiden Zentauren. Acht hydraulisch gesteuerte
Beine, die einen Menschen bereits überragten. Darauf thronte ein ab der
Hüfte humanoider Körper. Kalte Augen suchten die Umgebung unablässig
nach verdächtigen Bewegungen ab, die seine Minigun sofort ausgemerzt hätte.
Ein Blick und Dodger hätte sich verraten - ein normaler User konnte die
Abwehrmaßnahmen wie die Drohne gar nicht sehen. Mit pochendem Herzen rettete
er sich in einen leeren Aufzug. Sein Ziel lag viele Stockwerke unter ihm. Im
letzten Moment zwängte sich eine andere Person noch hinein. Ein junger
Mann in der üblichen Schlipskleidung, der viel zu übereifrig wirkte.
Der Glassarg senkte sich ab in die tiefen Katakomben Nokias. Fünf Etagen
später sprach er ihn an.
"Herr Ladavac, hatten sie schon die Zeit meinen Bericht über den diesmonatigen
Etat anzusehen?"
Wer war der Kerl? Er konnte sich nicht an ihn erinnern als er die Dossiers der
für ihn am wichtigsten erscheinenden Personen zusammengestellt hatte. Schnell
startete er eine Suchanfrage in seiner Datenbank. Jetzt galt es zu improvisieren:
"Nein, tut mir leid, ich bin einfach noch nicht dazu gekommen. Ich bin
einfach überhäuft mit Arbeit."
"Sie haben ihn aber extra angefordert wegen der neuen Kalkulationen."
"Ach ja, die Kalkulationen!" Jetzt kam er ins schwitzen. Wenn dem
Typ nicht bald die synthetisierte Stimme auffiel würde er sich anderweitig
verraten. Er mußte ihn schnellstens loswerden ohne Verdacht zu erregen.
Erste Informationen aus der Datenbank kamen herein. Joel Hardin. Ein neuer aus
der Finanzabteilung.
"Herr Hardin. Unser neues Projekt läßt die alten Kalkulationen,
äh, ich meine ... wahrscheinlich ist es hinfällig geworden."
"Verzeihen sie, ich verstehe sie nicht ganz. Ich dachte das wäre das
neue Projekt."
Dodgers Nackenhaare stellten sich auf. Gut, wenn alles nichts half mußte
er Autorität sprechen lassen.
"Herr Hardin, ich warne sie. Ihr Ton gefällt mir gar nicht. Sie haben
erst vor wenigen Wochen hier angefangen. Sie wissen noch gar nicht wie alles
hier läuft. Wenn ich sage ein neues Projekt meine ich auch das neue Projekt.
Haben sie mich verstanden?"
Unzufrieden aber eingeschüchtert gab der Typ endlich Ruhe. Wenn er nicht
gleich zu seinen Vorgesetzen rannte dürfte ihm genug Zeit bleiben, bis
jemand wegen dieses Vorfalles Alarm auslöste. Der Aufzug blieb im fünfzehnten
Untergeschoß stehen, obwohl er bis zum zwanzigsten wollte.
"Herr Ladavac, müssen sie nicht auch hier raus?"
Dodger durfte sich nichts mehr leisten wollte er nicht gleich hier und jetzt
Alarmstufe Rot auslösen.
"Sie haben recht, ich bin heute etwas zerstreut."
Ratlos trat er aus dem Fahrstuhl. Ein fensterloser Bürokomplex. Es gab
nun drei Richtungen in die er gehen konnte. Und Hardin wartete darauf, daß
er sich für die richtige entscheidete. Wo mußte er überhaupt
hin? Ladavacs Büro befand sich ...
"Herr Ladavac!"
Links. Fast einen Moment zu spät lief er los. Er drehte sich nicht um,
erwartete daß gleich der Alarmruf von Hardin losging. Nichts passierte.
Ein Schweißtropfen stahl sich seine Stirn herunter. Noch einmal Glück
gehabt. Nach angemessener Zeit kehrte Dodger wieder um und fuhr runter in das
zwanzigste Stockwerk. Ab dort würde sich entscheiden, ob er wirklich etwas
auf dem Kasten hatte.
Ein rundes Stahltor, fünf Meter im Durchmesser, kennzeichnete das Ende
vom Sicherheitsbereich Blau. Farbige Streifen an den Betonwänden markierten
die Stufe der vorherrschenden Security. Stumpfes Blau würde bald von giftigem
Rot abgewechselt werden. Hinter diesem Tor, der wie der Schlund eines gigantischen
Tresors wirkte. Die Sicherheitssonde, eine kleine, schwebende Kugeln mit unzähligen
Antennen und Senoren, tastete ihn mit einem dünnen Strahl ab. Dodgers Legitimation
würde hier nicht ausreichen. Er mußte zumindest ein weiteres Paßwort
liefern, und er hoffte daß sein Paßwortgenerator gut genug war für
nur einen Versuch. Ansonsten mußte er sich eine Menge unangenehmer Fragen
gefallen lassen, die er nicht beantworten konnte. Der Suchstrahl erlosch. Unentschlossen
wirkend blieb die Sonde einfach vor ihm hängen.
"Na schön, dann eben auf die harte Tour", fletschte der Doppelgänger
Ladavacs unhörbar zwischen den Zähnen hervor. Dodger griff unter sein
Jacket um sein Kampfprogramm zu starten. Bevor es sich in Form einer Uzi materialisieren
konnte wich die Sicherheitssonde aus. Geräuschvoll griffen Zahnstangen
zu, das massive Tor rollte zur Seite. Vorsichtig zog Dodger seine leere Hand
wieder heraus. Stirnrunzelnd wartete er kurz, bis sich der Betonblock des Durchgangs
gesenkt hatte.
"Es läuft überraschend gut. Zu gut für meinen Geschmack.
Oder Babys Schlüssel ist besser wie wir vermutet haben", schoß
es durch seinen Kopf. Mißtrauisch beäugte ihn der Silberzentauer
auf der anderen Seite.
Joel war reichlich irritiert. Ladavac hatte sich äußerst merkwürdig
benommen. Zuerst der Bericht, den er extra im Eiltempo für ihn angefertigt
hatte und den er dann gar nicht sehen wollte. Außerdem wirkte er irgendwie
verwirrt. Ob er die Sicherheit verständigen sollte? Aber was sollte er
ihnen sagen? Und was wenn er sich täuschte? Joel fuhr es bei diesem Gedanken
in die Magengrube. Solch ein Ausrutscher wäre fatal für seine weitere
Karriere. Dann entgleiste beinahe Joels Gesicht und er blieb mit offenem Mund
stehen. Dean Ladavac selbst kam in Begleitung eines Sicherheitsoffiziers auf
ihn zu. Er konnte nicht anders als sich ihnen in den Weg stellen.
"Herr Ladavac! Ich, ich ..." Hardin kam ins stottern, öffnete
seinen Mund nur noch wie ein Fisch sein Maul auf dem Trockenen.
"Ja?" Ladavacs Blick tötete ihn beinahe.
"Ich, ich habe sie vorhin doch ... !"
"Ich weiß genau was sie sagen wollen. Vergessen sie am besten, daß
sie mich vorhin gesehen haben. Haben sie mich verstanden?" seine Worte
zerdrückten den kleinen Joel fast.
"Kein Wort zu niemandem, daß ihnen das klar ist", machte ihm
der Sicherheitsoffizier unnachgiebig klar, "Diese Sache unterliegt strengster
Geheimhaltung!"
Der entbehrliche Lohnsklave aus der Finanzabteilung versuchte zu verstehen.
Freundschaftlich legte Ladavac plötzlich die Hand auf seine Schulter und
lächelte wie ein Hai:
"Ich habe übrigens ihren Bericht gelesen. Hervorragende Arbeit, machen
sie weiter so."
Dodger folgte dem roten Streifen an der Bunkerwand wie einer blutigen Spur.
Er passierte mehrere Schleusen, die zu Laboratorien und Versuchshallen führten.
Sie dienten meist zur Erforschung und Simulation verschiedener geographischer
und klimatischer Erdzonen. Die Schleuse, vor der er gerade stand, war offen.
Ein wahnsinniges Grün leuchtete daraus hervor.
"He du Freak! Was machst du hier? Das ist mein gottverdammtes Revier!"
Dodger drehte nur seinen Kopf. Das war keine Drohne. Das war ein Mensch.
"Verzeihen Sie. Ich bin legitimiert mich in diesem Bereich ..."
"Stirb!"
7.62mm Geschosse jagten ihm aus einem vollautomatischen "General Purpose"
Maschinengewehr entgegen. Dodger machte einen instinktiven Satz durch die Schleuse.
Der Söldner versuchte roten Alarm zu geben, eine schalldichte Blase um
den ganzen Sektor verhinderte es aber.
"Elender Feigling! Dich bringe ich auch so zur Strecke!"
Dodger rannte durch das Unterholz des tropischen Regenwaldes, blind nach hinten
Deckungsfeuer abgebend. Eine Gruppe Totenkopfäffchen kreischten ihre Warnrufe
hoch oben in den Baumkronen. Der Söldner kam ihm hinterher, im Laufen feuernd.
Dodger bekam einige Streifschüsse ab, die an seinem Schildprogramm nagten.
Er schlug einen Haken nach rechts, weg aus seinem Sichtfeld. Sein Verfolger
riß das Maschingewehr herum, den Finger dauernd am Abzug. Blätter
und Holzsplitter bildeten eine dichte Partikelwolke. Dodger hatte ihn noch nicht
abgeschüttelt. Dann entschied er sich kurzerhand für die "rohe
Gewalt" Tour. Er wirbelte herum und entlud das Magazin seiner Uzi auf den
Kontrahenten, als dieser überrascht um die Ecke bog. Der erwiderte das
Feuer. Sie standen sich in nächster Nähe gegenüber. In Strömen
prasselten die Patronen auf den jeweiligen Schutzschild des anderen, versuchten
ihn zu durchdringen und zu zerstören. Es kam nicht darauf an wer die größere
oder imposantere Knarre hatte. Nur die Software dahinter zählte - und wer
sie benutzte. Hülse um Hülse wurde im monotonen Stakkato ausgeworfen.
Dodger hatte ihn unterschätzt. Sein Schildprogramm würde bald kollabieren
unter der massiven Attacke feindlicher Systembefehle. Er zog sich zurück,
rannte so schnell er konnte in Deckung der Bäume. Er verzichtete darauf,
eine neue Instanz seines Schutzschildes hochzuladen. Er hatte eine andere Idee.
Der Söldner, in blinder Kampfeswut, ging sofort hinterher ... und hatte
ihn verloren!
"Du Scheißkerl!" Sein Kopf zuckte hin und her, konnte ihn aber
nirgends entdecken. "Zeig dich, du mieser Feigling!"
Einer der Bäume richtete eine Uzi direkt auf seinen Hinterkopf. Ein Tarnprogramm,
das Dodger auf die schnelle modifiziert hatte.
"Kannst du haben!"
Das Dauerfeuer fraß sich durch das stark angeschlagene Schutzprogramm
und brachte es zum Absturz. Dann machte es sich an dem Konstrukt des Söldneravatars
zu schaffen, versuchte seinen Benutzer aus dem System zu werfen. Unter der gewaltigen
Waffeneinwirkung platzte dessen Kopf, der User wurde so schlagartig vom Netz
getrennt, daß er einen neuralen Schock erlitt.
"Anfänger!"
"Sir, einer unserer Jungs ist gerade aus dem Stuhl gekippt!"
"Bin ich von Idioten umgeben? Habe ich etwa schon den Befehl zum Angriff
erteilt?"
"Nnnein, Sir!"
"Sie sollen sich gefälligst zurückhalten bis er an der Datei
ist, ist das so schwer zu verstehen?"
Ladavac knirschte mit den Zähnen.
Die zwei menschlichen Wachen standen gelangweilt am Tor zur Sicherheitsstufe
Schwarz, während Sonden die ankommenden Zivilisten scannten.
"Als ob die Zentauren nicht reichen würden. Ich würde lieber
Jagd auf richtige Hacker machen als nur hier so dumm rumzustehen."
Eine Gruppe von drei Professoren wurde für legitim befunden und durchgewunken.
" 'Wenn sie etwas auffälliges sehen melden sie es sofort' ",
äffte der andere Wachmann seinen Sicherheitschef nach.
Einer der Professoren grinste heimlich in sich hinein. Sein legitimer Benutzer
mußte sich gerade etwas von der Begegnung mit einem grünen Ork erholen.
***
Ein kleines, strahlendes Licht senkte sich von der Kuppel herab.
"Professor Masubuchi, kann ich ihnen helfen?"
Chris "Dodger" Jamestown beäugte interessiert den Assistenten.
Es war eine schöne, kleine, fast nackte Fee. Jetzt wußte er endlich
was hochrangige Schlipse so in ihrer Freizeit trieben.
"Hmmm, ja. Ich brauche Zugriff zum aktuellen Sourcecode des Projektes VL."
Die Fee schwirrte aufgeregt um ihn herum und setzte sich kokett auf seine Schulter,
um ihn etwas ins Ohr zu flüstern. Dodger mußte lächeln. Dann
flatterte sie davon um ihm den Weg zu zeigen.
"He Kleine, hast du heute abend schon was vor?"
Das Dateiarchiv war wieder in antik griechischer Architektur gehalten. Er schritt
endlose Säulenreihen korinthischen Baustils entlang, in den Wandnischen
häuften sich Pergamentrollen. Sie erreichten schließlich einen Schrein,
den die Fee umkreiste. Dodger startete ein Analyseprogramm nach eventuellen
Gefahren hin. Dann öffnete er behutsam die Torflügel. Die Viper zischte
gereizt. Die etwa ein Meter große Schlange beschütze die Schriftrolle
in dem Schrein, bereit, sich und die ganze Datei bei unbefugem Zugriff zu löschen.
Sie wandte sich enger um das Pergament, der breite, dreieckige Kopf richtete
sich gefährlich auf ihn. Ein Paar langer, hohler Giftzähne klappte
hervor. Um an die Datei heranzukommen mußte er das Viperprogramm dechiffrieren.
Langsam und ganz vorsichtig führte er seine Hand an die Stelle hinter ihren
Kopf und packte zu. Sie zappelte mit ganzer Kraft und versuchte seinem Griff
zu entkommen. Dodger bewunderte die schöne Reinheit des Codes. Kein unnützes
Bit, kein überflüssiger Gencode. Das war das Werk eines echten Hackers
gewesen. Schade nur, daß er keine Zeit für so etwas hatte. Der Griff
der Viper erschlaffte und gab die Datei frei. Er schleuderte sie davon wobei
sie sich spurlos auflöste. Dodgers Augen weiteten sich. Er öffnete
die Papyrusrolle und startete den Download. VL V1.0
Es war bei genau 20% als das Klackern der Spinnenbeine begann. Das Geräusch
kreiste ihn von allen Seiten ein. In diesem Moment wußte Dodger genau,
daß er hätte eigentlich aufgeben sollen. Daß er sich hätte
ausklinken sollen um seinen Arsch zu retten. Aber er konnte nicht. Das war sein
großer Coup, sein großer Hack. In diesem Moment hängte er an
dieser Datei mehr wie an seinem Leben. Diese Tat würde in die Annalen seiner
Zunft eingehen. Und er wollte Lora nicht enttäuschen, mußte an ihre
flehenden, rehbraunen Augen denken. Reste von Carrara-Marmor spritzten vor seinen
Füßen in einem Zick-Zack Muster weg. Dodger brachte sich hinter einer
Säule in Deckung. Er ließ seine nutzlose Verkleidung fallen und wurde
wieder zum Kampfork. Mit zwei altertümlichen Colt Walker Revolvern sprang
er dann hervor und nahm zuerst die Suchsonden aufs Korn. Zwei konnte er im Lauf
herunterholen bis er bei der nächsten Säule war. Eine weitere erwischte
er während er kurz hervorlukte. Damit waren ihre Sensorfähigkeiten
für kurze Zeit eingeschränkt. Er warf die beiden Walker weg um sein
Duplikationsprogramm zu starten. Aus einem Ork wurde eine ganze Horde. Sechs
identische Kopien, Spiegelbilder seiner selbst. Eines davon wurde gleich unscharf
und verschwand, weil er es nicht mehr halten konnte. Dann warf sich die Horde
in die Schlacht. Die Zentauren waren verwirrt ohne die Sonden und schossen blind
auf die Doppelgänger, die, obwohl sie keinen Schaden anrichteten, das ganze
Feuer auf sich zogen. Mit einem AK-98 Sturmgewehr versuchte Dodger gezielte
Kopfschüsse zu verteilen. Einer der Silbermänner schrie in einer unverständlichen
Sprache auf als eine Art Cytoplasma aus seiner Schädeldecke spritzte. Er
klappte um und rollte sich wie ein Insekt auf seinem Rücken zusammen während
die Beine noch wild zuckten. Der nächste nahm mehrere Treffer im Brustbereich
hin bevor er zusammenbrach. Eine volle Ladung hüllenloser Munition prasselte
plötzlich aus einem toten Winkel auf Dodger ein. Sein Schildprogramm war
bis auf ein Drittel runter. Mit einer Rolle hinter den Schrein rettete er sich
noch. 45%
"Was ist mit ihm?" schrie Lora. Chris Körper krampfte sich verzweifelt
am Stuhl fest. Eric gab keine Antwort. Er war diesen Anblick schon gewohnt.
Mit einer Hand drückte er die Plastikstreifen der Jalousie etwas herunter
um die einkaufende Menschenmenge draußen nach Auffälligkeiten hin
zu beobachten.
Dodger reinitialisierte drei der verlorengegangenen Orks. Die Texturen zogen
sich über ihr Knochenmodell, dann waren sie wieder kampfbereit. Er wartete,
bis sein Schild neu geladen war. Einer der Orks grunzte als sich seine Reste
über den Boden verteilten. Der Hacker sprang auf. Neue Suchsonden waren
angekommen, die er sofort unter Beschuß nahm.
Dodger war ein Antigen, eine Krankheit, ein Bakterium, daß sich in sein
Immunsystem eingeschleust hatte. "Der Doktor" war früher selbst
ein Datencowboy gewesen, bevor er Sicherheitsspezialist für Nokia wurde.
Mit einer Geste entließ er einen Schwall kleiner, roter, komplexer Sterne,
die sich über den ganzen Raum austeilten. Antikörper. Sie suchten
alles nach Oberflächen ab, an die sie sich anheften konnten. Eines schwirrte
zwischen den Beinen eines Zentauren hindurch, ließ sich bis an die hohe
Decke treiben und dann langsam herunterfallen. Einer der Orks schlug danach,
wie wenn es eine lästige Mücke wäre. Der Antikörper trudelte
etwas in dem Luftwirbel bevor es sich auf seinen Rücken klebte. Das Gefühl
was es verursachte war brennend, und der Ork versuchte jaulend nach hinten zu
greifen um es wegzumachen. Die Killerdrohnen hatten nun ein klares Ziel und
eliminierten Dodgers tapferen Soldaten mit wenigen Schüssen. Alle Duplikate
waren in Bruchteilen von Sekunden ausradiert. Dodger konnte sich wieder verstecken.
Ein Antikörper fand trotzdem seinen Weg und heftete sich an sein Bein.
Es war unmöglich das Ding herauszuziehen. Dodger analysierte es kurz. Der
Doktor versuchte sich zwischen den Kampfdrohnen zu verbergen. Chris hatte trotzdem
die Gelegenheit ihn von seiner Position aus hinreichend zu scannen. Ein Zentauer
stapfte nun genau auf seine Position zu, da er jetzt wußte wo er zu suchen
hatte. Der Ork verlor plötzlich an Hautfarbe, aus der Fellkleidung wurde
ein Laborkittel. Dodger morphte nun in die Form des Doktors. Der Spinnenzentauer
kam um die Ecke und richtete seine Minigun auf ihn, war aber zu verwirrt um
abzudrücken. Der Antikörper haftete noch an dem Bein und nahm die
Veränderung war, die er sofort seinen ganzen Brüdern und Schwestern
mitteilte, die wie eine dichte Wolke noch im Raum hingen. Der Hacker reagierte
nun blitzschnell und zückte ein Skalpell, mit dem er die Silberspinne ansprang.
Die umprogrammierten Antikörper hatten nun ein neues Ziel. Der Doktor begriff
zu spät was geschah, rote Partikel stürzten sich von allen Seiten
auf ihn. Die Kampfdrohnen wendeten sich nun ihrem neuen Gegner zu, sein Schrei
wurde nur beinahe von den Maschinengewehren übertönt. Mit ihrem Besitzer
verschwanden auch die Antikörper. Der Voodootanz von Dodgers Skalpell verursachte
indessen kaum sichtbare Schnitte. Sich im Kreis hektisch drehend suchte die
Silberspinne, bis sie Chris wieder im Visier hatte, der sich gerade zurückmorphte.
Der Zentauer grinste. Nur für einen kurzen Moment. Dünne Fäden
von Plasma traten aus den Wunden hervor, als Arme, Beine und der Oberkörper
schräg auseinanderglitten und die Drohne in ihre Einzeteile zerfiel, die
stumm auf den Carrara-Marmor klatschten. 70%
"Sir, darf ich offen sprechen?"
"Wenn es sein muß."
"Sir, die Lage gerät langsam außer Kontrolle. Einem unserer
besten Hacker wurde gerade sein Hirn getoastet, wenn ich es einmal so ausdrücken
darf. Die Ausmassen des Verlustes für unseren Konzern sind nicht auszudenken,
wenn das Projekt in die Hände der Konkurrenz fallen sollte. Ich empfehle
dringendst den ganzen Mainframe sofort herunterzufahren, Sir!"
"Nun machen sie sich nicht in die Hose, man! Dann war ihr sogenannter Hacker
eben nicht gut genug. Ich nenne so etwas 'natürliche Auslese'. Ich versichere
ihnen, daß alles unter Kontrolle ist."
"Ja, Sir, natürlich, Sir!"
"Schicken sie ihre besten Männer rein. Ich will sehen wie sie sich
schlagen."
"Sir, ich verstehe sie nicht ganz?"
"Sie müssen nicht verstehen, tun sie es einfach!"
Mein Herz schlägt wie wild. Pumpt nun die letzten 5 Minuten unter Vollast.
Lange kann ich es nicht mehr so aushalten, muß mir Zeit verschaffen. Zeit,
Zeit ist alles was ich brauche. Noch achtundzwanzig Prozent. Ich zähle
jedes einzelne Byte davon. Die scheiß Drohnen habe ich soweit alle abgewehrt.
Aber es ist noch nicht vorbei. Der alte Finne läßt mich nicht so
einfach ziehen. Nicht so einfach. Wen schicken sie mir jetzt, ein Mädchen?
Hält sich wohl für Miss Sexy, wen will sie damit beeindrucken? Ähnelt
eher einer verunglückten Kreuzung aus Las Vegas Showgirl und einer Domina.
Und was für niedliche Schoßtiere sie dabei hat. Scheiße, Tracer!
Sehen aus wie Libellen, verdammt große Libellen! Ich schlage nach ihnen
um sie loszuwerden, aber sie weichen geschickt aus. So halte ich sie mir wenigstens
vom Leib, gewinne Zeit. Noch dreiundzwanzig Prozent. Miss Sexy lacht wie irre
und erschafft immer mehr dieser Viecher. Sie werden ständig frecher, einige
fallen jetzt tot zu Boden, getroffen von meiner Axt, aber ich gerate immer mehr
ins hintertreffen. Sie umkreisen mich, ihr gesurre macht mich noch ganz verrückt!
Zweiundzwanzig Prozent. Eine hat mich jetzt gebissen, jetzt die zweite. Ich
laufe weg. Es sind so viele, daß sie meinen ganzen Körper bedecken.
Es brennt wie Feuer, überall. Ich falle, komme hart auf. Sie beißen
und stechen unablässig. Aber das ist nicht das schlimmste. Die Tracer machen
sich nun auf meine Spur zu verfolgen. Meinen Weg ins Netz. Wollen wissen von
wo ich reingekommen bin. Ich spüre förmlich wie sie über den
Datenstrom auf mich zukommen. Rasen durch San Diego auf direktem Kurs zur Satellitenstation.
Schießen rauf durch die Troposphäre. Ich starte das Umleitungsprogramm.
Einundzwanzig Prozent. Sind nun beim Satellit, kommen runter. Ich kann sie nicht
erfassen. Zwanzig komma fünf Prozent. Der Server, meine Rettung. Hier kommen
sie nicht durch. Zwanzig komma zwei fünf. Sie schiessen einfach hindurch,
immer noch mit direktem Kurs auf mich. Das kann nicht sein! Zwanzig. Sie haben
mich! Carfield, Kaufhaus, 2ter Stock, Anschluß 168. Ich bin geliefert,
ich schaffe das nicht mehr! Neunzehn komma neun fünf. Junge, klink dich
aus, jetzt! Sie wollen mich nicht nur rausschmeißen. Neunzehn komma neun
drei. Nein, sie wollen mein Gehirn rösten. Neunzehn komma neun zwei fünf.
Ich fühle wie sich das bioelektrische Feedback aufbaut. Neunzehn komma
neun zwei drei. Versuche meine rechte Hand hochzureißen, der Muskel krampft.
Komma neun zwei zwei. Der Schmerz setzt ein. Komma neun zwei eins. Lora! Neun
zwei null. Stille.
"Eric, sie bringen ihn um! Tu doch was!" bettelte Lora mit erstickter
Stimme. Aber Eric konnte nichts tun. Chris hatte es ihm ausdrücklich verboten.
Blut lief ihm aus Nase und Ohren.
Die Libellen fielen tot von ihm ab. Das Las Vegas Girl lachte. Aber nur für
einen kurzen Moment. Der Ork richtete sich, schwer verletzt, wieder auf. Das
Umleitungsprogramm hatte eingesetzt.
"Hurensohn, bist du immer noch nicht tot?"
Sie zog ein Messer aus ihrem Stiefelschaft und ging auf ihn los. Mit seiner
linken Hand fing er das Messer ab, mit seiner rechten packte er sie am Hals.
Plötzlich wußte sie, daß über seine Haut etwas in sie
eindrang. Das Retrovirus überwand ihre Schutzbarriere, suchte ihren Gencode.
Aus seinem Kopf pumpte es seine RNA in sie hinein, Programmenzyme schrieben
es in Desoxyribonucleinsäure um. Dodger ließ sie los, ging auf sicheren
Abstand.
"Ich erwische dich noch, Grünhaut!"
Dann brachen sich die Viren gewaltsam Bahn. Wie Geschosse fetzten sie aus ihr
heraus, hunderte von Abkömmlingen, und verloren sich im leeren Raum. Noch
10%.
Eine neue Welle von frisch initialisierten Kampfdrohnen und Suchsonden rückte
heran. Noch 5%. Auch Söldner waren darunter. Dodger glaubte einen Cyborg
mit Babys Gesicht zu erkennen. Noch 3%. Die Spinnen gingen in Stellung, richteten
ihre Miniguns auf ihn. 2%. Sie eröffneten das Feuer. Der Kugelhagel prasselte
auf ihn ein. 1%. Der Schutzschild gab nach und kollabierte. 0%. Er klinkte sich
aus.
Chris preßte die Augen zusammen und atmete tief durch. Er hatte es geschafft!
Er hatte es tatsächlich geschafft! Er öffnete die Augen.
"He, wie geht es dir?" fragte Lora.
"Gut", Dodger grinste, "wirklich gut."
Er sah Eric lächeln, zum zweiten mal in seinem Leben.
"He Eric, machst du mich von diesem beschissenen Stuhl los?"
"Natürlich."
Eric ging zum Stuhl um die Klettverschlüsse zu öffnen. Erst den Armriemen,
dann die Fußriemen. Da wußte er, daß er durch seine Nachlässigkeit
einen fatalen Fehler begangen hatte. Dodger sah noch wie sie die Waffe zog.
"NEIN!"
Erics Gehirn verteilte sich über den Tisch und den Fuchi Hurricane SIX.
Epilog
"Ich gratuliere ihnen. Ich muß zugeben, sie haben meine kühnsten
Erwartungen übertroffen."
Dean Ladavac lehnte sich lässig hinter seinem ausladenden Schreibtisch
zurück. Aus diesem Stockwerk hatte man durch die gepanzerte Glasfassade
einen Blick über die ganze City.
"Tut mir leid, ich weiß nicht wovon sie sprechen."
Dodger hatte keine Ahnung wie er hierher gekommen ist. Das letzte an was er
sich erinnerte war Eric. Dean zeigte sein Haigebiß.
"Nun tun sie nicht so, Mister Jamestown. Wir wissen schon seit einiger
Zeit von ihrem Interesse an Projekt VL. Um ehrlich zu sein, sie sind nicht der
erste, der sich daran versucht hatte. Aber noch keiner ist so weit gekommen
wie sie, Mister Jamestown. Wie gesagt, ich bin überaus beeindruckt."
Ladavac setzte eine freundliche Geschäftsmimik auf. Für Dodgers Geschmack
eine Spur zu freundlich. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte
sie ihm aus seiner Visage geprügelt.
"Ich kann das natürlich verstehen. Auf jemanden wie sie, der so technikbegeistert
ist, muß unser kleines Programm wie ein Magnet wirken."
"Einen Dreck verstehen sie!"
Sein Mundwinkel zuckte einen Augenblick lang unkontrolliert. Für einen
kurzen Moment schien es, als ob Ladavac seine Fassung verlieren würde.
Dann hatte er sich wieder gefangen und überging den Kommentar, als ob Dodger
nie ein Wort gesagt hätte.
"Die Erschaffung einer perfekten künstlichen Realität war das
Ziel unserer Firma, seit wir begonnen haben mit biokybernetischen Interfaces
zu experimentieren. Der Übergang von der Virtual Reality zum Real Life."
"Virtual Life."
"Eine großartige Vision, nicht wahr. In Kürze wird es nicht
mehr nötig sein, daß wir uns in Fleisch und Blut hier gegenüberstehen.
Virtual Life wird ein Dienst an der Menschheit werden. Vorbei die Zeit der Ungleichheit,
der Ungerechtigkeit. Es wird keine Behinderungen, keinen Rassismus, kein Leiden
mehr geben. Weg mit diesen störenden zwischenmenschlichen Problemen, den
Sorgen. Jeder kann nun leben wie er will, in Freiheit."
Seine kleine Rede hatte Leidenschaft. Die kalte Leidenschaft einer eingeübten
Rede ohne Überzeugung.
"Sagen sie mir, was sie von mir wollen."
"Natürlich." Wenn man genau hinblickte konnte man fast sehen,
wie sich sein Killerinstinkt einschaltete. "Ich bin befugt ihnen ein geschäftliches
Angebot zu unterbreiten, daß sie sicher interessieren wird."
"Mit ihnen mache ich keine Geschäfte."
"Mister Jamestown, ich verliere langsam meine Geduld mit ihnen. Ich glaube
sie sind sich über ihre Position nicht ganz im klaren."
"Ach nein? Ich sag ihnen was. Ich werde sie verklagen von hier bis Chiba
City. Ich drehe ihnen einen Mord an."
Ladavac blickte ihn an wie einen dummen, ungehörigen Schüler, der
einfach nicht verstehen wollte. Einen Schüler, der seit langem eine ordentliche
Tracht Prügel verdient hatte, wenn es nach ihm ging.
"Mister Jamestown, wir haben sie in flagranti ertappt, wenn ich es einmal
so sagen darf. Wir haben die Beweise für Planung und Durchführung
ihrer Tat. Rechtlich gesehen haben sie sich auf unserem Hoheitsgebiet befunden,
als sie sich Besitz von Nokia Bio-Cybernetic Networking aneignen wollten, das,
wenn ich so ehrlich sein darf, nicht mal den Speicherplatz wert war, auf dem
es sich befand. Nun, damit fallen sie unter unsere Gerichtsbarkeit." Ladavac
genoß förmlich jedes einzelne Wort. Dann warf er einen Stapel großformatiger
Fotoabzüge auf den Tisch. "Damit sind wir berechtigt sie solange festzuhalten,
bis weiter über sie entschieden wird. Leider haben sie sich dem Zugriff
einer unserer Agenten wiedersetzt."
Dodger sah sich die Fotos an. Zwei Leichen, aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen.
Eric, wie er auf dem Bauch in einer Blutlache lag. Daneben er.
"Das können sie nicht machen!"
"Wir können noch viel mehr machen, Mister Jamestown, seien sie dessen
versichert. Ich glaube nun sind sie bereit, sich mein Angebot anzuhören,
daß sie nicht ausschlagen werden können. Setzen sie sich doch!"
Dodger mußte sich tatsächlich setzen. Ungläubig blätterte
er weiter durch die Fotos.
"Durch ihre Fähigkeiten haben sie sich für unser neues, spezielles
Projekt qualifiziert."
"Was muß ich tun?"
Ladavac grinste. Er wußte wann er gewonnen hatte.
"Das, was sie bisher auch immer getan haben. Nur das sie jetzt für
uns arbeiten."
"Und warum glauben sie, daß ich für sie arbeiten will, abgesehen
von dem hier?" Verächtlich hielt er die Bilder hoch.
"Sie werden mit unserer neuesten VL Hard- und Software ausgestattet. Ein
ganzes Wissenschaftlerteam wird zu ihrer Verfügung stehen für die
Weiterentwicklung und persönliche Anpassung. Kein Wunsch wird ihnen offen
bleiben, sollte das nicht reichen. Wie wäre es mit Geld, Autos, Frauen?
Nun, was sagen sie dazu?"
"Hmmm, das klingt wirklich verlockend. Außerdem scheine ich ja keine
große Wahl zu haben."
Ladavac lächelte wie nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluß.
"Ich sehe, wir verstehen uns."
"Wann werde ich anfangen?"
"Sie sind schon dabei. Unser Wissenschaftsteam wird sie dann in alles einführen.
Ich heiße sie bei Nokia Networking willkommen."
Ehe es Dodger merkte schüttelte der Hai seine Hand und begleitete ihn nach
draußen.
"Ach übrigens, die Bilder sind hervorragend gefälscht. Ich konnte
keinen Fehler darauf entdecken."
"Wie kommen sie darauf, daß sie gefälscht seien?"
Dodger sah ihn verwirrt an. Der Hai grinste.
"Seien sie froh, daß sie nicht auf ihren Kopf geschossen hat."
Ladavac lachte über seinen kleinen Scherz. Dodger war plötzlich müde,
seine Augen fühlten sich furchtbar überanstrengt an. Für einen
Augenblick glaubte er, daß ein Teil der Wand dort hinten schwarzgrau geflackert
hätte. Dean öffnete ihm freundlich die Tür.
"Da habe ich ja wirklich Glück gehabt. Mein Kopf ist schließlich
das wichtigste."
"Natürlich. Ach, haben sie eigentlich gewußt wie lange ein Gehirn
in einer Nährlösung alleine überlebensfähig ist? Über
sechzig Jahre, wirklich erstaunlich."
Dean verabschiedete ihn.
"Dann wünsche ich noch viel Vergnügen bei ihrem Aufenthalt im
Virtual Life!"
VL (c) 2001 by U.Weiler
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